Tag 1015 – Dr. Sommer.

„Mama? Weißt du was das hier ist?“ Sprach das Kind, formte Zeigefinger und Daumen der einen Hand zu einem O und schob den Zeigefinger der anderen Hand in dem O hin und her. „Ähm…“ machte ich, aber Michel löste schon auf: „Jentetiss mot guttetiss! Hihihi!“ [Mädchenpiller gegen Jungenpiller]. Hihihi indeed. Eine Ecke meines Gehirns freute sich kurz daran, dass es hier für das, was in der Unterhose ist, das Geschlechtsneutrale Wort tiss gibt, eine andere war empört über das beknackte „gegen“ und eine wieder andere wusste die Antwort auf meine nicht so kluge Frage leider schon vorher: „Von wem hast du das denn?“ – „Von M.“ Ja klar, es ist immer M. M.s tiss hab ich auch schon gesehen. Und M. wartet ja auch mit so Weisheiten auf wie „Von Knäckebrot kriegt man große Eier.“ Yeah. Nicht. Aber egal, ich verdaute kurz daran herum, dass mein Kind irgendwie Mädchengeschlechtsteil gegen Jungengeschlechtsteil zeigt, ohne zu wissen was das heißt und sagte dann, auch nicht so ganz geistreich: „Ich möchte aber nicht, dass du so Zeichen machst.“. „Warum?“ „Weil das ganz schön unanständig ist. Und weil du ja nicht mal weißt, was das heißt.“ „?“ „Weißt du denn, was jentetiss mot guttetiss ist?“ „Nein…?“ Tja. Und dann wurde ich ein bisschen rot, aber hauptsächlich weil mich Herr Rabe von der Seite anstarrte, als hätte ich vor, aus dem Stand einen doppelten Salto über den Küchentresen zu schlagen, also zu 90% deshalb, rede ich mir ein. „Das ist eigentlich ein Zeichen für Sex haben. Weißt du was das ist?“ „?“* „Ja, also, wenn zwei Erwachsene sich sehr gern haben, und die sich gern ganz nah sein wollen, dann ziehen die sich manchmal nackt aus und haben Sex, dabei kommt auch manchmal der Penis in die Scheide, aber es gibt auch ganz viele andere Arten, Sex zu haben. Und das ist einfach ganz schön und macht viel Freude und da muss man sich nicht mit so Zeichen drüber lustig machen.“ „Das sag ich M. morgen.“ „Ja. Das sag dem ruhig mal.“ Und dann fiel mir noch was ein. „Es ist halt wichtig, dass beide das wollen. Und man muss zum Sex haben Erwachsen sein.“ „Warum?“ „Ähh…“ „Das ist wie Kaffee. Oder Bier. Manche Sachen dürfen halt nur Erwachsene.“ sagte der Mann da. Und Michel: „Und Jugendliche.“ und ich hoffe doch sehr, dass zumindest das mit dem Bier und dem Sex noch mindestens 11 Jahre kein Thema sein wird.

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*da war eine Ecke meines Gehirns dann kurz sehr froh, erinnere ich mich doch noch sehr genau an sein lachendes und sehr waches Babygesicht, das ich im Tiefschlaf wähnte, damals, als… naja, lassen wir das.

Tag 1014 – To-Do.

