Tag 2009 – Viel zu spät!

Wir wollten nur eine Folge Discovery gucken und dann wurden es die letzten drei der dritten Staffel. Spannend war’s, und schön auch. Am Ende wird alles gut, hach. (Ich geb’s zu, ich hab einen schlimmen Happy End-Drang und Geschichten mit traurigem oder gar offenem Ende verfolgen mich ewig.)

2009 haben Herr Rabe und ich geheiratet und jetzt, äh, drei Jahre später, versacken wir immer noch zusammen vorm Fernseher.

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Ansonsten war heute Entwicklungsgespräch mit Michels Lehrerin und Michel, über Teams und Michel ist schon ein super Kerl. Und ich werd nicht müde, die Lehrerin zu lobhudeln, aber die hat so eine nette und trotzdem verbindliche Art, mit Michel zu kommunizieren, das ist ganz faszinierend zu sehen. Da hört er zu, ohne bei Kritik gleich auszuflippen und dicht zu machen. Es ist Zauberei! Anders kann ich mir das nicht erklären. Michel ist jedenfalls in ungefähr allem total gut in der Schule, muss nur noch aufpassen, dass er „wenn viele Gedanken aus seinem Kopf wollen“ nicht beim Schreiben schludert („dann fliegen die Buchstaben in voller Fahrt von der Linie“). Das habe ich auch schon bemerkt, hätte das aber eher als Sauklaue bezeichnet oder halt als Schludrigkeit, und deshalb bin ich auch nicht Grundschullehrerin, sondern sie.

Tag 1992 – Meilensteine.

Michel kann jetzt Kaffee kochen. Also, nein, anders: Michel kann einen Kaffee Latte machen, an einer Siebträgermaschine und mit Dampfdüse ohne „Cappucinator“ und ohne Thermometer. Das macht er sogar freiwillig und bringt ihn uns ans Bett. „Davon habe ich nichts, Mama, nur glückliche Eltern.“ Ja, mein Spatz, überglückliche und vor Stolz platzende Eltern. Hachz hachz.

Wir haben die Kinderzimmer endlich, endlich so weit fertig. Und auch in unserem Arbeitszimmer ist wieder halbwegs Fußboden erkennbar. „Umziehen“ ohne Umziehen ist wie diese Schiebespielchen, wo man Plättchen mit nur einem freien Raum hin- und herschieben muss, bis sie ein Bild ergeben. Inklusive „ich hab mein Glas auf die Kommode gestellt – aber wo ist die Kommode hin?“. Uffz. Bilder morgen, heute war ich zu alle und die Kinder hatten auch schon ein Zimmer voll Lego gerödelt und in einem gebastelt. So wird das nix mit der Instagramability.

Ehrlich gesagt freue ich mich auf einen normalen Montag. Wir haben keinen Knoblauch mehr, nachdem die letzte Knolle zur Hälfte nicht mehr gut war – was wir an Heiligabend nachmittags bemerkten. Ich habe zwar auch zu morgen einen Einkauf bestellt, aber den Knoblauch vergessen. Gnah. Aber so habe ich eine Ausrede, wieso ich dringend das Haus verlassen und in den Ort gehen muss. Gehen, weil sich für eine Knoblauchknolle ja auch nicht lohnt, das Auto zu nehmen. Außerdem ist es eh sauglatt (morgen hoffentlich nicht mehr, es gab heute mehrere Unfälle in unserer Gegend und die Norweger*Innen sind ja Schnee, Schneematsch und Glätte eigentlich gewohnt). So.

Jetzt ab ins Bett, morgen geht ein Wecker, gegen die Versumpfung.

Tag 1990 – Spät, aber zufrieden.

Ok, es hätte alles irgendwie zwei Stunden eher sein können heute, aber was soll’s, wir haben ja Ferien.

