Tag 540 – Mehr Zeug. 

Beide Kinder sind wieder fit und können beide morgen wieder in den Kindergarten. Raten Sie, wer jetzt vermutet, krank zu werden? Bingo: ich. Yeah. 

Der Kindergarten schrieb heute eine etwas merkwürdige Mail mit dem Tenor: alle sind krank, also tut doch bitte einfach weiter so, als gäbe es die 24-Stunden-Fieberfrei-Regen noch, als wir die nämlich noch hatten waren nicht alle krank. Merkwürdig ist das weil wir zum Einen gar nicht mitbekommen haben, dass diese Regel abgeschafft wurde und zum Anderen ist eben Januar. Und das ist ein Kindergarten. Wundern die sich echt drüber, dass KiTa-Kinder sich untereinander mit ihren Rotznasen anstecken?

Heute kam ein Paket von meinem Schwiegervater an. Mit Absender: 29.11.16. Darin: Süßkram, der wohl mehrmals zu warm und zu kalt geworden ist. Zeitgleich hat mein Schwiegervater ein anderes Paket abgeschickt, das am 06.12. ankam. Wie kann sowas sein?

Es kam auch noch ein Päckchen von einer Twitterin an, darin Nagellack (Schickes, Dunkles Rot, ich bin ganz hin und weg), Katjes (Katjes! Herzchenaugensmiley!) und Nagelöl. Um Letzteres hatte ich sie gebeten, weil meine Fingernägel dank des häufigeren Lackierens in einem katastrophalen Zustand sind. Ich gehe ja erstmal davon aus, dass der Effekt auf den Nagel an sich eher ein gefühlter sein wird, das ist ja totes Horn, da kann ja nix „repariert“ werden. Aber vielleicht ist das was nachwächst dann tatsächlich stabiler, weil elastischer. Ich werde berichten. 

Ich musste heute keine Mäuseorgane pürieren und bin darüber sehr dankbar. Meine Kollegin fand noch fertig isolierte RNA im Gefrierschrank. Puh. 

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Pippi kann jetzt ein neues Wort: Nein. (Hurra!) Und wenn man sie bittet, wiederholt sie alles was man sagt, heute war das „fertig MIT kacken“, Michel sagt nämlich immer „fertig und kacken“ weil das norwegische „å“=“zu“ (das im Norwegischen an der Stelle richtig wäre) sich genauso anhört wie „og“=“und“. Bei Pippi hörte sich das dann an wie „fedee me kaake“ und war auch sonst sehr viel niedlicher weil weniger situationsnah. 

So, und jetzt mache ich den Bildschirm aus. Die Kopfschmerzen werden es mir hoffentlich danken, indem sie verschwinden. 

Tag 539 – Zeug. 

Heute hat soweit alles geklappt, bis auf den Part mit dem zu Hause lesen. Tjanun. Dafür stimmen unsere Finanzen jetzt wieder. 

Michel geht es besser, aber noch nicht gut. Heute sah er ein paar Folgen Dino-Zug. Nach anfänglicher Unsicherheit finde ich die Serie ziemlich gut, denn 1. sind die Figuren echt niedlich, 2. ist die Musik ganz gut und 3. lernt man echt was. 

Mein Chef hat mir ein uneingeschränktes Go für Chemikalien-Shopping gegeben. Wär doch gelacht, wenn wir die RNA nicht sequenziert bekämen wenn wir sie mit Geld bewerfen.

Die Austernpilze ärgern mich: die werden immer am Strunk schon trocken. Ich glaube, es ist ihnen zu trocken hier in der Wohnung. Aber im Keller oder draußen ist es zu kalt. Da müssen wir wohl aufs Frühjahr warten. 

