Tag 2126 – SO GROSS!

Huiuiui. Aufregende Tage für die Kinder. Michel hat heute seine TranspirantAspirantkorpsuniform bekommen, nämlich Pulli, Mützenkäppchenhaubendings, weiße Handschuhe und eine weiße Umhängetasche. Er ist jetzt etwa einen Meter größer und wird wahrscheinlich bis Montag durchgehend hibbeln wie ein Flipperball. Uniformen muss man ja mögen, mich rühren die immer irgendwie und Michel ist so stolz und sieht so groß aus, ich kann nicht anders als sogar diese Kopfbedeckung schick finden.

Pippi hat heute ihren „Russedress“ bekommen. Wir sind hier ja in der Nationalfeiertags-Hochburg und laut hier aufgewachsenen Menschen gehört dazu auch Russefest und auch „Rosaruss“ dazu. „Russ“ sind hier ja die Schulabgänger und dazu gehört (wie beim Abi nur schlimmer) hirnloses Besäufnis mit Scheiße bauen ordentlich feiern und über die Stränge schlagen. Aus mir völlig unerfindlichen Gründen saufen sich feiern die Jugendlichen *vor* den Prüfungen das Hirn weg mit Höhepunkt am 17. Mai. Die Uniform der Russer sind Latzhosen, farbcodiert nach Ausrichtung der Schullaufbahn. Irgendwie kommen auch Busse ins Spiel und ich möchte nicht, dass meine Kinder so alt werden, dass sie sich besaufen und dann Sex in Bäumen haben, weil das so eine Russ-Aufgabe ist (coronafreundlich bitte nur mit festem*r Partner*In). Meine Kinder sollen immer klein bleiben, bitte. Aber egal, das ist jedenfalls Russ und in Eidsvoll macht man auch Rosaruss für die Kinder, die dieses Jahr in die Schule kommen. Letztes Jahr wollte ich mich dem dieses Jahr noch entschieden widersetzen. So ein Schwachsinn, mit 5-Jährigen diese beknackte Besäufnis-Tradition nachzuahmen! Geht’s noch??? Das war ich letztes Jahr, als ich davon erfuhr. Heute hat Pippi ihre Russelue (eine Schirmmütze mit Bommel mit allem möglichen Quatsch dran gebunden) bekommen, vom Kindergarten, wir hatten ihr eine knallpinke Latzhose besorgt, im Kindergarten gab es Russefest (wegen Corona muss die Kindergartenübernachtung, die sie sonst gemacht haben, ausfallen) nach der normalen Kindergartenzeit und um sieben holten wir unsere völlig zerfeirten*, aufgekratzten Kinder ab, die mit Trillerpfeifen ihre letzten Kindergartenwochen einläuten und Kindergartenparolen grölen und die sind so süß dabei, dass all mein Widerstand einfach dahin schmilzt. Die beiden Erzieherinnen, die auch schon älter sind und jedes Jahr die Vorschulkinder begleiten, sind nicht umsonst die beliebtesten im ganzen Kindergarten und wenn dann Pippi und die anderen Kinder in ihren pinken Uniformen noch mal umdrehen um „Tante E.“** und H. noch mal zu drücken, dann müssen nicht nur die ein Tränchen aus dem Augenwinkel wischen.

Hachz. Sie werden wirklich sehr schnell groß.

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*Wenn alle 5 Kinder durcheinander wuseln und keines mehr auf Anhieb schafft, sich fehlerfrei zu bekleiden, aber auch keines merkt, dass es beispielsweise auf Socken rausläuft, muss es wohl ne gute Feier gewesen sein.

**Man muss nicht Tante E. sagen, man darf. E. war auch schon Tante E. für einige der Eltern, die jetzt ihre Kinder in dem Kindergarten haben. E. ist streng, gerecht, liebevoll und direkt und alle Kinder lieben sie (und fürchten sie gleichermaßen, da gibt’s nämlich auch mal ne deutliche Ansage. Ich glaube aber ja eh, dass die meisten Kinder viel besser mit Menschen mit deutlich lesbaren Reaktionen zurecht kommen als mit achtsamem, reflektierten Begleiten absolut jeder Gefühlsregung).

Tag 2118 – Und zurück.

