Tag 448 – #OffTopic zum Thema Zeitdruck. *HIER!*

Es war einmal eine Frau, die vergaß völlig, dass sie ja diesen Monat Gastgeberin für die Off-Topic-Runde ist. Als sie drauf aufmerksam gemacht wurde, war es schon zu spät, selbst ein verschobener Veröffentlichungstermin würde die Teilnehmerinnen ganz schön unter Zeitdruck setzen.
Diese Frau war ich. Und deshalb lud ich die Damen zu einer Runde über genau dieses Thema ein: Zeitdruck. Wie gehen sie damit um, wenn die Zeit eng wird? Oder haben sie gar geheime Tipps, wei man gar nicht erst unter Zeitdruck gerät? Dieses mal in meinem Wohnzimmer: Kathrin, snowqueen und Lena!

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Kathrin (Oekohippierabenmutter)

Wenn morgens der erste kleine Hosenkacker auf meinem Kopf herum krabbelt, schlage ich so langsam die Augen auf. Ich bin immer totmüde, ich stille nachts noch und bin dementsprechend unausgeschlafen. Ich öffne also die Augen und schaue auf die Uhr: 6.30 Uhr. Shit! Sooo späääät?
Wir verbringen den Vormittag draußen, egal bei welchem Wetter. Ohne frische Luft kommen die Jungs mittags nicht zur Ruhe. Ich sehe auf die Uhr. 11.45 Uhr. Verdammt! Soooo späääät?
Ich muss kochen. Es ist 17.00 Uhr. Shit. Zu spät.
Ich wollte doch noch – kacke. Zu spät. Und da war doch noch – egal. Jetzt ist es zu spät.
Mein ganzes Leben ist ein einziger Zeitdruck, zumindest fühlt es sich so an. Woher kommt das? Die Zeit ist das einzige, was nie anhält, die nie mehr wird und die wir einfach nicht beeinflussen können, egal wie wir sie verbringen. Wenn ich also unter Zeitdruck Hetze und Hektik verbreite, dann läuft sie ganz genau so schnell ab, wie wenn ich die Dinge, die ich tun muss, langsam tue. Ich stehe immer zeitlich unter Druck. Also wie gehe ich damit um?
Tja. Gar nicht. Uhren trage ich nicht. In meiner Wohnung gibt es keine. Die an meinem Handy reicht und stresst mich genug. Dinge bleiben liegen, stressen mich trotzdem. An der Zeit kann ich nicht drehen, das habe ich verstanden. Aber beherrschen muss sie mich ja nun auch nicht.
Also stehe ich um 6.30 Uhr auf, trinke meine zwei Kaffee und daddel zu lang am Handy rum. Dusche zu lang. Frühstücke zu lang mit meinen Jungs. Komme immer – wirklich immer – zu spät zu allen möglichen Terminen. Soll ich euch was sagen? Das war schon immer so. Auch vor den Kindern.
Die Zeit rennt eben immer ganz genau gleich schnell ab, egal wie schnell oder langsam wir sie verbringen. Sag ich ja 😉

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snowqueen (Das gewünschteste Wunschkind)

Bei drei Kindern, von denen zwei in die Kita und eins in die Schule muss, sowie einer Mutter, die natürlich auch noch bei der Arbeit ankommen sollte, kommt es öfter als mir lieb ist zu Zeitdruck. Da müssen morgens schnell noch das Lieblings-Kuscheltier eingepackt, in das neue Feenbuch geguckt  und natürlich kurz vorm Gehen nochmal die Kacka-Windel gewechselt werden, während ich eigentlich schon in voller Montur angezogen bereit stehe und losgehen will… Mein Rezept gegen das Zu-Spät-Kommen ist da recht einfach: Ich zwinge mich, alles extra langsam zu machen, wenn ich merke, die Zeit wird knapp.

Denn wenn ich schnell, schnell alles fertig bekommen möchte, vergesse ich garantiert die Hälfte, oder mein Schnürsenkel reißt plötzlich oder ich verschmiere vor lauter Hektik das AA an Stellen, an die sie nicht hingehören. Also nehme ich den Druck raus und arbeite bewusst langsam. Ich denke nicht an die Uhr, sondern mache das, was zu tun ist, sorgfältig und mit Ruhe. Dann unterlaufen mir keine Fehler und ich komme im Endeffekt schneller los, als bei einem hektischen Aufbruch. Zu spät gekommen sind wir so tatsächlich noch nie!