Pippis Zimmer ist jetzt fertig gestrichen, in mintgrün und taubenblau. Da sie da aber schläft, gibt es erst morgen Bilder. (Ich bin auch ein bisschen gespannt, wie es bei Tageslicht aussieht, muss ich sagen. Die Farben hat sie ja selbst ausgesucht.)

Ich freue mich sehr darauf, morgen sämtliche Möbel in die Zimmer zu räumen, in die sie gehören. Außerdem sind wir dann soweit oben mit dem Streichen durch, bis wir uns überlegt haben, was mit dem Schlafzimmer passieren soll. Das ist auch sehr schön. Das heißt auch, noch unten der Flur* und dann sind wir für’s erste durch mit Renovieren, Hurra!

So Hurra ist es gar nicht, ich streiche ausgesprochen gerne. Es hat für moderaten Aufwand einen tollen „Neu!“-Effekt, und es ist eine relativ stumpfsinnige, relativ körperliche Tätigkeit, bei der man sich nebenbei unterhalten, Musik oder Podcast hören kann und die GAR NICHTS mit Computern zu tun hat.

Außerdem weiß ich jetzt wieder was, was Michel und ich gemeinsam haben, denn Michel kam, als ich an der zweiten Farbschicht arbeitete, und sagte „Hmmm, das riecht so gut. Farbe ist mein Lieblingsgeruch!“ Farbe und Keller. Und irgendwas „in Deutschland“, auf das ich grade nicht mehr komme**, was ich aber auch sofort wohlig in der Nase hatte.

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*vorher müssen wir aber vermutlich erst mal neues Malertape kaufen. Überall Leisten, Türen, Fenster, Steckdosen, Lichtschalter, wasweißich: wir haben den Tapebedarf deutlich unterschätzt.

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** UPDATE: Ich hab noch mal gefragt und es sind die unterirdischen Straßenbahnhaltestellen in Bielefeld!

Tag 1987 – Ufffffffz die 2.

Wieder Hunger, aber das kann gar nicht sein, also ignoriere ich das.

Wir haben Weihnachtsvorbereitungsmäßig alle Hände voll zu tun. Und da ich immer Hunger habe und hungrig bestellen genauso blöd ist wie hungrig einkaufen, platzt unser Kühlschrank bald aus allen Nähten. Heute war ich auf zwei Einkaufstouren, erst in Oslo, das vor einem Monat bestellte Fleisch vom Hipsterfleischer kontaktarm abholen (zur Abholzeit hin, mit viel Abstand draußen in eine 3-Menschen-Schlange stellen, Nummer sagen, 30 Sekunden warten, Karton in Empfang nehmen, nach Hause fahren. Alle trugen Masken.), dann in Råholt, beim „Reko-Ringen“ bestellte Eier und, naja, noch mehr Fleisch (von freilaufenden Bergschweinen!) auf die gleiche Art und Weise abholen. Normalerweise haben wir ja Eier vom quasi eigenen Huhn (über unseren Gemeinschaftsbauernhof), aber da machen die Hühner grad Winterlegepause und das heißt, da gibt es grad keine Eier. Gut, dass es da eben andere Bauern bei uns in der Nähe gibt, auf deren Eier man ausweichen kann. Beim Reko-Ringen tun sich da mehrere Bauern aus der Region zusammen und liefern ein- bis zweimal im Monat auf einem Parkplatz vorbestellte Waren aus. Ich gucke also vorher mal in die Facebook-Gruppe, was es so gibt, und schreibe dann die entsprechenden Händler an, „ich hätte gerne ein Brett Eier“ oder „ich möchte ein kleines Stück geräucherten Schinken bestellen“.

Weil ich dann eh in Råholt war und unser Lieferslot für den Großeinkauf über „Kolonial“ leider wegen zu zögerlichem Bestellverhalten verloren ging, habe ich noch den Weihnachtseinkauf drangehängt. Hungrig. Wir können jetzt also so bis Februar eingeschneit werden, wir kommen klar.

