Tag 1895 – Totales Chaos.

Eigentlich war alles entspannt. Ich räumte grad sämtliche Bücher aus den Regalen im „Loftwohnzimmer“ (demnächst Arbeitszimmer) auf den Fußboden, als es an der Tür klingelte. Da stand die Nachbarin, Michel habe sich weh getan. Ich hatte das sogar gehört, aber mal ehrlich, die Kinder schreien und grölen und johlen immer so auf dem Trampolin, ich kann da nicht am Klang zwischen Spaß und Ernst unterscheiden. Jedenfalls war irgendwas nicht mehr 100%ig rekonstruierbares passiert und dann konnte Michel sein Bein nicht mehr strecken.

„Schmerzmittel“ sagte die Legevakt, und „rufen Sie in 2 Stunden noch mal an, geröntgt wird da heute sowieso nicht mehr“.

Nun haben wir ja grade so eine Odyssee hinter uns, ich weiß also, dass ein Tag drauf geht, erst auf einen Arzttermin zu warten, dann nach Oslo zu fahren, dort zu warten, usw.

Deshalb fuhren Michel und Herr Rabe heute Abend noch nach Oslo, in die Privatklinik, die hat nämlich eine Unfall-Legevakt, die bis 22 Uhr geöffnet ist.

Ja, bis 22 Uhr. Sie sind noch unterwegs. Es war ein Unfall auf der E6, da standen sie im Stau und auch wegen „rufen Sie in 2 Stunden noch mal an“ fiel die Entscheidung, noch zu fahren, grenzwertig spät.

Und ich liege jetzt hier neben der schnorchelnden Pippi und hoffe, dass sie Mann und Kind nicht wieder weg schicken. (Und natürlich, dass es nichts schlimmes ist.)

Hier übrigens der Bücherhaufen. Wir müssen auf etwa 1/4 davon runter.

Tag 1831 – Pandemiearbeiten.

Whoop whoop ich war im Büro und da waren tatsächlich fast alle meiner Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich am meisten zu tun habe (also: Das Inspektorat(TM) und die Zulassungen- (und Zertifikate-) Gruppe. Das haben wir jetzt jeden Montag so, Präsenztag im Büro, Freitags dürfen wir, wenn wir wollen, ansonsten Homeoffice. An anderen Tagen sind andere da, aber nie mehr als 40% der Belegschaft gleichzeitig. Es gibt allerlei teils seltsam anmutende Vorsichtsmaßnahmen, wie zum Beispiel einen recht… willkürlich erscheinenden Sitzplan. Das norwegische Pandemie-Mantra ist ja „Abstand, Abstand, Abstand!“, ich frage mich aber schon, was es bringen soll, in der Kantine oder in Meetingräumen mit mindestens einem Meter Abstand zueinander zu sitzen, während eine Klimaanlage die Luft fröhlich im Raum verquirlt und im ganzen Haus verteilt. Bevor ich die Filter (die ja hoffentlich in der Ventilationsanlage irgendwo verbaut sind) selbst inspiziert hab, gehe ich davon aus, das wir uns das ganze Abstandsgehampel im Zweifel in die Haare schmieren können, wenn bei uns jemand infiziert und infektiös bei der Arbeit erscheint, sind die Bedingungen für ein Super-Spreading-Event mindestens gut.

Jetzt wo das gesagt ist: es war leider richtig gut, mal wieder unter Menschen zu sein, nah an Menschen dran, die nicht alle nur im Bildschirm zu sehen. Richtig schön. Wie sozial dann doch selbst die Introvertierten sind, merkt man nach ein paar Monaten mit deutlich eingeschränkten Sozialkontakten dann eben doch. Wie es den Extrovertierten dann erst gehen muss.

Ich habe effizienter als im Homeoffice ein paar Sachen weggearbeitet, die mich schon länger gestört haben, dann gab es auch ein paar gute Nachrichten für mich persönlich, hach, es war einfach rundum ein guter Arbeitstag.

