Tag 1424 – Etwas bissig.

Ich weiß nicht, ob es der Koller ist, den ich gestern verspürte, ob es überhaupt ein Koller ist, aber ich bin im Moment grad ungnädig. Hätte ich nicht so eine ausgeprägte Impulskontrolle*, würde ich wohl noch viel öfter rumranzen, vor allem in den „Sozialen“ Medien. Gefühlt nur Idioten da. Seize the day, während die Arktis brennt, immerhin hat man keinen Krebs. Noch nicht. (Wie gesagt. Bissig, ungnädig, negativ, schlecht gelaunt, jedenfalls kann ich mich grad selbst kaum ernst nehmen, tun Sie das besser auch nicht.)

Michel hat eine neue Uhr, nachdem bei der alten das Armband kaputt und das Uhrglas zerkratzt war. Die Uhr hat er sich selbst ausgesucht, im Internet. Es gab ein paar Vorgaben, vor allem den Preis betreffend, aber im Grunde hab ich ihn machen lassen und am Ende haben wir die ausgesuchte zur Ansicht in den örtlichen Juwelier bestellt. Heute abgeholt, nach Check ob die um seine dünnen Handgelenkchen denn überhaupt passt. Tut sie und sie ist richtig cool und bestimmt gewöhne ich mich schnell an die begeisterten Ausrufe von der Autorückbank: „MAMA! Es ist zwei Uhr!!!“.

Auch Michel: kennen Sie noch Kirby, das kleine Bubble-Viech auf dem Game-Boy? Kirby kann Luft einsaugen und dann fliegen, aber auch Gegner einsaugen und runterschlucken um Special Features zu bekommen oder ausspucken um andere Gegner abzuschießen. Jedenfalls macht Michel beim Spielen das Saugen jedesmal mit, es ist zum Knutschen. Huiiib. Huiiiiib! Und dann bläst er die Backen auf, wie Kirby, wenn er fliegt. Unbewusst das alles. Ich platze vor Hachzigkeit noch irgendwann.

Am Nachmittag die Schneckenerde getauscht, das war nötig. Mein Bruder denkt jetzt, Schnecken wären sehr aufwändige Tiere, dabei hatte ich das nur schon eine Weile nicht gemacht und dementsprechend mit der Reinigung des Terrariums (festgetrockneter Schneckenschleim…) gut zu tun. Jedenfalls haben die Schnecken nun wieder zwei Farne, die auch lebendig aussehen und feiern das sehr indem sie sie anfressen. Anstatt des Radieschengrüns, das ihr Futter sein sollte. Tjanun.

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*Nicht, dass Sie denken, das sei was tolles. Wie immer wär ein Mittelding gut.

Tag 1420 – Erster richtiger Ferientag.

Heute also das erste mal richtige echte Schulferien für Michel. Kein Hort, keine Ferienspiele*, nichts. Wow. Mir ist glaube ich das erste mal so richtig aufgegangen, wie groß Michel im letzten Jahr geworden ist. Von schüchternem Kindergartenkind zu… naja immer noch relativ schüchternem aber auch wilden und Neunmalklugen Grundschüler. Die Erwachsenenzähne wachsen, die Haare sind im Nacken gestern raspelkurz rasiert worden – von Herr Rabe, wie immer – und in Verbindung mit der Nackenbräune sieht der weiße Rand jetzt zwar etwas lustig aus, aber es macht ihn schon optisch größer. Natürlich ist er schlacksig wie eh und je, aber morgen wollen wir Sandalen kaufen, mal gucken, was uns da am unteren Ende des Körpers für Überraschungen erwarten. Die größeren Überraschungen erwarte ich da aber bei Pippi, die hat immer schon recht große Füße gehabt und da grad schon wieder alle Socken „aaaaaaltfor liten!“ (Vieeeeeel zu klein) werden, bin ich mal gespannt. Jedenfalls morgen also Ausflug in die große Stadt. Mit einem großen Kind und einem noch größeren Kind. Hach, ich freue mich. Ich hab schon tolle Kinder, meistens weiß ich das auch. Heute sind sie beide ohne Körperkontakt eingeschlafen, ich saß nur noch vor dem Bett, nicht mehr drin. Ich habe Hoffnung, dass wir nach den Ferien nicht mehr Einschlafbegleiten müssen.

Doch, war schön heute. Wirklich schön.

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*nächste Woche ist eine Art Ferienspiele für Michel, Montag bis Donnerstag, eine Artisten-/Parcouring-/Balanceschule. Das wird bestimmt spannend, Michel macht das mit seinem Freund und die beiden freuen sich schon sehr darauf.

