Tag 883 – Diese Kinder.

„Komm, Pippi!“ schreiflüstert Michel Pippi zu.

„Ja!“ schreiflüstert Pippi zurück.

[Gekruschel aus dem Wohnzimmer, dem Bad, wieder dem Wohnzimmer. Keiner weint.]

[eine halbe Stunde später]

„Papa, Mama, guckt mal, ich hab mich selber angezogen! Und wir haben Zug gespielt.“

Tatsache. Michel ist komplett angezogen und Pippi sitzt glücklich mitten in einer sehr großen Runde aus Brio-Zug-Schienen und lässt Züge fahren.

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Michels Kumpel: „Mama, kann Michel noch mit zu uns kommen?“

„Hmm, du musst noch Hausaufgaben machen und es ist auch schon so spät.“

[traurige Gesichter]

[etwas später]

„Du, H., ich kann dich heute nicht besuchen. Ich muss noch DinoTrux gucken.“

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Wir fahren an einer modernen Kirche mit beleuchtetem Kreuz vorbei.

„Was ist das da für ein falschrummes Schwert?“

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„Pippi Hände waschet.“

„Du hast eben Hände gewaschen, ja.“

„Nein. *fake hustet* da Pippi Hände waschet!“

„Als du Hände gewaschen hast, hast du gehustet?“

(Sehr zufrieden) „Ja!“

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(Schlaftrunken) „Mama? Du sollst einen Schlafi anziehen.“

„Ich soll dir einen Schlafi anziehen? Aber du hast doch einen an!“

„Du sollst DIR einen Schlafi anziehen. Und dann mit mir hier kuscheln.“

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Herr Rabe: „So ein Kardinal oder Bischof, der sagt, er will ein neues Wort für Weihnachten, damit alle feiern können, auch die, die mit Christentum nichts am Hut haben.“

Ich: „Ja, ist mir ja auch total egal, wie das heißt. Wäre ich für, das anders zu nennen.“

Michel, vermeintlich schlafend: „Ich auch.“

Tag 882 – Macht nix.

Also ich. Ich habe heute nichts gemacht, außer rumgeheult. Die Situation ist einfach wirklich scheiße. Nach zwei Gläsern Rotwein kommt sie mir nicht mehr völlig unschaffbar vor, aber sie ist und bleibt scheiße und mir jetzt bis Weihnachten den Wein statt Kaffee morgens schon reinschrauben, um nicht einfach weinend im Bett zu bleiben, ist ja auch keine Lösung.

Was mich weiterhin daran aufregt: wieso hat es vier Wochen gedauert, meine Proben, auf deren Bearbeitung sowohl ich als auch der Chef gedrängt haben, überhaupt mal ins Gerät zu stellen? Wie kann sowas passieren? Ich habe der Core Facility mit meinen Proben über 200.000 NOK eingebracht, werde aber trotzdem behandelt wie der letzte Arsch und bekomme immer wieder gesagt, wie viel Arbeit das doch ist mit meinen Proben?!?

Ich hoffe, bis Montag früh ist die Traurigkeit, das Versagensgefühl (und Sie so: häh?!? Und ich so: ja natürlich, denn ich hätte es wissen/mehr drängeln/ den Chef mehr einspannen müssen) und die Hilflosigkeit etwas erträglicher geworden und die Wut noch da, dann werde ich direkt ein Gespräch mit dem Chef und den zwei Damen der Core Facility anleiern. Wir brauchen da ne Lösung, und zwar eine, die nicht darauf hinausläuft, dass ich diese wirklich essentiellen Ergebnisse erst zwei Tage vor Weihnachten kriege. Ich habe langsam genug Verständnis gehabt, für alles und jeden, ja, andere Leute haben auch wichtige Proben, ja, der Chef hat grad für keinen Geld und das ist ein echtes Problem, dass die Angestellte der Core Facility nicht vernünftig bezahlt, aber mit Arbeit zugeschmissen wird. Das sind aber alles ganz und gar nicht meine Probleme und meine Fresse – danach bin ich weg. Sie sind die unangenehme Nerv-Tante dann doch los.

