Tag 1050 – Wie man in Norwegen ein Haus kaufen könnte.

So. Jetzt nehme ich mir die Zeit.

Aus meiner deutschen Sozialisation heraus habe ich einen heiden Respekt vorm Hauskauf. In Deutschland ist das ja auch ein Riesending. Im Normalfall macht man es ja etwa so: Man arbeitet als junger Mensch, man arbeitet viel, wohnt irgendwie sauteuer zur Miete, legt was auf die hohe Kante (vielleicht hat man noch den guten alten Bausparvertrag von Mama und Papa, vielleicht können die auch für nen Kredit bürgen), dann heiratet man, kriegt vielleicht (!) das erste (!) Kind noch in der Mietswohnung und dann ist es Zeit für den Hauskauf. So Anfang 30. Finanziert auf mindestens 30 Jahre. Ein halbes Jahr Suche kann man schon einkalkulieren, es ist schließlich DIE GRÖßTE ENTSCHEIDUNG UND INVESTITION DEINES LEBENS!!!1elf. Viele, die ich kenne, sind auch immernoch der Meinung, in Wohneigentum bleibt man dann wohnen bis man mit den Füßen voran herausgetragen wird, so wie unsere Großeltern das schließlich auch machten. Dass das irgendwie kurz gedacht ist, weil sich auch die Arbeitskultur stark verändert hat und die wenigsten meiner Generation von der Lehre bis zur Rente im selben Betrieb bleiben lassen wir mal beiseite. Jedenfalls, wenn man ein Haus kaufen will, geht man zur Bank, die rechnet aus, was man sich leihen könnte, dann geht man zum Makler, der zeigt einem, keine Ahnung, 2,3 Objekte? Dann geht man mit dem Exposé zur Bank, die Bank so hmmhmm…, dann geht man noch mit nem Gutachter durch und dann vielleicht nochmal mit nem anderen Gutachter und dann bildet man sich ein DIE GRÖßTE ENTSCHEIDUNG SEINES LEBENS beruhigt treffen zu können und kauft das Haus oder eben nicht. Am Ende sitzen dann alle beim Notar, der nimmt fürs weise aussehen und geschäftig nicken und Ausweise überprüfen 5000€ für 20 Minuten und dann hat man ein Haus. Und Kaufnebenkosten von ca. 10% an der Backe, weshalb es auch einfach gar keinen Sinn macht, innerhalb kurzer Zeit wieder zu verkaufen, denn die Kaufnebenkosten sind dann eben futsch.

Auftritt: die Norweger. Der gemeine Norweger hat einen Bausparvertrag, hier BSU (Bolig Spar Ung) genannt. Der gibt eine ganz gute Rendite und vor allem Steuerfreibeträge (deshalb macht das auch erst Sinn, wenn man schon etwas Geld verdient), allerdings kann man nur einen bestimmten Betrag pro Jahr (25.000 Kronen) und auch insgesamt (300.000 Kronen) ansparen. Und man MUSS das angesparte Geld am Ende für irgendwas mit Wohnen nutzen. Man muss nicht selbst kaufen, man kann auch das Haus der Großeltern erben und umbauen oder das Dach sanieren, aber es muss irgendwie mit Wohnen zu tun haben. Wir haben keinen BSU-Vertrag. Damit sind wir echte Exoten. Aber wir sind ja eh Exoten, denn: der gemeine Norweger kauft seine erste Bude im Studium. Der BSU-Vertrag ist da ja ne gute Grundlage, denn: man braucht 15% des Immobilienwertes als Eigenkapital. Mit 300.000 Kronen Eigenkapital* kann man also etwas für 2 Millionen Kronen kaufen, wenn man nicht grad ganz zentral in Oslo (oder auch Trondheim) wohnen will, reicht das für ne ziemlich anständige 2 Zimmer-Küche-Bad-Wohnung. Der gemeine Norweger wohnt in dieser Wohnung also eine Weile, sagen wir mal, 5 Jahre, dann ist das Studium vorbei und er will mit seiner Freundin zusammenziehen, zwei Leute verscherbeln also ihre 2-Millionen-Wohnungen (an denen sie ja auch 5 Jahre abbezahlt haben UND die, zumindest in den meisten Landstrichen in den letzten 10 Jahren, immens an Wert gewonnen haben) und ziehen zusammen in eine… 3,5 Millionen Wohnung. Man will es ja nicht übertreiben. Jetzt arbeiten sie beide voll und fertig ausgebildet, bekommen Kinder, die Wohnung wird klein, nach wieder fünf Jahren wird die Wohnung wieder verkauft und ein Haus bezogen. Für 5 Millionen. Der gemeine Norweger und seine Freundin sind dann jetzt etwa so alt wie der gemeine Deutsche und seine Frau. Und warum funktioniert das norwegische System? 1. Weil es kulturell hier anders ist. Niemand nimmt automatisch an, wenn du ein Haus kaufst, dass du da für immer wohnen bleiben wirst. 2. weil die Mieten so hoch sind, dass neben einer Miete kaum jemand schafft, nennenswert Vermögen anzusammeln (15% von dem 5 Millionen-Haus mit Anfang, Mitte 30 ist kein Pappenstiel). 3. weil die Wohnungspreise immernoch steigen und gleichzeitig die Kreditzinsen grad echt günstig sind und 4. weil die Kaufnebenkosten viel geringer sind. Nämlich 2,5 %, plus ein paar Kleckerbeträge um die 500 Kronen. Nix Notar. Man „verliert“ also auch einfach nicht so viel, wenn man nach einigen (wenigen) Jahren wieder umzieht.

Aber wie läuft das denn nun mit dem Hauskauf? Also, erstmal redet man mit der Bank, wieviel man denn leihen kann. Wenn man nicht grad Ausländer ist und das außerdem zum ersten Mal macht, geht das unter Umständen auch vom Sofa aus mit ein paar Klicks. Die Bank stellt dann einen sogenannten Finanzierungsbeweis aus. Da steht dann im Grunde „Frau Rabe kriegt von uns 3,4 Millionen, weil sie 600.000 Eigenkapital hat und genug verdient um das entsprechend abzuzahlen“. (Spoiler: verdient sie grad eher nicht, aber ihr Mann schon, aber sie ist unter 34 und kriegt noch nen günstigeren Bankkredit als ihr quasi greisenhafter aber reicher Ehemann.)

