Tag 1139 – Zwei Termine.

Ich hatte heute zwei Termine. Den einen hätte auch gut Herr Rabe machen können, denn es war Elternabend in Pippis Kindergarten. Aber wenn Herr Rabe da hingefahren wäre, hätte ich so halbkrank wie ich noch bin, die Rübennasen alleine mit Nahrung versorgen und ins Bett bringen müssen. Da erschien mir eine halbe Stunde Auto fahren, eine Stunde rumsitzen und dann eine halbe Stunde zurückfahren kräfteschonender. Grober Fehler, aber fangen wir von Vorne an.

Mein erster Termin heute war bei meiner Ärztin. Nicht wegen der Rotze-Geschichte, sondern weil heute der letzte Tag meiner Krankschreibung war. Und weil ich ein ehrlicher Mensch bin, habe ich gesagt, wie es aussieht. Dass ich im Prinzip (und von der Erkältung abgesehen) fit bin und locker flockig arbeiten kann, aber nicht da. Dass ich bei dem Gedanken dran schon Schweißausbrüche kriege und mir bei Telefonanrufen vom Chipsmann übel wird. Dass ich weiß, dass zwischenmenschliche Probleme kein Grund sind, krankgeschrieben zu sein, ich aber Angst habe, wieder nicht zu schlafen und nicht zu essen und dauernd zu heulen.

Und sie sagte, sie verstehe das, ich solle es aber mit der Arbeit probieren und wenn es nicht ginge, dann ginge es nicht, aber probieren solle ich das. Stå på. (Bleib stark, sinngemäß.)

Tja. Ich werde also morgen arbeiten. Juchhei. Ich denke einfach an die Vorteile. Die Vorteile sind: die Firma muss mein Gehalt weiter zahlen. NAV ist da raus. Und ich kann etwas machen, das wirklich (naja, metaphorisch) die Bude in Brand stecken würde. Und wenn ich das gemacht hab, brauche ich mir wohl auch keine Sorgen mehr machen, dass mir der Chipsmann nicht freiwillig kündigen möchte.

Gegen alle anderen Gedanken habe ich eine von den vor zwei Wochen verschriebenen Schlaftabletten genommen.

(Follow-Up der Pillengeschichte: ich habe jetzt einen Termin für das Legen einer Hormonspirale. Spiel, Spaß und Spannung hier.)

Und abends war dann eben der Elternabend. Zweieinhalb Stunden lang. Meine Güte. Was gibt es zweieinhalb Stunden zu besprechen? Ich weiß es auch nicht so recht. Aber ich weiß jetzt, dass Mona ein weißes Auto hat und Martin gern schwimmt und Kari Mette hat eine Hytte. Weil wir nämlich gezwungen wurden, Kennenlernspiele zu spielen. So schön, Sie können sich meine Begeisterung bestimmt vorstellen. Der Rest war… naja, viel Blabla. Ich glaube, der Kindergarten ist wirklich gut, trotz einiger Anlaufschwierigkeiten (er ist halt wirklich ganz neu, im Frühjahr eröffnet worden) und es tut mir wirklich leid, aber nachdem ich heute drei Stunden im Auto irgendwo zwischen zu Hause und Kindergarten verbracht habe, werde ich nochmal die Kitas in Eidsvoll abtelefonieren. Da muss doch was gehen. Auch wenn’s schade ist.

Tag 1138 – Rotze.

Tja, heute morgen wachte ich auf und es tat mir immernoch jeder Knochen im Leib weh und zusätzlich auch noch der Hals, und zwar ordentlich.

Weil ich den besten Mann hab, der das ja außerdem auch grad erst hatte, habe ich den ganzen Tag im Bett liegen dürfen und morgen geht es hoffentlich schon wieder besser.

Dementsprechend ist aber heute nichts berauschendes passiert. Ich habe abends eine Bewerbung geschrieben, yeah (ich merke, wie ich da wieder hoffnungs- und antriebslos bei werde, das ist auch nicht gut).

Und nachmittags, als ich mit der schlafenden Pippi das große Bett teilte, kam Michel an, legte sich zwischen uns und sagte: „Mama, soll ich dir mal was sagen? Wenn Pippi so schläft, dann ist die ganz niedlich. Und weich. Wie ein Kuscheltier.“ Da hat er ganz recht, finde ich. Dass er, wenn er schläft, auch so niedlich ist wie ein Kuscheltier, hab ich ihm aber nicht gesagt.