Nach der Arbeit waren wir dann noch schwimmen im Badesee ums Eck, der ist jetzt endlich warm genug. Also so warm, dass alle drin waren nur ich nicht, mir war es ab den Knien noch zu kalt. Ich bin jetzt auch in dem Alter, wo ich für spritzende Jugendliche die humorlose Trulla bin, die im Badesee stehend nicht nassgespritzt werden will. Schlimm.

Michels Fuß geht es auch deutlich besser. Baden darf er ja sowieso ohne die Schiene, aber auch sonst würde er, wenn wir ihn ließen, einfach weiter machen wie immer, weil es nicht mehr wehtut und er alles bewegen kann. Was natürlich nicht heißt, dass er den Fuß normal bewegen und belasten soll, aber die Einsicht ist mit sieben noch nicht ganz so einfach.

Tag 1828 – Wer kann da widerstehen?

Heute war Michel, aus Gründen, nicht im Sporthort. Pippis Kindergarten hat heute und Montag zu, Aber Pippi spielte den ganzen Tag mit und bei den Nachbarsmädchen, deren Kindergärten auch alle geschlossen waren. Michel nicht. Michel wollte unterhalten werden. Möglichst mit wenig bewegen. Ich hatte aber auch Pläne und so kam es, dass ich mit Michel zum Bauernhof fuhr, wo ich Gemüse erntete und Eier holte, während Michel im Auto ein Stück namens „Pro kil“ komponierte. Ich war nach dem Ernten gar gekocht – erst auf dem Feld bei 30 Grad und dann noch im Gewächshaus aka Riesensauna mit Kräuter-Tomaten-Gurkengrünaufguss – Michel hatte die Klimaanlage laufen und sehr viel Spaß. Ich hatte auch Spaß, so ist das ja nicht, ich krieche da gerne durchs Feld.

Diese wunderbare Insektenweide ist nicht rechtzeitig geernteter Brokkoli. Ja, aus den grünen Köpfen entwickeln sich die Blüten.
Roter Grünkohl, hübsch und lecker. Nein, man muss wohl heutzutage nicht mehr bis zum Frost warten, um Grünkohl zu ernten.

Ich werde noch Grünkohl-Missionarin. Das ist so lecker! Mjaaaamm!

Das war wie immer schön und mit ein paar rhythmischen Anpassungen ist auch „Pro kil“ ein cooles Lied.

Tag 1826 – Muss leider draußen warten.

Long story very short: ich war mit Michel erst bei der Hausärztin, dann im Krankenhaus, da durfte ich teilweise nicht mit rein und wir wurden behandelt wie Aussätzige, weil wir vor neun Tagen aus dem Ausland(TM) zurückgekehrt sind. Michels Sprunggelenk außen ist gebrochen. Es geht ihm gut und er hat auch, im Gegensatz zu seiner Mama, nicht geweint.

Die ganze Geschichte ist natürlich ungleich länger. Aber es war alles so scheiße, dass ich mich dabei nur in Rage und eine Migräne rede. Ich habe auch das Gefühl, ich kann das kaum zusammenhängend erzählen, weil mich das emotional so geschlaucht hat. Als wir endlich zu Hause waren, musste ich mich erst mal hinlegen, so fertig war ich.

Die Ärztin hatte uns nur gesagt, wir sollen nach Ahus fahren. Das ist ein großes Krankenhaus mit mehreren Gebäuden. Sie hatte nicht gesagt, in welches Gebäude wir müssen und ich habe Michel erst in das falsche getragen. (Natürlich getragen, er konnte ja nicht laufen, deshalb waren wir ja da.) Danach habe ich Michel also in das richtige Gebäude getragen. Da wurden wir erst ins falsche Wartezimmer gesetzt und wenn nicht ein Patient (!) gesagt hätte, dass wir zum Röntgen sicher nicht ins HNO-Wartezimmer müssen, würden wir da vielleicht jetzt noch sitzen. Aber schon geil, wenn man ein Kind mit einem dicken Fuß reinträgt, sagt, man komme zum Röntgen des Fußes, dass einen dann Planlose Person A ins falsche Wartezimmer setzt. Whatever, jedenfalls mussten wir in den Keller.