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Lena (Schmetterlingsfamilie)
Zeitdruck, ein Problem, dem wohl jeder im Laufe des Lebens hin und wieder begegnet. Manche häufiger und andere weniger, doch grundsätzlich ist es allgemein bekannt.
Meine Familie gehört (wie unser ganzes Dorf übrigens) nicht gerade zur pünktlichen Sorte und es kommt auch mal vor, dass erst zu Beginn des Termins das Haus verlassen wird. Da ich aktuell keinen Führerschein besitze und mit 2 besonderen Kindern somit auf die Fahrdienste meiner Verwandten angewiesen bin, gerate ich häufig in „wir haben keine Zeit mehr verdammt“ Situationen.
Ich nenne zwar in vielen Fällen eine frühere Uhrzeit, doch auch bei mir kommt hin und wieder etwas dazwischen, wodurch es dann mehr als knapp wird. Sei es nun, dass der Elf sich von oben bis unten vollgespuckt hat, der mobile Sauerstofftank sich nicht befüllen lässt, oder Bambina genau dieses eine paar Schuhe anziehen möchte, das gerade nicht auffindbar ist.
Sitzen wir dann endlich im Auto, geht der Blick automatisch zur Uhr und ich gerate innerlich unter großen Zeitdruck. 20 Minuten für 20 Kilometer +Umleitung? Schaffen wir niemals… wie begründe ich es dieses mal? Kann das Auto nicht einfach fliegen? Wieso fährt sie bitte nur 80 auf der Landstraße und wie lange tuckern wir wohl noch dem langsamen Traktor hinterher?

Nach außen bleibe ich vollkommen ruhig, denn all das ändert nun mal nichts an der Situation und lässt uns auch nicht pünktlicher ans Ziel kommen.
Es ist wie mit diesem Text hier; fertig sollte er schon vor Tagen sein und dann kam ich wieder und wieder nicht dazu. Also hoffe ich zum Thema passend einfach nur darauf, noch nicht zu spät dran zu sein 😉

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 Frau Rabe (das bin ich!)

Für mich gibt es zwei Arten von Zeitdruck. Einmal den unmittelbaren, spontanen, leider beinahe täglich entstehenden: man will aus der Tür, die Kinder zum Kindergarten bringen, da weigert sich erst Pippi, Schuhe anzuziehen, dann diskutiert man mit Michel die Wahl des Matschanzugs, Pippi schreit, weil sie keine Schuhe anlutschen darf, um neun hab ich ein Meeting, es ist viertel nach acht, shitshitshit, das wird alles eng und dann kackt Pippi. Für diese Situationen hab ich keinen Tipp für Sie. Außer vielleicht, dass Kinder immer langsamer werden, je mehr man sie antreibt, wenn man den Tränen nahe ist, sind sie quasi bei der Ultrazeitlupe. Aber wie gesagt: kein Tipp, in solchen Situationen bin ich ein nervöses Huhn mit ultrakurzen Nerven. Und es ist Mist, aber ändern kann ichs auch nicht so mal eben. 

Die andere Situation ist sich langfristig aufbauender Zeitdruck. Ich neige nämlich zur Prokrastination. Das heißt, wenn ich in drei Monaten irgendwas abgeben muss, sagen wir mal, ein Abstract, mache ich kurz was dafür und dann lange nix. Also lange so wie 2 Monate lang. Dann ist nur noch ein knapper Monat übrig, aber erst muss noch dies und das und aufräumen müsste man ja auch mal und was ist das hier denn für ein Dings…? Oha, noch eine Woche. Schluck. Das ist dann allerdings der Moment, in dem ich zur Höchstform auflaufe. Der Abstract kriegt Priorität 1, konzentriert arbeite ich daran und sonst an gar nichts, wie so ein Pferd mit Scheuklappen isoliere ich mich komplett und werde immer noch rechtzeitig, wenn auch niemals lange im Vorraus fertig. Ich empfehle diese Vorgehensweise ausdrücklich nicht weiter. Das ist nicht für jeden was. Wenn man zum Beispiel eher der Typ „verschrecktes Kaninchen“ ist, der bei bedrohlich nahen Deadlines keinen klaren Gedanken mehr fassen kann (ich wohne mit so einem zusammen), dann lassen sie das Prokrastinieren besser. Wenn Sie aber wissen, dass Sie’s noch schaffen können und Sie der Druck noch anspornt, dann putzen Sie ruhig mal die Schränke von innen. Das muss ja auch hin und wieder gemacht werden 😉 Und sauberer als kurz vor Abgabe von wichtigen Dingen ist es bei mir nie.