Mit diesem Wisch in der Hand auf dem Handy geht man dann los und durchforstet Finn.no. Das ist wie Ebay Kleinanzeigen, nur cooler. Da stehen tausende Wohnungen drin. Wenn einem eine gefällt und die innerhalb des Preissegments ist, das man anpeilt, geht man zur Besichtigung. Das sind normalerweise feste Termine von MAXIMAL einer Stunde. Da steht man dann zum Teil auch mit 20 anderen Paaren, in einer extra aufgehübschten** Wohnung und wird vom Makler in blumigen Worten durchgeschleust. Weil 20 andere Paare da sind und die Eigentümer selbst im Normalfall nicht kommt man kaum dazu, vernünftige Fragen zu stellen oder Sachen wirklich mal genauer abzuklopfen. Mit einem eeeeetwas umfangreicheren Eindruck als vorher geht man also wieder nach Hause und dann kommt die Budrunde. Da sitzen jetzt alle die Paare mit ihren Finanzierungsbeweisen und bieten via Finn oder (nicht mehr so üblich wie noch vor wenigen Jahren) per SMS*** auf das Objekt. Über den Betrag, den die Bank abgesegnet hat, kann man nicht gehen, das lässt das System nicht zu, aber im Prinzip ist es echt wie bei eBay. Bequem von zu Hause aus. Oder aus der Straßenbahn. Wer am meisten bietet, kriegt halt das Objekt. Der Bank ist es wurst, was du kaufst, dem Makler und den Verkäufern ist es wurst, wer es kauft und ich habe auch schon von Leuten gehört, die so oft in budrunden überboten wurden, dass es ihnen am Ende fast schon wurst war, was sie kauften. Auf der anderen Seite habe ich auch eine Kollegin, die ihre erste Wohnung echt günstig bekommen hat, weil niemand darauf bot und sie als einzige dann mit einem Gebot deutlich unter der von den Verkäufern angepeilten Summe den Zuschlag bekommen hat. Das muss dann zwar der Verkäufer trotzdem absegnen, aber wenn er das macht, kann man so manchmal echte Schnäppchen machen, zum Beispiel wenn Objekte ganz schnell verkauft werden müssen und keine Zeit fürs Aufhübschen und mehrere Besichtigungstermine bleibt.

Das Haus, das ich heute angesehen habe, ist auch so ein Kandidat. Und nachdem ich es heute gesehen habe, würde ich auch nicht mehr den angepeilten Preis bieten, sondern etwas deutlich darunter. Nicht, weil es irgendwie schlecht gewesen wäre, aber eins gilt auch in Norwegen: Lage, Lage, Lage. Und ein Vorort von einem Vorvorvorort von Oslo, auf einem Berg, hinter einem Wald, das ist… keine tolle Lage. Außerdem ist der Ofen doof und zu nah an der Wand (Brandschutz sagt: 10 cm! Meine ersten 2 Zeigefingerglieder sind nicht 10 cm lang!), die Platte unterm Ofen ist zu klein, am einen Fenster ist ein Kratzer im Rahmen und eine Dachpfanne ist lose. Und im Obergeschoss hat alles Schrägen, was das Aufstellen des Kinder-Hochbetts halt etwas verkompliziert. Aber vielleicht kriegen die dann auch einfach das große Zimmer mit den vier Fenstern, in das man keine Schränke stellen kann, weil halt überall Fenster sind. Ja, nee. Den Preis den die haben wollen, möchte ich nicht bezahlen. Da reißt es die Badewanne auch nicht raus.

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Auto-Lobhudelei: Ich. Habe. Ein. Haus. Besichtigt. Ganz. Alleine. Zum. Ersten. Mal. In. Meinem. Leben****.

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*Man kann auch anderes Eigentum beleihen, zum Beispiel das Haus der Eltern. Das machen aber nicht alle Banken und keine nimmt Eigentum außerhalb Skandinaviens als Pfand.

**woran man merkt, dass Norweger bald ausziehen: Sie lackieren ganz schnell noch mal die Haustür (ohne sie vorher abzuschleifen, muss ja nur für 1 Stunde gut aussehen) oder streichen das Grafitti an der Hauswand mit einer… nahezu zur Restwand passenden Farbe über. Es wird auch gern günstige Deko geliehen oder sogar gekauft, weil es sich halt lohnt. Für 1000 Kronen aufgerüscht, für 50.000 mehr verkauft.

***Deshalb geht das jetzt über Finn und mit automatischer Kontrolle des Finanzierungsbeweises: weil die Leute, die per SMS geboten haben, alle Blut und Wasser geschwitzt haben, dass sie versehentlich ne null zu viel eingetippt haben. So jedenfalls meine Theorie.

****Das hat meine norwegische Freundin gestern ziemlich amüsiert („hehe, wie alt bist du noch mal? 33?“ Sicher?), aber sie hat sich dann die Zeit genommen, mit mir den ganzen 60-Seitigen Hausprospekt durchzugehen. Viel Liebe dafür.

Tag 1045 – Auftragsbloggen: Sprache.

Zu meinem gestrigen Beitrag kam eine Frage zur Zweisprachigkeit und da ich heute eh sonst nur über das Wetter rannten oder mit meinem neuen Kleid rumprotzen würde, trifft sich das doch gut.

