Tag 1246 – Strategie, Plan, Vorschrift, hui.

Ich ackere mich tapfer durch meine tausend Vorschriften. Dazu hatte ich heute noch zwei Meetings mit jeweils einer meiner insgesamt vier Chefinnen.

Im ersten ging es um die Struktur, Organisation und Strategie der Behörde und ich erfuhr noch mal genaueres über die Umstrukturierung, die letztes Jahr stattgefunden hat. Das Meeting war sehr nützlich, weil ich jetzt verstehe, welche Absicht hinter der Organisationsstruktur steckt. Das nimmt der (weiterhin vorhandenen) Unübersichtlichkeit ein wenig den Schrecken und ich sehe nun, dass das gut sein kann, wenn es auch in allen Köpfen angekommen ist.

Das zweite Meeting war mit der Chefin, die für mein lag die Verantwortung hat. Auch das sehr gut, es ging um „was macht unsere Einheit, unser lag, deine Kollegen…“. Nach dem Gespräch verstehe ich nun ein paar der Zusammenhänge besser und weiß nun, mit welcher Chefin ich was besprechen kann. Das mit der Gleitzeit nämlich zum Beispiel nicht mit dieser Chefin sondern mit der, die für mich die Personalverantwortung trägt. Das hat sich aber schon gestern geklärt, alles gut sozusagen, die Gleitzeittage werden nur „verbraucht“, wenn ich nicht die volle Kernarbeitszeit da bin und das wird wohl tatsächlich eher selten so sein. Das war ein Missverständnis, dem ich da aufsaß. Heute bin ich dann auch direkt mal ne viertel Stunde eher gegangen, weil die Züge immer zu spät sind und das blöd ist. Diese meiner Chefinnen ist übrigens sehr froh, dass ich da bin, genau ich, jung und anders und modern. Das ist mal schön, das nach hundert mal „bist du QP???“ zu hören.

Die Züge sind immer zu spät und da bröckelt die Planung etwas. Ich hab da noch nicht fertig drüber nachgedacht. Ich hoffe einfach, dass es irgendeine Baustelle oder so irgendwo vor Oslo ist, die grad auf der Strecke für Verzögerungen sorgt, aber sonst die Züge wenigstens einigermaßen pünktlich fahren. Haha, ja, ich bin noch so Pendel-naiv.

Bisher ist das Pendeln noch ganz ok. Ich lese morgens im Zug, Blogs oder ein Buch oder ich höre Podcasts. Nachmittags muss ich meistens bis zum Flughafen stehen und dann höre ich Podcasts oder Musik. Das frühe Aufstehen schlaucht mich aber sehr, hoffentlich gewöhne ich mich da noch dran.

Die neue Putzhilfe schickt versehentlich Textnachrichten mit „Chcesz cos ze sklepu“ an mich (Google Translate sagt sowas wie „Brauchst du noch was aus dem Laden“), sie putzt super, faltet Waschlappen und Putzlappen ganz akkurat und hat, weil das Bettzeug und die gewaschenen Bezüge da noch oben drauf lagen, einfach das Gästebett bezogen. Und die Spülmaschine ausgeräumt. Ich bin schwer beeindruckt. Und froh. Vor allem froh.

Morgen wird ein Einkauf geliefert. Da bin ich sehr gespannt drauf. Ich möchte den Lieferanten gern treffen und fragen, ob es ne Möglichkeit gibt, die 8 (!) Plastiktüten in Zukunft zu umgehen. Dann müssen wir nur noch zum Vinmonopolet und zum Meny (für Brot) und doch noch mal in den Supermarkt, weil unser Waschmittel wohl nicht mehr fürs Wochenende reicht.

Nächste Woche werde ich meinen Führerschein eintauschen. Erst gegen einen vorläufigen und dann gegen einen norwegischen Führerschein. Denn im EWR sind Führerscheine aus anderen EWR-Staaten zwar unbegrenzt gültig, aber ein deutscher Führerschein ist hier kein Ausweis und ich will echt nicht immer meinen Pass zur Post mitschleppen müssen, um ein Paket abzuholen. Außerdem stelle ich es mir einfacher vor, zum Beispiel Autos zu mieten, wenn man einen Führerschein hat, mit dem die Leute hier vertraut sind. Jedenfalls musste ich für diesen Führerschein noch einen Sehtest machen, damit nun auf dem Führerschein vermerkt werden kann, dass ich eine Sehhilfe benötige und nutze und die Sehhilfe auch zur Kurzsichtigkeit passt. Michel und Pippi haben also heute gesehen, wie so ein Sehtest abläuft. Michel hat auch nur ganz am Anfang Buchstaben gespoilert, dann hab ich gesagt, dass er das in seinem Kopf machen soll und nicht laut sagen. Als wir dann aus dem Raum gingen, sagte er „Ne, Mama? Da stand F G O R P. Fgorp. Was ist das für ein Wort?“ Michel kann schon echt viel lesen und liest nun halt alles vor, was er sieht. Und er sagt, er liest gerne, das freut mich ganz außerordentlich, ein Kind das gar nicht lesen mag wäre mir irgendwie fremd.

Pippi hat heute einen Ausflug gemacht. Das machen aus ihrer Gruppe jeden Donnerstag ein paar Kinder. Nach dem ersten Ausflug kam sie freudestrahlend an und sagte, sie seien in der „Apothek!“ gewesen, das kam mir unwahrscheinlich vor. Heute waren sie jedenfalls in der „Biblothek!“, das erscheint mir auch als ein besseres Ausflugsziel. Apotheke wär jetzt irgendwie zu sehr „ganz die Mama“. Apotheken inspiziert die Behörde nämlich auch.

