Tage 1821 und 1822 – Ach, Spatzenkind.

Gestern bin ich einfach auf dem Sofa eingeschlafen, nach einem Glas Wein und einer langen Woche und quasi mit Ansage. Ich hab mich einfach zu Herrn Rabe gekuschelt und die Augen zu gemacht und gefühlt drei Sekunden später habe ich geschlafen.

Wenn ich gestern gebloggt hätte, hätte ich aber wohl geschrieben, dass Michel sehr sehr froh war, denn er hat jetzt sein erstes Handy (damit wir ihn erreichen können, wenn er alleine von der Schule nach Hause geht, was er sich schon länger wünscht). Nach viel hin und her überlegen wurde es keine Kinder-Smartwatch und auch kein spezielles Kindertelefon, sondern mein altes iPhone im neuen Gewand (also einem extra festen und sogar wasserfesten Bumper drum rum) und innendrin von allem bereinigt, was das Kind nicht haben soll, und darüber hinaus mit scharfen parental controls für alles. Mit Apple kennen wir uns aus und man kann da wirklich viel kontrollieren, wenn man will. Die Schule lässt das ja leider nicht zu, richtet aber auch selbst keine entsprechenden Sperren am Schul-iPad ein und… tja. Das ist nicht so cool.

Jedenfalls hat Michel jetzt das Telefon und bald auch eine SIM-Karte mit der er dann nur uns und die Babysittermama anrufen kann (hähä). Die kommt aber per Post und weil er eine gewisse Zeit am Tag Pokémon Go spielen darf, was natürlich ohne WiFi nicht funktioniert, musste ich gestern mit ihm eine Runde drehen und mein Internet mit ihm teilen.

Ich dachte erst, ich könne das als flotten Spaziergang nutzen, aber beim Spielen geht es sich nicht so schnell und meine Uhr hat das nicht mal als Training erkannt. (Ich bin dann hinterher noch mal los, das war schön.)

Jedenfalls ist Michel so stolz und freut sich total und er kommt mir so groß vor – ein eigenes Handy, um alleine 30 Minuten nach Hause zu laufen, ohne dass Mama vor Panik zu Hause eingeht! Hammer!

Das hätte ich gestern geschrieben. Heute hatten wir den ersten Heulkrampf wegen Pokémon Go, also eher, weil Michel da sein bestes Pokémon in eine Arena gesetzt hatte, ohne zu wissen, dass er das erst wieder bekommt, wenn wer dagegen gekämpft hat. Als ihm das aufging schaltete sein Hirn gleichzeitig in Fight und Flight und er schreulte verzweifelt mitten im Ort eine halbe Stunde ohne sich zu beruhigen. Mein armer Zwerg.

Die Babysittermama hat mir neulich erklärt, dass solches Verhalten in Michels Alter (leider) normal ist. Ich weiß nur noch nicht ganz, wie ich damit umgehen soll. Er muss lernen, dass Fehler passieren, auch ihm, und dass das überhaupt nicht schlimm ist, solange man draus lernt. Dass man sich drüber ärgern kann und darf und sollte (sonst lernt man eventuell eben nicht draus), aber dass einen das nicht komplett blockieren darf.

Und wenn ich ihm das beigebracht hab, bringe ich das danach mir selbst bei.

Tag 1820 – Eigentlich.

Ich müsste eigentlich schlafen. Heute auf dem Heimweg bin ich fast über dem Versuch, im Zug die ICH Q9 (Quality Risk Management) zu lesen, eingeschlafen. Ist ja fast immer kein Problem, außer halt man sitzt im Zug nach Lillehammer. Dann wacht man halt im Zweifel in Lillehammer auf, und da will man nicht sein. Ich saß natürlich im Zug nach Lillehammer, nachdem ich eigentlich den Zug zehn Minuten früher nehmen wollte. Das hätte eigentlich auch geklappt, aber ich muss mich noch an neue Routinen gewöhnen, unter anderem daran, dass das Verlassen meines Arbeitsplatzes wegen Infektionsschutzmaßnahmen (Schreibtisch weitgehend leer räumen, private Dinge einschließen, alles in die Spülmaschine räumen, was man angefasst hat und spülmaschinenfest ist, Schreibtisch abwischen) länger dauert. Meine Blase kommt auch noch nicht ganz mit den eigentlich normalen und leider über die Ferien etwas schleifen gelassenen drei Litern Wasser am Tag klar, also muss ich eh noch mal aufs Klo, danach ausgiebiges Händewaschen, Hände desinfizieren – schwupps, sind mindestens fünf Minuten mehr rum als eigentlich üblich.

Eigentlich würde ich auch gerne nähen, bin aber zu müde. Eigentlich müsste ich auch die Schneckenerde tauschen, aber dito.

