Tag 1694 – Corontäne Tag 21.

Drei Wochen rum.

Ich wachte mit Migräne auf, irgendwie auch kein Wunder grad. Gegen Mittag war ich ausreichend schmerzfrei um zu arbeiten, aber wenn ich noch mal hören muss, dass meine Kolleg*Innen ja sooooo viel zu tun haben, während ich Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen abarbeite, werd ich vielleicht echt sauer. Ich bin vielleicht nicht super erfahren, aber so what. Das Krisenteam wird geleitet von einer, die deutlich jünger ist als ich und noch nicht mal so lange wie ich im Werk. Die Inspektørin, die in diesem Krisenteam ist, ist seit dem Sommer bei uns. Sollen sie sagen, dass sie mich für unfähig halten, aber so wie es grad läuft fühlt es sich für mich an, als wär ich ein Kleinkind im Restaurant, dem man ein paar Buntstifte und einen Ausmalbogen gegeben hat, damit sich die Erwachsenen in Ruhe unterhalten können. Hrmpf.

Morgens den Kindern beim Hüpfen zuhören, ist schon schön. Michel hat mit seiner Steinzeitaxt einen Stock zerhackt, statt Hausaufgaben zu machen, aber ich habe aufgegeben, zumindest für gestern und heute. Ich schaffe es nicht, ihn zu den Aufgaben zu treten und freiwillig macht er sie nicht.

Team keine Ferien. Ich befürchte, wenn wir den Kindern eröffnen, dass jetzt Ferien sind, sind all unsere Argumente, weshalb z.B. vor 14 Uhr keine Medienzeit ist sein soll, völlig hinfällig. Da müssen wir 12/7 entertainen oder die Kinder gucken beide endgültig den ganzen Tag fern. Ja, das ist nicht nett von uns, aber ich finde, für die unsere Kinder waren, trotz „Schule“, die letzten drei Wochen ferienlike genug, da reichen dann zur Erholung die Tage von Gründonnerstag (hier schon ein Feiertag) bis Ostermontag. Jetzt noch zwei (hier eine) echte Woche Ferien dran hängen, also ohne eine egal wie lose Tagesstruktur, ohne weg zu können, ohne die Kinder mal nen halben Tag bei den Nachbarn abgeben zu können, mit Wein nur virtuell oder sich von einer Terrasse zur anderen zuprostend – wie soll ich es sagen? Wo sind meine PMS-Antidepressiva, die gehen doch sicher auch so für täglich? Wo ist die Nummer der völlig-überforderte-Eltern-Hotline? Ach, gibt es ja nicht, ich Dummerchen, die kümmern sich nicht, bevor es nicht ~echte~ Vernachlässigung ist, oder ich eingewiesen werden muss.

Mir graut vor den Ferien. In dieser Situation, in unserer Familienkonstellation, mit den Kindern, die ich offenbar versaut habe.

(Bitte keine Vorschläge, was wir alles pädagogisch wertvolles mit den Kindern machen könnten, das macht für mich nichts besser, sondern setzt mich noch stärker unter Druck, wenn dann kommt „mach doch EINFACH…“)

Tag 1693 – Corontäne Tag 20.

Heute waren vier erwähnenswerte Dinge:

1. und ohne Bild: ich hatte sowas wie einen Zusammenbruch, weil diese ganze Home-alles-scheiße etwa so gut funktioniert wie ein übergewichtiger Elefant fliegen kann. Ich schaffe es nicht, ich hab keine Ahnung, wie ich es weiter schaffen soll, und wenn mir noch irgendwer mit pädagogisch wertvollen Tipps kommt, zünde ich was an und zwar nicht metaphorisch. Was man nicht alles machen, basteln, lernen soll! Tipp unseres Kindergartens zum Beispiel: geht doch mal mit den Kindern raus und hört den Vögeln zu! JA GENAU, DAS MACHE ICH NACH MEINEN 8 STUNDEN ARBEIT AM TAG PLUS YOGABÜCHERLESENINSTRUMENTLERNEN UND HOMESCHOOLING FÜR DEN GROSSEN, DA SCHLEIFE ICH DIE KINDER, DIE SOWAS DOOF FINDEN, INS NÄCHSTE WÄLDCHEN UND HÖRE DEN VÖGELN ZU. Ich selbst höre schon schlecht weil dauernd Lärm um mich ist, ich bin total im Arsch, weil mein Bedürfnis nach allein sein halt grad ganz hinten anstehen muss aber klar, Vögel beobachten, so eine schöne Idee. Wie lieb. *kotzi*

2. Das Trampolin wurde geliefert. Endlich. Da Herr Rabe es sofort aufgebaut hat, konnten wir auch gleich verifizieren, dass sich Pippi nichts gebrochen hat als…

3. …Michel eine Hantel auf Pippis Fuß fallen ließ.