Tag 447 – Ein paar Updates. 

Heiiiiia Zeitumstellung. Ich liebe sie ja. Also, diese. Die im Frühjahr hasse ich gar sehr. Insgesamt bin ich für Abschaffung. Aber Menschen, die Eulen sind und Eulenkinder haben, kennen das vermutlich: wie absolut toll es ist wenn um halb acht alle Kinder schlafen ohne dass man sie zum Ins-Bett-gehen mühevoll überreden musste. Und wie schön es erst sein wird, selbst um zehn müde und schlafbereit im Bett zu liegen! 

Die Austernpilze. Sie haben schon einen festen Klotz aus dem Kaffeeprütt gemacht. Oben drauf wächst auch was, das aussieht, wie weißer Schimmel, aber das ist möglicherweise ja normal und gar kein Schimmel oder vielleicht ist es auch Schimmel aber gar nicht schlimm, ich lass das jedenfalls erstmal so. 

Michels Fingerabdrücke. Am Freitag Abend als ich mich für die Disputationsfeier fertig machte, fiel mir ein, dass ich die Platten im Brutschrank vergessen hatte. Ich düste also voll aufgebrezelt mit dem Auto zur Arbeit (gut, denn sonst wäre möglicherweise keinem aufgefallen, dass Michel hinten die Innenbeleuchtung angemacht hat und wir hätten schon wieder eine neue Batterie kaufen müssen), holte die Platten, fuhr nach Hause, stellte das Auto mitsamt Platten drin ab, sprintete zum Bus, fuhr zur Disputationsfeier und war nur 10 Minuten zu spät da. Puh. 


Nicht ganz so spektakulär wie erhofft, aber doch witzig, vor allem dass auch auf der Platte nach dem Händewaschen noch was gewachsen ist: „vermindert effektiv 95% aller Bakterien“ sind eben nicht 100, ne? Michel war jedenfalls beeindruckt. Vor allem von den Pupsbakterien aus dem Mund. 

Überhaupt, die Disputationsfeier. Schön war’s. Überraschend für Menschen wie mich: Familien, die geschlossen auftreten und von denen sich keiner irgendwie peinlich verhält. Es wurden Reden gehalten, von Familienmitgliedern, und die waren alle berührend und schön und unpeinlich und ehrlich witzig. Ich glaube nicht, dass ich möchte, dass jemand aus meiner Familie bei meiner Disputationsfeier ne Rede hält. Ich möchte nichtmal, dass wer kommt. (Ich möchte eigentlich, dass gar keiner kommt, ich werde so unglaublich nervös sein, dass ich nicht möchte, dass sich da irgendwer dran erinnert, wie ich rumstottere mit feuerroter Glomse und Piepsstimme… Dazu passend schlug mir mein Chef auf der Feier diverse Konferenzen im nächsten Jahr vor, auf denen ich präsentieren könnte. Ich möchte mich irgendwo eingraben.) Nunja. Also Familie: alles schön. Wir als Arbeitsgruppe haben auch gesungen (wie immer, es bekommt ja in unserer Gruppe jeder einen Song zum Titel) und dann irgendwann gab es sehr viel Kuchen und danach wurde getanzt. Mein Kollege Mister I trust You tanzt unheimlich gerne und auch gut und so legten wir eine halbwegs flotte Sohle aufs Parkett. Nicht so flott wie mein Bioinformatikkollege, dessen Tanzpartnerinslashfreundin später noch kam und die sehr fein Lindy Hop tanzten. Und ich weiß jetzt, warum Mister I trust you so muskelbepackt ist: der hat zwanzig Jahre lang, bis vor zehn Jahren, geturnt. Der kann auch noch Spagat. Unaufgewärmt und in Anzughose. Naja. Ich kann nach vier bis sieben Glas Wein auch Spagat. In High Heels und im Stehen. (Und nein, keine Schmerzen später. Womit bestätigt wäre, dass die letzten Zentimeter bei mir nur Hemmung sind, keine echte Inflexibilität.) Also es war sehr lustig. 

