Tag 448 – #OffTopic zum Thema Zeitdruck. *HIER!*

Es war einmal eine Frau, die vergaß völlig, dass sie ja diesen Monat Gastgeberin für die Off-Topic-Runde ist. Als sie drauf aufmerksam gemacht wurde, war es schon zu spät, selbst ein verschobener Veröffentlichungstermin würde die Teilnehmerinnen ganz schön unter Zeitdruck setzen.
Diese Frau war ich. Und deshalb lud ich die Damen zu einer Runde über genau dieses Thema ein: Zeitdruck. Wie gehen sie damit um, wenn die Zeit eng wird? Oder haben sie gar geheime Tipps, wei man gar nicht erst unter Zeitdruck gerät? Dieses mal in meinem Wohnzimmer: Kathrin, snowqueen und Lena!

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Kathrin (Oekohippierabenmutter)

Wenn morgens der erste kleine Hosenkacker auf meinem Kopf herum krabbelt, schlage ich so langsam die Augen auf. Ich bin immer totmüde, ich stille nachts noch und bin dementsprechend unausgeschlafen. Ich öffne also die Augen und schaue auf die Uhr: 6.30 Uhr. Shit! Sooo späääät?
Wir verbringen den Vormittag draußen, egal bei welchem Wetter. Ohne frische Luft kommen die Jungs mittags nicht zur Ruhe. Ich sehe auf die Uhr. 11.45 Uhr. Verdammt! Soooo späääät?
Ich muss kochen. Es ist 17.00 Uhr. Shit. Zu spät.
Ich wollte doch noch – kacke. Zu spät. Und da war doch noch – egal. Jetzt ist es zu spät.
Mein ganzes Leben ist ein einziger Zeitdruck, zumindest fühlt es sich so an. Woher kommt das? Die Zeit ist das einzige, was nie anhält, die nie mehr wird und die wir einfach nicht beeinflussen können, egal wie wir sie verbringen. Wenn ich also unter Zeitdruck Hetze und Hektik verbreite, dann läuft sie ganz genau so schnell ab, wie wenn ich die Dinge, die ich tun muss, langsam tue. Ich stehe immer zeitlich unter Druck. Also wie gehe ich damit um?
Tja. Gar nicht. Uhren trage ich nicht. In meiner Wohnung gibt es keine. Die an meinem Handy reicht und stresst mich genug. Dinge bleiben liegen, stressen mich trotzdem. An der Zeit kann ich nicht drehen, das habe ich verstanden. Aber beherrschen muss sie mich ja nun auch nicht.
Also stehe ich um 6.30 Uhr auf, trinke meine zwei Kaffee und daddel zu lang am Handy rum. Dusche zu lang. Frühstücke zu lang mit meinen Jungs. Komme immer – wirklich immer – zu spät zu allen möglichen Terminen. Soll ich euch was sagen? Das war schon immer so. Auch vor den Kindern.
Die Zeit rennt eben immer ganz genau gleich schnell ab, egal wie schnell oder langsam wir sie verbringen. Sag ich ja 😉

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snowqueen (Das gewünschteste Wunschkind)

Bei drei Kindern, von denen zwei in die Kita und eins in die Schule muss, sowie einer Mutter, die natürlich auch noch bei der Arbeit ankommen sollte, kommt es öfter als mir lieb ist zu Zeitdruck. Da müssen morgens schnell noch das Lieblings-Kuscheltier eingepackt, in das neue Feenbuch geguckt  und natürlich kurz vorm Gehen nochmal die Kacka-Windel gewechselt werden, während ich eigentlich schon in voller Montur angezogen bereit stehe und losgehen will… Mein Rezept gegen das Zu-Spät-Kommen ist da recht einfach: Ich zwinge mich, alles extra langsam zu machen, wenn ich merke, die Zeit wird knapp.