Hat auch gleich die Nachbarsmädchen angezogen. Aber wir haben da mal ein Auge zugedrückt, Pippi hatte seit fast 3 Wochen keinen Kontakt zu gleichaltrigen.

4. Ich habe meine Haare in der Farbe „Lavender“ von Directions getönt. Da ja noch recht viel von der orangenen Rose-Gold-Farbe drin war, musste ich das erst mal wegbleichen. Damit ich hinterher noch Haare habe, habe ich mich für mehrere Blondierwäschen (=Blondierung anmischen mit 1 Teil Pulver, 1 Teil Entwickler, 1 Teil Wasser und 1 Stritz Shampoo, da habe ich Silbershampoo genommen) á 15-20 Minuten entschieden, über mehrere Tage.

Ausgangssituation.
Nach der 1. Runde.
Nach der 2. Runde.
Nach der 3. Runde.
Nach 45 Minuten „White Toner“ von Directions.
Nach 1 Stunde Lavender (Directions).

Leider habe ich irgendwie geschafft, meinen Hinterkopf farblos zu lassen, also muss ich wohl morgen noch mal ran und versuchen, das auszugleichen. Vielleicht muss mir auch wirklich Herr Rabe helfen. Ansonsten bin ich mit der Farbe sehr zufrieden.

Tag 1692 – Corontäne Tag 19.

Auch heute war kein wirklich guter Tag, so ganz insgesamt gesehen, aber immerhin sah ich gut aus weil ich ein Video-Meeting mit externen Teilnehmer*Innen hatte und da kann ich ja nicht im Hoodie auflaufen – dachte ich, dann hatte mein Kollege einen Hoodie an.

Mit den Kindern Sport machen ist grandios gescheitert und ich denke, ich bin halt einfach die schlechteste Hobby-Lehrerin der Welt, so what, ich wollte das ja auch nie sein. Immerhin kenne ich aber mein Kind gut genug, um über folgenden, typischen Chat-Dialog mit der Lehrerin sehr zu lachen:

Michel: „Hallo A. wie geht es dir mir geht es gut“

Lehrerin: „Mir geht es auch gut, schön von dir zu hören! Hast du die Lösung des heutigen Rätsels?“

Michel: „Ja“

Mein Kind, Mutti ist sehr stolz, direkte Kommunikation, so wichtig!

Gut, dass Michel clever ist und die Lehrerin vermutlich ganz andere Fälle in der Klasse hat, da kann man mal verschmerzen, dass sein Bock auf die Schulaufgaben grad nonexistent ist. Ich will nämlich auch nicht täglich deswegen streiten.

Pippi ist auch weiterhin nicht so ganz einfach zu handhaben und ich hab das Gefühl, mit einem 1,15 m großen Pulverfass zusammenzuleben, das ist echt nicht so schön, ehrlich gesagt.

Aber immerhin sind wir noch alle gesund.

Tag 1691 – Corontäne Tag 18.

Zu wenig Schlaf macht mich nicht grad froh, und dann ist der Geduldsfaden sehr kurz und ach. Es war einfach kein guter Tag. Ich befürchte, das wird alles noch länger (also so bis zum Sommer) so weiter gehen und ich hab keine Ahnung, wie ich das machen soll. Wie wir das machen sollen. Das dauernde aufeinander hocken tut uns allen nicht gut. Dann rufen noch sowohl Kindergarten als auch Schule an, während die Kinder sich grad die Köppe einschlagen, und fragen „wies so läuft“. Jaha, wie soll es laufen, momentan machen wir zu zweit 28 Stunden Arbeit am Tag, ab morgen machen wir immer noch 24,5 Stunden Arbeit am Tag aber dann auch noch mit Geldsorgen. Danke, SUPER LÄUFTS! Den Kindern fällt die Decke auf den Kopf und ich ertrage das alles nicht mehr, dieses dauernde Geschrei und Gemotze und Gestreite und Wutanfälle DEN. GANZEN. TAG. Ohne ne Chance, mal weg zu können. Ohne die Aussicht, dass das zeitnah vorbei ist. Ich glaube nicht an „nach Ostern“. Ich wette ne Rolle Klopapier drauf, dass sie am 8. sagen werden, dass die Maßnahmen hier bis Ende April verlängert werden. Mark my words.

