Tag 678 – Zwei Herzen…

Ich war heute, obwohl ich kaum was echt geschrieben habe, halbwegs produktiv bei der Arbeit. Ich vergesse ja immer wieder die kleinen Tücken von LaTeX, aber am Ende des Arbeitstages hatte ich ein funktionierendes Dokument mit alles und scharf, also einer ansprechenden Bibliographie und einem Abkürzungsverzeichnis, das als umnummeriertes Kapitel im Inhaltsverzeichnis auftaucht. Ich glaube, ich mache für das Abkürzungsverzeichnis noch römische Seitenzahlen, weil ichs kann (und es cool ist, wenn die Einleitung dann auch mit arabisch 1 auf Seite arabisch 1 anfängt). Eine klitzekleine Herausforderung wird dann noch am Ende das Einfügen mehrseitiger PDFs (also der Artikel), Tipps dazu nehme ich gerne an. Etwaige Manuskripte werden ja in Word erstellt (ja, ich weiß, ich möchte das ehrlich gesagt auch nicht, aber Chef ist da uneinsichtig), da weiß ich noch nicht, wie ich die dann einfüge, vielleicht auch einfach als PDF vom .doc. Weil alles „nachtexen“ ist unspaßig, been there, done that. Neben der Arbeit her habe ich dann noch mit der Masterstudentin besprochen, was sie nächste Woche nach ihrem Ferienjob für spaßige Sachen für mich tun soll, unser Sequenzier-Experiment ist nämlich wieder in die Hose gegangen und liegt jetzt bis auf Weiteres auf Eis wegen akuter Unlust, noch mehr Geld zum Fenster rauszuwerfen. Dann musste ich leider ziemlich überstürzt abhauen, mein Biorhythmus ist ja eher auf nachmittägliches Arbeiten ausgelegt, deshalb werde ich in den nächsten Wochen die Kinder wohl vermehrt morgens bringen, dann kann ich nachmittags entspannter noch weiterarbeiten und muss nicht mitten im Flow aufspringen. So war ich heute dann wirklich kurz vor knapp im Kindergarten und fühlte mich sowohl wegen der Kinder, als auch wegen der abgewürgten Arbeit schlecht.

Aber: die Kinder. Wie putzig die manchmal sind. Und wie sehr die mich manchmal auf die Palme bringen*. Heute Nachmittag waren Michel und ich ein Geburtstagsgeschenk für seinen KiTa-Kumpel kaufen, der morgen sechs wird. Ich dachte , das sei eine gute Idee, wenn Michel das aussucht. Dann lernte ich etwas über mein Kind, nämlich, dass der noch entscheidungsschwacher bei sowas ist, als ich. Wir waren im großen Supermarkt, der auch eine relativ große Spielzeugabteilung hat. Erst wollte Michel die Autos angucken. Jedes. Einzeln. Ich zeigte ihm schon extra nur die, die im Preisrahmen waren, trotzdem fragte er links und rechts natürlich, ob wir nicht das nehmen könnten. Ich erklärte einigermaßen geduldig an die 150 mal, dass alles mit Fernsteuerung und alles aus Disney-Filmen (Cars) zu teuer ist, dass ich keine echt aussehenden Schießdinger kaufen werde und dass ich Star Wars noch nicht so gut finde für Kinder, die noch nicht mal zur Schule gehen. Michel war auch einig darin, dass Star Wars sehr gruselig sei (jetzt, wo ich The Force Awakens gesehen habe, frage ich mich ja schon sehr, wieso die ganzen Figuren und trallala die man so kriegt Klonkrieger sind. Nix Rae (Rea? Ray?), nix Finn. Ballum???). Aber für die verbleibenden fünf AUtos konnte er sich auch nicht so recht erwärmen. Er wollte doch noch mal beim Lego gucken. Auch da war es schwer, Sets im Kindergeburtstag-nicht allerbester Freund-Rahmen zu finden. Genau genommen gab es sieben: zwei Lego Creator (Zug und Rennauto, das hätte ich ja gut gefunden, aber was weiß ich schon), ein Lego City und vier von diesen Basic-Kits in verschiedenen Farben. Und dann gab es ganz viel Lego Friends, aber, Sie ahnen es schon, das kam Michel nicht in die Tüte wegen des ganzen Rosas, der Katzen mit den riesigen Augen, der Muffins und „weil da nur Mädchen drin sind“. Geilomat, mein Kind ist total stereotyp drauf (hier mütterliches Haareraufen vorstellen). Michel betrachtete also die sieben Sets ausgiebigst. Wog das Rennauto-Set  in der Hand. Machte HmmmmHmmmm. Und sagte dann:

„Ich glaube ein Auto ist doch besser.“

Und ging zurück zu den Spielzeugautos. Wo wir uns dann gemeinsam für ein Motorrad entschieden. 