Eigentlich würde ich über diese ganzen Pläne, die ich nicht einhalte, mich vermutlich fertig machen. Aber das versuche ich zu lassen, weil das eigentlich alles relativ egale Pläne sind oder waren. Ich gehe einfach gleich ins Bett und dann ist morgen, Überraschung, auch noch ein Tag. Mit Homeoffice, das minimiert die Chancen, im Zug einzuschlafen, drastisch.

(Eventuell einer, bei dem ich bei der Hausärztin anrufen muss, weil es in meinem Hals kratzt, was ich sehr unpassend von meinem Hals finde, so vier Tage nach einer Fahrt mit einer Fähre, fünf Tage nach Aufbruch aus Deutschland. Vielleicht habe ich aber auch einfach ein bisschen zu trockenes Brot gegessen.)

Tag 1819 – Homeoffice.

Morgen fahre Ich wieder ins Büro. Zu Hause komme ich echt schlecht aus dem Quark und NOCH dürfen wir im Büro arbeiten, wann wir wollen, NOCH ist der ÖPNV selbst zu den Stoßzeiten halbwegs leer, NOCH ist die zweite Welle nur auf den scheiß Kreuzfahrtschiffen nicht da, NOCH geht das also alles relativ gut. Ich trage übrigens im ÖPNV freiwillig eine Community Mask, einfach so, weil ich’s kann, weil es eventuell wen schützt, den Covid19 vielleicht härter treffen würde als mich (ich bin ja nun wirklich nicht Risikogruppe, auch wenn das natürlich keine Garantie ist, dass ich nicht draufgehen würde, Statistik eben) und weil ich mit gutem Beispiel voran gehen möchte. Ich bin ohnehin sicher, dass eine Maskenempfehlung auch hier noch kommt. (Reines Raten. Ich weiß auch nicht mehr über sowas als die Durchschnittsnorwegerin.)

Vor lauter Trägheit heute habe ich mich kaum bewegt und abends tat mir direkt wieder die Schulter weh. Es ist doch zum Mäusemelken. Jetzt, nach einem Schulter-Arme-Nacken-Oberkörper-Workout, geht es wieder besser. Trotzdem nervt mich das ungemein.

Apropos Workout: ich finde echt schade, dass ich Mitte dreißig werden musste, um erkennbar trainierte Arme an mir und auch anderen Frauen schön zu finden. Vor zehn Jahren noch habe ich mich beim Fitnesstraining in der Uni allen Armübungen widersetzt, weil ich ja schnell Muskeln aufbaue und wirklich Angst hatte, einen Bodybuilderinnenkörper zu bekommen. So ein Quatsch, denke ich heute, her mit den Muckis, überall, grade an den Armen und den Oberschenkeln – mit meinen immer schon muskulösen Beinen habe ich auch sehr lange gehadert. Gut, es wär halt auch mal schön gewesen, hätten mir Stiefel gepasst, zu Zeiten, als ich gerne Stiefel haben wollte. Geht halt nicht, deshalb habe ich genau zwei paar Stiefel: ein gebraucht gekauftes und quasi vorgedehntes Paar braune Lederstiefel, das ich so gut wie nie trage, und Gummistiefel. Aber für Leute wie mich wurden Stiefeletten erfunden und da habe ich diverse.

Sport macht müde. Oder frühes Aufstehen. Oder beides. (Gute Nacht!)

Tag 1818 – Back in the Game.

Ach, eigentlich war das Arbeiten heute sogar ganz schön. Ich fuhr ins Büro, da war es leer und leise, was mir Zeit ließ, mich zu akklimatisieren. Zum warm werden ging ich alte Inspektionen durch, überprüfte, ob meine Kollegin die abgeschlossen hat und fütterte daraufhin die Dokumentenvernichtungstonne mit den entsprechenden Unterlagen. Sehr viel Papier fand da heute den Weg rein und jetzt habe ich viel viel weniger Papier zu Hause und auch deutlich weniger im Büro. Ich liebe Wegwerfen. Was ich sonst noch so gemacht habe: Schreibtischstuhl beschriften, Passwörter ändern, Festplatte und Cloudspeicher aufräumen, Daten synchronisieren, To-Do-Liste aufräumen und neu aufsetzen, Kalender pflegen, und das gar nicht so schlimme Projekt Inbox Zero. Ein easy Start.

Beim Mittagessen mit meiner einzigen Kollegin, die da war, habe ich gemerkt, dass mir das Soziale schwer fällt nach all der Zeit. Ich hoffe, sie nimmt mir nicht übel, dass ich bei der Unterhaltung mit ihr die meiste Zeit an ihr vorbei aus dem Fenster geguckt habe. Es ging nicht anders.