Die Paula’s Choice Creme (Hellblau, ohne LSF) ist endlich alle. Die hat jetzt mehr als fünf Monate gehalten. Die ist auch echt toll, aber in Erwartung einer viel geringeren Ergiebigkeit (zur Erinnerung: der Tester in 1/6 der Größe reichte grade mal eine Woche) habe ich schon vor Monaten eine andere, etwas günstigere PC-Creme gekauft, ohne Anti-Age. Mal sehen, was die kann. Eigentlich wollte ich ein vorher-nachher-Bild von meinem Faltenstatus machen, aber das scheiterte heute daran, dass ich Pippi umgebunden habe und sie nicht durch schonungsloses Beleuchten meines Gesichts wecken wollte. 

Mein Zyklus ärgert mich aus diversen Gründen auch und wenn wir es nicht in näherer Zukunft nach Deutschland schaffen, muss ich wohl hier mal für viel Geld  zu einem Gynäkologen*.

Und auch mein Phantomzahnschmerz erreicht gerade neue Höhepunkte. Damit war ich schon diverse Male beim Zahnarzt, der immer wieder bestätigte: da ist nichts. Zumindest nichts, was er im Röntgen oder mit seinen Augen sehen kann. Zum*r Neurologen*in solle ich mal gehen. Das war mir aber auch immer zu blöd. Es geht ja auch immer wieder weg, irgendwann nach ein paar Monaten. Vorgestern schrubbte ich in meiner Verzweiflung extra gründlich mit Zahnseide und (Achtung, eklig) dabei muss ich in irgendwas reingeschnitten haben, jedenfalls blutete es mit einem Mal wie Sau und danach war der ganze Druck weg. Ich merke mir das mal, vielleicht kann ich damit den Zahnarzt beim nächsten Mal zum Lachen bringen. 

Vielleicht bin ich grad etwas im Stress. 

Nach dem ganzen Gemecker: hier ein Bild von Baby-Michel. Das war beim Umzug nach Norwegen, in unserer Kabine auf der Fähre. So lang her… 

Michel hebt die rechte (!) Augenbraue. Vielleicht ist er doch nicht mit mir verwandt.


* Ja, ich bevorzuge männliche Gynäkologen. Nach einigen wenigen aber ausnahmslos unschönen Erfahrungen mit Gynäkologinnen bin ich da stur. Ich bin geneigt, den Frauen da generell eine „stell Dich nicht so an“-Haltung zu unterstellen. Total schlimm verallgemeinernd und diskriminierend, das ist mir bewusst. Aber gerade wenn ich 1200 NOK für die Konsultation bezahlen soll, möchte ich wenigstens ein vorgewärmtes Spekulum mit Respekt und Gefühl behandelt werden.

Tag 538 – Fertig machen zum Durchdrehen. 

Ich hab es ja quasi beschrien, als ich am Freitag schrieb, die Kinder sollten jetzt nicht mehr krank werden. Jetzt ist nämlich Michel krank. Heute Nachmittag dachte ich schon diverse Male, dass er ziemlich glomsig aussah, aber das hätte auch vom wilden Spielen mit seinem Kumpel kommen können. Als der aber weg war kamen noch glasige Augen dazu, dann nahm das Kind auch noch freiwillig Hustensaft und das Fieberthermometer bestätigte: Jo, krank. 

Ich weiß, es ist Meckern auf hohem Niveau, andere Familien hat es diesen Winter viel schlimmer erwischt, aber trotzdem: ich mag nicht mehr. Meine zehn Kind-krank-Tage für dieses Jahr sind schon mehr als zur Hälfte aufgebraucht. Herr Rabes auch. Und es ist grade mal Ende Januar. Dieses zerhackte Arbeiten führt außerdem dazu, dass ich gefühlt nichts fertig bekomme. Abgesehen vom gar nicht mehr so fernen Fernziel Dissertation. Und dem Nahziel Schlaf, der mir uns allen mit Dauer-nörgelndem Michel wohl heute Nacht auch nicht im Übermaß vergönnt sein wird. Es ist echt zum Mäusemelken. 