Also erstmal: wie ist das bei uns Erwachsenen? Nun, ich spreche, wie heißt das so schön, verhandlungssicher Norwegisch. Genauer gesagt: Bokmål, inzwischen mit leichtem Trødersk-Einschlag. Ich traue mir Gespräche zu den allermeisten Themen mit den allermeisten Leuten rein sprachlich gesehen zu und fachliche Gespräche zu meinem Thema auch. Im Norwegischkurs mussten wir zu allen möglichen Themen Aufsätze schreiben, je höher das Level, desto spezieller die Themen, wir waren ja alle schon gut erwachsen, da kann man auch mal über norwegische Umweltpolitik oder Mobbing und Hate im Internet schreiben. Vorstellungsgespräche mit Norwegern führe ich meist auf Norwegisch (und an der Sprache liegt es sicher nicht, dass das nur so mittelschlecht klappt), ich kann auf Norwegisch telefonieren (Fremdsprachen-Härtetest, meiner Meinung nach) und ich kriege von Norwegern wirklich oft Komplimente, wie gut mein Norwegisch doch sei. Manchmal kann ich auch ganz authentisch dieses niedliche „Wie sagt man?“ einfließen lassen. Es gibt ein paar Stolperstricke: Ich kann kein Nynorsk und es gibt einige Dialekte, bei denen sich mir die Fußnägel hochrollen und es gibt ein paar andere Dialekte, die ich wirklich kaum verstehe. Aber im Großen und Ganzen komme ich sehr gut klar. Auch schreiben ist kein großes Problem, ich schaue öfter mal im Bokmålsordboka nach, welches Genus ein Substantiv hat, wie ein Adjektiv gesteigert wird, welche Präposition grad angebracht ist oder ich suche nach möglichen Alternativen, aber das meiste schreibe ich so runter. Yeah me! Interessanter aber ist vielleicht: wie habe ich das gelernt? Nun, als Basis hatte ich ein ehemals fließendes Schwedisch, das ich mir in einem Auslandssemester draufgeschafft hatte. Das hat schon mal geholfen, aber mal ehrlich: gebraucht hätte ich das eher nicht. Als ich dann wusste, dass wir in ein paar Monaten nach Norwegen ziehen würden, fing ich direkt mit einem Online-Kurs an, den ich aber sehr schnell durchhatte, halt wegen des Schwedischen. Dann kam ich hier an und war natürlich zu spät für den Semesterbeginn, mein rostiges Schwedisch verstand keiner, alle sprachen Englisch mit mir und, ach, es wurde also Englisch. Trotzdem meldete ich mich zum Einstufungstest für den Norwegischkurs zum Sommersemester an und bestand die Einstufung zum dritten von vier Leveln. Mit Schwedisch und ein paar norwegischen Ausdrücken aus dem Online-Kurs. Im Februar fing ich also mit dem Norwegischkurs Niveau 3 an der Uni an. Der war nicht ohne, sehr hoher Zeitaufwand (2 mal 4? Stunden pro Woche, plus Hausaufgaben, Tests, Essays…) und am Ende eine 6-Stündige Klausur und 30 Minuten mündliche Prüfung, durch deren Bestehen mit mindestens 2 man das berühmte Sprachlevel B1 erreichte, das man für viele Berufe und auch für die norwegische Staatsbürgerschaft nachweisen muss. Inzwischen reicht dieser Test aber nicht mehr und man muss in jedem Fall den Bergen-Test machen. Nunja, Fun Fact: ich und der Lehrer des Kurses hatten so eine Art Hassliebe aufgebaut, ich war einfach super schlau tierisch nervig und er ließ mich gerne gegen die Wand laufen, aber nach der Klausur standen wir noch eine Weile draußen vor dem Raum herum, der Lehrer und ein paar der besseren aus dem Kurs und unterhielten uns darüber, dass der Einstufungstest für das 3. Level abgeschafft wurde und man zukünftig nur noch in das 2. Level „abkürzen“ könne und der Lehrer meinte „Das ist auch gut so, die aus dem Test kommen sind immer richtig schlecht.“. Als ich ihm dann sagte, dass ich auch aus dem Einstufungstest käme und vorher auch nicht lange in Norwegen gelebt hätte, fiel er aus allen Wolken. In dem Kurs hatte ich das beste schriftliche und das zweitbeste mündliche Ergebnis von allen ca. 30 Schüler*Innen. Hehe. Naja, danach machte ich den vierten Kurs auch noch, der war deutlich leerer, deutlich schöner, beinhaltete ein echtes Buch, das wir lesen mussten (das echt ätzend war. „Naiv. Super.“ von Erlend Loe, lesen Sie dieses Buch nicht, es sei denn, Sie möchten auch in Zukunft eine gestörte Beziehung zum Brio-Bankebrett haben) und ab der Hälfte des Kurses sprach die Lehrerin nur noch Trøndersk mit uns (hartes Trøndersk, mit ganz viel hanj banj manj sjø?). Irgendwann im Laufe dieser Zeit im zweiten Kurs bat ich auch mehr und mehr Norweger bei der Arbeit, norwegisch mit mir zu sprechen. Denn, neben dem Kurs, ist das meiner Meinung nach das Wichtigste, um eine neue Sprache zu sprechen: Machen! So viel reden, wie möglich und vorher Leute bitten, zu korrigieren, wenn man grobe Schnitzer macht. Die werden nicht bei jedem Satz sagen „Das heißt ET bord!“, keine Sorge. Und nachfragen, wenn man was nicht rafft. „Ungan“ zum Beispiel, das ist der (umgangssprachliche, denn eigentlich wäre es Ungene) bestimmte Plural für „Ungen“, wörtlich „das Junge“, umgangssprachlich „das Kind“, also Ungan = die Kinder. Da hab ich lange für gebraucht. Oder Dialektausdrücke. „Kor kjem dokk fra?“ anstatt des im Kurs gelernten „Hvor kommer dere fra?“, wenn man da nicht nachfragt und stattdessen einfach lächelt und nickt, macht man sich zum Affen. Für Sie getestet. Passiven Wortschatz kann man sich prima mit Lesen aneignen. Was man liest ist dabei fast egal, finde ich. Vielleicht keine Schundliteratur mit lauter Grammatikfehlern. Ich lese sehr viele norwegische Krimis, da hat man dann irgendwann jede Menge Polizei- und Mord- und Totschlag-Vokabular drauf, wer weiß, wozu man das dann nochmal braucht. Über das Lesen lernt man Wörter, Ausdrücke und, ganz wichtig, bekommt ein Gefühl für Satzstrukturen und Grammatik. Mein Englisch wurde erst grammatikalisch gut, als ich Harry Potter gelesen hatte. Grade rechtzeitig zum Abi, damals. Beim Sprechen kann man nicht dauernd denken „Den gangen DA, hver gang NÅR“ oder „Subject, verb, object, place, time!“, dafür hat man keine Zeit, das muss aus irgendwelchen tieferen Hirnschichten kommen und da hilft lesen mir ungemein.

Und da kommen wir auch schon zum großen Unterschied zu Herrn Rabe: Herr Rabe hat anfangs keinen Kurs gemacht, spricht bei der Arbeit fast nur Englisch und liest wenig und sein Norwegisch ist noch sehr viel Schwedischer. Vielleicht könnten wir das gemeinsam ändern, wenn wir zu Hause Norwegisch sprächen, aber da sind ja noch…

