Tag 1132 – Warum?

Wir haben heute wegen des kranken Michels ein bisschen jonglieren müssen. Natürlich hätte ich Michel auch mitnehmen können, um Pippi in den Kindergarten zu bringen und sie wieder abzuholen, aber ich hatte heute auch einen lang angesetzten Arzttermin und Elterngespräch in Michels Schule. Also blieb Herr Rabe zu Hause und machte Home Office* und sprang für meine außerhäusigen Termine mit der Kinderbetreuung ein.

Erstmal: so große Kinder sind ja schon ganz praktisch, wenn sie „nur“ verrotzt sind, „tote Brakterien im Mund“ haben, ein ganz bisschen fiebrig sind und gerne Hörspiele hören (und noch lieber Grizzy und die Lemminge schauen). Ab und zu mal neuen Tee gereicht, einen Apfel geschnitten, ein Brot geschmiert, ansonsten ist es sehr wartungsarm geworden, das Kind.

Dann: der Arzttermin. Bei einer Ärztin, die nicht meine Hausärztin ist, sondern eine Vertretung, weil meine Hausärztin in Elternzeit ist. Tjanun. Der Termin war ziemlich skurril, angefangen von der Zeit im Wartezimmer, in der plötzlich vier Polizistinnen und Polizisten hereinkamen, ganz kurz mit der Empfangsdame schnackten und dann recht zügig in den Behandlungsbereich gingen, bis zum Gespräch mit der Ärztin: „Warum sind Sie hier?“ – „Weil ich eine Schilddrüsenüberfunktion habe.“ – „Aha. Warum?“. Jaaaahahahaha, Moment ich frag grad mal kurz… Hallo Schilddrüse? WARUM, SCHILDDRÜSE? Warum diese Scheiße, echt mal, was hab ich dir denn getan? Oh, echt, meinst das war zu viel Stress? Mit Schwangerschaften hin und her und dann Umzug nach Norwegen, PhD-Scheiß, Mann-arbeitslos-Scheiß**, hab ich die Schwangerschaften erwähnt? Ok, sehe ich ein. … Die Schilddrüse sagt, sie sei anfällig für Stress.

Das hab ich natürlich nicht so gesagt. Und nach einem Blick in meine Patientenakte*** war ihr dann auch vieles klarer und sie schickte mich zum Blut abnehmen. Vorher fragte sie aber noch mal nach der aktuellen Krankschreibung und… stellte ganz unauffällig mit der Frage gleich eine Packung Kleenex auf den Tisch. Da hab ich wohl nen Heulsusen-Vermerk in der Akte seit letzter Woche. Hupsi.

Als ich ging lungerten die Polizistinnen und Polizisten noch in der Praxis herum, sahen aber sehr entspannt aus.

Ach ja: beste Blutabnahme. Kaum was gemerkt, nix zu sehen. Hab ich der Laborantin gleich gesagt, dass sie das sehr gut mache. Sie war sehr geschmeichelt und verwundert, dass wer das gleich beim Stechen bemerkt.

Das Elterngespräch war sehr viel weniger skurril. Höchstens, dass ich wohl Michel sehr ähnlich sehe (ich sehe das gar nicht, wirklich nicht, er sieht halt aus wie er…) und dass er sehr gut konzentriert und fokussiert arbeiten könne, das verwundert mich bei meinem Ich-springe-bei-10-Minuten-Hausaufgaben-drei-mal-auf-und-mache-irgendwas-Kind dann doch etwas. Aber in der Schule ist er wohl nicht so. Alles andere war wenig überraschend, Michel ist ein tolles Kind, das die anderen Kinder mit enthusiastischen Vorträgen über Dinosaurier unterhält, am liebsten mit seinem Kumpel J.-Michel spielt, aber alle mitspielen lässt, die ordentlichste Schrift hat er nicht, er erzählt lieber, was er alles basteln möchte, als das dann wirklich umzusetzen****, er redet gut und ein bisschen Trøndersk und manchmal sagt er auch, was Worte auf Deutsch heißen, wenn er das lustig findet. Seine Klassenlehrerin***** ist jedenfalls mit ihm zufrieden.