Die Kinder haben heute immerhin nach all dem Gemotze beim Putzen geholfen. Aber nur beim lustigen Teil vom Putzen.

Volle Action, deshalb sind beide Bilder unscharf.

Der Kollege, der sonst Rücken an Rücken mit mir sitzt, hat Covid19-Symptome. Wird aber nicht getestet, denn auch hier ist es nicht mehr möglich, alle zu testen, die man eigentlich testen müsste, denn die Tests sind knapp. Und bitte erzählen Sie mir nicht, Deutschland würde viel testen, wenn Deutschland so viel testen würde wie Norwegen, müsste Deutschland inzwischen fast 3,5 Millionen Tests durchgeführt haben und wie gesagt, bei uns reicht das noch nicht aus. Aber jaja, der Berliner Virologe sagt, es wird „viel“ getestet. Jaja.

Ich hab doch auch keine Lösung. Ich bin einfach komplett alle, schon nach zwei Wochen.

Tag 1690 – Corontäne Tag 17.

Kann mir nicht wer ein Plugin schreiben, dass die Titel automatisch generiert?

Herr Rabe macht ab Dienstag schon Kurzarbeit und aus diversen Gründen bin ich unfassbar wütend auf seinen Arbeitgeber. [Rant-Absatz gelöscht. Lieber Arbeitgeber von Herrn Rabe: falls ihr reden wollt (muhahahahhahaaaaaaaaa!) oder einfach nur wissen wollt, weshalb Leute echt sauer sind auf euch: man kann meine emailadresse googeln.]

Pippis Kapazität, die dauernde Fremdbestimmung auszuhalten, war heute erschöpft. Ein kleines Wutzwergchen wollte sich nicht anziehen und diverse andere unmögliche Dinge, weil es einfach ums Verrecken nicht mit wollte zu Michels Freund B. Einfach nein, einfach gar nicht. Nur leider sagt sie das nicht so, sondern schreit und tritt und tobt und kreischt und weint. Nachdem ich dann mit ihr zu Hause blieb und Herr Rabe mit Michel gefahren war, war alles ok, wir spielten erst zusammen, dann durfte ich auch allein was machen und nach zwei Stunden war es auch ok, dass Herr Rabe uns abholte und wir zum Essen zu B. fuhren, wo sie dann gewohnt fröhlich war.

Es ist echt grad echt schwer für alle.

Herr Rabe meinte heute morgen, die Küche sähe nach meiner Putzaktion aus, als wolle ich sie verkaufen. Ich bin jetzt ein bisschen stolz auf mich und muss kurz damit angeben.

Wir socializen jetzt echt mehr als ohne Corontäne. Es ist ein seltsamer Effekt. Aber irgendwie auch vorhersehbar. Wir kommen ja sonst nie raus, andere aber schon. Jetzt kommen alle nie raus.

Blöde Zeitumstellung soll sich gehackt legen. Jedes Jahr der gleiche kack. Jetzt ist es halb eins und ich nicht müde. Vielleicht stehe ich einfach morgen um fünf Uhr auf um mir einen ordentlichen Schlafmangel zu verpassen, damit ich morgen Abend müde genug bin um um neun zehn ins Bett zu gehen. Ach nee, ich muss ja abends noch nacharbeiten. Beschissenster Tag des Jahres in beschissenstem Monat seit immer August 2018.

Morgen geht eine neue Woche los. Ich mag nicht mehr.

Tag 1689 – Corontäne Tag 16.