Ich hab dann heute den Steg doch wieder einen Millimeter zurück platziert, weil mir der Klang nicht gefiel, der war nicht mehr so voll und warm und hatte was nasales. Jetzt glaube ich, einen guten Kompromiss gefunden zu haben, ich werde das aber weiter verfolgen. Kurzes Spielen ergab voll und warm auf den tieferen Seiten und einen klareren Ton (als vor den Umbauten) auf A und E. Und naja, als wär ich so gut, dass man das Maximum aus dem Instrument rausholen müsste, weil meine tausende Konzertbesucher*Innen sonst ihr Geld zurück fordern. Und ich hab dabei immerhin gelernt, welchen Effekt der Steg auf die Klangfarbe hat und welche Richtung was bewirkt. Ich habe ein paar Bogenübungen gemacht und es ist schon schön, etwas mehr Platz zum Streichen zu haben. Dritte Lage heute auch schon wieder besser als gestern.

Hach ja. Was war sonst? Nicht viel…

Wir haben, wie so Erwachsene, die ihr Leben im Griff haben, den Bezug der Matratze gewaschen und er ist tatsächlich wieder einigermaßen sauber geworden. Ein Hoch auf Dinge, die sich bei 60 Grad waschen lassen. Ein bisschen Angst hatte ich davor, den Bezug wieder auf die Matratze zu fummeln, das war aber überhaupt kein Problem.

Pippi und Michel waren auf je einem Geburtstag von Kindern aus ihren jeweiligen Kohorten. Während Pippi vollgefuttert mit Schokolade nach Hause kam, hatte Michel zu viel Spaß gehabt um zu essen und kam deshalb mit der Laune eines ausgehungerten Orks nach Hause. Wollte dann aber zum Abendessen nur Salat und einen Apfel – für ihn der Inbegriff gesunden Essens – wir sind also wieder in so einer Phase. Meist kommt ja kurz drauf eine Scheunendrescherphase und dann wächst das Kind wieder über Nacht aus der Hosengröße raus, aber ich finde, ein Kind darf durchaus ein paar mehr Reserven haben, als Michel das hat. Sonst weht der bei dem Wind hier noch irgendwann einfach davon. (Eine reellere Angst ist, dass ihn eine Magen-Darm-Grippe einfach aus den Latschen haut.)

Jetzt kam er soeben angetapst und legte sich zu uns ins Bett. Also auch so eine Phase ist immer noch/wieder. Mit Zähneknirschen und Bauchweh und es ist aber nichts. Sagt er. seufz.

Tag 2111 – Durchgepustet.

Wo sich ein Bollogg hinsetzt, wächst tausend Jahre kein Nattifftoffenmoos mehr.

Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär

Wir waren den halben Tag draußen, es war Sonnenschein bei 8 Grad versprochen, es kam die meiste Zeit bewölkter Himmel und irgendwelche Grad, die sich wegen eisigem Wind anfühlten wie -3. Brrrr. Es war voll (ein beliebtes Ausflugsziel für Familien), bumsvoll, um genau zu sein, aber dank des ständigen Windes kann sich da kein Aerosol irgendwo gehalten haben und abgeleckt haben wir niemanden. Da war auch ein ganz toller “Kletterpfad” für Kinder, über den sich eine kleine Prozession von Kindern schob (hangelte, balancierte, kletterte…), das war schon sehr schön. Michel hatte lange ein paar Baustellen, was Balance angeht, das hat sich aber offenbar inzwischen gegeben, das finde ich sehr erfreulich.

Vor lauter frischer Luft und Menschen in 3D möchte ich jetzt gerne ins Bett gehen, ganz sofort. Michel schläft schon, der war auch platt nach dem Ausflug.

Aber schön war’s. Nächstes Mal nur gerne in etwas wärmer.

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Vermelde: bei Pippi ist der erste bleibende Backenzahn durchgebrochen. Immerhin noch nicht alle vier, wie bei Michel, als ich dann auch mal bemerkte, dass da was im Gange war. Natürlich erklärt „wackeln die Zähne, wackelt die Seele“ vieles, Herr Rabe und ich haben auch generell viel Verständnis, dass es schwer ist, 5 3/4 und bald ein Schulkind zu sein, aber uffuffuff lass es einfach bald vorbei sein. Bitte.

Tag 2032 – Zuzweitzeit.

