Tag 1052 – Erster Schritt.

Wir haben ungelogen den ganzen Tag am Rechner gehangen, Häuser angeguckt, Google Maps angestarrt, überlegt, noch mehr überlegt und noch weiter überlegt und am Ende haben wir uns dazu durchgerungen, die Wohnung hier in Trondheim zu kündigen. Heute. Damit wir nicht eventuell noch einen Monat mehr weiter Miete zahlen* ohne hier zu wohnen, weil plötzlich alles schnell geht und weil wir eh hier weg wollen, notfalls auch ohne dass ich einen Job in Aussicht** habe. Die Kündigung war dann auch schnell geschrieben, unterschrieben, gescannt, in den Briefkasten des Maklerbüros geworfen und der Scan mit den Worten „liegt schon im Briefkasten“ per mail geschickt. Das ist jetzt also fest. Allerspätestens am 30.9. heißt es: Tschüss, Trondheim.

Puh.

Ich freue mich drauf und mir graut es davor. Aber die Freude überwiegt dann doch. Sehr viel.

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Auto-Lobhudelei: eine schwierige Entscheidung*** endlich getroffen. Das muss reichen.

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*Ich sag mal so: so wie die Kommunikation mit dem Maklerbüro für diese Wohnung immer war, habe ich ganz wenig Hoffnung, dass die sich irgendeine Mühe geben würden, schnell Nachmieter zu finden und uns einen Teil der Mieten bis zum eigentlichen Ende der Kündigungsfrist zu erlassen. Vielleicht wenn wir die Vermieterin bitten, sich dafür einzusetzen. Könnte man ja mal machen, so nach dreieinhalb Jahren in dieser (das ist denen ja auch klar) sauteuren Wohnung.

**Habe den Chipsmann dafür noch mal schnell kontaktiert und er hat mir nochmal bestätigt, dass er keinen Grund zur Annahme sieht, dass der Finanzmensch und er sich uneinig sein könnten, was „Frau Rabe fängt im August hier an“ angeht.

***Da hängt ja noch viel mehr dran. Zum Beispiel werde ich dann jetzt aufhören, Bewerbungen in alle Welt zu schicken. Oslo it is. Oder besser: irgendwo zwischen Oslo und Chipsfabrik. Hitliste möglicher Orte und wiederum Häuser in diesen Orten steht.

Tag 1051 – Grüße aus der Chipsfabrik!

Nein, ich bin ja schon wieder zu Hause. Hier ein Bild vom Kartoffellager:

Das Gespräch heute war sehr lang, sehr aufschlussreich* und ich brauche Ihre Daumen jetzt bitte dafür, dass der Finanzchef mir und dem Chipsmann keinen Strich durch die „Frau Rabe fängt zum August hier an“-Rechnung macht, ja?

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Haussuche: macht langsam keinen Spaß mehr. Das gestern angesehene ist aber raus. Da kriegen wir für etwas mehr Geld was deutlich besseres. Aber nach Dauer-Durchforstung des Internets sehen inzwischen alle Objekte gleich aus.

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Auto-Lobhudelei: ehrlich, offen, neugierig und direkt gewesen. Und dabei super ausgesehen.

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* Das wird… spannend! Ähm. Viel zu tun! So viele Möglichkeiten! Eine Herausforderung! (Spaß beiseite: es gibt echt viel zu tun, es ist echt riskant und ich hab richtig Lust drauf es zu probieren.)

Tag 1050 – Wie man in Norwegen ein Haus kaufen könnte.

So. Jetzt nehme ich mir die Zeit.

