Tag 569 – Immer das Gleiche. 

Hier gibt’s heute nichts neues, aber Sie können sich anlässlich des Equal Care Day (eigentlich ist der am 29.02. also nur  jedes vierte* Jahr, weil Frauen etwa vier mal so viel unbezahlte Familienarbeit erledigen, wie Männer) noch ein paar Beiträge lesen, zum Beispiel den von Herrn Paul und Jott, den von Frau und Herrn Brüllen oder einen (oder mehrere)  der vielen anderen auf dem Equal-Care-Day-Blog

Und hier noch nachgeliefert unser wunderhübsches Foto, das wir extra aufgenommen haben, weil ich das immer schon haben wollte und Ironie (zumal über Bilder und ohne Worte) ja bekanntermaßen im Internet ganz großartig funktioniert. 


*Gratis Nerd-Wissen: Schaltjahre sind Jahre, die ganzzahlig durch 4, aber nicht durch 100 (Bsp. 1900) teilbar sind, es sei denn, sie sind auch durch 400 (Bsp. 2000) teilbar. Fragen Sie mich nicht, woher ich das weiß, ich weiß es selbst nicht mehr. Googeln hat nur grad ergeben, dass ich das richtig erinnere. 

Gleichberechtigte Familienarbeit (Equal Care)

Anlässlich des Equal Care Day am 01. März haben wir uns die Fragen der Initiatoren vorgenommen. Es geht darum, wie und warum wir uns die Familienarbeit gleichberechtigt aufteilen, wo wir an unsere Grenzen stoßen und was wir uns wünschen würden, damit das 50/50-Prinzip (noch) besser und vor allem für mehr Familien funktionieren kann. Der komplette Fragebogen kann hier als pdf heruntergeladen werden.

Aktuelle Berufstätigkeit

Herr Rabe: Ich bin Softwareentwickler mit fester Anstellung.
Frau Rabe: Doktorandin in Molekularer Medizin.

Verhältnis der Erwerbstätigkeit und der Familienarbeit

Herr Rabe: Wir arbeiten beide norwegische Vollzeit, das heißt jeder 37,5 Stunden die Woche.
Frau Rabe: Der Rest ist Familienzeit. Familienarbeit versuchen wir gleich zwischen uns aufzuteilen.

  1. Wie ist die Care-Arbeit bei Euch zuhause auf die Erwachsenen verteilt? Gibt es feste Zuständigkeiten?

    Herr Rabe: Für viele Dinge gibt es bei uns keine festen Zuständigkeiten, aber spontan fallen mir doch ein paar kleinere ein. So putzt z.B. Frau Rabe das Terrarium der Schnecken, ich hingegen putze den Kaminofen und trage Holz aus dem Keller in die Wohnung. Und obwohl Frau Rabe gerne öfter auf Twitter etwas anzünden möchte mache ich hier meistens das Feuer im Ofen an. Dafür hat Frau Rabe das Holz bestellt und die Lieferung organisiert.
    Frau Rabe: Joa, im Grunde passt das so. Ich backe Brot, Herr Rabe putzt die Fenster und macht 90% der Kinder-Brotdosen. Wichtig ist glaube ich, dass wir beide meistens nicht den Eindruck haben, mehr als der jeweils andere zu tun.

  2. Warum teilt Ihr Euch anfallende Care-Arbeit untereinander auf? Welche Vorteile habt Ihr dadurch?

    Herr Rabe: Im Prinzip habe ich zwei Gründe. Erstens Fairness, denn in einer Beziehung sollten sich beide an der Care-Arbeit gleich beteiligen. Zweitens bin ich schon so erzogen worden und kann nicht anders. Meine Mutter hat darauf geachtet mir alles beizubringen was für ein selbstständiges Leben wichtig ist. Gerne sagte sie zu mir – wenn wir zB. am Bügelbrett standen – „Junge, entweder du kannst es selber oder Du musst Dir später eine Frau suchen, die das alles für Dich erledigt.“ Letzteres klang für mich schon immer abwegig und viel zu einschränkend, also lernte ich. Und außerdem macht es mir auch Spaß Dinge selber zu erledigen.
    Frau Rabe: Ich möchte fast entgegnen: Ich verstehe die Frage nicht. Ich habe nie ernsthaft darüber nachgedacht, Hausfrau zu sein. Für mich ist eine gleichwertige Beteiligung an der Care-Arbeit in einer Partnerschaft so selbstverständlich wie nur irgendwas. Insofern sehe ich da auch keine Vorteile drin, sondern das Herstellen eines normalen Soll-Zustands. Umgekehrt würden mir aber einige Nachteile bei einer ungleichen Aufteilung einfallen.