Vielleicht halt auch schon früher, wenn das alles nichts wird. Dann hat der Chef halt ne Absolventin weniger. Was das finanziell für die Gruppe bedeuten würde (ne? 200.000 Kronen, plus vier Jahre mein Gehalt, plus alles was ich sonst so gekostet habe, das will ja keiner einfach aus dem Fenster werfen) muss ich dann eventuell noch mal klar stellen und auch, dass es mir durchaus ernst ist damit, alles hinzuwerfen. Ja, jetzt noch.

Ich hab jetzt echt genug geschafft. Das Gespräch noch, und dann ist auch gut mit „Frau Rabe beißt sich durch, während wir ihr fröhlich Knüppel zwischen die Beine werfen“.

Jetzt sind andere mal dran.

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Btw. hab ich gestern einen Fehler im Nature-Paper gefunden. Und der Kooperationspartner, den ich Mittwoch wegen der uns von ihm zur Verfügung gestellten Zellen kontaktiert habe, meldet sich auch nicht. Vielleicht werde ich auch einfach noch richtig, richtig unangenehm für alle. Grad wäre mir danach.

Tag 831 – Nachgereicht, aber eigentlich auch nicht.

Gestern.

Ich schrieb nicht, weil ich in Michels Bett eingeschlafen bin.

Und weil ich keine Ratschläge, Kommentare oder irgendwas mehr hören will. Also bitte sehen Sie davon ab. Sonst gerne, heute müsste ich dann vielleicht den Blog löschen oder so.

Das Massenspektrometer ist kaputt gegangen. Die Proben, die ich vor vier Wochen meiner Kollegin mit dem sehr deutlichen Hinweis gegeben habe, dass es eilt, weil auf den Ergebnissen das dritte Manuskript fußen soll, wurden zum Teil wohl gemessen, dann ging es kaputt. Die Auswertung der gemessenen Proben kann man aber wohl auch noch nicht machen, weil irgendwas mit den Massenübergängen komisch war. Am anderen Gerät messen geht auch nicht, weil das nicht alle die Modifikationen messen kann. Die Reparatur des Geräts wird mindestens ne Woche dauern, falls sich der Techniker mal meldet. Dann würden die Proben gemessen, dann müssen die Spektren (135 x 3) ja alle manuell integriert werden, weil so fancy Analyse, dann muss ich noch irgendwas reininterpretieren (Mustererkennung kann ich jetzt ja) und langer Rede kurzer Sinn:

Das wird nix mehr.

Tja, schade.

Das war’s.

Und da das nach „mal drüber schlafen“ immernoch genauso scheiße aussieht, war’s das wohl wirklich.

Vielleicht komme ich ja irgendwann drüber weg.

Tag 830 – Exceeds expectations.

Bloggen am Gate. Wie son Profi.

Erstmal danke ich Ihnen allen für die vielen gedrückten Daumen! Es hat zumindest dabei geholfen, sich nicht so allein und klein zu fühlen. Und vielleicht hat es ja auch bei den Gesprächen an sich geholfen, denn es lief (das kann ich ja mal so ganz unbescheiden sagen) richtig gut.

