Tag 1033 – Viel Gebacken und ein bisschen Kindergedöns.

Wenn der Sommer halt wieder sehr Trøndermäßig ist (also: um die 12 plus minus 5 Grad, plus minus Regen), macht man halt den Backofen an und backt gegen die mäßige Laune an. Heutige Ausbeute: zwei Brote und ein Rhabarberkuchen. Und zwei Flaschen Rhabarbersirup*. Herr Rabe hat jetzt gelernt, dass man Rezepte immer ganz lesen sollte, denn im letzten Satz könnte sowas stehen wie „Kuchen in der Form auskühlen lassen“. Lecker war’s trotzdem, auch wenn es eine leichte zerflossene Matsche war, die sich halt besser mit dem Löffel als einer Gabel essen ließ. (Kein Foto. War echt optisch nicht so ganz schön.)

Michel hat heute gelernt, dass er keinen Rhabarber mag (wie hätte es auch anders sein sollen, dieses Kind ernährt sich ja konsequent vitaminarm). Pippi hat gelernt, dass sie „Rababa“** schon mag, aber nicht, wenn Michel das verweigert. Und nicht roh, aber dann mag ich den ja auch nicht.

Generell ist das mit Michel grad wieder einigermaßen anstrengend. Weil einfach alles zu einem Wutanfall führt. Egal was, es ist ein Drama. Zum Beispiel: da war ja Rhabarber auf dem Kuchen. Ekelhafter, alles verseuchender Rhabarber. Streusel, Vanillecreme und Boden mochte er zwar, aber bekam schon mal vorsorglich einen Heul- und Wütanfall, weil das ja sicher quasi unmöglich sein würde, den Rhabarber zu entfernen. Anderes Beispiel: er möchte dauernd Sachen haben. Teure Sachen, zum Beispiel einen Lego-Zug oder das Lego-Batmobil. Wir erklären dann, dass wir das nicht einfach so kaufen (Schreul!!!), er sich das aber ja zum Geburtstag wünschen kann (Schreuuuuuldasistaberjanochsoooooolange!). Wir erklären „Geld“ und „Wert“ und auch, dass wer alles immer sofort bekommt, Sachen vermutlich nicht wertschätzen lernt (Schreulwüttob!!!). Solche Situationen, und davon gibt’s ja im Leben mit Kindern ständig welche, führen halt momentan direkt zum Tobsuchtsanfall. Ich würde ja gerne behaupten, dass ich gar nicht weiß, woher er das hat, aber sagen wir’s mal so: der ist ich mit der Impuls- und emotionalen Kontrolle eines Fünfjährigen. Juchhe. Hoffentlich finden wir alle noch einen Weg, damit mit weniger Schreien umzugehen. Erstmal haben wir heute abgemacht, dass er ab den Sommerferien ein wöchentliches Taschengeld bekommt, damit er ein besseres Gefühl für den Wert von Geld bekommt. Vielleicht hilft’s ja. Wegen der Höhe haben wir ja null Ahnung, da kann man’s ja auch wieder nur falsch machen, aber wir fanden, dass der Gegenwert von einem im normalen Laden gekauften, normal großen Eises ganz gut ist. Das sind dann ca. 25 Kronen (etwa 2,70€) das kommt mir irre viel vor (ich bekam 1 DM damals!) aber Norwegen heute ist halt nicht Deutschland vor 27 Jahren und für 10 Kronen kriegt man hier nicht mal eine Packung Hubba Bubba (das kaufte ich damals dann für meine Mark, oder eben zwei (!) Kugeln Eis beim Bäcker oben an der Straße), das kann’s ja auch nicht sein irgendwie. Die Zuckerwatte beim Juba Juba Festival neulich kostete 50 (!!!) Kronen. So zum Vergleich.

Pippi versucht hingegen immer, ihren Willen zu kriegen, IMMER, jetzt hat sie zum gewöhnlichen Repertoire einer knapp Dreijährigen*** noch die Drohung „… eller så sier jeg ifra!“ (frei übersetzt: „… sonst petz‘ ich!“) hinzugefügt, sicher ein Kindergarten-Ding. Ist halt nur lustig, wenn sie das bei uns versucht, wem will sie da denn petzen? Ihrem Teddybär?