Ansonsten heute Kinderzimmer und Loft aufgeräumt und gesaugt und mir bei irgendwas anderem, nichtigen, meine Schulter so arg verrenkt, dass ich seit Stunden mit Wärmekissen im Nacken auf verschiedenen Polstermöbeln liege um den Schmerz unter Kontrolle zu kriegen, der um den Kopf rum bis zur Nase zieht. Super.

Mal sehen, ob Michel morgen wieder zur Schule kann, Herr Rabe geht jedenfalls wieder arbeiten.

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*Herr Rabe arbeitet: mit vielen Leuten auf Englisch telefonieren, dazwischen Sachen in seinen Computer tippen. Endlich weiß ich das.

**Das war vor der Blog-Zeit, als wir nach Norwegen gezogen waren. Erst war Herr Rabe noch in Elternzeit und dann ein paar Monate arbeitslos. Und wir hatten nur mein Doktorandinnengehalt. Uffz. Das war nicht schön.

***Die habe ich extra komplett überführen lassen, nicht nur das sogenannte Kern-Journal. Ich hab aber nie eine Rechnung über das Überführen bekommen. Hmm.

****Hahaha, mein Kind. Die Lehrerin hat aber notiert, dass ich finde, dass er sehr kreativ im Erfinden von Sachen und Geschichten ist und dass er Erfinder****** werden will

*****Eine von zweien

******besser als Wissenschaftler! Erfinder finde ich eine gute Berufswahl.

Tag 910 – Ausgelaugt.

Der Tag war so mittelgut, aber dann telefonierte ich fast anderthalb Stunden mit… jemandem und jetzt muss ich ganz dringend ins Bett und hundert Jahre schlafen. Mindestens.

Weil es nötig ist: ich möchte hier keine Gesundheitstipps geben, aus ganz vielen Gründen. Ich bin total für Vertrauen in Ärzt*Innen. Ich bin total gegen Google als Informationsquelle für „mündige“ (muhahaha, was ein Euphemismus in dem Zusammenhang) Patient*Innen. Ich führte das auch schon mal aus. Und weil ich wirklich, wirklich keine Tipps hier haben möchte, werde ich Kommentare, die solche beinhalten, in Zukunft löschen oder nicht mehr freischalten.

Eine Kommentatorin hat dazu schlaue Dinge gesagt, was man machen kann kurz bevor man bei der Google Suche „linkes Nasenloch juckt Krebs“ auf Enter drückt.

Richtiger wäre der Ansatz (für eventuelle Betroffene): Schämt euch nicht mit Symptomen zum Arzt zu gehen, die euch nur „komisch“ vorkommen. Man darf zum Arzt weil man müde ist. Man darf zum Arzt weil man traurig ist. Man darf zum Arzt, weil man nicht versteht warum der Körper das ein oder andere macht. Viele Leute machen den Fehler, nur dann zum Arzt zu gehen, wenn sie bereits eine mehr oder weniger genaue Vorstellung haben, worunter sie leiden. Aber man darf auch eine Praxis betreten, wenn man sich einfach nur unsicher ist.

Und damit wäre auch alles gesagt.

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Auto-Lobhudelei: ich habe heute mit dem Restaurant gesprochen, bei dem ich das Defense-Dinner haben möchte (das hatte ich… hmmm, prokrastiniert ist das falsche Wort, vermieden zu tun), habe bei der Preisangabe pP keinen Herzinfarkt erlitten, werde trotz des wirklich nicht unsaftigen Preises das Rundum-Sorglos-Paket nehmen und damit meinen Geiz überwinden (nur über die Weinmenge muss ich mir noch Gedanken machen) und dann hab ich ja auch noch dieses Telefonat getätigt.

Tag 909 – Auto-Lobhudelei Deluxe.

