Tag 1952 – Leichter gesagt als getan.

Ich wollte ja heute einen online-Kurs beginnen, der drei Tage dauert. Tja, Pustekuchen, denn ich habe offenbar irgendwann zwischen Januar 2019 und jetzt mein Passwort für die Lernplattform vergessen. Natürlich lag es auch nicht im Passwort-Manager und natürlich ließ es sich auch nicht mit einem einfachen Klick zurücksetzen. Ich musste da eine Mail schreiben, mit der Bitte, mich zu meinem (unbekannten) local administrator durchzustellen, damit diese*r dann das Passwort zurücksetzen kann oder sonst irgendeine magic macht. Die Mail an die local administrator ging dann um 17:01 raus (und in CC an mich) und die betreffende Kollegin gehört offenbar nicht zu denjenigen, die rund um die Uhr arbeiten (kluge Frau!!!). Vielleicht habe ich ja Glück und es geht dann morgen. Es ist nämlich wirklich nicht leicht, sich drei Tage für sowas frei zu halten.

Statt Kurs habe ich dann heute lauter doofe Sachen gemacht, die ich aus guten Gründen wegprokrastiniert hatte, und am Ende hatte ich echt schlechte Laune.

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Abends war ich mit Michel schwimmen, während Pippi beim Tanzen war. Kinder dürfen ja noch machen, was sie wollen. Unser Bad hat da harte Zugangsbeschränkungen, deshalb ist man mit sehr wenigen Leuten gleichzeitig da, das ist nicht das allerschlimmste. Im Gegensatz zu meinem Tanzkurs fühlt sich das auch nicht nach Himmelfahrtskommando an, weshalb ich den Tanzkurs ja auch abgesagt habe. Michel hat, weil er in der dritten Klasse ist, im Schwimmbad das ganze Jahr über freien Eintritt und, was wichtiger ist, er muss schwimmen lernen. Es macht mich irre, zu wissen, dass Michel einfach absäuft, wenn man ihn kurz alleine lässt. Der ist acht, hat kaum Respekt vor dem Wasser, überschätzt seine Fähigkeiten, kriegt dann aber Panik und fängt an zu zappeln, kurz: es ist nicht einfach. Gleichzeitig kann er nicht treiben, auf dem Rücken gar nicht und auf dem Bauch nur mäßig und da kann er den Kopf aber auch nicht bei heben. Der geht unter wie ne Bleiente. Er ist da genauso verzweifelt wie ich und hat heute wirklich fleißig geübt, aber es will nicht klappen, der Po bleibt nicht oben und der Kopf schon mal gar nicht. Ich habe Schwierigkeiten, ihm das zu erklären, weil ich so ca. schon immer schwimmen konnte und als Kind im Schwimmverein war. Ich hab alles versucht, von Hand unter Michels Bauch halten, über „Fühl mal wie hart mein Bauch ist, wenn ich das mache“ bis zu wissenschaftlichen Erklärungen von Auftrieb, Michel bekommt es nicht hin. Armer Zwerg. Da würde ich auch jetzt in unserem Bett liegen und herumschnarchen.

Ich merke mir das jetzt und judge nie wieder Eltern von Kindern, die nicht schwimmen können.

Tag 1904 – Kacktag.

Es gibt jetzt norwegische Äpfel. Mjammi! Hab nur deshalb heute keine gekauft, weil ich sie nicht nach Hause schleppen wollte. Norwegische Äpfel sind, genau wie norwegische Erdbeeren, leider geil.

Heute habe ich was vermutlich erwachsenes getan und die Helsestasjon angerufen, weil wir Hilfe brauchen mit Michel, möglichst bevor wir ihn an der Tanke aussetzen. Erwachsen sein ist scheiße, nach wie vor. Nachmittags hab ich mir dann Baby- und Kleinkindbilder von ihm angeguckt und das war auch keine gute Idee. Ich will doch einfach nur mein Kind zurück.

