Tag 1371 – Großes Herz.

Ach, ach, ach. Ich hab schon tolle Kinder. Zwei Stück. Zwei super Kinder. Pippi zum Beispiel, diese kleine Dreckspätzin mit Nagellack und Kleid, die grad alles alleine kann, außer sie will grad nicht, dann kann sie gaaaaar nichts, es ist alles schlimm und überhaupt sind ihre Knie müde. Alleine den Rucksack aus dem Kindergarten holen, auf Michels Sitz sitzen, alleine Blumen pflücken, aber bitte die Treppen rauf getragen werden. Sie versucht grad oft, ihren Willen mit Geschrei durchzusetzen, was gestern dazu führte, dass Michel heimlich tat, was Pippi hätte tun sollen (ihre Schuhe wegräumen), weil Michel das nicht mehr ertrug, dass sie so brüllte. Aber Michel wär ja nicht Michel, wenn er nicht ne schlaue Antwort auf mein „das war sehr lieb von dir, aber so lernt Pippi leider nicht, dass sie manche Sachen selbst machen muss“ parat hätte: „Ich wollte ihr nur zeigen, wie das geht, dann kann sie es beim nächsten mal selber.“ Das sind meine Kinder grad: die sture Kleine und der gewitzte Große. Michel hat weiterhin den Kopf voller wilder Ideen. Langsam kann man manchmal mit ihm ernsthaftere Gespräche führen. Ihm wirklich Dinge erklären. Weil hier am Freitag ja Nationalfeiertag ist, lesen die Kinder viel Zeug über die „Eidsvollsmennene“, die damals das Grundgesetz verfasst haben und ich konnte es nicht lassen, anzumerken, dass Frauen da nicht gefragt wurden. „Wer hat den Frauen denn eigentlich erlaubt, das [also mitentscheiden] heute zu machen?“ „Da haben viele Frauen lange für gekämpft, dass wir das heute dürfen, mitentscheiden.“ „Mit Pistolen?“ (da hab ich den Teil mit den Bomben legenden Suffragetten dann einfach mal ausgelassen, an „Krieg ist NICHT COOL“ arbeiten wir weiterhin) „Vor allem mit Worten. Die haben so lange gesagt, dass Frauen genauso kluge und gute Entscheidungen treffen können, wie Männer, bis sie die Politik mitbestimmen durften.“ „Was ist Politik?“ (und so weiter). Gut, zwanzig Minuten später sagt er, er will bei seinem nächsten Geburtstag nur Jungen einladen und Mädchen sind doof, aber mühsam ernährt sich das feministische Muttereichhorn. Und wieder zwanzig Minuten später, beim Prä-Bettzeit-Laberflash, der ihn fast täglich überkommt, erzählt er, wenn man schlafwandelt, kann man auch Computer spielen, mit geschlossenen Augen, nämlich, und im Comic, da malen die nämlich ZZZzzz an die schlafenden Leute, so wie bei Donald Duck und 100 + 105, was ist das, Mama, 501? Nein, 150. Und so weiter und so fort und mit Zahnbürste im Mund noch „Isch musch dir wasch schagen, Mama!“, das kann dann keine zwei Minuten warten, auf gar keinen Fall denn das ist ganz wichtig, dass ich weiß, dass es ja viele, viele McDonalds gibt. Jetzt sofort muss ich das wissen.

In solchen Momenten bläst sich mein Herz auf wie ein Luftballon und platzt fast. Ich hab die zwei so schrecklich lieb, ich würd jedem eine Niere spenden, wenn sie eine bräuchten. Meine großen, kleinen, wilden, kuschligen, klugen, albernen und einfach wunderbaren Rübennasen.

Tag 1348 – 50 Meter.