  3. Welche Nachteile und Schwierigkeiten gibt es, welche Hürden?

    Herr Rabe: Bei schlechten Absprachen kann es zu Unzufriedenheiten kommen.
    Frau Rabe: Ja, der einzige Nachteil ist für mich auch ein hoher Orga-Aufwand. Man muss sich immer absprechen, wegen jedem Pups. Wer geht mit dem Kind zum Arzt, wer zum Schwimmkurs, wer kauft ein, wer macht die Einkaufsliste, wer spricht mit der Babysitterin ab, ob sie am Wochenende kommen kann. Die Liste ist endlos. Kleine, feste Zuständigkeitsbereiche (so wie mit dem Holz oder dem Brot) erleichtern das ein bisschen.

  4. Wäre es nicht praktischer, eine Person des Haushalts würde sich alleine darum kümmern und so auch den Überblick und die Verantwortung behalten?

    Herr Rabe: Für mich wäre das nichts. Wir sind hier ein Team. Keine Hierarchien und so 🙂
    Frau Rabe: Naja, aber praktischer wäre es schon. Langweilig, ungerecht, kurzsichtig, aber praktisch.

  5. Wodurch / Wann stoßt Ihr an Grenzen der fairen Aufteilung?

    Herr Rabe: Unterschiedliche Erfahrungsgrade mit Dingen. Wenn irgendwas kaputt geht, bin dann doch ich es, der es repariert. Einerseits bin ich da ziemlich selbstsicher, andererseits kann ich das auch nicht gut delegieren. Und mit zwei Kindern kann man sowas auch nicht mehr so gut zusammen machen wie früher, da halt einer die Kinder beschäftigen muss.
    Frau Rabe: Bei mir ist es ein leichter Kontrollzwang. Ich bin ein Orga-Mensch. Ich reiße gerne so Sachen wie Urlaubsplanung (oder Holzlieferung) an mich, präsentiere dann irgendwann Herrn Rabe eine fertig befüllte mehrseitige Exceltabelle mit allen Pros und Cons und Preisen und durchschnittlichem Niederschlag und bin dann unzufrieden, wenn Herr Rabe da nicht auf Anhieb durchblickt oder sich auch nicht für irgendwas entscheiden kann. Und Krankheit halt. Aber das kann ja genauso auch immer eine klassische Rollenverteilung ins Wanken bringen.

  6. Leben Kinder in Eurem Haushalt? Hat sich die Verteilung der Care-Arbeit verändert im Vergleich zur Zeit ohne Kinder?

    Herr Rabe: Es hat sich etwas verändert, früher haben wir mehr Dinge wirklich zusammen erledigt. Heute muss einer die Kinder bei Laune halten während der andere Dinge tut.
    Frau Rabe: Hmm ja. Mehr zu tun und weniger Zeit es zu tun. Und wir waschen unsere Wäsche nicht mehr getrennt, seit wir Kinder haben! Jetzt wäscht halt jeder mal den Korb weg, der grade am vollsten ist.

  7. Was hat sich verändert mit dem Älterwerden der Kinder? Musste die Aufteilung in Frage gestellt und evtl. neu verteilt werden?

    Herr Rabe: So alt sind sie noch nicht. Veränderungen gab es bisher nur durch die Geburt der Kinder.
    Frau Rabe: Innerlich habe ich echt gefeiert, als die Kleine abgestillt war. Nächtliches Stillen schlaucht. Und die Flasche nahm sie auch nie. Da war also ein echtes Ungleichgewicht und als es wegfiel, kippte es erstmal in die andere Richtung, nach dem Motto: ich habe ein Jahr lang nicht durchgeschlafen, jetzt bist Du dran mit Banane füttern. Inzwischen hält es sich so etwa die Waage, denke ich. Und die nächtlichen Fressattacken der Kinder werden ja auch seltener.

  8. Welche Reaktionen bekommst Du von anderen für Dein Tun als Mann bzw. als Frau?

    Herr Rabe: Wir leben ja in Norwegen. Zwar sind wir hier nicht nur wegen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, aber ein bisschen schon. Und was soll ich sagen, dass klappt hier wirklich gut. Mit der gleichberechtigten Aufteilung bin ich hier kein Sonderfall, sonderen eher Durchschnitt.
    Frau Rabe: Ja, das stimmt. Wir sind hier jedenfalls keine Sonderlinge wegen unseres Familienmodells. Im Kindergarten zum Beispiel trifft man (sofern die Eltern der Kinder zusammen leben) eigentlich immer beide Partner, weil alle es so machen wie wir auch: ein Elternteil bringt, das andere Elternteil holt ab. Genauso läuft es bei der Arbeit ab: jede*r mit Kindern muss mal früher weg, weil Kindkotzt/Schulaufführung/Kadertraining.

