Tag 740 – Soll weggehen. 

Seit Ankunft bei der Arbeits gings nur bergab, seit dem (gescheiterten) Versuch, Pippi ins Bett zu bringen fühle ich mich außerdem wie ein Lupfballon, aus dem man die Luft gelassen hat, dann bin ich eingeschlafen, während Michel neben mir seine Koffer aufmalte und beschriftete und nur mich Ach und Krach hab ich es überhaupt geschafft, meiner besten Freundin zum Geburtstag zu gratulieren, kurz: ich hasse alles. 

Tag 739 – Mühsal. 

Das moderne Eichhörnchen hakt To-To-Listen ab. Ich bin jetzt fertig mit Zellgedöns, soll heißen, ich habe ein hübsches Panel an Zellen und knock-outs, behandelt mit TODBRINGENDEM, MUTAGENEM ZEUG und nicht, fixiert auf Objektträgern. Jetzt muss ich das „nur noch“ färben. Heute sah ich allerdings mal nach der Fluoreszenz in der einen knock-out Zelle, die also das Protein nicht hat und verdammt noch mal nicht leuchten sollte und: möööp. Genauso grün wie der Wildtyp. So eine kacke, also morgen neuen Antikörper bestellen, wenigstens kommt der aus Schweden und müsste dementsprechend schnell da sein. Und warum hat der Konfokaltyp da nicht nach geguckt, frage ich mich? Vermutlich hat der überhaupt nicht verstanden, was wir wissen wollen und warum wir ihm welche Zellen dafür geben. Es ist zum Kotzen, echt mal. Der neue Antikörper wird sich dann auch leider nicht mit dem Antikörper gegen das andere Protein vertragen, wie ich das löse, weiß ich noch gar nicht, jedenfalls ist das grade alles ein ordentlicher Mist. Und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, fragte mich dann Mr. I-Trust-You, ob ich denn „trained“ am Konfokalmikroskop sei, weil sonst dürfe ich da leider gar nicht alleine ran. Und so schrieb ich als letzte Aufgabe des Arbeitstages eine Mail an den Konfokalobermotz, ob ich bitte bald ein Training haben könnte, es eile leider sehr. Den Konfokalobermotz kenne ich vom sehen und fand ihn bisher immer diffus unangenehm, der flirtet gern auf so eine joviale Art mit sehr viel jüngeren Frauen (also… mir und meinen Mitdoktorandinnen) und naja, ich kann mich kaum halten vor Freude, dass ich dann hoffentlich ganz bald mit ihm einige Stunden alleine in einem dunklen Raum verbringen darf. Aber vermutlich ist das alles halb so wild und vermutlich ist es außerdem auch total schlau, zu wissen, was man an dem Ding da tut und nicht nur wahllos irgendwelche Knöpfe zu drücken bis die Bilder halbwegs so aussehen, wie sie sollen. 

Ach ja, und weil das ja noch nicht reichte, sprangen mir beim Nachhausekommen die Schneckeneier wieder ins Auge. Die Schnecken feiern ihren Terrarienumbau mit Kalk in der Erde und Farn in der Ecke offensichtlich hart, denn vorgestern erwischte ich eine beim Eierlegen. 

Ich kann aber keine ~100 Babyschnecken gebrauchen und es war ja auch klar, dass der Tag irgendwann kommen würde, heute war es dann soweit, ich grub die Eier aus (die eine erstaunlich feste Schale haben, wie Perlen fühlen die sich an) und fror sie ein. Alle bis auf zwei, die wollte Michel unbedingt (hier zitternde Unterlippe und Dackelblick vorstellen) „behalten“, also im Terrarium lassen. Weil die Schnecken sonst ja traurig sind und die Babys in den Eiern ja „tot werden“ (danke, mein Sohn, dass du mich dran erinnerst). Mal sehen. Vielleicht haben wir dann demnächst zwei Babyschnecken. Ganz unten im Terrarium. Jedenfalls fühlte sich das Einfrieren um die Embryos abzutöten echt viel bescheidener an, als ich gedacht hätte. Vielleicht bin ich aber heute auch einfach sehr empfindlich und emotional. 