Tag 1137 – Und dann, plötzlich…

… stehe ich im Supermarkt und kaufe (alleine) ein und kriege Gliederschmerzen. Im Becken (auch wenn das auch bei mir nicht atmet), im Rücken und in den Beinen.

… rupft sich das große Kind seinen nächsten Wackelzahn raus. Und singt ihm vor.

… verbringe ich fast zwei Stunden mit meiner Mutter am Telefon. Meine Mutter verplant schon mal das noch nicht vorhandene Gefährt, mit dem mein Onkel seinen Rennwagen durch die Gegend kutschieren will.

… bin ich so hundemüde, dass mir die Augen beim Tippen zufallen. Keine Links heute, bin froh, wenn ich mich noch abgeschminkt kriege.

Bitte jetzt nicht auch noch diese Erkältung von Michel.

Tag 1135 – Kein Kindergarten.

Heute war ich beim Elternabend des Horts. Und ich habe mich da sehr aufgeregt. Wirklich sehr. Denn das alles strotzte vor Doppelmoral und widersprüchlichen Anforderungen und überhaupt hab ich mich EINFACH ECHT AUFGEREGT. Hier ein aufgeregtes Sammelsurium der Aussagen/Forderungen/Vorkommnisse.

  • Sie erwarten von den Eltern dies das und jenes, Wettergemäße Kleidung, Blabla. Wie im Kindergarten.
  • Das ist kein Kindergarten.
  • Die Kinder müssen sich selbst anziehen und auch genug anziehen.
  • Sie erinnern die Kinder daran, sich warm/kalt genug anzuziehen*.
  • Sie können nicht immer wissen, wo alle Kinder sind, das sind einfach zu viele auf zu wenige Erwachsene.
  • Sie geben auf die Kinder acht.
  • Sie können leider keine Ausflüge machen, zu wenig Personal.
  • Sie können die Bus-Kinder nicht zum Bus bringen, zu wenig Personal.
  • Sie können keine weiteren Aushilfen einstellen**.
  • Eltern sollen bitte ihre Kinder morgens bis mindestens zur 3. Klasse jeden Tag bis in den Raum begleiten. Dies soll den Kindern signalisieren, dass die Eltern sich für sie interessieren. (Und dann gehen sie halt dort verloren, weil ohhh, kein Personal, nee, hinter der Schule kann man echt nicht noch wen stehen haben, aber sie sagen den Kindern nochmal in streng, dass sie da nicht hindürfen***.)
  • Zu Essen gibt es Saft**** und Fast Food oder Brot.
  • Es müssen alle probieren. Nur wer probiert hat, kann als Alternative Knäckebrot mit Belag haben.
  • Parken bitte nur am Supermarkt. Den Fußmarsch dazu nutzen, dem Kind freundlich und fröhlich die Verkehrsregeln zu erklären. Eine schöne Zeit mit dem Kind verbringen.
  • Dafür einfach ne halbe Stunde früher aufstehen*****.
  • Beim Abholen die Kinder zuende spielen lassen.
  • Die Kinder müssen aufräumen.
  • Die Kinder dürfen keine Hausaufgaben in der Hortzeit machen. (Dazu spannende Aussage einer Mutter: „Naja, die Erstklässler sind ja noch nicht täglich bis fünf Uhr hier!“ I beg to differ, mindestens ein Erstklässler ist normalerweise jeden Tag bis viertel vor fünf da. Und morgens ab halb, viertel vor acht.) Für die 3. bis 6. Klasse gibt es Hausaufgabenbetreuung, Dienstags, Mittwochs und Freitags von *trommelwirbel* 07:45 bis 08:15 Uhr. Dies, meine Damen und Herren, ist die sinnloseste Regelung jemals. Denn was passiert, wenn man die Hausaufgaben in der halben Stunde nicht erledigt bekommt? Dann ist man halt angearscht und hat auch bis zum Unterricht am selben Tag nicht mehr die Möglichkeit, es fertig zu machen. WÄÄÄHHHHH???
  • Allein mit dem Fahrrad kommen bitte erst ab 5. Klasse. Da machen sie dann nämlich auch erst Verkehrserziehung.
  • Auf eigenes Risiko und IHR KENNT JA EURE KINDER AM BESTEN, also wir würden es nicht empfehlen, aber wenn ihr das UNBEDINGT WOLLT, können auch schon jüngere Kinder mit dem Fahrrad gebracht werden. In den Raum. Bittesehr.
  • Die Kinder sollen Selbständigkeit lernen und selbst entscheiden.
  • Hier mache ich mal einen Absatz, denn bei all dem konnte ich ruhig bleiben und mein „die machen das schon ok so, es wird dem Kind nicht schaden, es wird schon alles gut werden“-Mantra im Kopf aufsagen, aber bei