Ich empfehle übrigens ausdrücklich Michel als Begleitung auf solchen Touren. Der möchte im Auto „All I want for Christmas“ hören und singt mit. Das ist sehr niedlich. Was ich nicht empfehlen kann, ist, auch noch seinen Kumpel mitzunehmen, denn dann wird man konstant vollgelabert und aus den Handys der Jungs schallen auch noch unterschiedliche Spiel- und Musikklänge. Das ist, in Verbindung mit Auto fahren, etwas herausfordernd.

Zwischen den ganzen Einkaufsaktionen habe ich noch Michels neuen Schrank aufgebaut. Ein Loblied auf I*ea, echt mal. Die stecken offenbar echt viel Hirnschmalz in ihre Produkte, sodass sie inzwischen super einfach aufzubauen sind. Einen Schrankkorpus ohne Schrauben! Ich bin begeistert! Da man sich inzwischen schon ein bisschen Mühe geben muss, um die Einzelteile falsch zusammenzusetzen, habe ich einen gefühlten persönlichen Rekord aufgestellt, indem ich nur bei einer Schublade die Seitenteile falsch herum eingesetzt habe sowie eine Schubladenlaufschiene (von 16!) seitenverkehrt angebracht habe. Da man aber spätestens beim übernächsten Teil merkt, dass irgendwas nicht stimmen kann, ist das gar nicht dramatisch und schnell behoben. Hach! Ich finde, „Nachmacherprodukte“ kommen da noch lange nicht ran. Da geht noch was – und in der Zeit geht I*ea weiter und macht noch was noch einfacher, so jedenfalls mein Eindruck. Wer das Gegenteil behauptet, die*er hat noch keinen Platsa-Korpus aufgebaut.

Was ich mir von I*ea wünsche, ist, die Anleitungen nur noch ins Netz zu stellen, und gegebenenfalls im Möbelhaus auszudrucken für die die das möchten. Aber ich brauche wirklich nicht 16 mal die Anleitung für das Anbringen der Laufschienen für die Schubladen. Das spart vielleicht nicht viele Ressourcen, aber vielleicht ein paar.

Tag 1983 – Neun Prozent.

Ich habe zwei Endgeräte, nämlich mein Handy und mein (neues) Arbeitstablet, heute zwei mal leergedaddelt. Mein Handy hat jetzt noch neun Prozent und ich hab auch irgendwas in dem Dreh. Ich bin wirklich platt, aber jetzt habe ich halt auch URLAUB. Hurra. Uff. Hurra.

Jetzt liegt hier schon wieder so ein 1,36 Meter großer Zwerg neben mir im Bett und schnauft, hachz. (Morgen früh ist davon nichts mehr hachz, weil ich so echt schlecht schlafe, aber manchmal lacht er im Schlaf und… hachz!)

Morgen werden wir diverse Heimwerkdinge kaufen und einen Weihnachtsbaum sägen, für den wir gar keinen Platz haben, weil wirklich ALLES voller Möbel steht, die wir nicht mehr brauchen.

Ich fühle mich leicht emotional. Was für ein völlig beklopptes (Arbeits-)Jahr da zu Ende geht. Was für ein beklopptes (Arbeits-)Jahr auf uns zu kommt.