Michel hatte keine Lust auf Schwimmen, also fuhr ich mit Pippi alleine ins Schwimmbad. Und das war super. Ein Kind ist so viel weniger betreuungsintensiv als zwei! Pippi war natürlich bester Dinge und erzählte auch gleich der Frau an der Kasse, dass wir jetzt schwimmen gehen und aaaaaalle Sachen in der Tüte haben. Joa, alle, bis auf das Mäppchen mit den Geldkarten. Also ging ich noch mal zurück zum Auto, aber Pippi ist ja schon so groß, dass sie kurz allein warten kann. Dann labert sie eben die Kassenfrau voll. Ich guckte noch kurz bei den Badesachen, ich suche ja schon lange nach einem Sportbadeanzug und – kaufte spontan einen! Juhu. Dann gingen wir uns umziehen, Pippi konstant erzählend und duschen, Pippi weiter erzählend. In Norwegen ist es ja so, dass man vor dem Schwimmen nackt duscht, mit Einseifen und Haare waschen, und seien wir mal ehrlich – das macht auch viel mehr Sinn als was ich in meiner Kindheit gelernt und betrieben habe. Pippi wäscht inzwischen ganz selbst ihre Haare und auch den Körper recht ordentlich. Die Zwergmaus. Danach versuchten wir, unsere nassen Körper in trockene Badesachen zu zwängen, was etwas herausfordernd war. Und was Pippi natürlich kommentierte, sowie ungefähr alles, was an ihrem und meinem Körper unterschiedlich ist. Das ganze Schwimmbad weiß jetzt darüber Bescheid, was das genau ist.

Dann gingen wir ins Wasser und man soll ja seine Kinder nicht vergleichen. Ähäm.

Pippis Lieblingsspiel im tieferen Nichtschwimmerbecken ist, irgendwo hin zu tauchen oder mit Bienchen umgeschnallt ein paar Brustschwimmzüge zu machen. Oder an meinem Hals hängend durchs Wasser geschleppt werden. Ihr Lieblingsspiel im Kleinkinder-Plantschbecken ist, quietschend vor mir wegzurennen und „Kitzelmonster!“ zu schreien, damit ich sie kitzele. Oder irgendwo hin tauchen. Oder die putzigste „Kanonenkugel*“ aller Zeiten machen, die einfach gar nicht spritzt, weil sie so klein ist.

Am Schluss musste natürlich noch gerutscht werden, aber ich hatte keine Lust, also rutschte Pippi ganz allein. Ja, drei mal, laut quietschend, ganz allein die Treppe hoch und die große Rutsche runter.

Sie werden wirklich sehr schnell groß, die Kinder. Dieses hier kann schon fast schwimmen und ganz alleine rutschen.

Hach ja, das hat richtig Spaß gemacht, vor allem, seit Ewigkeiten mal wieder ein paar Stunden ganz allein mit Pippi zu haben, der großen kleinen Maus. Die ist genau so ne Wasserratte wie ich, glaube ich. Hach, hach.

(Danach gingen wir Tiefkühlpizza kaufen. Nach fast elf Monaten Pandemie bin ich soweit, dass ich im Onesie einkaufen gehe. Auf dem Band drei Tiefkühlpizzen, ein Sixpack Weihnachtsbier, drei Paprika und eine Gurke. Judgy Twittermenschen gonna hate this.)

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*Arschbombe

Tag 2005 – Schon wieder nix zu erzählen.

Lange geschlafen, gebadet, spazieren gegangen. Fast wie Wellness.

Länger mit meiner Mutter telefoniert, auch mal wieder sehr schön.

Mit Michel über einen Vorfall gestern Abend gesprochen. Leider ist er da nicht sonderlich zugänglich und will hauptsächlich, dass wir aufhören, darüber zu reden. Ich möchte, dass er versteht, dass schlechte Gefühle nicht weggehen, wenn man nicht darüber redet.

Ein paar Jahre haben wir noch für dieses „Erziehen“.

Die Kinder haben heute Wintersport betrieben, Michel war Schlittschuhlaufen mit seinem Kumpel, Pippi war Ski laufen (wohl im Schneckentempo, aber tjanun, man muss das eben auch lernen) mit Herrn Rabe. Leider nicht gleichzeitig, sonst wäre ich hier wohl jubelnd durchs Haus getanzt. Jetzt endlich haben wir ja sowohl Schnee als auch durchgehend Minusgrade, sodass der Bolzplatz an der Schule nun wieder eine Eisbahn ist. Es ist auch alles gleich viel freundlicher und heller und nicht mehr so grau.

