Tag 1045 – Auftragsbloggen: Sprache.

Zu meinem gestrigen Beitrag kam eine Frage zur Zweisprachigkeit und da ich heute eh sonst nur über das Wetter rannten oder mit meinem neuen Kleid rumprotzen würde, trifft sich das doch gut.

Also erstmal: wie ist das bei uns Erwachsenen? Nun, ich spreche, wie heißt das so schön, verhandlungssicher Norwegisch. Genauer gesagt: Bokmål, inzwischen mit leichtem Trødersk-Einschlag. Ich traue mir Gespräche zu den allermeisten Themen mit den allermeisten Leuten rein sprachlich gesehen zu und fachliche Gespräche zu meinem Thema auch. Im Norwegischkurs mussten wir zu allen möglichen Themen Aufsätze schreiben, je höher das Level, desto spezieller die Themen, wir waren ja alle schon gut erwachsen, da kann man auch mal über norwegische Umweltpolitik oder Mobbing und Hate im Internet schreiben. Vorstellungsgespräche mit Norwegern führe ich meist auf Norwegisch (und an der Sprache liegt es sicher nicht, dass das nur so mittelschlecht klappt), ich kann auf Norwegisch telefonieren (Fremdsprachen-Härtetest, meiner Meinung nach) und ich kriege von Norwegern wirklich oft Komplimente, wie gut mein Norwegisch doch sei. Manchmal kann ich auch ganz authentisch dieses niedliche „Wie sagt man?“ einfließen lassen. Es gibt ein paar Stolperstricke: Ich kann kein Nynorsk und es gibt einige Dialekte, bei denen sich mir die Fußnägel hochrollen und es gibt ein paar andere Dialekte, die ich wirklich kaum verstehe. Aber im Großen und Ganzen komme ich sehr gut klar. Auch schreiben ist kein großes Problem, ich schaue öfter mal im Bokmålsordboka nach, welches Genus ein Substantiv hat, wie ein Adjektiv gesteigert wird, welche Präposition grad angebracht ist oder ich suche nach möglichen Alternativen, aber das meiste schreibe ich so runter. Yeah me! Interessanter aber ist vielleicht: wie habe ich das gelernt? Nun, als Basis hatte ich ein ehemals fließendes Schwedisch, das ich mir in einem Auslandssemester draufgeschafft hatte. Das hat schon mal geholfen, aber mal ehrlich: gebraucht hätte ich das eher nicht. Als ich dann wusste, dass wir in ein paar Monaten nach Norwegen ziehen würden, fing ich direkt mit einem Online-Kurs an, den ich aber sehr schnell durchhatte, halt wegen des Schwedischen. Dann kam ich hier an und war natürlich zu spät für den Semesterbeginn, mein rostiges Schwedisch verstand keiner, alle sprachen Englisch mit mir und, ach, es wurde also Englisch. Trotzdem meldete ich mich zum Einstufungstest für den Norwegischkurs zum Sommersemester an und bestand die Einstufung zum dritten von vier Leveln. Mit Schwedisch und ein paar norwegischen Ausdrücken aus dem Online-Kurs. Im Februar fing ich also mit dem Norwegischkurs Niveau 3 an der Uni an. Der war nicht ohne, sehr hoher Zeitaufwand (2 mal 4? Stunden pro Woche, plus Hausaufgaben, Tests, Essays…) und am Ende eine 6-Stündige Klausur und 30 Minuten mündliche Prüfung, durch deren Bestehen mit mindestens 2 man das berühmte Sprachlevel B1 erreichte, das man für viele Berufe und auch für die norwegische Staatsbürgerschaft nachweisen muss. Inzwischen