Nun, es ist ja so:

Ich bin krank. Es ist nicht meine Schuld, es ist auch nicht der Ärztin schuld, aber im Moment geht es mir körperlich nicht gut. Und das jetzt einfach mal so sein zu lassen, und mich so sein zu lassen, das ist mein fester Entschluss und gleichzeitig meine Challenge. Ich bin da nicht gut drin, meine Schwächen anzunehmen. Ich finde mich in gertenschlank schöner als nicht und kann absolut nicht fassen, wie man innerhalb einer einzigen Woche so zulegen kann. Ich hoffe noch auf Wasser oder Verstopfung oder irgendwas, was auch genauso schnell wieder verschwindet. Aber ich versuche, nicht zu hadern. Ich versuche, nicht damit zu hadern, dass ich extremst müde und antriebslos herumhänge und klopfe mir für die Kleinigkeiten, die ich schaffe, auf die Schultern. (Ein dicker Schulterklopfer fürs Schulterklopfen!) Heute habe ich 50 Minuten Sport gemacht, davon 20 Minuten HIIT und 30 Minuten „alle Muskeln fallen ab“-Pilates. Ich habe ein Brot gebacken und ein Kleid genäht. Ich könnte jetzt auch alles aufzählen, was ich machen wollte, aber dann nicht geschafft hab, weil mir beim Öffnen der CV-Datei schon die Tränen kommen und ich einfach so hundemüde bin, ich niemanden anrufen mag, eigentlich möchte ich mit niemandem reden – aber das bringt ja nix. Die Selbstdisziplin lässt mich eben noch Dinge tun, es ist nicht so viel und manch einer, inklusive mir selbst, mag es lächerlich wenig vorkommen, aber: ich bin krank. Es wird weggehen. Bis dahin ist es eben so und alles was noch geht ist gut. Das muss ich jetzt nur noch selbst glauben, aber vielleicht hilft es ja, das aufzuschreiben.

(Und die optischen 5 Kilo Bauchspeck, die gehen sicher wieder weg. Und auch die Defense-Präsentation werde ich irgendwann machen können, ohne dass die Diss mich so anpiekt, das nichts mehr geht. Es wird irgendwie werden.)

Tag 908 – #WmDedgT im Februar ‘18.

Es ist wieder der 5. des Monats und das heißt, dass Frau Brüllen von uns wissen möchte: Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Nun, ich habe heute extra viel gemacht tatsächlich ein bisschen was getan. Das liegt zum Teil daran, dass Montag ist: Montags haben wir Institutsmeeting und da das mit „die Putzhilfe kommt“ zusammenfällt, nehme ich das als willkommenen Anlass um das Haus zu verlassen. Ich stehe also heute fast zeitnah nach dem Weckerklingeln auf und schlurfe ins Bad. Da ziehe ich meine Sportsachen an und schlurfe ins Wohnzimmer und starte den 6. Tag meines Sportprogramms – heute war „nur“ Yoga dran, eigentlich wäre sogar ganz Pause gewesen, aber ich wollte heute den gestrigen (auch schon optionalen) Tag nachholen. Gesagt, getan, 35 Minuten Yoga vorm ersten Kaffee. Dann Dusche mit Haare nach-blauen. Als ich aus der Dusche komme, kommt Herr Rabe mit Kaffee rein. Eincremen (meine Winterhaut an den Beinen und Armen saugt jegliche Creme auf wie ein Schwamm) und Anziehen. Haare föhnen. Irritiert bin ich kurz beim Hören der Nachrichten – äh, hups, schon acht?!? Ja, schon zehn nach acht sogar. 10 Minuten zum Schminken. Awesome. Sparversion geschminkt. Concealer vergessen, fällt mir aber erst viel zu spät auf und dann denke ich, ach, scheiß drauf, Yoga und der viele Schlaf, den ich, wenn auch nicht ganz freiwillig, grade kriege, werdens schon richten. Mit dem Ergebnis nach exakt 10 Minuten recht zufrieden packe ich meinen Kram in meinen Rucksack, Tuppere mir eine Waffel von gestern als Frühstück ein, mache fix alle Betten, hänge meine Unterwäsche ab und sortiere sie in den Kleiderschrank und laufe dann in den Flur, werfe mich in meine Schuhe und JackeMützeSchalHandschuhe, rufe noch schnell „Tschüss ihr Süßen, viel Spaß im Kindergarten!“ in die Wohnung, nehme den Müll mit und laufe dann die Treppen runter. Werfe den Müll unten in die Tonne und checke die Bus-App: ich habe drei Minuten um zur eine Minute entfernten Bushaltestelle zu kommen. Sollte klappen, denke ich beruhigt, da sehe ich den Bus an der Ampel stehen. Ich renne los und der Busfahrer hält (vermutlich wissend, dass er ZU FRÜH ist) länger an der Haltestelle, sodass ich noch einsteigen kann. Ich japse nicht, weil mein unterfunktionierender Stoffwechsel eh macht, dass ich nur einmal in fünf Minuten atmen muss. Im Bus checke ich das Verzeichnis der in Norwegen zugelassenen Arzneimittel nach einem bestimmten Wirkstoff und finde nichts, was mich sehr ärgert. Vielleicht schreibe ich noch mal drüber. 15 Minuten später steige ich bei der Arbeit wieder aus dem Bus und hole mir einen Kaffee, dabei vergesse ich, dass ich extra meine Thermotasse eingepackt habe.

