Tag 1623 – „Ich muss Ihnen leider sagen, dass sie damit übergewichtig sind.“

Das ist nun zugegebenermaßen auch schon ein bisschen her. Genau genommen etwa fünf Jahre, da war ich nämlich schwanger mit Pippi. Anlass dieses Satzes war mein Gewicht im Verhältnis zu meiner Körpergröße und ich hatte damals nur ein müdes Achselzucken dafür übrig. Heute würde ich an die Decke gehen. Weil, nein. MUSS man gar nicht sagen. KANN man vielleicht auch einfach mal den Menschen angucken. KÖNNTE MAN! Macht man aber nicht, weil es so viel einfacher ist, Gewicht durch Körpergröße zum Quadrat und fertig, dann noch willkürlich irgendwelche hanebüchenen Grenzen setzen, wo das ominöse „zu fett“ anfängt und dann darf jeder Hinz und Kunz quasi verweigern, mit einer vernünftig zu reden, bevor man abgenommen hat.

Neulich ging ein „netter“ BMI-Rechner in meiner Timeline rum. Nett, weil der das Alter mit einbezieht, wenn es drum geht, auszurechnen, auf welche Art man falsch ist. Ich daddelte den aus Interesse auch einmal durch und freute mich, dass ich in 7 Wochen auf magische Weise ein extra Kilo geschenkt kriege, das ich noch haben darf, bevor mir wieder ein Arzt einen Satz wie im Titel an den Kopf knallen darf. Dabei könnte man es ja auch einfach lassen! Einfach ganz weg gehen von „Du wiegst x Kilo und bist y cm lang, OHHHHH SO GEHT DAS ABER NICHT!!!“ Könnte man, es wäre nun wirklich nicht so schwer! Man könnte zum Beispiel erst mal fragen, ob sich die Person fit und gut fühlt. Und, Spoiler, wenn die Antwort darauf Ja ist, BRAUCHT MAN EINFACH GAR NICHT MEHR NACHFRAGEN! Fertig.

Aber ich rege mich sinnlos auf. Ich veranschauliche das mal an einem ganz konkreten Beispiel. Ich kann leider nicht aus eigener Erfahrung vom fit dick sein berichten, da müssen sie anderswo nachlesen aber dafür kann ich ein Lied, ach was, einen ganzen Liederzyklus davon singen, wie es ist, unfit schlank zu sein (als ich nämlich krank war) und auch wie es ist, schwere Knochen zu haben wenn man fit, schlank und schwer ist, weil man eine signifikante Menge Muskelgewebe besitzt.

Gestern war ich nämlich bei der Helsestasjon und da ist eine Waage. Wie immer. Und weil ich auch ein Kind von 1985 und im Schlankheitswahneuropa groß geworden bin, weil ich weiß was die Duchess of Cambridge wiegt aber nicht, was sie studiert hat (hat sie studiert? Hat sie da nicht ihren Mann kennengelernt?), stieg ich drauf. Haha, Opfer. Wer darüber steht, so richtig von ganzem Herzen, der werfe die erste Coke Zero. Jedenfalls, ich wiege also 69,8 kg. Bei einer Größe von 169 cm und dem Arsch-BMI-Rechner, der bei mir der erste Google-Treffer ist, kommt da raus…

Aber Moment! Bis BMI 25 ist doch Normal und 69,8 kg ist eindeutig unter 70 kg! Tja, man kann sein Gewicht da nur in ganzen Zahlen angeben und offenbar hat das Ding eiskalt den BMI aufgerundet um mich dick zu nennen mir ein schlechtes Gewichts-Gewissen zu machen.

Und dann war ich sauer. Ich gab die Größe ein, die in meinem Personalausweis steht.

It’s magic.

Ich gab das Gewicht an, wenn ich 500g für Klamotten abziehe (dann natürlich abgerundet, it’s magic!!!).

