Tag 1125 – Zerrissen.

Mein Chef hat sich heute morgen spontan überlegt, dass er diese Woche nicht kommt. Das ist im Prinzip gut, weil ich dann nicht dauernd irgendwelche neuen irren Sachen machen soll in meinem Tempo abarbeiten kann, was anfällt und weil das nicht viel ist, habe ich nebenher Zeit, Bewerbungen zu schreiben. Aber: ich schreibe Bewerbungen. Ahhhhh. Heute in der extra fiesen Version: für eine Stelle in der Wissenschaft. AHHHHHHH! Dass ich sofort wieder bis über die Ohren im ImpostDoc-Modus war, habe ich nach Kräften ignoriert. Denn es ist ja so: alles, wirklich alles, selbst drei weitere Jahre in der akademischen Mühle, sind besser als das jetzt. Um es mit Bridget Jones zu sagen: „Ich würde auch einen Job als Saddam Husseins Arschabwischer annehmen.“. Und so schlecht wäre diese Stelle beileibe nicht. Eigentlich wäre fast alles daran sehr sehr gut: sie ist in Oslo, sie ist gut bezahlt, sie wäre genau in dem Thema, in dem ich promoviert habe, die Arbeitsgruppe ist sehr, SEHR erfolgreich. Aber es ist halt die Uni. Ein Post-doc. Publish or perish. Der ganze Mist, den ich nicht mehr wollte, weil er Menschen verheizt. Aber die Industrie will mich ja auch nicht. Nein, auch nicht jetzt. Niemand will mich, nur Leute, die nicht alle beisammen haben der Chipsmann. Der will mich aber unbedingt. Klar, irgendwer muss ja seinen Job machen. Also Fazit: Ich weiß auch nicht, ob ich die Stelle, für die ich den ganzen Tag am CV und dem Anschreiben rumgebastelt hab, überhaupt wollen würde oder wollen sollte. Ich merke, dass der Impostor immernoch ganz stark in mir ist. Ich merke auch, wie sehr mein Selbstwertgefühl unter den 40 Absagen gelitten hat. Futter für den Impostor. Schlechte Ausgangslage für weitere Bewerbungen. Und Futter für jemanden, der mir ständig die Alternativlosigkeit zur jetzigen Stelle unter die Nase reibt.

Nein. Hauptsache da weg, zweite Hauptsache okayer Job. Drei Jahre sind viel Zeit, da kann man sich noch ein paar Skills aneignen, Kontakte knüpfen (hahaha, ja, innerhalb der akademischen Bubble) und hat mal zwei Jahre Ruhe vorm Bewerbungen schreiben und schreibt dafür dann halt grant applications.

Tag 1117 – Sachen machen.

Heute haben wir tatsächlich alles erledigt, was anstand. Bis auf putzen, aber tjanun. Dann putzen wir halt morgen (haha).

Was wir aber heute gemacht haben:

  • Den Anteils-Bauernhof besichtigt. Da hab es ganz viel frische Landluft, glückliche Schweine, Schafe, Hühner, Puten, Enten, Gänse und einen nicht ganz so glücklichen aber dafür ordentlich aggressiven Gänserich mit gebrochenem Bein. Ich kann ihn verstehen, wenn ich morgen dem „Tierarzt“ (also Schlachter) vorgestellt würde, würd ich auch beißen. Es gab auch ein bisschen Gemüse zu sehen, allerdings gab es dieses Jahr einfach viel zu wenig Wasser, weshalb ganze Felder einfach komplett vertrocknet sind. Macht nix, wir machen trotzdem ab nächstem Jahr mit und sobald die super netten Betreiber weitere Hühner erworben haben, werden wir da die Eier beziehen. Vermutlich werden wir auch ein halbes Lamm oder viertel Schwein kaufen, mal sehen, was wir uns leisten können.
  • Zum Hageland gefahren und Gartenmöbel ausprobiert und vermessen und am Ende habe dann ich frustriert bei Finn geguckt und wen angeschrieben und dann ist Herr Rabe noch losgefahren und hat für 1200 Kronen ein Set mit Tisch und vier Stühlen gebraucht gekauft. Das ist nichts berauschend schönes und die eine Lehne am einen Stuhl braucht mal ne Runde Peroxid wegen Stockflecken, aber wir haben erstmal was und können im Zweifel mal draußen essen. Und sparen auf wirklich schöne Möbel. Dann haben wir im Hageland noch ein paar Sonderangebotspflanzen und eine auf 50% reduzierte Hängematte gekauft und ich bin jetzt endlich wieder Besitzerin einer nennenswerten Sammlung an Küchenkräutern. Das ist vielleicht albern, aber mir bedeutet das viel, wieder Pflanzen zu haben, das heißt nämlich, dass wir hier erstmal bleiben. Als wir nach Norwegen kamen haben wir ja fast alle Pflanzen verschenkt (und wir hatten vorher schon echt viele, vor allem auch in zwei Gärten) und das was wir mitgenommen haben ist eingegangen. Fühlt sich an, als würden wir hier ein Zuhause schaffen. Richtig, richtig schön.
  • Lecker gekocht und zwei Brote gebacken. Das Rezept verlinke ich mal noch nicht, ich fand es schwierig in der Handhabe, weil der Teig erst viel zu weich war und wie es schmeckt weiß ich ja auch noch nicht. Noch nicht mal wie es am Ende aussieht, weil, ähäm, es ist noch im Ofen. Ein anderes Brot wollte ich backen, aber ich Vollprofi habe nur den Sauerteig angesetzt und den Vorteig vergessen. Ich hoffe jetzt, dass der Sauerteig im Kühlschrank bis morgen nicht übersäuert.
  • Drei Bewerbungen geschrieben und zwar alle zwischen 21:12 und 23:47 Uhr. Bei der ersten enorm mit dem Bewerbungsportal gekämpft, inklusive Schreien und fast mein Handy irgendwo gegenwerfen, weil der Datenupload von iCloud zu Dropbox und dann der Download von Dropbox zu Rechner einfach mal NULL funktionierte. Argh! Aber immerhin fristgerecht fertig geworden.
  • So, dann noch ein paar Bilder vom Tag und dann aber ganz fix ab ins Bett!
  • Mein Lavendel. Vor meinem Haus. Hach.
  • Tag 1115 – Tjanun. (Back to the Bewerbungen.)

    Heute war ein sehr weirder Tag, liebes Internet-Tagebuch, aber ich kann nicht zu viel davon schreiben, wegen Rechts-Dings. Aaaaaber ich schreibe dann eben doch besser wieder Bewerbungen, nämlich heute eine und am Wochenende kommen noch drei (weil die Fristen am Sonntag ablaufen) und dann noch mindestens zwei über linkedIn und eine bis zum 10.9. Ich hoffe ja sehr auf ein wenig Hilfe von… gewissen Leuten die nicht grad unschuldig dran sind, dass wir hier ein Haus gekauft haben, das jetzt nunmal abbezahlt werden will. Ich bin eigentlich nicht in der Stimmung, Bewerbungen zu schreiben, aber es hilft ja nix und vielleicht hilft es insofern doch, dass ich nicht alles drülfzig stunden lang zerdenke sondern einfach wegschicke, frisch, fromm, fröhlich, frei* frei von der Leber weg und wer mich so nicht will ist dumm, bumm**.

    Außerdem ist der Kollege jetzt nicht mehr mein Kollege, weil sein Vertrag heute auslief und er am Sonntag zurück nach Italien fliegt. Es ist alles sehr traurig. Ich werde ihm noch ein Empfehlungsschreiben verfassen und ihn ordentlich belobhudeln, denn nichts anderes hat er verdient. Dafür designt er mir Visitenkarten <3. Und als letzte Amtshandlung sozusagen habe ich ihm heute geholfen, ein Einschreiben zu versenden Häschtäck ausgründen, und ehrlich gesagt kam ich mir recht mütterlich*** und schrecklich erwachsen dabei vor. Auch schon, als ich ihm erklärt habe, wie das mit den Steuern funktioniert, was ein Freibetrag ist und welche Freibeträge ihm zustehen, wie das mit dem Urlaubsgeld hier funktioniert und was ihm da zusteht und wann und überhaupt.