(Dann suchten wir noch eine Karte mit Mickey Mouse drauf aus und ich sage es mal so: Vierjährigen eine Karte mitsamt Umschlag in die Hand drücken „zum Festhalten bis zur Kasse“ und denen dann den Rücken zudrehen kann bestimmt auch gut gehen. Mein Kind hat dann aber bis zum Milchregal das Kärtchen in den Umschlag gesteckt und diesen fein säuberlich zugeklebt.)

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*gestern zum Beispiel, als das eine Kind, das nach Absprache nur dann keine Schlüpferwindel nachts anziehen muss, wenn die vorherige Nacht trocken war, seine rausgelegte Schlüpferwindel klammheimlich liegen ließ und ich erst nach dem Ins-Bett-bringen dachte „hmm? So ein knackiger, kleiner Windelpo…?“. Rübennase.

Tag 674 – The genes, they are a’changing. 

Oslo-Trondheim Genome dynamics workshop. Der fing ja heute um elf an, vorher war ich natürlich, wie so eine streberhafte Doktorandin in den letzten Zügen, noch im Labor. Ich erklärte meiner Hilfskraft* was sie tun solle und gab mega wichtige Proben zum Messen ab. Um zehn vor elf sprang ich ins Auto, fuhr zur Konferenz, kam an und…

… es gab keine Stühle mehr. Plätze schon, nur keine Stühle. Tjanun. Ich hab also einem Hotelmenschen Bescheid gesagt** und mich dann auf einen der eilig herbeigekarrten Lobby-Design-Höcker gesetzt. 

Und dann verbrachte ich die Zeit bis zum Mittagessen eigentlich hauptsächlich damit, Paper zu lesen, weil alle Vorträge von Leuten waren, die und deren Arbeit ich eh sehr gut kenne***, oder einfach zum Sterben langweilig waren. 

Mittagessen: war durchwachsen. Der Nachtisch war gut. 

Danach wirklich interessante Vorträge, viele Notizen gemacht und keine weiteren Paper gelesen. Dafür einiges gelernt über Alkylierungen**** und die ALKBH-Enzymfamilie*****. 

Um drei sprang ich dann hektisch auf, kurz vorm letzten Vortrag der Session, setzte mich ins Auto und holte Pippi aus dem Kindergarten ab. Das war auch der Grund, weshalb ich das Auto dabei hatte: mit Bus oder Fahrrad wäre das alles noch viel enger geworden. So dachte ich jedenfalls. Im Endeffekt stand ich dann enervierend lange im Berufsverkehr herum und wäre mit dem Rad vermutlich viel schneller gewesen. Pippi versorgte ich schon im Auto mit mitgebrachter Banane und dann als wir ankamen noch mit einem Stück Kaffeepausenkuchen. Die war also happy. 

Tatsächlich war Pippi dann ein kleines Engelchen****** und ließ mich vier von fünf Vorträgen stressfrei anhören. Und alle Frauen so aaawww. Und dann hoffe ich immer, dass meine Augenringe und die Schokoflecken auf meinem Shirt und das vom Kinderschuhklettverschluss frisch reingerissene Loch in meiner Strumpfhose Abschreckung genug sind, weil eigentlich kann ich keinem Menschen guten Gewissens empfehlen, Kinder und PhD zeitlich zu kombinieren. Danach gab es einen erwas blöden Vorfall mit einem eigentlich total netten Mann******* und Pippi trank etwa vier Becher eigentlich für den Kaffee gedachte Milch und ging auch drei mal erfolglos aufs Klo, wir guckten ein minibisschen Poster an und dann fuhren wir…

… Michel abholen. Und dann nach Hause. Wo ich, ehrlich gesagt relativ erledigt direkt anfing mit…

… Beine rasieren. Wegen der Schokoflecken und der Strumpfhosenlöcher musste ich mich umziehen. Herr Rabe kam heim, ich wusch meinen rosa Lippenstift ab, machte Himbeerfarbenen drauf, nochmal schnell das Näschen nachgepudert und das Augenmakeup mit einem nach außen hin breiteren Lidstrich in dunkelblau abendtauglich gemacht, hohe Schuhe an und Zack, war es zu spät um Zeug in eine Handtasche umzupacken. Ich zog also mit meinem Rucksack los zum Dinner. Da war ich dann 10 Minuten zu spät, weil der Bus so viel Verspätung hatte. 

Dinner. Lecker. Ich saß am Tisch mit mir teils unbekannten, teils unsympathischen Menschen. Aber das Essen war echt gut. 

