Tag 793 – Mehr Schnipsel.

Heute früh mit Pippi beim Arzt gewesen, ein Follow-Up-Termin der „alle drei Wochen Fieber“-Geschichte. Folgendes geschah:

  • Geschrei schon beim Aufkleben des Pipibeutels, diese Dinger müssen echt unangenehm sein. Aber in einen Becher pullern hatte halt leider auch nicht geklappt.
  • Michel wollte unbedingt mit, einerseits sicher aus Neugierde, andererseits wollte er seine Schwester begleiten.
  • Vor der Arztpraxis: Pippi ruft begeistert „Trinken!“. Leute, vergesst Kinderspielzeug im Wartezimmer, stellt einen Wasserspender auf. Kinder happy.
  • In der Arztpraxis Urinbeutel weiterhin leer, Pippi weiterhin wegen des Beutels sauer.
  • Probennahme für CRP: Pippi ist echt das geduldigste Kind der Welt. Kein Mucks. Nur „Plaster?“ Und Michel gab ihr einen fetten Kuss und pustete den gepiekten Finger und ich war ganz gerührt.
  • Nach der Probennahme (mit Pflaster). Die Arzthelferin will uns rausscheuchen. Pippi marschiert schnurstracks zur Prämien-Schublade und sagt „Denne Ball.“. Ich war schon peinlich berührt (gierige Kinder…) aber Pippi ist so niedlich, die durfte dann sogar einen Flummi für die Arztpraxisflummisammlung UND ein Mammut („Elefant!“) haben. Und Michel einen Tiger. Seufz.
  • Die Ärztin bekam daraufhin von Pippi „En Elefant kom marsjeeeerende“ vorgesungen, Michel erzählte derweil, dass er morgen Geburtstag hat und dass er aber keinen Besuch bekommt und dass dafür an einem anderen Tag ein richtiges Fest ist und überhaupt sind die Kinder manchmal zum Fressen niedlich. Groß untersucht wurde nix, CRP unauffällig, Hämoglobin ein bisschen gestiegen seit dem letzten Termin (mein Plan, süß schmeckende Eisen-Kautabletten zu kaufen, damit Pippi die auch nimmt, ist voll aufgegangen) und eigentlich alles tutti. Pipiprobe: naja, nicht schlimm, sie ist ja grad eh gesund.

Dann in den Kindergarten gefahren. Michel direkt draußen abgeliefert, aber Pippi hatte 1. noch den Pipibeutel dran und 2. keinen Draußenanzug an. Also mit Pippi hoch gelaufen, wo noch alle (!) Babys waren. SIEBEN Einjährige. Plus Pippi und ihre Freundin, die schon zweieinhalb ist. Das Urinbeutelentfernen traf auf ungefähr so viel Gegenliebe wie das Kleben, aber wie ich das so abzog von der ja doch empfindlich dünnen Haut… Au. Ja. Arme Maus. Übrigens weiterhin leer. Ich glaube, die hat das echt hochgezogen, weil ihr der Beutel so unangenehm war. Wie dem auch sei, mit Pippi zu den Babys zurückgekehrt und Pippi angezogen, die zwei Betreuer*Innen die da waren waren ein bisschen überfordert. Und KEIN WUNDER. Was für ein wuseliger Haufen so Minis sind. Ich hatte ja nur Pippi, die ja auch schon viel selbst kann, aber in einer Tour zogen sich Zwerge an mir hoch, plumpsten wieder um, sabberten mich an, krabbelten und tapsten herum, stießen zusammen, wankten auf das seit einer Nanosekunde offene Treppengitter zu… ich würde, ganz ehrlich, irre werden, müsste ich das täglich mehrere Stunden am Kopf haben. Ich kam mir vor wie in einem dieser Filmchen, wo ein Tierpfleger versucht, einen Pandakäfig auszumisten, während zwei bis vier Pandas herumwuseln und Quatsch machen. Der eine Betreuer meinte auch nur, während er lauter Schuhe in Größen 19-22 an zappelige Füßchen zog, dass es schon ganz gut sei, dass er nur selten für die Kleinsten zuständig sei. Pippi nahm das Gewusel übrigens recht gelassen hin, bis eins der Babys ihre Wasserflasche mopste und direkt anfing, am (geschlossenen) Deckel zu nuckeln. Da schimpfte sie und rupfte dem Baby die Wasserflasche unter „Nei! Min!“-Gekreische aus den Händen. Und ich war froh, als ich endlich zur Arbeit fahren konnte.