Denn wenn ich schnell, schnell alles fertig bekommen möchte, vergesse ich garantiert die Hälfte, oder mein Schnürsenkel reißt plötzlich oder ich verschmiere vor lauter Hektik das AA an Stellen, an die sie nicht hingehören. Also nehme ich den Druck raus und arbeite bewusst langsam. Ich denke nicht an die Uhr, sondern mache das, was zu tun ist, sorgfältig und mit Ruhe. Dann unterlaufen mir keine Fehler und ich komme im Endeffekt schneller los, als bei einem hektischen Aufbruch. Zu spät gekommen sind wir so tatsächlich noch nie!

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Lena (Schmetterlingsfamilie)
Zeitdruck, ein Problem, dem wohl jeder im Laufe des Lebens hin und wieder begegnet. Manche häufiger und andere weniger, doch grundsätzlich ist es allgemein bekannt.
Meine Familie gehört (wie unser ganzes Dorf übrigens) nicht gerade zur pünktlichen Sorte und es kommt auch mal vor, dass erst zu Beginn des Termins das Haus verlassen wird. Da ich aktuell keinen Führerschein besitze und mit 2 besonderen Kindern somit auf die Fahrdienste meiner Verwandten angewiesen bin, gerate ich häufig in „wir haben keine Zeit mehr verdammt“ Situationen.
Ich nenne zwar in vielen Fällen eine frühere Uhrzeit, doch auch bei mir kommt hin und wieder etwas dazwischen, wodurch es dann mehr als knapp wird. Sei es nun, dass der Elf sich von oben bis unten vollgespuckt hat, der mobile Sauerstofftank sich nicht befüllen lässt, oder Bambina genau dieses eine paar Schuhe anziehen möchte, das gerade nicht auffindbar ist.
Sitzen wir dann endlich im Auto, geht der Blick automatisch zur Uhr und ich gerate innerlich unter großen Zeitdruck. 20 Minuten für 20 Kilometer +Umleitung? Schaffen wir niemals… wie begründe ich es dieses mal? Kann das Auto nicht einfach fliegen? Wieso fährt sie bitte nur 80 auf der Landstraße und wie lange tuckern wir wohl noch dem langsamen Traktor hinterher?

Nach außen bleibe ich vollkommen ruhig, denn all das ändert nun mal nichts an der Situation und lässt uns auch nicht pünktlicher ans Ziel kommen.
Es ist wie mit diesem Text hier; fertig sollte er schon vor Tagen sein und dann kam ich wieder und wieder nicht dazu. Also hoffe ich zum Thema passend einfach nur darauf, noch nicht zu spät dran zu sein 😉

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 Frau Rabe (das bin ich!)

Für mich gibt es zwei Arten von Zeitdruck. Einmal den unmittelbaren, spontanen, leider beinahe täglich entstehenden: man will aus der Tür, die Kinder zum Kindergarten bringen, da weigert sich erst Pippi, Schuhe anzuziehen, dann diskutiert man mit Michel die Wahl des Matschanzugs, Pippi schreit, weil sie keine Schuhe anlutschen darf, um neun hab ich ein Meeting, es ist viertel nach acht, shitshitshit, das wird alles eng und dann kackt Pippi. Für diese Situationen hab ich keinen Tipp für Sie. Außer vielleicht, dass Kinder immer langsamer werden, je mehr man sie antreibt, wenn man den Tränen nahe ist, sind sie quasi bei der Ultrazeitlupe. Aber wie gesagt: kein Tipp, in solchen Situationen bin ich ein nervöses Huhn mit ultrakurzen Nerven. Und es ist Mist, aber ändern kann ichs auch nicht so mal eben. 