reicht dieser Test aber nicht mehr und man muss in jedem Fall den Bergen-Test machen. Nunja, Fun Fact: ich und der Lehrer des Kurses hatten so eine Art Hassliebe aufgebaut, ich war einfach super schlau tierisch nervig und er ließ mich gerne gegen die Wand laufen, aber nach der Klausur standen wir noch eine Weile draußen vor dem Raum herum, der Lehrer und ein paar der besseren aus dem Kurs und unterhielten uns darüber, dass der Einstufungstest für das 3. Level abgeschafft wurde und man zukünftig nur noch in das 2. Level „abkürzen“ könne und der Lehrer meinte „Das ist auch gut so, die aus dem Test kommen sind immer richtig schlecht.“. Als ich ihm dann sagte, dass ich auch aus dem Einstufungstest käme und vorher auch nicht lange in Norwegen gelebt hätte, fiel er aus allen Wolken. In dem Kurs hatte ich das beste schriftliche und das zweitbeste mündliche Ergebnis von allen ca. 30 Schüler*Innen. Hehe. Naja, danach machte ich den vierten Kurs auch noch, der war deutlich leerer, deutlich schöner, beinhaltete ein echtes Buch, das wir lesen mussten (das echt ätzend war. „Naiv. Super.“ von Erlend Loe, lesen Sie dieses Buch nicht, es sei denn, Sie möchten auch in Zukunft eine gestörte Beziehung zum Brio-Bankebrett haben) und ab der Hälfte des Kurses sprach die Lehrerin nur noch Trøndersk mit uns (hartes Trøndersk, mit ganz viel hanj banj manj sjø?). Irgendwann im Laufe dieser Zeit im zweiten Kurs bat ich auch mehr und mehr Norweger bei der Arbeit, norwegisch mit mir zu sprechen. Denn, neben dem Kurs, ist das meiner Meinung nach das Wichtigste, um eine neue Sprache zu sprechen: Machen! So viel reden, wie möglich und vorher Leute bitten, zu korrigieren, wenn man grobe Schnitzer macht. Die werden nicht bei jedem Satz sagen „Das heißt ET bord!“, keine Sorge. Und nachfragen, wenn man was nicht rafft. „Ungan“ zum Beispiel, das ist der (umgangssprachliche, denn eigentlich wäre es Ungene) bestimmte Plural für „Ungen“, wörtlich „das Junge“, umgangssprachlich „das Kind“, also Ungan = die Kinder. Da hab ich lange für gebraucht. Oder Dialektausdrücke. „Kor kjem dokk fra?“ anstatt des im Kurs gelernten „Hvor kommer dere fra?“, wenn man da nicht nachfragt und stattdessen einfach lächelt und nickt, macht man sich zum Affen. Für Sie getestet. Passiven Wortschatz kann man sich prima mit Lesen aneignen. Was man liest ist dabei fast egal, finde ich. Vielleicht keine Schundliteratur mit lauter Grammatikfehlern. Ich lese sehr viele norwegische Krimis, da hat man dann irgendwann jede Menge Polizei- und Mord- und Totschlag-Vokabular drauf, wer weiß, wozu man das dann nochmal braucht. Über das Lesen lernt man Wörter, Ausdrücke und, ganz wichtig, bekommt ein Gefühl für Satzstrukturen und Grammatik. Mein Englisch wurde erst grammatikalisch gut, als ich Harry Potter gelesen hatte. Grade rechtzeitig zum Abi, damals. Beim Sprechen kann man nicht dauernd denken „Den gangen DA, hver gang NÅR“ oder „Subject, verb, object, place, time!“, dafür hat man keine Zeit, das muss aus irgendwelchen tieferen Hirnschichten kommen und da hilft lesen mir ungemein.