Großer Putztag, aber spät, weil erst noch Putzmittel eingekauft werden mussten. Ok, ein Putzmittel. Und Lebensmittel. Es war eigentlich abgemacht, dass Herr Rabe schon mal mit dem Putzen anfängt, während ich das eine Putzmittel besorge. Man hätte ohne dieses Putzmittel schätzungsweise etwa 97% des Hauses putzen können. Ich kaufte also ein. Das war schön, so alleine, und überall wenige Leute, die alle auf Abstand achten, überall lagen Handschuhe und Desinfektionsmittel aus, und bis auf Hefe und geschälte Tomaten in der Dose gab es auch alles noch. Ich kaufte, weil es die gab*, Hanteln, damit ist jetzt jede Ausrede weg und ich kann deutlich effektiveres Krafttraining für die Schulter machen auch wenn ich zur Zeit nicht in den Fitnessraum bei der Arbeit oder das Fitnessstudio kann. Ich kaufte auch einen neuen Mopp, weil ich dachte, das würde vielleicht motivieren, aber Herr Rabe mobbt den Mopp und hätte lieber einen Wischer, aber die sind leider, leider alle weggehamstert**.

Jedenfalls kam ich nach Hause, verräumte die Einkäufe und wollte nur eben Herrn Rabe mitteilen, dass nun auch die letzten 3% geputzt werden können, aber als ich nach oben kam, entfleuchte mir ein „Oh je.“. Herr Rabe hatte nämlich irgendwie zu Anfang des Putzens aus Gründen den Lagerraum betreten und dann da angefangen aufzuräumen. Dazu wurde der ganze Raum zunächst ausgeräumt, diverses umsortiert und manches wieder zurückgeräumt, aber nicht alles und das lag alles lustig verstreut und aufgetürmt vor dem Lagerraum herum. Man kennt das – putzen wollen und dann erst mal mehr Chaos veranstalten, weil man im so ziemlich unwichtigsten Raum des Hauses drauf kommt, dass die Weihnachtsbaumkugeln in einer durchsichtigen Box doch besser zur Geltung kommen.

Also Herr Rabe kennt das. Ich kenne sowas überhaupt gar nicht, ich kann ja bei einem Plan von diesem nicht abweichen. Inzwischen hatte ich fast 13 Jahre Zeit um mich daran zu gewöhnen und an guten Tagen, so wie heute, kann ich mit Herrn Rabe zusammen über unsere manchmal schwer zu vereinbaren Eigenheiten lachen. An schlechten (die deutlich überwiegen) flippe ich wegen sowas gerne aus und wir kriegen uns darüber furchtbar in die Haare.

Immerhin haben wir jetzt einen sehr aufgeräumten Lagerraum und Herr Rabe hat auch noch Bilder aufgehängt. Und unter dem Bett gesaugt.

Ich habe die Küche geputzt und die Bäder so halb. So zum Vergleich.

Während des Ganzen hatte ich übrigens den ganzen Tag „Pink fluffy unicorns dancing on rainbows“ im Ohr, weil Pippi gestern ein Bastelset von der Tante bekam und den ganzen Tag rosa Einhörner anmalt.

In meinem Kopf war es heute sehr lustig.

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*online sind Hanteln und vieles andere Sportzeug überall ausverkauft

**nicht wirklich aber wer den Mopp kauft hat die Macht, so will es das Gesetz

Tag 1688 – Corontäne Tag 15.

Alle Tage sind gleich.

Die Blumen wachsen.

Herrn Rabes Firma macht Geld mit Sport. Also grad nicht.

Herrn Rabes Firma führt Kurzarbeit ein.

Arbeit für mich – alles eskaliert.

Abends möchte ich eigentlich um acht ins Bett, klappt nie.

Twitterkneipe – weiter viel Liebe.

Die Kinder sind motzig. Heute vor allem Pippi. Völlige Verweigerung gegen alles wegen nix.

Michel ist ein großer Spatz. Wir sind heute zusammen spazieren gegangen, er und ich, das war schön. Haben wir uns auch hinterher gesagt.

Ich vermisse meine Kollegen doll.

Und normale Arbeit auch.

3.581 Fälle, 302 im Krankenhaus, 81 zur Zeit auf der Intensivstation.

16 Tote.

78.036 durchgeführte Tests.

Scheiß Film.