Morgen dann: Herr Rabe geht arbeiten, ich fahre zu halb neun mit beiden Kindern zur Helsestasjon, weil Pippi ihren 18-Monate-Check hat. Danach liefere ich Pippi (die ist wieder KiTa-fit) im Kindergarten ab und fahre mit Michel zur Arbeit, um wenigstens ein paar Artikel zu holen und ein paar Sachen zu bestellen, die ich für meine Experimente brauche (und vorher muss ich Leute danach fragen, was man denn da so nimmt). Dann nach Hause, lesen/Michel betuddeln, irgendwann Herrn Rabe informieren, ob er nach Hause kommen muss, damit ich zu meinem Friseurtermin kann, oder ob Michel fit genug ist um mitzukommen. Friseur, Pippi abholen, Nachmittag, Abend, Dienstag darf ich dann arbeiten gehen. 

Und wenn das so weitergeht, drehe ich vermutlich demnächst durch. 

Tag 537 – Alles doof. 

Heute nur Gemecker, deshalb mach ich’s auch kurz:

  • Michel hatte gestern Abend einen Pseudokrupp-Anfall. Es war das erste mal und wir haben uns alle sehr erschreckt. 
  • Danach hat Pippi, bei der das Fieber wieder da ist, kaum geschlafen. Dauergewimmer und -getrete. 
  • Als sie dann endlich schlief (und ich somit auch) hatte ich furchtbare Albträume. Aus einem schaffte ich es nicht, mich selbst zu wecken. Gefühlte Stunden verbrachte ich im Traum damit, vor CSI-mäßigen Nachbarn den von mir irgendwie aus Versehen begangenen Mord an meinem Opa zu vertuschen. Aus Versehen hatte ich auch die Leiche zerteilt und logischer Weise wollte ich die loswerden, in Säcken im Auto. Aber dann saß mit einem Mal meine ganze Familie in dem Auto, bestimmt zwölf Leute, und alle guckten schräg die Säcke an. Aus einem guckte ein Fuß. Ich möchte gerne die Albträume zurück, wo mir Zähne ausfallen. 
  • Weil wir eigentlich gerne über Ostern nach Deutschland wollen, schaute ich heute nach Flügen. Norwegian hat die einzige Direktverbindung von Trondheim nach Deutschland gestrichen, warum weiß keiner. Die Flüge nach Berlin gingen zuletzt drei mal pro Woche und waren immer voll. Sowohl bei den vielen Deutschen als auch bei den vielen Polen in Trondheim war die Verbindung sehr beliebt. Egal. Ersatzlos gestrichen. Was ich fand war eine Verbindung von KLM über Amsterdam nach Hannover: mehr als 2000 € (!!!) für uns vier. Mit KLM!!! Die günstigste Möglichkeit wäre über Oslo UND Kopenhagen nach Hannover. Das dauert dann 6,5 Stunden, Gepäck ist auch noch nicht drin, kostet aber „nur“ 650 €. Falls ich mal einen der Entscheider von Norwegian treffe, dann mitten ins Gesicht. 
  • Die orangene Wurst drüben in den USA ist erschreckend effizient im Umsetzen selbst der behämmertsten Wahlversprechen. 

Was schön war: Besuch von Michels Kumpel H. 

Michel: „Mama, H. will gerne ein Eis!“

H.: „Das hab ich gar nicht gesagt!“

Michel: „Doch, ich hab dich gefragt, ob du ein Eis willst, und du hast Ja gesagt!“

Tag 536 – Jahresurlaubsplanung. 

In den letzten Tagen habe ich zu Prokrastinationszwecken unseren Ausflug nach Bergen geplant. Ich wäre ja sehr gerne mit der Hurtigruten gefahren, aber das ist im Sommer unheimlich teuer. Also dachte ich, wir könnten den Zug nehmen. Aber das dauert hunderttausend dreizehn Stunden, weil man erst nach Oslo muss und dann da umsteigt. Es blieb noch der Flieger. Aber auch da: entweder teuer (700 NOK pro Person pro Weg finde ich für einen einstündigen Flug ohne Kaffee oder Gepäck viel, ja) oder Umsteigen in Oslo und obendrein teuer. 