Und da kommen wir auch schon zum großen Unterschied zu Herrn Rabe: Herr Rabe hat anfangs keinen Kurs gemacht, spricht bei der Arbeit fast nur Englisch und liest wenig und sein Norwegisch ist noch sehr viel Schwedischer. Vielleicht könnten wir das gemeinsam ändern, wenn wir zu Hause Norwegisch sprächen, aber da sind ja noch…

Die Kinder: Die können beide besser Norwegisch als Deutsch. Sollen aber auch Deutsch lernen, also sprechen wir zu Hause fast nur Deutsch. „Fast“, weil ich manchmal umkippe, wenn Michel mich auf Norwegisch vollschwallt, weil wir manchmal Sachen übersetzen, weil wir manchmal Norwegische Lieder singen und wenn Besuch da ist sprechen wir auch Norwegisch. Sowohl Michel als auch Pippi können auch Deutsch, aber zumindest Michel strengt das sehr an und er übersetzt auch viel aktiv vom Norwegischen ins Deutsche. Das merkt man dann an wunderlichen Ausdrücken („Ich hab mich ausgepullert.“, „Das habe ich aufgefunden!“) oder Satzkonstruktionen wie „Das habe ich gut gemacht, ich.“. Pippi scheint noch nicht so recht zu schnallen, dass sie zwei Sprachen kann und mischt munter. Mitten im Satz. Sowohl hier zu Hause als auch im Kindergarten. Kombiniert mit typischer Kleinkindaussprache führt das dann im Kindergarten zu manch irritiertem Blick, wenn sie ankommt und sagt „Se! Æ ha Zöpsen!“ (Zöpfchen, aber… tjanun!). Auch zu Hause hatten wir schon Wutanfälle, weil wir nicht verstanden haben, was sie mit „Lullelund!!!“ meint. „Rulle runt“ (rumrollen) wäre es gewesen und sie meinte eigentlich, dass ich ihr Essen umrühren sollte. Ich meine, bei Michel, der ja als Baby herkam, und Pippi, die hier geboren ist, Unterschiede im Spracherwerb festzustellen. Michel hat sich scheinbar für Norwegisch als Muttersprache entschieden und behandelt Deutsch wie eine Fremdsprache, die er zwar super versteht, aber ungern (und auch nicht Akzentfrei) spricht. Pippi hat zwei gleichwertige Muttersprachen und kann Norwegisch nur deshalb momentan besser sprechen weil sie mehr Übung darin hat. Michel möchte Kinderfernsehen am liebsten auf Norwegisch sehen, Pippi ist es wurscht. Sie sagt zwar „Peppa Gris!“, singt dann aber die Titelmelodie mit „Peeeeeppa Wutz! Didididiiidii…“. Aber diese Unterschiede können auch Einbildung von meiner Seite sein. Weil ich möchte, dass die Kinder auch schriftliches Deutsch lernen, werde ich zu gegebener Zeit (also: wenn das grundsätzliche Buchstaben Schreiben schon mal funktioniert) auch einen echten Sprachunterricht organisieren, aber ich denke, das hat noch ein Jahr Zeit. Ob sich bewahrheitet, dass zweisprachig aufgewachsene Kinder leichter Sprachen lernen, werden wir dann auch sehen, wenns soweit ist, ich forciere da nichts, weil zumindest Michel vermutlich auch einigermaßen überfordert davon wäre. Und, ehrlich, es gibt Wichtigeres. Man kann Sprachen auch noch als Erwachsene lernen. Man muss es halt einfach machen.

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Auto-Lobhudelei: Weder erwähnt, dass wir uns hier den Hintern abfrieren, noch, was für ein schönes Kleid ich mir genäht hab.

Tag 1044 – No Drama, Baby!

Wenn man sehr emotional ist und darüber schreibt, wie alles den Bach runter geht, sind ganz viele ganz plötzlich ganz interessiert. Ich finde ja, das hat was von Katastrophentourismus, aber tjanun. Falls Sie wegen Drama hier sind, muss ich Sie heute eh enttäuschen. Jetzt grade, in diesem Moment, an diesem Tag, in dieser Woche geht es mir nämlich gut. Richtig gut. Es geht immernoch alles den Bach runter, ich repariere keine Fahrräder, die Kinder streiten, mein Fuß tut weh und gestern habe ich den Ofen angemacht, weil es so scheiße kalt hier ist, aber jetzt gerade kann ich damit umgehen, die Einzelteile und auch die Summe machen mich nicht so kaputt und so verzweifelt und so kraftlos wie sonst.

Ich versuche, diesen Zustand nach Kräften zu genießen und nicht daran zu denken, dass er vermutlich nur vorübergehend ist. Spätestens beim nächsten PMS kommt wieder die Depri-Hormon-Keule. Aber vielleicht, ganz vielleicht, geht das kaputt sein ja doch einfach weg. Ganz ganz vielleicht auch ohne die magische Veränderung, die ein Job oder ein Umzug oder beides hoffentlich mitbringen würde. Ich wünsche es mir ganz vorsichtig.

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Auto-Lobhudelei: mich geschont. Physisch wie psychisch. Mich nicht mal von einem Denk- und einem Flüchtigkeitsfehler beim Nähen aus der Ruhe bringen lassen.

Tag 1043 – Kurze Notizen.

„Aktiv arbeitssuchend“ sein ist nicht nur nervig, sondern unter Umständen auch richtig teuer. Zum Beispiel durfte ich ja dieses Event Bzw. die Reise dahin komplett selbst zahlen, weil wegen isso. Auch Mitgliedschaften in diversen Netzwerken sind zwar zum Teil preislich reduziert, kosten aber schon noch was. Kurse die mir weiterhelfen würden (oder zumindest nicht alle meine Gehirnzellen fressen und mich alles anzünden wollen lassen würden) muss ich, genau, selbst bezahlen. Und dann kommen da noch so vermeintlich alberne Aspekte zu wie: nicht jede*r hat Klamotten im Schrank, die man zu Interviews anziehen kann und manch eine*r hat ne Frisur die regelmäßig nachgeschnitten werden will. Meine zum Beispiel will das und da mein Friseur ab nächster Woche für vier Wochen im Urlaub ist, ließ ich heute locker flockige 700 Kronen da. Memo an mich: Für die nächste absehbare Jobsuche-Phase frühzeitig Langhaarfrisur planen und anlegen.