  9. Erzähle von einer Situation, ein Gespräch, in dem Du eine positive und eine, in dem Du eine negative Reaktion erfahren hast.

    Herr Rabe: Bis jetzt kann ich mich nur an positive Situationen erinnern. Entweder gab es keine negativen Reaktionen oder ich habe das nicht mitbekommen. Obwohl, an eine negative Erfarung von vor Michels Geburt kann ich mich gut erinnern. Wir waren auf einem Flohmarkt für Kinderklamotten unterwegs um uns mit Ausstattung einzudecken. An einem Stand wurde uns, bzw. eher nur an Frau Rabe gerichtet ein Wickelbody empfohlen, denn „damit könne sogar der Vater das Kinde wickeln“. Auch heute noch finde ich es eine Frechheit mir, bzw. Vätern generell, die Fähigkeit abzusprechen, sich um seine Kinder zu kümmern.
    Frau Rabe: als negative Reaktion könnte ich den Klassiker anbringen: als ich, damals noch in Deutschland, meinem Chef verkündete, ich sei schwanger, fragte er mich nach der Gratulation, wie viele Jahre ich denn zu Hause bleiben wolle. Als ich sagte, ich hätte so an sieben Monate nach der Geburt gedacht, damit wir die Elternzeit fair aufteilen könnten, kam ein belächelndes „Jaja, warte mal ab, wenn das Baby dann da ist…“. Positive Reaktionen kriege ich wenn überhaupt nur indirekt an den Mann adressiert mit: „Ach, das ist ja auch toll, dass sich die jungen Väter heutzutage so einbringen.“ (Von meiner Oma.) Meine Mutter hat uns gelobt dafür, dass wir das so gleichberechtigt hinbekommen. Aber zählt das, wenn die eigene Mutter das sagt?

  10. Was würdest Du Deinem jüngeren Ich mit auf den Weg geben, das weder Kinder hat noch in einer Partnerschaft lebt, wie es mit dazu beitragen kann, dass Equal Care gelingen kann?

    Frau Rabe: Haha, ich könnte höchstens sagen: mach du mal, das passt schon. Such dir nen Partner, der die Dinge so sieht wie du. Dem Zeit wichtiger ist als Geld, der aber auch weiß, dass Geld nicht auf Bäumen wächst. Und der bügeln kann, das lernst Du nämlich in diesem Leben wohl eher nicht mehr.
    Herr Rabe: Ich bin eigentlich mit mir ganz zufrieden, so wie es ist, von daher würde ich auch einfach sagen, mach das, was du machst.

  11. Was wünschst Du Dir von Politiker*innen?

    Frau Rabe: in Deutschland wäre das: 1. Mehr Elterngeld. Ich meine: wir leben hier in einem Land mit echt hohen Löhnen. Und trotzdem bekommt man in Norwegen mindestens 80% des vorherigen Nettoeinkommens als Elterngeld, für 59 Wochen. Alternativ 100% für 49 Wochen. Dann gilt nämlich auch das Argument nicht mehr, dass ein Partner nicht länger als 2 Monate zu Hause bleiben kann, weil dann zu viel vom Haushaltseinkommen wegfällt. Um das zu unterstreichen, könnte man die, ähäm, „Vätermonate“ ausweiten. 2. Mehr gute und bezahlbare Kinderbetreuung. Obwohl hier alles andere sehr teuer ist, ist Kinderbetreuung vom Preis her ok. Geradezu günstig. Und das bei einer Qualität, die ich nicht mehr missen möchte. Der Betreuungsschlüssel unserer KiTa ist 1:3,5. Welcher Kindergarten in Deutschland schafft das schon? Und dass Eltern ihre Kinder nicht einfach verwahrt wissen wollen, sondern wirklich betreut, ist wohl allen klar.
    Herr Rabe: Mit den Zuständen in Norwegen bin ich sehr zufrieden. Ich würde mir wünschen, wie es auch schon Frau Rabe beschrieben hat, dass die Politik in Deutschland sich mehr an der Skandinavischen Familienfreundlichkeit orientiert.