Seufz, ab mit euch in den Gefrierschrank.

Was aber gut ist (denke ich): ich gehe jetzt schlafen. Vor 10. Hurra!

Tag 738 – Erste Semesterwoche.

In einer Uni-Stadt leben hat ja sehr viele Vorteile. Zum Beispiel… äh… ach ja, wir haben viele sauteure Kneipen, (für so eine kleine Stadt) erstaunlich viele Diskos und Bars mit zu 90% der gleichen beschissenen Musik und relativ viele Restaurants bei denen man trotzdem meist nur das eine Alibi-vegetarische Essen bekommt. Naja, und wenn man wollte, könnte man Hipster-Klamotten an jeder Ecke kaufen oder von Hipstern sein Fahrrad reparieren lassen oder hipstermäßige Dinge wie Ingwersmoothies zu sich nehmen oder gleich alles drei. Aber das soll gar nicht Thema sein, sondern eigentlich wollte ich über die erste Semesterwoche reden. Die ist nämlich jetzt gerade. Man merkt es an vielen Faktoren:

  • Party im Hof, Leute gröhlen laut und vermutlich alkoholisiert, jetzt gerade. Das geht jetzt noch anderthalb Wochen so, dann stören mich wieder die nicht kastrierten Katzen und ihr vielfältiges Sexleben mehr.
  • In den letzten zwei Wochen schon und noch anhaltend sieht man immer wieder sehr junge Leute irgendwo einziehen, die Papas schleppen da tapfer Matratzen und Waschmaschinen rein, die jungen Leute sehen leicht verstört aus und die Mamas reden auf die jungen Leute ein.
  • Sehr junge Leute mit Bilderrahmen, Kerzenständern, Kissen und anderem IKEA-Kleinkram im Bus. Oder halt auch mal zwei Meter hohen Zimmerpalmen.
  • Sehr junge Leute, die durch Trondheim schlendern, als wäre es der allertollste, allerspannendste und allerhübscheste Ort auf Erden. (Spoiler: ist es… für ca. drei Tage.)
  • Aber mein Highlight: sehr junge Leute im Supermarkt. Manchmal fragt man sich echt, ob die jemals vorher in einem Supermarkt waren. Ein paar Dinge, die viele der, ich nenne sie mal Ersteinkäufer, offenbar sehr überraschen und leicht überfordern:
  1. Es gibt unterschiedliche Sorten Milch.
  2. Es gibt unterschiedliche Sorten Joghurt.
  3. Es gibt unterschiedliche Sorten Nudeln.
  4. Es gibt unterschiedliche Sorten Olivenöl (im Rema, wo wir das Meiste einkaufen, bestimmt so… drei).
  5. Brot muss man entweder zu Hause selbst schneiden oder im Laden selbst durch so eine Maschine jagen. Die Maschine ist eigentlich selbsterklärend und hat auch Bilder drauf, die die Anwendung illustrieren, hindert aber manche nicht an abenteuerlichen Versuchen, den Sicherheitsmechanismus zu umgehen.
  6. Fleisch ist sehr teuer. (Heute einen „Jesus!“-Stoßseufzer beim Passieren des Wurstregals mitbekommen… I feel you, aber:)
  7. Gemüse ist auch sehr teuer. Und lasst euch das gesagt sein, liebe Erstis: jetzt geht’s ja sogar noch, aber im Winter ziehen die Preise noch mal richtig an!
  8. Am teuersten ist alles, was Spaß macht: Süßkram, Chips, Bier, Tiefkühlpizza (und Tabakwaren, aber die kaufe ich ja nie). 
  9. Apropos Tiefkühlpizza: da gibt es sehr viele unterschiedliche Sorten!
  10. Was man eingekauft hat, muss man auch nach Hause schaffen. Dann ist das irgendwie blöd, wenn man acht Pakete YumYum-Nudeln, drei Kilo Hack und nen Angebots-sack Äpfel gekauft hat, man keinen Rucksack dabei hat so wie die Profi-Auf-dem-Heimweg-einkaufende-Mutti Rabe und draußen das Rennrad steht.