Wenn ich spekulieren müsste, würde ich annehmen, wir fangen vielleicht dieses Jahr noch mit dem Impfen an und haben bis Ostern einen großen Teil der wirklich stark für einen schweren Verlauf Gefährdeten geimpft, sowie Teile des kritischen Gesundheitspersonals. Es wird, besonders bei letzteren, allerdings auch einige geben, die sich nicht impfen lassen wollen. Aber 60-70% reichen ja auch. Weil aber der allergrößte Teil der U60-Bevölkerung noch nicht geimpft ist, kriegen wir eine dritte Welle im März/April, vornehmlich unter jungen Leuten, weil „man kann ja jetzt wieder…!“. Es gibt also wieder Beschränkungen wie Fitnesstudios zu. Clubs machen kurz auf, es gibt massive Ausbrüche und sie machen wieder zu. Dann kommt irgendwann der Sommer und saisonale Effekte führen hoffentlich wieder zu einem starken Rückgang. Man kann wieder Urlaub in supersexy Dänemark und im Schwarzwald machen, allerdings kann man kaum vorausschauend buchen. Die Impfung (inzwischen gibt es sicher 3-5) erreicht ganz langsam auch die jüngeren, fitten Menschen. Ob die sich in ausreichendem Maß impfen lassen, hängt vermutlich maßgeblich davon ab, ob im Frühjahr viele Menschen in dieser Gruppe schwer erkranken und ob nicht doch noch unerwartete spät auftauchende Nebenwirkungen der Impfung(en) entdeckt werden.

Und mit ein bisschen Glück ist dann in einem Jahr wieder alles beim neuen normal. Soweit meine Spekulation, begründet auf meiner imaginären Glaskugel.

Wer hätte das vor einem Jahr gedacht.

Tag 1973 – Schulung und Schule.

Ich hab heute wirklich viereckige Augen, nach sechs Stunden online-Seminar mit Teilnehmenden aus der ganzen Welt und danach noch „normaler“ Arbeit. An der Pandemie ist ja eines wirklich gut: ich muss nicht nach London fliegen, kann „dort“ aber an einem Kurs oder einem Symposium teilnehmen. Ich muss auch nicht nach Istanbul oder nach Helsinki fliegen, kann „dort“ aber an Seminaren teilnehmen. Wenn ich nicht wollen würde, könnte ich sogar in den Seminar-Workshops einfach rumsitzen und die anderen reden lassen, die Konvention, die Kamera bei Meetings mit Interaktion anzulassen ist ja eh offenbar noch nicht flächendeckend durchgesetzt (ich finde das furchtbar, mit blauen Kreisen mit Initialien drin zu sprechen, viel, viel furchtbarer als die occasional office cat oder hässliche Weihnachtsdeko im Hintergrund). Andererseits wäre ich heute eingeschlafen, wenn ich bei dem Workshop nicht aktiv teilgenommen hätte, also war ich halt… naja, sehr aktiv. Die Diskussion, die ich mir erhofft hatte, fand dann leider auch nur zwischen 3 von 8 Teilnehmenden statt. Formloser Austausch ist bei Webinaren also eher holprig.

Aber geschlaucht hat das trotzdem, auch ohne Reise.

Hier war heute übrigens der Nikolaus. Ich hatte ja gedacht, dass die Kinder das gar nicht auf dem Schirm haben, weil das in Norwegen gar keine Tradition hat, aber da hatte ich Michel mit seinem Elefantengedächtnis unterschätzt. Der fragte nämlich gestern morgen, wann denn der Nikolaus noch mal komme. Tja, äh. Mit Michel kann man ja ehrlich sein, also sagte ich, das Stiefel rausstellen haben wir, Papa und ich, vergessen, aber wir können das nachholen, wenn er möchte. Michel wollte, also tischten wir Pippi die Geschichte auf, dass der Nikolaus ja erst aus Deutschland zu uns reiten muss, das dauert eben. Michel will sowas ja auch immer gerne glauben, ist aber eigentlich zu abgeklärt. Für Pippi spielt er mit und fragt auch nicht nach. Er ist jetzt auch in dem Alter, in dem er noch gerne an den Weihnachtsmann glauben möchte, aber starke (berechtigte) Zweifel hat, und wir versuchen, ihm den Zauber zu bewahren und ihn nicht brutal zu desillusionieren, wenn er das will, und gleichzeitig möglichst ehrlich zu sein, wenn er das will und das ist ein ziemlicher Balanceakt.