Die Kinder haben in unserem Bullerbü-Reihenhausdorf ihren Radius um ein weiteres Haus erweitert. Nämlich das, zu dem es vom Nachbargarten einen Durchgang gibt. Also sie können von unserem Garten durch den Nachbargarten in den Garten von „M.! M., aus meiner Schule!!!“ gehen. Ich kenne M. nicht, habe nur vage Erinnerungen an den Vater von M. und naja. Ich bin dann heute mal mich vorstellen gegangen, wenn absehbar ist, dass die Rabe-schen Rübennasen da bei jeder Gelegenheit auf dem Trampolin hopsen werden, erscheint mir das doch sehr geboten. Damit haben die Kinder nun drei Nachbarshäuser quasi annektiert und gehen ein und aus wie sie wollen (die anderen Kinder bei uns auch, wobei L. von gegenüber immer sehr höflich fragt, ob sie mit hoch gehen darf). Ich finde das ganz super und bin stolz und froh und alles über die selbständigen kleinen Zwerge, aber morgen werden wir dann mal eine neue Regel einführen, nämlich: Mama will immer wissen, wo ihr grade seid. Wenn ihr von Haus A zu Haus B geht, sagt Bescheid. Ich komme mir gebührend helikopterig und albern dabei vor, aber was soll’s. Meine Babies! Pippi ist erst drei!!! Und Michel hat grad mal seinen dritten Milchzahn* verloren! Babies!!! Wahhh! Die können doch nicht einfach hier herumstreunern! (Natürlich doch. Wurzeln, Flügel, Dings. Uff.)

*und er sieht soooo niedlich mit dieser Zahnlücke aus, es ist so so so hach. Wird wohl auch nicht lange währen, denn der neue Zahn schaut schon raus. Wie irre das ist, diese Phase ist so kurz und kommt nie wieder. Verrückt.

Tag 1325 – Alle wieder da.

Herr Rabe ist wieder da. Wir haben ihn vorhin vom Bahnhof abgeholt, alle drei, die zwei Pappnasen* und ich.

Die Kinder und ich sind eigentlich ganz gut miteinander ausgekommen. Wenn sie müssen, machen sie wirklich gut mit, das hätte ich ja nie gedacht, aber es klappte heute morgen echt wie am Schnürchen und sogar fast ohne Streit**. Michel hat das Zwiebelprinzip echt verinnerlicht***.

Herr Rabe hat vom Flughafen allerdings Gin mitgebracht und einen hab ich auf meinen Sodbrennigen Magen getrunken, das war aus mehreren Gründen ne doofe Idee und jetzt wird der Beitrag wieder eher kurz, das ist besser als wirr.

Dienstag geht’s los mit Sport-Hort. Wir sind alle aufgeregt und müssen dann morgen wohl mal richtiges Sportzeug für Michel kaufen.

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*Die Kinder hatten sich Pappnasen gebaut, bevor wir Herrn Rabe abholten. Das war sehr niedlich, eh schon und dass Pippi mitsamt Pappnase auf und giftgrünen Regenhandschuhen auf dem Weg zum Bahnhof einschlief noch mal mehr.

**Wenn man „MAMA! PIPPI ZIEHT WIEDER DEN SCHLÜPFER VON GESTERN AN!!!“ mal außen vor lässt.

***vier T-Shirts hatte er heut übereinander an.

Tag 1322 – Vernachlässigt.

In den Tagen seit Sonntag verzeichne ich hier einen erhöhten Andrang. Ich habe da so eine Ahnung, wie das kommen könnte und weil ich bemüht bin, ein positives Menschenbild zu haben, rede ich mir ein, diese mehr Leser*Innen sind hier, weil sie die andere Seite zu einem Konflikt hören wollen. Ich muss Sie aber da leider enttäuschen: dieser Konflikt geht nur mich und die andere Person was an und ich werde mich dazu hier nicht äußern. Das heißt nicht, dass mir die ganze Sache am Hintern vorbei geht, sie mich nicht beschäftigt oder ich nicht sogar einen ganzen Haufen Emotionen dazu habe. Nur Reden – wie gesagt – möchte ich wenn dann mit der anderen Person und ohne dass Sie alle dabei Popcorn mampfend zusehen.

Ja? Ja. Weiter im Text.