Der Impfstoff für Pippi ist nicht rechtzeitig geliefert worden. Den Termin morgen früh muss ich also absagen. Das macht mich sehr nervös. 

Die Grabmücken sind immer noch da. Wie gesagt, die wird man nicht mehr los. Jedenfalls nicht, wenn man ein Terrarium mit immer feuchter Erde in der Bude hat, das man auch nicht mit Gift behandeln kann. 

Hab ich noch lose Fäden vergessen? Fragen Sie ruhig, wenn Sie was interessiert!

(Was ich ja hasse: dieses „Und, wie ist das bei euch? Habt ihr auch manchmal Probleme mit *hier irgendein Kinder-Dings einfügen*?“ am Ende von jedem Artikel von manchen Elternblogs. Ist ein Aufruf zur Interaktion, bewirkt mehr Interaktion und dadurch auch mehr Reichweite und so, aber ich finds furchtbar. Aber hier jetzt mal der ernst gemeinte Aufruf: fragen Sie mich Sachen!)

Tag 446 – Michel spielt. 

„Mamaaaa? Du bist der Braunbär und ich die Giraffe!“. Ich kann kaum noch meine Augen aufhalten, so müde bin ich. Beim Vorlesen eben bin ich mitten im Satz eingeschlafen. Das heißt, nicht mitten im Satz. Ich sagte einen total falschen. Auf die Frage „Warum sind die Autos so platt?“ (Weil es ein Schrottplatz ist) kam aus meinem Mund ein schläfrig gelalltes „Es ist ein LKW-Unfall.“. Hallo Unterbewusstsein. Jedenfalls kriege ich in dem Zustand einen Duplo-Bären in die Hand gedrückt. Und gleich wieder weggenommen: „Hallo Bär, wir müssen so Westen anziehen. Und Stiefel. Und einen Helm. Wir bauen jetzt ein Haus.“ Michel zieht dem Bäten und der Giraffe imaginäre Bauarbeiterausrüstung an. Meine Augen rollen schon wieder lustig rum beim Versuch, nicht einzuschlafen. Aber brav setze ich, also der Bär, Klötze auf die Duploplatte. Dann holt Michel ein Flugzeug. Der Bär und die Giraffe fliegen in ein fremdes Land und finden einen Apfelbaum. „Die Äpfel sind aber nur Nachtisch. Giraffe isst eigentlich Blätter und der Bär Fisch. Und auch Blätter vielleicht.“ Jetzt fängt Michel an, zu Brummen. „Was ist das?“ fragt er in Giraffenstimme den Bären. Der Bär sagt „Mmm, mal überlegen, vielleicht ein Eisbär?“. Michel wühlt in der Duplokiste und zieht einen Eisbären raus. „Ich bin der gruselige Eisbär, roooaaar!“ „Oh nein, Bär, komm, wir müssen das Haus schneller bauen, dann können wir uns verstecken!“. Michel und ich, also Giraffe und Bär bauen ganz schnell. Michel findet einen zweiten Eisbären. „Mama, das ist der beste Freund vom Bären. Der hat einen Kran.“ Sprachs und baute einen Kran. „Der kann so laufen, der ist nämlich ein Roboter.“ Der Kran kommt angewackelt und wir bauen am Haus, ständig begleitet vom bedrohlichen Grummeln des gruseligen Eisbärs. Irgendwann ist es fertig, wir setzen gerade das Dach drauf, als „ROOOOAAR!!!“ der gruselige Eisbär angreift. „Hä? Wo sind die denn hin? Hallo? Bär? Giraffe? Wo seid ihr?“ Der gruselige Eisbär sucht uns. Aber wir sind versteckt, uns findet keiner. Da zieht der gruselige Eisbär beleidigt ab, fällt vom Sofa und ertrinkt im Meer. 

Und ich bin jetzt wach. 

Tag 444 – Schnaps! (Das mache ich jetzt alle 111 Tage!)