Ex-Chef* angerufen. Wir waren dafür ja verabredet. Deshalb war ich auch ein bisschen irritiert, als er nicht dranging. Wiederholt. Aber tjanun, ich schrieb ihm also eine Nachricht, dass niemand ranginge und setzte mich an die Cleanbench. Eine halbe Stunde später rief er zurück. Er geht nicht an ausländische Nummern (jaja, weiß ich sogar, war schon immer so, bzw. manchmal ging er ran und sagte dann so Sachen wie „No, sorry, we are not interesting in sis conference.“, aber Herrgott, Norwegen ist ja nicht Indien…) An der rauschenden Cleanbench telefoniert es sich aber auch nur schlecht, also machte ich meinen Kram erst fertig und rief ihn dann auf dem Weg zum Kaffee holen zurück. Es folgte ein sehr nettes Gespräch, wirklich wie früher und ach, ach, ach, wieso bin ich da weg gegangen? Ich brachte mein Anliegen vor („Ich hab mich auf was beworben, wo ich viel Validieren und Qualifizieren müsste und jetzt, wonach das Vorstellungsgespräch bald hab, ist mir leider aufgefallen, dass ich das alles total vergessen hab!“) und er sagte die richtigen Worte („Richtigkeit, Robustheit, LoD, LoQ…“) um meine verschollenen Erinnerungen zu reaktivieren und nannte noch die EMA-Richtlinie dazu, genau, dachte ich, die war das. Lang ist’s her. Dann noch ein bisschen Klatsch und Tratsch und allgemeines Palaver über welche Projekte grade so laufen (zum Teil die Selben wie vor 4 Jahren, ich könnte vermutlich morgen wieder… aber lassen wir das) und „Wieso sitzt du denn noch an der Cleanbench, ich dachte du schreibst zusammen?“ und dann musste ich ihn auch mal wieder arbeiten lassen. Hachseufz. Das hatte schon Gründe, weshalb ich damals, als ich mich da verabschiedet habe, Rotz und Wasser geheult habe. Vor allen. Und es war mir auch nur ein ganz klein bisschen peinlich und im Nachhinein gar nicht mehr.

Ziemlich genau jetzt vor fünf Jahren ging ich ins Bett. Und in ca. 30 Minuten vor fünf Jahren platzte dort auch die Fruchtblase und das war nicht nur viel wegen hohem Stand, sondern auch noch dunkelgrün wegen Mekonium und keine Unterlage der Welt (auf denen ich ja schon seit Wochen schlief) hätte das aufsaugen können. Weshalb Herr Rabe auch schon am 1. Tag einen Abstecher nach Hause machte, um Laken, Matratzenschoner und meinen Thron aus Handtüchern, auf dem ich die Ankunft der Sanitäter erwartete, zu waschen. Dafür bin ich Herrn Rabe immernoch sehr dankbar.

Tag 765 – #12von12 im September ’17.

Und schon ist wieder der 12. und wie immer sammelt Caro bei Draußen nur Kännchen alle unsere 12von12 Sammlungen. 

Hier heute mit Kind (eigentlich nicht mehr) krank zu Hause und großen Schritten für kleine Leute. 