Bei der Arbeit: Meeting. Ist langweilig. Dann schreibe ich eine Bewerbung an das norwegische Patentamt, mir wachsen spontan Ärmelschoner. Ich trage die neue Bewerbung beim NAV ein (dazu muss ich auch nochmal was schreiben) und probiere dann aus, ob ich wieder drucken kann (ja) und ob das PDF mit dem einen Schnittmuster weiterhin nur weiße Seiten enthält (ja). Zwischendurch trudelt eine Mail ein, von drei italienischen PhD-Studenten aus unserer Gruppe, die ein PhD-Forum organisieren möchten. Das ist ja sehr gut und löblich, ich bekömmlich mich auch nur kurz über die Verwechslung von „purpose“ (Absicht, Zweck) mit „porpoise“ (Tümmler, also diese Delphin-ähnlichen Meeressäuger) und versuche dann pflichtbewusst mich in die Doodle-Liste zur Terminfindung einzutragen. Leider lässt Doodle meinen Browser immer wieder abstürzen und so gebe ich es irgendwann auf und schreibe den Initiatoren, dass sie mich einfach auf der Mailingliste lassen sollen, auch wenn ich nicht im Doodle stehe.

Als meine Kollegin kommt und mich zum Mittagessen abholt, fahre ich direkt meinen Computer runter und nehme meine Sachen mit. Vortrag mache ich heute eh nicht mehr.

Mittagessen mit Kolleg*Innen. Es gibt Bohneneintopf mit Hack und Tomate, manche nennen es Chili, aber Chili ist ja normalerweise scharf. Ich esse eh die Wurzelgemüsesuppe, nachdem ich ein paar mal darauf hingewiesen habe, dass sie mir bitte keinen Bacon auf die (ansonsten vegetarische) Suppe tun, haben sie das inzwischen kapiert und meine Kollegen schauen nur mittelmäßig mitleidig, weil die Kantinenmenschen bei mir ja offenbar den Bacon vergessen haben. Nach dem Essen holen wir noch einen Kaffee, den dann meine zwei deutschen Kolleginnen und ich gemeinsam trinken und derweil über Quotenfrauen (die zwei sind etwas älter als ich und aus der ehemaligen DDR, das ist echt interessant, wie unterschiedlich wir sozialisiert wurden) und den Wissenschaftsbetrieb reden. Als der Kaffee grade leer ist, sehe ich in der App, dass in drei Minuten ein Bus geht und mache mich auf – und erreiche den Bus wieder nur durch rennen. Vielleicht geht die App nach.

