Das Gespräch mit Michels Lehrerin war ganz und gar nicht gut. Es ist wirklich wirklich schwierig und ich weiß, ich klinge wie so ne „aber MEIN Kind macht sowas nicht“-Mutter und kann mir vorstellen, wie Michels Verhalten in den unangenehmeren Ecken von Lehrer*innen-Twitter durchgehechelt würde und unseres gleich mit und all das macht es noch schlimmer. Ich fühle mich seit dem Gespräch, als hätte man mir den Stecker gezogen. Ich möchte mich schützend vor mein Kind werfen und ich möchte die Lehrerin anschreien, dass er SO NICHT IST, auch wenn ich sehe, wie er ist, wenn er da in der Schule ist, ABER DAS IST NICHT ER! Ich hab keine Ahnung, wie das passiert ist, aber da treten Seiten von ihm zu Tage, die sind sehr unsympathisch. Allerdings hat die Lehrerin ihrer Ansicht nach keinerlei Anteil daran. Ich finde nicht ok, dass sie sehr… herablassend und abwertend über ihn spricht, während er im Raum ist, und nehme an, seine unsympathische Maske ist 1. ein Spiegeln ihres Verhaltens und 2. ein Schutzmechanismus, um das nicht an sich heranzulassen. Ich finde von mir nicht ok, dass ich nicht sofort angesprochen habe, dass ich nicht möchte, dass sie so über und mit meinem Kind (mit egal welchem Kind) spricht. Zu meiner Verteidigung werde ich immer noch beim Gedanken daran so emotional, dass ich große Schwierigkeiten hätte, das sachlich und klar zu kommunizieren. Aber am meisten habe ich Lust, die Lehrerin nachträglich zu schütteln und ich hoffe, sie kriegt in Zukunft jedes Mal explosiven Durchfall, wenn sie sagt, ein Kind sei negativ und solle deshalb lernen, den Mund zu halten.
Das werde ich natürlich nicht sagen. Ich werde das sagen, dass ich nicht möchte, dass sie ihn so abwertet, werde sie bitten, zu versuchen, Persönlichkeit und Verhalten getrennt zu betrachten, werde sie bitten, zu sagen, welche positiven Seiten sie an ihm sieht, werde sie bitten, ihn in Momenten, wo sie sich wünscht, er würde den Mund halten, stattdessen aufzufordern, genauer zu sagen, was ihn stört und ihn dann ausreden zu lassen und ihm zuzuhören, und zu guter Letzt werde ich sie auffordern, Vorschläge zu machen was sie machen könnte, damit Situationen nicht eskalieren. Vorher. Nicht nachher.
Und ich werde nicht heulen und ich werde das Thema Klasse bestrafen weil 1 Kind Mist baut oder frech ist nicht ansprechen, weil Herr Rabe sagt, dass ich das zu wörtlich genommen habe.
Vielleicht werde ich aber, das muss ich auch mit Herrn Rabe noch mal besprechen, darum bitten, dass die Stufenkoordinatorin (die wenigstens ein bisschen Empathie für und Kenntnis über neurodiverse Kinder hat) und die Schulsozialpädagogin beim nächsten Gespräch dabei sind. Schon allein damit die viele sind, falls ich der Lehrerin doch ins Gesicht springe.
Ja, war leider wirklich richtig scheiße. Und ich muss mir das nur alle paar Wochen so direkt geben. Michel hat das jeden Tag. Ich verstehe jetzt, weshalb er sagt, Schule sei die Hölle.
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Von „Schule ist super, ich liebe alle Lehrer*innen, nur Hausaufgaben sind Scheiße“ zu „Schule an sich ist die Hölle“ in grade mal 3 Monaten. Aber hat alles nichts mit dem Verhalten der Lehrerin zu tun, sondern ist in seiner Persönlichkeit begründet. Ist klar.
Jetzt bin ich doch wieder emotional und sarkastisch geworden. Man stelle mich an den Twitter-Pranger für die überbeschützenden Eltern, die ihren kleinen Schneeflöckchen den Arsch pudern.
Hups, immer noch emotional.
Gute Nacht.
Liebe Frau Rabe, ich bin ganz bei ihnen. Mein Sohn, der ihrem offenbar sehr ähnlich ist, ist jetzt 23. Unser Leben begann eigentlich erst wieder, als er aus der Schule war. Traurig! Ich habe nur sehr wenige Perlen in der Lehrerlandschaft gefunden, die fähig waren, mit Kindern umzugehen. Wie man sich in solchen Gesprächen fühlt, das ist die Hölle. Bleiben Sie optimistisch und stark. Für Michel. Er ist ein toller Junge!
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Liebe Frau Rabe,
das hört sich gar nicht gut an – für Sie und für Michel! Ich finde, dass Sie eine sehr gute Idee entwickelt haben für das nächste Gespräch (Stufenkoordinatorin und Schulsozialpädagogin mit ins Boot nehmen). Vielleicht sollte dieses Gespräch aber in allernächster Zukunft stattfinden, indem Sie evtl. der Stufenkoordinatorin/Sozialpädagogin von Ihren Eindrücken berichten und Sie bitten noch einmal zeitnah ein gemeinsames Gespräch mit der Klassenlehrerin zu führen.
Stufenkoordinatoren sind u.U. gut informiert über die Eigenheiten „ihrer“ LehrerInnen und können nochmal etwas mehr erreichen, wenn sie in solche negativen Prozesse zeitig mit einbezogen werden. Ein Versuch ist es wert.