Ich war ja um neun mit dem Menschen verabredet, der den Auftrag hat, für die Firma eine Wissenschaftlerin zu suchen. Genau genommen sucht er momentan zwei Wissenschaftlerinnen und eine TA, aber das ist ja grad egal. Ich war jedenfalls um fünf vor neun da. Mit zwei Schichten sehr sorgsam eingearbeitetem und am Schluss sogar gebaketem (also sozusagen mit Puder abgesättigtem) Concealer drauf, weil ich nach den schlaflosen Nächten der letzten Tage echt schlimm müde aussehe. Und in der guten Version von aufgeregt, also nicht stotternd-knallrot-schweißausbrüchig, sondern gespannt und konzentriert. Jedenfalls wurde ich von der Rezeptionistin in das Büro des Agenturmenschen gebracht, mit dem ich ja bisher nur telefoniert hatte und war angenehm überrascht, einen schon älteren und gemütlich aussehenden Herrn zu treffen. Und gemütlich trifft es wohl auch vom Wesen her. Eindeutig ein Profi, denn er nahm mir schon in den ersten fünf Minuten die Nervosität, indem er ganz ruhig und sachlich erstmal erklärte, was wir heute machen würden, was wie lange dauern würde, dass ich entweder im Auto essen könnte oder, wenn wir es schaffen würden, bevor er mich zu der Firma bringen würde, sowas. Ich bekam Kaffee angeboten und nahm nur Wasser (der einzige Tipp, den ich aus einem Bewerbungstraining von vor 8 oder 9 Jahren mal behalten hab: immer stilles Wasser, von Blubberblasen muss man rülpsen und wenn man sich Kaffee überschüttet, ist das echt blöd). Und dann ging es los: erstmal erzählte der Agenturmann von sich. Seit 30 Jahren macht er HR für Pharma, seit 18 mit eigener Agentur. Die Firma, um die es geht, hat er seit 8 Jahren als Kunde und alle Seiten sind sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit. Dann ging es um die Firma, wie sie gegründet wurde, wie sie jetzt ist, wie die Hierarchien und das Management so ist, wie das Arbeitsklima ist, wie sie finanziell dasteht und so weiter und so fort. Dann die Position: Wissenschaftlerin, Proteinanalyse, Massenspektrometrie und Stabilitätstralala, aber auch Tech Transfer an Auftragslabore und wiederum deren SOPs und Validierungsgedöns prüfen und gegebenenfalls korrigieren bzw. Korrekturen anfordern. Und da wir dann ja schon mal dabei waren, glichen wir nochmal meine Erfahrungen und Kompetenzen mit dem Anforderungsprofil der Firma ab, also erstmal nur den technischen Part. Da bin ich ja einigermaßen confident, Erfahrung hab ich ja und, ganz ehrlich, den Rest kann ich lernen, ist ja kein Hexenwerk, nur die Geräte sind halt gerne mal ein bisschen teurer als ein Kochtopf. Das lief also schon mal ganz ok.

Dann sollte ich ein bisschen über mich und meinen Werdegang erzählen. Da hoffe ich jetzt einfach mal, dass ich nicht so viel unnützes Zeug erzählt hab. Irgendwann wurde ich jedenfalls vom Agenturmenschen darauf hingewiesen, dass wir ja noch die Tests besprechen müssten und er wüsste jetzt noch gerne, was meine eine, herausragende Stärke sei. Hui, kalt erwischt, darin bin ich ja so spontan nicht wirklich gut. Was ich jedenfalls sagte, war, dass ich es als eine große Stärke ansehe, dass ich Sachen fertig mache. Pünktlich und so gut ich kann. (Koste es was es wolle und ich bin da auch einigermaßen zwanghaft und kann ÜBERHAUPT NICHT Sachen einfach lassen aber das hab ich einfach mal ausgespart.) Nun ja, also „I get shit done“ (in schön) ist also meine Stärke, und was wäre was, in dem ich mich gerne verbessern möchte? (Erstmal: eben Profi. Kein negatives Wort, keine Abschätzigkeit, hach…) An mir selbst rum meckern kann ich viel besser als mich loben und das würde ich gern öfter mal lassen und deshalb sagte ich auch, dass ich dazu tendiere, meine Erfolge und Qualitäten kleinzureden und zu unterschätzen.

(Danach hätte ich gerne auf dem Flur einmal tief durchgeatmet, aber…)

Es ging direkt weiter mit der Auswertung des Assessments. Da warteten einige Erkenntnisse auf mich. Überraschend kam für mich zum Beispiel, dass das Programm auch nur eine Auswertung an den Recruiter weitergibt, aber die Antworten selbst nicht speichert. Ich kann jetzt verraten: Das Assessment der Personalität und der work related behavior klopft 18 Bereiche ab und da landet man dann anhand seiner Antworten auf einer Skala von 1-9. Die Firma wird vorher zu den 18 Bereichen gefragt, welche sie am wichtigsten, mittel wichtig und unwichtig finden. Die Auswertung für den Test wird entsprechend gewichtet, auch der Recruiter kriegt für die wichtigsten 6 die „komplette“ Auswertung, für die mittleren die kurze Zusammenfassung und für die unwichtigen nur die Punkte ohne Blabla.