Kurzum: wir werden mit dem Auto nach Bergen fahren. Und weil auch das am Stück 10-12 Stunden dauern würde (Norwegen ist wirklich sehr, sehr groß!) machen wir einen Mini-Roadtrip draus. Oder auf Norwegisch: Hyttetur. Nur ohne Laufen. Und auf Campingplätzen. Aber egal: Hyttetur! So werden wir dann in drei  etwa gleich langen Etappen nach Bergen fahren und auf dem Rückweg in drei unterschiedlich langen Etappen wieder zurück. Die Campingplätze sind so ausgesucht, dass sie Spielplätze und Bademöglichkeiten (haha, ich unerschütterliche Wetter-Optimistin) haben, die Hütten darauf sind schon gebucht und bestätigt und von mir aus könnte es dann nächste Woche auch losgehen. Aber das Allerbeste ist ja: zwischen Hin- und Rückfahrt sind wir zwei Tage in Bergen und lernen Leute aus dem Internet in echt kennen und das wird bestimmt total toll, ich freue mich jedenfalls schon sehr drauf! 

(Ich hab auch gleich den Urlaub beantragt. Dabei fiel mir auf, wie wenig Zeit nur noch bis Ende Juli, dem magischen Datum der hypothetischen Dissertationsabgabe, ist. Ab jetzt bittedanke keine kranken Kinder mehr bis August. Ich hab keine Zeit.) 

Tag 535 – Kjempebra jobba, altså!

Gestern ging mir beim Starren auf Pyrimidinbasen ein Licht auf. Und dann noch eins. Und dann noch eins. Dann war ich so aufgeregt, dass ich vergaß, dass Michel Schwimmkurs hat und bin nur dank halsbrecherischer Fahrt* mit dem blauen Blitz (meinem Fahrrad) nicht total zu spät gekommen sondern nur fünf Minuten. 

Heute musste ich dann aber wirklich, wirklich, WIRKLICH trotz krankem Kind mit selbigem zur Arbeit fahren, um mit meinem Chef zu besprechen, was ich mir ausgedacht habe. Sonst wäre ich vermutlich bis morgen geplatzt. Das war dann so aufregend, dass ich mich schon im Vorfeld mit Kaffee begoss, und auch Pippi (der es schon viel besser geht) wollte nicht so recht schlafen. Aber egal. Mein Chef kennt mich ja schon ne Weile und der kennt auch meine Kinder, so ne Rotznase auf dem Schoß stört ihn nicht so. Ich breitete also all meine (schlecht) selbst gemalten Strukturformeln auf seinem Besuchertisch aus, und die Reaktionsgleichungen, und die ausgedruckten Artikel mit noch mehr Strukturformeln und Reaktionsgleichungen und Methoden. Dann unterbreitete ich ihm souverän mit Kaffeefleck und Rotzi-Pippi meine Theorie. Wir redeten über Elektronendichten und so Zeug und mir brach nicht der Schweiß aus (gut!), er bestätigte meine selbst gemachten Gedanken, googelte ein bisschen und Google bestätigte einen weiteren meiner selbst gemachten Gedanken, dann malten wir ein bisschen gemeinsam einen möglichen Versuch auf, es gab eine kurze Diskussion, welche modifizierten Purinbasen denn nun wohl die Reverse Transkription blockieren würden und ich konnte aus dem Gedächtnis herleiten, welche das wohl sein müssten und es wurde wieder gegoogelt und das bestätigt und dann war ich schon sehr zufrieden mit mir. 

Als Belohnung darf ich jetzt das Experiment genau so machen und als beste Belohnung überhaupt sagte mein Chef: „Das ist ein richtig gutes Experiment. Eine sehr elegante Methode. Wenn das was wird, können wir das direkt veröffentlichen. Kjempebra jobba, altså!“. Das letzte kann man als „Supergute Arbeit!“ verstehen und dürfte somit das höchste Lob sein, dass man von einem Norweger bekommen kann. 