Die andere Situation ist sich langfristig aufbauender Zeitdruck. Ich neige nämlich zur Prokrastination. Das heißt, wenn ich in drei Monaten irgendwas abgeben muss, sagen wir mal, ein Abstract, mache ich kurz was dafür und dann lange nix. Also lange so wie 2 Monate lang. Dann ist nur noch ein knapper Monat übrig, aber erst muss noch dies und das und aufräumen müsste man ja auch mal und was ist das hier denn für ein Dings…? Oha, noch eine Woche. Schluck. Das ist dann allerdings der Moment, in dem ich zur Höchstform auflaufe. Der Abstract kriegt Priorität 1, konzentriert arbeite ich daran und sonst an gar nichts, wie so ein Pferd mit Scheuklappen isoliere ich mich komplett und werde immer noch rechtzeitig, wenn auch niemals lange im Vorraus fertig. Ich empfehle diese Vorgehensweise ausdrücklich nicht weiter. Das ist nicht für jeden was. Wenn man zum Beispiel eher der Typ „verschrecktes Kaninchen“ ist, der bei bedrohlich nahen Deadlines keinen klaren Gedanken mehr fassen kann (ich wohne mit so einem zusammen), dann lassen sie das Prokrastinieren besser. Wenn Sie aber wissen, dass Sie’s noch schaffen können und Sie der Druck noch anspornt, dann putzen Sie ruhig mal die Schränke von innen. Das muss ja auch hin und wieder gemacht werden 😉 Und sauberer als kurz vor Abgabe von wichtigen Dingen ist es bei mir nie.

Tag 288 – #OffTopic im Mai HIER!!!

Ohhh, ich bin so aufgeregt! Es ist #OffTopic-Zeit und dieses Mal sind vier Damen zu mir gekommen, auf mein kleines Blöglein, um mit mir über Umbrüche zu quatschen. Das kennt ja jede*r, da kommt etwas Neues, man freut sich ein bisschen bis ganz doll und ein bisschen macht man sich vielleicht auch in die Hose, manche mögen gerne alles bis ins allerletzte Detail durchplanen und haben noch Plan B-D in der Hinterhand, andere lassen alles auf sich zukommen und denken sich „wird schon schiefgehen“… Kurzum, ein schönes Thema für einen kleinen Kaffeetratsch.

Aber jetzt sollen erst mal die Damen zu Wort kommen!


Carmen (Vegane-Familien)

Alles Neue macht der Mai.

Ja tatsächlich. Das stimmte irgendwie immer. In diesem Jahr starte ich als alleinerziehende Zweifachmami selbstständig durch, da ich im April meine Elternzeit beendet habe. Letztes Jahr hatte ich im Mai meine Prüfung zur Ganzheitlichen Ernährungsberaterin und vor zwei Jahren wurde ich schwanger ;)…. Soll ich noch weiter zurück gehen und mal suchen? Achneeee…. Viel interessanter ist die aktuelle Situation. Vor allem wenn ich so überlege was gerade alles hinter meiner Stirn vor sich geht. Da ist so viel los. Es ist unfassbar. Kennt Ihr das wenn der Kopf keine Ruhe gibt und Ihr von einer Idee und Erkenntnis nach der nächsten überrascht werdet? Mir geht’s gerade so. Ich habe seit ein paar Tagen einen völligen Energiekick, was auch mit dem Wetter zusammenhängen kann. Die Ideen sprudeln noch mehr aus mir heraus als ohnehin schon. Und naja – da der Kleine immer mehr und immer mehr in der Kita eingewöhnt ist, habe ich auch endlich die Zeit zur Umsetzung. Ich bin fröhlich und gut gestimmt und freue mich auf eine wunderbare und veränderte Zukunft 🙂 Es wird sich noch sehr sehr viel verändern. Das spüre ich und es gefällt mir wahnsinnig gut. Meine Ängste hab ich fast alle abgelegt. Und Ihr so?


Lena (Elfenhimmel)