Tja, und was kaufen sie dann? Tütensuppen, Tütensaucen, die teuren Nudeln (Werbung funktioniert!), aber das billige Olivenöl (selbst das ist ja schon teuer genug), die leichteste Milch, den Joghurt mit weniger Fett und mehr Gelatine Proteinen, das billige Hack und kein Gemüse, eine Tüte der billigen Chips (da möchte ich immer rufen: Nein! Nie an den Chips sparen! Die schmecken total scheiße!), kein Bier und die Tiefkühlpizza, die Mama auch schon immer hatte (Grandiosa. Auch da: NEIN! Die schmeckt nicht! Die billige vom Rema ist echt gut, aber Grandiosa ist Müll!).

Sie sind schon putzig, die Erstis. Und gefühlt ja auch erst 15, da ist das wohl auch verständlich, dass das mit dem Einkaufen noch ganz aufregend und neu ist. Sonst mache ich mich halt einfach als Supermarkt-Einkaufscoach für Studenten selbständig. Lektion 1: der Einkaufszettel…

Tag 735 – N-1.

Einstmals, ich war etwa 13, nahm ich an einer Mathematik-Olympiade teil. Genau genommen nahm ich da jedes Jahr dran Teil, aber dieses eine mal ist mir sehr in Erinnerung geblieben. Eine Aufgabe war etwa so:

Eine Tafel Schokolade besteht aus 4 x 7, also 28 Teilen. Ist es möglich, diese Tafel in ihre 28 Stücke zu zerbrechen – ohne Teile übereinanderzulegen – in weniger als 27 Schritten?“

Meine Antwort war: nein. Natürlich nicht! Hallo? Das ist ja wohl echt mal ein No-Brainer! Mein RÜCKENMARK sagt mir, dass das nicht geht. 

Meine Mathelererin sagte: wohl. Mehr auch nicht, nur, dass es sehr wohl ginge. 

Und das hat mich bis heute verfolgt. Ohne Witz. Jedes Mal, wenn ich etwas in N Teile zerteilen muss, rattert mein Hirn die Permutationen der Einzelschritte durch, um doch noch auf eine Lösung > N-1 zu kommen. Heute zum Beispiel, als ich den Batzen Teig in 18 Brötchen teilen wollte. Da erzählte ich dann auch mal Herrn Rabe von meiner Not. Und der googelte kurzerhand „Schokoladentafel brechen Matheolympiade“ und teilte mir dann mit: nein. Die einzige Lösung ist N-1. 

Hallelujah. Jetzt kann ich beruhigt sterben schlafen gehen*. 

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*bleibt die spannende Frage, warum mir die Lehrerin was falsches sagte. Wollte sie mich quälen? Herausfordern? Hat sie sich in der Zeile vertan? 

Tag 733 – Von PUTZ-FRAUEN.

Herrje. Schon in der Überschrift geschrien, was soll das werden? Nunja – ein Beitrag über Haushaltshilfen. Inspiriert (wie so oft) von Twitter-Beef.

Es begab sich also zu der Zeit, da eine Familie beschloss, das Putzen nicht mehr selbst erledigen zu wollen. Diese Familie konnte sich auch leisten, das nicht mehr zu tun. Sie suchte also eine Hauhaltshilfe. Es kam eine Dame und putzte sehr gut und wurde gut entlohnt und plötzlich kam sie dann nicht mehr. Das war ziemlich ärgerlich. Die Familie suchte eine neue Haushaltshilfe, die erst einmal zur Probe kommen sollte. Die Dame kam und es wurde vereinbart, dass sie eben, zu einem festgesetzten Stundenlohn, putzen solle um mal zu schauen, wie lange sie bräuchte. Nach vier Stunden verkündete die Dame, sie sei fertig, den Rest mache sie nicht mehr. Die „Dame des Hauses“ (um beim feudalen Bild zu bleiben) inspizierte das Ergebnis und… war sehr unzufrieden. Denn es war einfach nicht sauber genug. Es lagen noch Barthaare am Waschbecken und überhaupt hatte die Dame nur zwei Drittel des Hauses geputzt. Auf Nachfrage, warum da noch Barthaare lägen, antwortete die Dame, dass sie das eben nicht mache. Daraufhin beschloss die Familie, die Leistungen dieser Dame nicht weiter in Anspruch zu nehmen.