Jetzt aber ab ins Bett, schon wieder so spät!

Tag 1992 – Meilensteine.

Michel kann jetzt Kaffee kochen. Also, nein, anders: Michel kann einen Kaffee Latte machen, an einer Siebträgermaschine und mit Dampfdüse ohne „Cappucinator“ und ohne Thermometer. Das macht er sogar freiwillig und bringt ihn uns ans Bett. „Davon habe ich nichts, Mama, nur glückliche Eltern.“ Ja, mein Spatz, überglückliche und vor Stolz platzende Eltern. Hachz hachz.

Wir haben die Kinderzimmer endlich, endlich so weit fertig. Und auch in unserem Arbeitszimmer ist wieder halbwegs Fußboden erkennbar. „Umziehen“ ohne Umziehen ist wie diese Schiebespielchen, wo man Plättchen mit nur einem freien Raum hin- und herschieben muss, bis sie ein Bild ergeben. Inklusive „ich hab mein Glas auf die Kommode gestellt – aber wo ist die Kommode hin?“. Uffz. Bilder morgen, heute war ich zu alle und die Kinder hatten auch schon ein Zimmer voll Lego gerödelt und in einem gebastelt. So wird das nix mit der Instagramability.

Ehrlich gesagt freue ich mich auf einen normalen Montag. Wir haben keinen Knoblauch mehr, nachdem die letzte Knolle zur Hälfte nicht mehr gut war – was wir an Heiligabend nachmittags bemerkten. Ich habe zwar auch zu morgen einen Einkauf bestellt, aber den Knoblauch vergessen. Gnah. Aber so habe ich eine Ausrede, wieso ich dringend das Haus verlassen und in den Ort gehen muss. Gehen, weil sich für eine Knoblauchknolle ja auch nicht lohnt, das Auto zu nehmen. Außerdem ist es eh sauglatt (morgen hoffentlich nicht mehr, es gab heute mehrere Unfälle in unserer Gegend und die Norweger*Innen sind ja Schnee, Schneematsch und Glätte eigentlich gewohnt). So.

Jetzt ab ins Bett, morgen geht ein Wecker, gegen die Versumpfung.

Tag 1973 – Schulung und Schule.

Ich hab heute wirklich viereckige Augen, nach sechs Stunden online-Seminar mit Teilnehmenden aus der ganzen Welt und danach noch „normaler“ Arbeit. An der Pandemie ist ja eines wirklich gut: ich muss nicht nach London fliegen, kann „dort“ aber an einem Kurs oder einem Symposium teilnehmen. Ich muss auch nicht nach Istanbul oder nach Helsinki fliegen, kann „dort“ aber an Seminaren teilnehmen. Wenn ich nicht wollen würde, könnte ich sogar in den Seminar-Workshops einfach rumsitzen und die anderen reden lassen, die Konvention, die Kamera bei Meetings mit Interaktion anzulassen ist ja eh offenbar noch nicht flächendeckend durchgesetzt (ich finde das furchtbar, mit blauen Kreisen mit Initialien drin zu sprechen, viel, viel furchtbarer als die occasional office cat oder hässliche Weihnachtsdeko im Hintergrund). Andererseits wäre ich heute eingeschlafen, wenn ich bei dem Workshop nicht aktiv teilgenommen hätte, also war ich halt… naja, sehr aktiv. Die Diskussion, die ich mir erhofft hatte, fand dann leider auch nur zwischen 3 von 8 Teilnehmenden statt. Formloser Austausch ist bei Webinaren also eher holprig.

Aber geschlaucht hat das trotzdem, auch ohne Reise.