Danach Skybar für ein Stündchen. Wie putzig die Norweger*Innen sind: boaaahhh, 21 Stockwerke, der Hammer. Auch lustig: die Skybar teilten wir (verrückten Genforscher*Innen) mit irgendeiner Veranstaltung einer großen Baumarktkette. Und, was machst du so? Ich bau gern Sachen aus Holz. Und du? Ich will wissen, wie Enzym X zwischen fehlerhaften und endogenen Methylgruppen in mRNA unterscheidet. Nicht ganz so lustig: meine Fresse bin ich schlecht in Smalltalk und dem ganzen Networking-Zeug. Es ist schlimm. Nicht nur hab ich absolut kein Ansprechgesicht, ich sage halt auch einfach mal minutenlang nichts, statt irgendwas zu sagen. Damit können Leute schlecht umgehen. 

Außerdem starben irgendwann meine Füße quasi ab (nix gewohnt, aber ey, ehe ich <s> mir eingestehe, dass ich’s einfach nicht mehr kann</s> meine Schuhe ausziehe und barfuß nach Hause laufe, muss einiges passieren, ich kann lange lächelnd und mit hoch erhobenem Kopf meine tauben Zehen ignorieren, sowas lernt man beim Tanzen!) und deshalb******** sitze ich jetzt im Bus nach Hause und freue mich aufs Bett. 

* Die Masterstudentin. Ich hab sie nur diese Woche. Was blöd ist, weil ich viel viel mehr Hilfe gebrauchen könnte. 

** auf die Idee war von den ebenfalls betroffenen Norweger*Innen noch keine*r gekommen. 

*** Mein Chef zum Beispiel, der erklärte, was ich so mache. 

**** Abschnitt 1 meiner Thesis

***** Abschnitt 2 oder 3 meiner Thesis

****** Thanks to Maus-App und Peppa Pig. 

******* Er hatte ein Auto geholt, mit dem sie spielen konnte. Sie freute sich total und spielte sofort. Er fragte nach „seinem“ Namen. Ich sagte „Pippi!“. Und dann war er ganz bestürzt, er hatte gedacht, sie sei ein Junge und wenn er gewusst hätte, dass sie ein Mädchen ist, also dann hätte er ja kein Auto geholt und überhaupt täte ihm das total leid und… da hab ich innerlich so laut geseufzt, dass ich den Rest des Entschuldigungs-Sermons nicht mehr mitbekommen habe. 

******** und weil mein Chef auch schon nen norwegischen Abgang gemacht hatte, also einfach verschwunden war. 

Tag 670 – Sie wollte das Kinderfestival verbloggen, doch was dann geschah, konnte keiner glauben!

Wir waren dieses Jahr wieder auf dem Juba Juba Kinderfestival. Es war wieder sehr schön. Aber ausführlich berichten kann ich jetzt nicht mehr, nach sechs Stunden draußen und teils in der prallen Sonne brutzelnd bin ich nämlich so müde, dass ich während Michel malte fast und während ich Michel ins Bett brachte ganz einpennte. 

Hoffentlich hilfts was, wenn ich jetzt einfach schlafe. Mich gruselt es ein wenig vor morgen. Eigentlich doll. Um genau zu sein, möchte ich schreiend im Kreis laufen, aber ich bin zu müde. Was ja auch irgendwie ein gutes Zeichen ist. Bestimmt. 

Tag 669 – Alter Hut. 

Herr Rabe und ich gucken jetzt Star Wars (Michel sagt immer mit norwegischem Diphtong Star Worsch und es ist SO NIEDLICH!) und deshalb kann ich jetzt grad nicht mehr schreiben. 

Aus Gründen holte ich jedoch heute an anderer Stelle diesen Artikel wieder hervor, las ihn und war, ähh, beeindruckt ob meiner eigenen, ehemaligen Besonnenheit. Also den kann man ruhig nochmal lesen, der ist auch noch aus der Zeit, in der so 30 Leute meinen Blog lasen, also viele von ihnen kennen den vermutlich noch gar nicht. 

Tag 662 – Wirres. 

Aus Gründen habe ich heute zu viel über mich nachgedacht. Das bekommt mir nicht gut. Davon werde ich ganz… aufgekratzt, dann müde und am Ende leer. Das ist nicht schön und so schnell mache ich das nicht wieder. 

Die Hinweise verdichten sich, dass ich sehr gestresst bin. Die einzige, die mich stresst, bin ich selbst. Der Effekt ist aber der gleiche: ich bin grenzwertig erschöpft. Schaffe dabei nichts, habe ein schlechtes Gewissen und bin dann, genau, noch erschöpfter. Vielleicht sollte ich mich einfach hinsetzen und schreiben, damit das Elend wirklich bald ein Ende hat, egal wie. 