Da fragte uns eine Westenperson, eine Infektionsschutzaufpasserin, ebenfalls ohne wirklichen Plan, ob wir in den letzten 10 Tagen im Ausland gewesen seien. Ich sagte „äh.“ und rechnete nach und sagte dann, wir seien vor 9 Tagen aus Deutschland zurückgekommen. Ich muss jetzt dazu sagen, dass Deutschland ein okayes Reiseland war und nach wie vor ist, das heißt, wir mussten und müssen nicht in Quarantäne nachdem wir da waren. Die Westenfrau war aber von dieser Information trotzdem überfordert und musste erst wen anrufen. Die kamen dann nach 10 Minuten, in denen wir wie Falschgeld auf dem Gang standen, mit 1 Mundschutz und 1 Paar Handschuhe – fürs Kind. „Oder waren Sie auch im Ausland?“ Ja zur Hölle natürlich war ich auch im Ausland. Vor neun Tagen. In einem „grünen“ Land. What the fuck? Ok, nach weiteren 5 Minuten kam also noch ein Mundschutz und ein paar Handschuhe und alles wurde uns mit sehr spitzen Fingern am sehr langen Arm gereicht.

Danach durften wir uns endlich anmelden. Also in einem Wartezimmer eine Nummer ziehen, warten, und uns dann anmelden. Als einzige mit dem Mundschutz und den Handschuhen der Schande. An der Anmeldung wurde uns dann mitgeteilt, dass wir im Auto warten müssten. Wegen der Auslandsreise. Vor neun Tagen. In einem grünen Land. Wir würden dann angerufen.

Ich schleppte also Michel wieder zum Auto. Es war weit und warm. Nach etwa 45 Minuten warten, in denen ich vorsorglich schon mal organisiert habe, dass Pippi mit einem anderen Kind nach dem Kindergarten nach Hause fahren kann (wir haben ja nur ein Auto), klingelte das Telefon. Michel sei in 5 Minuten dran. Wir sollen zum Ambulanzeingang kommen. An der kurzen Seite des Gebäudes. Ich dürfe nicht mit rein. Wegen der Auslandsreise. In einem grünen Land. Vor neun Tagen. Einem Land, das geringere Infektionszahlen hat als Oslo. Vor neun Tagen. Vermutlich haben wir sogar vor Mitternacht die Grenze passiert.

Vor dem Gebäude stehend, nachdem ich Michel da wieder hin getragen hatte, ging mir auf, dass ein Rechteck zwei kurze Seiten hat. Ich ging also rein, zu Planloser Person A (s.o.) und fragte, wo der Ambulanzeingang sei. „Sind Sie die aus Deutschland???“ „Ja.“ „Wo ist ihr Mundschutz???“ „Im Mülleimer. Wo ist der Ambulanzeingang?“ (was zur Hölle einfach? Soll ich Mundschutz und Handschuhe stundenlang anlassen, damit in mein eigenes Auto und alles mögliche anfassen und dann einfach wieder damit ins Krankenhaus? Was. Zur. Hölle.). Planlose Person A zeigte es mir auf einer Karte: auf der entgegengesetzten Seite des kompletten Krankenhausgeländes. Geschätzte 10 Minuten Fußweg für mich allein, ohne humpelndes Kind, das ich tragen muss. Da brach ich in Tränen aus. „Ist das ihr Ernst?“ „Das ist der Ambulanzeingang.“ „Ich muss ihn da hin tragen, er ist sieben, und da kriege ich ganze fünf Minuten vorher Bescheid???“ Achselzucken.

