Tag 2314 – Weiter geht’s.

Pippi hat keine Symptome, aber einen wirklich eindeutigen Schnelltest. PCR-Ergebnis von ihr, mir und Herrn Rabe kommt vermutlich morgen oder Dienstag. Herr Rabe und ich hatten heute negative Schnelltests, Herr Rabe ist aber verschnupft und ich habe ziemliches Magengrummeln und Bauchkrämpfe. Wenn ich was falsches gegessen hab, wäre es komisch, dass nur ich das habe, wenn ich irgendwas nicht vertragen habe, wäre das eine neu entwickelte Unverträglichkeit von irgendwas, das ich regelmäßig zu mir nehme. Beides kann natürlich trotzdem sein. So oder so ist es unangenehm.

Weil ja vermutlich auch nächste Woche unsere Putzhilfe nicht kommen kann und wir langsam im Chaos versinken, haben wir heute gemeinschaftlich aufgeräumt und wenigstens das nötigste (Küche und Bäder) geputzt. Ein sauberes und aufgeräumtes Haus haben ist sehr schön, aber der Weg dahin so lästig. Die Putzhilfe ist hier wirklich jede Øre wert, denn letztlich erkaufe ich mir damit Freizeit, Herr Rabe erkauft sich Freizeit und wir beide erkaufen uns erleichterte Harmonie, weil ein Punkt, der in allen Zeiten, in denen wir selbst putzen mussten, regelmäßig zu Streit geführt hat, wegfällt. Freizeit und Harmonie sind eigentlich unbezahlbare Güter. Hoffentlich ist das hier alles bald vorbei, damit wir unsere normalen Routinen wieder aufnehmen können.

Apropos Routinen: morgen dann weder für mich noch für Herrn Rabe Office-Tag. Falls mein PCR-Test positiv sein sollte, freue ich mich auch schon drauf, eine sehr bissige Nachricht ans Werk zu schreiben, weshalb ich leider, leider Dienstag nicht am Hurra-Pandemie-vorbei-Tag teilnehmen kann. (Falls er negativ ist, kann ich trotzdem bissig schreiben, immerhin scheinen meine beiden Kinder diese Krankheit, die wir ja jetzt nicht mehr bekämpfen müssen, genau jetzt durchzumachen und ich kann mich die nächsten Wochen als Bonus noch ein bisschen vor PIMS und LongCovid gruseln.) Ich könnte natürlich trotzdem hingehen, wenn ich keine Symptome habe, auch ohne Test, und gegebenenfalls ein paar meiner älteren Kolleg*Innen anstecken. Mal gucken, ob ich die Impfgegner*Innen ausfindig machen kann, indem ich alle gezielt anatme und dann Buch drüber führe, wer übernächste Woche krank ist. 5 Stunden Seminar, 2 Stunden „Vorspiel“ (norwegische Bezeichnung fürs Fest vor dem Fest, kann ich ja auch nichts für, dass das so heißt) und 3 Stunden Essen im Restaurant, alles mit Hunderten von Leuten in geschlossenen Räumen ohne Masken klingt für mich wie das Rezept für ein Superspreadingevent.

So müde von allem.

Tag 2313 – Haha, April April, Update.

Michel geht es weiter besser. Wir haben ihn heute in die Badewanne geschickt, was er mit „aber wir gehen doch nirgends hin!“ kommentierte. Ich freue mich jetzt schon sehr auf die Pubertät dieses Kindes.

Herr Rabe hatte heute vor, zu einer Housewarming-Sache zu gehen, auf der anderen Seite von Oslo, bei einem Arbeitskollegen. Deshalb machte er einen Schnelltest. Dieser Schnelltest war… naja, wenn ich jetzt ein Bild poste wird das so ein grünes Kleid-weißes Kleid-Meme. Ca. 50% der Befragten sehen einen Schatten bei der Testlinie, die anderen 50% nicht. Ein weiterer Test war negativ, ein dritter wieder wie der erste. Herr Rabe blieb zu Hause.

Weil Pippi aber die Testerei mitbekommen hatte und ja neuerdings gerne Tests macht, solange sie selbst mit dem Stäbchen in der Nase rühren darf, machte sie auch einen Test. Bei ihr war der Schatten deutlicher – wenn auch kein Vergleich zu Michels Schnelltest neulich. Bisher hat sie keine Symptome.

Weil ich natürlich gleich Phantom-Halskratzen bekommen habe (2 negative Schnelltests heute), haben wir also für morgen für uns drei gleich noch mal PCR-Tests gebucht.

Es ist alles ein großer Scheiß, ehrlich gesagt.

Tag 2312 – Finales Update.

Heute kamen Michels und Herr Rabes PCR-Ergebnisse von Mittwoch an, Michel positiv, Herr Rabe negativ. So weit so gut/schlecht, nichts überraschend.

Michel geht es besser, aber er hustet noch. Er konnte sich aber schon wieder mit seiner Schwester ankeifen, insofern ist er definitiv auf dem Weg der Besserung. Falls es so bleibt, hatte er zwei Tage Fieber und Kopfschmerzen, zusätzlich zum Husten, sowie ziemlich heftigen Durchfall.

Pippi hat heute gleich zwei Schnelltests gemacht, weil die Schule welche ausgeteilt hat. Ich hab mir ganz elegant die Tropfspitze beim aufsetzen auf das Probenröhrchen in den rechten Zeigefinger gerammt, was meine Laune nicht sonderlich verbessert hat, aber die Tests waren immerhin alle negativ.