Vielleicht bin ich doch gar nicht so schlecht in Chemie. Und vielleicht bin ich auch nicht die schlechteste Doktorandin der Welt. 

Danach führte ich ein etwas lustiges Gespräch mit meiner ebenfalls deutschen Kollegin über Mäuseorgane. 

Ich: „Habt ihr auch brain?“

Sie: „Hmm, ich weiß nicht ob wir noch total brain haben. Wir machen das ja immer klein. Auf jeden Fall haben wir hypothalamus, frontal lobe und hippocampus.“

Ich: „Ach das passt schon, im Zweifel kann man das ja auch poolen.“

Sie: „Ja, sonst haben wir auch noch ein paar komplette brains im freezer. Die musste dann halt erst disrupten.“

Mein Antrag auf das Reisestipendium wurde bewilligt! Hurra! Damit reise ich jetzt auf Kosten der Norwegischen Vereinigung der Biochemiker nach Kalifornien, statt auf Kosten meines Projektgelds und kann ein paar mehr Experimente machen. Oder werde einen Tucken länger bezahlt werden können. 

Doch, doch, heute bin ich recht zufrieden mit mir. Und Sie können in den nächsten Wochen und Monaten verfolgen, wie ich mich total davor ekle, ein Mäusegehirn zu pürieren, wie das selbst ausgedachte Experiment vermutlich drölfzig mal schwieriger ist, als ich bisher so denke und wie ich ganz alleine nach Amerika fahre! Huiiiii, so aufregend! 

*Ich weiß übrigens nur wegen Little Q.s Fahrradführerschein, wie man richtig durch Kreisverkehre fährt. Als ich den Fahrradführerschein gemacht habe (mit acht, also vor ca. 500 Jahren), hatten wir ja nix, nichtmal Kreisverkehre. Grüße und Danke in die Schweiz!

Tag 534 – Mindestens hochbegabt. 

Der Michel, der überrascht mich manchmal. Also natürlich ist er das tollstebesteklügsteliebevollste Kind aller Zeiten, genauso wie alle anderen. Aber trotzdem bin ich manchmal ehrlich überrascht, wenn sich wieder ein paar Synapsen verknüpft haben und Protein Netzwerke die neuen Verbindungen stabilisiert haben und neue Dinge passieren. So wie heute morgen. 

„Mamaaaaa? Haben wir wirklich kleine Menschen im Körper?“

„Häh bitte was?“

„Ich hab das im Bakterienfilm gesehen. Als ich krank war. Da waren kleine Menschen im Körper.“

‚Bakterienfilm‘ ist ‚Es war einmal das Leben‘. Das durfte er gucken als er krank war. Das war im November. 

„Ach so, das meinst du. Nein, wir haben in echt keine kleinen Menschen im Körper. Das haben die sich nur ausgedacht, damit man sich das besser vorstellen kann.“

„Ja. Mamaaa, weißt du was?“

„Nein?“

„Im Weltraum gibt’s auch Monster mit vier Augen!“

Etwas später im Kindergarten. 

„Mamaaa? Wenn wir tot werden, werden dann die Bakterien in uns auch tot?“

Das ist eine ausnehmend gute Frage, die ich auch leider so spontan nicht beantworten kann. 

„Äh, ja, einige bestimmt. Aber bestimmt auch nicht alle…“

„Ich höre gar keine Kinder. Sind noch gar keine Kinder da?“

(Aha, das Kind kann also hören. Wer hätte das gedacht, so wie es immer schreit, statt zu reden.)

„Doch, es sind bestimmt schon Kinder da. Frag doch mal J.“

„Jooooohooooott? Sind noch gar keine Kinder da? Ich hab gar keinen Krach gehört.“ (Er sagte wörtlich: „Æ ha itj hørt noko brååak.“ Im breitesten Trondheimer Dialekt.)