Ich hab den allerbesten Mann geheiratet. Nach fast 10 Jahren, die wir uns kennen, kann ich das wohl behaupten. 

Pippi sagt immer, wenn sie sich verabschiedet: „Ha det, Pippi! ‚Is Gleiheich!“. Das ist so unglaublich niedlich!

Heute den Wickeltisch verkauft. Jetzt muss nur noch das Beistellbett und die Windeln weg, dann ist das Gros des Babykrams weg. Und es fühlt sich sehr gut an. 

Kinder, die keine Babys mehr sind, sind schon praktisch. Man hat viel mehr Freiheiten: ich kann über meine Brüste verfügen, wie ich es für gut und richtig halte. Michel geht nach dem Kindergarten problemlos mit zu seinem Kumpel. Beide Kinder schlafen mindestens eine Weile in ihren eigenen Betten im eigenen Zimmer. 

Pippi kommt in die Autonomiephase. Traurige Eltern (wir) sind traurig. 

Tag 660 – Aggressionsproblem. 

Dinge, über die ich in den letzten Tagen wirklich, wirklich wütend wurde (Reihenfolge spiegelt nicht die Gewichtung wieder):

  • Ein Kindergarten irgendwo in Süddeutschland schickt ein Kind nach Hause, weil es keine eigene Sonnencreme dabei hat. Obwohl die Mutter ihr Einverständnis gegeben hat, die Sonnencreme eines anderen Kindes zu benutzen. 
  • Eine Mutter sagt, sie könne und wolle nicht mehr auf Art und Weise x erziehen, ihre Tochter tanze ihr auf der Nase rum. Andere Mütter fallen über die Mutter her: sie habe x halt einfach falsch gemacht, weil sonst würde weder auf Nasen getanzt noch wäre sie so fertig. 
  • Menschen, mit denen ich Labore teilen muss, sauen rum, füllen nichts nach und brauchen meinen persönlichen Kram auf. Ohne zu fragen oder auch nur Bescheid zu sagen. 
  • Menschen finden es wichtiger, oben auf dem Brutschrank Staub zu wischen, als dass ich meine Proben nach Ablauf der 24 Stunden Inkubationszeit aus dem Brutschrank holen kann. 
  • Die Bauarbeiten*. 
  • DIE NACHBARIN**!!!
  • Die Hausärztin der Kinder, die trotz Bitte meinerseits, mir keine anderen Allergien außer der Katzenspeichelenzymallergie mitzuteilen, einfach einen Brief mit den (kompletten) Ergebnissen des IgE-Tests schickte. MIT INFOMATERIAL, WIE WIR MIT DEM (JA AUSDRÜCKLICH NICHT ERWÜNSCHTEN) NEBENBEFUND JETZT UMGEHEN SOLLEN. 
  • Hausstaubmilben. 
  • Pippi, die am Pencil vom iPad gekaut hat. 
  • Pippi, die mein Glasthermometer fand und zerstörte.
  • Michel, der morgens unglaublich trödelig und heulig drauf ist. 
  • Das gesamte Projektteam, das findet, ich könnte ja noch drölfzig Experimente machen. Während mir aber gleichzeitig niemand zuhört, was ich schon gemacht habe. 
  • Das Projekt. 
  • Das Wetter. 
  • Dass ich wirklich jedes Mal, wenn ich mein Fahrrad abschließe, mich mit Öl von der Sattelfederung einsaue. 

Mir scheint, ich habe ein klitzekleines Aggressionsproblem. Oder vielleicht bin ich einfach sehr müde. 

*Die eine Tür ist zu kurz und knarzt, wir haben komplett absurde Anzahlen von Schlüsseln erhalten, überall fehlen noch Leisten und Farbe und Putz und es sieht auch Stellenweise noch aus wie Sau, obwohl wir schon zwischendurch mehrmals gründlich saubergemacht haben. 

**mit ihren SMS, ich versuche diesen Teil mental load und Nervenfresserei auf Herrn Rabe abzuwälzen, aber sie schreibt immer immer immer wieder mir. Ich will das nicht, sie und ich, das geht nicht, ich gehe inzwischen direkt an die Decke bei ihrer Art. Aber dann wird hier wieder irgendwas installiert und sie schreibt zum 15. Mal „Ich brauche die Schlüssel für vorne und hinten“ und ich erkläre wieder und wieder und wieder, dass wir nur zwei Schlüssel für vorne haben und man mit unseren Schlüsseln ja (wie sie weiß) viel Übung braucht, um die Tür zu öffnen und warum lassen wir nicht einfach die Tür auf? Und sie so: warum habt ihr nur zwei Schlüssel? Und dann platze ich.