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Woran man merkt, welches Kind abends aus dem Kinderzimmer getappt kommt, bevor es da ist? Pippi schießt die Kinderzimmertür (generell alle Türen, es liegt also nicht an mir, dass:), Michel nicht.

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Pippi wächst wohl bald mal wieder. Die hat ja eh schon so große Füße und jetzt grad futtert sie Unmengen, zu jeder Mahlzeit, und keine Kohlenhydrate, sondern Proteine, Proteine, Proteine. Käse ohne Brot, Veggie-Würstchen aber keine Pommes, Fischstäbchen, Milch, Joghurt… und nachts wieder Bananen. Wir hatten sie schon von den Nacht-Bananen entwöhnt, es ist also anzunehmen, dass es nur wieder ne kurze Phase ist.

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Auch Pippi: geht jetzt ab und an aufs Klo. Und pullert dann auch. Ok, sie findet auch sehr spannend, dass sie auf dem Klo sitzend recht gut ihre Vulva untersuchen kann. Aber hey, sie ist fast drei, das mit dem Klo fände ich langsam echt gut, und dass sie wissen will, was da zwischen den Beinen alles ist, was man sonst ja schlecht selbst sieht, ist ja normal. Auch wenn ich heute das Angebot „Mama Pippi auch kitzeln?“ schmunzelnd ablehnte und hinterherschob, dass überhaupt gar keiner sie da kitzeln soll, außer ihr selbst. Und sie selbst auch besser nur, wenn ich nicht direkt daneben sitze.

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Michels unangenehmer Freund wird vielleicht doch nicht auf derselben Schule anfangen. Es gab da wohl einen unschönen Vorfall mit dem Alkoholiker-Vater und seitdem hat die Mutter das alleinige Sorgerecht, die Mutter wohnt aber inzwischen in einem anderen Stadtteil und der kleine Bruder wird ja, wie alle Kinder des Kindergartens (s.u.), nach den Ferien den Kindergarten wechseln – in einen bei denen in der Nähe. Dass Michels Freund also in die dortige Stadtteilschule geht, ist recht wahrscheinlich. Ich bin nicht soooo traurig. Also, ich fühle mit dem Kind wegen des Vorfalls und der generell bescheidenen Situation, aber ich finde schön, dass mein Kind das vielleicht nicht mehr ausbaden muss, was Erwachsene an diesem Kind verkackt haben.

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Unsere KiTa macht ja zu, es regt mich eh kolossal auf, aber sie sind jetzt schon seit zwei Wochen massiv am Abreißen und das finde ich echt unmöglich. Da gehen noch Kinder hin, ey, und denen wird sozusagen der Kindergarten unterm Hintern demontiert. Ich möchte da echt mal den Verantwortlichen bei der Kommune die Meinung sagen, diese ganze Aktion ist von vorne bis hinten mies.

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Auto-Lobhudelei: heute mehrere Job-Mails geschrieben, bei denen ich höflich, aber direkt mal nach dem Status gefragt hab. Auch: auf meinen Körper gehört und meinen Fuß geschont, der tut nämlich weh und mag weder gehen noch hopsen. Werde wohl einige Oberkörper-Workouts machen in den nächsten Tagen.

Tag 1042 – Neun Jahre.

Seit neun Jahren und ein paar Stunden sind Herr Rabe und ich jetzt verheiratet. Um diese Zeit vor neun Jahren saßen wir in unserer Küche, wo wir mit Freunden bestellte Pizza gegessen hatten und tranken Bier. Herrje, was waren wir jung. Und herrje, was war das toll. So „früh“ zu heiraten, also jung und nach grad mal guten eineinhalb Jahren Beziehung, war im Nachhinein betrachtet eine der besseren Ideen, die wir so hatten.

Auch wenn uns in den letzten Jahren auch nicht immer die Regenbogen pupsenden Einhörner um die Ohren flogen (Danke, liebe Jette, für diesen Ausdruck!), haben wir doch immer zusammengehalten. Wir haben uns und wir haben uns lieb. Und unseren Hochzeitstag vergessen wir beide grundsätzlich und „feiern“ auf der Couch. So kann’s gern noch neun…undfünfzig Jahre weitergehen. Oder mehr. Murch!

Tag 1041 – Der Bauch und ich.