Apropos erwachsen sein ist scheiße: Finanzplanung für die nächsten x Jahre ist auch scheiße. Versicherungen hier, Altersvorsorge da, sparen auf dies und das und tralala. Ich möchte das nicht. Wenn ich mir vorstelle, was 2050 in der Welt los sein könnte (und 2050 bin ich aller Voraussicht nach noch nicht in Rente!), kommt mir das alles komplett sinnlos vor.

Was war noch kacke: ach ja. Ich arbeite bei der Arbeit an so einem kleinen Projekt und das wird noch richtig unschön, das zeichnet sich schon ab. Also intern wird es unschön. Es ist ne krass undankbare Aufgabe, die aber ja irgendwer machen muss und ich nehme den K(r)ampf auch gern auf mich, aber naja. Beliebt mache ich mich damit nicht.

Das klingt jetzt alles sehr negativ. Vielleicht sollte ich einfach mehr schlafen.

Tag 1901 – Dumm og deilig.

Ein recht harmonischer Sonntag, also so harmonisch, wie es mit dem momentan nicht ganz im Gleichgewicht befindlichen Michel sein kann. Wir prödelten erst zu Hause rum, jetzt haben wir die Bücher fertig sortiert und können zu Schritt 1,5: Regale verkaufen und dann Schritt 2: Arbeitszimmer ausräumen und auch da gründlich ausmisten übergehen.

Danach gingen wir ins Kino. In unserem Kaff (gelobt sei das Kaff!) sind die Infektionszahlen nach wie vor niedrig, wir haben nur 4 neue Fälle seit Ende Juni. Während 60 km weiter südlich, in Oslo, die Post dermaßen abgeht, dass der Gesundheitsminister offen droht, die kommunalen Entscheidungen zu übergehen, wenn die Kommune nicht Zack Zack was macht. Was auch immer „was machen“ sein soll. Aber egal, wir waren in unserem Kaff-Kino, in dem an drei Tagen die Woche je ein Film gezeigt wird (oder so). Mit Abstand und Popcorn und der ganzen Familie. Im Knudsen&Ludvigsen-Film, das sagt Ihnen jetzt allen nichts, aber das sind berühmte Kindermusiker aus Trondheim, die sehr lustige Musik gemacht haben. Leider ist einer aus dem Duo schon vor ein paar Jahren verstorben. Aber die Musik kennen die meisten Norweger*Innen und die ist auch wirklich lustig. Unsere Kinder finden die auch gut und Michel hatte den Kinobesuch vorgeschlagen. Aus o.g. Gründen sind wir zur Zeit gewillt, Michel jeden nicht komplett abwegigen, finanziell machbaren Wunsch zu erfüllen, vor allem, wenn es was ist, was ihn mal wieder ein bisschen „klein“ sein lässt. Ich glaube nämlich, dass Michels Hirn sich grad mal wieder neu verdrahtet und dass die Phase zwischen klein und groß wie jedes Mal ziemlich herausfordernd ist, vor allem für ihn.

(Irgendwann schreibe ich einen ganz tollen Erziehungsratgeber mit dem Titel „Es ist bestimmt nur eine Phase“. Da wälze ich dann auf 240 Seiten, das scheint mir eine gute Größenordnung für einen Ratgeber, aus, dass es vermutlich nur eine Phase ist, man atmen und durchhalten soll, lieber ins Kissen als das Kind anschreien und wenn man Sorgen hat, zum Arzt gehen. Da werde ich dann reich mit.)

Aber zurück zum Film: der war herrlich drüber, bunt und schrill und mit einem Humor, über den Kinder (hihi, Pups) wie auch Erwachsene (hihi, Drogenrausch) lachen können. Dass zwischendurch gesungen wird, ist ja irgendwie klar und ist auch etwas aufdringlich, aber da hätte ich für die Erwachsenen als Tipp, auf die Texte zu achten. So ein herrlicher Blödsinn! Und ganz viel Trøndersk, das erfreut mein da geschultes Dialektohr. Ich mag ja Trøndersk, im Gegensatz zu vielen Norweger*Innen, die das schrecklich finden. Aber hach. Hach, hach.