Und ich sage das jetzt mal so ganz unbescheiden, sind ja Fakten: von den 6 wichtigsten Bereichen hatte ich zwei mal „matches profile“ und vier mal „exceeds profile“. Die Firma wünscht sich jemanden, der shit done kriegt, einen analytischen Zahlenmenschen, jemanden, der organisiert und vorausschauend plant und Regeln befolgen kann ohne das selbst Denken einzustellen. Wohooo! Das bin ich. Ohne Witz: ich war überrascht, wie gut ich den Resultaten des Persönlichkeitsassessments zustimmen konnte. Wirklich sehr überrascht. Selbst bei den Dingen, bei denen ich „unterdurchschnittlich“ abschneide, so wie zum Beispiel „Social Behaviour“, gehe ich mit der Einschätzung des Programms voll mit: Ich bin normal sociable, wenn ich die Leute kenne. Bis dahin halte ich mich lieber im Hintergrund. Und ich bin auch nicht besonders überzeugend im emotionalen Sinn, sondern knalle den Leuten halt die Fakten um die Ohren, entscheiden müssen sie dann schon selbst (das wird von dem Programm übrigens als „vermeidet manchmal, die Verantwortung allein zu tragen“ ausgelegt und das finde ich zwar irgendwie hart formuliert, aber im Grunde stimmt’s ja). Mir ist auch manchmal egal, was für Motive Leute für ihr Handeln haben und auch, wie sie auf irgendeine Handlung von mir eventuell vielleicht reagieren könnten und auch hier gilt: facts rule, ich könnte auch nette Leute rausschmeißen, oder hinnehmen, dass mein Lieblingsprojekt eingestellt wird, wenn mir ausreichend gute Gründe dafür präsentiert werden.

Soviel also zu meiner Persönlichkeit. Vielleicht liegt es an dem Agenturmenschen und seiner Art, absolut jeden Outcome dieses Tests irgendwie positiv zu beschreiben, aber ich hatte danach (und habe noch) das Gefühl, so wie ich bin doch sehr ok zu sein. Und wie gesagt: Ich passe halt astrein auf das gewünschte Profil der Firma, fachlich und auch persönlich.

Aber bevor wir fertig waren, mussten wir ja noch den Logik-Test und den E-mail-Test besprechen. Erkenntnis 1: der Logik-Test ist adaptiv, je mehr richtige Antworten man hat, desto schwerer werden die nächsten Fragen. Dadurch, dass ich die Aufgaben, die ich nicht lösen konnte, lieber übersprungen habe, statt falsch zu antworten, setzte sich das Niveau nicht wieder runter, sondern blieb auf „unlösbar“. Ich muss fast drüber lachen. Also die neun Aufgaben, die ich lösen konnte, waren immerhin auch alle korrekt (lorioteskes „Ach!“), die drei ungelösten haben mir aber ein bisschen die Geschwindigkeit versaut und so bin ich laut Test „nur“ leicht überdurchschnittlich logisch denkend (ha, erwischt, kleingeredet…). Nachdem ich dem Agenturmenschen meine Herangehensweise bei dem Test erklärt hatte, musste er aber auch lachen und meinte dann (ganz richtig), dass ich ja sogar noch zwei der „unlösbar“ Fragen gelöst hätte, das wäre gar nicht so oft. Er selbst lande übrigens im unteren Fünftel.

