Tag 1710 – Corontäne Tag 37.

Die Tage kriechen und fliegen gleichzeitig. Faszinierend.

Heute war ich einkaufen. Im Meny gibt es lose abgewogene Hefe, falls Sie welche brauchen. Norwegen hat jetzt auch wieder Roggenmehl.

Was ich noch erzählen wollte: ich war Donnerstag bei der Endokrinologin im Krankenhaus, wegen der Schilddrüse. Wie zu erwarten, zweites Rezidiv heißt, Organ soll raus. Aber weil ich nicht grad begeistert davon bin, zum jetzigen Zeitpunkt von Levaxin abhängig zu werden, warten wir erstmal ab, dann bin ich halt von Carbimazol abhängig, so what. Mit einer sehr niedrigen Carbimazoldosis lebe ich ein recht gutes Leben. Was mich überrascht hat waren zwei Dinge: 1. kommt Radioiod doch in Frage, unter Cortisonschutz für die Augen und wenn ich mich danach für ein paar Tage von der Familie isolieren könnte (oder die Familie wo anders sein könnte). Geht also zur Zeit nicht. 2. würde man mich, auch wegen der Augen, ganz am unteren Ende des TSH-Normbereiches einstellen und das versuchen wir jetzt auch mit dem Carbimazol. Ich muss also immerhin nicht befürchten, dass man versuchen wird, mich „langsam zu machen“. Das war eine Angst von mir, die mir jetzt genommen wurde. Weiterhin wurde nicht mit mir geschimpft, weil ich mich um meine Medikamentendosis dieses Mal komplett selbst gekümmert habe. Das macht mich auch froh. Ich empfehle das ausdrücklich nicht zur Nachahmung, wenn man nicht schon einige Erfahrung mit der eigenen Schilddrüse hat, aber meine jetzige Hausärztin hat halt, so nett sie ist, keinen Plan von dieser Krankheit. Zu Anfang sagte sie mir eine zu niedrige Medikamentendosis an. Dann bestellte sie mich nicht zu weiteren Blutproben ein. Ich organisierte mir selbst welche. Woraufhin sie mir mitteilte, meine Werte seien „schon viel besser“, ohne mir zu sagen, was das genau heißen soll und ob ich die Dosis anpassen soll. Ich rief an und erfragte die Werte, passte die Dosis an und machte neue Blutprobentermine aus. Irgendwann fand ich raus, dass man sich bei dem Labor, in dem die Proben analysiert werden, als Patientin einfach einloggen kann und da alle Ergebnisse einsehen kann. Meine ganze Historik liegt da! Ich bin entzückt! Und über all das hat die Endokrinologin nicht geschimpft! Ich darf die nächsten 6 Monate so weiter machen, immer mal kontrollieren, wenn ich oder die Hausärztin Fragen haben, sollen wir im Krankenhaus anrufen, und dann gucken wir in 6 Monaten noch mal, wie sich die globale Versorgungskette für Levothyroxin so entwickelt hat. Klingt wie ein guter Plan.

Am Ende des Termins gab es einen kurzen seltsamen Moment, in dem ich die Türklinke anstarrte, als sei die hochgradig infektiös. Dann wusch ich mir sehr sehr gründlich die Hände, machte die Tür mit einem Papiertuch auf und winkte der Ärztin zum Abschied, die über die Aktion sehr lachen müsste und meinte, man merke, dass ich wisse, was ich da tue. Joa. Gelernt ist gelernt, ne?

Ich weiß immer noch nicht, was ich mit meinen Haaren machen soll. Heute Morgen sah ich so aus:

Elvis wär neidisch.

Die Friseur*Innen machen zwar am 27. auf, werden ja aber zu Anfang völlig überlaufen sein. Mich reizt auch der Gedanke nicht, zum Friseur nach Oslo zu fahren. Aber irgendwas muss passieren, schon allein weil es (das kenne ich so gar nicht!) unter der Haarmasse juckt. Undercut? Hat man das noch? (Haha, als wär mir das nicht egal, was „man“ so hat.) Vielleicht lasse ich einfach Herr Rabe morgen mal kreativ werden?

Jupp, das unter meinem Auge da, das ist ein blauer Fleck. Das war Pippi neulich, jedenfalls indirekt. Macht Freude, zur Zeit mit einem blauen Fleck im Gesicht rumzulaufen, wo die Medien voll von Berichten über häusliche Gewalt sind. Auch in Norwegen ist das so und es ist ja auch ein großes Problem in vielen Familien. Seufz.