Und aus Witz gab ich auch mal das Gewicht ein, das ich hatte, als meine Schilddrüse eskalierte und ich bei ca. 2500 kcal Zufuhr am Tag (grob geschätzt, aber mindestens eine extra Mahlzeit am Tag und viel zwischendurch) immer weiter abnahm.

Da guckten aus mir überall Knochen raus und wenn ich auf dem Boden saß, kam ich nicht aus der Kraft meiner Beine hoch, sondern musste mich abstützen oder hochziehen. Ich fühlte mich wie eine alte Oma. (Sorry, Omi.) Einmal fing ich auf dem Rückweg vom Tanzen an zu weinen, weil ich einfach nicht gekonnt hatte, was die Trainerin vormachte, ich konnte nicht springen und keinerlei Bodenarbeit machen, weil ich da lag wie ein Krebs auf dem Rücken. War ne super Zeit. Nicht.

Insofern…

Fuck this shit. Ich bin sehr glücklich mit meinem Körper. Ich habe eine Berufsunfähigkeitsversicherung (und mein damaliger BMI wurde damals genehmigt), ich will keine private Krankenversicherung und wenn mich noch mal ein Arzt fragt, was ich wiege oder wie groß ich bin, fordere ich ihn zum Armdrücken heraus oder lade ihn zu 20 Minuten HIIT ein und dann kann er hinterher gern beurteilen, ob ich wohl gesund bin oder nicht. Aber nicht anhand willkürlich festgelegter Formeln und Grenzwerte.

(Ha. Und das habe ich nun alles zu schreiben geschafft ohne dass ich ein Bild von mir gezeigt habe. Sie dürfen sich jetzt gerne alle fragen, ob ich wohl dick bin, Sie dürfen aber auch gerne kurz hinterfragen, warum sie das denn tun.)

4 Gedanken zu “Tag 1623 – „Ich muss Ihnen leider sagen, dass sie damit übergewichtig sind.“

  1. Mmmh, ich kann mich an ein, zwei Fotos von Ihnen erinnern…. blitzende Augen, offenes, echtes Lächeln, verstrubbelte kurze blonde Haare… sah ganz gut aus…..sollte passen.
    Ich denke, Ihr Mann sagt Ihnen fast täglich etwas ähnliches :-)

    Beste Grüße aus dem Münsterland

    Liken

  2. FrauC schreibt:

    Hihi, eben getestet. Ich bin weder fit noch schlank, aber offensichtlich schon so alt, dass das nicht mehr ins Gewicht fällt. Äh… eh schon egal ist, meine ich.

    Also: „normaler“ BMI, völlig entgegen meinem Körpergefühl. Darauf kann ich mir jetzt was einbilden.

    Gefällt 1 Person

  3. inapoe schreibt:

    Ich wieg das doppelte und hab mich von dem Zwang verabschiedet und trotzdem ist es immer wieder schwer (*haha*), weil ich genauso geprägt bin und mein Umfeld auch. Ich muss lange nach Ärzte suchen, die mich nicht pauschal in die extragroße Schublade stecken, bevor sie mir ne Grippe diagnostizieren oder etwas für die Blasenentzündung aufschreiben. Meine Gynäkologin erzählt mir ganz oft, dass sie mich auf dem Fahrrad an der Praxis vorbeisausen sieht, als könne sie es selbst nicht fassen. Ne Dicke mit Spaß an Bewegung, Sachen gibts!
    Wenn ich lese, wie sehr Menschen jeden (!) Gewichts hadern, weiß ich, wie irre es ist und wie wichtig, mich davon nicht kleinmachen und bangemachen zu lassen. Hab mich gerade (eher präventiv) in eine Diabetesschulung quatschen lassen und war entsetzt, wie da mit Angst und Druck (und falschen Tatsachen) gearbeitet wird. War dicht dran, ne Kiste Moncherie mitzunehmen für ne bessere Stimmung.

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