Der größte Umbruch in diesem Jahr, war der Umzug unseres Sohnes von der Frühchenstation nach Hause. In der Klinik hat man nichts anderes zu tun, als mit dem Kind zu kuscheln, es zu füttern und dazwischen immer wieder mal abzupumpen. Die fertig gemischte Milch wird einem inkl. aller Medikamente gebracht und zum Pumpen hat man stets neue Flaschen & Einmalsets; der vollkommene Kontrast zu einem Leben zu Hause also.
Wir freuten uns sehr, als es ziemlich spontan hieß, dass wir unseren Elfen mitnehmen dürfen und ihn somit 24 Stunden am Tag bei uns haben können. Doch, nicht mehr stundenlang mit Anika in einem Zimmer zu sitzen und zu quasseln und auch ansonsten vollkommen auf uns allein gestellt zu sein, war erst mal ein wirklich sonderbarer Gedanke. Umso näher der Tag kam, umso häufiger kullerten bei mir die Tränchen; das Gefühlschaos zwischen Freude, Ungewissheit, fehlender Vorbereitungszeit und Vermissungsschmerz war einfach enorm. So doof es in der Klinik auch ist, man verbringt so viel Zeit dort, dass es sich schon fast wie „zu Hause“ anfühlt. Ich hatte mich nach all den Tagen, Wochen und Monaten wirklich sehr daran gewöhnt.
Daheim angekommen, wurde mir erst so richtig bewusst, wie groß der Umbruch wirklich war. Plötzlich steht man da, muss alle Medikamente selbst herrichten, hat keine sauberen Flaschen und Sets mehr zum pumpen und muss bei jedem Piepsen des Monitors ganz alleine entscheiden, wie es zu werten und was zu machen ist. Alles, was man zuvor nicht durfte, muss man von einem auf den anderen Moment ohne Übung ganz alleine hinbekommen. Inzwischen ist aus der anfänglichen Überforderung Routine geworden & es sind sogar noch mehr Medikamente plus eine Sonde dazugekommen.
Ich glaube dieser Umzug, war der beste und komischste Umbruch unseres bisherigen Lebens, der einfach alles veränderte.


Kathrin (Ökohippie)

Umbruch. Umbau. Umzug. Ja, das alles steht bevor, wir wissen nur noch nicht, in welcher Reihenfolge das ganz genau passiert. Denn wir ziehen um, genauer gesagt in Eigentum, das wir ganz nach unseren Vorstellungen umbauen und renovieren werden und ich freue mich riesig. Da wartet eine Wohnung nur darauf, so von mir und uns gestaltet zu werden, wie wir alle, und nicht der Vermieter oder Eigentümer, das gerne hätten. Wir werden Türen, Wandfarben, Bodenbeläge, Möbel aussuchen und uns ein Heim erschaffen für unsere kleine Familie und das wird ganz großartig. Doch im Moment ist es vor allem ein seelischer Umbruch, denn egal wann ich über den Umzug nachdenke, ich sehe mich immer nur mit Maxi Cosi die Treppen zu DIESER Wohnung rauf kommen. Mit einem winzigen Baby, wenige Tage alt, kurz nach einer wundervollen Geburt, an die ich mich mein ganzes Leben erinnern werde. In dieser Wohnung bin ich Mutter geworden. Nicht buchstäblich, aber ich habe diese Zimmer hier bereits einmal umgestellt, renoviert und kindersicher gemacht. Und das war ein wunderschönes Gefühl, denn ich hatte dabei einen dicken Bauch und Nestbautrieb. Das wird fehlen. Beim Umzug und auch danach. Klar, auch jetzt richte ich wieder Kinderzimmer ein, aber für Babies, die schon da sind. Ich denke, jede Mutter kann verstehen, dass es gedanklich gerade harte Arbeit ist, sich von den Räumen zu lösen, in denen Bubba gelernt hat zu laufen, in denen D-Von gelernt hat zu krabbeln und in denen sie beide zum ersten Mal zusammen gespielt haben. Es wird neue schöne Momente und Erinnerungen geben, dessen bin ich mir bewusst, aber als Mensch ist es gerade vor allem eines: ein Umbruch im Kopf. Ich versuche also, mich nicht an dem Ort festzuhalten und nur mitzunehmen, was ich ohnehin tief im Herzen eingeschlossen habe. Und den Rest, den verpacke ich in Kisten und Taschen und Koffer. Und Kindersitze, natürlich.


Eine meiner Töchter wird in diesem Jahr zur Schule kommen. Ich bin, das könnt ihr euch sicher vorstellen, total aufgeregt. Boah, mein Baby wird groß! Es ist unvorstellbar, wie schnell die Zeit vergeht. Für uns wird dieser Schuleintritt eine große Sache, denn wir haben uns gegen eine klassische Schule entschieden, obwohl wir Eltern beide Lehrer sind. Oder vielleicht gerade deshalb? Vielleicht.