Ende.

Nein! Denn die „Dame des Hauses“ hatte ihrem Ärger über diesen schlechten Service, für den sie recht viel Geld (da eben vier Stunden) bezahlt hatte, im Internet Luft gemacht. Auch über die Umgangsformen (nach der „Kündigung“ kein Wort mehr sprechen ist schon… hui.). Und wie es so ist, gaben Leute aus allen Richtungen ihren Senf dazu. Da wurde auf der einen Seite auf Basis dieser paar Tweets unschön über die Putzhilfe hergezogen, auf der anderen Seite wurde aber genauso unschön auf Basis dieser paar Tweets über die Familie hergezogen. Es sei unsolidarisch, Leute Frauen derart auszubeuten und dann noch Ansprüche an die erbrachte Leistung zu haben. Die Putzhilfe ist ja schließlich keine Leibeigene und für viele sei das die einzige Alternative.

Ende.

Nein! Denn es entbrannte ein handfester Streit. Den ich, mit Verlaub, eigentlich nicht verstehe. Oder doch, aber anders. Oder… Orrr. Plötzlich drehte sich alles um die Frage: Darf man überhaupt Diener eine Putzhilfe haben? Dürfen Frauen für Frauenarbeit Frauen anstellen? Die dann am Ende wieder Frauen anstellen müssen für ihre eigene Frauenarbeit? Ist das im Sinne der Gleichberechtigung oder eher nicht?

So, und diese Fragen kann ich natürlich auch nicht allgemeingültig beantworten, aber ich kann vielleicht mal ein bisschen öffentlich und laut darüber nachdenken.

Fangen wir mal mit der Frauenarbeit an: NEIN! Herrgott. Care-Arbeit ist jedes Menschen Sache, dieses Narrativ der „zum Kümmern geborenen Frau“ kann ich einfach nicht mehr hören. So, fertig aus. Ändern wir den Satz also schon mal in „Dürfen Frauen für Dienstleistungen im häuslichen Bereich Frauen anstellen?“.

Dann geht es weiter: Dürfen Frauen…? JA NATÜRLICH DÜRFEN SIE! Wir sind ja nicht mehr in den 50ern, wo eine Frau tatsächlich noch dazu verpflichtet war, den Haushalt zu führen und die Kinder großzuziehen und den Mann mit dem ganzen Quatsch bitteschön nicht zu belästigen. Frauen dürfen, was Männer dürfen (und zum Teil immer schon durften). Auch da: fertig aus. Falls da Zweifel bestehen, hilft ein Blick ins Grundgesetz. Der Satz ist also jetzt „Dürfen Menschen für Dienstleistungen im häuslichen Bereich Frauen anstellen?“.

Bleibt also: … Frauen anstellen? WARUM DENN NICHT? Ist es ein kleineres Problem, wenn ein Mann meine Bude putzt? Weil der ja „theoretisch auch was anderes machen könnte“? Mit seinen starken Armen Prinzessinnen vor Drachen und Katzenbabys von Bäumen und überhaupt im Unterhemd die Welt retten?  Ähhh, Sexismus, ick hör dir trapsen!

Der Satz ist jetzt also eingedampft auf: Dürfen Menschen für Dienstleistungen im häuslichen Bereich Menschen anstellen?