Ich kam, mit Michel auf dem Arm, ziemlich sehr fertig, etwa den halben Weg weit, bevor mein Telefon wieder klingelte. Wo wir denn seien? „Auf dem Weg. Ich muss ihn tragen und ja um das ganze Gelände rum, ich darf ja auch nicht durch das Gebäude…“ „Warum um das Gelände rum, das ist auf der kurzen Seite des Gebäudes.“ „Ja aber welchen Gebäudes denn?“ „Dem, in dem Sie eben waren.“ „Planlose Person A in dem Gebäude hat mich grad zum anderen Gebäude geschickt!“ „Ja, das ist falsch.“ Ich brach schon wieder in Tränen aus. Wollten die mich alle verarschen? „Sie können mit dem Auto fahren und direkt vor der Tür parken.“ na immerhin etwas.

20 statt fünf Minuten nach dem Anruf, dass Michel bald dran sei, waren wir dann also am Ambulanzeingang DER ORTHOPÄDISCHEN AMBULANZ. NICHT DES GESAMTEN KRANKENHAUSES. Und ich war mit den Nerven runter. Und Michel wurde an der Tür von der Krankenpflegerin abgeholt, mit Handschuhen und Mundschutz versorgt, in einen mit Plastik ausgekleideten Rollstuhl gesetzt und davon gefahren. Ich durfte nicht mit rein. Nicht nur nicht in den Röntgenraum. In das Gebäude. Wegen der Auslandsreise. Die vor neun Tagen war. Die kein Problem gewesen wäre, wäre sie einen Tag früher beendet gewesen. Oder wenn wir in Oslo Urlaub gemacht hätten, das, ich sage es nochmal, wesentlich höhere Ansteckungszahlen hat als Deutschland, NRW und Bielefeld. Das sagte ich der Krankenpflegerin auch, als sie Michel wieder rausrollte. Dass ich das unverhältnismäßig finde, einen Siebenjährigen deshalb nicht in ein Krankenhaus begleiten zu dürfen. Sie verstand das, ich verstand, dass das nicht auf ihrem Mist gewachsen war, ich bat trotzdem um die Weitergabe meines Feedbacks.

Vielleicht deshalb durfte ich dann immerhin zur Behandlung mit rein (mit Mundschutz und Handschuhen). Wir wurden in einen leer geräumten Raum gesetzt, in dem alles, was noch drin war – ein Stuhl für mich, ein Hocker für den Arzt, ein Tischchen und diverse Türklinken – mit blauem Plastik abgedeckt war. Ich kam mir vor als hätten wir MRSA, Krätze, Syphilis und Covid19 zusammen und würden aus offenen Geschwüren heftig eitern oder so.

Nach sehr langer Warterei kam dann ein Orthopäde, der sich von einem sehr aufgeregten Michel nochmal die ganze Geschichte erzählen ließ, hielt erst übertrieben viel Abstand und musste dann doch eine körperliche Untersuchung vornehmen, Überraschung, Michel hat nicht einen meter fünfzig lange Beine. Immerhin wurde er dann zutraulicher. Zur Besprechung des Röntgenbildes holte er dann noch einen Kollegen dazu, der aber auch der Meinung war, es sei eben das Sprunggelenk etwas untypisch gebrochen, nur ein bisschen, nicht verschoben und ohne Spaltbildung, und ohne Bänderriss, also kommt da so eine abnehmbare Schiene drum, Schmerzmittel und schonen und in ein paar Wochen springt Michel wieder rum und spielt Fußball, kein großes Ding.

Auch der Rest – das Anpassen der Schiene und Herauskomplimentieren aus dem Krankenhaus – lief einigermaßen ok ab, aber ich glaube es dauert noch ne Weile, bis ich mich von der Aktion heute erholt habe.

(Und die Moral von der Geschicht: 1. bitte immer Leuten wirklich genau sagen, wo sie hinmüssen, 2. bitte nicht Ehrlichkeit mit unverhältnismäßigen Maßnahmen bestrafen, 3. Maßnahmen wenigstens erklären, damit sie Leuten nicht ganz so unverhältnismäßig vorkommen, 4. selbst Menschen mit Covid19 sind doch Menschen, die man nicht behandeln sollte wie Aussätzige.