Der Tag ging los mit Fieber messen. Eigentlich hätte sie in den Kindergarten gehen können, aber sie sagte, sie will nicht (sie sagt grade zu allein erstmal nein, das ist also keine wirkliche Entscheidungshilfe) und ich fühlte mich nach der Nachtarbeit gestern auch völlig zerschlagen und so blieb Pippi also heute zu Hause. 

Nichts halbes und nichts Ganzes, aber nach der Odyssee gestern bin ich auch noch so im Eimer, dass K2 heute zu Hause bleibt. #1von12 von #12von12

Morgens so. #2von12 von #12von12


Dann kam, was sich Michel gestern gewünscht hatte: Sich selbst zum Kindergarten bringen. Alleine. Ich hab da mehrmals ordentlich geschluckt und drauf bestanden, dass ich noch bis zu der Ecke hier mitgehe, das ist nämlich, wenn er diesen Weg nimmt, die einzige Straße, die er überqueren muss. Ich gestehe, über Versicherung und Fahrrad und so Zeug habe ich mir die allerwenigsten Gedanken gemacht. Ich hab nur die KiTa angerufen, dass Pippi nicht kommt und sie mich bitte anrufen sollen, wenn er angekommen ist. Haben sie auch gemacht. 

Michel war übrigens genauso aufgeregt wie ich und musste mir noch dreimal von der anderen Straßenseite aus Dinge zurufen. Aber es stimmt schon: wenn man Kinder hat, läuft auf ewig ein Stück vom eigenen Herzen draußen herum. Und irgendwann muss man dem Herzen einen Helm aufsetzen und lächeln und winken und Vertrauen haben. Puh. 

Wieviel Helikoptermama in einem steckt, merkt man, wenn das Kind plötzlich sagt: „Ich will alleine zum Kindergarten fahren.“ #3von12 von #12von12 #Schluck #VergissesichwerddichauchnochzurUnibringen #siewerdensoschnellgroß #winkewinke #istschonangekommen #ichsteheauchgarnichtimmernochanderStraße #erstemale


Dann gab es für Pippi ein zweites und für mich das erste Frühstück. 

K2 hat ihre Essgewohnheiten 1:1 von K1 übernommen. Auf Grøt muss „Käuasall“ (Kräutersalz, aber sie meinen damit Zimtzucker #mussmanwissen) und dazu gibt’s „Abfall satt mit Bu-assa“ (Apfelsaft mit Blubberwasser). #4von12 von #12von12


Ich habe dann Wäsche angestellt, Pippi war mit im Bad und… naja. 

K2 hat Creme gefunden und sich eingecremt. Sie wollte lieber sauber gemacht als fotografiert werden, aber meine Jacke trägt noch die Spuren. #5von12 von #12von12


Es folgte ein sehr langer Mittagsschlaf. War wohl nötig, sowohl bei Pippi als auch bei mir. Die Jacke sollte in die Wäsche und deshalb räumte ich die Taschen aus und fand… mounting medium. Sowas kommt von Nachtarbeit. 

Was man so in seinen Taschen findet. Hupsi. #6von12 von #12von12


Gerade als wir aufbrechen wollten, Michel abzuholen, bekam ich eine SMS von der Mutter von Michels Kumpel, ob er mit zu denen dürfte. Klar durfte er. Pippi und ich beschlossen, einzukaufen und gingen auf dem Weg noch auf den Spielplatz um Pippi ordentlich zu lüften. 

Diese Haare 😍#7von12 von #12von12

Wieder zu Hause angekommen hörte ich einen Podcast, räumte in der Küche herum, hängte Wäsche auf und Pippi dürfte etwas Peppa Wutz gucken. Sie grunzt jetzt manchmal ganz bezaubernd. Dann aß ich Nudeln mit und Pippi Nudeln ohne Sauce (die Herr Rabe gestern gemacht hat). Die Blubberwasserpatrone ist leer und im „Keller“ haben wir auch keine volle mehr, sondern nur eine weitere leere. Da muss wohl mal wer (ich) zu Jula fahren. 