  12. Was wünschst Du Dir von anderen Entscheidungsträger*innen?

    Frau Rabe: Ich wünsche mir, dass es normaler wird, sich gleichberechtigt an der Care-Arbeit zu beteiligen. Dass Frauen™ nicht mehr so oft und Männer™ dafür öfter gefragt werden, wie denn die Kinderbetreuung organisiert ist. Dass mehr Paare sich die Elternzeit gerechter aufteilen. Dass mehr Väter bei ihren Arbeitgebern auf ihr Recht bestehen, Elternzeit zu nehmen. Dass im Gegenzug der Rabenmuttermythos endlich ausstirbt. Dass Medien aufhören, Politiker dafür abzufeiern, dass sie einmal pro Woche das Kind aus der KiTa abholen, während die Schlagzeilen bei der schwangeren Politikerin deren Leistungsfähigkeit anzweifeln. Zusammengefasst: eine gleichberechtigte Elternschaft soll keine Randerscheinung mehr sein. Bitte.
    Herr Rabe: Ich wünsche mir, dass Väter mehr ermutigt werden sich Zeit für ihre Familie zu nehmen. Das es selbstverständlich und kein Problem ist, wenn man dem Chef sagt, man müsse los um das Fieberkind aus der Kita abzuholen. Mein Teamleiter wünscht mir zum Beispiel in solchen Fällen nur gute Besserung für das Kind.

  13. Was wünschst Du Dir konkret für Deinen Alltag anlässlich des Equal Care Day 2017?

    Frau Rabe: Ich wünsche mir mehr Geschichten, wie andere Paare sich die Familienarbeit gleichberechtigt aufteilen oder wenn nicht, was sie davon abhält.
    Herr Rabe: Ich wünsche mir, dass der Equal Care Day zum reflektieren der eigenen Situation anregt und dazu ermutigt Missstände anzusprechen. Ich wünsche mir, dass das Thema gleichberechtigte Familienarbeit diskutiert wird, nicht nur auf politischer Ebene, sondern ganz konkret in Familien und Freundeskreisen.

Tag 515 – Die lange Antwort. 

Heute auf Twitter pushte Dani einen Text wieder hoch, den sie schon im März letzten Jahres geschrieben hat. Am Ende des Textes stellt sie ein paar Fragen, die ich hier beantworten möchte. Auf Twitter mit 140 Zeichen diskutiert es sich schlecht, und man wird bei jedem dritten Tweet missverstanden. 

Dani bezieht sich in ihrem Artikel auf ein Interview mit Laurie Penny. Die wiederum ist linke Feministin und Kapitalismuskritikerin. In dem Interview sagt sie 

„Es ist eine Schande, dass Frauen sich immer noch zwischen Mutterschaft und allem anderen entscheiden müssen. […] Wir brauchen technische Alternativen zur Schwangerschaft. Warum gibt es noch keine? Die moderne Medizin kann Gliedmaßen wieder annähen und Gesichter transplantieren. […] Warum sollten Babys nicht im Labor entstehen? Wieso ist eine technische Alternative zum Mutterleib so undenkbar?“

Dani empört sich darüber, denn sie findet die Idee,

„ein Gerät zu haben, was das Baby dann austrägt, das ist einfach nur gruselig und es von einer Frau zu lesen, die ja für Frauen einsteht, das lässt den Feminismus für mich einfach nur ein Stück weit negativ aussehen.“

So. 

Am Ende von Danis Text stellt sie dann die Fragen, die ich gerne hier beantworten möchte. 

„Seid ihr Feministin? Sehe ich es grundsätzlich falsch oder was sagt ihr dazu? Findet ihr es nicht auch merkwürdig, dass eine Maschine ein Kind bekommen sollte?“

Liebe Dani,

Ja, ich bin Feministin. Genau genommen möchte ich mich lieber als Anti-Sexistin bezeichnen, weil ‚Feministin‘ so klingt, als sei man der Meinung, Frauen seien die besseren Menschen. Ich bin dagegen der Meinung, dass es viel Sexismus gibt, unter dem die meisten Menschen leiden. Männer wie Frauen. Festgefahrene Rollenbilder zum Beispiel schaden beiden Geschlechtern: den Frauen, denen die Mutterschaft allerorten als allein selig-machend und erfüllend verkauft wird, bei gleichzeitig extrem hoher Erwartungshaltung an die ‚Performance‘ als Mutter, Frau und natürlich weiterhin (also nach spätestens 1-3 Jahren, wo kämen wir denn sonst hin?) Arbeitnehmerin, so wie den Männern, die gefälligst Versorger zu sein haben, die sich kümmern sollen aber bitte ohne Weicheier zu sein. Finde ich alles blöd. Deshalb Anti-Sexistin. 