Wie ich schon des Öfteren beschrieb, brauche ich einen Plan, um nicht ziellos im Kreis zu laufen. Ich machte mir also heute morgen eine To-Do-Liste für die Woche. Und machte mich mit dem Punkt „Einkaufen“ (nachdem das am Samstag ja einigermaßen gescheitert war) auch direkt an die Erledigung. Und weil die Autowaschmenschen im Parkhaus vom Supermarkt die Autos waschen und das sehr viel besser machen als jede Anlage und dabei nur ein bisschen mehr kosten, fragte ich auch gleich nach nem Termin für „Reifenwechsel, Waschen innen, außen, unten, mit alles unn‘ scharf“. Womit ich nicht rechnete, war „können Wir in einer Stunde machen“. Daraufhin kaufte ich in Rekordzeit ein, fuhr nach Hause, baute die Kindersitze aus, holte die Sommerreifen aus dem Keller, räumte die Sommerreifen ins Auto, räumte die Einkäufe in den Kühlschrank, exte einen Dreiviertel Liter Wasser, suchte gefühlt ewig nach den Schrauben für die Sommerreifen*, rupfte die speckigenBezüge von Michels Kindersitz und stopfte sie in die Waschmaschine und fuhr wieder zum Supermarkt. Dauer: exakt eine Stunde. Lieferte das Auto ab, wusch mir auf dem Supermarktklo die Reifen-dreckigen Hände und ging nach Hause. Hängte die Kindersitzbezüge auf, startete eine Maschine dreckiger Wintersachen, ging auf den Dachboden, nach Gummistiefeln für Pippi suchen, hakte „Gummistiefel“ und „Einkaufen“ ab, und dann ging ich wieder zum Supermarkt. Holte das Auto ab, jetzt glänzend und mit Sommerreifen, fuhr nach Hause, räumte die Winterreifen aus dem Auto in den Keller**, baute Pippis Kindersitz wieder ein, wusch, nein, schrubbte meine Reifen-dreckigen Hände, hakte „Reifen wechseln und Auto waschen“ ab und dann hatte ich noch 15 Minuten Zeit, bis ich die Kinder abholen musste.

Ich hab dann mal das Tarkus-Buch ausgefüllt. Tarkus ist das Kindergarten-Kuscheltier. Ein Gürteltier. Tarkus war mit in Kroatien, den Tarkus wird jedes Wochenende verlost und das Los fiel auf Michel. Und weil Tarkus von allen Kindern heiß geliebt wird, durfte Tarkus auch erstmal in Hygienespüler baden, bevor ich bereit war, ihn mit in ein Flugzeug zu nehmen. Aber wenn wir dann morgen früh die eben ausgedruckten Bilder noch ins Tarkus-Buch geklebt haben werden, kann ich auch „Tarkus“ auf der Liste abhaken.

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*Jetzt liegen die Schrauben für die Winterreifen AUF DEM WINTERREIFENSTAPEL. Wo sie hingehören.

**So ein Tag hat dann auch über 18.000 Schritte, fast 40 gestiegene Etagen und über 2 Stunden „körperliche Aktivität“ und jetzt fühlt sich der Körper halt auch, als hätte ich acht Autoreifen jeweils etwa 30 Meter weit und über ein Stockwerk geschleppt. Uffz.

Tag 1012 – „Mama, weißt du was?“

„Zum Geburtstag wünsche ich mir ein Tellifon. Oder einen Roboter. Mit Fernsteuerung. Wenn ich kein Tellifon oder einen Roboter kriege, werde ich ganz sauer. Man kann auch einen Roboter haben, der mit dem Tellifon gesteuert wird. Dann drückt man auf das Tellifon und dann geht der Roboter los. Gibt es dass, Mama? Das wünsche ich mir. Und der Roboter, der muss drei Knöpfe haben. Wenn man auf einen Knopf drückt, dann verwandelt der sich. In ein Flugzeug. Und dann fliegt der so rum, fju fju, und dann, wenn man wieder auf den Knopf drückt, dann fliegt der so ganz nah am Boden und blüpdiblübbediblüp, ist der wieder ein Roboter. Und der Roboter muss auch aufgeladen werden, aber nicht mit einer Bratterie. Und dann, wenn der aufgeladen ist, dann macht der so „Miep Mop!“ und dann blinkt das auch. Miep Mop! Hehehe. Und wenn man auf einen anderen Knopf drückt, dann soll sich der Roboter in was anderes verwandeln. In einen T-Rex! Wääuuu! Wäääuuuuu! Und der muss auch, wenn gemeine Leute oder Kinder kommen, dann muss der so böse Augen kriegen. Und dann erschreckt der alle bösen Kinder. Alle die ich nicht kenne. Nicht M. und M. Und H. auch nicht. Aber K. und I. Weißt du was K. gemacht hat? Die hat mich gekniffen und getreten. Und dann kann der Roboter die erschrecken und dann so fju fju, kommen da Schießraketen aus den Armen, aber der schießt damit nicht, der erschreckt die nur und dann rennen die weg. Das ist cool. Das möchte ich haben. Kannst du das für mich finden, Mama? Du kannst das im Internet finden. In dein‘ Tellifon.“

Ich habe also noch knapp fünf Monate, um einen ferngesteuerten Flugzeug-T-Rex-Wachhund-Roboter zu finden, der „Miep Mop“ macht, wenn er aufgeladen ist. Aber ohne Batterie. Kein Ding.