Zu Hause ist alles blitzsauber. Ich hole meine Nähmaschine vom Schrank und nähe den Pullover für meinen Bruder fertig. Dabei höre ich die letzte Folge vom Lila Podcast, in der die ehemalige Prostituierte Ilan Stephani über ihr Buch und ihre Erfahrungen in und mit der Prostitution spricht. Ich schwanke zwischen „Jajajaja!“ und „Oh Mann, was für ein Eso-Geseier.“ wie noch nie bei diesem Podcast. Nach dem Hören denke ich: Vermutlich ein richtig gutes Buch mit vielen schlauen Standpunkten und Denkanstößen, wenn man das Eso-Geseier überliest. Perfekt pünktlich bin ich mit dem Pullover fertig, stecke ihn in die Waschmaschine um die Stoffstiftmarkierungen zu entfernen und gehe los zum Kindergarten. Ich nehme den Kinderwagen (und den Plastikmüll) mit, stopfe den Müll auf dem Weg in den entsprechenden Container und bin um kurz nach vier an der KiTa.

Da erwarten mich zwei schlecht gelaunte Kinder. Michel hat keine Lust zu Laufen. Pippi hat Hunger. Ich muss beide in ihre Draußensachen quatschen, während beide weinen und sich wehren. Mein Energielevel fühlt sich an, als hätte jemand einen Strohhalm reingesteckt und würde kräftig dran saugen. Pippi ist immerhin zu besänftigen, indem sie die Reste aus ihrer Brotdose isst, Michel… nicht so. Mit ihm an der Hand und ihn mit Motivationssprüchen antreibend schiebe ich Pippi nach Hause. Müde. Ich bin so müde. Pippi auch, fünf Meter vor der Haustür schläft sie ein. Ich packe alle losen Handschuhe und Brotdosen in die Kinderrucksäcke, hänge mir die über den Arm und schleppe dann Pippi die Treppe hoch. Die schläft wie ein Stein. Ich schaffe es irgendwie, mir die Schuhe aufzufummeln und lege Pippi aufs Sofa. Ziehe ihr die Schuhe aus und mache den Anzug auf: gut, dass die noch in diese Babygröße passt, wo man den Anzug an beiden Seiten bis fast zum Fußgelenk aufmachen kann. Ich ziehe mich aus und verteile den Kinderkram: die nassen Handschuhe und Michels nasse Schuhe und seinen Anzug zum Trocknen ins Bad, die Brotdosen in die Küche, die Wasserflaschen ausleeren, gleich ein paar neue Ersatzsocken für Michel in seinen Rucksack, die nassen Socken in die Wäsche, die Tüte in der die nassen Socken waren in den Müll. Michel macht sich derweil selbst ein Brot. Er möchte noch Pizza, die mache ich ihm warm und dann stelle ich nochmal die Kaffeemaschine an. Bevor ich mir Kaffee machen kann, ist Michel jedoch mit der Pizza fertig und möchte Dinozug sehen. Gut, ich mache Dinozug an und dann mir einen Kaffee. Derweil unterhalte ich Little B. ein wenig mit Disney-gifs. Ich trinke meinen Kaffee und lasse zugunsten dieser Akku-Auffüllung Michel noch eine Folge Dinozug sehen. Nebenher starte ich ein längst überfälliges Backup an meinem Computer. Herr Rabe kommt nach Hause, er weckt Pippi, wir essen auch noch etwas Pizza, ich rufe meinen Schwiegervater an und bitte ihn darum, das bei Burda bestellte Schnittmuster, das die Tage bei ihm eintrudeln sollte, direkt an mich weiterzuschicken. Ich drucke zwei Schnittmuster aus. Dann mache ich Pippi bettfertig, die trotz Schläfchen noch müde und ungehalten ist und dann beginnt eine kleine Odyssee, das müde-doch-nicht-müde Kind ins Bett zu kriegen. Herr Rabe muss irgendwann los zum Sport und jetzt liegt also Michel bei Pippi im Kinderbett und beide schlafen, das ist ja das Wichtigste.

Als ich meine müden Knochen wieder aufraffen kann, falte ich mich aus dem Kinderschlafzimmer, trinke ein riesiges Glas Wasser, nehme meine Schilddrüsenblockerabenddosis, hänge die Wäsche auf, kopiere ein paar größere Daten vom Computer auf die externe Festplatte und starte dann ein Update. Als Tagesabschluss setze ich mich mit drei Lakritzschnecken, zwei Wärmekissen und der im Rucksack vergessenen Frühstückswaffel (immer kalt, niemals hungrig – Drecksschilddrüse) aufs Sofa und verblogge den Tag.