Unsere Tochter wird an einer Freien Schule lernen. Konzept dieser Schulen ist die absolute Freiwilligkeit des Lernens.  Die Kinder können sich 10 Jahre lang jeden Tag neu entscheiden, ob und was sie lernen wollen. Das klingt für euch bestimmt erst einmal total absurd. Ihr werdet vielleicht einwenden, dass sich dann die Kinder doch bestimmt immer nur für das Spielen entscheiden? Da meine Tochter schon eine Probewoche absolviert hat, bei der ich dabei sein durfte, kann ich euch ein bisschen erzählen. Ja, die Kinder spielen viel. Oft ist eine große Gruppe von ihnen auf dem Schulhof. Manchmal spielen sie Fußball, manchmal Fangen, einige Kinder spielen mit Regenpützen oder mit Stöckern. Es gibt einen Kreativraum, auch dort sitzen häufig Schüler und kneten. Es gibt riesige Knetkunstwerke, die im freien Spiel entstanden sind. Genauso oft aber sieht man Kinder in den Klassenräumen, die mit ihren Lehrern die Köpfe zusammenstecken und über für sie interessanten Themen brüten. Ich war erstaunt, wie gut diese Freiwilligkeit funktioniert. Alle Kinder lernen lesen, schreiben, rechnen und mehr. Viele gehen nach der 10. Klasse aufs Gymnasium. Sie haben zwar in den ersten Monaten Anpassungsschwierigkeiten und manchmal müssen sie das eine oder andere Themengebiet aufholen, doch nach kurzer Zeit gehörten bisher alle zu den 1er oder 2er Kandidaten. Allen gemein ist, dass sie sich selbst sehr gut motivieren können und wissen, wie sie am besten lernen – vielleicht, weil sie vorher so viel spielen durften? Ich weiß es nicht.

Vor kurzem gab es einen Kongress zum Thema Freilerner, dem ich beigewohnt habe. Dort sprachen viele kluge Leute. Professoren, Hirnforscher, Bildungswissenschaftler. Aber auch Erwachsene, die selbst so aufwachsen durften, bzw. Eltern von Jugendlichen, die Freilerner sind. Es war unheimlich motivierend, diesen Menschen zuzuhören und hat mir ein bisschen die Angst vor unserem Schritt genommen. Denn einfach ist es für eine 6-Jährige sicher nicht, sich ihre eigenen Lerngebiete zu suchen. In der Probewoche war das gut zu merken: Es gab zum Tagesbeginn einen Morgenkreis, in welchem die Lehrer die Lernangebote für den Tag vorstellten. Die Kinder hörten zu, entschieden sich innerlich, an was sie teilnehmen wollten und an was nicht und planten somit ihren Tag. Meine Tochter war das nicht gewohnt und schlingerte die ersten drei Tage. Oft wusste sie nicht mehr, welcher Lehrer was wo anbot, manchmal war ihr langweilig, einmal verpasste sie sogar das Mittagessen. An der klassischen Schule ist das natürlich viel strukturierter: Dort wird den Kindern zu jeder Zeit gesagt, welche Materialien sie auspacken sollen, was sie nun lernen werden und wann sie essen können. Für einen Erwachsenen mag das einengend wirken, doch für Kinder ist das, glaube ich, eher entspannend, weil ihnen Entscheidungen abgenommen werden und sie sich diesbezüglich ausruhen können. Doch schon ab Donnerstag in der Probewoche hatte meine Tochter ihren Rhythmus gefunden. Sie hatte Lehrer und Kinder kennen gelernt, wusste, dass sie gern Lesen lernen wollte und merkte sich, welche Lehrerin das anbot. Sie verbrachte ausgefüllte Tage, fand eine Freundin und war am Nachmittag bestens gelaunt. Sie freut sich nun sehr auf die Schule. Ich bin gespannt, denn natürlich weiß ich, dass sich alle Kinder auf die Schule freuen. Als Lehrerin sehe ich aber auch, dass diese Freude leider schon nach kurzer Zeit einer Enttäuschung oder Resignation weicht. Ich bin gespannt, wie das an unserer Freien Schule wird. Wie auch immer es wird, es wird ein großer Umbruch. Ich habe nun bald ein Schulkind! Eines, das selbst entscheidet, was es lernt. Ich muss lernen, loszulassen und ihr nicht hineinzureden. Es ist immerhin ihr Kopf – sie entscheidet, was da rein soll. Aber die Zuckertüte, die fülle immer noch ich!