Hier war heute übrigens der Nikolaus. Ich hatte ja gedacht, dass die Kinder das gar nicht auf dem Schirm haben, weil das in Norwegen gar keine Tradition hat, aber da hatte ich Michel mit seinem Elefantengedächtnis unterschätzt. Der fragte nämlich gestern morgen, wann denn der Nikolaus noch mal komme. Tja, äh. Mit Michel kann man ja ehrlich sein, also sagte ich, das Stiefel rausstellen haben wir, Papa und ich, vergessen, aber wir können das nachholen, wenn er möchte. Michel wollte, also tischten wir Pippi die Geschichte auf, dass der Nikolaus ja erst aus Deutschland zu uns reiten muss, das dauert eben. Michel will sowas ja auch immer gerne glauben, ist aber eigentlich zu abgeklärt. Für Pippi spielt er mit und fragt auch nicht nach. Er ist jetzt auch in dem Alter, in dem er noch gerne an den Weihnachtsmann glauben möchte, aber starke (berechtigte) Zweifel hat, und wir versuchen, ihm den Zauber zu bewahren und ihn nicht brutal zu desillusionieren, wenn er das will, und gleichzeitig möglichst ehrlich zu sein, wenn er das will und das ist ein ziemlicher Balanceakt.

Generell glaube ich ja, acht Jahre alt sein ist gar nicht mal so einfach.

Heute hat Michel auch sein „Zeugnis“ bekommen, also seine Halbjahresbeurteilung. Norwegische Kinder bekommen ja erst ab der 8. Klasse Noten*, bis dahin ist es eingeteilt in „kann“, „könnte besser können“ und „kann noch nicht“. Michel kann das allermeiste was er können soll, die 3er und 4er-Reihe muss er noch ein bisschen üben und seine Norwegischbewertung ist etwas lustig – er schreibt so gern so viel und so kreative Geschichten, dass dabei vor lauter Eifer seine Handschrift nachlässt und die Geschichten etwas konfus werden. „Er hat viel in seinem Kopf, das heraus will.“ Ja, das ist doch mal eine treffende Beschreibung.

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*und sitzen bleiben kann man gar nicht. Ist nicht möglich. Ich finde das bisher gut und besser als das deutsche Schulsystem, in dem in meiner Außenwahrnehmung super viel Druck schon auf recht kleinen Kindern lastet.

Tag 1970 – Bastelmaus und Pups.

Wir haben gestern erfahren, dass Michel seinen Kumpels deutsche Schimpfworte beibringt, zum großen Vergnügen aller Beteiligten. Es kam zur Enthüllung, weil Michel seinen Kumpel zwang „Experimentier-Adventskalender“ vorzulesen, was natürlich schon ein fieses Wort für norwegische Zungen ist. Fand auch der Kumpel und sagte dann „Du bist ein Pillemann!“ zu Michel. „Gnihihi“ sagte Michel, während mein Kopf noch verarbeitete, dass das norwegische Kind grad sowas wie deutsch gesprochen hatte. „DU BIST KLEIN!“ sagte der Kumpel und Michel lachte sich halb schlapp, das war offenbar ein gut eingeübtes Spiel. „DU BIST EIN KLEIN‘ PILLEMANN!“ rief der Kumpel. „DU BIST EIN PUPS!“ rief Michel, woraufhin der Kumpel fragen musste, was Pups ist.

Wir entlockten Michel dann noch, dass er auch mehreren Kindern in seiner Klasse diese Wörter beigebracht hat, und so unangenehm mir das ist, bin ich doch seltsam erleichtert, dass er nicht die viel gröberen Schimpfworte, die mir so entfleuchen, den neugierigen Drittklässlern beibringt. Wörter, die er anderen beigebracht hat:

  • Pillemann
  • Pups
  • Kack

(Vielleicht fange ich auch einfach an, andere Autofahrende als „klein‘ Pillemann“ zu bezeichnen, das ist viel netter, als mein in diesen Situationen bevorzugter Kraftausdruck.)

Pippi hingegen ist in einer hardcore Bastelphase. So ziemlich jeden Tag bekommen wir irgendwas aus dem Kindergarten mitgebracht, ein ausgemaltes Bild, ein komplett selbstgemaltes Bild von uns als Familie mit vielen Herzchen, Bilder von Häusern mit Herzchen, Bügelperlen-Herzchen, Ketten, Perlen, Armbänder, you name it. Das hier hat sie mir beim Kulturhjulet gemacht:

Mama ist sehr stolz.

Zusätzlich bastelt sie dauernd irgendwas zu Hause und kann sich stundenlang mit Wasserfarbe und ähnlichem beschäftigen. Das ist schon sehr schön und die Erzeugnisse sind auch sehr süß und gut beobachtet.