Die Kinder: Die können beide besser Norwegisch als Deutsch. Sollen aber auch Deutsch lernen, also sprechen wir zu Hause fast nur Deutsch. „Fast“, weil ich manchmal umkippe, wenn Michel mich auf Norwegisch vollschwallt, weil wir manchmal Sachen übersetzen, weil wir manchmal Norwegische Lieder singen und wenn Besuch da ist sprechen wir auch Norwegisch. Sowohl Michel als auch Pippi können auch Deutsch, aber zumindest Michel strengt das sehr an und er übersetzt auch viel aktiv vom Norwegischen ins Deutsche. Das merkt man dann an wunderlichen Ausdrücken („Ich hab mich ausgepullert.“, „Das habe ich aufgefunden!“) oder Satzkonstruktionen wie „Das habe ich gut gemacht, ich.“. Pippi scheint noch nicht so recht zu schnallen, dass sie zwei Sprachen kann und mischt munter. Mitten im Satz. Sowohl hier zu Hause als auch im Kindergarten. Kombiniert mit typischer Kleinkindaussprache führt das dann im Kindergarten zu manch irritiertem Blick, wenn sie ankommt und sagt „Se! Æ ha Zöpsen!“ (Zöpfchen, aber… tjanun!). Auch zu Hause hatten wir schon Wutanfälle, weil wir nicht verstanden haben, was sie mit „Lullelund!!!“ meint. „Rulle runt“ (rumrollen) wäre es gewesen und sie meinte eigentlich, dass ich ihr Essen umrühren sollte. Ich meine, bei Michel, der ja als Baby herkam, und Pippi, die hier geboren ist, Unterschiede im Spracherwerb festzustellen. Michel hat sich scheinbar für Norwegisch als Muttersprache entschieden und behandelt Deutsch wie eine Fremdsprache, die er zwar super versteht, aber ungern (und auch nicht Akzentfrei) spricht. Pippi hat zwei gleichwertige Muttersprachen und kann Norwegisch nur deshalb momentan besser sprechen weil sie mehr Übung darin hat. Michel möchte Kinderfernsehen am liebsten auf Norwegisch sehen, Pippi ist es wurscht. Sie sagt zwar „Peppa Gris!“, singt dann aber die Titelmelodie mit „Peeeeeppa Wutz! Didididiiidii…“. Aber diese Unterschiede können auch Einbildung von meiner Seite sein. Weil ich möchte, dass die Kinder auch schriftliches Deutsch lernen, werde ich zu gegebener Zeit (also: wenn das grundsätzliche Buchstaben Schreiben schon mal funktioniert) auch einen echten Sprachunterricht organisieren, aber ich denke, das hat noch ein Jahr Zeit. Ob sich bewahrheitet, dass zweisprachig aufgewachsene Kinder leichter Sprachen lernen, werden wir dann auch sehen, wenns soweit ist, ich forciere da nichts, weil zumindest Michel vermutlich auch einigermaßen überfordert davon wäre. Und, ehrlich, es gibt Wichtigeres. Man kann Sprachen auch noch als Erwachsene lernen. Man muss es halt einfach machen.

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Auto-Lobhudelei: Weder erwähnt, dass wir uns hier den Hintern abfrieren, noch, was für ein schönes Kleid ich mir genäht hab.

Tag 1023 – Laufen, Atmen, Kind einschulen.

Michels Einschulung stresst mich ja aus mehreren Gründen sehr. Da ist zum einen das leidige Thema Jobsuche, eigentlich wollten wir ja schon längst hier weg sein, aber, Tamara, sind wir nicht. Herr Rabe hat das Thema „dann halt trotzdem nach Oslo ziehen, arbeitslos sein kann man da ja auch“ eigenmächtig ad Acta gelegt, und weil er außerdem 100 Jahre mit dem Bloglesen hinterher ist aber weil das ca. monatlich schwankt, kann ich das auch schreiben. Jedenfalls sieht es so aus, als würde Michel an der Stadtteilschule anfangen. An der gemobbt wird. Mit dem unangenehmen Kind (das wird auch nicht besser, sondern schlimmer) in einer Klasse. Und das Ganze, wie ich finde, ein Jahr zu früh. Er ist doch noch so klein.

Aber er freut sich auch wahnsinnig doll und deshalb haben wir uns heute Nachmittag alle vier auf den Weg zur Schule gemacht. Die Kinder frisch geduscht, Michel frisch entladen, denn er freut sich zwar, aber es stresst ihn eben auch und dann zettelt er wegen irgendwas Streit an und bricht dann ein unfassbares Drama vom Zaun, um sich mal wieder ordentlich auszuheulen. Ganz die Mama. Ähämm. Ich war – quasi zur Vorbereitung – heute morgen schon zu Fuß einkaufen und mich beim Kinderfestival akkreditieren*, das machte dann vor 12 schon 14.000 Schritte und etwas über 10 km und das war dann meine Form von Entladung. Bei dem Einschulungsdings schluckte ich alle meine Negativität runter, mit sehr viel Mühe, er freut sich so, er freut sich so, er freut sich so. Und weil ich ja grad nicht twittern möchte, bekamen Menschen einen Teil meiner Boshaftigkeiten über What’s App ab, der Rest jetzt hier (sorry, wirklich, aber es geht nicht anders, es muss raus, sonst kriege ich davon Magengeschwüre): Michel wird also mit dem Kind in eine Klasse gehen, das immer ohne Sitz und ohne Helm auf dem Gepäckträger seiner Mutter transportiert wird, mit zwei sechsjährigen Mädchen mit Kopftuch (das haben die natürlich aus ganz freien Stücken auf und ja, ich müsste auch bei deutlich sichtbaren christlichen Symbolen mindestens eine Augenbraue sehr weit hochziehen), mit mehreren Kindern, die auf dem Weg zu ner „gesunden Bräune“ offenbar auch den ein oder anderen Sonnenbrand mitnehmen, mit dem unangenehmen Kind aus der KiTa, mit Hermione Granger aka myself when I was 6, und zu guter Letzt mit dem Sohn eines Biotech-Professors, den ich schon oft an allen möglichen Orten getroffen habe, zuletzt gestern (!) in seinem eigenen f*cking Lunchroom und der trotzdem grundsätzlich so tut, als würde er mich nicht kennen gar nicht wahrnehmen. Hrmpf.

So, jetzt ist es raus, dann mal der Rest: Das mit der Einschulung läuft hier ja ganz anders als in Deutschland, denn am 1. Schultag gibt man das Kind recht unaufgeregt beim SFO (Skole-fritids-ordning, wie Randstunden- und Ferienbetreuung in einem) ab, bleibt eventuell noch ein wenig da und dann ist die ersten drei Wochen eben eh nur SFO, das Schuljahr geht erst in der zweiten Augusthälfte richtig los. Keine Feier**, keine Schultüte***. Dafür ist der Tag wichtig, an dem die Kinder ihre Schulranzen bekommen. Nicht so feierlich wie in Deutschland, aber schon halt ein großes Ding. In Norwegen bekommen Erstklässler*Innen einen Rucksack vom „Fylke“, also in unserem Fall (dem frisch vereinten) Trøndelag. Das finde ich aus tausend Gründen wiederum gut, denn so hat man als Eltern dieses, wie ich auf Twitter immer wieder beobachten darf****, völlig irrsinnige Thema Ranzenkauf („Welcher! Ergonomisch! Preis! Muster!“ und am Ende gehen alle mit einem Ding nach Hause, das fast größer als das Kind ist, eine Niere kostet und in dem dann trotzdem die Schulbrote vergammeln) umschifft*****, es gibt keinen Wettbewerb unter den Eltern Kindern, wer den ergonomisch besten coolsten Ranzen hat, der ist nicht besonders groß, also geht auch nicht viel rein, also wenig Geschleppe und wenig vergessenes Gedöns, der hat drülfzig Reflexstreifen und weil der eben als Erstklässlerrucksack erkennbar ist, wissen auch Unbeteiligte gleich, dass das ein Erstklässler ist und kein KiTa- oder älteres Kind. Nun denn. Heute gab es also diesen Rucksack, Michel ist unglaublich stolz und Pippi unglaublich traurig, dass sie keinen bekommen hat.