Aus meiner deutschen Sozialisation heraus habe ich einen heiden Respekt vorm Hauskauf. In Deutschland ist das ja auch ein Riesending. Im Normalfall macht man es ja etwa so: Man arbeitet als junger Mensch, man arbeitet viel, wohnt irgendwie sauteuer zur Miete, legt was auf die hohe Kante (vielleicht hat man noch den guten alten Bausparvertrag von Mama und Papa, vielleicht können die auch für nen Kredit bürgen), dann heiratet man, kriegt vielleicht (!) das erste (!) Kind noch in der Mietswohnung und dann ist es Zeit für den Hauskauf. So Anfang 30. Finanziert auf mindestens 30 Jahre. Ein halbes Jahr Suche kann man schon einkalkulieren, es ist schließlich DIE GRÖßTE ENTSCHEIDUNG UND INVESTITION DEINES LEBENS!!!1elf. Viele, die ich kenne, sind auch immernoch der Meinung, in Wohneigentum bleibt man dann wohnen bis man mit den Füßen voran herausgetragen wird, so wie unsere Großeltern das schließlich auch machten. Dass das irgendwie kurz gedacht ist, weil sich auch die Arbeitskultur stark verändert hat und die wenigsten meiner Generation von der Lehre bis zur Rente im selben Betrieb bleiben lassen wir mal beiseite. Jedenfalls, wenn man ein Haus kaufen will, geht man zur Bank, die rechnet aus, was man sich leihen könnte, dann geht man zum Makler, der zeigt einem, keine Ahnung, 2,3 Objekte? Dann geht man mit dem Exposé zur Bank, die Bank so hmmhmm…, dann geht man noch mit nem Gutachter durch und dann vielleicht nochmal mit nem anderen Gutachter und dann bildet man sich ein DIE GRÖßTE ENTSCHEIDUNG SEINES LEBENS beruhigt treffen zu können und kauft das Haus oder eben nicht. Am Ende sitzen dann alle beim Notar, der nimmt fürs weise aussehen und geschäftig nicken und Ausweise überprüfen 5000€ für 20 Minuten und dann hat man ein Haus. Und Kaufnebenkosten von ca. 10% an der Backe, weshalb es auch einfach gar keinen Sinn macht, innerhalb kurzer Zeit wieder zu verkaufen, denn die Kaufnebenkosten sind dann eben futsch.

Auftritt: die Norweger. Der gemeine Norweger hat einen Bausparvertrag, hier BSU (Bolig Spar Ung) genannt. Der gibt eine ganz gute Rendite und vor allem Steuerfreibeträge (deshalb macht das auch erst Sinn, wenn man schon etwas Geld verdient), allerdings kann man nur einen bestimmten Betrag pro Jahr (25.000 Kronen) und auch insgesamt (300.000 Kronen) ansparen. Und man MUSS das angesparte Geld am Ende für irgendwas mit Wohnen nutzen. Man muss nicht selbst kaufen, man kann auch das Haus der Großeltern erben und umbauen oder das Dach sanieren, aber es muss irgendwie mit Wohnen zu tun haben. Wir haben keinen BSU-Vertrag. Damit sind wir echte Exoten. Aber wir sind ja eh Exoten, denn: der gemeine Norweger kauft seine erste Bude im Studium. Der BSU-Vertrag ist da ja ne gute Grundlage, denn: man braucht 15% des Immobilienwertes als Eigenkapital. Mit 300.000 Kronen Eigenkapital* kann man also etwas für 2 Millionen Kronen kaufen, wenn man nicht grad ganz zentral in Oslo (oder auch Trondheim) wohnen will, reicht das für ne ziemlich anständige 2 Zimmer-Küche-Bad-Wohnung. Der gemeine Norweger wohnt in dieser Wohnung also eine Weile, sagen wir mal, 5 Jahre, dann ist das Studium vorbei und er will mit seiner Freundin zusammenziehen, zwei Leute verscherbeln also ihre 2-Millionen-Wohnungen (an denen sie ja auch 5 Jahre abbezahlt haben UND die, zumindest in den meisten Landstrichen in den letzten 10 Jahren, immens an Wert gewonnen haben) und ziehen zusammen in eine… 3,5 Millionen Wohnung. Man will es ja nicht übertreiben. Jetzt arbeiten sie beide voll und fertig ausgebildet, bekommen Kinder, die Wohnung wird klein, nach wieder fünf Jahren wird die Wohnung wieder verkauft und ein Haus bezogen. Für 5 Millionen. Der gemeine Norweger und seine Freundin sind dann jetzt etwa so alt wie der gemeine Deutsche und seine Frau. Und warum funktioniert das norwegische System? 1. Weil es kulturell hier anders ist. Niemand nimmt automatisch an, wenn du ein Haus kaufst, dass du da für immer wohnen bleiben wirst. 2. weil die Mieten so hoch sind, dass neben einer Miete kaum jemand schafft, nennenswert Vermögen anzusammeln (15% von dem 5 Millionen-Haus mit Anfang, Mitte 30 ist kein Pappenstiel). 3. weil die Wohnungspreise immernoch steigen und gleichzeitig die Kreditzinsen grad echt günstig sind und 4. weil die Kaufnebenkosten viel geringer sind. Nämlich 2,5 %, plus ein paar Kleckerbeträge um die 500 Kronen. Nix Notar. Man „verliert“ also auch einfach nicht so viel, wenn man nach einigen (wenigen) Jahren wieder umzieht.