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    Auto-Lobhudelei: Joa. Gar nicht ausgerastet, nicht laut gelacht, nicht geweint, mich nicht zu irgendwas definitivem hinreißen lassen sondern mantraartig wiederholt „Ich muss das erst überdenken.“

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    *Ich hab gegoogelt ob das ein Nazi-Zitat ist. Weil ich ab und an mal Sprüche verwende, bei denen ich mir absolut nichts böses denke, und dann steht das an nem KZ oder auf den Halstüchern des BDM oder so. Sowas möchte ich nicht und bitte, bitte, machen Sie mich drauf aufmerksam, wenn Ihnen hier sowas auffällt. Der Spruch ist der Wahlspruch der Turner, vom Turnvater Jahn Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt aber eigentlich sogar noch älter, insofern könnte man argumentieren, dass, aber, nee, Jahn war jetzt auch nicht grad einer der tolerantesten seiner Zeit. Streichen wir auch diesen Spruch aus dem Sprachgebrauch.

    **Auf der bunten Blumenwiese geht ein kleines Tier spazieren…

    ***Genau genommen wie meine Mutter, die sehr lange Vorträge über das Steuerwesen im Allgemeinen und das deutsche im Besonderen halten konnte und kann. Offenbar ist, obwohl ich das wirklich sterbenslangweilig finde, einiges hängen geblieben.

    Tag 1035 – #12von12 im Juni ‘18.

    Heute ist der 12. des Monats und wie immer heißt das: wer mag macht 12 Bilder von seinem Tag und wirft sich in die Sammlung bei Caro von Draußen nur Kännchen.

    Joa, also der Tag fing sehr früh an, ich hatte ja ein wenig befürchtet, dass wir Michel nicht aus den Federn kriegen würden, aber die magischen Worte „Es ist Førskoletur!“ ließen ihn förmlich wie so einen Jack-in-the-box aus dem Bett hüpfen. Er war dann furchtbar aufgeregt, dass er den Zug verpassen könnte und sprang herum, das war eeeetwas nervig vorm ersten Kaffe und um kurz nach sechs, aber Nunja. Zur Verabschiedung weckten wir Pippi, es gab noch eine kleine Umarmungs-Eskalation und dann zog er mit Herrn Rabe von dannen:

    Ich machte Pippi, die sehr traurig war, nicht mit zur Førskoletur zu fahren, fertig und das Fieberthermometer bestätigte mir, was ich auch schon vermutet hatte: die erhöhte Temperatur von gestern früh hatte sich über Nacht endgültig verzogen und da sie gestern auch eigentlich fröhlich und fit war und gern in den Kindergarten wollte, durfte sie auch. Aber natürlich muss alles selbst gemacht werden.

    Wir waren um viertel vor acht in der KiTa, das ist das letzte mal auch… ich glaub das ist noch nie passiert. Pippi ist auf dem Laufrad aber inzwischen auch echt fix unterwegs.

    Auf dem Rückweg fotografiere ich im Park die zunehmende Verwahrlosung da. Es waren drei Bilder, die ich bei Instagram und dann auch bei der Kommune hochlud (wer weiß, vielleicht ist denen das ja auch alles gar nicht bewusst, Norweger sind ja jetzt eher nicht so die, die bei Unannehmlichkeiten direkt losmotzen), ich erspare Ihnen mal das Bild von der vollgekotzten Rutsche und die wuchernden Puste- und Butterblumen sind ja eigentlich sogar ganz hübsch, aber wenigstens in den Brunnen könnten sie mal wieder Wasser machen, finde ich.

    Zu Hause habe ich dann etwas getrödelt und dann ein Workout herausgesucht. Ich war in letzter Zeit zwar viel zu Fuß unterwegs, aber wegen allem möglichen fiel das Workout öfter aus als das es stattfand. Da muss wieder Grund rein und heute startete ich mit 25 Minuten HIIT. Das war schön. Vor allem hinterher.

    Danach Duschen, Kaffee machen, Arbeiten. Ich betrachte Bewerbungen schreiben als Arbeit. Als Highlight des Tages hat sich der Mann neben der Chipsfabrik endlich gemeldet, wann ich morgens frühestens in Oslo sein könnte, sie würden nämlich gern ein ausführlicheres Interview mit mir führen und danach zu der Chipsfabrik fahren, die ist aber eine Stunde entfernt und wenn ich nachmittags wieder zurückwolle, müssten wir eben früh starten. Ich Morgenmensch (NICHT!!!) werde also nächste oder übernächste Woche mit dem ersten zweiten Flieger des Tages mal wieder nach Oslo fliegen. Die Vorstellung trübt nur ein ganz kleines bisschen die Freude über die Nachricht.