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Hier einiges vernachlässigt, wie mir scheint. Entschuldigung dafür. Ich war viel müde und andere Gründe gab’s auch, die sind jetzt aber mal egal. Jedenfalls muss ich wohl was nachholen. Ich versuche es mal.

Die Kinder. Sie sind sehr super. Michel wird jetzt richtig selbständig und packt seine Hausaufgaben direkt nach der Schule auf den Tisch, liest sich selbst die Aufgabenstellungen vor und legt dann los. Das macht es mir viel einfacher, ihn alle Fehler machen zu lassen, die er machen muss, um daraus zu lernen. Wenn ich daneben sitze, juckt es mir immer in den Fingern, ihn zu korrigieren, das ist einfacher, wenn ich eben nur grob im selben Raum bin und andere Dinge tue, Blumen gießen, Kochen, sowas halt. Dann kann ich trotzdem noch sagen, wie das „hinten am Fuß“ heißt, kriege aber keine Stresspusteln wenn ich sehe, wie krakelig Michel „HÆL“ schreibt oder dass die Hälfte der 2-en und 4-en immernoch spiegelverkehrt ist. Heute musste Michel Fragen lesen und dann ja oder nein ankreuzen, eine dieser Fragen lautete „Har du rene tær?“ (Hast du saubere Zehen?“) und Michel so „Æ kan sjekk.“ (Ich kann gucken.), zieht eine Docke aus, inspiziert seinen Fuß und dann: „Niks!“ und kreuzt nein an. Ich hätte mich beömmeln können. Wie Michel sagen würde: Tipptopp, tommel opp (tipptopp, Daumen hoch). Nächste Woche fängt Michel mit drei Nachmittagen pro Woche im Sport-Hort an. Dann kostet uns das ~nur~ 1000 Kronen mehr im Monat als jetzt, dafür kann er morgens und an zwei Nachmittagen zum Schul-Hort gehen. Ich hoffe das wird gut.

Pippi hat weiterhin Phase und manchmal möchte ich sie im Wald aussetzen, auf dass sie von einem freundlichen Wolfsrudel aufgezogen würde, aber dann gucke ich Michel an und weiß, es wird besser werden, und Pippi ist ja schon auch toll, nur halt eher so… im Großen und Ganzen toll, in den einzelnen Situationen muss ich momentan oft Herrn Rabe die Erziehungsarbeit überlassen, weil ich sonst innerhalb von Sekunden auf 180 bin und rumbrülle. Bald, bald, ist bestimmt auch diese Phase vorbei.

Sonst so: Arbeit. Viel Arbeit. Ich habe grad mal nachgeguckt: ich habe nach den drei Monaten jetzt 73 Stunden und 25 Minuten Überstunden. Dabei habe ich schon zwei volle Tage abgefeiert. Der Großteil dieser Stunden wird in den Sommerferien abgefeiert, da ich ja letztes Jahr nicht dort gearbeitet habe, steht mir zwar Urlaub zu, aber kein Feriengeld, sprich: wenn ich die Urlaubstage nehme, kriege ich die halt vom Lohn abgezogen. Das ist in den Fällen ja noch ok, wo man von einem anderen Arbeitgeber kommt, der einem ja beim Vertragsende das Feriengeld ausbezahlen muss, wenn man aber arbeitslos war und genau 0 Kronen Feriengeld angesammelt hat, ist das Recht kacke. Deshalb ein Hoch auf die Überstunden, denn sie sichern mir Urlaub ohne dass es hässlich große Löcher in die Haushaltskasse reißt. Groß wegfahren werden wir aber dieses Jahr wohl nicht.