Und dann kam für mich die größte Überraschung: Ich war unheimlich gut in dem e-mail-Test. Unter den besten 5% von allen (Schweden) die den gemacht haben. Der Agenturmenschen meinte, das Resultat sei Altersabhängig, je jünger die Getesteten, desto besser das Ergebnis, Leute meines Alters landeten eher bei 60-70%, Leute seines Alters eher so bei 30%. Der Test läuft wohl darauf hinaus, dass überprüft wird, wie schnell man sich in einen Flow arbeiten kann und wie fokussiert man dabei bleiben kann, wenn dauernd Ablenkungen (und Regeländerungen! Voll fies!) dazu kommen. Also auch wieder: get shit done und Regeln befolgen, das kann ich ja super, wissen wir ja jetzt.

Danach waren wir aber wirklich fertig, bis auf…

Die Frage, wann ich anfangen könnte, und was ich denn jetzt so verdiene. Ich interpretiere das als gutes Zeichen.

[Pause. Salat aus der Kantine, gegessen im Büro des Agenturmenschen, dazu lockere Unterhaltungen über das Wetter und so. „Ich lebe noch!“-Tweet vom Klo.]

Ich gestehe ja, ich habe eine blühende Phantasie, und außerdem sehr viele skandinavische Krimis gelesen, deshalb zogen allerlei „zerhackt im Wald“-Szenarien an meinem inneren Auge vorbei, als der Agenturmensch und ich zu seinem Auto gingen. Wir kamen aber trotzdem beide lebend in Solna bei der Firma an. Die macht von Außen echt nichts her. Sorry, Firma, aber das Gebäude ist hässlich wie die Nacht. Der Agenturmensch stellte mich noch meinen beiden Gesprächspartnern vor – der Gründerin und Vice-CEO und dem Chef der Proteinanalytik, dann verabschiedeten wir uns und er fuhr nach Hause nach Skåne.

Dieser zweite Teil des Vorstellungstrallalas war dann noch mal auf eine ganz andere Art spannend, ich habe glaube ich recht deutlich gemacht, dass ich echt viel kann und Erfahrung habe, jedenfalls blickte ich ab und an immer mal wieder in zwei ratlose Gesichter und musste nochmal zwei Schritte zurückgehen und erklären, was ich genau tue, wie das ist mit der Interaktion von dem bitch-Protein mit DNA und warum macht es das und was ist SILAC und was ist eigentlich EPO und häh, synthetischer Antikörper?!? Und das ganze – badabämm, badabumm – während die zwei Schwedisch und ich Norwegisch sprach. Am Ende fing ich schon fast an, schwedisch zu sprechen, aber nur fast. Ich erklärte Techniken, listete auf, was ich alles schon gemacht hab (und das ist ja doch ne Menge und ähähähä, genau das, was die suchen) und beschrieb ein bisschen, wie ich so ticke (GETTING SHIT DONE). Sie beschrieben ihre Produkte, in welchen Entwicklungsstadien die so sind, wie sie neue entwickeln und vor allem, was sie an Analytik machen und weshalb sie jemanden neues brauchen (mehr Arbeit durch spätere klinische Studien, mehr Arbeit durch mehr Produktentwicklung, neue, unbekannte Arbeit durch Zusammenarbeit mit externen Laboren und CROs und CMOs, neue, unbekannte Arbeit durch mehr Qualitätsrelevanz). Ich ritt ein bisschen auf meiner Erfahrung in Zusammenarbeit mit Firmen verschiedener Größen herum und dann war es Zeit für die Laborführung…

Nach der Frage, wann ich anfangen könnte. Und dann noch mal der genaueren Nachfrage. Und was denn mein Mann so macht. Und ein bisschen Werbung für die Firma und Stockholm an sich. Ich werte auch das als gutes Zeichen.

Und dann Laborführung. Sie haben ÄKTA Explorer 100 und das sagt Ihnen jetzt vermutlich nichts, aber, hachz, ja, also, das Ding könnte ich vermutlich im Schlaf und nach 4-7 Bier noch bedienen, da fällt mir ein, dass ich mal die Reinigung und Einlagerung in Etappen während der Weihnachtsfeier gemacht hab, also das mit den Bier ist sogar belegt. Alles andere – ja, Labore halt. Geräte halt. Organisiert und ordentlich und etwas beengt, größtenteils Equipment, das ich kenne, überaus putzige Massenspektrometer (unsere sind eeeeeetwas größer) und – igitt! – Bakterienfermenter. Aber damit müsste ich ja auch nicht arbeiten.