Sobald ich mich im Freien befinde, habe ich Niesreiz und tränende Augen (trotz Sonnenbrille, an der Helligkeit liegt es also nicht). Das war letztes Jahr im Frühling auch schon so. Ich werd doch nicht mit Mitte 30 noch Heuschnupfen kriegen? Ich habe aus Prinzip keine Allergien! Allergien haben die Kinder, die nie im Matsch spielen durften! Und Hypochonder (ok, also ich), die auch. Mimimi. Seufz.

Hier ist R0 jetzt bei 0,67. Des Weiteren ist die Smittestopp-App bereits von 1,2 Millionen Leuten runtergeladen worden. In zwei Tagen. Noch 800.000 und sie wird sinnvoll einsetzbar. Ich hab sie schon. Ja, da kann man jetzt den Untergang der individuellen Freiheit und aller Persönlichkeitsrechte befürchten, ich habe mich dazu entschieden, zu glauben, was die App verspricht: die Daten werden nur dazu benutzt, herauszufinden, wer mit jemandem, der infiziert ist, seit dessen vermuteter Ansteckung mehr als 15 Minuten näheren Kontakt hatte. Die werden dann gewarnt und können sich in Quarantäne begeben. Die Daten werden nicht genutzt, um die Einhaltung der Kontaktbeschränkungen, des Hütteverbots oder einer Quarantäne zu kontrollieren. Nach 30 Tagen werden alle Daten automatisch gelöscht (und man kann auch selbst jederzeit alle seine Daten löschen). Ich glaube das mal. Fertig.

Tag 1660 – Speziell.

Meh, Geheimhaltung. Ich wollte so gern erzählen, dass ich mich im Beruf weiter spezialisiere und hoffentlich bald was machen kann, was tatsächlich meiner Ausbildung deutlich näher kommt als der einer Pharmazeutin (hihi), aber. Geheim, geheim.

Wir haben jetzt einen Notified Body in Norwegen und alle so Yeah. Das haben wir heute zum gefühlt vierten mal gefeiert. Ich hätte irgendwie lieber gearbeitet, ich bin nämlich heute mal wieder wegen tausend anderer Sachen nicht mit den sich eh schon auf dem Schreibtisch und in der Outlook-Task-Liste stapelnden Aufgaben fertig geworden. Uffz.

Weiter keine Leichtigkeit. Nichts verändert, aber mehr Zeit, drüber nachzudenken, da Inspektion erledigt.

(Ich bin so müde, ich fürchte die Schilddrüsenblocker sind überdosiert. So schön, dass ich einen guten Dialog mit meiner Hausärztin habe, die mich ständig auf dem Laufenden hält um die Dosis schnell ändern zu können*.)

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*ich habe seit „die Werte sind schon viel besser“ vor zwei Wochen nichts mehr gehört. Weder Werte, noch Dosis-Anpassung, noch, wann ich eine neue Probe abliefern soll. Bin dezent angepisst.

Tag 1634 – Scheiße.

Hallo, Thyreostatika, ich hab euch echt überhaupt nicht vermisst.

Das ist mein 2. Rezidiv, das wird nicht mehr nur mit Medikamenten behandelt. Da muss die Schilddrüse jetzt raus oder sonstwie kaputt gemacht werden. Ich werde den Rest meines Lebens künstliche Schilddrüsenhormone nehmen müssen.

Dabei geht es mir gut. Ich habe keine Symptome. Was ja gut ist, weil das auch heißt, dass ich relativ gelassen ein paar Monate auf der Warteliste zur OP stehen kann.

Aber echt mal. Was für eine Scheiße.

Ich bin sehr traurig und möchte bitte keine Kommentare, ich solle Selen nehmen und Radioiod sei viel besser als OP. Ich weiß das auch alles und die Ärzte hier auch und ich vertraue denen so weit, dass sie mich nicht wissentlich falsch behandeln.

So viel zum Thema „Mehr Routine, weniger Chaos“.

Tag 1322 – Vernachlässigt.