Pippi hilft aber auch gern zu Hause mit, hier zum Beispiel beim Meerschweinchen füttern:

Meistens sind die momentan beide zum Knutschen. Also außer, wenn sie sich drum bewerben, als erstes an der Tanke „vergessen“ zu werden. Dann nicht.

Mein Arbeitgeber kam gestern mit lauter guten Sachen um die Ecke, erst gab’s Frühstück an die Haustür geliefert, dann einen unverhofften kleinen Geldsegen und am Ende auch noch Blümkes „für den außerordentlichen Einsatz in einem speziellen Jahr“.

Das haben alle Angestellten bei uns bekommen, nicht dass Sie jetzt denken, ich wär da irgendwie besonders aufgefallen. Aber ich freue mich natürlich über die Anerkennung. 2020 war kacke, für uns alle, und ein Strauß Blumen ist da besser als alles, was sonst so seit März von der Leitung kam.

Tag 1920 – Nicht viel zu erzählen.

Es ist scheiße kalt hier im Norden. Ein Teil des Wochenendes wird wohl dafür genutzt werden, den Garten endgültig winterfest zu machen. Nachts friert es schon und abends frieren mir auf meinen Spaziergängen schon die Finger ab.

Dem Sorgenschwein geht es unverändert. Dass es nicht wieder schlimmer wird ist gut, dass es nicht ganz weg ist, ist aber erstmal nicht so gut. Ich beobachte das weiter kritisch.

Der Arbeitstag kam direkt aus der Hölle und am Ende schrieb ich eine Mail an vier verschiedene Empfänger*Innengruppen: drei mal „bitte beantwortet die in grün markierte Frage und schickt die Antwort an mich“ und ein Mal „Ich brauche Hilfe. Bitte schaut euch die in grün markierten Fragen an, ich setze ein Meeting auf, bis dahin mache ich mir selbst Gedanken, die dürft ihr im Meeting dann zerpflücken.“ Es steht übrigens sogar in der Compilation (der Inspektoren-Bibel), dass wir keine Consultantrolle einnehmen sollen, insofern frage ich mich ein wenig, wie man auf Mails von einer Firma (mit der wir ein gutes Verhältnis haben), in der literally 8 der schwierigsten Fragen, die mir bisher überhaupt so serviert wurden, stehen, reagieren soll. Soll ich antworten „stimmt, ist auch schwierig, weiß ich auch nicht“? Das wäre ehrlich. Aber wie gesagt, das war am Ende des Arbeitstages, meine Hilflosigkeit ist bisher nur intern geäußert worden und vorher hab ich lauter total kompetente Sachen gemacht.

Ok, da war die eine Sache, wo der Kollege und ich ne Falle in unserem Archiv gefunden haben, die dazu führt, dass man an Dateien nicht mehr ran kommt und panische emails mit „die Frist läuft heute (!!!) aus“ an die Archivare schreibt, damit die Schrödingers Datei, die gleichzeitig ausgecheckt ist und sich nicht wieder einchecken lässt, weil sie ja ausgecheckt ist, wieder befreien.

Abends habe ich extra lange mit den Kindern gekuschelt. Die kommen grade zu kurz und ich wird es ja. Ach, seufz. Michel hat abends viel zurück gesteckt, weil Pippi einfach lauter nörgelt, und meinte zu mir, als ich gesagt habe, dass das aber lieb sei (Pippi in seinem Bett schlafen zu lassen und auf das „mit Mamas Händen kuscheln“* zu verzichten) , dass man ja „ein bisschen nett sein muss“. Natürlich ist mir das lieber als das Dauergeschrei und -gestreite, aber es arbeitet sehr deutlich in ihm. Er kommt momentan auch wieder jede Nacht in unser Bett. Außerdem schiebt er sich am Tag gefühlte 10 Sandwiches rein, sonst isst er kaum was, aber Sandwiches, und momentan eben… viele davon. Wachstumsschub, ick hör dir trapsen, und den Entwicklungsschub auch.

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*er kuschelt dann eben mit meinen Füßen**

**der einzig machbare Kompromiss, da ich mich nicht zerhacken kann und die Kinder auf 1 m nicht nebeneinander schlafen können

Tag 1899 – Supereltern.