Trotzdem ein guter Tag. Ich mag meine Arbeit. Ich hab’s eh gerne sauber und ordentlich und kein Papier auf dem Schreibtisch und ich reinige auch gerne meine Tastatur mit Desinfektionsmittel. Dann noch für eine Gesundheitsbehörde arbeiten dürfen. Besser geht’s doch eigentlich nicht.

Nachmittags habe ich das gute Wetter genutzt, um die Meerschweinkiste sauber zu machen. Drei Meerschweinchen pullern ja doch deutlich mehr als eins. Muffin hat immerhin keine neuen Bisswunden.

Pippi schlief wohl heute im Kindergarten ein. Hatte sie trotzdem immerhin um halb neun im Bett – war halt ein langer Tag nach langen Ferien. Michel konnte leider nicht vor halb zehn einschlafen, aber momentan freue ich mich immer, wenn er kuscheln oder normal erzählen will, dann schreit er mich wenigstens nicht wütend an. Think pink.

Tag 1817 – Zu Hause ist’s doch am schönsten.

Endlich wieder zu Hause. Mein Kopfkissen, meine Matratze, mein Kühlschrank mit meiner Ordnung. Meine Kaffeemaschine (fürs nächste Mal: die funktioniert am besten, wenn man sie einstöpselt).

Morgen ist mein Urlaub vorbei und ich mag nicht, irgendwie. Vielleicht sind fünf Wochen Urlaub zu lang. Ich fühle mich, als wäre ich komplett raus.

Das heißt auch, früh aufstehen. Ob ich das noch kann?

Michel und Pippi gehen morgen wieder in ihre Betreuungseinrichtungen. Michel in den Hort, Pippi beginnt ihr letztes Kindergartenjahr. Nur noch ein Jahr Kindergarten für sie, und damit auch für uns als Familie. Das fühlt sich seltsam an.

Die Meerschweinchen hatten eine gute Woche ohne uns. Alle drei haben ein bisschen zugenommen, sogar Muffin, obwohl der offenbar ein bisschen auf die Mütze bekommen hat. Irgendwer hat ihm wohl ordentlich in den A… gebissen. Ich vermute, Pølse war’s, die ist nämlich sonst die Königin, Muffin scheint das aber nicht uneingeschränkt so zu sehen. Vermutlich hat er aufgemuckt und den Hintern versohlt bekommen. Passiert bei Rudeltieren, muss ich dann mal ein Auge drauf behalten, sowohl ob alles heilt wie es soll als auch ob sie die Rangordnung bald mal geklärt bekommen.

Mehr habe ich nicht zu erzählen. Pippi wäre sicher sauer, wenn ich schreiben würde, dass ihre Eltern nachts den von ihr gemopsten und versteckten Schlüssel eine halbe Stunde lang im ganzen Haus gesucht, schlussendlich aber auch gefunden haben. (Dieses Kind, ey!)

Tag 1816 – Takk for nå.

Nach einer überaus entspannten Autofahrt sind wir auf der Fähre angekommen, haben unsere Kabine bezogen, haben festgestellt, dass das Schwimmbad für heute schon ausgebucht ist, und jetzt hab ich noch fünf Minuten zum Schreiben, bevor ich das Handy ausmache, weil eh kein Empfang ist.

Tschüss, Deutschland. Ich finde dich zunehmend merkwürdig, aber du bleibst halt mein (und Herrn Rabes) Herkunftsland.

Tag 1815 – Aufzuhausefreude.

Michel schläft neben mir. So etwa drei Minuten, nachdem wir das Licht ausgemacht haben. Endlich. Endlich ist dieser schreckliche Tag vorbei, an dem er eine Laune hatte, die man nicht mal mehr als herausfordernd bezeichnen kann sondern eher als reine Provokation.

Morgen geht es nach Hause und ich hätte echt ganz gerne mal nen Heimat“urlaub“, an dessen Ende ich mich nicht unbändig auf zu Hause freue. Natürlich waren die Umstände dieses Mal auch sehr speziell, aber es wurde halt auch rundum nicht so wirklich wesentlich besser.

Michel und ich haben auch das gemeinsam: wir wollen einfach nur nach Hause.

Um mit einer lustigen Anekdote abzuschließen: Michel und ich fuhren heute mit dem Auto des Opas Abendessen holen (Döner – das muss sein, wenn wir in der alten Heimat sind), da Carona wirklich gerade so in die Einfahrt des Opas passt und da zum Laden mit geradezu chirurgischer Präzision geparkt war. Erst fragte Michel ganz interessiert, was ich da denn mache. „Schalten.“ sagte ich. „Das kenn ich, das muss man bei Rennwagen auch machen, dann fahren die ganz schnell!“ Michel denkt jetzt also, Opas A-Klasse ist ein Rennwagen und ich bin dann wohl Rennfahrerin. Ich bin nur froh, dass ich das Auto nicht abgewürgt habe und auch nicht im 1. Gang zur Dönerbude gekrochen bin. Schaltwagen fahren ist halt doch wie Fahrrad fahren. Um das zu verlernen, muss man sich schon viel Mühe geben.