Neulich bekam ich zu diesem Foto hier den Kommentar, ich hätte einen schönen Bauch. Und ich antwortete, dieser Bauch sei das Produkt von guter Grundfitness, dann zwei Schwangerschaften, zweimal Schilddrüsenscheiß und jetzt sechs Monaten Training. Das wurde als Verteidigung verstanden, dabei war es gar nicht so gemeint gewesen. Seitdem wollte ich das mal näher ausführen, und heute, als ich in einer Umkleidekabine so ein hautfarbenes Ganzkörper-Shaping-Dings anhatte, fasste ich den Entschluss, das auch zu tun.

Also. Mein Bauch. Einstmals war er super trainiert, ganz flach und vor allem fest. Das ist aber wirklich schon sehr lange her, nämlich schätzungsweise 15-18 Jahre. Dann bekam ich ohne erkennbaren Auslöser so ein kleines (also wirklich ein sehr kleines) rundes „Frauenbäuchlein“. Also halt eine kleine Minikugel unterm Bauchnabel, an einigen Tagen und in einigen Phasen deutlicher zu sehen als an/in anderen. Anfangs störte mich dieses Bäuchlein total, weil man das sah, wenn ich saß, das rollte sich und plötzlich konnte man auf die Idee kommen, das sei keine Kugel sondern eine Rolle. Ich fühlte mich unwohl und versuchte das wegzutrainieren, mit mäßigem Erfolg. Irgendwann fand ich mich damit ab, dass mein Bauch halt, egal wie trainiert ich war, nicht wieder ganz flach wurde, aber so richtig happy war ich nicht damit.

Dann bekam ich ein Kind, der Bauch wurde riesig, bekam Schilddrüsenscheiß und der Bauch ging tatsächlich ganz weg, bekam noch ein Kind und der Bauch wurde wieder riesig, bekam wieder Schilddrüsenscheiß, bemerkte es aber rechtzeitig, sodass sich der Gewichtsverlust dieses Mal in Grenzen hielt und dann trainierte ich viel, auch den Bauch, vor allem aber die gesamte Rumpfmuskulatur, und dann ist jetzt.

Wie ist mein Bauch jetzt? Nun, optisch nicht so viel anders als damals mit meinem Frauenbäuchlein. Etwas breiter ist er geblieben, weil sich die Rektusdiastase nicht wieder ganz geschlossen hat, etwa einen Zentimeter habe ich da also jetzt mehr. Der Bauchnabel sieht etwas anders aus. Je nach Zyklusphase, Blasenfüllstand und dem zeitlichen Abstand zur letzten Mahlzeit habe ich ein mehr oder weniger deutliches Frauenbäuchlein unterhalb und mehr oder weniger erkennbare Bauchmuskeln oberhalb des Nabels. Die Haptik hingegen hat sich im Vergleich zu früher deutlich verändert, denn mein Bauch ist jetzt weich. Über den Bauchmuskeln spannt sich jetzt keine straffe Teenie-Haut mehr, sondern man kann die wattige Haut-Speckschicht munter hin- und herschieben und darin herumwalken (etwas, das die Kinder auch gerne tun, das ich aber meist sehr schnell unterbinde). Wenn ich beim Sport im Vierfüßlerstand stehe, hängt dieser Teil des Bauches richtig runter, wie bei einem Beuteltier. Also, so stelle ich mir das vor, wenn sich ein Beuteltier so hinstellen würde, dass da dann einfach der Beutel runterhängt.

Tatsächlich gucke ich in den Spiegel (und das tue ich oft, ich bin einigermaßen eitel), pieke ein bisschen in den weichen Bauch, bohre mich manchmal zu den Muskeln durch und freue mich darüber, wie fest die sind und dann schaue ich ganz genau hin und finde mich total in Ordnung so. Weich. Mit einem Bauch, dem man ansieht, was er geschafft hat und was er mitgemacht hat. Vielleicht ist auch mein Blick auf meinen Körper weicher geworden, wer weiß das schon so genau. Ich bin jedenfalls froh, dass ich nicht mehr dauernd denke „Oha, so nicht sitzen, der Bauch!“. Objektiv gesehen war ich vor 10 Jahren noch viel näher am allgemeinen Bild von Schönheit, dabei mag ich meinen Körper jetzt in der post-Straffheits-Phase viel mehr.