Tja. Ich würde ja jetzt sagen, das ist eine ganz individuelle moralische Frage, aber vielleicht möchten Sie ja teilhaben an meinen Gedanken zu dem Thema. In der Realität, allem Idealismus zum Trotz, sieht es eben weiterhin so aus, dass meistens Frauen die Hausarbeit erledigen. Auch die, die, wie ihre Partner, Vollzeit arbeiten. Gefühlte Gleichberechtigung ist halt vielerorts da erreicht, wo beide gleich viel arbeiten. Dadurch, dass Frauen die Care-Arbeit eben doch zum Großteil erledigen, nährt sich natürlich das „Frauenarbeit“-Bild, zumindest unterbewusst, auch wenn viele, individuell befragt, natürlich ganz anderer Meinung sind. Denn, da kann man dem Feminismus(TM) wirklich mal anerkennend auf die Schulter klopfen, so unter Mittelschicht-Akademikern sind Sexismus und allzu offensichtliche patriarchialische Strukturen ziemlich uncool. Weshalb ich ja auch optimistisch bin, dass wir dieses Kapitel der Menschheitsgeschichte wirklich irgendwann hinter uns lassen, falls nicht vorher der Verrückte von Drüben auf den roten Knopf drückt und einen Atomkrieg mit dem Verrückten vom anderen Drüben anzettelt. Nichtsdestotrotz gibt es noch einiges zu tun. Und selbst wenn wir in unserer hübschen Wohlstandsblase uns langsam auf der rationalen Ebene vom Frauenarbeit-Bild frei machen, dauert es nochmal eine ganze Weile, bis sowas auf die gesamte Gesellschaft und dann auf andere Gesellschaften wirkt. Denn wer macht denn dann die Care-Arbeit, wenn ich sie nicht tue? Die Kinderbetreuung übernehmen (in Deutschland, DAS ist in Norwegen wirklich schon besser) unterirdisch bezahlte Kindergärtnerinnen. Generisches Femininum, weil es eben fast nur Frauen sind (97%, steht auf Seite 15). Schlecht bezahlt, weil: Frauenarbeit. Die Männer(TM) dann nicht als Beruf wählen, weil: schlecht bezahlt. Wieso in Norwegen immerhin 9% aller Angestellten und 11,5% aller „assistenten“ in Kindergärten Männer sind? Weil es das Stigma der Frauenarbeit nicht (mehr) hat und man als Erzieher im Kindergarten zwar nicht reich wird, aber gut über die Runden kommt. Und da hier ja eh niemand wirklich reich wird… Egal, ich schweife ab. Die Kinder werden also von Frauen betreut, Nannys und auch Babysitter sind ja auch meist weiblich. Auch geputzt wird meist von Frauen. Da mag es wenig überraschen, das die allermeisten, die auf eine „Suche Putzhilfe“-Anzeige reagieren, Frauen sind. Oder Männer, die Zuhältermäßig ihre Frau vermieten. Wenn ich mich also nicht total reinhänge oder unheimlich großes Glück habe, werde ich vermutlich eine Putzfrau einstellen. Und vermutlich wird diese Putzfrau keinen akademischen Grad haben, eventuell wird sie schlecht die Landessprache sprechen, möglicherweise wird sie sich dagegegen sträuben, die Arbeit offiziell anzumelden, weil schwarz einfach viel mehr dabei herumkommt. Vielleicht muss sie sogar um bei mir putzen zu können ihrerseits eine Nanny für ihre Kinder anstellen. Das ist alles richtig und vom System her falsch, gar keine Frage. Die Ungerechtigkeit macht mich wütend und am liebsten würde ich morgen losgehen und das ganze System(TM) stürzen! Genauso wie es keine „Frauenarbeit“ sein sollte, sollte Putzen auch keine „Drecksarbeit“ sein, die nur ungebildete, ausgebeutete Fast-Sklaven verrichten! Aber!