In den Tagen seit Sonntag verzeichne ich hier einen erhöhten Andrang. Ich habe da so eine Ahnung, wie das kommen könnte und weil ich bemüht bin, ein positives Menschenbild zu haben, rede ich mir ein, diese mehr Leser*Innen sind hier, weil sie die andere Seite zu einem Konflikt hören wollen. Ich muss Sie aber da leider enttäuschen: dieser Konflikt geht nur mich und die andere Person was an und ich werde mich dazu hier nicht äußern. Das heißt nicht, dass mir die ganze Sache am Hintern vorbei geht, sie mich nicht beschäftigt oder ich nicht sogar einen ganzen Haufen Emotionen dazu habe. Nur Reden – wie gesagt – möchte ich wenn dann mit der anderen Person und ohne dass Sie alle dabei Popcorn mampfend zusehen.

Ja? Ja. Weiter im Text.

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Hier einiges vernachlässigt, wie mir scheint. Entschuldigung dafür. Ich war viel müde und andere Gründe gab’s auch, die sind jetzt aber mal egal. Jedenfalls muss ich wohl was nachholen. Ich versuche es mal.

Die Kinder. Sie sind sehr super. Michel wird jetzt richtig selbständig und packt seine Hausaufgaben direkt nach der Schule auf den Tisch, liest sich selbst die Aufgabenstellungen vor und legt dann los. Das macht es mir viel einfacher, ihn alle Fehler machen zu lassen, die er machen muss, um daraus zu lernen. Wenn ich daneben sitze, juckt es mir immer in den Fingern, ihn zu korrigieren, das ist einfacher, wenn ich eben nur grob im selben Raum bin und andere Dinge tue, Blumen gießen, Kochen, sowas halt. Dann kann ich trotzdem noch sagen, wie das „hinten am Fuß“ heißt, kriege aber keine Stresspusteln wenn ich sehe, wie krakelig Michel „HÆL“ schreibt oder dass die Hälfte der 2-en und 4-en immernoch spiegelverkehrt ist. Heute musste Michel Fragen lesen und dann ja oder nein ankreuzen, eine dieser Fragen lautete „Har du rene tær?“ (Hast du saubere Zehen?“) und Michel so „Æ kan sjekk.“ (Ich kann gucken.), zieht eine Docke aus, inspiziert seinen Fuß und dann: „Niks!“ und kreuzt nein an. Ich hätte mich beömmeln können. Wie Michel sagen würde: Tipptopp, tommel opp (tipptopp, Daumen hoch). Nächste Woche fängt Michel mit drei Nachmittagen pro Woche im Sport-Hort an. Dann kostet uns das ~nur~ 1000 Kronen mehr im Monat als jetzt, dafür kann er morgens und an zwei Nachmittagen zum Schul-Hort gehen. Ich hoffe das wird gut.

Pippi hat weiterhin Phase und manchmal möchte ich sie im Wald aussetzen, auf dass sie von einem freundlichen Wolfsrudel aufgezogen würde, aber dann gucke ich Michel an und weiß, es wird besser werden, und Pippi ist ja schon auch toll, nur halt eher so… im Großen und Ganzen toll, in den einzelnen Situationen muss ich momentan oft Herrn Rabe die Erziehungsarbeit überlassen, weil ich sonst innerhalb von Sekunden auf 180 bin und rumbrülle. Bald, bald, ist bestimmt auch diese Phase vorbei.

Sonst so: Arbeit. Viel Arbeit. Ich habe grad mal nachgeguckt: ich habe nach den drei Monaten jetzt 73 Stunden und 25 Minuten Überstunden. Dabei habe ich schon zwei volle Tage abgefeiert. Der Großteil dieser Stunden wird in den Sommerferien abgefeiert, da ich ja letztes Jahr nicht dort gearbeitet habe, steht mir zwar Urlaub zu, aber kein Feriengeld, sprich: wenn ich die Urlaubstage nehme, kriege ich die halt vom Lohn abgezogen. Das ist in den Fällen ja noch ok, wo man von einem anderen Arbeitgeber kommt, der einem ja beim Vertragsende das Feriengeld ausbezahlen muss, wenn man aber arbeitslos war und genau 0 Kronen Feriengeld angesammelt hat, ist das Recht kacke. Deshalb ein Hoch auf die Überstunden, denn sie sichern mir Urlaub ohne dass es hässlich große Löcher in die Haushaltskasse reißt. Groß wegfahren werden wir aber dieses Jahr wohl nicht.