Insgesamt also alles vermutlich ziemlich normal hier, nur mit Rabarbra.

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Auto-Lobhudelei: Recht gelassen die meiste Wut hingenommen. „Begleitet“, sagt man in Erzieher*Innen-Sprache.

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*gestern habe ich Rhabarber gekauft, weil ich eigentlich 1 kg einfrieren wollte, bis die norwegischen Erdbeeren kein Vermögen mehr kosten. Morgen muss ich dann also noch ein Kilo Rhabarber kaufen um es einzufrieren.

**Wir sind Westfalen, Rabaabaa. So.

***Also auch Schreulen und Hauen und sich auf den Boden werfen.

Tag 1032 – Hilfsbereit.

„Michel? Magst du mit zum Einkaufen kommen und mir helfen?“

„Nein, ich bleibe hier. Papa und ich müssen Aufräumen und Putzen!“

Echt so passiert. Es gab auch einen großen Geschwisterstreit um den Swiffer, weil beide unbedingt putzen wollten. Ich löste das dann, indem ich Pippi davon überzeugte, dass sie mir beim Einkaufen helfen muss, weil ich sonst ganz sicher die Erdbeeren vergesse.

Ich könnte jetzt natürlich so tun, als wären wir die ultimativ tollsten Supereltern der ganzen Welt, die das mit der intrinsischen Motivation fördern einfach voll raus haben, oder aber dass unsere Kinder einfach die hilfsbereitesten und empathischsten überhaupt sind, aber die Wahrheit ist ganz einfach:

Wir haben Michel versprochen, dass er, wenn die Bude sauber ist, Ninjago gucken darf. Und wenn Michel putzt, will Pippi das auch.

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Auto-Lobhudelei: Ich kämpfe weiterhin gegen das Loch, bisher einigermaßen erfolgreich, aber das ist echt ein Langstreckenlauf, sowas liegt mir ja gar nicht. Ich halte den Kopf oben, mit Mühe zwar, aber eben. Vielleicht ruft ja doch noch wer an.

Tag 1020 – Schwere Gespräche.

„Mama, gibt es Leute, die Kinder klauen?“

Mein erster Reflex war „Nein, nicht hier, nicht euch, ich passe einfach immer auf euch auf und lasse euch nicht aus den Augen, nienienieniemals!“, aber das stimmt ja nun leider nicht. Michel fährt schon manchmal allein zum Kindergarten und im Zweifel reicht ja einmal kurz nicht hingeschaut. Also führten Michel und ich ein Gespräch, das mir sehr schwer fiel, weil das mein Herz herausreißt, schockgefriert, in Tausend Stücke schlägt und die Brösel zu Stein werden lässt, wenn ich daran denke, was manchen Kindern angetan wird. Michel nahm das ganze auch in seiner ganzen Fünfjährigenart nicht so wirklich ernst und ich kann ihm ja auch nicht „Vergewaltigt, erwürgt, im Wald verscharrt“ erklären, da müsste ich weinen und er hätte vermutlich Albträume, deshalb ließ ich es bei „böse Menschen“* und dass er nie, nie, NIE!!! bei irgendwem mitgehen darf, den (oder die) er nicht kennt, auch nicht wenn der (oder die) seinen Namen kennt oder unsere Namen, oder Babykatzen/echte Dinoeier/Eis/Lollis im Auto hat. Einfach nie. Für den Fall, dass wer sagt, „Deine Eltern haben gesagt/sind im Krankenhaus/können grad nicht…“ soll er nach dem Passwort fragen und wenn das nicht sofort kommt, rennen, so schnell er kann, dahin wo Leute sind.

Bleibt zu hoffen, dass er jetzt keine große Angst bekommt, er das nienienie anwenden muss und wenn, dass er nicht wirklich versucht, die Bösen mit seinem Fahrradschloss zu fesseln oder unter dem Tisch** heimlich die Polizei anzurufen.

Und irgendwann ist mir bestimmt auch nicht mehr übel.

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*Er kam auf die Idee, dass die ihn auf dem Lagerfeuer grillen wollen und das ist zwar weniger realistisch, aber doch ausreichend makaber um es einfach so stehen zu lassen.