Aber wie läuft das denn nun mit dem Hauskauf? Also, erstmal redet man mit der Bank, wieviel man denn leihen kann. Wenn man nicht grad Ausländer ist und das außerdem zum ersten Mal macht, geht das unter Umständen auch vom Sofa aus mit ein paar Klicks. Die Bank stellt dann einen sogenannten Finanzierungsbeweis aus. Da steht dann im Grunde „Frau Rabe kriegt von uns 3,4 Millionen, weil sie 600.000 Eigenkapital hat und genug verdient um das entsprechend abzuzahlen“. (Spoiler: verdient sie grad eher nicht, aber ihr Mann schon, aber sie ist unter 34 und kriegt noch nen günstigeren Bankkredit als ihr quasi greisenhafter aber reicher Ehemann.)

Mit diesem Wisch in der Hand auf dem Handy geht man dann los und durchforstet Finn.no. Das ist wie Ebay Kleinanzeigen, nur cooler. Da stehen tausende Wohnungen drin. Wenn einem eine gefällt und die innerhalb des Preissegments ist, das man anpeilt, geht man zur Besichtigung. Das sind normalerweise feste Termine von MAXIMAL einer Stunde. Da steht man dann zum Teil auch mit 20 anderen Paaren, in einer extra aufgehübschten** Wohnung und wird vom Makler in blumigen Worten durchgeschleust. Weil 20 andere Paare da sind und die Eigentümer selbst im Normalfall nicht kommt man kaum dazu, vernünftige Fragen zu stellen oder Sachen wirklich mal genauer abzuklopfen. Mit einem eeeeetwas umfangreicheren Eindruck als vorher geht man also wieder nach Hause und dann kommt die Budrunde. Da sitzen jetzt alle die Paare mit ihren Finanzierungsbeweisen und bieten via Finn oder (nicht mehr so üblich wie noch vor wenigen Jahren) per SMS*** auf das Objekt. Über den Betrag, den die Bank abgesegnet hat, kann man nicht gehen, das lässt das System nicht zu, aber im Prinzip ist es echt wie bei eBay. Bequem von zu Hause aus. Oder aus der Straßenbahn. Wer am meisten bietet, kriegt halt das Objekt. Der Bank ist es wurst, was du kaufst, dem Makler und den Verkäufern ist es wurst, wer es kauft und ich habe auch schon von Leuten gehört, die so oft in budrunden überboten wurden, dass es ihnen am Ende fast schon wurst war, was sie kauften. Auf der anderen Seite habe ich auch eine Kollegin, die ihre erste Wohnung echt günstig bekommen hat, weil niemand darauf bot und sie als einzige dann mit einem Gebot deutlich unter der von den Verkäufern angepeilten Summe den Zuschlag bekommen hat. Das muss dann zwar der Verkäufer trotzdem absegnen, aber wenn er das macht, kann man so manchmal echte Schnäppchen machen, zum Beispiel wenn Objekte ganz schnell verkauft werden müssen und keine Zeit fürs Aufhübschen und mehrere Besichtigungstermine bleibt.

Das Haus, das ich heute angesehen habe, ist auch so ein Kandidat. Und nachdem ich es heute gesehen habe, würde ich auch nicht mehr den angepeilten Preis bieten, sondern etwas deutlich darunter. Nicht, weil es irgendwie schlecht gewesen wäre, aber eins gilt auch in Norwegen: Lage, Lage, Lage. Und ein Vorort von einem Vorvorvorort von Oslo, auf einem Berg, hinter einem Wald, das ist… keine tolle Lage. Außerdem ist der Ofen doof und zu nah an der Wand (Brandschutz sagt: 10 cm! Meine ersten 2 Zeigefingerglieder sind nicht 10 cm lang!), die Platte unterm Ofen ist zu klein, am einen Fenster ist ein Kratzer im Rahmen und eine Dachpfanne ist lose. Und im Obergeschoss hat alles Schrägen, was das Aufstellen des Kinder-Hochbetts halt etwas verkompliziert. Aber vielleicht kriegen die dann auch einfach das große Zimmer mit den vier Fenstern, in das man keine Schränke stellen kann, weil halt überall Fenster sind. Ja, nee. Den Preis den die haben wollen, möchte ich nicht bezahlen. Da reißt es die Badewanne auch nicht raus.

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Auto-Lobhudelei: Ich. Habe. Ein. Haus. Besichtigt. Ganz. Alleine. Zum. Ersten. Mal. In. Meinem. Leben****.