Generell glaube ich ja, acht Jahre alt sein ist gar nicht mal so einfach.

Heute hat Michel auch sein „Zeugnis“ bekommen, also seine Halbjahresbeurteilung. Norwegische Kinder bekommen ja erst ab der 8. Klasse Noten*, bis dahin ist es eingeteilt in „kann“, „könnte besser können“ und „kann noch nicht“. Michel kann das allermeiste was er können soll, die 3er und 4er-Reihe muss er noch ein bisschen üben und seine Norwegischbewertung ist etwas lustig – er schreibt so gern so viel und so kreative Geschichten, dass dabei vor lauter Eifer seine Handschrift nachlässt und die Geschichten etwas konfus werden. „Er hat viel in seinem Kopf, das heraus will.“ Ja, das ist doch mal eine treffende Beschreibung.

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*und sitzen bleiben kann man gar nicht. Ist nicht möglich. Ich finde das bisher gut und besser als das deutsche Schulsystem, in dem in meiner Außenwahrnehmung super viel Druck schon auf recht kleinen Kindern lastet.

Tag 1970 – Bastelmaus und Pups.

Wir haben gestern erfahren, dass Michel seinen Kumpels deutsche Schimpfworte beibringt, zum großen Vergnügen aller Beteiligten. Es kam zur Enthüllung, weil Michel seinen Kumpel zwang „Experimentier-Adventskalender“ vorzulesen, was natürlich schon ein fieses Wort für norwegische Zungen ist. Fand auch der Kumpel und sagte dann „Du bist ein Pillemann!“ zu Michel. „Gnihihi“ sagte Michel, während mein Kopf noch verarbeitete, dass das norwegische Kind grad sowas wie deutsch gesprochen hatte. „DU BIST KLEIN!“ sagte der Kumpel und Michel lachte sich halb schlapp, das war offenbar ein gut eingeübtes Spiel. „DU BIST EIN KLEIN‘ PILLEMANN!“ rief der Kumpel. „DU BIST EIN PUPS!“ rief Michel, woraufhin der Kumpel fragen musste, was Pups ist.

Wir entlockten Michel dann noch, dass er auch mehreren Kindern in seiner Klasse diese Wörter beigebracht hat, und so unangenehm mir das ist, bin ich doch seltsam erleichtert, dass er nicht die viel gröberen Schimpfworte, die mir so entfleuchen, den neugierigen Drittklässlern beibringt. Wörter, die er anderen beigebracht hat:

  • Pillemann
  • Pups
  • Kack

(Vielleicht fange ich auch einfach an, andere Autofahrende als „klein‘ Pillemann“ zu bezeichnen, das ist viel netter, als mein in diesen Situationen bevorzugter Kraftausdruck.)

Pippi hingegen ist in einer hardcore Bastelphase. So ziemlich jeden Tag bekommen wir irgendwas aus dem Kindergarten mitgebracht, ein ausgemaltes Bild, ein komplett selbstgemaltes Bild von uns als Familie mit vielen Herzchen, Bilder von Häusern mit Herzchen, Bügelperlen-Herzchen, Ketten, Perlen, Armbänder, you name it. Das hier hat sie mir beim Kulturhjulet gemacht:

Mama ist sehr stolz.

Zusätzlich bastelt sie dauernd irgendwas zu Hause und kann sich stundenlang mit Wasserfarbe und ähnlichem beschäftigen. Das ist schon sehr schön und die Erzeugnisse sind auch sehr süß und gut beobachtet.

Pippi hilft aber auch gern zu Hause mit, hier zum Beispiel beim Meerschweinchen füttern:

Meistens sind die momentan beide zum Knutschen. Also außer, wenn sie sich drum bewerben, als erstes an der Tanke „vergessen“ zu werden. Dann nicht.