(Da steht, total witzig, hahaha, drauf: „Erstklassiger Trønder“. Groan.)

Ansonsten fangen in der ersten Klasse 32 Kinder an, genauso viele wie in meiner Grundschulklasse waren. Allerdings wird Michel immer 3 Lehrerinnen****** in der Klasse haben, ich hatte damals exakt 1 und dass das nicht so gut funktioniert hat, hat dann in meinem Fall sogar die Schule eingesehen und die Klasse aufgeteilt. Wie es bei Michel mit 3 Lehrerinnen wird, wird man sehen. Für mich wären ja 33 Sechsjährige in einem Raum schlimmer als Folter, aber deshalb bin ich ja auch nicht Grundschullehrerin, ne? Vielleicht wird das ja alles ganz gut. Persönlich finde ich ja, so langsam kann dann auch mal was überraschend gut laufen, statt immer nur Mist und noch mehr Mist. Ich wünsche mir für Michel so sehr, dass das gut wird, sogar noch besser, als er sich das jetzt vorstellt. Mein großer kleiner Zwerg.

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*Dazu mehr dann morgen.

**Wobei ich auch da schon des öfteren sehr verwundert war, zu was das teilweise in Deutschland aufgeblasen wird, inklusive gemieteten Räumlichkeiten und eeeewig im Voraus ausgebuchten Restaurants und Familie, die durch halb Europa anreist. Äh, ok. Kann man halt machen, ne? Muss ich ja nicht. Und n bisschen bekloppt kann ich’s schon auch finden.

***Eine Schultüte hingegen werden meine Kinder kriegen. In Deutschland würde ich wohl eine kaufen, da es hier aber keine gibt, muss ich die wohl basteln. Sei’s drum. Schultüte muss sein.

****Grad halt nicht und der Teil des Twitter-Verzichts, nämlich das wesentlich weniger häufige #alleirre-denken, der ist echt schön.

*****Zumindest aufgeschoben, aber ich hab noch nie mitbekommen, dass hier um den Ranzen so ein Gewese gemacht wird wie in Deutschland.

******Leider keine mitzumeinenden Männer.

Tag 1011 – Home, Sweet Home.

Wir sind wieder zu Hause. Die Abreise hat sehr gut geklappt und der Flug war auch bis auf die Landung echt ok, allerdings das „dazwischen“, nämlich der etwa einstündige Aufenthalt jenseits der Sicherheitskontrolle im Flughafen Split, das war recht schrecklich. Der Flughafen ist winzig klein, es gibt laaaaaaaaange nicht genug Sitzmöglichkeiten, und es war hoffnungslos überfüllt. Also so, dass mir der Gedanke durch den Kopf zuckte „Wenn’s hier ne Massenpanik gibt, dann gute Nacht“. Und dabei war es ja noch lange nicht Hauptsaison. In der Hauptsaison kann ich mir gar nicht vorstellen, wie das gehen soll, ich stand so schon je 10 Minuten in der Klo-, der Kaffee- und der DutyFree-Shop-Schlange. Nun ja, wir haben es ohne Massenpanik und mit der korrekten Anzahl Kinder, die auch aussehen wie unsere, aus dem Flughafen und ins Flugzeug geschafft. Hurra.

Daheim in Trondheim dann auch endlich mal Frühling.

Und hier ist es auch jetzt, um fast halb elf, noch taghell.

Dafür überhaupt nicht drüber nachgedacht, dass hier ja am Donnerstag schon Feiertag war und am Montag auch Feiertag sein wird und was läge da näher, als heute (gestern auch) die Geschäfte einfach mal am Nachmittag schon zu schließen? Ja, alle. Da stand ich da mit meiner ausgetüftelten „Wir müssen jetzt echt wieder die Kröten zusammenhalten“-Einkaufsliste, vorm geschlossenen Supermarkt, und guckte doof. Beim zweiten Supermarkt guckte ich noch doofer. Beim dritten wurde ich langsam wütend und beim sechsten war ich so weit, alles in meinem heiligen Zorn niederzubrennen. Ich wollte doch keinen fancy Kram, ich wollte Milch, Eier und Käse kaufen, wir brauchen doch was zu essen die nächsten Tage. Herrje. Am Ende kaufte ich das Nötigste im einzigen geöffneten Laden weit und breit, einem wirklich winzig kleinen Joker der heute den Reibach schlechthin macht, indem er „das Nötigste“ an sämtliche verplanten Einkaufenden der Umgebung zu deutlich höheren Preisen als die großen Supermärkte es können verkauft. Aber hey, wir haben jetzt Milch und Eier, das Frühstück ist also gerettet. Und auch abends werden wir voraussichtlich nicht verhungern.

Ansonsten: getan, was man halt nach dem Urlaub tut. Wäsche gewaschen*, Schnecken**, Kaffeemaschine, Bett begrüßt***, sehr viel Blubberwasser ohne salzigen Geschmack getrunken, Zeug verräumt, Blumen gegossen. Jetzt Bett, in vollen Zügen genießend dass hier niemand auf die Idee käme, Raumbedufter zu verwenden****.

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*wir haben gar nicht mal so viel Dreckwäsche mitgebracht, weil wir Füchse nämlich schon im Urlaub zwei Maschinen gewaschen haben. Das nächste mal nehme ich ein bisschen von unserem Waschmittel mit, dann riecht die Wäsche auch nicht hinterher nach der kroatischen Auffassung von „angenehm blumig“.

**Die haben die Woche super überstanden, hatten ihren Apfel noch nicht ganz, den Arm voll Löwenzahn aber schon aufgefressen und die Erde war auch noch gut feucht. Es hatte sich noch nicht mal eine eingegraben.

***Hach, mein Bett, meine Matratze, mein Teddybär, meine Bettdecke, hachhachhach.

****Die Ferienwohnung war durchaus ok, vor allem für den Preis und in der Umgebung, aber die Gerüche waren schon nicht angenehm zum Teil. Ein Küchenschrank roch extrem muffig und selbst Gläser aus diesem Schrank rochen danach. Und in Kroatien stehen die Leute offenbar total auf alle Sorten von Beduftung. Raumsprays, Duft-Dingsis, die vor sich hinriechen, sehr stark parfümiertes Klo-Zeug, Wunderbäumchen in jedem (!) Auto. Die Vermieterin unserer Ferienwohnung beduftete den Flur mit penetrant vanillig riechendem Zeug, das löste bei mir schon fast Übelkeit aus. Nur die Handseife, die roch nach Klostein.

Tag 978 – Gemischtes.