Tag 1813 – Konnte nur besser werden.

Unser Tag startete so lala, die Kinder waren zu früh wach und hatten deshalb etwas herausfordernde Laune und Herr Rabe fuhr schon früh mit seiner Schwester zu seiner Mutter ins Pflegeheim – da gibt es Coronabedingt strenge Besuchsslots und nur zwei Besuchende dürfen gleichzeitig hin, deshalb eben nur die beiden. Ich war offen gestanden nach dem späten Abend gestern etwas träge und dazu die Laune der Kinder, leichtes PMS und Herr Rabe, der nach der Rückkehr aus dem Pflegeheim sagte, er wolle A tun, aber dann sehr ausführlich B tat… puh. Schwierig. Sehr schwierig.

Meine eigene Laune besserte sich, als wir dann doch noch (auf den letzten Drücker) A taten, nämlich sehr viel Zeug entsorgen, das hier noch im Opa-Haus von Herrn Rabe herumdiffundierte. Entsorgen finde ich immer gut.

Noch besser war dann aber das Minigolfspielen danach, das hat sehr viel Spaß gemacht, auch wenn (oder grade weil) sich die Kinder nur schwer an die Regeln halten können. Ich brachte ganz zu Anfang ein Mal aus Versehen Pippi zum Weinen, weil sie mich fast mit dem Schläger erschlagen hätte, mehrmals, und ich daraufhin eine Ansage machte und etwas schreckhaft auf ihre wilden Schlägerschwünge reagierte. Nachdem das aber geklärt war, hatten wir alle Spaß, dann schiebt Pippi halt den Ball mit dem Schläger den Hügel hoch, so what. Sie ist fünf. Michel sprang quer über den Platz und jubelte „I‘m a pro gamer!“ und es war sehr niedlich, äh, cool, total cool. Auf dem Rückweg machten wir ein albernes Familienselfie und dann wollte Michel schnell nach Hause. Wir übten auf dem Weg ein bisschen englisch, dann bekam ich einen Vortrag über Pokémon und dann übte Michel schnell duschen – wir hoffen ja immer noch alle, dass er dann im nächsten Jahr schwimmen in der Schule bekommt, das ist dieses Jahr ja ausgefallen wegen Corona. Aber da steht der kleine Zwerg unter der Dusche und philosophiert darüber, wie er dann ganz schnell immer duschen wird, und dass das komisch wird, weil er nie mit anderen schwimmen war als uns und seinem Kindergartenfreund H.. Hachz.

Ich habe heute auch versucht, Michel zu erklären, wie die Beerdigung wohl morgen sein wird, was eine Urnenbeisetzung ist und dass wir das Loch auf dem Friedhof nicht selbst ausheben müssen. Besonders das mit der Urne und das ganze Thema Kremieren fand ich schwierig, kindgerecht zu erklären. Da ich in Michels Alter war, als ich eine fulminante Angst vor Friedhöfen und Sterben entwickelte, die dazu führte, dass ich z.B. Angst vorm Einschlafen hatte, geht mir das extra nahe. Es war mir ein Anliegen, sehr klar zu sagen, dass nur der Körper der gestorbenen Person verbrannt wird, dass der Körper angezogen wird und der Körper in einem Sarg liegt und dass die Person da schon lange nicht mehr da ist und davon gar nichts mehr merken kann. Ich hoffe wirklich, es ist mir gelungen. Wir werden es morgen vermutlich sehen. Michels Kommentar dazu war übrigens „Ich hab das bei YouTube gesehen. Wir weinen alle zusammen und dann ist es vorbei.“ und wer weiß. Vielleicht wird es so. Oder anders.

Michel tickt sehr wie ich, im Guten wie im Schlechten.

Abends habe ich wieder Harry Potter auf Norwegisch vorgelesen und sehr mit den Augen gerollt, aber als ich aufstehen wollte, war ich versöhnt durch zwei Kuschelkinder.

Es ist immer noch manchmal ganz absurd, dass wir die Eltern von zwei richtigen kleinen Menschen sind.

Tag 1812 – Piep.

Nur ein kurzes Hallo, wir leben alle und wir haben es sehr gut. Heute Abend waren wir in der Twitterkneipe bei Leuten aus der Twitterkneipe und das war sehr schön aber auch sehr spät. Pippi hat sich um elf ausgeschaltet und ist mit Ankündigung auf meinem Schoß eingeschlafen, Michel hat viereckige Augen und wir Erwachsenen sind beglückt aber müde und mehr schreiben schaffe ich nicht mehr.