Obligatorisches Essensbild. An Wasser ohne Blubber. #8von12 von #12von12


Nach dem Essen holte ich Michel von seinem Freund ab und dann machten wir gemeinsam den Briefkasten auf – das ist gerade immer sehr aufregend und toll für ihn. 

Das Kind und seine Korrespondenz. ❤ #9von12 von #12von12


Ich zog mein Ass aus dem Ärmel: um ein bisschen zu feiern, dass er das heute früh wirklich super gemacht hat (und ich auch), habe ich uns „richtiges“ Eis gekauft. Pippi aß derweil ein kleines Milcheis und war danach überaus empört, als es kein zweites gab. 

Wir stoßen auf den Entwicklungsschritt an. #10von12 von #12von12


Ich ließ mich von den Rübennasen breitschlagen, dass sie in meinem Bett schlafen dürfen. Nach Zähneputzen und Schlafi anziehen las ich ihnen da „Folk og røvere i Kardemommeby“, einen norwegischen Kinderbuchklassikef, vor, wir machten das Licht aus und nach nur einer halben Stunde „Bjørnen sover“-Gesinge von Pippi schlief auch sie ein. 

Ich rappelte mich nochmal auf, räumte auf und machte die Brotdosen für morgen fertig (auch für mich, nicht im Bild: mehr Nudeln mit Sauce, Herr Rabe hat für ne ganze Kompanie gekocht).

Mittwoch ist Matboks-Tag. #11von12 von #12von12


Und jetzt ist auch für mich Bettzeit. Mit Banane für Pippi und Wasser für mich. 

Mit Banane ins Bett. Gute Nacht! #12von12 von #12von12


Blabla

Tag 762 – Kachaow!

Michel und ich waren heute in Cars 3. Es war das erste mal Kino für ihn und das erste mal mit dem Fahrrad in die Stadt, das war alles sehr sehr aufregend, aber auch sehr lustig und schön. 

Erstmal: mit dem Rad in die Stadt ist für mich eine Sache von 5-7 Minuten, ich hätte das Doppelte angenommen, also 15 Minuten eingeplant und dann noch einen extra Puffer von 10 Minuten dazugezählt für Popcorn kaufen und nochmal pullern. Um halb vier sollte der Film losgehen, plus Werbung und Zeug natürlich. 

Wir kamen sogar halbwegs pünktlich los, obwohl Michel noch zwei Kuscheltiere mitnehmen musste und es lief auch im Straßenverkehr alles soweit ok, obwohl viele Fußgänger auf den Radwegen herumlatschten und Michel ja auch noch nicht ganz so pfeilgerade Fahrrad fährt. Dann vergaß ich leider WIEDER, dass die Brattørbrua gesperrt ist, wie ca. sieben Mal in der letzten Woche und wir mussten einen Umweg fahren und dann zwischen Leuten auf dem Gehweg lang und, ach, also so gut die ersten 7 Minuten Weg gelaufen waren, so bescheiden liefen dann die letzten 13 (!). Nervig, aber um 15:28 schlossen wir endlich die Fahrräder ab… und standen vor verschlossener Tür. Im Foyer des Kinos hat es nämlich vor ein paar Monaten gebrannt und es ist noch nicht fertig renoviert, deshalb muss man jetzt einmal um das komplette Gebäude rum. Naja, um 15:32 waren wir endlich im Kino und trafen Michels Freund H. und M., seine Mutter, die schon die vorab online gekauften Tickets geholt hatten. Michel ging dann mit H. Und M. schon mal in den Saal, während ich noch Popcorn holen wollte, dann doch Saure-Sahne-Chips kaufte. Nun ja. 