Alles Gute!
Eine treue Mitleserin, die im Schulsystem arbeitet….
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Ich drücke Ihnen beiden sehr die Daumen, dass Sie als Mutti zuerst und dann damit Michel da rausfinden, Ich war über 40 Jahre Lehrerin, erst an einer Art Regelschule und dann 21 Jahre am Gymnasium. Man „kackt nicht ins eigene Nest“, aber was ich über Kinder und Heranwachsende dort erlebt und im Lehrerzimmer gehört habe, bringt mich jetzt noch zum Erbrechen. Da war der Satz „Du bist schuld, dass der Dreck hier noch rumläuft…“ noch der am wenigsten schlimme….Ich bekam grundsätzlich „den Dreck“ mit einem Lächeln in Klasse oder Kurs. Und alle haben es geschafft, alle. Lehrer sein ist oft schwierig, weil man immer mit 25-30 Menschen gleichzeitig zu tun hat, aber der Unterschied liegt vor allem darin, ob ich „Stundengeber“ bin oder Pädagoge.DAS macht den Unterschied. Noch heute, fast 15 Jahre nach dem Arbeitsende fehlen mir meine Schüler jeden Tag…Suchen Sie sich Hilfe beim nächsten Gespräch, vielleicht gibt es Schulpsychologen oder holen Sie sich notfalls aus dem privaten Bereich jemanden dazu. NICHT allein dort hingehen! Oder lassen Sie Michel die Schule wechseln, wenn das geht… Ich hätte noch viele Vorschläge…schade, dass Sie soweit weg sind! Herzlich, Sunni
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Ich bin seit 20 Jahren als Berufsschullehrerin „im Dienst“. Für Menschen, die sich rassistisch äußern oder anderen Menschen im näheren Umkreis, das Leben, aus welchen Gründen auch immer, zur Hölle machen, finde ich keine freundlichen Worte.
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Liebe Frau Rabe,
ich habe Tränen in den Augen. Ihrem klugen, neugierigen und motivierten Kind wird die Freude an der Schule genommen, warum auch immer. Das „Zwischenmenschliche“ von Schüler und Lehrer läßt sich nicht wegdiskutieren.
Haben Sie die Möglichkeit ihren Sohn die Klasse oder die Schule wechseln zu lassen?
Vielleicht hilft auch das Überspringen einer Klassenstufe (er ist ja pfiffig)? Auch wenn das eine Weile ein sehr intensives Nacharbeiten der relevanten verpassten Inhalte bedeutet, hat es bei uns eine ähnlich verfahrene Situation gerettet.
Ich wünschen Ihrem Sohn, daß er wieder fröhlich und neugierig in die Schule geht.
Herzliche Grüße,
Regina
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Liebe Frau Rabe, ich möchte zu allem anderen, das gesagt wurde, noch hinzufügen: Sei hier sarkastisch! Noch besser: sei emotional hier oder anderswo. Das ist total angemessen und hilft, es im Gespräch ( wo die Angemessenheit von der Fähigkeit des Gesprächspartners abhängt und davon, wie artikuliert man bleiben kann – ich kann das weniger) weniger zu sein. Und auch abgesehen von letzten Punkt ist es angemessen, wenn man sieht wie ein Kind( das eigene!) So behandelt wird.
Ich bin froh, dass Michel sie hat.
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Liebe Frau Rabe,
ich glaube, es ist Ihnen gelungen, bei aller Wut und allem Frust sehr reflektiert aufzuschreiben, was hier falsch läuft.
Hoffentlich gelingt es vor allem Michel und auch Ihnen, da herauszufinden (gibt es in Norwegen möglicherweise irgendwelche vermittelnden Ansprechpartner, Schulsozialarbeiter o.ä.)?
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Ich habe gerade ein neurodiverses, schulverweigerndes Kind zuhause, das jetzt gar nicht mehr in die Schule geht, obwohl die Schule sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten (halt bei 32 Kindern in einer Klasse mit nur einem Lehrer) bemüht und viel Verständnis aufbringt. Wie sch… wenn die Klassenlehrerin dann auch noch drauf haut!
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Liebe Frau Rabe,
welches Ziel sollen denn regelmäßige Elterngespräche haben? Ich sehe da wenig Sinn, wenn nicht konkrete Dinge verabredet wurden. Das wird den Konflikt sicher nicht lösen. An einem Konflikt sind übrigens immer beide Seiten beteiligt, das sagt jeder Konfliktforscher. Irgendwie habe ich nicht das Gefühl, dass es um das Verhalten eines Kindes geht und nicht eines Erwachsenen.
Dass die Lehrerin ohne die Schulsozialarbeiterin ins Gespräch gekommen ist, finde ich sehr merkwürdig, schon in ihrem eigenem Interesse! Wenn ich die Lehrerin kennen würde, würde ich sagen, dass es unprofessionell ist, aber es ist unprofessionell, über Menschen zu urteilen, die man nicht kennt ;-)
Ich finde, Eltern müssen erstmal auf der Seite ihrer Kinder sein, auch wenn sich das Kind vielleicht „doof“ verhält. Letztendlich hat doch jeder Mensch unsympathische Seiten. Ich finde das nicht so dramatisch.
Man muss auch nicht immer sachlich und unemotional sein.
Würde das Kind die Schule wechseln wollen?
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