Mein Arbeitgeber kam gestern mit lauter guten Sachen um die Ecke, erst gab’s Frühstück an die Haustür geliefert, dann einen unverhofften kleinen Geldsegen und am Ende auch noch Blümkes „für den außerordentlichen Einsatz in einem speziellen Jahr“.

Das haben alle Angestellten bei uns bekommen, nicht dass Sie jetzt denken, ich wär da irgendwie besonders aufgefallen. Aber ich freue mich natürlich über die Anerkennung. 2020 war kacke, für uns alle, und ein Strauß Blumen ist da besser als alles, was sonst so seit März von der Leitung kam.

Tag 1947 – Mal wieder Dugnad, Geld, Onesies.

Erstmal bitte ich um Entschuldigung, dass ich gestern im Volltran spät abends von HMS gefaselt habe. Ich dachte, die Abkürzung sei ja auf Englisch die gleiche, und die kennt man ja. HMS ist SHE, wie wir sehen, quasi die gleiche Abkürzung. Die Abkürzung steht für Helse, Miljø, Sikkerhet, also Gesundheit, Umwelt, Sicherheit. Arbeitsschutz. Wir sollen auch im Homeoffice die Arbeitsschutzrichtlinien einhalten, ich nehme ganz stark an, dass den Arbeitgeber*Innen langsam aufgeht, dass sie da eine Verantwortung haben, so lange wie das schon dauert. Da hilft ein unter völlig anderen Prämissen (nämlich „Homeoffice gelegentlich, nicht mehr als 25 Tage im Jahr“) unterschriebener Wisch aus dem Januar leider wenig, wenn wir uns auf Küchenstühlen grad alle den Rücken ruinieren. Meine Chefin war leider nicht sonderlich offen für Übernahme von Kosten für bessere Ausstattung. Mal sehen, was das noch gibt.

Wir hatten heute den letzten Termin mit der Finanzberaterin, jetzt ist unsere Umstellung erst mal abgeschlossen. Uff. Das war ein ziemlicher Aufriss. Aber es hat sich gelohnt, wir werden jetzt weniger als vorher sparen und anlegen und damit mehr erreichen. Niemand wird im Alter am Hungertuch nagen müssen und wir können in ein paar Jahren die Küche renovieren, ohne dafür noch mal den Kredit erhöhen zu müssen. Das ganze System ist deutlich verschlankt, wir müssen nur noch eine Überweisung im Monat nach Deutschland tätigen und vor allem haben wir keine unnötigen Versicherungen mehr, die im Fall der Fälle eventuell eh gar nicht zahlen würden, sofern wir nicht zum Beispiel Gutachterpersonen einfliegen wollen um z.B. einen deutschen Pflegegrad zu bekommen. Ich freue mich vor allem drauf, mich jetzt wieder eine Weile nicht groß darum kümmern zu müssen.

Am Nachmittag war hark-Dugnad [Gemeinschaftsarbeit] im Kindergarten. Unser Kindergarten hat grad wegen Krankheit echte Personalprobleme und da harken die nicht auch noch nebenher. Verständlich. Aber es stehen riesige, alte Linden überall auf dem Gelände und das ganze Laub kann da nicht bleiben. Also harkte ich und fuhr auch noch einige Schubkarren voll Laub weg, dann wurde es aber zu dunkel. Pippi hat natürlich sehr kräftig mitgeholfen und war sehr stolz, dass Mama auch Dugnad macht. Integrierter geht kaum.

Lauter Haufen.

Tatsächlich war es ganz schön, sich bei Tageslicht draußen zu bewegen und auch (mit sehr viel Abstand) ein paar Worte mit den anderen Kindergarteneltern zu wechseln.

(Homeoffice ist echt nicht gut für mich.)

Apropos Homeoffice: Herr Rabe und ich haben uns gestern Onesies bestellt. In einer eeeeetwas anderen Qualität als die in großen Kindergrößen von Lindex, die wir haben. Diese Homeofficescheiße geht ja vermutlich noch den ganzen Winter so weiter, dann bald stilecht und leicht peinlich obendrein im Partnerlook.