Tja, und dann war auch das vorbei, wir verabschiedeten uns, ich meine, vielleicht sowas wie einen unterdrückten Impuls, mich zu umarmen bei der Vice-CEO beobachtet zu haben, vielleicht hat sie aber auch nur mit den Schultern gezuckt, jedenfalls stand ich danach wieder auf der Straße vor dem hässlichen Gebäude.

Und dann dachte ich bei einem Kaffee und einem Stück Kladdkaka mit grädde in Gamla Stan darüber nach, ob ich das wirklich möchte. Hands-on Forschung. Sehr speziell, nix mit „breitem portfolio“, in einer Firma, aus der ich vermutlich eher nicht herausgeheadhuntet werde (außer vielleicht von dem Agenturmenschen), die vermutlich nichtmal mit üppigen relocation-budgets aufwarten würde. Die aber unheimlich sympathisch ist. Und in der schönsten Stadt der Welt.

Ich glaube, schon.

Tag 829 – Schockfaliept. Ägän.

Ich bin in Stockholm. Und ich muss diesen Job kriegen, sonst kette ich mich doch noch an den Globen.

Zur Erklärung sollte ich vielleicht dazu sagen, dass ich hier mal acht Monate lang studiert habe. Das Ganze stand nicht so richtig unter einem guten Stern, damals kannte ich Herrn Rabe grade mal ein Jahr, war aber schon mit ihm verlobt. Ich vermisste ihn fürchterlich und der einzige (ja, wirklich) Grund, weshalb ich nicht einfach hiergebliebem bin, war er. Denn obwohl ich sogar im abgeschiedensten Studentenwohnheim aller Zeiten (googeln sie mal „Tyresö“) untergebracht war und jeden Tag pro Weg ne Stunde zur Uni brauchte und auch wirklich, wirklich, wirklich viel lernte, war das doch einfach toll damals. So viel Kultur! So viel Leben! So viele Möglichkeiten!

Aber heute stieg ich aus dem Arlanda-Express und ging durch T-Centralen zur T-bana und es war, wie nach Hause zu kommen. Acht Monate, vor 9 Jahren, und ich fühle mich hier normaler als in Trondheim. Um mir den Rest zu geben, stieg ich auch nach zwei Haltestellen schon wieder aus, um von Slussen über die Götgatan nach Skanstull zu laufen. Das war in sofern nicht besonders schlau, dass ich jetzt eine Blase habe, aber der Anblick des rot beleuchteten Globen (erstes Mal Pipi in den Augen) war das allemal wert. Und so spazierte ich quer durch Söder. Bei Tully’s Caffee konnte ich mich grad noch am Riemen reißen, beim Medis und als ich entdeckte, dass es das Debaser noch gibt, dann nicht mehr.

Morgen muss ich das rocken. Mit Blasen, aber wozu hat man jahrelang getanzt, wenn nicht dazu, sich allerlei Fußaua* nicht anmerken zu lassen.

Um es mit Farin Urlaubs Worten zu sagen:

JAG ÄLSKAR SVERIGE!

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*eine meiner Teampartnerinnen in der ersten Formationstruppe hat sich mal beim Aufstellen (also bevor die Musik startet) eine Reißzwecke eingetreten. Nach der Runde hat sie Rotz und Wasser geheult und für die Endrunde musste ihr Ersatz einspringen, aber die Choreografie hat sie mit vollem Einsatz durchgezogen. Und das Turnier haben wir gewonnen.

Tag 828 – Fingernägel.

