Tag 2391 – Viel Liebe.

Könnte stundenlang von meinem Job erzählen, aber das darf ich ja nicht. Mag Job, mag Kollegen und Kolleginnen, mag sinnvolle Dinge tun. Hachz.

Leider wurden wir nicht fertig heute. Hupsi. Morgen geht es also weiter.

Etwas lustig: wir sprachen zwischendurch mit jemandem, der drei Worte auf Englisch sagte (wir machen die Inspektion auf Englisch, weil da einige nicht Norwegisch sprechende Menschen bei sind) und dann erst mal Dokumente suchen musste, und ich sagte zu meinem Kollegen (auf mute), dass ich wette, dass der deutsch ist. Als er wiederkam, sagte er „My name is [name], I am working at the German $department of $company, and we also serve the Norwegian site.“ Nicht falsch verstehen, sein Englisch inklusive Aussprache war gut, aber man hört es halt doch, am Tonfall und manchmal an seltsamen Ausdrücken. Das passiert auch mir und Herrn Rabe ständig, und zwar in jeder Sprache: dass wir Ausdrücke direkt von einer Sprache in die andere übersetzen und dadurch kreative Wortschöpfungen bilden. Es lebe die Mundbinde.

Jetzt muss ich aber schlafen. Morgen geht’s ja wieder früh raus, damit ich vor der Abfahrt (und vor dem ersten Kaffee) noch einen Schnelltest machen kann. Ich will ja nicht meinen Kollegen umbringen, der, das muss ich mal festhalten, wahrscheinlich der einzige Mensch ist, den ich kenne, der noch nie einen Coronatest gemacht hat. Keinen einzigen. Er ist kein Coronaleugner, im Gegenteil, er hat halt einfach wegen Wegfall von Office, Reisen und Gruppenhobby extrem wenige Kontakte gehabt, nie eine Warnung bekommen und nie Symptome gehabt. Faszinierend.

Tag 2390 – Wunderwerk.

Wie gut meine Laune auch sein kann, wurde mir heute klar. Ich hätte den ganzen Tag singen* können, selbst als zwischendurch mal was echt jeden Grund gab, in tiefe, schwarze Löcher zu fallen, mit dem triumphierenden Impostor auf der Schulter. Insgesamt gute Laune trägt auf jeden Fall dazu bei, den Impostor auf Abstand zu halten und das Loch als Stolperfalle, die es umsichtig zu umgehen gilt.

Es ist schon spannend, was es macht, mal rauszukommen aus dem eingepupsten Homeoffice, und Menschen, die man mag, in 3D zu treffen und auch mal von hinten oder brustabwärts zu sehen. Die Euphorie nutzt sich sicher schnell ab, aber jetzt grad ist sie sehr hoch und das genieße ich einfach.

Fast noch besser als alles andere: ich habe ENDLICH ein Maishäutchen von Popcorn zwischen zwei Backenzähnen entfernen können. Ich habe seit geraumer Zeit kein Popcorn gegessen, das Häutchen aber auch „erst“ vor einer knappen Woche entdeckt. Es guckte gerade so viel hervor, dass ich mit der Zunge MANCHMAL ein Fitzelchen erfühlen konnte. Ich kam aber einfach nicht genug ran und musste heute mit Geduld und den extra spitzen Zahnpiekern mit viel Gefüüüüüühl prokeln, bis ich das Fitzelchen endlich in der Hand hatte.

Sie können sich vorstellen, dass ich sehr erleichtert und insgesamt beschwingt bin.

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*geht im Schneckentempo immer besser, aber die volle Range ist noch lange nicht wieder da. Ich übe auch nicht konsequent, und für Behandlung (die ich ja erst anleiern muss und so weiter) fällt das Löffel-Leidensdruck-Verhältnis grad nicht ausreichend aus.

Tag 2303 – Licht am Ende des Tunnels.

Geschafft! Wir sind alle stolz auf uns. Aber fertig, ja, sind wir auch. Uff.

Seltsam, putzig und irgendwie rührend: wir durften remote einen Baum pflanzen. Das ist in Indien wohl so Tradition, am Ende der Inspektion pflanzen die Inspekteure einen Baum. Weil es Indien ist, ist es eine Palme, genauer gesagt eine Fuchsschwanzpalme. Und weil es Tradition ist und ja alles andere auch remote geht*, haben wir eben über Teams an der Zeremonie teilgenommen, Angestellte der Firma haben für uns Erde auf den Wurzelballen geschaufelt und gegossen und der Chef hat das Schild mit unseren Namen, der Agency und den Daten enthüllt. Und jetzt steht in Indien eine Palme mit meinem Namen dran. (Ja, das machen die wohl auch, wenn es für die Firma nicht so gut läuft.)

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Jetzt muss ich sehr dringend ein bisschen Schlaf nachholen. Morgen geht die Routinearbeitsachterbahn wieder los, ob ich will oder nicht.