Ja, so viel Arbeit ist sauanstrengend. Ich bin, Überraschung, nicht jemand, der nach Arbeitstagen von 9-19 Uhr noch die Energie für mehr als Essen–>Bett aufbringt. Pendeln, Arbeit, Pendeln, Schlafen, Repeat. Ich glaube auch nicht, dass sich das mit mehr Erfahrung bessern wird. Aber, und das ist der wichtige Punkt: es macht Spaß. Ich habe immernoch das Gefühl, im Lotto gewonnen zu haben. Ich kann mein Glück kaum fassen, ich sitze da in der Behörde, ich darf richtig interessante Sachen machen, mir wird auch intern schon richtig viel zugetraut und ich liebe es einfach. Ich mag meine Inspektør-Kolleginnen und Kollegen und dass das alles so grade-raus-e Menschen mit zum Großteil sehr trockenem Humor sind. Auch wenn die meisten meine Eltern sein könnten, hab ich das Gefühl, ich passe da hin. Und das ist ja nur die Seite im Büro*, wenn wir „draußen“ sind, auf Inspektion, sehe ich so viele verschiedene Pharmahersteller wie in keinem anderen Job in der Branche. Es ist immer anders, aber immer interessant. Kein Tag wie der andere und das liebe ich. Ich werd auch besser im Fragen und vor allem lockerer im Umgang mit all diesen Leuten, ich werd nur noch ein bisschen rot, wenn Leute meinen beruflichen Hintergrund abklopfen und habe gelernt, bei Diskussionen um das Pharmaziestudium und wie schwer ja Qualified Persons zu kriegen sind einfach aus dem Fenster zu gucken. Und der Rest kommt sicher mit der Erfahrung.

Neulich hab ich sogar meiner Kollegin erzählt, dass mich die Chipsfabrik nie bezahlt hat und ich da noch im Insolvenzverfahren drin hänge und auf mein Geld warte und dass das ordentlich kacke ist. Das ist für „immer fröhlich, nie persönlich“, was ich in den ersten Wochen gefahren habe schon eine große Entwicklung, mehr muss auch erstmal nicht sein, aber ich finde wenn man so eng zusammenarbeitet wie wir kann man zumindest ab und zu mal durchblitzen lassen, dass man ein Mensch mit Gefühlen ist.

Den Rest der Chipsgeschichte erzähle ich dann, wenn die Kollegin in Rente geht oder so. Das ist in ca. 10 Jahren, bis dahin kann ich das in eine lustige Dinnerpartygeschichte verpacken.

Also kurz und gut: super Job. Super anstrengend, super steile Lernkurve (das ist alles so ganz anders als absolut ales, was ich vorher gemacht habe!), super interessant, halt super. Jackpot.

Ansonsten: heute bei der Endokrinologin im Krankenhaus gewesen, endlich. War so hal gut und halb scheiße, denn jetzt grad sieht zwar alles tipptopp tommel opp aus, aber sie machte mir keine große Hoffnung darauf, dass das mein letztes Rezidiv war. Ich solle schon mal über eine mir passende Entfernungsmethode nachdenken, wegen der Augen käme aber eigentlich eh nur OP in Frage. Und das könnte man auch präventiv machen, man müsse nicht aufs Rezidiv warten**. Das muss ich nun erstmal verdauen, vielleicht bei einem Gin.

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*Großraumbüros hat allerdings der Teufel gemacht.

**letzteres kommentierte ich trocken mit „Das mache ich nicht solange wir einen Mangel*** an Levaxin haben!“, das sah die Ärztin dann auch ein.

***Medikamentenmangel. It’s a fucking big thing in Norway. Menschen auf derselben Etage wie wir drehen recht frei.

Tag 1132 – Warum?

Wir haben heute wegen des kranken Michels ein bisschen jonglieren müssen. Natürlich hätte ich Michel auch mitnehmen können, um Pippi in den Kindergarten zu bringen und sie wieder abzuholen, aber ich hatte heute auch einen lang angesetzten Arzttermin und Elterngespräch in Michels Schule. Also blieb Herr Rabe zu Hause und machte Home Office* und sprang für meine außerhäusigen Termine mit der Kinderbetreuung ein.

Erstmal: so große Kinder sind ja schon ganz praktisch, wenn sie „nur“ verrotzt sind, „tote Brakterien im Mund“ haben, ein ganz bisschen fiebrig sind und gerne Hörspiele hören (und noch lieber Grizzy und die Lemminge schauen). Ab und zu mal neuen Tee gereicht, einen Apfel geschnitten, ein Brot geschmiert, ansonsten ist es sehr wartungsarm geworden, das Kind.