Als ich in den Kinosaal kam, saßen H. und Michel schon auf Sitzerhöhern und Michel hielt sich die Ohren zu. Die Werbung lief – für den Film „Askeladden“, ich habe jetzt keine Lust, das zu googeln, es hatte jedenfalls eine Herr der Ringe-Optik, war sehr düster und UNGLAUBLICH LAUT. Was ist denn das, dass Kinos immer lauter werden müssen? Und dann noch bei nem Kinderfilm um 15:30?!? Michel hielt sich jedenfalls die Ohren zu und ließ auch erst davon ab, als ich ihm aus Taschentuchstreifen Ohrenstöpsel gebaut hatte. Dann mampfte er Chips und hielt immer wieder die Ohrenstöpsel fest. Und war total gebannt. 

Es ist ja unglaublich süß, wie kleine Kinder bei Filmen mitgehen! Da wurde mitgefiebert, gespannt an den Fingern gekaut, gerufen, geschrien, sehr laut gelacht. So toll! Ich fragte ab und zu mal, ob er aufs Klo müsse, erklärte Kleinigkeiten („Weißt du, wer das ist?“ – „*Kopfschütteln*“ – „Das ist Chick Hicks.“) und genoss ansonsten den Film*. Bis Michel dann vor lauter Spannung von Stuhl fiel, auf seinen Kopf und mit den Beinen über den Sitz vom Vordermann, da war meine Aufmerksamkeit kurz unterbrochen, weil ich mich kaputt lachen e um ihn kümmern musste. Ist aber nicht passiert und ab da blieb er wenigstens halbwegs ruhig sitzen. 

Hinterher hatte ich dann ein aufgekratztes, Chipsverschmiertes Kind mit Beule, das mit leuchtenden Augen sagte: „Ich mag den Film. Ich mag das Kino. Das ist mein Lieblingsfilm!“‚. Und dafür haben sich die 350 NOK für das Gesamterlebnis doch schon mehr als gelohnt. 

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Ich will ja nicht Spoilern, vielleicht ist hier ja jemand so Cars-Fan, dass er/sie gar nicht ertragen würde, etwas über den Plot zu erfahren. Aber ich finde Cars ja eh gut und den 3. Teil am besten. So. 

Tag 750 – „Mama?…

… warum bist du so traurig?“ 

„Ach, weil mein Chef blöd ist.“

„Warum ist der blöd?“

„Weil der will, dass ich noch mehr arbeite, dabei arbeite ich doch schon so viel und mehr kann ich nicht.“

„Hmm. Das verstehe ich… Willst du einen neuen Chef haben?“

„Chrchrchr, ja, ich hätte sehr gerne einen neuen Chef.“

„Oder vielleicht gar keinen Chef?“

„Nee, einfach einen anderen.“

„Ja. Einen, der dich nicht stört in deinem Büro.“

Tag 748 – Noch mehr Gejammer. 

Ich weiß. Ich kann’s selbst auch schon nicht mehr hören. Aber wenn zum Besten des Tages gehört, dass man es geschafft hat, niemanden zu verprügeln (heiße Bewerber*Innen: – die Kassiererin im Supermarkt mit ihrem „nee, das ist nicht kaputt, wollen Sie das jetzt oder was?“ und dem Laufband hinter der Kasse, mit dem sie meine gerade gekauften Bananen und Zucchinis und Kiwis zermanscht; – Arschlöcher mit dicken Autos und ohne Umweltbewusstsein), dass man ferner nur zwei- bis dreimal und nur ein bisschen vor Überforderung geheult hat, dass das Abendessen überaus lecker war und man danach gemütlich im Kinderbett mit eingeschlafen ist, dann ist das eine etwas dürftige Bilanz für einen Wochenend-Tag. Stresslevel: 10/10, so geht das nicht weiter. Beschluss ist gefasst, ich muss ihn nur noch umsetzen.  

Good news: Michel liest seine ersten Wörter. Ich bin sehr stolz. Mein Baby! Hachz. 

Tag 742 – Fauler Sonntag und Erklärung. 