Ich finde, genau da kann man ansetzen. Im Kleinen. Als jemand, der eine Putzhilfe hat, kann ich zuallererst mal keine Ausbeuterin sein. Das heißt für mich, dass ich die Putzhilfe anständig bezahle. Ich habe das grade mal total grob am Nettoäquivalenzeinkommen und mit dem völlig fiktiven Steuer- und Abgabensatz von 50% durchgerechnet: die selbständige, angemeldete (!) Durchschnittsputzhilfe in Deutschland müsste 15 €/Stunde plus zeitanteilige Anfahrtskosten verlangen, wenn sie das Vollzeit macht, ist sie dann gerade so nicht armutsgefährdet. Mit meinen fiktiven Zahlen und ja, mir ist bewusst, dass es in München teurer ist als in Bielefeld. Die Putzhilfe muss halt auch in jedem Fall angemeldet werden, was, die Erfahrung haben wir auch gemacht, viele einfach nicht wollen. Da ist dann Altersarmut und der ganze Murks (der ja auch wieder vorwiegend Frauen betrifft, wegen „Frauenarbeit“) vorprogrammiert und wenn die Putzhilfe bei Dir zu Hause von der Leiter fällt und sich das Bein bricht wird es auch mindestens interessant. Dann kann ich auch darauf achten, aus welcher Motivation heraus jemand meine Wohnung putzen möchte. „Weil Mann sagt!“ ist vielleicht ein Hinweis auf… nicht so viel Empowerment. „Weil ich putzen total super finde und mir von dem Geld einmal im Jahr nen Urlaub in Tunesien leiste.“ schon eher. Und da sind wir halt auch schon bei einem ganz wesentlichen Punkt: Nicht alle finden putzen schlimm. Manche finden es neutral „muss halt gemacht werden“, manche finden es auch total gut. Ehrlich. Wenn jetzt also jemand aus freien Stücken bei mir putzen möchte, daran eventuell sogar Spaß hat und damit seinen Tunesienurlaub die Schulhefte für seine Kinder bezahlen kann, sehe ich keinen Grund, diejenige nicht einzustellen. Ein weiteres Argument gegen Putzhilfen ist auch oft die Alternativlosigkeit. „Hast nix gelernt, gehst halt putzen.“ Als jemand, der putzen furchtbar findet, aber schon jede Menge Nebenjobs hatte für die man zum Großteil nichts können musste, kann ich sagen: man muss dann nicht putzen gehen. Der oder diejenige, die bei McD die Burger umdreht, braucht dafür auch keinen Bachelor und oft auch nur wenige Deutschkenntisse (hier natürlich auch die Annahme, dass die Burgerumdreherin ca. so viel verdient, wie die Putzhilfe). Viele finden Kellnern total schlimm, da muss man schließlich Leute ertragen bedienen. Ich fand es einen super Job (mit dem ich, tadaa, unter anderem meinen Anteil an unserer ersten Putzfrau bezahlt hab). (Die Idee des Zeittauschs finde ich übrigens echt super!)

Menschen sind verschieden. Vorlieben und Abneigungen sind verschieden. Nicht jeder Mensch, der eine Putzhilfe hat, ist ein Ausbeuter. Nicht hinter jeder Putzhilfe steckt ein ausgebeuteter Mensch. Letztlich ist Putzen halt auch nur ein Job, kein „schlechterer“ als ein anderer*.

Dann wäre da noch das Ding mit Angebot und Nachfrage. Wenn jetzt „plötzlich“ alle Putzhilfen mehr Geld verlangen, können sich nicht mehr so viele Leute Putzhilfen leisten. Das ist richtig. Wir wären vermutlich mit dabei, bei den Leuten, die dann eben keine mehr hätten. Das wäre für uns bitter. Ja. Aber gesellschaftliche Veränderung, insbesondere Umverteilung nach unten, geht eben auch nicht ohne dass die Mittelschicht abgibt. Wir sind die Mittelschicht. Wenn meine Putzhilfe auch dazu gehören soll, damit ihre Kinder vielleicht mal eine Ausbildung machen können, ohne sich nebenher als Kellner*Innen die Hacken abzurennen, muss ich damit rechnen, dass mich das was kostet. Umgekehrt wird meine Putzhilfe dann vielleicht erfahren, dass sich nicht mehr so viele Leute ihre Dienste leisten können und es wird einen härteren Konkurrenzdruck unter Putzhilfen geben. Aber erstens geht sowas ja nicht von heute auf morgen (außer bei der Einführung des Mindestlohns und – Überraschung! – es gibt weiterhin Paketboten) und zweitens denke ich in meinem, zugegebenermaßen auf dem Gebiet schrecklich naiven und ungebildeten Gehirn, dass der Markt sowas doch ausgleichen wird. Die Putzhilfe, die Bartstoppeln liegen lässt, wird dann wohl schneller um ihren Job bangen müssen, eine andere wäscht vielleicht in der selben Zeit sogar noch die Bettwäsche und braucht sich um Aufträge nicht so zu sorgen? Aber wie gesagt, da bin ich naiv, mein Wissensstand entspricht „SoWi-Ergänzung 2003, ich war manchmal dabei und schlecht„.