Die Frage, ob du es grundsätzlich falsch siehst, ist etwas schwerer zu beantworten. Ich versuche mal den Rest deines Textes zusammenzufassen, bitte korrigiere mich, wenn ich was falsch verstanden habe. 

  • Die Idee einer künstlichen Gebärmutter ist Frauen- und insbesondere Mütterfeindlich. 
  • Feministinnen wie Laurie Penny meinen, alle Frauen müssen Karriere machen (wollen).
  • Frauenquote ist unnötig, weil nach beruflicher Leistung entschieden werden sollte und nicht nach Geschlecht,
  • außerdem würden so Frauen gezwungen, Führungspositionen einzunehmen, die diese nicht wollen.
  • Elternschaft insgesamt wird zu wenig gefördert und ist zu oft ein Armutsrisiko. 

Zu allererst: den letzten Punkt unterschreibe ich zu 100%. 

Den Rest sehe ich etwas kritischer. Insgesamt kann ich dich verstehen und offen gesagt dachte ich auch lange so. Dann beschäftigte ich mich etwas eingehender mit Feminismus. Also wirklich nur etwas, andere Menschen studieren sowas, ich hab nur ein paar „Pop-Feministische“ Bücher gelesen und verfolge ein paar Blogs. Und ja, ich schaffe mir natürlich eine Filterbubble, ich lese zum Beispiel nicht die Emma und die „Verbrennt-eure-BHs“-Generation der Feministinnen ist jetzt auch nicht so ganz meins, deshalb kann es natürlich sein, dass ich mir meinen Feminismus ganz weltfremd zusammendefiniere. Aber innerhalb meiner rosigen (eher lilanen) kleinen Filterblase finden sich viele Gleichberechtigungs-orientierte Feminist*innen, die ganz und gar nicht der Meinung sind, dass alle Frauen Karriere machen wollen sollen. Aber, und das ist der große Unterschied, die Frauen, die Karriere machen wollen, die sollen das auch können. Und da ist noch einiges im Argen. Stichwort Gender Pay Gap. Keine mir bekannte Feministin will Frauen in Vorstände zwingen. Aber Frauen sollen die Möglichkeit haben, in Vorstände zu gelangen, was momentan dadurch verhindert wird, dass Frauen (a) weniger Führungsfähigkeit zugetraut wird, dass (b) vorwiegend Männer in den Vorständen sitzen, die ihresgleichen als Geschäftspartner bevorzugen und dass (c) schon in den Stufen davor weniger Frauen ankommen, weil sie Familie haben und sich eben nach wie vor zwischen Kind(ern) und Karriere entscheiden müssen. An diesen Punkten kann eine Quote helfen, damit Frauen erstmal „normaler“ in Vorständen sind. Sobald sich das etabliert hat und Frauen in Vorständen eben zum normalen Bild gehören, brauchen wir hoffentlich keine Quote mehr.

Abgesehen davon gibt es ja auch noch den Gender Care Gap, der daraus resultiert, dass in unserer Gesellschaft Frauen als „von Natur aus fürsorglicher“ angesehen werden. Das wird schon kleinsten Mädchen suggeriert, indem sie als „Puppenmamis“ bezeichnet werden, während „richtige Jungs“ zum wilden Spielen ermutigt werden. Ich kann dir (nicht nur dir. Alle Menschen, die mit Kindern zu tun haben, sollten das meiner Meinung nach lesen) dazu das Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“ von Almut Schnerring und Sascha Verlan empfehlen, da wird sehr ausführlich und gut belegt erklärt, wieso das mit der Natur Blödsinn ist und wieso wir das gesellschaftliche Konstrukt von Geschlechterrollen oftmals unbewusst weiter befeuern. Und vor allem: wie uns diese engen Grenzen letztlich alle einschränken. Ich zitiere einfach noch mal Laurie Penny aus dem Interview

„Viele denken, das ultimative Ziel des Feminismus ist, dass Frauen und Männer gleich viel Geld verdienen. Doch darum geht es nicht. Das Einzige, was damit erreicht wird, ist, dass Frauen genau wie Männer kapitalistisch ausgebeutet werden und zusätzlich noch die ganze Fürsorgearbeit erledigen.“