    • Zum Essen, also zum Austeilen und dann auch zum Essen machen wir einen Film (oder Kinderserie) an, damit die Kinder sitzen bleiben und Ruhe herrscht
  • Bin ich für meine Verhältnisse einigermaßen an die Decke gegangen. Nicht alleine, das fanden einige Eltern deutlich daneben. Weil, wtf??? Ja, alter, kein Personal, haben wir jetzt oft genug gehört, aber NEN FILM ZUM ESSEN? Ihr hypnotisiert die Kinder damit sie still sitzen? Das mag ja bei einigen Kindern auch noch gehen ohne zu schaden aber ich halte die Outcomes „abgelenktes Kind isst nicht“ und „abgelenktes Kind stopft sich über den Hunger hinaus voll“ je nach Veranlagung auch für wahrscheinlich. Und vielen, VIELEN DANK FÜR DIE DISKUSSIONEN die wir zu Hause dann haben werden, weil mein Kind seine Bildschirmzeit zu Hause nun noch mehr eingeschränkt bekommt. Ich bin nicht anti-fernsehen, ganz und gar nicht, aber GRENZEN!!! NICHT BEIM ESSEN! Und nicht dann insgesamt gerne an die anderthalb Stunden JEDEN TAG!
  • Hups, da wurde ich ein wenig laut. Entschuldigen Sie vielmals. Es musste kurz mal raus.
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  • Auto-Lobhudelei: Den SFO-Menschen vor allen die Meinung ziemlich genau so gegeigt, wie oben steht, nur auf Norwegisch. Und damit geschlossen, dass ich finde, dass solche gravierenden Dinge, bei denen beim gesunden Menschenverstand schon alle Alarmglocken schrillen, den Eltern VORHER mitgeteilt werden müssten.
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  • *notallchildren, meinem nicht, ganz offensichtlich, oder allerhöchstens halbherzig. Aber ich finde ehrlich gesagt, das ist auch nicht deren Aufgabe und das Kind kann wirklich langsam lernen, besser auf die Angemessenheit seiner Bekleidung zu achten.
  • **Warum wurde nicht gesagt. Nur „hahaha, wir können hier ja nicht 15 Aushilfen haben, haha!“ Warum denn eigentlich nicht, dann kämen vielleicht nicht Kinder abhanden.
  • ***Oder in den Apfelgarten auf der anderen Straßenseite, in dem eine Mutter letztens ihr Kind und seinen Kumpel fand, ohne, dass die Hortangestellten die Abwesenheit überhaupt bemerkt hatten. ZUM ZWEITEN MAL IN SECHS WOCHEN.
  • ****Da ging die anwesende Dorf-Zahnärztin ein bisschen an die Decke.
  • *****Boah ey, wo soll ich anfangen? Vielleicht ganz kurz: Wenn Michel und Ich ne halbe Stunde eher aufstehen, haben wir sicher keine tolle Mama-Kind-Quality-time, sondern zerfleischen uns. Tun wir eh schon. Ja, jeden Morgen. Nein, da hilft keine Routine. Nein, das macht uns nicht zu schlechten Menschen, sondern einfach zu welchen, die nicht gern früh aufstehen. Aber jeder Satz der so lapidar dahingesagt wird, jedes „aber wenn die Schule erst um neun anfängt, dann hat mein Kind ja schon fast Mittagspause, weil das um fünf eigentlich am fittesten ist, das geht nicht!“ haut brutal in die Kerbe, dass es verdammt nochmal unfassbar scheiße ist, selbst jeden Morgen die Frühaufstehergesellschaft zu verdammen und dabei die eigenen Kinder aus dem Bett zu werfen (eher zu zwingen), weil sie es eben lernen müssen, dass die Frühaufsteher die besserenschönerenerfolgreicheren Menschen sind, die die kack Regeln gemacht haben und zumindest bis zum Berufsleben ist das mit dem frühen Aufstehen jetzt eben so. Dann können sie sich einen Beruf suchen, in dem sie die Arbeitszeit selbst einteilen können und dann haben sie ein paar Jahre Frieden und dann kriegen sie Kinder und die KiTa schließt um 16:30, davor müssen acht Stunden Arbeit passiert sein und Leute werden ihnen sagen „Aber wenn du erstmal Routine hast, dann ist das kein Problem mehr! Wirst sehen, am Ende wachst du am Wochenende auch um sechs Uhr auf!“ Und dann ranten sie ins Internet, das kann ja auch keiner wollen.
  • Tag 1134 – «Tun Sie was für sich!»