**Woher der Tisch nun plötzlich kam, oder auch das Telefon, man weiß es nicht.

Tag 1015 – Dr. Sommer.

„Mama? Weißt du was das hier ist?“ Sprach das Kind, formte Zeigefinger und Daumen der einen Hand zu einem O und schob den Zeigefinger der anderen Hand in dem O hin und her. „Ähm…“ machte ich, aber Michel löste schon auf: „Jentetiss mot guttetiss! Hihihi!“ [Mädchenpiller gegen Jungenpiller]. Hihihi indeed. Eine Ecke meines Gehirns freute sich kurz daran, dass es hier für das, was in der Unterhose ist, das Geschlechtsneutrale Wort tiss gibt, eine andere war empört über das beknackte „gegen“ und eine wieder andere wusste die Antwort auf meine nicht so kluge Frage leider schon vorher: „Von wem hast du das denn?“ – „Von M.“ Ja klar, es ist immer M. M.s tiss hab ich auch schon gesehen. Und M. wartet ja auch mit so Weisheiten auf wie „Von Knäckebrot kriegt man große Eier.“ Yeah. Nicht. Aber egal, ich verdaute kurz daran herum, dass mein Kind irgendwie Mädchengeschlechtsteil gegen Jungengeschlechtsteil zeigt, ohne zu wissen was das heißt und sagte dann, auch nicht so ganz geistreich: „Ich möchte aber nicht, dass du so Zeichen machst.“. „Warum?“ „Weil das ganz schön unanständig ist. Und weil du ja nicht mal weißt, was das heißt.“ „?“ „Weißt du denn, was jentetiss mot guttetiss ist?“ „Nein…?“ Tja. Und dann wurde ich ein bisschen rot, aber hauptsächlich weil mich Herr Rabe von der Seite anstarrte, als hätte ich vor, aus dem Stand einen doppelten Salto über den Küchentresen zu schlagen, also zu 90% deshalb, rede ich mir ein. „Das ist eigentlich ein Zeichen für Sex haben. Weißt du was das ist?“ „?“* „Ja, also, wenn zwei Erwachsene sich sehr gern haben, und die sich gern ganz nah sein wollen, dann ziehen die sich manchmal nackt aus und haben Sex, dabei kommt auch manchmal der Penis in die Scheide, aber es gibt auch ganz viele andere Arten, Sex zu haben. Und das ist einfach ganz schön und macht viel Freude und da muss man sich nicht mit so Zeichen drüber lustig machen.“ „Das sag ich M. morgen.“ „Ja. Das sag dem ruhig mal.“ Und dann fiel mir noch was ein. „Es ist halt wichtig, dass beide das wollen. Und man muss zum Sex haben Erwachsen sein.“ „Warum?“ „Ähh…“ „Das ist wie Kaffee. Oder Bier. Manche Sachen dürfen halt nur Erwachsene.“ sagte der Mann da. Und Michel: „Und Jugendliche.“ und ich hoffe doch sehr, dass zumindest das mit dem Bier und dem Sex noch mindestens 11 Jahre kein Thema sein wird.

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*da war eine Ecke meines Gehirns dann kurz sehr froh, erinnere ich mich doch noch sehr genau an sein lachendes und sehr waches Babygesicht, das ich im Tiefschlaf wähnte, damals, als… naja, lassen wir das.

Tag 966 – Motzi.

Die gute Nachricht: Pippi ist soweit wieder gesund, dass sie in den Kindergarten gehen kann.

Die schlechte Nachricht: Pippi steckt bis zu den entzückenden Haarspitzen in der, ja, ich lege mich da jetzt schon fest, allerschlimmsten aller Entwicklungsphasen: der Autonomiephase.

Es ist furchtbar. Ihr Lieblingswort ist Nein. Ein geschrienes, wütendes Giftzwerg-Nein. Ziehst du dich bitte an? Nein. Kann ich dir die Zähne putzen? Nein! Gibst du das Michel bitte zurück? NEIHEIN! Aussagen statt Fragen formulieren hilft auch mal so gar nicht. Lass den Becher stehen. Nein. Jetzt ist gut mit Hände waschen. Nein! Ich ziehe dir jetzt die Windel an. NEIHEIN!