Es war jedenfalls ein sehr gelungener Ausflug, ich habe jetzt, zum drölfzigsten mal, für eine Woche einen „Juba Juba“-Ohrwurm. Vor allem Pippi machte vor allem den Rückweg super gut mit, wir gingen nämlich zu Fuß, und quatschte mir ein kleines Schnitzel an den Rücken. Das war schon auch sehr schön, mal mit ihr eine Dreiviertel Stunde spazieren zu gehen.

Apropos Pippi: abends fand ich Pippis „Baby“, das tagsüber gebadet wurde, im Badezimmerschrank, ordentlich zugedeckt und mit Kuscheltier. Manchmal könnte ich die kleine Maus einfach abknutschen, auch wenn sie da schon längst schlief.

Tag 1897 – Matschetag.

Habe den ganzen Tag furchtbare Kopfschmerzen gehabt, das ging gestern schon los, wurde aber nie eine „richtige“ Migräne, sondern blieb einfach bei starken Kopfschmerzen. Migränetabletten hatte ich fahrlässiger Weise eh nicht mehr, Ibuprofen wirkte erst bei der dritten Dosis. Danach war der Kopf ziemlicher Matsch von den überstandenen Kopfschmerzen, davor wegen der Kopfschmerzen selbst. Das war gar nicht mal so toll, ich hoffe, ich habe den Menschen da draußen keinen Mist per Mail geschrieben.

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Pippi hat jetzt richtig Spaß am Tanzen. Das ist sehr schön zu sehen. Da es aber eh keinen Sinn macht, für die Zeit, die sie da ist, nach Hause zu fahren, sitze ich meistens im Café im Einkaufszentrum und arbeite noch ein bisschen und trinke Kaffee. Falls was ist (vorletzte Woche hat sie sich den Kopf an der Ballettstange gestoßen), findet sie mich da, ansonsten hole ich nach einer Stunde ein fröhlich hopsendes Mäuschen ab, das mir die neuesten Moves vorführt und auch für ein paar Tage nicht damit aufhört. Herr Rabe hat sie heute für den HipHop-Kurs gestylt und weil sie aussehen wollte wie Missy Elliot, ging sie mit Caps über Beanie da hin. Hach! Klappt das mit der Tanzliebe also doch noch.

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Herr Rabe ging heute mit Michel noch eine Runde Pokémon fangen. Das beruhigt Michels Gemüt wenigstens einigermaßen. Am Sonntag haben wir das auch schon gemacht, da hat er wegen Community day an Norwegens bestem Pokémon-Go-Spot bei uns um die Ecke auch noch ein paar Schulfreunde getroffen und war zufrieden. Insgesamt sind wir ja grad in so einer etwas anstrengenden Phase, wo sich anscheinend innen und außen alles mögliche mal wieder neu anordnet und… puh. Ich möchte mein kreatives, lustiges, empathisches Kind zurück und würd auch ganz gern weniger angeschrien werden. Dafür kriege ich jetzt einen großen Sohn, der von einer Woche auf die nächste plötzlich aussieht wie ein großes Kind. Also so, dass es selbst uns, die wir ihn ja täglich sehen, auffällt. Vielleicht ist es auch das, diese gemeine Zeit, in der man für vieles (zu) groß und für vieles (zu) klein ist. ich erinnere mich an ätzende Zeiten. Hmm.

Was ich aber unheimlich niedlich finde, sind seine Eigenheiten beim Sprechen. Zum Beispiel sagt er immer, bevor er eine Frage stellt: „Mama, ich habe eine Frage.“ Oder „Mama, ich möchte dir etwas sagen.“ wie so eine kleine Einleitung und Vorbereitung auf das was kommt. Und natürlich ist er weiterhin klug, weiß total viele scheinbar random Fakten zu allen möglichen Themen und erzählt auch gern darüber besonders gerne wenn er damit seine kleine Schwester korrigieren kann. Und eigentlich will ich doch nur, dass es ihm gut geht und er glücklich ist. Seufz.