Danke.)

(5. Zeit, in der man ansteckend wäre, Zeit bis zur Entwicklung von Symptomen, dies, das, egal.)

(6. Wenn es sich vermeiden lässt, nicht mehr nach Ahus.)

Tag 1825 – Grad noch gefehlt.

Michel hat sich im Sport-Hort (hier sind noch Schulferien) den Fuß verknackst. Beim Fußball umgeknickt und dann „mit der Seite so auf den Boden, Mama!“. Als ich ihn abholen wollte, hielt ihn das allerdings nicht davon ab, noch bleiben zu wollen um die Runde [irgendwas]ball leicht humpelnd fertig zu spielen. Durfte er dann auch, ich holte Pippi ab und stand eine Viertelstunde später wieder im Sporthort. Da schreulender Michel, wütend auf den Klassenkameraden, der irgendwie beschissen hatte, oder sich nur nicht an die Regeln gehalten, das wurde bei dem schluchzenden Gestammel nicht ganz klar, jedenfalls totale Ultrakatastrophe für das leicht übermäßig regeltreue und gerechtigkeitsliebende Kind. Und plötzlich war auch der Fuß schlimmschlimmschlimm, völlig unmöglich, damit noch einen Meter zu gehen. Im Auto zog ich Michel Schuh und Socken aus und ja, Fußgelenk außen dick und, milde ausgedrückt, berührungsempfindlich. Michel war völlig aufgelöst „MUSS ICH JETZT ZUR LEGEVAKT???“. Ich versprach, dass wir erst nach Hause fahren, Sachen holen, Pippi waschen und Michel umziehen, der hatte nämlich auch ein Loch in der dreckigen Hose. Vom Auto aus rief ich die Legevakt an (Carona ist eine unheimlich gute Freisprecheinrichtung mit eins-a Spracherkennung). Im Hintergrund ein weinendes und ein permanent „ich will Musik hören!“ grölendes Kind. Voll schön.

Die Legevakt meinte aber, wenn es nicht blau ist und er es belasten kann (minus das theatralische Anstellen halt) sollen wir erst mal abwarten, kühlen, hochlegen und Schmerzmittel geben, es sei vermutlich bloß überdehnt. Ich verfrachtete Michel also aufs Sofa und kühlte den dicken Fuß, bzw versuchte das, denn unsere Gelpacks sind Michel zufolge „viel zu hart und eiskalt!“.

Im Laufe des Abends kristallisierte sich dann raus, was ich schon länger vermutet habe: Michel hat the worst of two worlds geerbt, nämlich ein mal ein gewisses „Ich werde mindestens sterben!“-Verhalten und ein mal Aggression als Folge von körperlicher Unzulänglichkeit. Sie dürfen ja mal raten, von wem er was hat. Wir haben also jetzt ein Kind hier, das an seinem überdehnten Fußgelenk vermutlich sterben wird, aber nicht ohne vorher alles vor Wut in Schutt und Asche zu legen.

Gespräch nach dem Abendessen:

„UND WENN DER ARZT NICHT WEITER WEISS, WAS MACHEN WIR DANN? MUSS ICH DANN HUNDERT JAHRE AUF DEM SOFA LIEGEN ODER WAS???“

(Ich, inzwischen wirklich leicht genervt von stundenlangem angeschrien werden mit doomsday-Szenarien) „Nein, ich denke dann müssen wir den Fuß amputieren.“

„DAS GEHT ÜBERHAUPT NICHT, DANN HAB ICH KEINEN FUSS MEHR UND AUSSERDEM TUT DAS SCHEISSE WEH!“

Ok, der Fuß wird also nicht amputiert. Zum Schlafen gab es noch eine Ibuprofenkapsel und Harry Potter und viel kuscheln und er schlief dann auch recht schnell ein, aber nicht ohne im Schlaf unverständliches Zeug weiter zu motzen (!). Ich baue auf Wunderheilung über Nacht, ich weiß nicht, wie ich sonst die Kratzbürste zur Hausärztin bekommen soll.