Und auch folgendes Zitat finde ich ganz wichtig, denn es zeigt, dass Laurie Penny eben nichts gegen Mutterschaft und Mütter an sich hat, sondern dagegen, dass dies unter dem Deckmäntelchen der „Natürlichkeit“ vom Patriarchat ökonomisch ausgenutzt wird:

„Es [Kinder gebären können] ist sogar eine weibliche Superkraft! […] Schwangerschaft und Mutterschaft als Arbeit zu definieren und auch so zu bezahlen, wäre eigentlich das Mindeste.“

Also insgesamt muss ich leider sagen: ja, ich glaube, du hast Laurie Penny falsch verstanden, wenn du meinst, sie würde das Kinder kriegen und aufziehen komplett an Maschinen outsourcen wollen, zugunsten der Karrieren der Mütter und dem allgemeinen Konsumverhalten. Gerade mit dem Punkt 

„Weiterhin wäre Sie [die Frau, die ein Kind per künstlicher Gebärmutter bekommt] auch eine Vollverdienerin, die mehr konsumieren kann.“

tust du ihr, so wie ich das aus dem Interview herauslese, unrecht. 

Und damit sind wir bei der dritten Frage. Nein, ich finde die Idee einer künstlichen Gebärmutter nicht besonders komisch. Ich gehe da mit Laurie Penny d’accord, die sagt 

„Die moderne Medizin kann Gliedmaßen wieder annähen und Gesichter transplantieren. […] Ich verstehe überhaupt nicht, was an dieser Idee verrückter ist als an der Idee, einen Arm, ein Herz oder ein Gesicht zu transplantieren.“

Vielleicht sollte ich hinzu fügen, dass ich mit meinem Naturwissenschaftlichen Hintergrund die Idee einer künstlichen Gebärmutter für in den nächsten, sagen wir mal, 25 Jahren, nicht umsetzbar halte. Es ist also ein reines Gedankenspiel für mich, aber ein interessantes. Denn, wie ja oben auch im allerersten Zitat steht und dein Artikel ja auch gezeigt hat: das Thema ist „undenkbar“, es erhitzt die Gemüter ungemein. Ich frage mich ( wie auch Laurie Penny): warum? Für mich hätte die Möglichkeit, ein Kind in einem Tank statt in einem Menschen wachsen zu lassen erstmal viele Vorteile: 

  • manche Menschen haben keinen Uterus und möchten trotzdem Kinder bekommen. Die könnten dann welche bekommen. 
  • Manche Menschen haben aus anderen Gründen körperliche Probleme, Kinder auszutragen. Die könnten dann welche bekommen. 
  • Für manche Menschen wäre eine Schwangerschaft lebensgefährlich. Die könnten dann trotzdem welche bekommen. 
  • Für manche Menschen wäre eine Schwangerschaft und/oder Geburt aus anderen Gründen undenkbar. Die könnten dann auch trotzdem Babys bekommen. 

Dann stellen sich mir noch zwei Fragen, nämlich 

  • Wo ist der Unterschied zur Adoption?
  • Wo ist der Unterschied zur Leihmutterschaft?

denn auch in diesen Fällen gibt es keine pränatale Bindung des Kindes zu den späteren Hauptbezugspersonen. Im Gegenteil: wenn man davon ausgeht, dass die Bindung des Babys an die austragende Mutter so ausgeprägt und wichtig ist, wäre es doch für das Baby vielleicht sogar schöner, gar keine Bindung zu haben, als direkt nach der Geburt die erste herbe Verlusterfahrung machen zu müssen?

Und auch hier würde ich mal ganz stark davon ausgehen, dass niemand zu irgendwas gezwungen wird. Wer weiter Babys in seinem Körper wachsen lassen kann und will, wird allerhöchstwahrscheinlich die Möglichkeit dazu haben. Aber für die anderen: warum nicht? Weil jemand anderes es gruselig findet? Weil es „nicht natürlich“ ist? Das sind Herzschrittmacher auch nicht. Oder Insulinpumpen. 

Und um das Ganze abzuschließen: anhand eines Gedankenspiels einer Feministin (oder jetzt zweien) den ganzen Feminismus „ein Stück weit negativ“ zu sehen, finde ich schade. Für den Feminismus, der noch so viele bunte und wichtige Aspekte zu bieten hat und sie dir bestimmt gerne zeigen würde.

Liebe Grüße –

R. 

Tag 472 – Was ich alles kann!