Michel hat sich auch einen weiteren Onesie gewünscht und hat jetzt einen im Schneeleopardenlook. Es ist sehr niedlich.

Er wollte ihn eigentlich heute zur Schule anziehen, aber das konnten wir abwenden.

Tag 1926 – Uncool.

Die Inspektion ist vorbei und das heißt:

  • morgen im Pandaonesie/Jogginganzug/jedenfalls ohne Inspektørinnendress und ohne Schuhe (!!!) arbeiten (wie sehr man sich im Homeoffice an das Arbeiten in Socken gewöhnt, ist etwas beängstigend)
  • Erst in einer Woche wieder mit dem Auto nach Oslo fahren (fun fact: quasi an den gleichen Ort)

Der Pendelhass hat sich heute noch mal zu ungeahnten Höhen aufgeschwungen. Morgens Stau, Abends Stau, je Weg eineinhalb Stunden statt 55 Minuten. Irgendwann hätte ich das Auto gerne einfach stehen gelassen und wäre zu Fuß gegangen.

Weil Donnerstags HipHop ist und es zeitlich gerade so hinhaute, fuhr ich direkt vom Auto abliefern dorthin. Nicht ganz direkt, weil ich den Zug um eine Minute verpasste, aber wie ich ja weiß gibt es in Gardermoen große, saubere und kostenfreie Toiletten im öffentlichen Bereich und deshalb konnte ich die Wartezeit nutzen und mich dort aus meinem Inspektørinnenkleid und der Strumpfhose pellen und gegen Leggings, Sport-BH und T-Shirt tauschen. Leider hatte ich vergessen, andere Schuhe mitzunehmen, und hatte dann eben Sportleggings (als solche sehr deutlich zu erkennen wegen Reflexstreifen überall und Belüftungsgewebe in den Kniekehlen) zu hochhackigen Wildlederstiefeletten an. Tjanun.

HipHop war cool, nur was wir heute machten, sah an mir und den anderen Teilnehmerinnen (der eine Mann ist mitgemeint) eher nach „Mama, du bist peinlich, lass das mal lieber“ aus als nach cool. Oskar, der Trainer, findet uns trotzdem toll. Ich finde schwitzen und rhythmisches Herumzappeln zu Musik toll. Nur die 16 Jährigen Mädels, die zeitlich leicht überlappend Ballett haben und sich feixend vor unserem Raum auf dem Flur verknoten, die muss ich nicht haben. Generell muss ich die klischeehafte Version von Ballettmädels nicht haben, egal welchen Alters. Ich weiß, dass viele anders sind, aber die Klischeeversion hab ich nach reichlicher Erfahrung gefressen. Und die stirbt nicht aus und ist offenbar auch länderübergreifend anzutreffen.

Abends kuschelte ich lange mit den Kindern. Die sind sehr groß geworden in den letzten drei Tagen. Vor allem Michel. Michel ist auch ganz begeistert dabei, Muffin das Sorgenschwein zu versorgen. Dabei ist er auch ganz ruhig und entspannt und liebevoll. Das ist sehr schön zu sehen.

Muffin muss weiter Antibiotika nehmen, diesmal ziehe ich das durch, bis da alles 100%ig verheilt ist, und vor allem muss Muffin zunehmen. Deshalb kriegt er nach dem Antibiotikum immer eine gute Dosis extra Snacks, wie zum Beispiel Sonnenblumenkerne. Die nimmt er gerne auch direkt aus den Fingern, Michel reicht ihm das gerne an und so freunden sich die beiden an. Muffin hat sich an die Antibiotikagabe soweit gewöhnt, dass er sich ohne auch nur noch wegzulaufen aus dem Käfig angeln lässt, und obwohl er zwar versucht, den Kopf wegzuziehen, geht es doch meist recht fix, Schwein packen, Kopf leicht fixieren, Spritze seitlich ins Maul, langsam schieben, fertig. Dann schmatzt Muffin angewidert vor sich hin aber ich glaube in dem kleinen Meerschweingehirn wird das Unangenehme recht schnell mit „geil, Sonnenbumenkerne!“ verbunden und teilweise überschrieben. Pawlow ist schon echt klug gewesen. Die Snacks zeigen auch erste Erfolge: 50 g hat Muffin zugenommen, in einer Woche. Superschwein! Wir drücken weiter die Daumen.