    Nach einiger Zeit brauche ich eine Pause und die Apotheke hat mir eine SMS geschrieben, dass meine Medikamente abholbereit seien. Ich wundere mich ein wenig, letzte Woche kam mir das noch alles totaaaaaaal kompliziert vor, das eine Medikament aus dem Ausland zu bestellen. Und das andere Medikament habe ich inzwischen bei einer anderen Apotheke abgeholt, weil ich mit meinem Vorrat nicht übers Wochenende gekommen wäre und diese andere Apotheke hatte die erste extra angerufen, um „das Rezept freizugeben“ (was auch immer das heißt). Naja, jedenfalls hätte ich letzteres Medikament dann heute haben können, das andere dauert noch etwa eine Woche. Damit der Ausflug nicht ganz ziellos war, mache ich noch einen Frisörtermin aus, bevor mein Frisör in zwei Wochen in seinen vierwöchigen Sommerurlaub aufbricht. Und weil das Wetter grad ganz schön ist (lies: es regnet nicht und in der Sonne muss ich die Windjacke überm Pulli doch aufmachen) gehe ich noch eine kleine Extra-Runde. Und stelle wieder einmal fest: Ich liebe meine Chucks.

    Zu Hause arbeite ich weiter, ich schreibe insgesamt vier Bewerbungen und schlage mich mit drei verschiedenen Bewerbungsportalen herum. Man könnte meinen, man erreicht da irgendwann so einen gewissen Stoizismus, bei mir haben 33 Bewerbungen seit Januar (plus Chipsfabrik) da aber noch nicht genug Aggression weggeschliffen.

    Herr Rabe und Pippi kommen nach Hause und ich koche. Also Essen.

    Und dann gibt es essen. nämlich Zucchini-Pilze-Frischkäse-Pasta. Ist ganz lecker, aber jetzt keine mega Erleuchtung. Halt ne cremige Sahnesoße ohne Sahne. Und Foodbloggerin werde ich in diesem Leben auch nicht mehr.

    Pippi ist zum Umfallen müde und ich bringe sie nach dem Essen direkt ins Bett. Vorher höre ich bei Herrn Rabe noch mal nach, ob die im Kindergarten vielleicht was von der Førskoletur gehört haben…? Herr Rabe sagt, Zitat, „Ich habe mich beherrscht und nicht nachgefragt.“ Gut, ich bin also nicht das einzige Helikopterelter hier.

    Im Bad kriege ich endlich eins meiner grauen Haare gepackt. Das habe ich schon öfter versucht, ich hab nämlich einige davon. Zuerst habe ich sie bemerkt, als ich meine Haare das letzte Mal blau gefärbt habe, da waren nämlich ein paar Haare nicht nur in den Spitzen blau, sondern komplett gefärbt. Ich freue mich, zumindest noch, endlich ein bisschen Weis(s)heit.

    Pippi schläft, es ist noch früh, vier Bewerbungen reichen für den Rest der Woche mehr als dicke, also schneide ich Stoff zu, trinke dabei sehr langsam ein Glas Wein und sehr viel schneller einen Liter Wasser und probiere auch gleich mal den Stoffkleber aus. Die Streifen auf dem Stoff sollen nämlich beim Nähen wirklich genau aufeinandertreffen und da darf nix verrutschen. Der Kleber riecht nach Hubba Bubba, funktioniert aber einwandfrei. Bin gespannt, wie sich das morgen nähen lässt.

    Wegen der Streifen und weil ich mir echt Zeit lasse dauert das alles ganz schön lange, aber egal, ich hab ja nix mehr vor heute. Beim Küche aufräumen und bettfetig machen schaue ich noch eine Folge Lemony Snicket zu Ende. Die Socken lasse ich heute zum Schlafen lieber an, es ist echt fies kalt.