Heute war ich beim NAV. Das kam so:

Ich habe seit inzwischen 5 Wochen kein Arbeitslosengeld bekommen. Es wurde mir ja von Anfang an klargemacht, dass ich in den zwei Wochen vor der Disputation kein Arbeitslosengeld bekäme, weil ich in der Zeit „in Ausbildung“ sei und deshalb ja keine Jobsuche betreiben könne (dass ich auch in der Zeit Bewerbungen abgeschickt hab: Schwamm drüber, ne?). Ich müsse das dann in den „Meldekarten“ entsprechend angeben. Die Meldekarten muss man alle zwei Wochen ausfüllen, aber online dauert das keine fünf Minuten, ist also echt kein großes Ding. Und normalerweise geht das dann auch fix, dass man das Geld bekommt, also so etwa 2-3 Tage. Nun. Ich füllte diese Meldekarten rund um die Disputation also entsprechend aus und halte für den Zeitraum zwei Wochen vor der Disputation „in Ausbildung“ an. Und dann gingen die zwei Meldekarten zur „manuellen Behandlung“. Ganz toll, vielen Dank auch, dachte ich mir, aber sonst auch nix weiter. Bis dann jetzt für die neue, ganz stinknormale Meldekarte auch kein Geld kam. Da sah ich heute morgen nach und fand heraus, dass die quasi in der Pipeline hinter den anderen beiden feststeckt, die nicht bearbeitet wurden. Ich grmpfte also und rief die Hotline an. Die Dame bei der Hotline teilte mir dann freundlich mit, dass die zwei Meldekarten „durchgefallen“ seien und deshalb auch die dritte nicht bearbeitet wurde. Moment, durchchgefallen? Ja, weil ich „in Ausbildung“ angekreuzt hatte. Das „in Ausbildung“ gilt nur für „vom NAV aberkannte Kurse und Studien“. AHA! Das hätte mir ja auch mal wer sagen können, nicht wahr? Ich hätte da, so die Dame weiter, „Abwesend“ anhaken müssen. Obwohl ich ja sehr anwesend war. Tjanun. Und da gäbe es jetzt leider nur die Möglichkeit, das zu korrigieren, indem ich persönlich da hinginge und mit meiner Betreuerin spräche. Ich grmpfte noch viel mehr, ging aber heute Mittag da hin. Und war schockiert. Ich kam direkt von der Eingangstür in einen Raum voller Leute, die scheinbar ungeordnet herumstanden. Einige sag ich an Computern mitten im Raum stehend Dinge tun, einige sitzend auf Sofas, zwischendrin auch welche am Drucker, und hier und da Leute mit roten Westen. Ich dachte zuerst, ich wäre in den abschließenden Mingling-Teil irgendeines Seminars geraten und wollte schon wieder umdrehen, aber irgendwie kam mir seltsam vor, dass die Leute so scheinbar gar nicht mingelten. Und auch nichts offenkundig gemeinsam hatten. Ich blieb also unentschlossen einfach stehen und besah mir das ganze. Die roten Westen (mit dem Charme einer Bauarbeiterkluft) hatten eine Aufschrift mit „NAV.no – 24/7 geöffnet“ (oder so), die schienen also hierher zu gehören. Und wuselten manchmal zielgerichtet herum, dann aber wieder nicht und guckten aufmerksam Leute an. An einem Ende des Raumes war so eine Art Tresen, an dem mehrere Leute standen und dahinter mehrere rote Westen, also schien es mir ratsam, mal zu schauen, ob das ein Empfang oder sowas war (ich suchte die ganze Zeit nach einer Gelegenheit, eine Nummer zu ziehen, weil das in Norwegen ja immerimmerimmer so ist, dass man einfach eine Nummer zieht und dann die Nummer aufgerufen wird und fertig). Und wie ich da so versuchte, die Schlange am Tresen zu erkennen, rief eine der roten Westen „Wir haben hier keine Schlangenordnung!“. WHAAAAAT? Keine Nummer, keine Schlange, soll man die im Ernst einfach ansprechen? Bis ich mich gesammelt hatte, war die rote Weste natürlich besetzt. Dann drängelte sich jemand vor (oder so, gab ja keine Schlange, aber ich bin ganz sicher, dass die nach mir gekommen sind) aber die nächste rote Weste war dann meine. Der erzählte ich also – mitten im Raum, umgeben von Leuten (!!!) – meine Geschichte und sie fragte nach meinem Ausweis. Ich habe keinen Lichtbildausweis mit meiner Personnennummer drauf, also zog sie dann mit meinem Führerschein plus Krankenversicherungskarte (meinem einzigen Ding mit der Personnennummer drauf, abgesehen vom offiziellen Registrierungsbeweis) von dannen. Bis sie wiederkam, hörte ich unfreiwillig die komplette Geschichte des sehr laut sprechenden, älteren Rumänen mit, der vorgestern erst angekommen ist und noch eine Personnennummer braucht. Weil er noch keine Arbeit hat, hat ihn der Skatteetaten schon weggeschickt und er verstand nicht, wieso ihm niemand eine Nummer zuteilen wollte, ohne die doch in Norwegen nichts funktioniert. Kurz bevor er wirklich sauer wurde, kam meine rote Weste zurück, mit zwei Zetteln zur Korrektur der zwei Meldekarten. Die füllte ich auf der Sitzfläche eines Stuhls aus und gab sie ihr unterschrieben und mit der falschen Jahreszahl (Hupsi, aber ist ja auch noch so neu, das Jahr…) versehen zurück, sie sagte Danke und dass das jetzt korrigiert wäre und das war’s. Dann war ich wieder draußen. Auf der Pro-Liste also eindeutig: Geht fix, deren System.

Trotzdem, liebes NAV: warum?!? Warum keine Nummern? Wir mögen Nummern ziehen! Das ist fair, das kann wirklich fast jede*r, selbst Leute mit richtig schlechter Sozialkompetenz schaffen es, ne Nummer zu ziehen und im Zweifel eben draußen oder in der Ecke eines der schicken Sofas sich unsichtbar machend darauf zu warten, dass sie dran sind. Dieses System, was ihr da habt, ist echt (wie jemand auf Twitter sagte) Apple Store gone wrong. Für Leute mit psychosozialen Problemen ein echtes Hindernis, für alle anderen mindestens unfair und total unübersichtlich, keine Privatsphäre, und dass die Mitarbeiter*Innen da nicht komplett irre werden, ist echt ein Wunder.

So.

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Pippi wollte heute nach der KiTa nicht nach Hause laufen. Aber auch nicht Laufrad fahren. Was ich also tragen musste. Plus die schwere und volle Tasche Kram aus der KiTa (unter anderem der Winteranzug, mit dem Michel, als ich kam, auf den Knien über den gestreuten Asphalt robbte und meine Fresse, das Ding hat über 100€ gekostet und hat jetzt Löcher in den Knien. War. (und bin) ich. sauer.). Also beide Arme voll und bockige Pippi, die einfach stehen blieb. Viele unserer Nachbarn aus dem Viertel kennen jetzt die deutsche Mutti, die ihr Kind anschreit. Und ein paar deutsche Flüche.