*naja naja. Die Anekdote mit dem längsten Stromkabel der Welt, das die tapferen Angestellten durch die ganze Produktion, sämtliche Lager und diverse Laboratorien hinter ihrem Wägelchen mit der Kamera und dem Laptop drauf hinter sich her zogen, wird mich aber noch eine Weile schmunzeln lassen. Egal wo man hinsah, dieses Kabel war immer da. „Just for clarification ma‘am, the cable is to the camera and laptop power supply, it is not usually here!“ (ja will ich auch hoffen, in – wenn auch niedrig – klassifizierten Bereichen).

Tag 2302 – Ready?

Jöss, ich bin froh wenn das morgen rum ist. Es ist anstrengend. Es wäre das sicher auch in Indien, aber es ist tatsächlich noch mal ne andere Nummer, wenn man die Gesichter der Gegenüber einfach gar nicht sieht.

Ich bin außerdem immer noch unsicher, was den richtigen Ton angeht. Da ich ja auch keine Gesichter sehe, bin ich nicht mal sicher, ob ich immer mit den gleichen Personen spreche, oder ob das andere sind. Offenbar bin ich stimmtaub.

Ich, äh, freue ich auch darauf, wieder mit Frauen zu reden. Der Unterschied zu Norwegen ist frappierend, denn hier sind so ca. 90% der QA-Menschen in Pharma weiblich (hängt damit zusammen, dass Pharmazie hier ein Frauenberuf ist). Dort – null. Zumindest keine, mit denen wir reden dürfen. Oder die mit uns reden dürfen.

Apropos Kultur: als ich heute kurz auf die Beschaffung von Dokumenten und SMEs warten musste, googelte ich, was „Reddy“ eigentlich heißt, das an viele Namen angehängt wird. Also in Form von „Mr. Vorname Nachname Reddy“. Reddy, so fand ich heraus, ist die Bezeichnung einer hohen Kaste aus Südindien. Telugu, genauer gesagt. Mein erster Reflex war, das sehr, sehr seltsam und rückständig zu finden, Kastensystem ist ja auch pfui, hab ich in der Schule gelernt. Dann fiel mir aber das deutsche „von“ ein, oder die Briten mit ihrem Sir, Dame, Lord, usw. und das ist sicher nicht direkt vergleichbar, aber es ist nun auch nicht so, als würde man im Westen Klassenbezeichnungen (solange sie anzeigen, dass man einer [vermeintlich] „höheren“ Klasse angehört) nicht traditionell auch gerne heraushängen lassen.

Solche Gedanken mache ich mir nebenbei.

Noch ein Tag. (Uff.)

Tag 2231 – Nicht lachen.

Drei nordeuropäische paar Ohren, drei mal mehr oder weniger starke nordeuropäische Akzente (meine Kollegin sagt immer „…, or what?“ und ich muss immer ein bisschen darüber schmunzeln). Indisches Englisch auf der anderen Seite, zwei Tage Pause – heute wieder völlig hoffnungslos. Das heißt, nicht völlig. Die individuellen Unterschiede, wie heftig der Dialekt (???) ist, sind sehr groß, manche verstehen wir gut und andere… naja halt einfach mal gar nicht. Die ratlosen Gesichter meines Kollegen und meiner Kollegin, die aber stets bemüht waren, die Contenance zu bewahren (man will ja die andere Seite nicht beschämen), waren heute kurzzeitig zu viel für mich und ich musste kurz den Raum verlassen und außer Hörweite über diese absurde Situation lachen. Mein Kollege, der irgendwas fragt und etwas zur Antwort bekommt, von dem wir maximal einzelne Worte verstehen. Ich, die die selbe Frage noch mal anders stellt, in der Hoffnung, die gleiche Antwort noch mal anders formuliert zu bekommen, auf dass man sich aus zwei mal Brocken irgendwas zusammenreimen kann. Meine Kollegin, die mit Pokerface am Ende der völlig unverständlichen Antwort einfach „Yes, thank you“ antwortet, auf fragendem Blick aber mit einem kaum merklichen Kopfschütteln antwortet und hinterher sagt, die hätten auch antworten können, dass sie alle Steriltests vorm Inkubieren autoklavieren, sie hätte es nicht bemerkt.

Ich lache wirklich nicht über die. Ich lache über uns.

Mal gucken, ob ich in dem Tonfall träume. Ich finde den indisch-englischen Tonfall nämlich eigentlich sehr einlullend, vielleicht auch, weil so viel Energie dabei drauf geht, den Inhalt zu erfassen.

Tag 2295 – Yes, ma‘am.

Der Tunnel ist tief.

Die Sprachbarriere, die Verzögerung, die völlig anderen Hierarchien und dass man halt einfach nicht dort ist – all das macht das grad ganz und gar nicht einfach.

Muffin geht es überraschend gut. Er hat die Narkose und das Zähne abschleifen gut überstanden und mümmelt jetzt vorsichtig ein bisschen vor sich hin.