Tag 1920 – Nicht viel zu erzählen.

Es ist scheiße kalt hier im Norden. Ein Teil des Wochenendes wird wohl dafür genutzt werden, den Garten endgültig winterfest zu machen. Nachts friert es schon und abends frieren mir auf meinen Spaziergängen schon die Finger ab.

Dem Sorgenschwein geht es unverändert. Dass es nicht wieder schlimmer wird ist gut, dass es nicht ganz weg ist, ist aber erstmal nicht so gut. Ich beobachte das weiter kritisch.

Der Arbeitstag kam direkt aus der Hölle und am Ende schrieb ich eine Mail an vier verschiedene Empfänger*Innengruppen: drei mal „bitte beantwortet die in grün markierte Frage und schickt die Antwort an mich“ und ein Mal „Ich brauche Hilfe. Bitte schaut euch die in grün markierten Fragen an, ich setze ein Meeting auf, bis dahin mache ich mir selbst Gedanken, die dürft ihr im Meeting dann zerpflücken.“ Es steht übrigens sogar in der Compilation (der Inspektoren-Bibel), dass wir keine Consultantrolle einnehmen sollen, insofern frage ich mich ein wenig, wie man auf Mails von einer Firma (mit der wir ein gutes Verhältnis haben), in der literally 8 der schwierigsten Fragen, die mir bisher überhaupt so serviert wurden, stehen, reagieren soll. Soll ich antworten „stimmt, ist auch schwierig, weiß ich auch nicht“? Das wäre ehrlich. Aber wie gesagt, das war am Ende des Arbeitstages, meine Hilflosigkeit ist bisher nur intern geäußert worden und vorher hab ich lauter total kompetente Sachen gemacht.

Ok, da war die eine Sache, wo der Kollege und ich ne Falle in unserem Archiv gefunden haben, die dazu führt, dass man an Dateien nicht mehr ran kommt und panische emails mit „die Frist läuft heute (!!!) aus“ an die Archivare schreibt, damit die Schrödingers Datei, die gleichzeitig ausgecheckt ist und sich nicht wieder einchecken lässt, weil sie ja ausgecheckt ist, wieder befreien.

Abends habe ich extra lange mit den Kindern gekuschelt. Die kommen grade zu kurz und ich wird es ja. Ach, seufz. Michel hat abends viel zurück gesteckt, weil Pippi einfach lauter nörgelt, und meinte zu mir, als ich gesagt habe, dass das aber lieb sei (Pippi in seinem Bett schlafen zu lassen und auf das „mit Mamas Händen kuscheln“* zu verzichten) , dass man ja „ein bisschen nett sein muss“. Natürlich ist mir das lieber als das Dauergeschrei und -gestreite, aber es arbeitet sehr deutlich in ihm. Er kommt momentan auch wieder jede Nacht in unser Bett. Außerdem schiebt er sich am Tag gefühlte 10 Sandwiches rein, sonst isst er kaum was, aber Sandwiches, und momentan eben… viele davon. Wachstumsschub, ick hör dir trapsen, und den Entwicklungsschub auch.

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*er kuschelt dann eben mit meinen Füßen**

**der einzig machbare Kompromiss, da ich mich nicht zerhacken kann und die Kinder auf 1 m nicht nebeneinander schlafen können