    (Fun Fact: beim Zehen-Hampeln habe ich mir außen am linken kleinen Zeh was gezerrt. Autsch.)

    Jetzt Bett, es wird auch echt Zeit. Vielleicht haben sich ja morgen früh mal die von der Førskoletur gemeldet.

    Tag 1022 – Karriere-Event Tag 2 (Bei Punkt 4 musste ich weinen.)

    Tag 2 des Karriere-Dingses war… auch nicht so viel besser als Tag 1. Erst gab es einen Vortrag von der Berufsvereinigung, in der ich ja schon bin und deren „Karrieretipps“-Seiten ich schon durchgelesen habe, das brauche ich dann echt nicht noch mal in faszinierend schlechtem Englisch („languishes (sic!) are important“) vorgelesen. Außerdem suuuuuuper viel Blödsinn von wegen tu dies und das und dann kriegst du schnell nen Job, weil: Hahaha, von dies bis das mache ich schon alles und obendrauf noch jenes bis welches, und… naja. Kein Job halt.

    Vortrag 2 und 3 waren von einem Karriereberater und, wie nenne ich das, irgendwie sowas wie Berufsnetzwerk-Influencer. Das war etwa so: er trug vor, was man alles machen soll, ich hakte innerlich alles ab, und musste irgendwann fast lachen, weil ich hätte mich da genauso gut hinstellen können als abschreckendes „Und selbst wenn du all das machst, heißt das nicht, dass du einen Job bekommst!“-Beispiel. Halbes Jahr vorher kümmern, Check, Bewerbungen immer an Ausschreibung orientieren, Check, Lebenslaufpunkte nach Stellenanforderungen priorisieren, selektieren und sortieren, Check, Check, Check, fucking Check.

    Dann Pause und danach LinkedIn-How-To, das war so ein bisschen „Why I Hate LinkedIn“ in a nutshell. Ehrlich mal: 5 Wochen lang dreimal täglich zu bestimmten Uhrzeiten was posten (nein, nicht irgendwas natürlich, auf gar keinen Fall sogar, sondern Sachen, die eine interessant und „Purpose Oriented“ erscheinen (sic!!!) lassen, ich kotze!) und dann „darf“ man mit irgendso einem Spruch wie „Bei XYZ habe ich so tolle Menschen getroffen und Erfahrungen gesammelt, aber jetzt ist es Zeit, weiterzuziehen, ich bin offen für Vorschläge!“ sein tolles, auf Fake (ich nenne „erscheinen lassen“ fake, so.) aufgebautes Netzwerk um einen Job anhauen. Ich kotze im Quadrat.

    Der vierte Vortrag hatte es dann aber in sich. Auch wenn die Message „Never give up!“ eher sehr Standard als alles andere war und ich auch nicht so genau weiß, weshalb der Typ eingeladen war, die Geschichte, die er zu erzählen hatte (der LinkedIn-Typ wäre stolz gewesen vor lauter „make it personal!“) war unglaublich krass. Die Geschichte geht so: Zwei Typen, Anfang 20, beste Freunde seit immer, gehen an einem Samstag kurz vor Halloween feiern. Der beste Freund des Vortragenden übernachtet daraufhin spontan beim Vortragenden, weil, ach, beste Freunde seit immer, Taxigeld sparen, usw. Kaum eingeschlafen wird der Vortragende von Gebrüll wach, im Zimmer steht plötzlich ein dritter seit immer Freund in Unterhose und sticht mit einem 30 cm langen Messer auf den Freund des Vortragenden ein. Überall ist Blut, der Vortragende tritt nach dem Messermann, der wendet sich daraufhin gegen ihn und sticht ihm in die Brust, in die Lunge, ins Gesicht. Der Freund des Vortragenden schleppt sich aus dem Zimmer, der Vortragende schafft es irgendwie aus der Wohnung in den Hausflur, wo der Messermann aber weiter auf ihn einsticht, insgesamt 15 mal. Ein Nachbar ruft die Polizei, der Messermann verschanzt sich im Hinterhof und schreibt mit Blut „GUD“ (Gott) an die Haustür (hier ein Bild davon), der Vortragende schleppt sich aus dem Haus, an der Straße steht ein Taxi, er reißt die Tür auf, der Taxifahrer denkt erst „haha, Halloween“, merkt dann aber doch schnell, was Sache ist und fährt den Vortragenden mit 160 Sachen ins Krankenhaus, 4 Minuten. 11 Tage später wird der heute Vortragende wach, mehr tot als lebendig, mit drei Metern an Narben und fast 400 Stichen, der eine Arm nicht funktionierend, sein bester Freund tot und bereits beerdigt, ein weiterer Freund mit akuter Psychose im Hochsicherheitsgefängnis. Und das ist halt alles echt passiert und nicht von Jo Nesbø ausgedacht.