Die Hinweise verdichten sich, dass ich wirklich ein kleines Mini-Me habe. Der so klein gar nicht mehr ist, sondern zur Zeit für sein Alter eher groß. Wo ist die Zeit hin?

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Vor sieben Jahren und vier Tagen kamen wir in Norwegen an. Mit Speckzwergi Michel (damals 11 Monate alt) und einem Sprinter und dem Prius voll Kram. Und jetzt haben wir zwei Kinder, ein Haus und zwei echt gute Jobs. Und eine Badewanne. WO IST DIE ZEIT HIN???

Tag 1895 – Totales Chaos.

Eigentlich war alles entspannt. Ich räumte grad sämtliche Bücher aus den Regalen im „Loftwohnzimmer“ (demnächst Arbeitszimmer) auf den Fußboden, als es an der Tür klingelte. Da stand die Nachbarin, Michel habe sich weh getan. Ich hatte das sogar gehört, aber mal ehrlich, die Kinder schreien und grölen und johlen immer so auf dem Trampolin, ich kann da nicht am Klang zwischen Spaß und Ernst unterscheiden. Jedenfalls war irgendwas nicht mehr 100%ig rekonstruierbares passiert und dann konnte Michel sein Bein nicht mehr strecken.

„Schmerzmittel“ sagte die Legevakt, und „rufen Sie in 2 Stunden noch mal an, geröntgt wird da heute sowieso nicht mehr“.

Nun haben wir ja grade so eine Odyssee hinter uns, ich weiß also, dass ein Tag drauf geht, erst auf einen Arzttermin zu warten, dann nach Oslo zu fahren, dort zu warten, usw.

Deshalb fuhren Michel und Herr Rabe heute Abend noch nach Oslo, in die Privatklinik, die hat nämlich eine Unfall-Legevakt, die bis 22 Uhr geöffnet ist.

Ja, bis 22 Uhr. Sie sind noch unterwegs. Es war ein Unfall auf der E6, da standen sie im Stau und auch wegen „rufen Sie in 2 Stunden noch mal an“ fiel die Entscheidung, noch zu fahren, grenzwertig spät.

Und ich liege jetzt hier neben der schnorchelnden Pippi und hoffe, dass sie Mann und Kind nicht wieder weg schicken. (Und natürlich, dass es nichts schlimmes ist.)

Hier übrigens der Bücherhaufen. Wir müssen auf etwa 1/4 davon runter.

Tag 1893 – Yeahannnnaja.

Die Badewanne wurde geliefert! Leider sagte uns niemand Bescheid oder klingelte gar, sodass wir gegen Mittag beim Verlassen des Hauses quasi über die Badewanne fielen.

Ich hatte mir schon ausgemalt, wie ich das ganze Wochenende bade (solange ich warmes Wasser habe, jedenfalls), aber der Installateur kann nun erst am Montag kommen. Seufz.

Wenigstens konnte ich so noch die grad freie Ecke im Bad nutzen und den Ablauf im Boden reinigen. Da kommt man ja sonst schlecht dran, da steht ja demnächst eine Badewanne und stand bisher eine Dusche drauf. Hurrrrrgs wie eklig das ist. Was sich da ansammelt! Igitt einfach. Gut, dass ich noch Chlorreiniger hatte, das und eine Klobürste machten es immerhin möglich, mit maximal möglichem Abstand zu dem Gubbel im Loch den Ablauf zu reinigen. Ist jetzt sauber. (Urgs trotzdem.)

Weiterhin hustet Michel tagsüber gar nicht. Dafür aber nachts um so mehr, weshalb er auch heute nicht in der Schule war. Seufz.