Ja, so viel Arbeit ist sauanstrengend. Ich bin, Überraschung, nicht jemand, der nach Arbeitstagen von 9-19 Uhr noch die Energie für mehr als Essen–>Bett aufbringt. Pendeln, Arbeit, Pendeln, Schlafen, Repeat. Ich glaube auch nicht, dass sich das mit mehr Erfahrung bessern wird. Aber, und das ist der wichtige Punkt: es macht Spaß. Ich habe immernoch das Gefühl, im Lotto gewonnen zu haben. Ich kann mein Glück kaum fassen, ich sitze da in der Behörde, ich darf richtig interessante Sachen machen, mir wird auch intern schon richtig viel zugetraut und ich liebe es einfach. Ich mag meine Inspektør-Kolleginnen und Kollegen und dass das alles so grade-raus-e Menschen mit zum Großteil sehr trockenem Humor sind. Auch wenn die meisten meine Eltern sein könnten, hab ich das Gefühl, ich passe da hin. Und das ist ja nur die Seite im Büro*, wenn wir „draußen“ sind, auf Inspektion, sehe ich so viele verschiedene Pharmahersteller wie in keinem anderen Job in der Branche. Es ist immer anders, aber immer interessant. Kein Tag wie der andere und das liebe ich. Ich werd auch besser im Fragen und vor allem lockerer im Umgang mit all diesen Leuten, ich werd nur noch ein bisschen rot, wenn Leute meinen beruflichen Hintergrund abklopfen und habe gelernt, bei Diskussionen um das Pharmaziestudium und wie schwer ja Qualified Persons zu kriegen sind einfach aus dem Fenster zu gucken. Und der Rest kommt sicher mit der Erfahrung.

Neulich hab ich sogar meiner Kollegin erzählt, dass mich die Chipsfabrik nie bezahlt hat und ich da noch im Insolvenzverfahren drin hänge und auf mein Geld warte und dass das ordentlich kacke ist. Das ist für „immer fröhlich, nie persönlich“, was ich in den ersten Wochen gefahren habe schon eine große Entwicklung, mehr muss auch erstmal nicht sein, aber ich finde wenn man so eng zusammenarbeitet wie wir kann man zumindest ab und zu mal durchblitzen lassen, dass man ein Mensch mit Gefühlen ist.

Den Rest der Chipsgeschichte erzähle ich dann, wenn die Kollegin in Rente geht oder so. Das ist in ca. 10 Jahren, bis dahin kann ich das in eine lustige Dinnerpartygeschichte verpacken.

Also kurz und gut: super Job. Super anstrengend, super steile Lernkurve (das ist alles so ganz anders als absolut ales, was ich vorher gemacht habe!), super interessant, halt super. Jackpot.

Ansonsten: heute bei der Endokrinologin im Krankenhaus gewesen, endlich. War so hal gut und halb scheiße, denn jetzt grad sieht zwar alles tipptopp tommel opp aus, aber sie machte mir keine große Hoffnung darauf, dass das mein letztes Rezidiv war. Ich solle schon mal über eine mir passende Entfernungsmethode nachdenken, wegen der Augen käme aber eigentlich eh nur OP in Frage. Und das könnte man auch präventiv machen, man müsse nicht aufs Rezidiv warten**. Das muss ich nun erstmal verdauen, vielleicht bei einem Gin.

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*Großraumbüros hat allerdings der Teufel gemacht.

**letzteres kommentierte ich trocken mit „Das mache ich nicht solange wir einen Mangel*** an Levaxin haben!“, das sah die Ärztin dann auch ein.

***Medikamentenmangel. It’s a fucking big thing in Norway. Menschen auf derselben Etage wie wir drehen recht frei.

Tag 1318 – Fertig.

Fertig inspiziert. Für dieses Mal. Sehr interessant, lehrreich, aber im positiven Sinne. Musste mir zwischendurch mal kurz auf die Zunge beißen, als wir beim Thema Validierung bestimmter Autoklavenlasten drüber stolperten, dass eine Last noch nicht validiert ist, weil Tests fehlen, die in-House nicht gemacht werden konnten, wir daraufhin nach der SOP und den Schulungsprotokollen fragten, denn das muss den Mitarbeiter*Innen ja mitgeteilt sein, dass man dieses Programm mit dieser Last nicht fahren darf und es hieß nur „natürlich“ und drei Minuten später lag alles auf dem Tisch und war vorbildlich dokumentiert. Natürlich war es das, die machen da nicht so Murks, die machen überhaupt nix, ohne vorher wirklich gründlich drüber nachzudenken was zu tun ist und wie man es am allerallerallersinnvollsten angeht. Auf die Zunge beißen musste ich, um nicht loszulachen, es stellte sich in den letzten Tagen immer mal wieder ein „Was mache ich hier überhaupt?“- Gefühl ein.