    Den Rat in der Titelzeile habe ich von der Ärztin am Montag bekommen. Und ich nehme das selbstverständlich total ernst. Vielleicht nicht so, wie sie denkt, aber, hell yeah, ich tue was für mich. Nachdem ich gestern durch diese ganze Ausschlagsache irgendwie zerfasert herumrödelte ohne wirklich an irgendein Ziel zu kommen, habe ich heute morgen im Auto beschlossen: Wenn du nach Hause kommst, machst du eine To-Do-Liste. Denn ich kenne mich ja, das schlimmste Gefühl ist das, SO VIEL zu tun zu haben, nicht zu wissen, wo man anfangen soll, es ist einfach SO VIEL und am Ende tue ich davon irgendwie nix. Wenn ich aber eine Liste habe, auf der jeder Pups draufsteht, ist es plötzlich kein unbezwingbarer Berg mehr. Es ist nur eine Liste. Und mit jedem Pups, den ich lasse tue, kann ich was durchstreichen. Ich liebe To-Do-Listen. Eine To-Do-Liste zu haben und mich damit selbst zu sortieren und auf Spur zu setzen, war ein Akt ganz ungewohnter Self-Care.

    Meine Liste ist drei Seiten lang. Jetzt sind Sie geschockt, nicht wahr? Keine Angst, die To-Dos passten eigentlich alle auf eine, aber dann habe ich sie thematisch in die Bereiche „Arbeit“, „Haus“ und „Planen“ aufgedröselt. So habe ich nämlich gleich noch den Automatismus „heute hast du NIX geschafft“ abgewürgt, wenn ich in Wirklichkeit Staubgewischt (Haus) und bei Amazon hundertdreiundsiebzig Wanduhren angeschaut (Planen: „Einkaufsliste Deutschland“) habe. Die Liste „Arbeit“ habe ich mit Deadlines und ca. zu investierender Zeit pro Schritt versehen, weil sich das da halt irgendwie anbot. (Btw: morgen ist der Tag an dem ich eigentlich mein Gehalt ausbezahlt bekommen müsste, sind Sie auch schon alle so gespannt ob das wohl kommt?) Die Liste „Haus“ hingegen habe ich in einem Dringlich-Wichtig-Plot dargestellt. Die Liste „Planen“ ist mit Abhängigkeiten ausgestattet. Ein bisschen von allem. Ich mag das.

    Dann habe ich meinen Kaffee ausgetrunken und mein Werk betrachtet und genickt und dann habe ich mit den Punkten mit höhestem dringlich-wichtig-rating auf der Haus-Liste angefangen und… geputzt. Fertig geputzt. Das finden sicher viele weder dringlich noch wichtig, ich fand es beides und darauf kommt es an. Wie geil ich es finde, wenn es hier sauber ist, hätte ich noch vor ein paar Jahren nie im Leben geglaubt. Dass ich den Tisch und den Teppich und überhaupt alles pedantisch rechtwinklig ausrichte, das schon. Aber dass mich ein paar Sofafussel auf der Fensterbank so derartig nerven, dass ich freiwillig den Staubsauger hole… (noch ein btw: Niemand *braucht* einen Zentralstaubsauger, aber es ist schon ganz nett zu haben. Kein hinterherzerren des Staubsaugers mehr, nichts verheddert sich im eigenen Kabel, keine grade so zu kurzen Kabel mehr, man dengelt nicht überall gegen…) Jedenfalls: sauber! So befriedigend. Kein Schaumbad der Welt hätte mich so zufrieden stellen können.