Wir haben einen Bürostuhl besichtigt. Herr Rabe will ihn haben. Ich fahre nächste Woche mal zu einem großen Büroausstatter und sitze einige Modelle Probe. Ich hab mich so an das Beine hochlegen können am Esstisch im Wohnzimmer gewöhnt, dass ich mir grad gar nichts anderes vorstellen kann.

Insgesamt ratlos wegen allem.

Tag 1857 – Hjemme.

Michel hat ja einen neuen Kumpel, E. E. ist auch im Sport-Hort und E. wohnt literally 3 Häuser weiter. E. ist ein Jahr älter als Michel und hat eine große Schwester „die ist aber eigentlich wie eine kleine Schwester, weil die hat Downs“. E.s Papa wohnt auch in der Nähe, aber nicht mit der Mama zusammen.

E. geht hier inzwischen ein und aus. Für uns kein großes Ding, der ist ein umgänglicher Typ, vielleicht etwas sehr gesprächig, aber das ist Michel ja auch. Gemeinsam reden die dann ohne Unterlass, das ist schon manchmal ein bisschen anstrengend, aber besser vollgelabert als angeschrien werden.

Heute hatte E. seine Mutter belabert, dass Michel bei ihm schlafen darf. Michel war, hmm, verhalten begeistert. Also er wollte schon, packte auch seine Sachen, hätte aber zum Beispiel fast Bunti vergessen, sein aktuelles Lieblings-Kuscheltier, einen riesigen Hund mit bunten Applikationen. E. war aber ganz begeistert und ich kenne ja mein Kind: der sagt nicht „du, eigentlich hab ich ein bisschen Schiss“. Denn das letzte Mal, dass er woanders übernachtet hat, war bei H. in Trondheim, als wir noch da wohnten. Das ist eine ziemlich lange Weile her.

Ich brachte Michel und E. zu E. nach Hause, weil ich auch ganz gerne die Nummer von E.s Mutter haben wollte, die hatte ich nämlich bisher noch nicht kennen gelernt. E. fand das zwar übertrieben, aber das ist mir ja wurscht und Michel schien mir etwas seltsam, da dachte ich, es ist eh besser, wenn ich ihn bringe. Auf dem Weg (ca. 150 Meter) wurde Michel immer kleiner und stiller und als E. kurz vorm Haus abbog, um seinen Roller in den Schuppen zu räumen, kniete ich mich vor Michel hin und sagte, er müsse nicht übernachten, wenn er nicht will. Michel drückte sein Gesicht in Bunti und murmelte was von „vielleicht“ und da ging schon die Tür auf und E. bat uns herein. Michel versteckte sich hinter mir und ich begrüßte erst mal die Mutter von E., die sehr nett war. Ich sagte ihr, dass Michel ziemlich lange nicht bei anderen übernachtet hat und vielleicht lieber zu Hause schlafen will. G. (die Mutter) sagte, das sei gar kein Problem, die Jungs könnten auch einfach Pizza essen und einen Film gucken und dann könnte Michel auch nach Hause wenn er möchte, überhaupt kein Problem. Ich machte mit Michel ab, dass ich ihn in einer halben Stunde anrufen würde, um zu hören, wie es läuft. Das fand Michel ok.

Das erste Telefonat war ungefähr so:

Norwegische Schreiblern-Schrift verstehen ist für Fortgeschrittene.

Ich rief an, fragte wie es läuft, „ein bisschen gut“, und ob er bleiben will, „vielleicht“. Wir machten wieder ein Telefonat nach 30 Minuten ab.

Zweites Telefonat. „Es ist ein bisschen gut. Die Pizza machen die leckerer als ihr!“. Wieder auf die Frage, ob er bleiben will „vielleicht“, wieder Telefonat nach 30 Minuten.

Ich rief an „hmm?“ „wie geht es?“ „ein bisschen gut“ „sollen wir es so machen, dass du mich beim nächsten mal anrufst?“ „ok“.