Trotzdem schlaucht natürlich das Inspizieren. Eine Woche. Uff. Als Herr Rabe mir schrieb, er säße mit seinen Kollegen in einer Bar und trinke Bier, ob ich nicht auch vorbei kommen wolle, sagte ich einfach ja, mein Kopf war eh Pudding.

Dann nach Hause, noch was richtiges kochen, hahaha, es wurde Tiefkühlpizza, weil aus Gründen halt. Beim Essen machten die Kinder Fotos von allem, woher sie das nur haben.

Smiiiiil, Mama!

Smiiiiil, Papa!

Smiiiiil, Apfel, Smiiiiil, Glas!

Tag 1276 – Füße hoch!

Wochenende ist zum Wäsche waschen, Fingernägel lackieren und Füße hochlegen da. Ersteres und letzteres haben wir heute ausgiebig getan, war auch nötig. Pippi hielt auf mir einen langen Nachmittagsschlaf, was dazu führte, dass Herr Rabe dann bei der etwas ausufernden Einschlafbegleitung einschlief. Michel schaute während Pippis Mittagsschlaf eine norwegische Kindersendung, in der Teams aus drei Kindern gegen den Steampunk-Lord „Daidalos“ antreten müssen, der sie durch Labyrinthe schickt, in denen sie auf seine Erfindungen und Maschinen treffen, die allesamt nur ein Ziel haben: die Kinder mit grünem Schleim einzuspritzen. Das ist gar nicht mal schlecht gemacht oder so, aber es ist für mich wie 99% aller Kindermusik: ich fremdschäme mich furchtbar. Vermutlich, weil ich als Kind Sendungen wie „1, 2 oder 3?“ super gut fand und Rolf Zuckowski sich durch Dauerbeschallung in den Lebensjahren 5-10 für immer in meine Gehirnwindungen gebrannt hat. Wie gern wär ich so ein Kind im Fernsehen gewesen. Heute gucke ich sowas an und ich mag die Kinder nicht, gekünstelte Anspannung, Altklugheit, gekünstelter Triumph, schreckliche Team-Sprüche. Eine Mädchengruppe sprach offensichtlich abgesprochen dauernd im Chor. Im Chor! Leider war ich ja von Pippi ans Sofa gefesselt. Und Michel findet die Sendung ganz toll, es hält ihn nicht auf dem Sofa:

Nach dem Essen erzählte mir Michel dann noch ganz viel in seiner Michel-Art, vieles hat er aus der Schule, manches denkt er sich dann selbst dazu und dann wird es sehr lustig. Zum Beispiel:

„Mama? Haben wir im ganzen Körper Wasser?“

„Ja, überall in unserem Körper ist Wasser.“

„Auch IM Gehirn???“

„Ja, im Gehirn auch.“

„Aber warum denke ich dann nicht nur ‚Wasser, Wasser, Wasser‘?“

oder auch

„Es ist gut, dass wir eine Haut am Auge haben. Wenn sonst eine Fliege ins Auge fliegen würde, käme die direkt ins Gehirn rein und wenn man dann reden würde, würde man nur ‚Bssss Bssss‘ sagen.“

Ebenfalls fiel mir heute auf, wie unsauber wir manche Worte aussprechen, nachdem Michel einen Zettel an seine Tür gehängt hatte, auf dem er um den Besuch seines Ladens und das Bezahlen in ONKLIE PENER bat. Das sollte wohl „ordentlige penger“ heißen, also „richtiges Geld“ (schlaues Kerlchen), aber genauso wie ENKLICH statt egentlig/eigentlich ist ordentlich auch bei mir so ein Wort, wo ich mir wohl mehr Mühe beim Aussprechen geben sollte. Note to self: ooantlicha attikulian.