Erstmal die vorläufigen Versuchsergebnisse. Ich brüte nochmal über Nacht um den Effekt zu maximieren, und dann versuche ich ein besseres Foto zu machen. 


Bildunterschriften gehen nicht. Hmm. Also: das weiße da ist ein schöner, pelziger Bakterienblob. Exakt in der Größe von Michels Daumen. 


Nach dem Waschen: wie Sie sehen, sehen Sie nichts. (Das was Sie vielleicht zu sehen meinen, sind Luftblasen.)


Hallo Pupsbakterien. 

Ansonsten nicht viel Neues. Ich war heute das erste Mal nach vier Wochen (wegen weiß nicht mehr, Portugal, Deutschland, Pippi krank) wieder beim Ballett und habe mich ordentlich doof angestellt irgendwie. Worüber ich mich besonders ärgerte: die Show-Choreografie ist auf ein Swing-Stück, das klingt ganz toll und sieht auch aus, als würde es Spaß machen, aber die sind schon bestimmt 3 Minuten weit gekommen, keine Chance, dass ich das mal eben ohne nochmal durchgehen lerne. Also ging ich 20 Minuten vor Schluss leicht angefressen nach Hause. Und habe seitdem einen Ohrwurm von meinem Lieblings-Quick-Step. Obwohl ich den sicher 10 Jahre nicht gehört hab. Vielleicht sollte ich nächstes Semester mal Solocharleston ausprobieren.

Cytotoxicity assays sind doof. Vor allem, wenn sie einfach mal so gar nicht funktionieren. 

Manche wissenschaftlichen Artikel sind auch voll doof. Manche Leute können nämlich einfach nicht schreiben. Wenn ich auf der ersten Seite dreimal fast Einnicke, stimmt was nicht. Oder ich bin sehr müde. 

Ich bin so müde. Pippi kriegt Backenzahn Nummer drei und wenn ich mir den geschwollenen Gnubbel da so ansehe, tut es mir für sie mit weh. Resultat ist halt leider, dass hier viele Menschen wenig Schlaf bekommen. Und wie ich das so erzähle, sagt meine Kollegin, deren Kind eine Woche älter ist, als Pippi, dass ihr Sohn jetzt die letzten Zähne bekommt und voll schräg drauf ist. Und ich kann nicht anders, als sie zu beneiden: danach ist es bei ihr wenigstens vorbei. Wir hingegen haben noch 13 vor uns. Meh. 

Morgen ist Disputationsfeier. Also zuerst muss natürlich Disputiert werden. Deshalb denke ich wohl auch schon den ganzen Tag, dass heute Freitag sei: Disputationen dauern hier ja fast den ganzen Tag, deshalb hab ich mir für morgen nichts „richtiges“ zum Arbeiten vorgenommen. Und weil der Typ, der da disputiert unverschämt gut aussieht derjenige ist, von dem ich das RNA-Projekt übernommen habe, ist meine Teilnahme schon auch ratsam für mich selbst. Und abends eben Feier. Feier. Mit meiner Arbeitsgruppe. Oha. 

Jetzt aber swingend ab ins Bett. 

Tag 443 – Michel goes Mikrobiologe. 

Damals(TM), kurz bevor wir nach Norwegen zogen, bekam Michel die MMRV-Impfung (also Masern, Mumps, Röteln, Varizellen), weil das in Deutschland eben dran war. Als wir dann nach Norwegen kamen, machte ich etwas Druck beim Gesundheitszentrum, damit er die zweite Dosis „schon“ mit zwei Jahren bekam und nicht erst, wie im norwegischen Impfplan vorgesehen, mit sechs. Aber die hatten nur MMR, das V ist ja hier nicht vorgesehen

Dann vergaß ich das V. 

Jetzt gehen Windpocken im Nahbereich des Kindergartens rum. Ich fing ein bisschen an zu schwitzen. 

Montag rief ich also bei der Impfstelle an (ja genau, die sonst Malariaprophylaxe machen und ab 1.11. für zwei Jahre gratis HPV für alle! (Nein. Nur für Frauen*. Und ich bin zu alt.)) und bat um schnelle Booster-Impfung von Michel. Sie sagten „Wir melden uns.“ (echt wahr!). 