    Der Rest des Vortrags handelte davon, wie er irgendwann aus seinem schwer traumatisierten Zustand herausgefunden hat (nicht überraschend konnte er danach monatelang nicht schlafen vor lauter Angst) und das Leben jetzt weitergeht. Sport ist die Lösung, gesunder Körper, gesunder Geist und so (und der sehr kleine Teil meines Gehirns, der nicht mit Verdauen dieser Geschichte beschäftigt war, lachte kurz auf und sagte: toll. Selbst das machste ja schon) und ein soziales Netzwerk, das braucht man auch. Das Leben ist immer bumpy, mal mehr mal weniger, aber man muss halt einfach irgendwie weitermachen. Sich nicht unterkriegen lassen. Auch wenn man vielleicht monatelang arbeitslos ist (oder von seinem Freund abgestochen wird), es geht weiter, solange man lebt. Smiley! Und dann zeigte er uns die Tätowierung an seinem Unterarm, ein Portrait seines getöteten Freundes. Und da war’s dann vorbei und ich musste kurz ein bisschen heulen.

    Wahnsinnig positiv also, der Tagesausklang.

    Herrje. Jetzt erstmal weiter Bewerbungen schreiben. Positiv denken! Netzwerken! Die Comfortzone verlassen! Und nicht an Psychosen denken!

    Tag 1021 – Wooozaaaaa. (Wie ich mal auf einem Karriere-Event war.)

    Es ist 10:09 Uhr. Ich sitze bei den Biotech Industry Career Days. Seit etwa fünf Minuten spricht der erste Speaker und ich könnte mich jetzt schon total aufregen. Warum? Weil der Industrie-Jobs bewirbt. DIE ES ZUR HÖLLE NOCHMAL GAR NICHT GIBT! Voll super in der Industrie. In Pharma. Jaja, ganz toll da. Wir sollen also alle in die Industrie, also alle, die sich nicht selbständig machen wollen. Was 1/3 von uns wohl machen sollen. There’s your chance! Kotzi.

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    1. Vortrag: Macht euch selbständig. JAAAA, GENAU. Orr.

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    2. Vortrag: Er hats begriffen. Wenige Jobs, viele Bewerber (in Norwegen). Fühle mich kurz nicht verarscht. Wissenschaftler sind halbwegs gefragt, aber extra Ausbildung in Business, Recht, Marketing, Tralala, wär schon gut. Tjanun.

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    3. Vortrag: Erinnern Sie sich noch an meine Vorhersage, dass ich demnächst Fischfutter in den Lofoten vertreibe? Nun. Die Firma dieses Menschen entwickelt und produziert Fischfutter. Nichts gegen Fisch, aber… puh.

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    4. Vortrag: Life Science Cluster. Bei der Hälfte der Firmen im Cluster habe ich mich bereits beworben. Bei manchen hatte ich sogar Vorstellungsgespräche. Vielleicht möchte ich kurz schreien, aber vermutlich kriegen schreiende Leute erst recht keine Jobs. Surprise, die sind da auch alle, wo die Osloer von neulich waren. Vielleicht heule ich auch einfach? Neinein, natürlich nicht, denn auch heulende Leute kriegen keine Jobs, heute (und morgen) bin ich positiv eingestellt und einfach gar nicht verzweifelt und kompetent bin ich ja eh und someone please shoot me alles wird gut. Oh! Die haben nächste Woche ein Matchmaking event. Hmmmm…