Ist das alles? Nein. Denn dazu kommt, dass sie ein Sturkopf sondergleichen ist und wenn sie nicht bekommt, was sie will, folgt halt ein Wutanfall. Heute hatten wir derlei drei:

  • Auf dem Weg zum Kindergarten, weil sie Laufrad fahren wollte, dann doch nicht mehr, dann aber nicht im Kinderwagen sitzen wollte, sondern den selbst schieben und wir nach dem Laufradgehampel und diversen Neins am Morgen da keine Zeit für hatten. Ergo: brüllendes Kleinkind auf dem Bürgersteig, mitten zwischen den angetauten Hundehaufen und den sechs Tonnen Split die da noch liegen.
  • Beim Abholen aus dem Kindergarten, weil sie ihre Hausschuhe da lassen musste. Das ging so weit, dass ich sie einfach so, wie sie war, ohne Mütze, Schuhe oder Anzug aus dem Kindergarten schleppte und im Kinderwagen festschnallte. Da tobte sie dann noch weiter vor sich hin und verweigerte den ganzen Nachhauseweg standhaft jedes Angebot, ihr was anzuziehen. NEIHEIHEIHEIN! Bei 5 Grad ist das sicher nicht schön gewesen.
  • Beim Aufwachen aus dem Schläfchen, was sie spontan auf dem Sofa hielt, nachdem sie vor lauter Wut im Kinderwagen eingeschlafen war (ca. 5 Sekunden nach dem Foto). Für dieses Schläfchen war ich sogar ganz dankbar, weil ich auch nicht so sehr gerne in jeder freien Minute von meinem Kind angeschrien werde. Dieser letzte Wutanfall geschah augenscheinlich grundlos, bestand aus infernalischem Gebrüll und um sich schlagen und treten und alles vollschnoddern vor lauter Geheul und dauerte eine geschlagene Stunde. In der Stunde war ich ihr Boxsack, weggehen durfte ich nicht, sie anfassen aber auch nicht, mit ihr reden nicht. Als Michel ankam und ihr ein Schokoei anbot, pfefferte sie ihm das ins Gesicht. NEIHEIN!!! (Nahm Michel nicht übel, er aß es dann halt einfach.) Gerade als ich soweit war, mich im Bad zu verbarrikadieren, um dieses Gebrüll mal kurz nicht ganz so laut hören zu müssen, schluchzte sie laut „Maahaamaaa! Maaaamaaaa!“ und reckte ihre Arme in die Luft (nicht in meine Richtung, eher so irgendwohin halt) und auf meine Frage „Soll ich dich jetzt trösten?“ kam ein kaum hörbares „ja.“ zurück.

Ich weiß ja, es geht vorbei. Man kann nichts machen außer aushalten und das brüllende Bündel im Zweifel ganz schnell aus Supermärkten, KiTas und Arztpraxen entfernen (umstritten, ob man das wirklich sollte, aber erstens würde ich nicht wollen, dass mich jemand einfach Rotz und Wasser heulend in der Öffentlichkeit sitzen lässt, wenn es auch anders geht, auch wenn „Kinder halt dazu gehören“ und, zweitens, ja, da oute ich mich gern, aber fremde Kinder in der A-Phase kann ich, wenn ich ohne Kinder irgendwo bin, noch schlechter aushalten als mein eigenes. Wenn deshalb die Möglichkeit besteht, dass das Kind irgendwo anders brüllt, sorge ich als Mutter dafür, dass es das auch tut und schätze es auch, wenn andere Eltern das tun.). Diese Phase ist total wichtig für die Entwicklung des Kindes und blablablablabla, weiß ich alles.

Schön isses trotzdem nicht.

(Steigst du jetzt aus? NEIN!)

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Auto-Lobhudelei: Adoptionspapiere noch nicht ausgedruckt.

Tag 957 – Ein paar Gedanken zur Bestechung.