Tag 1803 – Gar nicht müde.

Als ich heute morgen aufwachte, war alles super, als ich aber aufstand, schoss mir nach drei Schritten ein furchtbarer Schmerz in die rechte Hüfte, als würde wer ein Messer da rein rammen. Das ging auch nicht weg, weder durch bewegen, noch durch nicht bewegen, noch durch vorsichtiges Gegendehnen. Irgendwas hat sich da wohl eingeklemmt, verhakt, was weiß ich, jedenfalls hatten sich damit meine Sportpläne für heute erledigt und meine Laune auch, aber sowas von.

Als Resultat habe ich an dem Rock meiner Oma weitergemacht, aber erstmal rückwärts. Menschen, denen ich in Nähsachen vertraue, töten mir von Kräuseln ab und sie hatten recht, mit Falten sieht das schon viel weniger trutschig aus. Allerdings ist es mit Falten viel schwieriger, auf die richtige Weite zu kommen. Aber ich bin jetzt so weit, wie ich vor einer Woche schon war und kann morgen das Bündchen ansetzen und hoffentlich traue ich mich dann auch endlich, den zu vielen Stoff abzuschneiden.

Jedenfalls sollte ich wohl morgen früh aufstehen, also früher als heute, aber dann sollte ich wohl auch jetzt schon lange schlafen, aber kann nicht. Ich habe noch Finanzen gemacht (To-Do-Listen Check), Drag Race geguckt, jetzt blogge ich und trinke warme Milch mit Honig und hoffe, dass die Bettschwere trotz Schmerzen im Po und nicht gemachtem Sport und aufgestauter Energie und leichter Aggression bald kommt.

Tag 1753 – Weiter volles Leben.

Wir haben heute den Zaun fertig geplant und werden nun endgültig die furchtbaren, halbtoten Aronia-Büsche rauswerfen. Ganz bald. Vielleicht fangen wir gleich noch an.

Dann haben wir mit den Nachbarn gegrillt (auf deren Terrasse, die ist nämlich noch größer als unsere), ich hab mir das ok für meinen (sehr groben) Zaun-Kostenvoranschlag geholt und wir haben über Erwachsenendinge geredet. Das war sehr nett. Und auch deren Kinder haben gestern Ärger für die Slime-Aktion bekommen, das ist immerhin gut zu wissen.

Hier sehen Sie, wie Pippi Muffin ein Schlaflied vorsingt. Muffin sitzt in seinem Hamsterknast, in dem er vorher sein ganzes Leben zugebracht hat, weil ich gleich seine Box sauber mache. Der „Außenkäfig“ ist nicht nur viel zu klein, sondern auch so gammelig, dass ich Muffin da nicht reinsetzen mochte. Jetzt haben wir also noch die Entsorgung dieses Dingses am Hals. Aber Pippi ist schon sehr niedlich. Meistens. Wenn sie nicht mit Slime spielt.

Hach ja. Meistens ist sie ja doch sehr niedlich.

Michel hat sich heute ziemlich schlimm in den Finger geschnitten, weil er versehentlich ein Glasröhrchen von einer Vanillestange zerdrückt hat. Er rannte dann ungünstigerweise schreiend und panisch mit den Händeln wedelnd durchs halbe Haus, weshalb Herr Rabe und ich anschließend auf dem Boden rumrobbten und mit Feuchttüchern die gefühlt tausenden kleinen Blutspritzer vom Boden, Möbeln, Wänden und Türen zu entfernen. Mal gucken, wie lange wir noch Blutspritzer finden. Michel geht es aber wieder gut, es hat aufgehört zu bluten und er wollte über Nacht auch kein Pflaster haben, sondern lieber Luft dran lassen. Es tut auch nicht mehr weh, sagt er. Nur noch ein bisschen. Puh!

Tag 1710 – Corontäne Tag 37.

Die Tage kriechen und fliegen gleichzeitig. Faszinierend.