Morgen gehts hoffentlich zur Post.

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Auto-Lobhudelei: recht viel weggeschafft, dabei die Nerven behalten, trotz echt meckeriger Kinder und nicht eingeschlafen.

Tag 890 – Kurze Schnipsel.

Schon spät und ich fühle mich tatsächlich schon müde (Tadaaaaa, Fanfaren und so!), deshalb heut nur Halbgares.

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Habe mir – aus Gründen – heute viele Gedanken zum Sport gemacht. Morgen gehe ich Ski fahren (Langlauf). Zusammenhang nicht ausgeschlossen und demnächst vielleicht mehr.

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Bei der Endokrinologischen Poliklinik gewesen. Kurz gesagt: die Medikamente schlagen an, aber dieses Mal wirken sie schon nicht mehr sooooo durchschlagend wie bei der ersten Runde. Auch deshalb wird auf jeden Fall kein drittes Mal damit behandelt. Ich soll mir Gedanken über eine „endgültige Therapie“ machen – also Entfernung der Schilddrüse. Außerdem habe ich eine Überweisung zur Augen-Poliklinik bekommen um abchecken zu lassen, weshalb ich auf Selfies ein Auge mehr offen hab als das andere, im Spiegel aber nicht. Insgesamt ein erfolgreicher Termin, denn mir klang noch die Aussage meiner Freundin in den Ohren (hat auch Graves): „Mir hat der Arzt in der Poliklinik gesagt, das kann oft wiederkommen, aber am Ende wird man gesund.“. Ich finde die bloße Vorstellung, die nächsten ~15 Jahre im 3-Jahres-Rhythmus Rückfälle zu haben, Monatelang am Rad zu Drehen, mit dem Gewicht Achterbahn zu fahren und immer die Angst, dass die Aufen betroffen werden könnten, total gruselig. Endgültige Therapie (mein Hirn will immer Endlösung draus machen, MACH DAS NICHT, HIRN!) klingt zwar auch nicht schön, aber allemal besser als das. Hmmhmm.

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Datum für die Defense steht fest: 22.06. Badumm, Tsss.

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Traf einen Kollegen und verquatschte mich im Flur: selbst als Post-doc hat er nicht mehr so richtig Bock auf Science. Unsere Arbeitsgruppe scheint Leuten die Lust an Wissenschaft zu rauben. Tjanun. Ich bin da raus. Selbiger Post-doc sagte übrigens, dass die Defense bei uns nicht mehr als sechs Monate nach der Abgabe SEIN DARF. Schön.

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Ich mag keine Anrufbeantworter und welche, die die Zeit zum draufsprechen auf 30 Sekunden begrenzen, erst recht nicht. Peinliche Nachricht hinterlassen: ohne Name (glaube ich) und mit vielleicht nur halber Telefonnummer wegen Zeit. Und dabei hatte ich wirklich nicht viel gesagt. Hrmpf.

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Auf dem Weg vom Kindergarten nach Hause unseren Fahrradanhänger gefunden. Hingeworfen in eine Ecke. Weil es schon dunkel war, fand ich den Schiebebügel nicht, ansonsten ist das Ding aber im gleichen Zustand wie am Sonntag. Und soll ich Ihnen mal was sagen: diese Achtlosigkeit ärgert mich fast noch mehr als hätte ich demnächst ne finanziell schlecht gestellte Person damit ihre Kinder rumfahren sehen. Nicht fast. Es ärgert mich noch mehr, denn es ist rücksichtslos und gedankenlos und zeigt meinem Wertesystem den Stinkefinger.

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Genäht. Ich glaube, nachdem ich noch fünf Stellen nachgebessert hab, ist der eine Pulli endlich wirklich fertig.

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PMS heute deutlich besser. Hurra!

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Muss Schluss machen. „Mama? Banane. Ginkem.“

Tag 872 – Nur nicht stressen lassen.