Tag 1415 – Zum Haareraufen.

Hier sollte ein Text stehen über das Dasein als Pessimistin, als Miesepetra und als rufende Unke. Aber dann ging nach einem wirklich schönen Nachmittag mit Spielplatz und sehr dreckigen, glücklichen Kindern* irgendwie einiges schief und nun hab ich Migräne. Danke, Körper, hab’s verstanden und gehe jetzt einfach schlafen.

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*davon hat eines Sonnenbrand. Ich hatte es nicht geschafft, ihn heute morgen einzucremen, dann aber extra im Sport-Hort Bescheid gegeben, dass das Kind Un-Be-Dingt! Eingecremt werden muss! Bitte! Aber dann hatte das Kind „keinen Bock, was aus dem Rucksack zu holen“ und deshalb hat es nun eine rote Nase, rote Ohren und musste zu Hause erstmal ein paar Gläser Apfelschorle exen, denn der nicht ausreichende Bock hatte auch die Wasserflasche betroffen. Pädagogisch wertvoll wie eh und je habe ich den Sonnenbrand beim Eincremen mit After-Sun nach viel diffusem „Du musst dich eincremen, Sonnenbrand kann gefährlich sein!“ und logischerweise darauf folgenden „warum?“-Fragen mit „Weil, wenn das zu oft passiert, deine Haut kaputt geht ohne dass du es merkst. Und irgendwann viel später kannst du daran dann sogar sterben.“ kommentiert. Hoffentlich wirkt’s.

Tag 1414 – Inspektørinnendasein…

Die letzte Inspektion vor meinem Urlaub ist zu Ende. Nun muss ich nur noch den Report bis Freitag Nachmittag schreiben und mit meiner Kollegin durchgehen (hier schallendes Lachen einfügen). Zum ersten Mal war ich richtige Inspektørin, hui, das war ein bisschen aufregend. Aber es hat bis zum Schluss, als ich meine Kollegin fragen musste, ob und wenn ja, wie, die erste Seite auch gestempelt werden muss, keiner gemerkt, Hurra! Ich mag den Job immer noch sehr. Er fühlt sich auch immer noch an wie ein Lottogewinn, nach dem letzten Jahr sowas cooles ist schon irgendwie verrückt. Kontrastreich jedenfalls.

Michel hatte heute „Fußball-Schule“, so eine Art Fußballorientierte Ferienspiele, organisiert vom Sport-Hort. Für die Kinder, die eh in den Sport-Hort gehen, kostet das nichts extra, aber es sind halt noch andere Kinder da und ich glaube unter anderem deshalb wollte Michel heute morgen seinen Nagellack schnell noch entfernt bekommen. Und nee: wenn das Kind rumdruckst, dass es den abhaben will und irgendwann mit der Sprache rausrückt, dass das beim Sport-Hort keiner sehen soll, zwinge ich ihn nicht, die brennende Patriarchatsflagge schwenkend mit lila Nagellack da hin zu gehen. Ich find schon cool genug, dass er das gegenüber seinen Freunden durchgezogen hat.

Pippi ist nun zur Eingewöhnung vor den Ferien in der „Bärenhöhle“ im Kindergarten, also bei den großen Kindern. Hier platzt also bald ein kleines Mädchen vor Stolz. Es ist sehr niedlich. Die „du bist doch schon groß! Die Bärenhöhle!“-Euphorie nutzen wir, um körperkontaktloses Einschlafen einzuführen. Vorlesen können wir ja im Bett, aber dann setzen wir uns davor und singen/summen. Pippi macht das ganz gut mit, Michel… nicht so. Aber der ist ja eh sehr Kuschel-bedürftig, das überrascht mich nicht, dass er von der Idee, alleine einzuschlafen, nicht so begeistert ist. Konsequenter Weise ist er die letzten zwei Abende in Pippis Bett eingeschlafen. Soll mir recht sein, wenn sie sich gegenseitig anschnarchen wollen, bitte.

Tag 1412 – Husch, husch ins Bettchen.

Huff, mit Glück werden es noch sechs Stunden Schlaf, das ist ja leider bei mir das Minimum, bei dem ich noch funktioniere.