Heute war ich einkaufen. Im Meny gibt es lose abgewogene Hefe, falls Sie welche brauchen. Norwegen hat jetzt auch wieder Roggenmehl.

Was ich noch erzählen wollte: ich war Donnerstag bei der Endokrinologin im Krankenhaus, wegen der Schilddrüse. Wie zu erwarten, zweites Rezidiv heißt, Organ soll raus. Aber weil ich nicht grad begeistert davon bin, zum jetzigen Zeitpunkt von Levaxin abhängig zu werden, warten wir erstmal ab, dann bin ich halt von Carbimazol abhängig, so what. Mit einer sehr niedrigen Carbimazoldosis lebe ich ein recht gutes Leben. Was mich überrascht hat waren zwei Dinge: 1. kommt Radioiod doch in Frage, unter Cortisonschutz für die Augen und wenn ich mich danach für ein paar Tage von der Familie isolieren könnte (oder die Familie wo anders sein könnte). Geht also zur Zeit nicht. 2. würde man mich, auch wegen der Augen, ganz am unteren Ende des TSH-Normbereiches einstellen und das versuchen wir jetzt auch mit dem Carbimazol. Ich muss also immerhin nicht befürchten, dass man versuchen wird, mich „langsam zu machen“. Das war eine Angst von mir, die mir jetzt genommen wurde. Weiterhin wurde nicht mit mir geschimpft, weil ich mich um meine Medikamentendosis dieses Mal komplett selbst gekümmert habe. Das macht mich auch froh. Ich empfehle das ausdrücklich nicht zur Nachahmung, wenn man nicht schon einige Erfahrung mit der eigenen Schilddrüse hat, aber meine jetzige Hausärztin hat halt, so nett sie ist, keinen Plan von dieser Krankheit. Zu Anfang sagte sie mir eine zu niedrige Medikamentendosis an. Dann bestellte sie mich nicht zu weiteren Blutproben ein. Ich organisierte mir selbst welche. Woraufhin sie mir mitteilte, meine Werte seien „schon viel besser“, ohne mir zu sagen, was das genau heißen soll und ob ich die Dosis anpassen soll. Ich rief an und erfragte die Werte, passte die Dosis an und machte neue Blutprobentermine aus. Irgendwann fand ich raus, dass man sich bei dem Labor, in dem die Proben analysiert werden, als Patientin einfach einloggen kann und da alle Ergebnisse einsehen kann. Meine ganze Historik liegt da! Ich bin entzückt! Und über all das hat die Endokrinologin nicht geschimpft! Ich darf die nächsten 6 Monate so weiter machen, immer mal kontrollieren, wenn ich oder die Hausärztin Fragen haben, sollen wir im Krankenhaus anrufen, und dann gucken wir in 6 Monaten noch mal, wie sich die globale Versorgungskette für Levothyroxin so entwickelt hat. Klingt wie ein guter Plan.

Am Ende des Termins gab es einen kurzen seltsamen Moment, in dem ich die Türklinke anstarrte, als sei die hochgradig infektiös. Dann wusch ich mir sehr sehr gründlich die Hände, machte die Tür mit einem Papiertuch auf und winkte der Ärztin zum Abschied, die über die Aktion sehr lachen müsste und meinte, man merke, dass ich wisse, was ich da tue. Joa. Gelernt ist gelernt, ne?

Ich weiß immer noch nicht, was ich mit meinen Haaren machen soll. Heute Morgen sah ich so aus:

Elvis wär neidisch.

Die Friseur*Innen machen zwar am 27. auf, werden ja aber zu Anfang völlig überlaufen sein. Mich reizt auch der Gedanke nicht, zum Friseur nach Oslo zu fahren. Aber irgendwas muss passieren, schon allein weil es (das kenne ich so gar nicht!) unter der Haarmasse juckt. Undercut? Hat man das noch? (Haha, als wär mir das nicht egal, was „man“ so hat.) Vielleicht lasse ich einfach Herr Rabe morgen mal kreativ werden?