Es dauerte keine 30 Minuten, sondern eher 15, bis mein Telefon klingelte. Er würde gern nach Hause kommen um zu erzählen, wie es ist. Well, ok? Ob ich ihn abholen solle? Nein, E. und seine Mutter kämen mit.

Da standen sie also vor der Tür und G. sagte, Michel hätte wohl eine Umarmung von uns haben wollen. Michel druckste rum und daddelte auf dem Telefon (eine neue Übersprungshandlung, Yeah). Ich fragte, ob er denn noch mal zurück und dort, oder lieber zu Hause schlafen wolle. „Vielleicht“. Naja, es war halb zehn, also sagte ich, es sei jetzt doch mal langsam an der Zeit, sich zu entscheiden. G. sagte, es sei wirklich in Ordnung, Michel und E. würden sich ja auch morgen früh wieder sehen. „Vielleicht.“ sagte Michel und daddelte auf dem Handy. Ich drückte ihn und er murmelte was. „Das hab ich nicht verstanden, was hast du gesagt?“ „hjemme.“ murmelte er. Zu Hause. Dem Telefon erzählte er das.

Long story short: wir gingen noch mal mit zurück und holten Bunti und die Übernachtungssachen. Michel druckste herum und wollte nicht mit mir reden, sondern lieber die Sterne fotografieren. Im Bad beim Schlafanzug anziehen sagte ich ihm aber, dass ich das sehr tøff von ihm fand, zu sagen, dass er lieber nicht übernachten will, weil man da mutig sein muss, wenn man weiß, dass das den Freund vielleicht enttäuscht. Und dass wir das gerne noch mal probieren können, vielleicht, wenn Michel auch E.s Mama besser kennt?

„Ich schlafe lieber bei Leuten, die ich gut kenne. Eigentlich nur bei H.“

Ach, mein Zwerg. H. ist leider wirklich weit weg. Ich bin sicher, auch E. und G. sind sehr nette, warme Menschen. Für mich musst du gar nichts machen, du bist gut, wie du bist. Und es ist wirklich mutig, zu sagen, dass man was nicht möchte. Auch nach vielen „vielleichts“.

Tag 1853 – Flink gutt.

(Flink pike auch, ich war heute echt Supermom und super-alles, wie so ne Karrierefrau: Auto zum Service, Arbeiten, Meeting, Meeting, Auto abholen, Elterngespräch, Arbeiten, anderes Kind abholen, Kind zum Tanzen fahren, arbeiten, mit Kind nach Hause fahren, Essen machen, mit Kind Hausaufgaben machen, Sport. UFF!)

Michel ist heute alleine aus der Schule nach Hause gekommen, nach Absprache. Er durfte mit dem Fahrrad fahren, musste mich aber bei Abfahrt an der Schule anrufen („Mama? Ich fahre jetzt los.“ [tut, tut]) und bei Ankunft zu Hause auch („Ich bin da.“ [tut, tut]). Da saß ich noch im Auto auf dem Weg nach Hause, wie geplant. Zu Hause sammelte ich das stolze Kind ein und wir fuhren zurück in die Schule, zum „Entwicklungsgespräch“. Herr Rabe hatte da eine laaaaange Liste vorbereitet, über was wir sprechen sollten und das taten wir dann auch. Michel ist in der Schule gut (bis sehr gut), behauptet aber anderes. Woran das liegt, wissen weder wir noch die Lehrerin. Die Kinder kriegen hier ja keine Noten, aber er erfüllt alle Lernziele problemlos, was will man mehr.