Wir haben heute den ganzen Tag quasi nix gemacht, war auch mal schön. (Echt sehr, vor allem hatte ich mal wieder ein bisschen Zeit mit Michel alleine, das passiert selten und ist… wunderbar. Was er mit einem Mal alles so erzählt! Zum Beispiel, dass er Pippis Geschrei nicht gut haben kann, weil er dann nichts machen kann, sich aber verantwortlich fühlt. Er ist ja der große Bruder. Das nervt dann. Das löste bei mir so eine Mischung aus Ach! und Oh je! aus, die ich ihm hoffentlich verständlich gemacht habe. Dass es nämlich natürlich nicht seine Verantwortung ist, Pippi zu beruhigen und dass es uns auch nervt, wenn sie krank ist und nur brüllt und getragen werden will. Aber wir können da ja auch nichts machen, nur uns aufteilen und einer ist für Michel da, einer lässt sich anbrüllen.)

Aber das wollte ich gar nicht erzählen. Gestern stolperte ich bei meinen Recherchen zum komischen Western Blot* über einen kürzlich veröffentlichten Artikel zu einem Protein, über das ich *hust* grad ziemlich viel weiß, weil ich *hust* ja auch daran herumforsche und *hust, hust* grade erst viel Zeug darüber gelesen und geschrieben habe. Das Protein macht bestimmte Arten von DNA-Veränderungen rückgängig, nämlich Methylierungen an bestimmten Positionen an bestimmten Basen (Aas et al. 2003, Falnes et al. 2002, und so weiter und so fort). Einer der reparierten Schäden ist Methylierung an der N3-Position von Cytosin (3meC). Diese Base würde, wenn sie unrepariert bliebe, mutagen wirken. Das Enzym von dem wir hier reden, macht die Methylierung einfach** ab, dann ist da wieder ein normales C und alle sind happy. Die Fieschergruppe, die den gestern von mir entdeckten Artikel geschrieben hat, hat nun herausgefunden, dass das Gen für das Enzym, das 3meC repariert, bei manchen Brustkrebspatientinnen*** vom Tumor still gelegt wird, durch epigenetische Promoter-Methylierung an der C5-Position von Cytosin. Solche Methylierungen sitzen am Anfang eines Gens und machen, dass das Gen nicht mehr abgelesen werden kann, das heißt, es wird kein Protein mehr nach diesem Gen hergestellt. Die Zelle hat also kein Enzym mehr, das 3meC repariert, also sammelt sich 3meC im Genom an und wirk,t ja genau, mutagen. Krebszellen mutieren die ganze Zeit, weil bei denen viele solcher Reperaturmechanismen völlig aus den Fugen geraten, entweder werden die abgestellt oder einzelne Teile total hochgefahren, sodass sich (mutagene) Zwischenprodukte ansammeln und, ach, also am Ende hat man halt Krebs, ne? Die Arschlochkrankheit, die öfter als nicht gegen Therapien resistent wird, weil sie eben dauernd mutiert. Entsprechend fand die Gruppe mit dem Artikel auch, dass eine starke Promotermethylierung für dieses Reperaturenzym mit einer schlechten Prognose einhergeht. So weit, so gut. 

Und dann kam der Punkt, an dem ich herzlichst lachen musste. Nämlich der Punkt, an dem sie 3meC in Zellen „quantifiziert“ haben. Per… Immunfluoreszenz.