Jupp, das unter meinem Auge da, das ist ein blauer Fleck. Das war Pippi neulich, jedenfalls indirekt. Macht Freude, zur Zeit mit einem blauen Fleck im Gesicht rumzulaufen, wo die Medien voll von Berichten über häusliche Gewalt sind. Auch in Norwegen ist das so und es ist ja auch ein großes Problem in vielen Familien. Seufz.

Sobald ich mich im Freien befinde, habe ich Niesreiz und tränende Augen (trotz Sonnenbrille, an der Helligkeit liegt es also nicht). Das war letztes Jahr im Frühling auch schon so. Ich werd doch nicht mit Mitte 30 noch Heuschnupfen kriegen? Ich habe aus Prinzip keine Allergien! Allergien haben die Kinder, die nie im Matsch spielen durften! Und Hypochonder (ok, also ich), die auch. Mimimi. Seufz.

Hier ist R0 jetzt bei 0,67. Des Weiteren ist die Smittestopp-App bereits von 1,2 Millionen Leuten runtergeladen worden. In zwei Tagen. Noch 800.000 und sie wird sinnvoll einsetzbar. Ich hab sie schon. Ja, da kann man jetzt den Untergang der individuellen Freiheit und aller Persönlichkeitsrechte befürchten, ich habe mich dazu entschieden, zu glauben, was die App verspricht: die Daten werden nur dazu benutzt, herauszufinden, wer mit jemandem, der infiziert ist, seit dessen vermuteter Ansteckung mehr als 15 Minuten näheren Kontakt hatte. Die werden dann gewarnt und können sich in Quarantäne begeben. Die Daten werden nicht genutzt, um die Einhaltung der Kontaktbeschränkungen, des Hütteverbots oder einer Quarantäne zu kontrollieren. Nach 30 Tagen werden alle Daten automatisch gelöscht (und man kann auch selbst jederzeit alle seine Daten löschen). Ich glaube das mal. Fertig.

Tag 1706 – Corontäne Tag 33.

Lange Tage. Langer Tag. Ich kam zwar problemlos nach Oslo durch (kein Stau! Das passiert wohl nur ein Mal im Leben!) musste dann aber fast eine Stunde auf die Blutentnahme warten. Zusammen mit einer Menge Menschen, die mir nach fast 5 Wochen ohne Menschen um mich rum furchtbar groß vorkam, es aber wohl eigentlich gar nicht war. Manche trugen Mundschutz, die meisten aber nicht. Eine Person hustete, aber schleimig, nicht trocken. Ich atmete fast eine Stunde lang sehr flach.

Danach Arbeit Arbeit. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wollen auch weggeschafft werden. Abends die traurige Nachricht, dass ein sehr netter Kollege gestern leider verstorben ist. Etwas unglücklich, dass in der Mail nicht stand, woran, nur zufällig weiß ich, dass es nicht Covid19 war.

Beim Versuch, das iPad aus ihren Händen zu entfernen, damit ich sie ins Bett bringen kann, schlug Pippi nach mir und ich haute mir beim Ausweichen am Bett so doof den Kopf an, dass ich jetzt ein geschwollenes Jochbein hab (noch ist es nicht blau, aber was noch kein Veilchen ist, kann ja noch eins werden) und dazu heftige Kopfschmerzen.

Ich mag nicht mehr. Kack Film.

Dazu passend: The parents are not okay. Noch eine Woche mit zwei Kindern, dann eine Woche mit einem Kind und wenn beide gesund bleiben (was ja an sich schon an ein Wunder Grenzen würde) und Vollzeit betreut werden (das ist zur Zeit noch fraglich, die Hygiene- und Infektionsschutzrichtlinien für Grundschule (1.-4. Klasse, das ist hier nur die halbe Grundschule!) und Kindergärten sind noch nicht raus) sind dann zumindest die Kinder tagsüber außer Haus und wir Erwachsenen können vielleicht wieder atmen und sowas wie normale Arbeitstage haben. Das wäre irgendwie schön.