Belohnen ist ja das neue Strafen, sagt der Juul. Spoiler vorweg: so eng sehe ich das beileibe nicht. Trotzdem belohnen wir relativ wenig. Und seltenst ausdrücklich, so wie „Und weil du dies und das getan hast, kriegst du jetzt…“. Aber vielleicht ändere ich das in Zukunft und belohne ein bisschen mehr. Oder vielmehr besteche, indem ich für ein gewünschtes Verhalten eine Belohnung in Aussicht stelle. Es funktioniert nämlich. Ich meine damit nicht Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein sollten und das auch langfristig werden sollen, also es wird hier kein „Wenn du die Socken vom Sofa räumst, kriegst du ein Bonbon“ geben. Aber für Ausnahmedinge, so wie Pippis Antibiotikum zum Beispiel. Da kriegt man jetzt hier in der einen Apothekenkette direkt einen Bogen dazu, mitsamt Aufklebern. Jedes Mal, wenn man das Antibiotikum (oder sonst eine Medizin) genommen hat, kann man einen Aufkleber auf den Bogen kleben, bis er dann voll ist. Den vollen Bogen und das übrige Antibiotikum kann man dann in der Apotheke wieder gegen eine „Prämie“ eintauschen, also: eine Belohnung. Nun war ja das neue Antibiotikum schon mal viel weniger eklig als das Nullachtfuffzehnpenicillin, aber immernoch nichts, was sich Pippi gern dreimal am Tag verabreichen ließ (wie zum Beispiel Nurofen-Saft, den würde sie auch aus der Flasche trinken, wenn wir sie ließen. Michel nicht, der nimmt lieber Tabletten als irgendeine Form von flüssiger Medizin). Das änderte sich, als sie verstanden hatte, dass sie nach der Medizin einen Aufkleber kleben durfte. Sie durfte das übrigens immer, auch wenn’s Geschrei gab oder ellenlange Diskussionen im Kleinkindstyle – Nein – Doch – Nein – Doch… alles egal, Hauptsache drin. Dann hieß es „Fosch kleben Bärsen/Snegge!“, was soviel heißen soll wie „Zum Frosch [auf den Bogen] kleben wir jetzt ein Bärchen/eine Schnecke!“ und dann war das mit der Medizin schon nur noch ein bisschen eklig und mit Nachspülen eh ok. Ich fand das also tatsächlich eine gute Maßnahme, die es Pippi sichtlich leichter machte, sich zu überwinden und auch die Verhältnismäßigkeit Medizin – Aufkleber fand ich durchaus gegeben. Zumindest für ihr Alter, ich glaube Michel fand die Aufkleber alle albern, aber dafür neidete er ihr das Bestechungsmittel auch nicht. Im Gegensatz zur Belohnung, die wir heute eintauschten (mir ging es eher um die Rückgabe der überzähligen Antibiotika, fachgerechte Entsorgung ist wichtig!). Da bekam Pippi nämlich für ihr „Fosch-Bild“ ein richtiges kleines Säckchen mit einem Plüsch-Bärchen und allerlei Verarztungskram dazu: Mundschutz, Pflaster, Mullbinden. Ohhhh, wie sie sich freute. Ohhhh, wie traurig Michel war. Für ihn war es absolut nicht verständlich, dass Pippi für ihr Kranksein so reich beschenkt wurde. Und auch Pippi verstand glaube ich nicht so ganz den Grund für diesen Geschenkesegen. Da passte dann halt wieder die Verhältnismäßigkeit nicht. Pippi ist ja ich noch viel zu klein, als dass sie mit „und in 10 Tagen kriegst du dann“ bestochen werden könnte. Selbst bei Michel würde ich den Zeitraum noch zu lang finden. Insofern, langer Rede kurzer Sinn: direkte, kleine Belohnung für nicht-alltägliches yay, großes Ding nach langen Zeiträumen eher nay. (Und, ne? Jede Familie macht’s eh wie’s passt und gefällt. Muss man ja immer dazu sagen.)

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Auto-Lobhudelei: Heute trotz diverser Querelen nicht ausgerastet, ein wichtiges Gespräch (wie ich finde) mit Bravour gemeistert.

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Tag 916 – Wut.