Heute wurde mir wieder was angespült, über das ich mich aufgeregt habe. Es ging so in die Richtung „Der Feminismus™ verbietet den Frauen das Aufgehen im Mutter-Sein!“. Mich ärgert das nicht zum ersten Mal. Ich finde nämlich, das ist eins der größten  Missverständnisse über den Feminismus überhaupt. Ein paar Beispiele:

  • Ich kann Feministin sein und heterosexuell.  
  • Ich kann Feministin sein, obwohl mir Pornos total wurscht sind. 
  • Ich kann Feministin sein und ein bisschen prüde. 
  • Ich kann Feministin sein und anerkennen, dass das Patriarchat auch für Männer nicht nur Vorteile hat. 
  • Ich kann Feministin sein und Nagellack und Schminke und High Heels mögen. 
  • Ich kann Feministin sein und Kleider mögen.
  • Ich kann Feministin sein und gerne kochen und backen. 
  • Ich kann Feministin sein und Freude am Selbermachen von Dingen haben. 
  • Ich kann Feministin sein und gerne Nähen. 
  • Ich kann Feministin sein und nicht ganz so gerne Stricken. 
  • Ich kann Feministin sein und Ballett mögen. 
  • Ich kann sogar Feministin sein und meine Kinder vielleicht später mal zum Ballett gehen lassen, wenn sie wollen. Ja, auch das Mädchen. 
  • Und vor allem! kann ich Feministin sein und gerne Mutter. 

Meine Art von Feminismus ist ein offener. Einer, der sich am liebsten schnellstmöglich selbst unnötig machen möchte. Der trotzdem noch nötig ist, solange Mädchen glauben, sie könnten kein Mathe weil halt. Solange ehemals gleichberechtigte Beziehungen weiterhin und ungewollt in Abhängigkeiten und veraltete Rollenmuster kippen, sobald Kinder geboren werden. Solange nicht jede Form der Partnerschaft und der Familie gleichwertig ist. Solange wilde Kinder in „Jungs sind halt so“ und „wer soll die denn mal heiraten?“ unterteilt werden und ruhige Kinder in „Puppenmami“ und „tobt der sich denn nie aus?“. Solange Männer jünger sterben als Frauen und viel häufiger Suizid begehen. Solange vermeintliche Verweiblichung Männer in ihrem Ansehen herabsetzt. Solange Trans-Frauen im Ansehen absteigen, wenn sie als Frau zu leben beginnen, während Trans-Männer im Ansehen aufsteigen.

Mein Feminismus hört aber da auf, wo anderen vorgeschrieben wird, wie sie zu sein haben. DU MUSST VOLLZEIT ARBEITEN! Nein. Ich möchte, dass jede*R die Wahl hat, zu arbeiten, dass die Jobvergabe und die Bezahlung nicht am Geschlecht oder dem Familienstand hängt. DU MUSST SOUNDSOLANGE ZU HAUSE BLEIBEN, WENN DU KINDER HAST. Nein. Ich möchte, dass jede*R die Wahl hat, seine Kinder zu Hause zu betreuen. Eine wirklich freie Wahl, getroffen ohne Rollenerwartungen und „Mein Mann würde ja gerne, aber bei IHM geht das WIRKLICH nicht.“ DU MUSST KARRIERE MACHEN WOLLEN! Nein. Ich möchte, dass jeder mit einer zeitlich ausfüllenden Tätigkeit gut über die Runden kommt, auch ohne Ellenbogenmentalität und dem ständigen Blick nach oben zum Mehr und Besser und Größer. Und auch ohne mit den Jahren immer besorgter aufs Rentenkonto schielen zu müssen, wie viele Frauen, die unbezahlte Care-Arbeit (aka. Kinderbetreuung zu Hause) verrichten. DU DARFST DICH IN DEINEM KÖRPER NICHT UNWOHL FÜHLEN! Nein. Aber es soll keinem Menschen vorgeschrieben werden, wie er oder sie sich bei Körperform X oder Aussehen Z zu fühlen hat. 

Sehen Sie, ich bin absolut nicht der Meinung, dass Frauen die besseren Menschen sind. Oder Männer. Ich finde Sexismus gegenüber Männern (zum Beispiel Männergrippewitze oder so ‚Männer denken nur mit dem Pimmel‘-Anspielungen oder – noch schlimmer – die weit verbreitete Annahme, Männer hätten sich einfach nicht unter Kontrolle und deshalb könne Ihnen der Anblick von  weiblicher Haut/ bestimmter Kleidung/ Haaren nicht zugemutet werden) genauso schlimm, wie gegenüber Frauen. Nach ein paar Jahrtausenden Patriarchat braucht es meiner Meinung nach aber einen starken Gegenpol und da reicht bloßer Anti-Sexismus nicht. Deshalb bezeichne ich mich weiter als Feministin. Und verbiete keinem Menschen was. Whatever floats your boat. 