Gestern meldeten sie sich. Sie hätten eine Dosis da, aber nur einen Termin diese Woche, nämlich morgen (also heute) um elf. Einfach um es erledigt zu wissen, sagte ich ja. 

Dann großes Überlegen: wie machen wir das rein logistisch? Die Impfstelle ist in der Stadt, in relativer Nähe zu meiner Arbeit. Der Kindergarten ist gute 15 Fahrradminuten von meiner Arbeit und auch der Impfstelle entfernt. Wir sollten etwas früher kommen und danach auch noch zwanzig Minuten da bleiben, falls es Nebenwirkungen gibt. Vorher in den Kindergarten bringen, dann wieder abholen und wieder hinbringen? Käse. Vorher zu Hause abhängen und nachher in den Kindergarten bringen? Käse. Ok, vorher nehme ich ihn kurz mit zur Arbeit, stelle ihn mit Mausclips ruhig, nachher bringe ich ihn in den Kindergarten. Gebongt. 

Dann saß ich heute schon an der Cleanbench, Michel guckte in sein Dinosaurierbuch (nachdem er sich rrrooooaaaarr-end vor dem Büro meines Chefs auf den Boden geworfen hatte und erklärt hatte, er sei ein Triceratops), als mein Handy klingelte. Herr Rabe klärte mich auf, der Kindergarten mache heute einen Ausflug zur Estenstadsmarka (hier wirklich wirklich riesigen Wald vorstellen), nur die Kleinen wären um die Mittagszeit im Kindergarten und für Michel hätten sie dann keine Kapazität. Ich könne Michel ja zum Ausflug hinbringen? Was wir denn jetzt machen sollen. Ich würgte ihn ziemlich unwirsch ab, weil ich ja da in Handschuhen und Kittel und mit jeden Moment gelangweilt zu werden drohendem Kleinkind saß, außerdem wollte ich das mit Michel besprechen. Ich schlug Michel alle Optionen vor, er wählte: nach dem Termin mit Mama wieder zur Arbeit gehen. Ich strich kurzerhand 2/3 des Tagespensums, verdünnte was zu verdünnen war in einem Affenzahn und dann war es auch schon Zeit, aufzubrechen. 

Die Impfstelle ist ein denkbar unromantischer Ort. Grauer PVC auf dem Boden, gelbstichiges Beige an Strukturtapete an der Wand, schwarze Kunstledersofas, Spielecke mit zerfledderten Büchern und angenagten Bauklötzen. Ich füllte den Anmeldebogen aus und dann durften wir auch schon rein. Die Helsesøster war sehr sehr nett und Michel berichtete auch entspannt aus seinem Kindergartenalltag, bis ihm durch meine Versuche, ihm den Pulli auszuziehen, bewusst wurde, was ihm drohte. Ich, total empathische Mutti, die ich bin, erklärte ihm, dass ich gut verstehen könne, dass er keine Spritze haben möchte, wer möchte schon gern Spritzen bekommen, dass aber eine Spritze viel besser sei als vielleicht dolle Fieber und Jucken von oben bis unten zu kriegen. Die erste Kosten-Nutzen-Rechnung in Michels Leben. Er leistete dann auch nur noch geringen Widerstand, durfte am Desifektionsläppchen riechen („Æsj!“) und auf meinem Schoß sitzen bleiben und die Spritze wurde relativ fix durchgezogen. Natürlich tat es ganz schlimm weh und verständlicherweise war er da auch erstmal sauer, dass ich das zugelassen habe und wollte nicht, dass ich puste. Dann bekam er ein fettes Pflaster und ein Diplom.

Impf-Diplom mit gaaaar nicht gruseligen Tieren drauf.

Weil wir dann ja eh noch 20 Minuten in der Praxis bleiben mussten und direkt eine Tür weiter ein Kiosk ist, holten wir ein Eis und einen Kaffee. Und dann las ich ein komplettes zerfleddertes Buch vor (Aristocats), ersetzte das hässlichePflaster durch ein Bärchenpflaster aus meinem Portemonnaie, erkundigte mich nach den Preisen für die HPV-Impfung (ca. 1200 NOK pro Dosis, drei Dosen) und bezahlte für Michels Impfung (780 NOK). Danach waren die 20 Minuten endlich um und wir fuhren zu meiner Arbeit. 