Pippi hat heute auf ihrem Telefon Videos geguckt. Komplett mit danach suchen, dann scrollen, dann anschalten und das Telefon quer auf den Tisch stellen, an eine Wasserflasche gelehnt. Pippis Telefon ist ein hellblaues Plastikteil aus den frühen 2000ern, mit Antenne und ohne Bildschirm, nicht mal einem angedeuteten, einzeiligen Display wie man es ja doch meist hatte, damals, als man mit Telefon noch nicht automatisch Handy meinte und das Attribut „schnurlos“ noch durchaus Sinn besaß. Für Pippi heißt Telefon Smartphone, damit kann man Fotos machen und Videos angucken, so.

Tag 1256 – Wochenende.

Noch einen sehr entspannten Tag verbracht. Deshalb auch gar nix zu erzählen. Ein paar schöne Kindergeschichten:

Michel kann sich sehr gut Sachen merken, zum Beispiel (wie ich) Worte, aber als Bild. Er kann ja noch nicht sonderlich flüssig lesen, aber mit Zeit buchstabiert er sich zuverlässig Wörter zusammen. Nun ist er an dem Punkt, wo er ein geschriebenes Wort nur ganz kurz sehen muss, um es sich danach aus dem Kopf zusammenzupuzzeln. Dabei kann er das Wort wohl sogar umdrehen und rückwärts vorlesen, das hat er letztens der Mutter von unserem Babysitter vorgeführt und die war ganz aus dem Häuschen. Ja, ich hab schon ein kluges großes Kind.

Das kluge große Kind isst, wenn es sich unbeobachtet fühlt, permanent Schnee. Es unterscheidet dabei nicht unbedingt zuverlässig nach Fundort, Feldschnee wird ebenso gegessen wie Straßenrandschnee. Aus unserem Küchenfenster kann man die Loipe vorm Haus sehr gut überblicken, daher weiß ich das.

Ebenfalls das kluge große Kind kam heute dazu, als ich mir die Fingernägel lackierte (Farbe der nächsten Woche ist Edding*-Rot) und wollte dann auch, aber nicht rot. Ich sagte, er solle sich einen aussuchen, woraufhin er ewig im Badezimmer rumorte und am Ende mit einem Lipgloss ankam. Ich zeigte ihm dann noch mal die Box mit den Nagellacken im Schrank daneben und nun hat er dunkelgrüne Fingernägel. Pippi hat sich ebenfalls für Edding-Rot entschieden. Beide fühlen sich sehr schick (sind sie ja auch).

Pippi hat nach dem Essen selbst ausgedachte Geschichten aufgeführt. Fast hätte ich sie gefressen vor Niedlichkeit und auch den „OH DAS KIND IST SO TALENTIERT ICH MUSS SIE SOFORT ALS KINDERSCHAUSPIELERIN ANMELDEN!!!“-Impuls konnte ich nur ganz knapp zurückhalten. Aber es ist einfach zu goldig, wenn sie sich ganz ernst einen guten Platz sucht, wo sie alle gut sehen können, dann faltet sie die Hände vor der Brust und erzählt mit voller Theatermimik und leuchtenden Augen: „Es war ein mal ein kleiner Vogel. Der saß auf einem Baum. Da kam ein Trollmädchen, weil das in einem Wald war. In einem grooooooßen Wald. Huch! Sagte der Vogel. Und Schluss.“ und dann verbeugt sie sich und stolziert von ihrer Bühne. Hach, hach, hach, hachedihach! Zum Knutschen, wirklich. (Und gänzlich untalentiert ist sie wirklich nicht. Die Geschichten waren kurz, aber prägnant und ohne ein einziges „Äh“ vorgetragen und sie ist sehr präsent da auf ihrer Wohnzimmerbühne. Rampensau mit Bühnenpräsenz, mal gucken ob das so bleibt, ich würde es ihr sehr wünschen.)

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*Ich habe nur einen Nagellack von Edding, und der ist super, sowohl von der Farbe her, deren Bezeichnung ich immer vergesse, weil ich ja eben nur einen hab, als auch im Auftrag und der Haltbarkeit.