Exkurs: Immunfluoreszenz. Man hat Zellen, hier Krebszellen, die züchtet man direkt auf nem Objektträger. Dann fixiert man die da drauf, dann sind sie sozusagen wie eingefroren, die einzelnen Bestandteile sind alle noch da, wo sie sein sollen, sehen auch (mehr oder minder) auf molekularer Ebene noch normal aus, aber bewegen sich nicht mehr. So sind die Zellen auch einigermaßen haltbar. Dann kann man einzelne Bestandteile der Zellen anfärben, dazu nimmt man erst einen Antikörper, der genau das**** erkennt, was man sehen will, also zum Beispiel ein einzelnes Protein. Oder 3meC. Der Antikörper kann dann wiederum mit einem anderen Antikörper, der fluoreszenzmarkiert ist, sichtbar gemacht werden. Man hat dann also *Ding, was ich sehen will*-Antikörper1-Antikörper2-Fluoreszenztag. Die Markierung kann dann mit einem speziellen Mikroskop mit allerlei Lasern und Filtern und Tralala sichtbar gemacht werden. In der Zelle. Und wenn man das geschickt kombiniert, kann man durchaus mehrere Dinge gleichzeitig anfärben, also zum Beispiel zwei Proteine, die vermutlich interagieren, und vielleicht noch ein Compartment*****, in dem sie das vermutlich tun. Dann beleuchtet man eine Zelle – die gleiche! – mit verschiedenen Wellenlängen und schaut durch die verschiedenen Filter und kann dann sehen, ob die Proteine immer an derselben Stelle sind, oder immer da sind, wo das Compartment ist. Klingt easy, kann manch einer aber auch nach neun Monaten völlig verkacken. 

Ja, da konnte ich nicht mehr. Denn, was auch immer die da gesehen haben, es war nicht 3meC. Oder nicht nur. 

Denn es ist so: ich habe *alle* verschissenen  Antikörper gegen 3meC, die man kaufen kann, in meinem Gefrierfach. Und sie funktionieren alle nicht. Die Firmen behaupten das zwar, aber: die sind alle nicht spezifisch. Die erkennen nämlich alle auch – hauptsächlich! – 5meC. Ich nehme an, dass die das mit reinen Basen testen, und dann einen Dot-Blot machen: also einmal nur 5meC und einmal nur 3meC auf eine Membran tropfen und dann mit dem Antikörper drüberwaschen, um zu gucken, welche von den Spezies erkannt wird. Und auf diesen Blots ist dann alles hübsch, es wird nur 3meC erkannt, Hurra, schreib 400 USD pro 10 Mikrogramm dran. In echt, im Genom, in einer Zelle, sieht der Kontext aber natürlich ganz anders aus. 3meC zum Beispiel ist unfassbar selten. Selbst wenn die Krebszellen dann, sagen wir mal, das Zehnfache ansammeln, ist es immernoch total selten. 5meC ist total häufig. Wir reden hier über einen Unterschied von hundert- bis tausendmal so viel 5meC, wie 3meC******. Schon allein deshalb ist es nicht plausibel, dass deren Zellen bei 3meC-Detektierung so dermaßen doll leuchten. Außerdem ist 3meC etwas „versteckt“ in der DNA-Struktur, während 5meC eher prominent außen dran sitzt. Das alles macht einen Riesenunterschied, wenn man komplette, klein geheckselte Genome auf den angeblich 3meC-spezifischen Antikörper haut. So wie ich das gemacht habe. Ich bekam *nur* 5meC. 3meC war nicht detektierbar, so wenig war das. Und das mehrmals. Das was da also leuchtet, das ist 5meC. Vielleicht auch ein minibisschen 3meC. Aber das meiste, sorry, ist 5meC. Weshalb der Vergleich mit den unteren Bildern, wo 5meC zu sehen sein soll, auch sinnlos ist, weil, naja, also 5meC ist auch da, wo 5meC ist, na so eine Überraschung aber auch. 

Aber die lustigen Menschen mit dem Artikel, die glauben das echt. Niedlich.*******

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*Membran mit Proteinen drauf. Es fing an mit Southern Blot – Membran mit DNA drauf, benannt nach Herrn Southern, dem Erfinder. Dann war wer voll witzig und nannte seine Membran mit RNA drauf „Northern Blot“ und dann ist das alles etwas eskaliert. KEIN WITZ.

**natürlich ist es nicht so einfach, aber den Vortrag dazu geb ich mir für die Defense auf. 

***generisches Femininum, und ja, ich weiß, dass auch Männer Brustkrebs bekommen können. 

**** genau das, nur das, aber das bitte auch immer. Das kommt einem Lottogewinn gleich, wenn man so einen Antikörper auf Anhieb findet. 