Dann: Spaß. Dem Kind machte ich „Es war einmal… das Leben“ an, arbeitete ein bisschen, danach hatte ich eine Stunde Zeit. Erst guckten wir meine Zellkulturen im Mikroskop an. Die Begeisterung bei Michel war mäßig. Er wollte Bakterien sehen. Ich holte eine Platte mit Bakterienkuturen. Das Kind war mäßig begeistert. Ich sagte, komm, wir machen ein Experiment. Im Baktierienraum holte ich drei Agarplatten, dann durfte Michel seinen Finger auf eine drücken. Dann Hände waschen** und nochmal auf eine neue Platte drücken. 


Zu guter Letzt prökelte ich noch mit einem Zahnstocher an seinen Zähnen rum und strich das aus. Er will so gerne mal die Pupsbakterien sehen. Wir räumten die Platten in den Brutschrank und morgen werde ich dann den Gruselbewuchs fotografieren und Michel zeigen. 

Als wir aus dem Labor kamen und Michel schon sehr aufgeregt war, aber noch eine halbe Stunde zu vertrödeln blieb, kippte eine Kollegin gerade Trockeneis in die Aufbewahrungstruhe. Trockeneis. Kalter Traum aller Kinderbespaßer. Ich holte also einen Messbecher und schaufelte ein bisschen Trockeneis hinein. Michel trug den Becher dann sehr wichtig zu meinem Laborplatz und wir warteten erstmal ein bisschen ab, wie kalt der Plastikbecher so wird und „Ooohhh, guck mal Mama, da ist Schnee draußen dran!“. Dann holte ich Michel einen Hocker, stellte den Messbecher ins Waschbecken und ließ etwas Wasser auf das Eis laufen. 

Michel stand ein bisschen der Mund offen.


Als wir fertig waren, den Nebel zu bestaunen und darin herumzuschaufeln, warf ich noch etwas Spüli in den Messbecher. Selbst mein Kollege fand es toll und zerpiekste einige Blubberblasen. 

Die Blasen sind mit weißem Rauch gefüllt.


Nach dem Spaß war es Zeit, nochmal kurz zu arbeiten (ich werde wieder ein paar Tage „Es ist schön, das Leben, es ist schön, so wunderschön, das Leben!“ als Ohrwurm haben), dann machten wir auf Wunsch des Kindes nochmal Quatsch mit Trockeneis und dann fuhren wir Pippi abholen. Michel schlief dabei im Hänger ein, das sah sehr niedlich aus. Am liebsten hätte ich mich dazu gelegt, das war ein sehr unproduktiver und anstrengender Tag. 


*als würden Frauen das einfach so aus der Luft bekommen. Orrrr. (Und übrigens: Penis- und Analkrebs. Aber was weiß ich schon.)

**ein Schelm, wer dabei denkt, ich würde es auf den Schockeffekt absehen 😉

Tag 442 – The Austernpilzexperiment. 

Vor einigen Wochen las ich im Internet irgendwo, dass man Austernpilze auf Kaffeeprütt züchten kann und war direkt Feuer und Flamme. Man muss nur Sporen oder besser Mycel bestellen, mit dem Kaffee mischen, warten, ernten. Oder so. Ich erzählte Herrn Rabe davon, der war auch sofort begeistert und seitdem haben wir den Kaffeeprütt vom morgendlichen Espressokochen nicht mehr weggeworfen, sondern getrocknet (immer wenn der Ofen eh lief beim Abkühlen ne Portion mit reingetan) und aufgehoben. Im Kühlschrank, weil ich Keim-paranoid bin. 

350 g trockenes, gebrauchtes Kaffeepulver im Joghurteimer.


Nachdem wir aus Deutschland wieder da waren, bestellte ich Pilzmycel aus Oslo. Die Menschen da nennen es Sporen. So sehen keine Pilzsporen aus, aber es sei ihnen verziehen, es sind Kaffeeprüttmenschen, die aus Prütt alles Mögliche machen, von Seife über Tasden bis zu eben Pilzen ist alles dabei. Gestern erreichte mich also ein Paket mit 500 g durchwachsenem Substrat. 