„Doch, es sind schon fünf Kinder da. Drei Kleine und zwei Große.“

„Ja. Und jetzt bin ich auch da, dann sind es sechs Kinder. [Gerumpel und Stimmen von unten] Ah! Ich glaube ich höre M. und E.! Dann sind wir schon acht Kinder gleich!“

Ich hab den so lieb! Und ich bin so stolz! Hachja. 

(Anmerkung: Wie vermutlich alle Eltern wissen auch wir, dass der Preis für neue Entwicklungen mitunter hoch sein kann. So war es auch diesmal. Wenn Sie hier sind weil Sie sich fragen, ob andere 4-Jährige auch manchmal tagelang unausstehlich sind: ja. Sind sie. Manchmal sind sie aber auch sehr niedlich.)

Tag 533 – Luft raus. 

Ich verrate Ihnen jetzt mal etwas über mich. Kompromat, wenn Sie so wollen. 

In der Schule wurde ich gemobbt. Sie nannten mich Hexe (wegen meiner großen, höckerigen Nase) und Streber (wegen meiner guten Noten), das war beides hässlich, aber nichts war schlimmer als: Heulsuse. Weil ich dann immer anfing zu heulen. Und dann rannten sie mir lachend hinterher und riefen „Heul doch, heul doch, Heulsuse!“ und ich lief und heulte. Das wurde mit einsetzender Pubertät immer schlimmer, bis ich quasi in jeder Mittagspause heulend unter der Tischtennisplatte hockte. Da hatten wir dann mal so ein Vermittlungsgespräch in der Klasse, wo mir die Lehrerin allen ernstes vorschlug, doch einfach nicht zu weinen. Man müsse die anderen ja verstehen, wenn ich ja auch immer zu heulen anfinge…? Haha. Victim blaming galore. Funktionierte damals insofern, dass mir schlagartig klar wurde dass nur ich das abstellen kann, indem ich mich ändere, denn Hilfe konnte ich keine erwarten. Ich schwor mir, nie wieder in der Öffentlichkeit zu weinen. 

Das zog ich, mit einer Ausnahme*, bis heute durch. Bis zum nächsten Klo schafft mans immer noch irgendwie, auch wenn einem die Augen so voller  Tränen sind, dass man halb blind durch die Gegend torkelt. Ich bin, zusätzlich zum normalen Trauer- und Enttäuschungsheulen, ein Angstheuler und ein Wutheuler, also Gelegenheit gabs echt genug. Aber, bitte, keine Genugtuung für andere. Nie mehr. 

Was ich bisher aber noch nicht kannte: Erleichterungsheulen. Heute morgen lief ich, noch in Fahrradmontur, meinem Chef über den Weg. Er kam gerade aus dem MS-Labor. Er strahlte über beide Backen. Meine Resultate, sagte er, seien super. Wunderschön. Nur minimale Abweichungen der Replikate untereinander. Und im zeitlichen Verlauf des Versuchs genau wie wir erwartet hätten. Endlich füge sich das Puzzle zusammen. 

Ich und der Kloß in meinem Hals schafften es nickend und lächelnd bis in mein Büro. Da brach ich in Tränen aus. All die Arbeit (Sie erinnern sich? Vor Weihnachten die zwei Wochen, nach Weihnachten nochmal so viel?) und das ganze Geld (Vier Liter teures Medium, zwei teure Kits, zwei Flaschen teurer beads, ein Mülleimer voller verbrauchter Pipettenspitzen (RNAse frei, versteht sich) etc., die Analyse von 175 Proben durch die Core Facility und natürlich meine Arbeitskraft für vier volle Wochen) und es hat sich gelohnt! Was für ein Stein plumpste mir da vom Herzen. Ich konnte förmlich spüren, wie sich mein Kiefer entspannte. Dabei hatte ich gar nicht den Eindruck gehabt, so unter Druck zu stehen. Aber wenn sich Druck so lange aufbaut und dann schlagartig entweicht, dann, tja, dann reicht das wohl für ein paar Erleichterungstränen. 