Warum so spät? Nun, ich machte einen laaaaangen Spaziergang, bei dem ich nicht weit kam, weil ich dauernd unterwegs irgendwas einsammeln und bekämpfen musste. Seit gestern spiele ich Harry Potter Wizards Unite und seit heute weiß ich, dass wir dafür strategisch ungünstig wohnen, denn die nächsten Inns, bei denen man seine Spell Energy aufladen kann, sind im Ort, knapp 2 km zu laufen, 2 km sind aber auch die Strecke, auf der man die ganze Spell Energy verbraten kann, wenn man will, das ist also nur so mittel cool. Alternativ kann man sich natürlich Spielgeld kaufen, mit dem man dann die Spell Energy auffüllen kann, aber In-App-Käufe mache ich aus Prinzip nicht. Dann sollen sie die App an sich was kosten lassen, da wäre ich sofort dabei, aber konstant gemolken werden, nee Danke. Insofern: mal schauen wie der Elan sich da so entwickelt. Mich stört auch, dass man die selben Dinge immer und immer wieder befreit, die sind nicht so schlau da, die Beamten im Ministry of Magic, scheint mir, wenn man die fünf mal in 20 Minuten befreien muss. Im Zusammenhang mit dem Plot (Dinge, Menschen, Tiere sind von dunklen Mächten gestohlen worden und man muss sie befreien, damit sie zurück zu ihrem Bestimmungsort können und nicht von Muggeln gefunden werden) ist das auch alles nicht logisch, damit kann ich schlecht umgehen.

Jedenfalls musste ich nach dem Spaziergang ja noch das normale Pensum machen, bügeln, die aufgeschobene Arbeit erledigen, kochen, mit Michel kuscheln und ihm die Fingernägel lackieren. Das wollte er haben, weil er seinem Freund beweisen will, dass das nämlich überhaupt gar nicht ne Mädchensache ist. Weil es keine Mädchensachen gibt. Sagt er. Und ich hoffe, der Plan geht auf, aber ich fürchte übles. Dass im Kindergarten mal ein Kind zu ihm gesagt hat, dass er ein Mädchen ist, wenn er Nagellack hat, hat ihn ziemlich mitgenommen, das erzählte er heute wieder mit Wuttränen in den Augen, dabei ist das gut zwei Jahre her. Jedenfalls sagte Michel, dass er das morgen allen zeigen wird und wenn wer zu ihm Mädchen sagt, dann…! (Wir haben gesagt, er soll das dann einfach ignorieren, er weiß es ja eh besser.) Aber dass seine Lieblingsfarbe pink ist, das verrät er lieber doch keinem. (Pink wie Essie Watermelon und das T-Shirt des Babysitters am Donnerstag. Nicht meine Lieblingsfarbe, aber schön knallig und einfach eine schöne Farbe.)

Ach, der kleine große Zwerg.

Tag 1411 – Wie lief es denn nun?

Die Kinder haben gestern beim Babysitter übernachtet. Das hatte die Mama des Babysitters angeboten, dass die Kinder gern auch mal bei ihnen schlafen könnten, in den Ferien zum Beispiel. Dann kamen wir mit dem gestrigen Tag um die Ecke, aber die Mama des Babysitters musste bis spät abends arbeiten und hätte dementsprechend nicht als Taxi zur Verfügung gestanden, also wurde aus „Babysitter bringt Kinder ins Bett“ „Kinder bleiben gleich ganz da“. Uiiii, wie aufregend!

Das war es wirklich und unter Herrn Rabes missbilligendem Blick schrieb ich vom Restaurant aus, in dem wir zu Abend aßen, eine SMS, wie es denn so liefe, weil wir bis dahin gar nichts gehört hatten. Gut, schrieb der Babysitter, er habe Pippi grad hingelegt. (Hingelegt??? Meine Kinder legt man nicht hin, die bleiben dann ja da niemals, die brauchen ja Körperkontakt und all das beim Einschlafen.) Sie schliefe jetzt. (Öhhhh. Ok.) Er und Michel spielten Super Mario. (Hurra, jemand anders bringt Michel das bei, ich hab doch keine Geduld dafür und eindeutig zu gute Gameboy-Skills, das frustriert alle Seiten nur.)