Wie kam es dann zum Shapewear-Vorfall? Nun, der oben gezeigte Rock ist ein biiiisschen durchsichtig. Nicht schlimm, aber so, dass sich meine üblichen weißen Unterhosen abzeichnen. Es sieht dann von oben nach unten so aus: Rockbündchen, haut-durchscheinender Rock, weiß-durchscheinender Rock. Für das Foto hatte ich deshalb auch eine Unterhose bis zum Anschlag hochgezogen, das ist nur nicht praktikabel, wenn man auch gehen möchte. Oder atmen. Also wollte ich mir neue Unterhosen kaufen und dachte mir, ich könnte es ja mal mit so Shapewear probieren, wer weiß, was die noch rausreißt und dann könnte ich ja auch bestimmt ganz toll sitzen ohne dass der Bauch in seiner ganzen Weichheit irgendwelche Sachen macht, die ein Gegenüber vielleicht mit nicht ganz so weichem Blick betrachtet. Und weil ich keine Ahnung habe, habe ich heute bei Lindex (ja eh meinem favorisierten Unterwäsche-Laden) einfach alle verfügbaren Modelle in 36/38 und 40/42 mit in die Umkleide genommen. Beim Anprobieren fing ich bei „festerer Schlüpper“ an und arbeitete mich bis zu „20er-Jahre-Badeanzug in hautfarben“ vor. Die Größe war schon eine Hürde, weil 40/42 zwar bequemer saß, aber rutschte (die wenig formenden Versionen) oder Falten warf (die stärker formenden). 36/38 war bei einigen Unterhosen-Modellen am Beinausschnitt zu eng, sodass es da eine Beule gab und beim Body und beim Badeanzug war einfach die Gesamtlänge viel zu kurz (als wären schlanke Frauen automatisch auch viel kürzer). Und so stand ich in der Umkleide, probierte und probierte, beäugte meinen Körper kritisch von allen Seiten, alle Fältchen und Röllchen und den weichen Bauch und den weichen Bauch in der plattgedrückt-Version und die Kalbsschnitzel Brüste und ich fragte mich, ob man bei so einem Body oder auch dem Badeanzug den BH wohl drüber oder drunter trägt und ob sich da keiner fragt, warum jemand vier BH-Träger hat und ich guckte ganz kritisch meinen Bauch und meine Taille an und die Beinausschnitte und den Po und dann zog ich mich an und hängte den ganzen Kram auf den Nein-Danke-Ständer und holte ganz normale High-Waist Unterhosen in weiß. Und am Ende hätte ich dann fast sechs davon gekauft. Das Durchschein-Problem beheben die nämlich genauso und mein Bauch gefällt mir formlos un-shaped immernoch am Besten. Das hat selbst mich ein bisschen überrascht. Aber positiv.

Keine „gefürchteten Bauch-Weg-Schlüpfer“ wie in Bridget Jones.

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Auto-Lobhudelei: voll zufrieden mit meiner Entscheidung und allem. Außerdem hat noch nie wer so effizient die relevanten Infos (Essen ja/nein? Wann bringen? Wann holen? Wann anfangen?) Bei der Erzieherin von Pippis neuer Kita abgefragt wie ich heute.

Tag 1040 – Übertrieben.

Meine Erkenntnis des Tages ist: bloß weil ich irgendwas kann, heißt das lange noch nicht, dass ich das machen sollte.

Anders gesagt: ich habe es heute mal wieder mit Laufen probiert. Also Joggen. Alle Welt geht Joggen, das kann so schwer (und so schlimm) also gar nicht sein. Und so ein tolles Workout ist das ja und überhaupt SO VIEL MEHR ALS SPORT!!1elf! Auf vorm Fernseher hopsen hatte ich auch irgendwie keine Lust, das Wetter war optimal, also zog ich meine Turnschuhe an und lief los. Und war tatsächlich überrascht, dass mein Körper inzwischen eine knappe Stunde Laufen durchhält, ohne allzu starke Ausfallserscheinungen. Früher(TM) als ich noch rauchte und auch ein paar Jahre danach noch hatte ich immer nach spätestens einem Kilometer das Gefühl, meine ganze Lunge stünde in Flammen und ich müsste die gleich am Stück raushusten. Alternativ hämmerte mir mein Herz sehr unangenehm quasi direkt in der Kehle. Heute gingen sowohl Herz* als auch Lunge echt gut, sodass ich mich voll auf „Aua, die Waden!“ und „Hoffentlich sieht mich keiner, den ich kenne, mein Gesicht sieht ja schon wieder aus wie kurz vorm Hitzetod.“ konzentrieren konnte. Man muss dazu sagen, dass ich wirklich langsam gelaufen bin. Noch langsamer wäre gehen gewesen, ehrlich, Kinder auf Laufrädern haben mich überholt. In diesem Schneckentempo war ich also im Endeffekt eine Stunde unterwegs. Ich fand es durchweg nicht schön, wenig überraschend. Laufen ist einfach nicht meins, auch nicht mit Podcast auf den Ohren, auch nicht durch die schöne Natur, einfach gar nicht. Nach etwa 30 Minuten hätte ich einen See aussaufen können und wollen (und, Spoiler, auch sollen). Aber immerhin hielt ich durch, ich verreckte nicht irgendwo und ich begegnete zwar ca. 12.000 deutschen Touristen aber null Bekannten. Ich kam nach Hause und Michel stellte fest: „Mama? Du bist rot im Gesicht.“ und dass das doch viel besser gewesen wäre, ich wäre Fahrrad gefahren**, dann hätte es nicht so lange gedauert. Freches Kind. Ich trank gefühlte fünf Liter*** Wasser, dehnte und als ich nach nur 30 Minuten dann auch mal zu schwitzen aufgehört hatte, ging ich duschen. So weit, so gut.