Früher habe ich echt viel auf meinen Nägeln gekaut. Also wirklich richtig viel. Irgendwann dann und nach drölfzig erfolglosen Versuchen mit allerlei Hilfsmitteln (kleiner Tipp: Tabasco auf den Fingernägeln hält zwar effektiv vom Kauen ab, ist aber die absolute Hölle, wenn man damit an Schleimhäute kommt. So wie auf dem Klo zum Beispiel.) hörte ich mit schierer Willenskraft auf. Keine Hilfe, kein Druckmittel, nichts hatte was geholfen, außer: ich will das jetzt nicht mehr. So hab ich ein paar Jahre später übrigens auch aufgehört zu rauchen. Aber genau wie das Rauchen fehlt mir das Nägel kauen bis heute manchmal. Wenn ich nervös bin. Im Moment bin ich sehr nervös, dieses Vorstellungsgespräch übermorgen macht mich dezent irre und ich kann kaum noch schlafen und prokrastiniere das Wiederholen der Structural Biology-Kursinhalte damit, die Abbildungen für die Diss zu machen (immerhin hab ich so jetzt 5 von 6 Abbildungen fertig, es ist also schlaues Prokrastinieren!) und habe gestern obwohl ich es wirklich nicht brauche mal wieder Schminkkram* bestellt. Das, meine Lieben, macht Nervosität mit mir. Danach kommt die Phase, in der ich nichts mehr esse, das gehetzte Reh hat keine Zeit für Nahrungsaufnahme, ich schätze, ab morgen früh wird das ca. losgehen. Aber das Fingernägelkauen, es fehlt, aber ich will es ja nicht und was läge da näher, als einfach ne ordentliche Schicht Lack draufzumachen? Sieht eh schicker aus und ich hab diesen einen, der (so wie er in der Flasche aussieht) perfekt zum Kleid passt.

Und jetzt sitze ich hier, die Fingernägel sind sensationell bescheiden lackiert, der Lack ist gefühlt auf meinen ganzen Händen verteilt und auf den Nägeln ist er viel weniger dunkel und dafür etwas oranger und beißt sich jetzt vermutlich mit dem Kleid.

Nervös bin ich auch immer noch. Dabei hatte ich so auf mehr als vier Stunden Schlaf gehofft. Naja, die Nacht ist ja noch jung, ich kann mir ja theoretisch noch drei, viel mal die Fingernägel umlackieren und mir Gedanken drüber machen, dass das bestimmt viel zu aufgebrezelt rüberkommt und rot auch unseriös ist und vielleicht nehme ich auch einfach ne Schlaftablette. Zwei Nächte Grübelei am Stück sind auch genug.

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*2 for 1 auf Lidschatten von ColourPop. Selbst mit Versandkosten bin ich so bei 3,50 USD pro Lidschatten und muss das nicht mal verzollen. Hurra!

Tag 827 – Bastel, bastel.

Hahaha, dachten Sie an Papier? Nein. Ich habe mich heute, weil ich noch immer und mit zunehmender Ungeduld auf die Massenspektrometrieergebnisse warte, die ich für das dritte Manuskript brauche, an die zweite Abbildung für die Einleitung meiner Thesis gemacht. Die ersten zwei Stunden und mehrere ans Lächerliche grenzende Versuche mit verschiedenen iPad-Apps habe ich darauf verwendet, mich zum Benutzen von *Trommelwirbel* PowerPoint durchzuringen. Ich schäme mich dafür auch gebührend, aber ich habe grade leider gar keine Zeit mich erst ewig in irgendwas einzufuchsen. Um das wieder gut zu machen, habe ich mir aber alle Mühe gegeben, trotzdem etwas optisch ansprechendes zu kreieren, das sich auch harmonisch* ins Gesamtbild einfügt. Und ich muss mir mal ein bisschen auf die Schulter klopfen: das ist schon ganz gut** geworden.

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*“Palatino Linotype“ entspricht fast ganz genau „kp-fonts“. Falls Sie das mal brauchen.

**ok, die DNA ist immernoch nicht ganz perfekt oben und unten gleich breit aber das bleibt jetzt so. Das hat schon genug Zeit und Nerven gekostet. Effizienz und so. So wichtig.