Dann: der Arzttermin. Bei einer Ärztin, die nicht meine Hausärztin ist, sondern eine Vertretung, weil meine Hausärztin in Elternzeit ist. Tjanun. Der Termin war ziemlich skurril, angefangen von der Zeit im Wartezimmer, in der plötzlich vier Polizistinnen und Polizisten hereinkamen, ganz kurz mit der Empfangsdame schnackten und dann recht zügig in den Behandlungsbereich gingen, bis zum Gespräch mit der Ärztin: „Warum sind Sie hier?“ – „Weil ich eine Schilddrüsenüberfunktion habe.“ – „Aha. Warum?“. Jaaaahahahaha, Moment ich frag grad mal kurz… Hallo Schilddrüse? WARUM, SCHILDDRÜSE? Warum diese Scheiße, echt mal, was hab ich dir denn getan? Oh, echt, meinst das war zu viel Stress? Mit Schwangerschaften hin und her und dann Umzug nach Norwegen, PhD-Scheiß, Mann-arbeitslos-Scheiß**, hab ich die Schwangerschaften erwähnt? Ok, sehe ich ein. … Die Schilddrüse sagt, sie sei anfällig für Stress.

Das hab ich natürlich nicht so gesagt. Und nach einem Blick in meine Patientenakte*** war ihr dann auch vieles klarer und sie schickte mich zum Blut abnehmen. Vorher fragte sie aber noch mal nach der aktuellen Krankschreibung und… stellte ganz unauffällig mit der Frage gleich eine Packung Kleenex auf den Tisch. Da hab ich wohl nen Heulsusen-Vermerk in der Akte seit letzter Woche. Hupsi.

Als ich ging lungerten die Polizistinnen und Polizisten noch in der Praxis herum, sahen aber sehr entspannt aus.

Ach ja: beste Blutabnahme. Kaum was gemerkt, nix zu sehen. Hab ich der Laborantin gleich gesagt, dass sie das sehr gut mache. Sie war sehr geschmeichelt und verwundert, dass wer das gleich beim Stechen bemerkt.

Das Elterngespräch war sehr viel weniger skurril. Höchstens, dass ich wohl Michel sehr ähnlich sehe (ich sehe das gar nicht, wirklich nicht, er sieht halt aus wie er…) und dass er sehr gut konzentriert und fokussiert arbeiten könne, das verwundert mich bei meinem Ich-springe-bei-10-Minuten-Hausaufgaben-drei-mal-auf-und-mache-irgendwas-Kind dann doch etwas. Aber in der Schule ist er wohl nicht so. Alles andere war wenig überraschend, Michel ist ein tolles Kind, das die anderen Kinder mit enthusiastischen Vorträgen über Dinosaurier unterhält, am liebsten mit seinem Kumpel J.-Michel spielt, aber alle mitspielen lässt, die ordentlichste Schrift hat er nicht, er erzählt lieber, was er alles basteln möchte, als das dann wirklich umzusetzen****, er redet gut und ein bisschen Trøndersk und manchmal sagt er auch, was Worte auf Deutsch heißen, wenn er das lustig findet. Seine Klassenlehrerin***** ist jedenfalls mit ihm zufrieden.

Ansonsten heute Kinderzimmer und Loft aufgeräumt und gesaugt und mir bei irgendwas anderem, nichtigen, meine Schulter so arg verrenkt, dass ich seit Stunden mit Wärmekissen im Nacken auf verschiedenen Polstermöbeln liege um den Schmerz unter Kontrolle zu kriegen, der um den Kopf rum bis zur Nase zieht. Super.

Mal sehen, ob Michel morgen wieder zur Schule kann, Herr Rabe geht jedenfalls wieder arbeiten.

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*Herr Rabe arbeitet: mit vielen Leuten auf Englisch telefonieren, dazwischen Sachen in seinen Computer tippen. Endlich weiß ich das.

**Das war vor der Blog-Zeit, als wir nach Norwegen gezogen waren. Erst war Herr Rabe noch in Elternzeit und dann ein paar Monate arbeitslos. Und wir hatten nur mein Doktorandinnengehalt. Uffz. Das war nicht schön.

***Die habe ich extra komplett überführen lassen, nicht nur das sogenannte Kern-Journal. Ich hab aber nie eine Rechnung über das Überführen bekommen. Hmm.

****Hahaha, mein Kind. Die Lehrerin hat aber notiert, dass ich finde, dass er sehr kreativ im Erfinden von Sachen und Geschichten ist und dass er Erfinder****** werden will

*****Eine von zweien

******besser als Wissenschaftler! Erfinder finde ich eine gute Berufswahl.

Tag 910 – Ausgelaugt.