Tag 1009 – Sonnentag.

Unerwartet gutes Wetter heute, also gingen wir einfach an den Strand und Baden und ich ging ein paar Kleinigkeiten einkaufen und dann gingen wir Essen und dann war der Tag irgendwie sowie auch schon fast um.

Kleinigkeiten: ich liebe es ja, im Urlaub neuen Süßkram auszuprobieren. Heute kaufte ich so Waffeldinger, wie Männer-Waffeln, aber mit Zitronencreme drin. Mjammi! Was ich allerdings nicht vermissen werde: das Mineralwasser hier schmeckt richtig salzig. Bah.

Essen: es ist so ein Ding mit den Kindern. Die können sich schon benehmen. Wenn es Pommes gibt und es noch nicht allzu spät ist. Heute war es spät und es gab keine Pommes. Das ergab dann eine elende Spielerei mit der Salzmühle, bis sich Michel sein Brot so versalzen hatte, dass er’s nicht mehr mochte, Pippi verkrümelte eine Scheibe Brot überall und warf tausendundeine Sache mehr oder weniger absichtlich vom Tisch und dann noch ihr Glas um, kein Kind aß nennenswert was und Herr Rabe und ich waren recht gehetzt beim Essen. Das macht so ja auch nicht so viel Spaß. Vielleicht gehen wir doch dazu über, für solche Fälle immer das iPad dabeizuhaben, denn im Urlaub nicht mehr essen gehen? Kommt nicht in Frage. Dazu kam noch, dass Michel eine trockene Hautstelle am Po hat und (wie grad jeden Tag abends wegen irgendwelchen random Gründen) ein Heidentheater veranstaltete, dass man meinen konnte, es fräßen ihn grad die Lake Lachrymose Leeches* bei lebendigem Leib vom Po her auf. Wundersamer weise war das ganze Trara nach dem Verzehr eines am Kiosk gekauften Eises vergessen.

Pippi singt gern das Kaptein Sabeltann**-Lied. Aber statt „snart er skatten vår!“ [bald ist der Schatz unser!] singt sie „snart er katten vår!“ [bald ist die Katze unsre!] und das ist schon sehr niedlich. Auch wenn sie mit typisch norwegischem Sprachfehler – geschlagenes r wird zu l – weitersingt „så kan vi ta de‘ looooli‘ de neste hundle åååål!“. Hachja. Heute sagte ich zu ihr übrigens „Komm, Süße!“ und bekam zurück „Ich bin keine Süße! Ich bin Pippi.“ Okay, Süße!

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*Frau Brüllen hat eh oft recht und Lemony Snicket bei Netflix ist wirklich eine tolle Serie.

**Käpt’n Säbelzahn, das kennen alle norwegischen Kinder. (Dafür kennen die Wickie nicht, die armen Menschen hier, es ist schlimm. Bildungslücke!)

Tag 1005 – Geht grad so.

Gestern im Flugbuss fiel mir ein, was ich vergessen hatte: meinen Bikini. Aber jetzt soll ja das Wetter ab morgen nicht mehr so prall sein, heute schien aber die Sonne und alles war so grün und das Wasser glitzerte so verlockend zu uns rüber, also gingen wir eben doch über die Straße. Höhö. Das Meer ist nämlich direkt über die Straße! Alles richtig gemacht, würde ich sagen. Und schön war’s, wenn auch in der Sonne wirklich sehr heiß und im Kleid nicht so erfrischend. Deshalb beendeten wir den Ausflug nach etwa eineinhalb Stunden und fuhren in ein „nahe“ gelegenes Einkaufzentrum, mir einen Bikini zu kaufen. Die Anführungszeichen sind dem geschuldet, dass es nah aussieht, man aber irgendwie einmal komplett um Split rumgurken muss, um da hinzukommen. Wie dem auch sei, ich kaufte im erstbesten Laden einen Bikini (in Türkis, weil <3 Türkis, in Wickeloptik oben, weil ist grad in, mit Push-up oben, weil sah gut aus und mit einem für meine Verhältnisse knappen Höschen, das noch nicht mal mein Feuermal auf dem Po komplett bedeckt. Auf meine alten Tage wird’s mir tatsächlich egal.), verkniff mir dann in Laden 2-73 nachzuschauen, ob’s sowas ähnliches nicht auch für viel billiger gegeben hätte und wegen quengeliger, müder (war spät gestern) und absolut konzentrationsloser Kinder war es dann auch schon wieder spät und bis wir wieder am Strand waren ganz schön kalt. Aber da bin ich ja härter.