Und dann noch ich.

Blicken wir kurz mal zurück. Es ist Februar 2013. Kalt, nass, öde. Ich sitze viel mit dem vier Monate alten Michel zu Hause rum. Und langweile mich. In ein paar Monaten werde ich wieder arbeiten gehen. Ich freue mich ein bisschen auf die Leute und auf das Rauskommen. Auch die Arbeit an sich macht mir Spaß. Gleichzeitig wird mir immer klarer, dass es in der Firma für mich nicht weiter nach oben gehen wird. Und ich will mehr Verantwortung, mehr selber denken und entscheiden und wirklich mitreden können. Ich brauche einen Doktortitel. Ich habe ein Baby. In Deutschland wird mich mit Baby niemand einstellen, denke ich zumindest. Außerdem wollten wir doch eh immer nach Schweden. Ich schreibe Bewerbungen.

Fast forward drei Monate. Ich habe Bewerbungsgespräche über Skype. Eins läuft richtig gut, mit den Norwegern. Die eine norwegische Stelle, auf die ich mich auch beworben hab. Ich habe ein richtig gutes Gefühl. Wenige Tage später bekomme ich eine email von dem Norweger: ich hab den Job.

BADUUUUMMMMM! Sie können es sich nicht vorstellen, was sowas mit einem macht. Der helle Wahnsinn. Erstmal selber raffen: Wir werden nach Norwegen ziehen! Bald! Mit Baby und allem! Dann muss man das allen sagen, die Reaktionen schwanken dabei von ehrlicher Freude für uns bis zu ehrlicher Enttäuschung und über alle halbgelogenen Stufen dazwischen. Und alle muss man aushalten, klar. Dann gibt es unfassbar viel zu organisieren, ne Wohnung in Norwegen will gefunden werden, Teile unseres Gedöns werden verschenkt, verkauft, eingelagert, eingepackt und mitgenommen. Tausend Kündigungen werden geschrieben. Zwischendurch Zweifel: das arme Baby! So weit weg von allen anderen Bezugspersonen! Wir können die Sprache noch nicht! Wir sind „die Migranten“, die zu Hause ihre Muttersprache sprechen! Wie soll das gehen, solange Herr Rabe noch keinen Job hat? Reicht die Kohle? Was, wenn wir keinen Kitaplatz kriegen? WAS, WENN WIR KEINE WOHNUNG KRIEGEN???

Ich organisiere und mache und tue und schiebe alle Zweifel weg so gut es geht. Ich arbeite bis wenige Tage vor dem Umzug. Der Abschied von meiner Arbeit ist so extrem emotional, dass ich durch den Keller der Uni nach draußen schleiche, damit nicht alle Welt sieht, wie verheult ich bin. DAS HIER GEBE ICH ALLES AUF! Für unseren Traum, der vielleicht in Erfüllung geht, aber vielleicht wird es auch ganz schlimm. Eine Freundin sagt „Und wenn es schlecht wird, habt bitte den Mut, es euch einzugestehen und zurückzukommen. Das ist das Wichtigste!“. Die Worte bleiben mir lange im Gedächtnis.

Der Umzug selbst verläuft entspannt. Ich fahre mein neues (naja, gebrauchtes neues) Auto ganz alleine nach Norwegen. Michel sitzt mit Papa und Opa im Transporter. Auf 600 km norwegischem Autobahn-Surrogat wird mir klar, wie schön das Land ist, in das wir jetzt gerade umziehen. Die Wohnung ist schön, der Vermieter hilfsbereit, wir gehen zu Fuß zum See und die Luft ist eisklar. Michel schläft auf meinem Rücken ein.

Ich seufze auf. Es wird schon gehen. Irgendwie. Und solange meine zwei Lieblingsmenschen da sind, wird es auch gut sein.

2013-10-13 15.38.53