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*Man kann auch anderes Eigentum beleihen, zum Beispiel das Haus der Eltern. Das machen aber nicht alle Banken und keine nimmt Eigentum außerhalb Skandinaviens als Pfand.

**woran man merkt, dass Norweger bald ausziehen: Sie lackieren ganz schnell noch mal die Haustür (ohne sie vorher abzuschleifen, muss ja nur für 1 Stunde gut aussehen) oder streichen das Grafitti an der Hauswand mit einer… nahezu zur Restwand passenden Farbe über. Es wird auch gern günstige Deko geliehen oder sogar gekauft, weil es sich halt lohnt. Für 1000 Kronen aufgerüscht, für 50.000 mehr verkauft.

***Deshalb geht das jetzt über Finn und mit automatischer Kontrolle des Finanzierungsbeweises: weil die Leute, die per SMS geboten haben, alle Blut und Wasser geschwitzt haben, dass sie versehentlich ne null zu viel eingetippt haben. So jedenfalls meine Theorie.

****Das hat meine norwegische Freundin gestern ziemlich amüsiert („hehe, wie alt bist du noch mal? 33?“ Sicher?), aber sie hat sich dann die Zeit genommen, mit mir den ganzen 60-Seitigen Hausprospekt durchzugehen. Viel Liebe dafür.

Tag 1049 – Cliffhanger.

Tja, das war ein ordentlicher Cliffhanger gestern, oder? Also, heute kam ich leider auch nicht zum ausführlichen Bloggen darüber, wie man hier ein Haus kauft, ich war nämlich mit anderen Dingen beschäftigt. Ich habe Zahlen hin und hergeschoben, Kassensturz gemacht, Briefe an Versicherungen geschrieben, mit der Bank telefoniert und einen Besichtigungstermin für das Haus, das ich gestern Nacht quasi aus Versehen fast gekauft hätte, wäre das denn gegangen, ausgemacht. Denn das haben Hauskäufe in Norwegen und Deutschland dann schon gemeinsam: man sollte das Objekt vielleicht doch vorher mal angeschaut haben.

Und heute Abend hatte ich dann auch keine Zeit, denn ich habe mit meiner Familie telefoniert und das ist zeitlich dann alles eskaliert. Auf jeden Fall stehen die Chancen halbwegs gut, dass wir das Eigenkapital zusammengekratzt und -geliehen bekommen. (Ja, ich weiß, dass es nicht ohne Grund illegal ist, Eigenkapital zu leihen. Aber es ist kompliziert und ich habe da sehr viel dran rumgerechnet, so viel Hirn kann man mir schon zutrauen, dass ich das nicht ohne Grund tun würde. Auch wenn ich gestern fast aus Versehen ein Haus gekauft hätte*.)

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Auto-Lobhudelei: ich habe echt jemanden um Geld gebeten. Um viel Geld. Sie glauben gar nicht, wie enorm dieser Schatten war, über den ich da gesprungen bin. Dass ich vielleicht damit den nächsten Familieneklat ausgelöst hab, fühlt sich da fast schon ein wenig verdient an.

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*Fun Fact: das, was ich bieten wollte, wäre ~40.000€ unter dem veranschlagten Preis gewesen. Dafür hätten wir das Eigenkapital sogar schon (mit Hängen und Würgen). Ich wollte ja nur wissen, wie das geht. Und wenn ich das Haus dann echt gekriegt hätte, weil niemand drüber geht und der Verkäufer das Ding so dringend loswerden will, dass er die Kröte schluckt, wäre das ein echtes Schnäppchen gewesen. Vermutlich. Weil: erstmal angucken.

Tag 1048 – Alles viel zu aufregend.

Ich hätte grad fast auf ein Haus geboten, einfach so, um mal zu wissen, wie das ist und geht. Verraten Sie mich nicht an Herrn Rabe, ja? Es hat eh nicht geklappt, weil mal eben und ohne „Finanzierungsbeweis“ geht es eben doch nicht. Und den kriege ich hier heute Abend auf meinem Sofa auch nicht mehr.

Ich schreibe die Tage mal auf, wie man hier ein Haus kauft. Es ist nämlich ganz GANZ anders als in Deutschland.

Aber jetzt bin ich zu aufgeregt. Und muss doch schlafen. Ojeoje.

Tag 1047 – Wikinger und schaler Beigeschmack.