(Mein Mascara ist auch härter.)

Hier noch ein paar Bilder von Strand-Ausflug 1:

(Die Kinder sind so weiß wie ich, wobei man bei Pippi schon deutlich dunklere Töne sieht als bei mir und vor allem Michel, dem weißen Spargel. Und allesamt haben wir etwa die Farbe der Steine.)

Ein paar Fossilien. Wir haben wirklich viele gefunden, von Schnecken und Moosen und so, Michel ist ganz aus dem Häuschen.

Anekdoten:

  • Michel am Geldautomaten, als die Quittung zur Abhebung rauskommt: „Hast du jetzt gewonnen, Mama?“ (in Norwegen haben wir nur alle Jubeljahre Bargeld, dafür drücken wir bei der Pfandrückgabe immer den Lotterieknopf, auf dem Pfandbon steht dann eben, ob man gewonnen hat oder nicht.)
  • Auch Michel: „Murmelmurmelmurmel?“ Ich: „Was hast du gesagt?“ – „Hatteledessu?“ – „Ich versteh dich nicht, sag’s mal auf deutsch.“ – „Hat den* Läden ssu?“ (Hupsi. Hatte er vorher auch gesagt. Auf deutsch.)
  • Pippi, die ihren ersten Stein ins Wasser schmiss. Und freudig auf das Plumpsen wartete. Was nicht kam. Es war ein Bimsstein. Und Pippi dann sehr verwirrt.
  • Pippi, die auf den Schultern von Herrn Rabe einfach einschlief.

Dochdoch, schon schön hier.

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*typisch Michel: alle Artikel im Deutschen werden kurzerhand durch das norwegische „den“ ersetzt, Fälle gibt’s auch keine mehr, fertig ist die Laube. Manchmal zweifle ich dieses Zweisprachigkeitsding echt stark an.

Tag 1002 – Dies und das.

Die letzten drei Tage war hier Sommer. Nur noch sehr wenig grün. Aber 24 Grad – das ist, wenn wir ehrlich sind, ein ziemlich guter Tag im August. Ich verdenke es den Trondheimern auch in keinster Weise, dass sie diese 24 Grad nutzen um im Park herumzuliegen und zu grillen und Planschbecken zu verkaufen. Was ich ihnen etwas übel nehme ist: sie lassen überall ihren Müll liegen, die Mülltonnen sind heillos überfüllt und es liegen Haufen aus Plastiktüten gefüllt mit allem zwischen Grillfleischverpackungen, Essensresten und gefüllten Windeln einfach um die Mülleimer herum. Zum Kotzen, und erst recht wenn drei Meter weiter einer der Gullideckel mit dem schönen Spruch „Kacke, Pipi, Klopapier – mehr soll nicht ins Klo!“ dafür wirbt, keine Essensreste ins Klo zu werfen, weil das Ratten anlocken könnte. Wäre ich Ratte, ich würde wohl einfach oberirdisch Müllbeutel plündern.

Was ich auch mehr als befremdlich finde: alle Jahre wieder sieht man an den ersten sonnigen Tagen viele, viele Sonnenbrände. Wirklich fiese, zum Teil, wir sind ja hier immerhin im Norden und die „Ureinwohner“ haben tendenziell schon sehr blasse Haut, sind gern mal (hell-)blond und haben blaue Augen. Bei Erwachsenen denke ich dann ja oft noch „selber schuld, sind ja erwachsen, an jeder Apotheke hängen die Plakate und gibt’s Sonnenschutz mit Faktorrabatt“, aber was mich ratlos macht, sind Kinder mit verbrannten Nasen und Nacken. Da möchte ich, von Eltern bis KiTa-Personal, alle schütteln und sagen: „Cremt. Die. Kinder. Ein. Hautkrebs. Ist. Scheiße. Verdammtnochmal!“. Ja, es ist oft auch keine wahre Freude, ein sich windendes Kleinkind einzucremen, das weiß ich aus erster Hand, aber ich weiß auch: der Groschen fällt irgendwann und dann ist „Sonne scheint, also eincremen“ fast so selbstverständlich wie das abendliche Zähneputzen. Bis dahin sehe ich das wie eben Zähneputzen: es ist meine Verantwortung, dass meine Kinder weder Karies noch Sonnenbrand kriegen, Zweidreivierjährige können solche diffusen Konsequenzen wie „akkumulierte DNA-Schäden“ noch nicht abschätzen, also wird da nix mitentschieden, Zähneputzen, eincremen, basta.