Hui, sobald ich ein bisschen Druck habe, ist das Zittern wieder da. Das merkte ich heute, als ich nach zwei erfolglosen Versuchen nur noch dreißig Minuten Zeit hatte, um eine Foundation-Probe (wegen der Haut, ich kaufe sicher nicht eine Flasche für 50€, die ich dann nicht vertrage!) und Espressobohnen zu ergattern, in einem riesigen Einkaufszentrum und mit der langsam-quatschig-sturen Pippi im Schlepptau. Ächz. Hat aber geklappt, ich habe jetzt Foundation hier, die für ein-zweimal Schminken reichen müsste und Espressobohnen haben wir auch. Hurra. Und zur Erheiterung noch die Geschichte, wie ich versehentlich, zum ersten Mal seit meiner Teenie-Mutproben-Zeit, etwas stahl.

Es war einmal eine zittrige Frau in einem Laden voller Schminke. Mit dabei: eine aufgekratzte Zweieinhalbjährige. Die Frau will eine, oder vielleicht zwei, Proben einer bestimmten Foundation. Sie ist sich wegen der Farbe nicht sicher, deshalb vielleicht zwei. Die Frau steht sich vor dem Aufsteller die Beine in den Bauch. Der ganze Laden wird von einer Dame betreut, die für Kasse und Beratung zuständig ist, das ist Käse, die arme Frau rotiert ziemlich, an der Kasse stehen vier Kundinnen an und drei diffundieren durch den Laden. Die zittrige Frau steht demonstrativ und „Ich weiß genau, was ich will!“ Ausstrahlend an dem Aufsteller. Die Ladenfrau aber rotiert. Die zittrige Frau sieht sich in Aufsteller-Nähe um. Sie sieht einen Schminkpinsel, der sie interessiert, zieht die Handschuhe aus und befühlt den Pinsel, entscheidet sich dafür, ihn zu kaufen, er wandert mit den Handschuhen in die linke Hand. Ihr Kind sortiert die Nagellacke im Aufsteller um. Die Ladenfrau rotiert weiter. Es gibt einen Tisch mit reduziertem Kram, unter anderem gibt es Peelinghandschuhe für 29 Kronen, hihi, genauso pink wie die Handschuhe der Frau. Gerade als sie eine Packung ergreift kommt die Ladenfrau. „Wie kann ich Ihnen helfen?“ – „Ich habe diese Foundation empfohlen bekommen, weiß aber nicht so genau ob 005 oder 010 besser ist, außerdem vertrage ich Schminke nicht so gut und muss das mal im ganzen Gesicht ausprobieren, können Sie mir eine größere Probe mitgeben?“ – „Ähhhm, von der haben wir 005 nicht da, nur 10, das ist aber fast leer, da kann ich Ihnen keine Probe von machen. Sie können hier das andere von der gleichen Marke probieren [eine Stick-foundation, also eine ganz andere Art von Make-Up, anm. d. Red.], das ist auch 005, das müsste ja vielleicht passen?“ – „Ja, nee, dann, äh, halt nicht…“ – „Fragen Sie mal unten bei der anderen Kette, vielleicht haben die noch was, ich muss wieder an die Kasse.“ – „Ok, dann mache ich das. Pippi, nicht den Nagellack anlecken. Nein, das ist nicht Mamma sin. Komm, wir gehen unten zu der anderen Kette.“

Sprach’s und verließ den Laden, in der Hand noch den Pinsel und die Handschuhe. Bemerkte es auch erst im übernächsten Laden – da hatte der bestohlene schon geschlossen.

Tag 856 – Ach, ach, ach.