*Unvergessen, im gläsernen Büro des Professors nach der Klausur „Next Generation Sequencing Methods“. Der arme Mann war etwas überfordert. Verständlich, wenn die Studentin nach der Erklärung, warum bei der einen Aufgabe  entscheidende Punkte zum ‚A‘ fehlen, in Tränen ausbricht und stammelt „But that is so basic, and logic, and everything that I wrote later shows that I know it, I just didn’t think I had to write it down…“. 

Tag 532 – Still not a mommy blog. 

Es ist schon lustig. Da wagt es jemand von außen eine kritische Kolumne über Mama-Blogs zu schreiben. Und stellt fest:


(Merken Sie was? Ich hab die Fotos selbst gemacht. Ich hab die Zeitschrift hier. Ich, Bzw. Herr Rabe, abonniert die nämlich. Ich bin also voreingenommen, nur um das klarzustellen.)

Zurück zu dem, was lustig ist: sofort empören sich Bloggerinnen. Und zwar genau solche, die (zumindest auf mich) immer genau den Eindruck gemacht haben: (weiß, schlank, able-bodied sind ja Fakten, also kein Eindruck, und als solche höchstens von wirklich wirklich schrägen Menschen verhandelbar) immer perfekt. Sogar im Chaotisch-sein perfekt. Herrje. Ich gebe zu, bei dem Satz mit den „authentischen“ Wäscheecken musste ich herzlich lachen, denn exakt den Gedanken hatte ich auch schon bei so manchen Mama-Blogs. Ich könnte, ohne länger als zwei Minuten nachzudenken, bestimmt 10 solcher Blogs nennen, die genau damit sehr erfolgreich sind. Mit dem Verkaufen eines Bildes, das authentisch wirken soll, aber allein ob der schieren Masse des Heititei und des Misverhältnisses zu den „sympathisch-chaotischen Momenten wie sie in jeder Familie™ vorkommen“ gar nicht stimmen kann. Ich lese solche Blogs nicht und ich schaue mir auch die Instagram-Bilder nicht an. Feddich. Ich schreibe aber auch keine Kolumnen in Zeitschriften, und wenn, würde ich wohl genau das sagen: lest den Quark doch nicht! Wenn ihr euch nicht ausreichend abgrenzen könnt (so wie ich) und ihr euch davon unter Druck gesetzt fühlt (so wie ich), wenn andere Mütter mit ihren strahlenden Kindern mit sauberen Fingern „niedliche Schutzengelchen mit Feenhaar“ basteln während das bei euch eher aussieht wie ein Schwein mit Flügeln und beide Kinder Kleberverschmiert heulen (so wie bei uns), dann lest es nicht. Bastelt nicht. Macht was anderes mit euren Kindern. Die basteln schon genug, sechs Tonnen heimzuschleppende KiTa-Kunst pro Halbjahr sprechen da eine deutliche Sprache. Macht, was euch Freude macht. Macht, wofür eure Nerven reichen. Und schielt nicht zu den anderen, vermeintlich besseren, denn die zeigen ja eben nur das Schöne, pastellige, perfekte.  

Ich finde das auch nicht schlimm. Die können ja gerne ihre Blogs so schreiben wie sie wollen. Ist ja jetzt nicht so, dass irgendwer verbieten würde, dass es solche Blogs gibt. Aber wie immer gilt: was immer du (öffentlich) machst: irgendwem gefällts garantiert nicht. (Ich möchte noch ergänzen: irgendwer versteht es nicht, und, wenn es Erfolg hat: irgendwer wird es kopieren.) Das kann man dann vielleicht einfach mal aushalten, diese reflexhafte Verteidigungshaltung erweckt im Gegenteil den Eindruck, man hätte sie bei was ertappt.  