Kurz darauf begannen die Kopfschmerzen. Und die Übelkeit. Und das dringende Bedürfnis, einfach direkt ins Bett zu gehen und nie mehr aufzustehen. Nach etwa drei Stunden fand ich mich auf dem Küchenfußboden (keine Sorge, da war ich kontrolliert und beabsichtigt gelandet) und googelte „Überanstrengung Symptome“, weil ich einfach nicht mehr hochkam. Mein Kopf fühlte sich an, als würde er platzen müssen, mein Kreislauf war komplett im Keller und meine Muskeln bar jeder Kraft. Immerhin ergab das Googeln, das ich mit meiner Befürchtung recht hatte und es einfach total übertrieben hatte mit der Stunde. Auch wenn es sich in dem Moment gar nicht so angefühlt hatte, hatte ich mich doch sehr übernommen und das war jetzt die Quittung.

Als ich zu Herrn Rabe sagte, dass ich gedenke, nie wieder Sport zu machen, lachte er nur und sagte, das sei wie mit dem „Nie wieder Alkohol!“ wenn man einen Kater hat. Da mag er recht haben, aber Laufen gehe ich wohl wirklich eher nicht noch mal.

(P.S. Nein, danke, ich möchte wirklich keine Tipps, wie ich das mit dem Laufen anstellen könnte, dass es mich nicht voll aus den Latschen haut. Ich mag es nicht, mein Körper mag es nicht, ich bewege mich anderweitig durchaus ausreichend, ich sehe nicht, wieso ich auch noch laufen sollte.)

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Auto-Lobhudelei: tatsächlich auf dem Küchenfußboden festgestellt, dass es jetzt halt so ist, dass nix mehr geht und daraufhin die To-Do-Liste To-Do-Liste sein gelassen und mich ins Bett verkrochen.

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*Den Beta-Blocker habe ich vor vier Wochen abgesetzt, also der müsste inzwischen auch aus dem System raus sein.

**Fahrrad fahren ohne Ziel ist für mich noch weniger verlockend als durch die Gegend rennen ohne Ziel.

***In Wirklichkeit war es direkt beim Heimkommen etwa ein Liter (verteilt auf drei Gläser), in den nächsten drei Stunden weitere zwei Liter und jetzt grade bin ich bei viereinhalb.

Tag 1039 – Die 45-Minuten-Bluse.

Jeah, Klickbait-Titel! In Wirklichkeit hab ich deutlich länger dafür gebraucht, aber mit Übung sind 45 Minuten gut machbar. Im Grunde ist der Schnitt nämlich so easy, dass man ihn kaum Schnitt nennen kann. Aber sehen Sie vielleicht erstmal hier, was meine Inspiration war. Eigentlich war ich nämlich drauf und dran, einfach ne Bluse zu kaufen. Meine bevorzugte Marke für seriösere Kleidung, die trotzdem noch keine Niere kostet, ist seit jeher Esprit und die einzigen paar seriösen Kleidungsstücke, die ich besitze, sind alle von da. (Und ich winke an der Stelle mal in die Schweiz.) Leider sind die paar Sachen, die ich hab, aber alle eher langärmlig und warm, ich hätte halt gern noch was sommerlicheres. Esprit gibt’s hier aber im Laden eh nicht und online-Shopping ist irgendwie nicht so ganz meins, und dann kommt noch erschwerend hinzu, dass ich bei vielen „simplen“ (in Modesprech: clean) Sachen inzwischen sofort denke: das kann ich auch selbst machen. Wenn ich es selbst mache, habe ich noch Spaß dabei und in irgendeinem krassen Niedriglohnland muss niemand für mich Kleidung nähen*. Bisher kam dabei immer heraus, dass ich das Kleidungsstück nicht gekauft, aber auch nicht nachgenäht hab, weil, ach. Weil halt. Diesmal aber schon.