    Auch abgehakt: Diverse Mails geschrieben („Arbeit“, aber nur im weitesten Sinne Chipsmann-Sachen), die Filter der Lüftungsanlage gewechselt („Haus“) und direkt ein Abo abgeschlossen, über das wir jetzt alle halbe Jahr ein neues Filterset bekommen. Badewannen recherchiert (uhhhh, da gibt es ja schicke Sachen. Wird die Vernunft über die Löwenfüße siegen? Es bleibt spannend hier.) und eine Nachricht an Michels Lehrerin in sein Nachrichtenbuch* geschrieben (beides „Planen“).

    Ansonsten: Mit Michel das große und das kleine R geübt (groß geht gut, klein… naja), mit Michel Pippi vom Kindergarten und dann Herrn Rabe vom Bahnhof abgeholt. Herr Rabe hat sich angesteckt und ist auf dem Sofa direkt eingeschlafen, also habe ich auch gekocht und, ja, ich fühle mich heute ein bisschen wie die Supermutti schlechthin, und, ja, heute finde ich das gut. Viel schaffen, das Gefühl, was zu tun, ein sauberes Haus, mit reichlich Luft eingehaltene Deadlines: das ist für mich wirklich Self-Care und viele Kleinigkeiten machen in der Summe echt viel aus.

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    Mal wieder Zeit für Auto-Lobhudelei: Einen Weg gefunden, mir selbst klarzumachen, dass ich nicht nichts mache.

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    *Die Schüler*Innen, Eltern und Lehrer*Innen kommunizieren über ein kleines Büchlein, das in der Mappe im Schulrucksack liegt. Michel hat ja bald Geburtstag und da müssen wir mal horchen, ob die Schule irgendwelche beknackten meiner Meinung nach nicht zielführenden Regeln hat, wen man einladen *muss*. Ja, das haben hier nämlich viele Schulen, meistens „die ganze Klasse“ oder „alle Jungs/Mädchen“, alternativ kannste deine Party halt quasi heimlich machen, dann darfste aber nicht in der Schule drüber reden. Weil niemand 23 Sechsjährige zu Hause erträgt, kann man Räume in der Schule leihen. ROMANTISCH! Und so besonders, gar nicht alltäglich oder so. Ja, nee. Und als würde so weniger gemobbt. Hahaha. Aber die Norweger*Innen, die glauben das wirklich, dass das ein sinnvoller Schritt gegen Mobbing ist. Nunja, zurück zum Thema: Die Lehrerin wird das nun irgendwann, wenn Michel wieder zur Schule kann (vermutlich morgen), lesen und dann antworten.

    Tag 1132 – Warum?

    Wir haben heute wegen des kranken Michels ein bisschen jonglieren müssen. Natürlich hätte ich Michel auch mitnehmen können, um Pippi in den Kindergarten zu bringen und sie wieder abzuholen, aber ich hatte heute auch einen lang angesetzten Arzttermin und Elterngespräch in Michels Schule. Also blieb Herr Rabe zu Hause und machte Home Office* und sprang für meine außerhäusigen Termine mit der Kinderbetreuung ein.

    Erstmal: so große Kinder sind ja schon ganz praktisch, wenn sie „nur“ verrotzt sind, „tote Brakterien im Mund“ haben, ein ganz bisschen fiebrig sind und gerne Hörspiele hören (und noch lieber Grizzy und die Lemminge schauen). Ab und zu mal neuen Tee gereicht, einen Apfel geschnitten, ein Brot geschmiert, ansonsten ist es sehr wartungsarm geworden, das Kind.