Hrmpf!

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Urlaubsvorbereitung war heute etwas frustrierend: die Wettervorhersage sagt, dass es an drei von sechs Tagen bei 17 Grad regnen wird. Juchheh.

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Trotzdem Kinder-Sommer-Klamotten gesichtet und sortiert, um zu schauen, ob morgen noch was besorgt werden muss. Antwort: eher nicht, Pippi hat ca. 8 Kleider, die letztes Jahr noch zu groß waren und geschätzt 16 kurze Leggins, die an ihre Spargelbeine immernoch sehr gut passen, auch in Größe 86.

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Pippis A-Phase ist wirklich nicht schön. Dieses Kind ist wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Im einen Moment niedlich hoch 10, singt Lieder, erzählt einem was, macht Quatsch, aber im nächsten Moment (wenn man ihr dann gesagt hat, sie soll den Quatsch doch sein lassen) ein Wutzwerg sondergleichen, der kreischheulend und um sich tretend und schlagend auf dem Boden liegt. Heute hat sie Herrn Rabe volle Wucht ins Gesicht gehauen. Mit Absicht. Generell wird kein von uns in normaler Lautstärke und Ton geäußertes „Nein“ akzeptiert, wir müssen immer erst laut werden. Und dann brüllt sie und beschimpft sich als „Dumme Pippi!“. Hoffentlich ist das bald vorbei.

Tag 998 – Legevakt die 578.

Herr Rabes Geburtstag (heute ist er Mitte 30) verlief eigentlich sehr entspannt, wir waren am Vormittag faul* und am Nachmittag am Staudamm, um den wir gehen wollten. Pippi war es dann doch zu weit, Herr Rabe ging also direkt mit ihr zum Spielplatz, während ich mit Michel weiterging. Michel auf dem Rad und ich hinterher. Das war sehr schön, wir haben eine Schnecke gefunden und aus dem Moor in ein trockeneres Fleckchen Klee umgesetzt (gut versteckt, aber Michel hat trotzdem sämtliche Vögel im Umkreis verscheucht) und herausgefunden, dass der Stauteich geleert wird, weil irgendwelche Klappen nicht mehr tun was sie sollen. Man soll in der Zeit bitte die Biber nicht stressen. Dann hätten wir noch eine schöne Unterhaltung über Orientierungsläufe (weil da auch Schilder hingen) und Michel möchte jetzt gern zu den Pfadfindern. Vielleicht hab ich ihm das auch sehr schöngeredet, aber ich hätte das als Kind voll super gefunden und ich bin sicher, das würde er auch. Er plante jedenfalls schon, was er alles auf Zelttouren mitnehmen will (Taschenlampe und Triceratops).