Das Ergebnis sieht so aus:

Der Schnitt ist mega einfach und sieht im Grunde aus wie ein Tetris-L. Die untere Kante habe ich außen noch abgerundet, sodass Vorder-und Rückteil wie ein U geformt und nur bis zur Rundung vernäht sind, sieht man hier nicht, aber dadurch kriege ich halt kein Enge-Problem über den Hüften.

(Weil durch die Falten der Kragen enger ist, muss eine Lösung her, das über den Kopf zu kriegen.)

Das Ganze geht dann ca. so: man nehme einen leichten und ganz weich fallenden Stoff, hier gewebte Viskose. Schneide alles zu, Vorne, hinten, Belege nach Wahl (je nach Halsausschnitt, für den Kragen mit Falten braucht es vorne einen schmaleren Beleg, dafür hinten zwei breitere Teile, für den Fake-Hemdkragen hinten schmaler, vorne zwei breitere Teile), ergibt 5 Teile. Für mich reichen da 65 cm Stoff dicke. Bei Webstoffen alle „offen bleibenden“ Kanten versäubern, also alle, die nicht mit einem anderen Stoffteil vernäht werden. Für Version 2 die Falten am Halsausschnitt vorbügeln und mit Nadeln fixieren, dann Schulternähte schließen**, Schulternähte am Beleg schließen, Belege annähen*** (Obacht bei dem „V“-Ausschnitt an Version 1, auf jeden Fall den Stoff bis zur Naht einschneiden, auch wenn’s die Nerven kitzelt, sonst wird’s ömmelig!). Die Naht unterm Arm schließen**, die Seitennähte schließen, unten säumen, die Ärmel entweder normal säumen oder zweimal umschlagen, bügeln und mit ein paar Stichen unauffällig fixieren. Für Version 2 hinten einen Knopf annähen und eine Garnschlaufe andutzeln. Fertig ist die Laube, äh, Bluse.

Das ist jetzt natürlich kein toll figurnaher Schnitt, soll es aber auch nicht sein. Dadurch dass der Ärmel nicht durch eine Naht abgesetzt ist, ich aber gar nicht aussehe wie ein T, ziehen sich da natürlich Falten an den Schultern, was, wie ich finde, nochmal einen lässigeren Look macht. Ich liebe die Kombination aus feinem Stoff und lockerem Schnitt, ich mag wie es fällt vor allem so in den Rock gestopft. Für mich ist das eine super Möglichkeit, seriös (und modisch! also bis nächste Woche, da ist dann wieder was anderes modisch) auszusehen ohne mich zu verkleiden. So können Sommer-Vorstellungsgespräche kommen. Und hell yeah, ich habe das selbst gemacht. Ganz allein. Auf dieser Welle des Größenwahns reitend werde ich mir noch so eine Bluse machen. Aus Seide. Version weiß ich noch nicht.

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Auto-Lobhudelei: fast nahezu halbwegs cool die einigermaßen eskalierenden Kinder ertra… begleitet.

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*Wobei das recht kurz gedacht ist, das ist mir schon klar. Zum Beispiel werden meine Stoffe sicher nicht in Norwegen gewebt und gefärbt und die Frau in der Fabrik in Bangladesh arbeitet sich sicher den Arsch wund, aber ja auch nicht zum Spaß, sondern die ernährt damit vielleicht fünf Kinder und die klapprige Mutter und wenn jetzt deren Job wegfällt, weil keiner mehr das Zeug kauft, ist das erstmal Käse, so ohne irgendeine Arbeitslosigkeits-Absicherung. Aber ne gute Lösung dafür kann wiederum meiner Meinung nach nicht von mir verlangt werden, da müssen in allererster Linie die Staaten ran, in denen Niedriglohnarbeit ein akzeptiertes Geschäftsmodell ist.

**Für nach außen gekrempelte Ärmel empfehlen sich da französische Nähte, also erst links auf links nähen, umkrempeln und die Nahtzugabe der ersten Naht mit einer zweiten Naht rechts auf rechts sozusagen in einer Tasche einschließen. Umbügeln, fertig.

***Bei Version 2 habe ich die Belege angenäht, bevor ich die Schulternähte geschlossen hab und fand das deutlich einfacher.