Nach sowas möchte ich echt immer gern aufn Arm oder direkt ins Bett.

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Sport gemacht und, weil ich ein neues Sportprogramm angefangen habe, den „Physical Fitness Test“ wiederholt, allerdings ohne Laufen, ich laufe ja nicht. (Ich gehe. 19256 Schritte heute.) Und ich muss schon sagen: ich bin stolz auf mich. Die >-Zeichen heißen, dass noch ein paar mehr gegangen wären, aber es mir zu blöd wurde.

(Ach ja: Push-ups sind Liegestütze, in dem Fall ganz normale und nicht auf den Knien, sondern auf den Füßen, Squats sind Kniebeugen, Plank heißt, dass man sich auf Unterarme und Zehen aufstützt und den Rest halt wie ein Brett macht, also vom Boden weg, aber flach, in einer Linie von den Schultern bis zu den Fersen abfallend ohne, dass der Po angehoben wird. Flexibility wird da bestimmt, indem man quasi eine Klappmesser-Übung macht und musst, wie weit man mit den Händen an den Fersen vorbei strecken kann (oder, wenn man nicht bis zu den Füßen kommt, halt -x cm). Ich glaube, das ist bei mir nah am maximal erreichbaren, bei dieser Übung bin ich schon sehr flexibel, ich lege den kompletten Oberkörper auf meinen Beinen ab und die Unterarme auf den Boden neben die Waden, was soll da noch groß gehen, wenn meine Arme nicht durch gewisse Laufradtragereien noch deutlich länger werden?)

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Ein lustig aussehendes Brot gebacken, nach einem Rezept von Ketex.

(Ich glaube, die Teiglinge lagen ein bisschen sehr nah aneinander, deshalb haben die beim Aufgehen im Ofen so eine Art Brücke gemacht und sich gegenseitig hochgedrückt. Aber sonst tadellos, wir werden sehen, wie es schmeckt, so schwierig, wie’s im Rezept klingt, fand ich es jetzt nicht.

Tag 965 – Leuchtende Augen.

Am Samstag waren wir Einkaufen. Hier ist ja über Ostern immer superlanges Wochenende, der Mittwoch ist schon nur noch Larifari-Arbeitstag, Gründonnerstag ist Feiertag, Karfreitag eh, Samstag ist dann halber Feiertag mit eingeschränkten Öffnungszeiten und dann eben Sonntag und Montag wieder Feiertag. Aber da sämtliche Norweger ihre Osterferien auf der Hütte* verbringen und Ski fahren, ging es eigentlich sogar mit dem Samstagseinkauf, bis auf eine Aubergine habe ich alles bekommen. Für die Aubergine wollte ich dann aber nochmal in den Meny, wir kaufen ja sonst alles beim Rema, der ist ein bisschen wie Aldi, der Meny eben eher so Edeka. Viel mehr Auswahl, aber halt auch alles teurer und bei 5 Litern Milch pro Woche merkt man das eben schon irgendwann, ob die 19,80 oder 20,90 kostet und hey – hier ist eh alles pseudo-monopolisiert, man kriegt zu 90% im Meny halt die gleichen Produkte wie im Rema. Für die anderen 10% fahren wir dann doch hin. Und wie das dann so ist, kauft man noch dies und das und bleibt nochmal an der Fisch- oder Käsetheke stehen. Die gibt’s im Rema nämlich nicht. Und wie ich da so stehe, am Karsamstag eine Stunde vor Ladenschluss, und in die Käsetheke starre, spricht mich ein sicher 2 Meter großer und recht beleibter Herr an, wonach ich denn suchen würde. Erst erschrecke ich mich fast zu Tode, denn Norweger sprechen eine nicht einfach so an der Käsetheke an. Aber der Herr arbeitet da. Trotzdem sage ich nur „ach, ich suche nur mal was, was ein bisschen besonders ist…“ und will schon zum Brie** greifen, da sagt der Herr „Haben Sie den hier schon mal probiert?“ und reicht mir Chambre. Sieht lecker aus. Und da fährt der Herr auch schon fort: „Wissen Sie, was Sie damit machen können? Wir hatten mal welche davon, die waren kurz vorm Ablaufen. Und dann haben wir die einfach in den Ofen getan! Das ist ganz toll, geht ganz einfach und schmeckt herrlich, einfach Cräcker reindippen und mhhhhh! Wunderbar!“ und dabei hat er ganz leuchtende Augen, ganz niedlich ist der 2-Meter-150-kg-Mann, dass ich es weder übers Herz bringe ihm zu sagen, dass das Konzept Ofenkäse in Deutschland jetzt nicht grad neu ist, noch den Käse nicht zu kaufen.

Heute gab’s deshalb Ofenkäse.

Dinge, die wir am Wochenende nicht mehr geschafft haben, aber wegen „hui, der Käse stinkt ziemlich den Kühlschrank voll“ jetzt schnell nachholen müssen. Mit selbst erfundenem Brotbällchen-Teig. Sehr gut selbst erfundenem Brotbällchen-Teig. Der geht so: – 21 g Hefe (1/2 deutscher Würfel) in 150 mL lauwarmem Wasser mit einer Prise Zucker auflösen und dann mit – 500 g Mehl, – 2 guten Teelöffeln Salz, – 1 guten Esslöffel sehr weicher Butter, – 2 guten Esslöffeln griechischem Joghurt und – nochmal ca. 100 mL Wasser einen relativ weichen Teig kneten (so ~7 Minuten auf mittlerer Stufe in der Knetmaschine) – etwa 1 Stunde gehen lassen, bis das Volumen verdoppelt ist – 16 (20 wären besser gewesen) gleich große Teile abstechen und rund formen (ich hab sie geschliffen) – mit Kernen versehen, wer mag (dazu erst in Wasser tauchen, dann in die Kerne drücken) – um den Ofenkäsedeckel drapieren und abgedeckt nochmal gehen lassen (ich habe das kalt gemacht, für 1,5 Stunden) – Käse rein und dann so backen, wie man halt den Ofenkäse backt. #lecka #börpserchen #ofenkäse #mitbrötchen

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Michel fummelte sich beim Abendessen dauernd im Mund rum und beschwerte sich, dass der Zahn wehtue. Ich besah mir das also und sah ordentlich abgenutzte Milchzähne, Michel knirscht ja auch nachts mit den Zähnen (jetzt nicht mehr so stark wie auch schon mal, aber immernoch manchmal), ich sah auch hinter den Milchzähnen unten gerötete und geschwollene Kauleisten, da warten wohl die bleibenden Backenzähne auf ihren Durchbruch, und dann konnte ich nach ein bisschen Gefühle meinerseits endlich die heiß ersehnte Nachricht überbringen: „Der eine Schneidezahn unten, der sitzt nicht mehr ganz fest.“. Michel hat quasi komplett geleuchtet vor Stolz. Hachz.