Die Sprache kam aber auch schnell auf die momentanen Herausforderungen mit Ungeduld und Wut und Ausrastern wegen gefühlter Ungerechtigkeit und all dem. In der Schule ist es nicht wie zu Hause, was gut ist, aber die Ungeduld ist auch da zu merken, allerdings eher in so Fingerschnips-eh-eh-hier-Antwortreinruf-Verhalten (Hurra, ich habe einen kleinen Klon von mir erschaffen, vielleicht nennen wir ihn einfach ab jetzt Hermine). Die Lehrerin findet aber dass Michel in seinem Verhalten voll im Normbereich liegt und das beruhigt mich ja doch, ich hab ja nur das eine Kind und keinen Referenzrahmen. Trotzdem arbeiten wir nun gemeinsam an dem Geduldsthema und auch an der Wut, und bleiben da mit der Lehrerin in Kontakt, ob und wie sich was tut. Michel hat sich außerdem eine Visualisierung seiner (Schul-)aufgaben und seines Verhaltens gewünscht und dass wir das an ein Belohnungssystem knüpfen und wenn das Kind es so wünscht, dann soll es geschehen.

(Disclaimer: Er hat das natürlich nicht so formuliert. Das ist meine erwachsene Interpretation seiner kindlichen Worte. Ich bin ja im Grunde auch gegen Belohnung für alltägliches oder normales Verhalten, aber wenn es ihm erleichtert, zu sehen, was er noch machen muss oder wie oft es Geschrei wegen gar nichts gibt [er findet das nämlich nicht so oft], können wir das für eine Weile so machen. Bedürfnis und so. Seins, nicht meins. Hust, nonmention, hust.)

Insgesamt ein gutes, ruhiges Gespräch, das mich sehr beruhigt hat und in dem mir der zappelnde, Übersprungshandelnde Michel ziemlich leid tat. Ich glaube, fast acht sein ist gar nicht mal so einfach.

Tag 1845 – Superwoman.

Ich komme mir grad vor wie so ne Bilderbuch-Karrieremutter aus irgendeiner amerikanischen Serie. So eine, die auch morgens mit perfektem Make-up und kunstvoll zerwühlten Haaren aus makellos weißer Bettwäsche aufsteht. Denn ich bin heute aufgestanden, habe mich fertig gemacht, dann die Kinder geweckt, denen Frühstück kredenzt, mir dabei zwei Kaffee gekocht, einen getrunken, die Kinder angezogen, Zähne geputzt, habe uns alle rechtzeitig und ohne irgendwelche Ausrüstung zu vergessen (Bonuslevel Schwimmunterricht!) aus dem Haus bekommen ohne dass irgendwer geweint hat, habe Michel, dann Pippi, dann Michels Sportzeug abgeliefert, bin 30 Minuten zur Arbeit gefahren, habe 9,5 Stunden lang gearbeitet, bin 30 Minuten zurückgefahren, habe auf dem Weg das Auto geladen, habe zu Hause Michel Harry Potter vorgelesen und ihn zu 90% ins Bett gebracht, habe dann noch mal 45 Minuten gearbeitet (interne Nachbesprechung, die wir Coronabedingt im Teams und nicht beim Hersteller in irgendeinem Raum machen), während ich das Abendessen fertig gekocht habe, und dann haben Herr Rabe und ich sogar noch Sport gemacht.

Morgen reiße ich ein paar Bäume aus oder mache noch die Meerschweinkiste sauber oder so.

Tag 1840 – Arme Maus.

Pippi hat heute ihre Brille bekommen. Die Brille schläft jetzt mit im Bett (in der Box). Pippi ist total stolz und Michel ist total neidisch. Den Vorteil, keine Brille zu brauchen sieht er nicht so wirklich. (Ich finde ja auch echt zwei Fehlsichtige in der Familie reichen, so finanziell. Für Pippis Brille bekommen wir zwar etwas erstattet, aber das deckt ungefähr 1/4 der Gesamtkosten. Hurra.)