*****Zellteil, Organell, Manchmal auch nur kleine Minibubbels oder so. Ich gucke nach minibubbels. 

******seriöse Leute wie wir *hust* messen sowas per quantitativer Massenspektrometrie. Und nach drölfzig Messungen kann man die groben Zahlen dann auch auswendig. 

*******Nur: was mache ich jetzt? Das Journal anrufen und in den Hörer lachen? Den corresponding Author anrufen und ihm anbieten, 3meC in seinen Proben zu quantifizieren (also das würde dann wohl nicht ich machen, sondern die Core Facility, aber die freut sich auch über das Geld)? Nüx? 

Tag 659 – Hausaufgaben. 

Michel kam heute nach Hause und verkündete mit ernster Miene, er müsse dringend was aufschreiben. Etwas wirklich wichtiges. Er brauche das morgen im Kindergarten. Es sei wirklich, wirklich ganz wichtig. Er holte sich einen Zettel und einen Stift. Und dann sagte er noch „Aber dann muss jemand mir helfen beim Schreiben.“ und setzte seinen Hundeblick auf, dem sich, so glaube ich, niemand entziehen kann. Also setzten wir uns hin und er sagte: „Erstmal müssen wir zeichnen!“. und hielt mir den Stift hin. Ich sagte, was ich dann immer sage: „Wenn du zeichnen willst, dann zeichne, aber ich möchte jetzt nicht für Dich zeichnen.“ Er verneinte, wir müssten zeichnen schreiben. Schreiben müssten wir. Also zeichnen. So ging das eine Weile hin und her, bis sich irgendwann das Misverständnis aufklärte: er wollte, dass ich „Zeichnen“ auf den Zettel schreibe. Während ich das tat, fragte ich Michel, warum er das denn so dringend brauche? Für den Vierjährigen-Club, antwortete er. Es ist nämlich so, dass Michel, weil er angepisst war, dass er noch nicht zur Vorschulgruppe gehört, einen Vierjährigen-Club im Kindergarten gegründet hat. Der Club hat drei Mitglieder. Und für den Vierjährigen-Club wollte er also „Zeichnen“ aufgeschrieben haben. Und dann nochmal in kleinen Buchstaben. Und dann „Spielen“. Dann „Schreiben lernen“. Mir dämmerte langsam, was er da vorhatte. Und ja: „Danach lernen wir, still zu sein“ und „Zählen“. Michel diktierte mir das Manifest* seines Vierjährigen-Clubs. Als es fertig war, faltete er es sehr sehr ordentlich zusammen und packte es direkt in seinen Kindergarten-Rucksack. 

Ich hab es heimlich noch mal ausgepackt und fotografiert. (Michel, der kleine Trønder, sagte übrigens „Lær‘ oss å skriv'“ und „Lær‘ oss å vær‘ stille“


(Es folgte eine Unterhaltung über Sonnencreme, bei der ich nicht nur einmal an Frau Brüllen denken musste und bei der ich dann am Ende, als Michel Angst hatte, seine „Brakteriannj“** könnten, wenn er sich nicht eincremt, durch die Sonne schaden nehmen*** dann leider nicht mehr ernst bleiben konnte und etwas lachen musste. Der ist so unglaublich putzig manchmal. Und schlau! Und putzig.)

*Falls er den Stoff so durchzieht, wird er jedenfalls zum Schulbeginn nicht überfordert sein.

**Wortneuschöpfung a la Michel: B(r)akterien, mit Trønder-Endung bestimmter Plural von allem: -an, gesprochen -annj mit sehr weichem j

***wo er ja ganz und gar nicht unrecht hat. Bakterien können genauso UV-Schäden an ihrer DNA bekommen, nur kriegen Bakterien halt keinen Krebs, sondern sterben halt direkt.