Mein Tag in Abrissen:

  • Aufgestanden nach dreieinhalb Stunden Schlaf, mit Kopfschmerzen ähnlich wie Kater.
  • Schmink, Anzieh, Pack, Auscheck, Frühstück mit Businesskaspern, morgens um vor sechs am Flughafen halt. Nicht meine Zeit, ich kann da auch noch nix richtiges essen.
  • Hurra, Pressbyrån verkauft auch um sechs Uhr morgens schon Ibuprofen.
  • Lange Schlange an der Sicherheitskontrolle. Sehr lange. Trotzdem entspannt geblieben.
  • Mit frischem Kaffee ins Flugzeug. Zu dösen versucht. Nix.
  • Mein Herz, wie auch schon gestern Nacht, versucht mir aus dem Hals zu hüpfen.
  • Gerädert in Frankfurt angekommen. Ohne über Los zu gehen direkt zum neuen Gate. Mit Last Call das Gate erreicht.
  • Hops nach Stuttgart.
  • Glanzleistung des Tages: Ich erblicke einen Menschen, der auf jemanden zugeht, der ein Schild mit „MPI XXX“ in der Hand hält. Mein Gehirn ist aus und ich renne auf den Menschen zu „Hallo, ich muss genau da* auch hin, können Sie mich vielleicht mitnehmen?“ und dann sage ich das nochmal auf Englisch, denn der Mensch ist Franzose und kann kein Deutsch.
  • Ich und der französische Professor werden vom Privattaxi nach XXX gefahren.
  • Im Taxi nehme ich endlich den Beta-Blocker. So sollte die maximale Wirkung zu Anfang des Gesprächs da sein. Kann ich gut gebrauchen, ich bin so aufgeregt, dass mir schlecht wird. Meine Hände zittern, das Herz hopst. Dazu Kopfschmerzen. Mir geht es eigentlich echt nicht gut.
  • Ich bin 30 Minuten zu früh (dank Taxi) und fixe Make-up, Deo und Schuhe im Klo. Außerdem esse ich den Lufthansa Frühstücks-Cookie.
  • Gespräch.
  • Oh damn.
  • Mir geht es nicht gut, ich bin hypernervös, wirke unerfahren, unsicher, vielleicht fahrig, bin ich ja auch.
  • Gefühlt rede ich mich um Kopf und Kragen.
  • Nach der zweiten Gesprächsrunde möchte ich mich unterm Tisch verstecken. Meine Hände zittern jetzt wie bei ner Parkinson-Patientin.
  • Dritte Runde: HR-Dame. Das war schön. Ich bin vermutlich zu offen, aber schlimmer kann ich’s echt nicht mehr machen.
  • Es ist vorbei. Ich hole meine Sachen. Ich vermeide, mir im Gesicht rumzufummeln, weil ich merke, wie ich zittere und jeder wird es sehen, wenn ich meine Hände nicht verstecke.
  • Damn, jetzt merke ich auch die Migräne.
  • Fuck ey, verkackt, weil krank und da uneinsichtig.
  • Selbes Klo. Migränetablette einwerfen.
  • Jetzt merke ich erst die Müdigkeit. Ich möchte mich zusammenrollen und schlafen.
  • Ich habe kein Bargeld. Ich gehe zu Fuß zum Bahnhof. 45 Minuten.
  • XXX ist echt hübsch.
  • Ich finde den Bahnhof nicht.
  • Ich hole mir einen Döner.
  • Ich finde den Bahnhof doch noch und fahre mit dem Bus über tausend Käffer zum Flughafen. Ich döse und esse abwechselnd, ich fühle mich kacke und gleiche meine Erscheinung dem an.
  • Super nervige Kosmetikverkäufer wollen mir heillos überteuertes Zeug andrehen.
  • Flug. War. Ich döse.
  • Abgeholt von Tante, Leid geklagt.
  • Grünkohl mit Mettwurst. Viel Liebe!
  • Quatsch, Tee, Opi-Gespräche mit dem Onkel, der Tante und einem meiner Cousins. Mein Cousin und ich sind uns einig: Opi sah als junger Mann EXAKT aus wie Pete Campbell.
  • Abschminken, oh jöss, meine Haut, Tablette, bloggen, Bett.

Ich danke Ihnen echt allen für die Daumen. Und ich verfluche meinen Stoffwechsel.

Auto-Lobhudelei: alles irgendwie durchgezogen trotz widrigster Umstände. Und die Sache mit dem Taxi war preisverdächtig.

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*nicht genau da, ein bisschen den Hügel hoch und ums Eck. Aber genau genug.