Ebenfalls gelernt: wir als Inspektøre können jederzeit und unangemeldet Inspektionen durchführen. Selbst in Privatwohnungen, da könnte man zum Beispiel die korrekte Lagerung überprüfen. Jetzt stelle ich mir vor, wie tierisch beliebt man sich wohl macht, wenn man bei Freunden erst mal den Medizinschank aufreißt um dann Tenperatur, Luftfeuchtigkeit und die nicht-Vorhandenheit eines rollierenden Warenmanagements zu bemängeln. „Report kommt in spätestens 30 Tagen!“

Ich sehe eine glorreiche Zukunft als Partypooper auf mich zukommen.

9 Gedanken zu “Tag 1246 – Strategie, Plan, Vorschrift, hui.

  1. Tulikki schreibt:

    Ich bin mal ein Jahr lang richtig weit gependelt (15 min mit dem Rad zum Bahnhof, 90 Minuten mit dem Zug, 15 Minuten U-Bahn, also one way ca. 3 Stunden). Damals habe ich mir geschworen, mir das NIE WIEDER anzutun. Im Sommer gings, ich habe sehr viel gelesen und noch mehr im Zug geschlafen (allerdings erreichte ich den Tiefschlaf meist erst am Zielbahnhof ;). Im Zug traf ich Leute, die von noch weiter her pendelten (30 min Zug 1 + 90 Minuten Zug 2 plus evtl. U-Bahn), weil sie eben in ihrem Kaff ein Haus haben. Und manche pendelten seit ZEHN (sick! sic!) Jahren. Was nützt dann das Haus, wenn man eh nur zum schlafen daheim ist?!

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      • Tulikki schreibt:

        Eine Stunde geht grad noch so, but there’s nothing like working from home (allein schon die wegfallende “was-nehm-ich bloß-zum Essen-mit“-Logistik). Am besten finde ich, wenn man mindestens 25 Minuten hat, bevor man aus- oder umsteigt. So kann man eine “Zeiteinheit“ lesen oder Podcast etc. hören, ohne wegen Umsteigen unterbrechen zu müssen. Was auch gut ist, wenn man entgegen dem Verkehr fährt, also z. B. am Stadtrand arbeitet, während alle anderen in die Stadt fahren (sicherer Sitzplatz).

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  2. Inke schreibt:

    Meine Zweijährige forderte vor Kurzem konsequent ein, dass wir „på apotheket“ gehen sollen, kriegte dann aber Anfälle, weil da weder ein ausrangierter Bücherbus noch Bücher zu finden waren. Habe daraus geschlossen, dass sie på bibliotheket meint.

    Grüße von einer Provinzpendlerin und der dänischen Grenze, hier geht nur Auto, wenn man nicht fast die doppelte Zeit brauchen will.

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  3. Sunni schreibt:

    Das klingt alles richtig gut, bis auf das Pendeln. Und ein Kind, das aufpasst, ob man richtig liest, ist gut zu „verwenden“. Ups, vor der Kontrolle hätte ich auch etwas Bange, muss mal gleich den Medi-Vorrat sortieren….GlG Sunni

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  4. Croco schreibt:

    freue mich vor allem über den leten Satz.
    Es gab im vergangenen Jahr kein Blog, was eigentlich immer so frustriert klang wie Ihres. Da hat sich plötzlich was total geändert und ich freue mich.
    LG

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  5. Renate Reinbold schreibt:

    Ach du Schande: Da fällt mir gerade siedendheiß ein, dass der Inhalt meines Erst-Hilfe-Kastens im Auto schon seit vielen Jahren äh, nein, natürlich nur Tagen abgelaufen sein dürfte. Ich hoffe, Du kommst nie nach Freiburg, um die Autos zu überprüfen. Wobei ich auf Deinen Bericht gespannt wäre.

    Ich lese Deinen Blog seit langer Zeit und habe mit dir gezittert und mitgelitten. Es ist toll, dass sich jetzt wohl alles zum Positiven geändert hat.

    Liebe Grüße
    Renate

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  6. Im Gegensatz zu Ärzten, denen auf Parties schon mal der eine oder andere Hautausschlag gezeigt wird, ist es bei Dir aber eher unwahrscheinlich, dass Dir jemand sein Medizinschränkchen zeigt mit „Ich habe da ein Problem, kannst Du mal gucken?“ 😂.
    Alles in allem hört sich der Start wirklich gut an. Ich drücke Dir die Daumen, dass es so bleibt. Und freue mich schon auf erste Berichte von Inspektionen!

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Ich freue mich über jeden Kommentar, außer er ist blöd, dann nicht. Außerdem ist jetzt wohl der richtige Zeitpunkt, um Ihnen mitzuteilen, dass WordPress bei jedem Kommentar eine mail an mich schickt, in der die Mailadresse, die Sie angegeben haben und auch ihre IP-Adresse stehen. Müssen Sie halt selbst wissen, ob Sie mir vertrauen, dass ich diese mails von meinen Devices alle sofort lösche, und ob Sie damit leben können, dass WordPress diese Daten auch speichert (damit Sie nämlich beim nächsten Mal hier einfacher kommentieren können).

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