Es gibt so Tage, da fühle ich mich wirklich nicht übertrieben wie die schlimmste Mutter der Welt. Heute war so ein (halber) Tag. Eigentlich lief alles ganz ok. Pippi hat halt weiterhin Fieber und leidet sichtlich, aber da gibt es ja Mittel gegen. Sie machte auch heute einen außerplanmäßigen Mittagsschlaf im Kinderwagen, aber das darf sie dann auch ruhig. Nachmittags ging sie ein bisschen durch, trank sehr viel und wollte viel kuscheln, das taten wir dann auch und ich schrieb dabei eine Bewerbung.

Und dann holten wir Michel ab und alles kippte.

Ich komme in den Kindergarten und Michel springt mich mit ausgefahrenen Klauen an, grölt und kratzt mir mit beiden Händen quer über den Mantel. Der Mantel kann das ab, Pippi erschreckt sich aber total, fällt hintenüber und brüllt wie am Spieß los. Die Erzieherin eröffnet mir, dass wir möglicherweise *gar keinen* KiTa-Platz ab Sommer bekommen, das betrifft 4 Kinder, Pippi ist eins davon. Gut, ich will dann ja eh hier weg sein, aber trotzdem: alter Verwalter. Wie ich am Rad drehen würde, wären wir auf diesen KiTa-Platz angewiesen… (kurzes Was bisher geschah: unsere KiTa schließt nach den Sommerferien, weil die Stadt den Mietvertrag gekündigt hat. Mitten in einem Neubaugebiet ohne dass neue KiTas in der Nähe geplant sind. Ergo sind alle Kitas, die da schon sind, überlaufen. Unsere KiTa hat sich von einem großen Träger kaufen lassen, unter der Bedingung, dass sie die Kinder, das Personal und den Bus mitnehmen. Jaja, klar, sagte der neue Träger. Die neue KiTa ist zwar in einem ganz anderen Stadtteil, aber egal, kriegen wir Eltern schon hin. Und der Rest kann ja wechseln, hahaha, wenn nicht alles voll wäre. Jetzt ist aber das Gebäude, in das unsere KiTa unter dem neuen Träger einziehen sollte, noch nicht fertig. Sie haben nur Platz für 7-8 Kinder, verteilt auf die schon bestehenden Gruppen. Vom Personal ganz zu schweigen. Die alte KiTa, das tolle Team, alles, zerbricht also doch. Ach so, wer ist schuld an dem noch nicht fertigen Bau: die Kommune, die den Antrag ewig nicht durchgelassen hat. Es. Macht. Mich. Unfassbar. Wütend. Was für ein Desaster!) Egal. Also die Betreuerin erzählt mir was, Pippi brüllt, Michel grölt und schreit dann „Kann ich M. besuchen? Der ist heute wieder bei seiner Mama, die kannst du doch anrufen, los, schreib der eine Nachricht, ich will M. besuchen!“

Nun ist es so: ich mag den M. nicht. Jedes Mal, wenn Michel mit dem zusammen war, macht Michel nur noch ganz doll überdrehten Scheiß. Mit dem Zusatz „M. macht im Kindergarten… M. hat gesagt… M.s Papa macht das auch…“. Kurz gesagt: aus M.s Richtung kommt nur Mist, M. war auch schon mal hier und ging für einen Fünfjährigen erschreckend manipulativ mit Michel um, ich mag den einfach nicht. Fertig.

Das kann ich Michel aber nicht erklären, es ist ja auch nicht mein Bier, was er sich für Freunde aussucht, aber jetzt noch der Mama schreiben und ihn dann da hinfahren, hinterher wieder mit Flausen im Kopf abholen, offenbar ist er ja eh schon total überdreht… „Heute nicht.“ sage ich. „Ich möchte schnell wieder nach Hause.“