Nach dem Brille abholen war außerdem Pippis erste Tanzstunde (Mini-Jazz 5-7 Jahre). Wegen Corona durfte ich nicht mit rein, maximal bis zur Rezeption hätte ich mit gedurft, aber die Horde rosa Tütü-bekleideter Mädchen (null Jungs und ich lasse mich jetzt nicht über den Sinn und Unsinn von Tütüs zum Tanzen aus, nein, nein, niemals) wurde an der Tür von der Lehrerin abgeholt. Also ich nehme mal an, dass das die Lehrerin war, sich vorgestellt hat sie sich nämlich nicht (möööp, sorry). Pippi und ich hatten vorher schon über das „Erwachsene dürfen nicht rein“-Thema gesprochen und ich hatte ihr gesagt, dass ich in der Nähe bleibe und die von der Tanzschule mich anrufen können. Sie war dann kurz besorgt, weil sie ja kein Telefon hat, aber glaubte mir, dass da drin alle diverse Telefone haben. Pippi ging dann auch freudig-aufgeregt mit rein und ich ging, weil ich echt keine Lust hatte, auf der nackten Steintreppe eines Einkaufszentrums rumzusitzen, einkaufen.

Eine Dreiviertelstunde später stand ich wieder wartend vor der Tanzschule, viel zu früh, aber egal, ich dachte derweil darüber nach, ob ich Pippi nicht doch Ballettschuhe kaufen sollte, weil sie ja bestimmt jetzt da überglücklich rauskäme und mir augenblicklich in den Ohren läge, dass sie auch ein rosa Tütü und Schuhe haben will.

Pippi kam pünktlich raus und ich sah schon, dass irgendwas nicht gut war. Bei mir angekommen fing sie an zu weinen und als ich fragte, warum, sagte sie „die haben dich nicht angerufen! Ich gehe da nie wieder hin!“. Bumm.

Ich gebe zu, da gehen selbst bei mir so Scheuklappen runter und die Löwenmutter kommt raus. Pippi sagte, sie habe die ganze Zeit geweint und gar nicht mitgemacht und auch überhaupt keinen Spaß gehabt, also glaubte ich ihr das und schrieb eine ziemlich entsetzte und angepisste Mail, als wir wieder zu Hause waren. Warum man mich nicht angerufen hätte.

Die Reaktion der Tanzschule kam fix und war freundlich und ebenso entsetzt, sowas soll natürlich nicht passieren. Sie würden mit der Lehrerin reden, die sei nur grad in einem anderen Kurs. Eine andere Angestellte sei in dem Kurs gewesen und hätte da mit einem anderen Kind gesprochen, der sei aber nichts weiter aufgefallen (also kein heulendes Kind in der Ecke oder so).

Ich sprach noch mal in Ruhe mit Pippi, da hörte sich schon alles viel weniger schlimm an. Sie habe in der Stunde nicht geweint, nur sehr sehr traurig ausgesehen. Sie musste ihre Brille absetzten. Und sie hat der Lehrerin gesagt, dass sie mich vermisst, aber nur leise und die Lehrerin hat das nicht gehört.

Dann hat Pippi etwa fünfhundert mal „Kopf und Schultern, Knie und Fuß“ vorgetanzt und gesungen, das haben sie nämlich heute gemacht und das war auch eigentlich lustig. Und ich fühlte mich ein bisschen dumm. Auf meine Rückmeldung „war wohl doch alles nicht so dramatisch und das Kind hat sich wohl nichts anmerken lassen“ bekam ich wenigstens die sehr nette Antwort, dass das kein Problem sei, ich* das nächste mal gerne mit rein dürfe, das hätten sie jetzt so besprochen, dass ganz neue bei den Kleinen das bei den ersten Malen eventuell einfach noch brauchen und dass auch die Lehrerin noch mal mit Pippi spricht, damit die weiß, dass sie auch laut mit ihr reden kann. Außerdem hat nun die Tanzschule meine und Herrn Rabes Nummer und Pippi sagt, sie will es nächste Woche noch mal probieren.

Puh. Das war wohl alles zu viel für einen Tag für die kleine Maus. Das tut mir echt leid, sie wirkt immer so groß, aber sie ist eben grad mal fünf.

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*das wird dann wohl Herr Rabe sein, ich bin nämlich, falls nicht noch irgendwer Covid19 bekommt, nächste Woche auf einer Inspektion. Einer richtigen echten, on-Site. Whoopwhoop!