Und als nächstes stürzen wir und unsere Putzhilfen dann den Kapitalismus und das Patriarchat, ja?

 

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*sehe nur ich die Parallelen zu Sexarbeit?

Tag 732 – Viiiiieeeel Glück zum Bloggeburtstag, Hurra!

Zwei Jahre mache ich das jetzt schon hier und – soweit ich mich erinnern kann – nur mit einer einzigen Ausnahme jeden Tag. Ich kann das Bloggen inzwischen nicht mehr aus meinem Leben wegdenken. Es ist eben nicht nur ein Tagebuch, das in meiner Schublade liegt und das außer mir niemand lesen darf. Hier lesen viele Leute mit. So ca. 700 am Tag, falls es Sie interessiert. Mich interessiert sowas ja tatsächlich, dann versuche ich mir vorzustellen, wieviele Leute das sind. Also, Sie alle zusammen, Sie würden zum Beispiel die „große“ Seite vom Audimax der Uni Bielefeld fast komplett füllen. Das hätte dann halt was von Chemie-Klausur, obwohl, nee, da waren ja immer Lücken zwischen den Plätzen sonst wäre ich ja nicht durchgefallen. Es hätte vielleicht eher was von Hörsaal-Slam. Übrigens eine Veranstaltung, der ich in einem früheren Leben mit großer Begeisterung und Regelmäßigkeit beiwohnte. Aber zurück zur Sache, da sitzen Sie jetzt also alle so und lesen mein Geschreibsel. Was ja, bei Licht betrachtet, meistens nur Schnipsel aus meinem Alltag sind, oder Gemecker über zu wenig Schlaf/nervige Jobdinge. Manchmal kommen so Anfälle über mich und ich schreibe tatsächlich mal fokussiert über ein Thema, so wie Erziehung oder Zucker oder Feminismus, alles so Garanten für viele Klicks und Kommentare aus der Hölle. Letztere blieben bei mir bisher aber – oh Wunder! Fast komplett aus! Ich bin da sehr dankbar drum, Sie brauchen da jetzt also auch nicht mit anfangen, nicht dass wir uns da missverstehen. Die meisten Kommentare die ich hier ja doch inzwischen regelmäßig bekomme, sind überaus erfreulich! Das ist vielleicht das, was ich am meisten mag am Bloggen, was mich aber auch (ehrlich gesagt) am meisten überrascht hat: Die Interaktion! So viele Leute nehmen tatsächlich Anteil, ich schreie das gar nicht alles in den luftleeren Raum (wäre auch nicht hilfreich, da gibt es ja keinen Schall) und es kommt nichts zurück. Und nach einer Weile lernt man manche Leute ein bisschen besser kennen, wechselseitig, und irgendwann manche sogarin echt„*, das ist dann ein bisschen lustig, weil man sich ja eigentlich schon total gut kennt, immerhin liest man das Geschreibsel ja auch schon ne Weile und teilweise täglich! Es ist ein bisschen verrückt. Und die paar Internetmenschen, die ich bisher getroffen habe, reichen natürlich noch nicht für eine anständige Statistik, also, da geht noch was mit dem Kennenlernen im richtigen Leben! So lange schreibe ich hier halt munter (oder genervt, oder müde, oder rührselig oder nüchtern oder, oder, oder) weiter in den die das Blog über das, was mich so bewegt und freue mich auf und über Ihre Kommentare.

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*Ich bin nur ein klitzekleines bisschen panisch, wen vergessen zu haben!