Leider kamen wir zum Spielplatz zu einer heulenden Pippi, die „Aua, Aua!“ brüllte und sich die Hand hielt. Von Herrn Rabe verstand ich nur, sie habe irgendwas gemacht und dann hätte das Gelenk irgendwie Knacks gemacht, Pippi hatte jedenfalls offenbar große Schmerzen und als ich ihr die Jacke auszog, um das gewünschte Placebo-Pflaster aufzukleben, brüllte sie wie am Spieß. Damit war der Ausflug beendet, ich rief vom Auto aus die Legevakt an und äußerte die Vermutung „Ellenbogengelenk ausgerenkt“, es wurde gefragt, ob wir Schmerzmittel gegeben hätten (nein, wie denn, im Wald?) und sollten dann vorbei kommen. Wir waren dann auch schon 5 Minuten später da und während Herr Rabe noch das Auto parkte und uns für die Wartezeit mit Kaffee versorgen sollte, ging ich mit den Kindern rein. Da kamen wir unerwarteter Weise direkt ins Vorzimmer dran, ich erklärte, was passiert sei (die genauere Geschichte war: sie ging an Herr Rabes Hand und ließ sich ganz plötzlich fallen), Michel erklärte, Pippi habe ein Eulenpflaster bekommen, Pippi zeigte ihren Arm nicht sehr freiwillig her und brüllte herum, ich wurde wieder gefragt, ob wir Schmerzmittel gegeben hätten und dann sollten wir warten. Also setzten wir uns hin aber kaum saßen wir, wurden wir schon aufgerufen. Die Krankenpflegerin fragte, ob Pippi Schmerzmittel bekommen habe, Michel erklärte, sie habe ein Eulenpflaster, Pippi murmelte „skikkelig vondt!“ [ordentlich weh] und dann bekam Michel einen Flummi und Pippi ein Radiergummi und eine Haarspange (und keine Schmerzmittel) und wir sollten warten. Dort hatten wir dann eben genug Zeit um ein bisschen die Mitwartenden zu unterhalten „Ich bin Michel und ich bin Fünfeinhalb Jahre alt und das ist Pippi, die hat ein Aua am Arm und ein Eulenpflaster bekommen, ich hab einen Flummi, guck?“ „Ich bin auch fünfeinhalb!“ „Nein, Pippi, du bist nicht fünfeinhalb.“ „Wie alt ist Pippi? Zweieinhalb?“ „Fast drei**.“ „Also zweieinhalb.“ „Ich hab ein Eulenpflaster. Und skikkelig vondt.“ Und grade als sich die übrigen Wartenden überlegten, welches dieser putzigen Kinder sie wohl als erstes klauen wollen würden, waren wir auch schon dran. Der Arzt besah sich den Arm, drehte daran herum, Pippi brüllte wie angestochen und trat dem Arzt ordentlich vors Schienenbein und dann machte der Arm knack und alles war wieder gut. Zum Abschluss schaute der Arzt, ob Pippi den Arm schmerzfrei bewegen könne und zeigte mir die Einrenkbewegung. Und schwups, fertig. Pippi öffnete dann mit dem eben noch bewegungslosen Arm die Tür und wir trafen Herrn Rabe im Vorraum, der grad mit Kaffee, Eis und Gebäck eingetrudelt war. Der ganze Besuch hatte keine 20 Minuten gedauert, das muss Rekord sein. Im Vorraum saßen noch dieselben Leute, wie als wir gekommen waren, und während Pippi ihr Eis schleckte, schwafelte Michel die Wartenden voll „Ich war bei der Schulanmeldung, meine Mama findet keine Arbeit, wir ziehen vielleicht in ein anderes Land, meine Freunde M. und H. sind aber auf der Schule und nächste Woche fliegen wir im Flugzeug, da ist es so warm, dann kann ich Shorts anziehen und Sandalen, ich hab neue Schuhe, aber dafür ist es noch zu kalt und ich bin fünfeinhalb Jahre alt, mein Freund H. ist schon sechs, …“ Datenschutz? Kann man mit solchen Kindern auch vergessen. Wenn der meine Telefonnummer wüsste, würde er die auch jedem auf die Nase binden. Und dann diese Sommersprossen und dieser Wuschelkopf, der ist so niedlich, ich könnte den fressen.

Und dann rastet dieses niedliche Kind beim Abendessen komplett aus, weil die alte Blase an seiner Ferse juckt. Meine Güte. Aber so ist das vermutlich. Mit Fünfeinhalbjährigen.

Jedenfalls lassen Herr Rabe und ich jetzt den Abend noch ausklingen (Herr Rabe mit seiner neuen, total männlich-schwarzen Maske im Gesicht) und gehen dann ins Bett. Die nächste Vier-Tage-Woche ruft.

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Auto-Lobhudelei: mit der Armsache total cool geblieben.

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*Anekdote zum Aufwachen: beide Kinder haben in ihren eigenen Betten durchgeschlafen. Um sieben wurde ich deshalb (?) panisch wach, sicher, beide seien tot. Um zehn nach sieben war mir klar, dass ich eh nicht würde weiterschlafen können, wenn ich nicht gucken gehe. Um zwölf nach sieben lag ich wieder im Bett, mit doppeltem Kinderschnaufen im Ohr und einer kleinen Stimme, die sagte: haha, du Helikoptermutter.

**Am 1. Mai war Pippi exakt so alt, wie Michel am Tag von Pippis Geburt. Das ist auch einigermaßen verrückt.