Ein wenig später dann „Ich habe jetzt auch Michel ins Bett gelegt und sie schlafen beide!“

Well, Hurra, I guess. Die Kinder sind da recht gut eingeschlafen, haben fast durchgeschlafen und mussten heute morgen geweckt werden. Alle Beteiligten sind einig, dass sie das nochmal machen können. Ich hab die Kinder ein bisschen vermisst und war nachts mehrmals wach, weil irgendwas komisch war (keine Kinder da halt!) aber es war auch einfach unfassbar toll, eine Nacht lang nur wir zu sein, ein bisschen wie früher, nur älter. Seit wir Kinder haben, haben wir genau zwei Nächte zu zweit gehabt: im August 2013, da haben Freunde von uns in Wien geheiratet und Michel war bei seiner Oma. Michel war ein unkompliziertes Baby, mit Pippi wäre das nie im Leben gegangen (die wurde in dem Alter ja noch fast voll gestillt). August 2013 ist fast sechs Jahre her. Das ist echt was, worum ich andere Paare oft beneide: Paarzeit. Über Nacht. Weil es nun mal was anderes ist, ob man ins Kino geht oder essen und dann kommt man wieder und nach ner Stunde im Bett kommen diverse Kinder angetapst und stapeln sich im Ehebett wie immer, oder ob man nach Hause kommt und da ist niemand, man ist nur Paar und niemand kommentiert den Geburtstags-Anzug am Morgen mit „Oh nein! Pulli abbefallt!“. (Generell denke ich ja oft, ein Stundenhotel für Eltern wär was, Auszeit light sozusagen, ein Ort zum Sie wissen schon und dann noch drei Stunden schlafen und wieder nach Hause. Ich sollte mir die Idee schützen lassen, bevor es wer anders umsetzt.) Aber die mangelnde Paarzeit ist hier halt ein Fakt, geschaffen durch Umzüge und noch zu kleine Pippi, die erst noch ins Übernachtungsbesuch-Alter kommen muss.

Bis dahin: Babysitterfamilie. Was für liebe Menschen, generell, auch ohne Geschäftsbeziehung. Ich bin so dankbar für das Angebot und so froh, dass alles geklappt hat und alle eine gute Zeit hatten. Da nehme ich auch gerne in Kauf, dass die Kinder heute so ein gaaaaanz wenig anhänglich waren. Sehr gerne – vermisst hab ich sie ja auch.

Tag 1406 – Swuuusch.

Die letzten zwei Wochen Probezeit sind angebrochen, wo ist denn das letzte halbe Jahr hin bitte? Wie wahrscheinlich bei allen ist bei uns auch vor den Ferien die Geschäftigkeit groß, alles muss noch Ferien-fertig werden. Hier noch ein paar Altlasten abschließen, da noch was wegarchivieren, diese Zulassung noch rausschicken und jenes Zertifikat. Die nächsten Tage werden einigermaßen vollgepfropft, dann noch Montag und Dienstag nächste Woche eine letzte Inspektion, Sommerfest, Kollegenabschied, dies, das und dann: Urlaub. Ein echter, verdienter Urlaub. Verdient aber unbezahlt aber Tjanun. Nächstes Jahr dann auch bezahlt. Dieses Jahr müssen halt die Überstunden dafür herhalten, das ist schon in Ordnung.

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Michel und ich waren heute bei den Zweitklässlereltern. Das war drei Leuten sehr unangenehm: Michel, mir und dem Vater, der die Tür öffnete. Seltsame Situation, mitten in Norwegen geht man nicht einfach zu Leuten und sagt „hallo, ich wollte mal mein Gesicht zeigen und hallo sagen und dass der Tankstellenausflug gar kein Problem gewesen wäre, wenn die Jungs uns Bescheid gesagt hätten“. Es stellte sich heraus, dass auch der Zweitklässler nicht bis zur Tankstelle darf. Hups.

Den Rückweg (auf dem Hinweg war Michel mit Nörgeln beschäftigt, dass er da nicht hin will und auf gar keinen Fall irgendwas sagen wird und das überhaupt total doof ist alles) haben wir dann genutzt um ein paar Begriffe zu klären, nämlich „peinlich“ und „unangenehm“. Wie putzig mein Kind ist, es weiß nicht, was das Wort „peinlich“ bedeutet. Und erklären sie das mal, das ist gar nicht so einfach. Ich habe ihm erklärt, dass die Situation grad für mich auch unangenehm war, weil ich die ja nicht kenne und nicht weiß, wie die reagieren, aber dass mir das nicht peinlich war. Es aber ok und verständlich ist, wenn ihm das peinlich war. Dann haben wir Regeln festgelegt, zusammen. Michel darf bis zur Unterführung und nicht weiter, ohne Bescheid zu sagen. Wenn wir ihn irgendwo vermuten, er aber für länger woanders hingeht (anderer Kumpel, Spielplatz, whatever), sagt er auch Bescheid. Nicht-Befolgung führt zu Suspendierung eben dieser Privilegien.

Puh. Jetzt muss ich nur noch für ein autofreies Eidsvoll von hier bis zur Unterführung sorgen, dann kann ich wieder ausatmen.