Pippi und ihre Kindergartenfreundin kamen gestern beim Abholen auf die Idee, dass die Kindergartenfreundin doch mit zu uns kommen könnte. Gleich sofort. Gleich sofort ging natürlich nicht, aber ich versprach den beiden, dass ich das mit der Mama von M. absprechen würde, ob M. morgen (also heute) mitkommen könnte. Konnte sie und deshalb holte ich heute zwei sehr sehr aufgeregte und jubelnde kleine Mädchen aus dem Kindergarten ab. Das war schon ziemlich niedlich, wie die zwei wie die Königinnen zum Tor stolzierten, und ich wie der Hofnarr mit 1000 Dingen beladen* hinterdrein.

Zu Hause angekommen war kurz alles sehr aufregend und ich erlaubte zur allgemeinen Beruhigung eine Folge iPad (Mia and Me). Dann musste Pippi ihrer Freundin unbedingt die Badewanne zeigen, und sie standen beide mit Hundeblick in der Küche, ob sie baden könnten? Biiittäääää? Äh, ja, ok, grad mit M.s Mutter abgeklärt und dann hatte Herr Rabe die zwei schon in die Badewanne gesteckt. Ich hörte sie oben plantschen („Uiiiii guck wie dreckig das Wasser ist!“) und machte unten Kaffee, das war schon sehr Bullerbü-mäßig. Also mein Bullerbü. Meine ganz persönliche Familienidylle. Herr Rabe wusch den Mädchen die Haare und sie durften selbst ausspülen durch Untertauchen. M. kann sehr lange die Luft anhalten. Beunruhigend lange. Dann rissen beide Mädchen gackernd die Köpfe hoch, sprotzten mit den nassen Haaren das ganze Bad voll und das war auch alles immer noch sehr idyllig. Ich wollte dann eigentlich M. beim Abtrocknen und Anziehen und Föhnen der polangen Haare helfen, aber dieses Kind kann alles selbst. Und macht das auch! Meine Kinder können das ja durchaus auch, aber Mamas oder Papas Hilfe ist trotzdem mehr als willkommen. M. kämmte ihre Haare, trocknete sich ab, zog sich an, föhnte (eher halbherzig, aber verständlich, bei so langen Haaren) und machte sich zum Schluss sogar noch zwei Zöpfe. Mit noch nicht mal fünf Jahren. Faszinierend.

Danach gab es Essen, in der etwas untypischen Reihenfolge erst Kuchen, dann direkt Pizza, was bei meinen Kindern eher schlecht als recht funktioniert (im Sinne, dass sie sich nicht nur Kuchen reindrücken, bis sie platzen) aber M. schob sich etwa eine halbe Pizza rein, davor und danach Kuchen, dazu 2 Gläser Milch und hätte dann auch noch Eis gegessen, aber da schickte ich die Mädels erst mal raus aufs Trampolin, ein bisschen von dem Zuckerrausch raushüpfen. Da hüpften sie dann mit ihren wippenden Zöpfchen laut johlend und es war immer noch alles sehr Bullerbü.

Mit ein wenig Zwang spielte Michel auch noch seine fünf Minuten Kornett und lachte mich aus, weil ich da nur klägliche Töne rausbekomme. Michel muss jetzt immer C-D-C-D spielen, aber irgendwie ändert sich der Ton nur minimal, wenn er die Ventile drückt und ich fragte ihn irgendwann, ob er da überhaupt einen Unterschied hört. „NEIN!“ motzte er mich an. „NUR DER EINE IST DU KLER UND DER ANDERE HELLER!“ Ach so, ja, also doch ein Unterschied. Da lässt sich ja mit arbeiten.

Als M. abgeholt wurde gab es noch dicke Umarmungen und das versprochene Eis und dann hatten wir alle den Spielbesuch mit Bravour bestanden, finde ich. Fand Pippi auch. M. darf gern öfter kommen.

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*freitags ist der einzige Tag, an dem wir Eltern in den Kindergarten dürfen. Und das auch nur, um Klamotten, Schuhe, Regensachen und solche Dinge zu checken und gegebenenfalls mitzunehmen, zu waschen und montags wieder in das schwarze Loch Kindergarten abzuliefern. Es ist manchmal etwas faszinierend, was man da freitags alles findet. Und dann noch von zwei Kindern! Ein Abenteuer.