    Dann: der Arzttermin. Bei einer Ärztin, die nicht meine Hausärztin ist, sondern eine Vertretung, weil meine Hausärztin in Elternzeit ist. Tjanun. Der Termin war ziemlich skurril, angefangen von der Zeit im Wartezimmer, in der plötzlich vier Polizistinnen und Polizisten hereinkamen, ganz kurz mit der Empfangsdame schnackten und dann recht zügig in den Behandlungsbereich gingen, bis zum Gespräch mit der Ärztin: „Warum sind Sie hier?“ – „Weil ich eine Schilddrüsenüberfunktion habe.“ – „Aha. Warum?“. Jaaaahahahaha, Moment ich frag grad mal kurz… Hallo Schilddrüse? WARUM, SCHILDDRÜSE? Warum diese Scheiße, echt mal, was hab ich dir denn getan? Oh, echt, meinst das war zu viel Stress? Mit Schwangerschaften hin und her und dann Umzug nach Norwegen, PhD-Scheiß, Mann-arbeitslos-Scheiß**, hab ich die Schwangerschaften erwähnt? Ok, sehe ich ein. … Die Schilddrüse sagt, sie sei anfällig für Stress.

    Das hab ich natürlich nicht so gesagt. Und nach einem Blick in meine Patientenakte*** war ihr dann auch vieles klarer und sie schickte mich zum Blut abnehmen. Vorher fragte sie aber noch mal nach der aktuellen Krankschreibung und… stellte ganz unauffällig mit der Frage gleich eine Packung Kleenex auf den Tisch. Da hab ich wohl nen Heulsusen-Vermerk in der Akte seit letzter Woche. Hupsi.

    Als ich ging lungerten die Polizistinnen und Polizisten noch in der Praxis herum, sahen aber sehr entspannt aus.

    Ach ja: beste Blutabnahme. Kaum was gemerkt, nix zu sehen. Hab ich der Laborantin gleich gesagt, dass sie das sehr gut mache. Sie war sehr geschmeichelt und verwundert, dass wer das gleich beim Stechen bemerkt.

    Das Elterngespräch war sehr viel weniger skurril. Höchstens, dass ich wohl Michel sehr ähnlich sehe (ich sehe das gar nicht, wirklich nicht, er sieht halt aus wie er…) und dass er sehr gut konzentriert und fokussiert arbeiten könne, das verwundert mich bei meinem Ich-springe-bei-10-Minuten-Hausaufgaben-drei-mal-auf-und-mache-irgendwas-Kind dann doch etwas. Aber in der Schule ist er wohl nicht so. Alles andere war wenig überraschend, Michel ist ein tolles Kind, das die anderen Kinder mit enthusiastischen Vorträgen über Dinosaurier unterhält, am liebsten mit seinem Kumpel J.-Michel spielt, aber alle mitspielen lässt, die ordentlichste Schrift hat er nicht, er erzählt lieber, was er alles basteln möchte, als das dann wirklich umzusetzen****, er redet gut und ein bisschen Trøndersk und manchmal sagt er auch, was Worte auf Deutsch heißen, wenn er das lustig findet. Seine Klassenlehrerin***** ist jedenfalls mit ihm zufrieden.

    Ansonsten heute Kinderzimmer und Loft aufgeräumt und gesaugt und mir bei irgendwas anderem, nichtigen, meine Schulter so arg verrenkt, dass ich seit Stunden mit Wärmekissen im Nacken auf verschiedenen Polstermöbeln liege um den Schmerz unter Kontrolle zu kriegen, der um den Kopf rum bis zur Nase zieht. Super.

    Mal sehen, ob Michel morgen wieder zur Schule kann, Herr Rabe geht jedenfalls wieder arbeiten.

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    *Herr Rabe arbeitet: mit vielen Leuten auf Englisch telefonieren, dazwischen Sachen in seinen Computer tippen. Endlich weiß ich das.

    **Das war vor der Blog-Zeit, als wir nach Norwegen gezogen waren. Erst war Herr Rabe noch in Elternzeit und dann ein paar Monate arbeitslos. Und wir hatten nur mein Doktorandinnengehalt. Uffz. Das war nicht schön.

    ***Die habe ich extra komplett überführen lassen, nicht nur das sogenannte Kern-Journal. Ich hab aber nie eine Rechnung über das Überführen bekommen. Hmm.

    ****Hahaha, mein Kind. Die Lehrerin hat aber notiert, dass ich finde, dass er sehr kreativ im Erfinden von Sachen und Geschichten ist und dass er Erfinder****** werden will

    *****Eine von zweien

    ******besser als Wissenschaftler! Erfinder finde ich eine gute Berufswahl.