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Auto-Lobhudelei: auf einigermaßen merkwürdige Mails einigermaßen sachlich geantwortet.

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*Anekdote: am Sonntag fragte die S. die M., ob der Sohn (H.) denn beim Papa auf dem Bauernhof sei. Ja, sagte die M., obwohl es erst geheißen hatte, „sie wollen auf die Hütte, aber da muss man 30 Minuten Ski laufen und das macht H. nicht mit“. Und da musste ich echt sehr lachen, das ist so klischeemäßig, Ylvis haben ein Lied darüber gemacht.

**Traurig, wie man hier gemainstreamed wird, aber Brie, Camembert, alter Gouda, echter Feta oder echter Parmesan sind für mich schon besondere Käsesorten geworden.

Tag 841 – Endlich ein neues Fass!

Nein, Spaß.

Aber eigentlich hätte ich ein bisschen Lust drauf, wenn ich grad Nerven und Zeit übrig hätte, würde ich vielleicht nen Aufständchen machen, jetzt muss es eben reichen, dass ich hier mal drüber motze.

Ich habe ja letztes Jahr dem Herrn Rabe einen Whisky-Adventskalender geschenkt (und alle so moaaaa, macht die denn echt alles wie Frau Brüllen?!? Aber ich habe das erst nach dem Bestellen geschnallt, echt, und Herr Brüllen hat auch einen anderen als Herr Rabe). Das war ein spontaner Einfall, nachdem durch den Brexit das Pfund abstürzte und Herr Rabe ja sehr gerne Whisky mag und dann poppte so ne Werbung bei Amazon auf und dann hab ich im Endeffekt aber doch nicht da bestellt sondern in einem Britischen Onlineshop. Weil die nämlich eine recht problemarme Lieferung nach Norwegen versprachen. Und problemarm war es letztes Jahr auch, ich musste eine Bestätigung schicken, dass ich in jedem Fall anfallende Zollkosten übernehmen werde und daraufhin wurde das Paket abgeschickt, ein paar (überraschend wenige) Tage später rief der Postmann an, ich nahm das Paket in Empfang, die Zollrechnung kam wie immer per Post, das überwies ich und fertig.

Dieses Jahr hingegen habe ich das dumpfe Gefühl, dass ich irgendeine Janteloven-Regel übersehen hab: „Du sollst nicht meinen, dass du einfach Alkohol von sonstwo her bestellen kannst, trink gefälligst Karsk*, du blöde Kuh!“. Ich bestellte den Kalender vor ca. 2 Wochen und schickte die „Jaja, ich bezahl alles was die sich hier einfallen lassen“-Mail direkt hinterher. Dann passierte ein paar Tage nichts. Dann wurde ich vorletzte Woche Freitag um kurz vor halb vier von DHL angerufen: das Paket läge jetzt beim Zoll und die bräuchten eine Bestellbestätigung. Und, das müssten sie mir sagen, ab dem vierten Tag, dass es beim Zoll liegt, kostet es 35 NOK pro Tag. Also, weil beim Zoll Freitags ab halb vier keiner mehr arbeitet und das Wochenende den Norwegern ja heilig ist, ab Montag. Ich reagierte recht… ungehalten auf diese Information und motzte die Dame am Telefon an, ob sie das fair fände, dass ich also egal wie schnell ich jetzt diese Mail mit der Bestellbestätigung schicke in jedem Fall 35 Kronen bezahlen müsste. Nee, fand sie auch nicht richtig, aber den Boten hängen ist ja auch nicht grad die feine Art und den Rest vom Groll schluckte ich herunter, 35 Kronen sind ja nun auch nicht sooooo viel Geld. (ABER AUS PRINZIP! schreit da mein Gerechtigkeitsempfinden und ich habe Mühe, es wieder zu beruhigen.) Und natürlich schickte ich auch sofort die Bestellbestätigung an die DHL-Frau, die mir noch am Telefon den Eingang bestätigte und dass sie das sofort an den Zoll weiterleite.

Dann passierte wieder ein paar Tage nichts.

Mittwoch rief ich DHL an. Natürlich hatte ich keine Sendungsnummer, die arme Frau (Ich glaube, es war die selbe, Silje ist zwar ein recht gewöhnlicher Name hier aber so schlecht ist mein Stimmengedächtnis nicht) musste also tatsächlich nach meinem Namen suchen. Ein Whisky-Adventskalender? Ja, genau. Hmm, der liege noch beim Zoll. Sie werde da drauf drängen, dass das schnell bearbeitet würde, das wäre ja ärgerlich, wenn das nicht bis zum 1. hier wäre. Ja, stimmt ja auch, klar, äh, mir ging’s natürlich nur um den Mann *hust*. Zähneknirschend legte ich auf. 3 x 35 NOK.

Auch am nächsten Tag passierte nichts.

Am Freitag rief ich, einigermaßen geladen, wieder an. Silje musste wieder nach meinem Namen suchen, ach ja, der Adventskalender, ja, der sei heute morgen vom Zoll behandelt worden. Müsste also Montag ausgeliefert werden (auch DHL arbeitet am Wochenende hier nicht). 5 x 35 NOK werde ich also, zusätzlich zur Einfuhrsteuer und zur Bearbeitungsgebühr, berappen dürfen. Weil wegen isso und weil der Zoll da eben am sehr viel längeren Hebel sitzt.

Die können froh sein, dass ich keine Kapazitäten für so Nervzeug habe.

Das Paket kam jedenfalls heute heile an und ich hab zum ersten Mal so eine Postbox benutzt, da musste man nur eine SMS-Pin eingeben und plopp – ging die Klappe auf. Spannend sowas.

Auf den Brief vom Zoll warte ich jetzt mittelmäßig gespannt.

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*Sprich: Kaschk, Kaffee mit Selbstgebranntem. Sehr Trøndersk. Man macht das so: man nimmt eine Tasse und legt eine Münze rein, dann tut man so viel Kaffee in die Tasse, bis man die Münze nicht mehr sieht. Dann kommt so viel Klarer „Hjemmebrennt“ drauf, bis man die Münze wieder sieht. Wieviele Leute im Jahr blind davon werden, ist nicht überliefert, ich weiß aber, das selbst brennen auch zu den Hobbys von ein paar meiner Kollegen gehört, das ist hier (illegaler) Volkssport. „Die Familie von Stein-Even, die brennen schon in der vierten Generation in der Hütte im Wald, da is‘ nie was passiert, kannste ruhig trinken!“ Alle irre.