Was leider nicht dabei war, war eine Anleitung. Verständlich, denn die Kaffeeprüttmenschen bieten auch ein Pilzzuchtcoaching über Skype an, zum Spottpreis von 225 NOK (ca. 20 €) Ja, echt. Das war mir zu blöd, also googelte ich herum und beschloss dann, mit dem gesammelten Wissen mein eigenes Ding zu machen. Ha. Man hat ja nicht umsonst Biotechnologie studiert und da gelernt, wie man Bakterien, Pilze und Co. am besten züchtet. 

Also, erstmal wichtig: sauber arbeiten. Finger schrubben, trotzdem nix mit den Fingern anfassen, nicht in die Kultur Niesen, am besten auch nicht in die Richtung der offenen Kultur sprechen oder allzu heftig Atmen. Funktioniert super mit neugierigen Vierjährigen daneben. Nicht. 

Zuerst muss man alles entkeimen, man möchte nämlich keinen fremden Schimmelpilz in der Pilzkultur haben. Also erstmal den Wasserkocher füllen und orgeln lassen. Ich habe beschlossen, zwei Versuche parallel zu machen: einen Eimer-Ansatz und einen Tüten-Ansatz. Der Eimer bekommt Löcher in den Deckel, in die Tüte schneide ich ein Loch. Dann schneide ich Teefilter auf und bedecke damit die Luftlöcher. Das klebe ich mit Tesa fest. Jetzt habe ich einen Luftfilter. 

Wurde später noch durch eine größere Tüte ersetzt.



In den Eimer fülle ich jetzt kochendes Wasser und lege den Deckel lose oben drauf. Ich weiß, dass der Eimer und der Deckel das aushalten, weil ich das natürlich vorher ausprobiert hab. 

Weil Kaffeeprütt alleine möglicherweise zu kompakt wäre, zerfutzele ich einen Eierkarton in kleine Stücke. Das ist sehr befriedigend. Die Futzel schmeiße ich mit in den Heißwassereimer. Dann überbrühe ich pro Ansatz 350 g trockenen Prütt mit kochendem Wasser und seihe das Ganze durch ein Sieb, in das ich noch ein Zewa gelegt hab, ab. 


Das Wasser aus dem Eimer schütte ich weg und vermansche die Hälfte der Pappfutzel mit dem Kaffeeprütt mitsamt Zewa. Dazu löffle ich den Kaffeeprütt in den Eimer. Es ist wichtig, dass der Prütt noch heiß, aber nicht mehr allzu nass ist. 

Knapp über 700 g feuchter Prütt mit Papierfutzeln. Hmmm lecka.


Ich mache den Deckel drauf und warte ein bisschen, bis der Prütt etwas abgekühlt ist, dann kommt ein halber Teelöffel Natron dazu, als pH-Puffer (deshalb erst Abkühlen lassen: sonst schäumts nur und puffert nicht).

Mit der Tüte verfahre ich ähnlich: der heiße Prütt wird direkt in die Tüte gelöffelt. 

Dann mache ich alles zu und warte ca. Tausend Jahre bis das ganze auf Raumtemperatur abgekühlt ist, ich will ja nicht mein Mycel umbringen, weil ich es in zu warmes Substrat setze. 

Als alles abgekühlt ist, versuche ich 150 g Mycel in den Eimer abzuwiegen. Weil das Mycel aber ungefähr nix wiegt, wird das viel zu viel und lässt sich vor allem nicht mehr im Eimer umrühren. 

Riecht ein bisschen markant, aber E. Coli ist viel schlimmer, glauben Sie mir!


Ich spüle also schnell noch eine große Schüssel mit kochendem Wasser durch und vermansche darin meine 1400 g feuchten Prütts mit 300 g Mycel. Dann stopfe ich die Hälfte davon in meinen Einer, die andere in eine flugs gefertigte 3L-Tüte mit Filter. 

Passt gerade so. 850 g Substrat und Mycel zusammen.


Das beides kommt dann in der Küche in einen Schrank, denn es muss jetzt bei Raumtemperatur und möglichst im Dunkeln („Sommer“) das Mycel den Prütt durchwachsen. Das wird so 4 Wochen dauern, sagt das Internet. Diesen Beitrag dürfen Sie also ruhig als Beginn eines sehr langen Spannungsbogens auffassen.


Der Rest des Mycels kommt in ein Glas mit nicht ganz geschlossenem Deckel in den Kühlschrank.