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    5. Vortrag: Share Lab, Labore einrichten ist abartig teuer, wenn man jetzt ne tolle Idee hätte, mit der man sich selbständig machen könnte, könnte man bei denen Labspace mieten (ja, auch wieder im selben Gebäude wie die Osloer und das Cluster und…)… hab ich aber ja eh nicht also lassen wir das. Hab ich erwähnt, dass ich nicht gefrühstückt habe? Es ist 11:21 Uhr, ich esse gleich jemanden. Eigentlich mache ich seit einiger Zeit unbeabsichtigt Intervallfasten (dazu habe ich eigentlich keine Meinung, ist ja auch mal was neues), nur mit Kaffee. Im Kaffee ist Milch, also Kalorien, also kein Intervallfasten, aber essen tue ich im Moment irgendwie nicht vorm Mittag und das ist eigentlich nicht gut. Ich neige ja zum hangry sein, zu Unterzuckerung mit nachfolgenden Kopfschmerzen, also sollte ich eigentlich frühstücken, aber irgendwie klappt das grad nicht so besonders gut. Urgs, jetzt hat der was von „your new industry friends“ gesagt. Kotzi. „I wanna see you there!“ Ja, ich dich nicht. Danke.

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    Endlich Pause.

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    6. Vortrag: Die Organisatoren. Höre ich auch nicht das erste mal, ist ja alles mega klein hier, man kennt sich halt irgendwann. Neu: ein internationales Internship Programme für PhDs und PostDocs, fängt im Winter (ca.) an, das kann man im Auge behalten.

    *Pling* Absage auf Bewerbung, die ich gestern Abend abgeschickt habe. Okayyyy…

    Wegen „hab ich alles schon gehört“ den Leuten vom 4. Vortrag wegen des Events geschrieben. Ich bin ja so engagiert.

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    7. Vortrag: Fertilitätsklinik. Mensch erzählt, PhDs sollen ihre Forschung doch an den Bedürfnissen der Industrie ausrichten, dann klappt’s auch mit dem Industrie-Job. DAS IST JA MAL EIN WERTVOLLER TIPP! Ich bin schon wieder auf 180. Mache lieber anderen Kram und schaue nach Projektmanagement-Kursen. Meine Berufsvereinigung bietet sowas an, aber das kommt mir sehr teuer vor und wären 5 x 2 Tage über mehrere Monate und natürlich alle in Oslo. Hmnaja. Mal weiter suchen.

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    8. Vortrag: Ein Öl-Forschungs-Institut. Klingt erstmal alles sehr fern von allem was ich kann und was mich interessiert, aber plötzlich heißt es „wir machen Enzyme“ und „wir stellen ein“ und ich tippe quasi schon an der Bewerbung. Stavanger. Tjanun, irgendwas ist immer. Wenigstens sind da die Häuser billig.

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    9. Vortrag: Ein Enzym-Produktions-Service-Dienstleister. Hmmhmmhmm. Klingt eigentlich voll gut, aber: Tromsø. Nein. Tromsø ist zu kalt und zu dunkel.

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    10. Vortrag: Ein interdisziplinäres Forschungs-Institut mit Fokus auf Biotech für… Fisch. ZZZzzzZZZzzz. Aber hübsche Bilder von Würmern, die sich am Meeresboden von Knochen ernähren. Oh! Eine offene Stelle für PostDoc. „Engineering the smell of fish products“. Öhm… Ja, well, why not. (Hab dann noch mit der gesprochen, gefühlt dreimal meinen Namen gesagt, mich nicht getraut, meinen CV abzugeben (ICH. KANN. DAS. NICHT!) aber versprochen, eine meiner bekannt brillanten Bewerbungen zu schicken.)

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    Es ist noch mingling, aber mein Sozialakku ist für heute leer. Ab nach Hause. Es ist 15:00 Uhr.

    Tag 1018 – Nix neues.

    Fauler Tag, dann doch noch zwei Bewerbungen geschrieben (huldigen Sie mir bitte nicht, die zwei Stellen sind so ähnlich, dass ich nur drei Sätze angepasst habe), bisschen Wäsche, sonst war nix und jetzt ist Bett.

    Nachtrag, bevor ich das wieder vergesse: vielen, vielen Dank, liebe Leserin F., ich habe mich unglaublich doll gefreut! Vor allem über die Inschrift! <345! (Research Plus ist eh die beste Pipette, wobei ich auch Reference sehr gern mag, hachja.)