Woraufhin Michel zu toben und zu brüllen anfängt, Pippi anschreit, Pippi fragt ihn, ob alles ok ist, „Schschschttt!“ brüllt Michel mit überschnappender Stimme Pippi an und Pippi fragt lauter: „Alles ok?“ So fahren wir nach Hause, so trage ich Pippi und Michels Zeug die Treppe hoch, so geht Michel aufs Klo, Pippi fängt auch an zu brüllen, meine Nerven sind jetzt aufgebraucht und ich brülle beide an. Michel will Dinozug, Pippi Peppa Wutz sehen und sie streiten und schreien und ich brülle lauter als die beiden zusammen, wenn sie sich nicht einigen können, bleibt der Fernseher aus, Michel wirft sich theatralisch aufs Sofa und schafft es dabei, sich an der Wand hinter dem Sofa die Fingerknöchel aufzuschürfen. Er kriegt ein Pflaster, während Pippi hinter mir steht und laut brüllend auch ein Pflaster einfordert. Michel beschwert sich, dass das Pflaster seine Bewegungsfreiheit im zweiten Ringfingerglied einschränkt. Pippi kriegt ein Fake-Pflaster auf ihr Fake-Aua und dann kann ich endlich den erlösenden Fernseher einschalten. Trotz Dinozuggedudel und Michels panischem „FALSCHE SPRACHE, MAMA!!!“ kommt mir die „Stille“ himmlisch vor. Ich mache mir einen Kaffee und bitte Herrn Rabe per SMS darum, alsbald nach Hause zu kommen, weil es nicht so gut läuft mit mir und den Kindern.

Er kommt, kurz bevor die Kinder viereckige Augen haben und ich meinen Kaffee dank fünfunddreißig mal „Ich will was trinken.“ „Ich will auch was trinken.“ „Ich muss aufs Klo.“ „Pippi pupst!“ „Der Fernseher ist ausgeschmiert!“ noch nicht ausgetrunken habe. Ich habe keine Nerven mehr und nähe grummelnd mit dicken Gewitterwolken über meinem Kopf an meinem Testrock. Herr Rabe macht den Fernseher aus. Das Abendessen – Reste und Brot – ist noch nicht fertig. Beide Kinder eskalieren jetzt wieder völlig, schreien sinnlos rum, sich gegenseitig an, wollen Bilder ausmalen, ABER DAS WAS DIE/DER DA HAT!!!, es ist eine Kackophonie sondergleichen und die Nachbarn haben sicher schon die Supernanny gerufen. Herr Rabe rotiert, ich… kultiviere meine Wut. Ich herrsche die Kinder an, ES REICHT JETZT HÖRT AUF MIT DEM GEBRÜLL, da mache ich natürlich alles noch schlimmer mit, Michel liegt jetzt auf dem Boden in der Küche und schreult, Pippi steht vor dem Drucker und brüllt. Michel behauptet jetzt, er habe einfach ganz großen Hunger. Wir setzen uns zum Essen und rotieren erstmal beide um die Kinder. Brot, ja, mit Ketchup, von mir aus, Käse, natürlich, jetzt in den Sandwichtoaster… wir sind die Lakaien der Kinder. Ich habe mich kurz zur Seite gedreht, um Pippis Sandwich in den Toaster zu laden, Pippi hat mein Messer erobert und wedelt damit herum, stehend auf ihrem Stuhl, wie immer, obwohl ich im 30-Sekunden-Takt sage: setz dich bitte hin, da fällt sie vom Stuhl. Sie brüllt, natürlich, direkt wieder wie am Spieß. Ich sehe Rot, dann weiß, ich tröste sie nicht, könnte ich auch gar nicht, ich würde sie schütteln und dann Michel knebeln und das geht beides gar nicht, also renne ich ins Bad und donnere die Tür hinter mir zu.

Am Tisch eskaliert Michel jetzt natürlich wieder.

„Mama macht das immer, immer wenn wir weinen, wird sie ganz leise und dann knallt sie mit den Türen. Davon kann die Tür kaputt gehen und das darf man nicht machen!“

Ich erwäge, für immer im (dunklen, Lichtschalter außen) Badezimmer zu bleiben. Oder mich auf dem Fußboden zusammenzurollen und zu schlafen. Leckt mich alle am Arsch, denke ich. Ich mag nicht mehr.

(Ja, wir haben uns alle wieder vertragen, ja, ich hatte früher viel schlimmere Wutausbrüche, da gingen richtig Sachen kaputt. Jetzt gehen nur Kinderseelen kaputt. Michel ist jetzt fünf, sowas wird vielleicht seine erste richtige Erinnerung. Bei Pippi wandert das noch schön ins Unterbewusstsein. „Mama war wütend wenn ich mir wehgetan hab.“ Top. Echt ganz toll.)