Michel hatte heute Korpskonzert – darauf, dass das wohl eine große Sache mit Solo(!!!)-Auftritten aller Korpsmusiker*Innen ist, waren wir nicht eingestellt, wie auch, wenn man erst eine Woche vorher Bescheid bekommt. Deshalb hab ich es auch verpasst, weil ich Leute auf einem anderen Kontinent durchs Internet anschreien dazu bewegen musste, sich durch Produktionsanlagen zu bewegen. Herr Rabe war da und hat aus lauter schlechtem Gewissen 40 Lose gekauft, von denen dann 5 gewonnen haben. Außerdem hat er ein Video von Michels Solo aufgenommen, so konnte ich wenigstens hinterher gucken, wie es war.

Ist echt erst Dienstag? Ich wäre bereit für baldigen Freitag.

Tag 2294 – Gar.

Ferninspektion ist anstrengender als On-Site. There, I said it. Natürlich ist bei vielen Graden in Indien in fensterlosen Meetingräumen sitzen auch anstrengend, aber ich möchte doch hoffen, dass ich da nicht am Ende des Tages heiser wäre, weil dieses Telefonieren komisch ist.

Die Technik war auch nur so halb mit uns. Geht alles schöner.

Abends war ich immerhin rechtzeitig zu Hause, um Michel vorzulesen.

Muffin geht es unverändert. Frisst extrem wenig, findet päppeln total scheiße, hängt traurig in der Ecke. Die Tierärztin sagte heute, er hat sehr viel Luft im Bauch und wahrscheinlich sei was mit den Backenzähnen. Damit er sich mehr bewegt und Bewegung in die Verdauung kommt, hat sie ihm Schmerzmittel gegeben und wir geben die weiter, ansonsten bringt ihn Herr Rabe morgen wieder hin und im Laufe des Tages schleifen sie ihm die Backenzähne runter, in der Hoffnung, dass das hilft. Herr Rabe war erstaunt, dass die Tierärztin Meerschweinchen als Exoten bezeichnet hat. Mich erstaunt das gar nicht, die sind hier zwar Standard-Haustiere, aber nichts, mit dem „man“ zum Tierarzt geht, die liegen halt irgendwann tot im Käfig, ja mei. Muffins Vorbesitzerin meinte ja auch, die kahlen, blutigen Stellen in seinem Fell seien Kratzer von seinem (angenagten Plastik-)Häuschen. Das waren Stellen, die er sich selbst blutig gebissen hat, weil ihn die Milben so schrecklich gejuckt haben. (Armer Muffin.)

Jetzt müde und morgen wieder los. Memo to self: morgen nicht wieder den Lunch zu Hause im Kühlschrank vergessen und auf dem Weg zur Arbeit noch schnell einen Kirschjoghurt kaufen, um die Kirschjoghurtschulden beim Lieblingskollegen begleichen zu können. Vielleicht einfach gleich zwei Kirschjoghurts kaufen. Häschtäck Kirschjoghurtinfluencerin.

Tag 2275 – Koko Frau macht koko jobb.

Hmmja, wird Zeit, dass die Familie zurück kommt und mich davon abhält, 24/7 zu arbeiten.

Andererseits ist es auch ganz schön, wenn Michel anruft und ins Telefon brüllt „MAMA! HIER IST EIN MINK!!!“. Nehme an, der Marder ist taub, sonst wäre er vermutlich nicht einfach sitzen geblieben bei dem Lärm.

Morgen arbeite ich noch vormittags ein wenig und den Rest des Arbeitstages feiere ich ab. Freitag arbeite ich vermutlich so 2-3 Stunden und selbst das nur unter Protest. Heute hat zum Abschluss des Arbeitstages mein Outlook gestreikt, weshalb ich um [Zeit zu der man nicht arbeiten sollte] noch den (grünen) Kollegen angerufen habe, um ihn zu bitten, zu einem Meeting einzuladen. Der Kollege arbeitet auch öfter mal spät abends, wir wollen aus Gründen eine Partei zusammen gründen, die die Interessen von Spätschläfer*Innen* vertritt, und ich wusste, dass er heute noch lange arbeiten würde, aber wir haben da im Werk schon flächendeckend einen am Apfel, ja.

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*erstes Ziel: den norwegischen Begriff „B-Mensch“ ( als Gegensatz zu A-Mensch = Frühaufsteher*In) wegen abwertender Sprache abschaffen. Danach die Weltherrschaft, Abschaffung von Kernarbeitszeit für alle, Gruppenaktivitäten auch ab 22 Uhr noch und Schulbeginn gestaffelt und angepasst an individuelle Bedürfnisse von Lehrpersonen und Kindern. Wir sind empfänglich für Lobbyarbeit in Richtung Abschaffung der Uhrzeitumstellungsblödsinns. Wählt uns, wir sind super für alle, sogar für Frühaufsteher*Innen.