Und um das mal abzurunden: es gibt tatsächlich einige Blogs von Müttern mit körperlichen Einschränkungen. Spontan fallen mir da ein: WheelymumMama Schulze und Mami Anders. Es gibt viele Blogs von nicht-schlanken* Müttern**. Und es gibt viele, viele, viele Blogs***, in denen einfach das Leben beschrieben wird. 

Man kann es vielleicht so zusammenfassen: wer sich um Authentizität bemühen muss, dem ist selbige schon lange flöten gegangen.  

Aber das muss ich ja dann nicht lesen. 

*im Übrigen: viele können für ihr Schlanksein nix und es ist Bodyshaming, auf irgendwem rumzuhacken, nur weil sie schlank ist. Das finde ich an dem Text nicht so gut.

**und Vätern!

***was mir tatsächlich nicht einfällt: deutschsprachige Blogs nicht-weißer Mütter oder beispielsweise muslimischer Mütter. Gibt’s die nicht? Und wenn ja: warum nicht? UPDATE: mir wurde Elfenkindberlin genannt. Ein (pastelliger) Blog einer nicht-weißen Mutter. 

Tag 531 – Wieder zu Hause. 

Und nirgends ist es schöner. Das vertraute Kleinkindschnarchen (Pippi, und laaaaaange nicht so schlimm wie es bei Michel in dem Alter war, ich denke, wir kommen bei ihr um eine Polypenkürzung herum) ersetzt das nicht ganz so niedliche Schnarchen meiner Zimmernachbarin, statt Buffet gibt es Nudeln mit Soße, statt Nachtischbuffet ein Tütchen Weingummi in Eppiform, fair unter vier Personen aufgeteilt. 

Insgesamt war es schon sehr interessant, die Plenarvorträge waren sehr divers (von Hirnforschung über Pflanzen-Genetik zu Hardcore Bioinformatik war da alles bei. Eindeutiger Trend: die Darmflora.) und die Vortragenden sehr engagierte Redner*Innen und (so weit ich das beurteilen kann) in ihrem Feld herausragende Forscher*Innen. Ja, tatsächlich kamen auf 8 Vorträge (von denen einer leider abgesagt wurde) 3 Frauen, alle drei absolute Spitzenforscherinnen (Von Emmanuelle Charpentier habe ich ja schon berichtet, außerdem waren Marianne Fyhn und Ines Thiele da, wenn Ihnen das was sagt.), ich finde das sehr gut, denn oftmals wird ja behauptet, Frauen™ wollen sowas ja gar nicht, so Karriere und so, das liegt denen nicht. Und deshalb hat man leider für Gebiet XY keine Frau als Rednerin gefunden. So schade. Naja, also, die Norweger kriegens hin ;)

Auch die Minisymposia waren teils sehr interessant, ich weiß jetzt zum Beispiel sehr viel mehr über das Immunsystem von Pflanzen, als ich jemals wissen wollte. 

Im Endeffekt habe ich sogar gesocialized, wer hätte das gedacht, ich habe Leute aus Bergen und Oslo kennengelernt, traf jemanden, der Kleider selbst näht, sich selbst bunte Blümchen auf die Fingernägel malt und HIGH HEELS MEINER LIEBLINGSMARKE ANHATTE (‚Irregular Choice‘, kennt kaum wer, das macht es ja so außergewöhnlich). Gut, das war jetzt vielleicht nicht, was mein Chef unter professionalem Netzwerken versteht, aber was solls. Ich muss ja nicht morgen soundsoviele Visitenkärtchen vorzeigen. 

Das schönste: alle, wirklich restlos alle, Letztjahrs-PhD-Studenten die ich traf, sind genauso angepisst und überfordert und hadernd wie ich. Es liegt also doch nicht an mir. Auch wenn ich mich bei dem Spruch „I know who you are, you are the one who said you’re in a complicated relationship with your PhD!“ etwas ertappt fühlte. 

Post-Party Fundstück. Morgen mal googeln.