(Nur wenn du dich sexistisch äußerst, dann fliegst du halt aus meiner Filterbubble.)

Tag 404 – Wie ich mal versehentlich ne Welle machte. 

Eigentlich schuld an allem. (Es geht ihr übrigens ganz ok, kein Fieber, hat zusammen mit ihrem Bruder uns die Haare vom Kopf gefressen und weder viel geschlafen (leider) noch weniger gespielt.)


Pippi hatte nach einer überaus anstrengenden Nacht heute morgen 37,4 Grad Temperatur. Das ist kein Fieber, aber mit der Fiebermesspolitik* des Kindergartens hätten wir sie nach spätestens ner Stunde eh wieder abholen müssen. Also disponierten wir kurzfristig um und ich schleppte Pippi mit zur Arbeit, ich musste eh nur kurz Labordinge machen und sonst am Computer sitzen, das muss dann eben mal mit Kind gehen. Naja, es ging so halb, Pippi wollte dann auf der Tastatur rumkloppen, also kam ich doch zu nix. Dann wurde sie irgendwann müde und ich schob sie herum, zweimal im Kreis durch die Uniklinik, in der die Gebäude untereinander mit Brücken verbunden sind. Nach zwei mal schlief sie endlich, aber da war ich schon zweimal am Schrein vorbei gekommen. Der Schrein, das ist eine Vitrine zu den Nobelpreisträgern May-Britt und Edvard Moser (und John O’Keefe, der ist aber kein Norweger und wird deshalb konsequent ignoriert nur am Rande erwähnt). In der Vitrine ist ein großes Bild des Paares, eine kurze (wirklich sehr stark runtergebrochene) Erklärung des Themas, Kopien (nehm ich mal an) der Nobelurkunden, drei kleine Bilder aus dem Laboralltag (gaaaar nicht gestellt, wie so Fotos eben sind) und: das Kleid, das May-Britt Moser bei der Preisverleihung trug. Es ist ein meiner Meinung nach sehr schönes Kleid, und mein Nerd-Herz hüpft ein bisschen ob der Aufgestickten Nervenzellen, die die Zellen, die sie und ihr Mann (und O’Keefe) entdeckt haben, darstellen sollen. Ich bin schon oft an dem Schrein vorbei gelaufen, aber heute fiel mir zum ersten Mal auf, dass das Kleid ziemlich raumfüllend da steht, dass es doch eigentlich kaum was mit ihrer Forschung zu tun hat und dass ich mir wünschen würde, dass in so einer Vitrine nicht als Hauptsache „The Dress“ steht sondern etwas mehr zu der Forschung, vielleicht ein kleines Video**, ein Bild von der Verleihung mit Erklärung, dass es eben diese Nervenzellen sind. Denn, kommt man ohne Ahnung da hin, sieht man: Aha, Nobelpreis, irgendwas mit Ratten (iiihhhh!) und ein Abendkleid. Nun ja, ich verpackte mein diffus ungutes Gefühl in semilustige hundertvierzig Zeichen und twitterte:

Ich Idiot. 

Seitdem verbringe ich den Tag damit, mich zu erklären, das mit den Zellen erklärt zu bekommen (ca. tausend mal), mit Leuten mehr oder weniger fruchtbare Diskussionen zu führen, mit Alice Schwarzer verglichen zu werden, meinen ersten Troll kennenzulernen, mich als doof bezeichnen zu lassen***, kurz: es ist etwas anstrengend grad. 

Merke: nix mehr von Bedeutung twittern. Oder dickes Fell wachsen lassen. 

*wenns Kind schreit, am besten nach 10 Minuten Gebrüll, messen. Dann Eltern anrufen, weil 38,1. Meh. 

**Erklärung zum Video: die Ratte hat eine Elektrode im Gehirn, die (in einem örtlich stark abgegrenzten Bereich im enthorinalen Cortex) genau messen kann, welche Zellen gerade „feuern“. Das feuern wird durch die weißen Punkte angezeigt. Je nach Aufenthaltsort feuert immer nur eine einzige Zelle und das Muster der Zellen entspricht einer Karte der Umgebung. This is fuckin‘ awesome!

***weil ich ja nicht weiß, ob sie das nicht vielleicht selbst so wollte. Als wäre es nicht total egal, wer da findet, ein Kleid sei eine angemessene Darstellung für Wissenschaft.