Heute waren wir auf einem Wikinger-Fest hier am Fjord. Das war zwar, wie ich finde, recht teuer (100 NOK für nen Erwachsenen, reines Eintrittsgeld, Kinder hätten 50 NOK gekostet, wären sie über Schwerthöhe groß), aber wir kamen rein und platzten direkt in den Heerkampf, wo sich bärtige und behelmte Männer bekämpften. Eine sehr bartlose Frau war auch dabei (im Bild ganz rechts in blau).

Die Kinder waren da natürlich schon hin und weg und ich bin da ja auch nicht so unempfänglich, wie man vielleicht meinen könnte. Verkleiden finde ich ja sogar echt cool und das war schon alles sehr liebevoll und Detailreich gemacht (auch wenn ich zu bezweifeln wage, dass die Wikinger damals reinrassige Rauhaardackel besaßen. Aber wenn sie die besessen hätten, hätten sie sie sicher an genau so einer Lederschnur spazieren geführt). Im Anschluss an die Kampf-Show drehten wir dann eine Runde über den Markt, auf dem allerhand mehr oder weniger Geschichtsgetreues Wikingerzeug verkauft wurde.

Der erste Stand hatte Holzdöschen. Der Zweite hatte Schmuck. Und Herr Rabe sagte direkt „Das da ist ein Nazisymbol!“. Es war eine Schwarze Sonne.

Ab da ging ich mit einem ganz unguten Gefühl durch die Gegend. Die Frau, die sich einen kompletten (naja, ohne Fleisch, Blut, Knochen und Leben halt) Schäferhund um die Schultern gehängt hatte, vermochte das dann auch nicht mehr schlimmer zu machen. Jeden Stand checkte ich auf Nazisymbole ab. Was schwer ist, wenn alles voller Runen und Symbole ist, die man nicht versteht. Das ganze vermieste mir echt den Markt und als dann Herr Rabe einen Pfeil und Bogen für Michel kaufte und ich am selben Stand eine Kette mit einem fucking Hakenkreuz mit einer solchen Swastika sah, kam es mir fast hoch. Leider war da der Kauf des Bogens schon erledigt und das Kind glückselig, sonst hätte ich Mann und Kinder direkt da weggezerrt.

Wir verbrachten dann noch etwas Zeit auf dem Spielplatz und ich sage es mal so: die gefürchtete Smartphone-Mutti auf dem Spielplatz googelt sich vielleicht grad die Finger wund nach einer harmlosen Erklärung für Nazisymbole auf einem Wikingerfest. Aber eigentlich hätte ich mir das sparen können, denn ich habe zu Swastiken und ihren Abwandlungen eine feste Meinung. Nämlich: Wenn du nicht grad ein 2000 Jahre alter Hindu-Tempel bist, schmücke dich nicht mit Nazisymbolen. Es ist mir schnurz, ob das „echte“ Hakenkreuz soundso viele Grad in irgendeine Richtung gedreht ist, oder ob die Haken links- oder rechtsrum gehen oder ob Odin persönlich sich eine Swastika auf die Stirn tätowiert hatte*. Dieses Symbol steht im Europa des 21. Jahrhunderts für eine menschenverachtende Politik, die zum Völkermord an den europäischen Juden und einem Weltkrieg mit Millionen Toten führte. Punkt. Sich heute mit einer frisch angefertigten Replik dieses Symbols zu schmücken, finde ich verwerflich. Klar kann** man das machen, aber dann kommen so komplett verbohrte linksgrünversiffte Gutmenschen wie ich und denken, dass du ein Nazi bist. Und die möchten dann auch deinen übrigen nicht-Nazi-Kram nicht kaufen und waren wohl auch das letzte Mal bei einer Veranstaltung, bei der sowas geduldet wird***.

Puh. So. Genug Luft gemacht. Also abgesehen von diesen beiden Ständen war’s da echt cool.

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Auto-Lobhudelei: Puh, leider nichts. Ich hätte mir von mir gewünscht, dass ich da direkt nen Aufstand gemacht hätte.

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*Soweit ich das in meinem hektischen gegoogle finden konnte, haben die historischen Wikinger eher selten Swastiken benutzt. Dafür wurde „Die Germanen haben das auch schon benutzt!“ von den Nazis damals zur Propaganda benutzt, was dieses ganze „Aber die Kelten! Und die Germanen! Und Odin!“ halt auch wieder in ein bestimmtes, braunes Licht rückt.

**man kann sich auch nackt in nen Ameisenhaufen setzen und ich fände das schöner, wenn diese Leute das täten.

***Ich werde den Veranstaltern morgen schreiben und sie um eine Stellungnahme bitten. Ganz vielleicht war es ihnen ja einfach nicht bewusst.