Der Tag war so mittelgut, aber dann telefonierte ich fast anderthalb Stunden mit… jemandem und jetzt muss ich ganz dringend ins Bett und hundert Jahre schlafen. Mindestens.

Weil es nötig ist: ich möchte hier keine Gesundheitstipps geben, aus ganz vielen Gründen. Ich bin total für Vertrauen in Ärzt*Innen. Ich bin total gegen Google als Informationsquelle für „mündige“ (muhahaha, was ein Euphemismus in dem Zusammenhang) Patient*Innen. Ich führte das auch schon mal aus. Und weil ich wirklich, wirklich keine Tipps hier haben möchte, werde ich Kommentare, die solche beinhalten, in Zukunft löschen oder nicht mehr freischalten.

Eine Kommentatorin hat dazu schlaue Dinge gesagt, was man machen kann kurz bevor man bei der Google Suche „linkes Nasenloch juckt Krebs“ auf Enter drückt.

Richtiger wäre der Ansatz (für eventuelle Betroffene): Schämt euch nicht mit Symptomen zum Arzt zu gehen, die euch nur „komisch“ vorkommen. Man darf zum Arzt weil man müde ist. Man darf zum Arzt weil man traurig ist. Man darf zum Arzt, weil man nicht versteht warum der Körper das ein oder andere macht. Viele Leute machen den Fehler, nur dann zum Arzt zu gehen, wenn sie bereits eine mehr oder weniger genaue Vorstellung haben, worunter sie leiden. Aber man darf auch eine Praxis betreten, wenn man sich einfach nur unsicher ist.

Und damit wäre auch alles gesagt.

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Auto-Lobhudelei: ich habe heute mit dem Restaurant gesprochen, bei dem ich das Defense-Dinner haben möchte (das hatte ich… hmmm, prokrastiniert ist das falsche Wort, vermieden zu tun), habe bei der Preisangabe pP keinen Herzinfarkt erlitten, werde trotz des wirklich nicht unsaftigen Preises das Rundum-Sorglos-Paket nehmen und damit meinen Geiz überwinden (nur über die Weinmenge muss ich mir noch Gedanken machen) und dann hab ich ja auch noch dieses Telefonat getätigt.

Tag 909 – Auto-Lobhudelei Deluxe.

Nun, es ist ja so:

Ich bin krank. Es ist nicht meine Schuld, es ist auch nicht der Ärztin schuld, aber im Moment geht es mir körperlich nicht gut. Und das jetzt einfach mal so sein zu lassen, und mich so sein zu lassen, das ist mein fester Entschluss und gleichzeitig meine Challenge. Ich bin da nicht gut drin, meine Schwächen anzunehmen. Ich finde mich in gertenschlank schöner als nicht und kann absolut nicht fassen, wie man innerhalb einer einzigen Woche so zulegen kann. Ich hoffe noch auf Wasser oder Verstopfung oder irgendwas, was auch genauso schnell wieder verschwindet. Aber ich versuche, nicht zu hadern. Ich versuche, nicht damit zu hadern, dass ich extremst müde und antriebslos herumhänge und klopfe mir für die Kleinigkeiten, die ich schaffe, auf die Schultern. (Ein dicker Schulterklopfer fürs Schulterklopfen!) Heute habe ich 50 Minuten Sport gemacht, davon 20 Minuten HIIT und 30 Minuten „alle Muskeln fallen ab“-Pilates. Ich habe ein Brot gebacken und ein Kleid genäht. Ich könnte jetzt auch alles aufzählen, was ich machen wollte, aber dann nicht geschafft hab, weil mir beim Öffnen der CV-Datei schon die Tränen kommen und ich einfach so hundemüde bin, ich niemanden anrufen mag, eigentlich möchte ich mit niemandem reden – aber das bringt ja nix. Die Selbstdisziplin lässt mich eben noch Dinge tun, es ist nicht so viel und manch einer, inklusive mir selbst, mag es lächerlich wenig vorkommen, aber: ich bin krank. Es wird weggehen. Bis dahin ist es eben so und alles was noch geht ist gut. Das muss ich jetzt nur noch selbst glauben, aber vielleicht hilft es ja, das aufzuschreiben.

(Und die optischen 5 Kilo Bauchspeck, die gehen sicher wieder weg. Und auch die Defense-Präsentation werde ich irgendwann machen können, ohne dass die Diss mich so anpiekt, das nichts mehr geht. Es wird irgendwie werden.)