Am Nachmittag rief eine Frau von der Kommune an und teilte uns mit, dass sie Nachricht darüber bekommen haben, dass Michel einen positiven Test hatte. (Hier gibt es keinen Datenschutz. Ende.) Gemeinsam beschlossen wir, dass Michel, solange es ihm weiter kontinuierlich besser geht, Montag wieder zur Schule gehen kann. Wegen, wie ich glaube, Symptomüberlapp mit der Erkältung vom Wochenende, war der Symptombeginn nämlich nicht so genau festzustellen und er war ursprünglich auf Freitag gesetzt – da hätte er gestern schon aus der Isolation gekonnt. Wir haben gemeinschaftlich den Symptombeginn auf Dienstag gelegt, plus 5 Tage Isolation ist dann Montag. Warum nur fünf Tage, fragen Sie bitte das FHI. Voll Geimpfte ohne Symptome müssen sich nur 2 Tage nach einem positiven Test isolieren – was besonders lustig ist, weil voll Geimpfte sich nur bei Symptomen überhaupt testen lassen müssen (also – es wird ihnen empfohlen). Es wirkt alles so willkürlich, zum Haareraufen.

Den Arbeitstag habe ich mit dem IT-Projekt verbracht, das bald lichterloh brennt, wenn es nach mir geht. Was für eine sinnfreie Geldvernichtung.

Tag 2311 – Weiteres Update.

Michel hatte heute kein Fieber und wohl auch nicht mehr solche Kopfschmerzen wie gestern. Er hustet aber wie ein 70-jähriger Grubenarbeiter.

Pippis und mein PCR-Test kamen negativ zurück.

Michel und Herr Rabe hingegen warten noch aufs Ergebnis. (Keine Ahnung wieso, wir waren zeitgleich da.)

Pippi geht mit negativem Schnelltestergebnis morgens an dem Tag zur Schule. So wurde uns geheißen. Zum Hort geht sie allerdings nicht, denn im Unterschied zur Schule muss sie da ja nicht hin.

Heute kam eine Info der Schule, dass jetzt doch empfohlen wird, alle Kinder drei mal zu testen. Weil das unfassbar viel Sinn macht, wird der erste dieser Tests Freitag *nach der Schule* empfohlen, dann noch einer nächste Woche Montag früh und Donnerstag früh. Wie gesagt, empfohlen. Nachgeprüft, ob es auch passiert ist, wird da nichts. Innerhalb Norwegens ist auch der Coronapass egal – man könnte sagen, wir haben uns alle nur impfen lassen, um ins Ausland reisen zu können. Es gibt keine Gs, weder zwei noch drei, keine Tests, keine Masken, keine Abstände, kein Lüften, keine Filter. FFP2-Masken gab es nie*. Keine Off-Label-Impfungen, und für Kinder zwischen 12 und 16 Jahren auch nur eine Impfdosis. Händewaschen gibt’s und einen marginal höheren Anteil voll Geimpfter als in Deutschland.

Es ist mir, vor dem Hintergrund der deutschen Informationen zur Pandemie, völlig schleierhaft, warum hier nicht alles noch viel schlimmer ist. Es kann eigentlich gar nicht sein**.

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*Anekdote: mein Kollege legte mir sehr ans Herz, bei SAS zu überprüfen, ob sie meine seltsamen Masken akzeptieren, als ich sagte, ich würde im Flugzeug (und im Zug, und in der T-Bane…) FFP2 tragen. Natürlich akzeptiert SAS das, aber es illustriert schön, wie exotisch FFP2-Masken hier sind.

**es kann nicht allein an der Bevölkerungsdichte liegen, wir sind ja hier in der Gegend nicht in einem 20-Häuser-Fischerdorf in den Lofoten.

Tag 2310 – Kurzes Update.

Pippi testete per Schnelltest negativ und hätte danach eigentlich zur Schule gekonnt. Ja, echt wahr. Wir Erwachsenen könnten ja auch raus, solange wir keine Symptome entwickeln. Machen wir aber erst mal nicht, ich hab heute erst mal in leichter Panik bei Oda bestellt.

Wir haben alle einen Ausflug zum Testzentrum gemacht und diesmal hatte ich das Gefühl, sie schaben das halbe Kleinhirn aus dabei. Bei den Kindern haben sie es nicht so weit reingeschoben, aber wir Erwachsenen sind ja leidensfähiger oder so. Uff.

Wir warten noch auf das Ergebnis, ich habe aber bei Michel nur minimale Hoffnung auf einen falsch positiven Schnelltest, weil die halbe Klasse positiv ist (die Lehrerin schickte heute eine Sammelnachricht an alle Abwesenden, statt an jede*n einzeln) und er Fieber, Kopfschmerzen und heftigen Husten hat.

Wir werden sehen, wie es bei uns anderen ausfällt. Pippi muss jetzt 7 Tage lang täglich testen und darf unter der Voraussetzung (und der, dass die Tests alle negativ bleiben, was da aber, fun fact, so nicht steht) alles tun, was ihr beliebt.

Allerdings funktioniert es einfach mal gar nicht, Michel zu isolieren, weder von uns, noch von Pippi, weil er krank ist und dabei anhänglich und leidend. Außerdem ist er Michel, er schläft ja noch nicht mal allein ein oder durch, da zwingen wir ihn sicher nicht zu, wenn er sich körperlich auch noch scheiße fühlt.

*Vogelzeiggeräusch*.

Ich bin so müde. Körperlich und von dem allen. Die Regeln hier können Sie sich nicht vorstellen. Ich habe jedenfalls jetzt gar kein Problem mehr, mir denken zu können, wie es zu so einer Explosion der Infektionszahlen kommen kann, wie sie hier in den letzten Tagen passiert.

Tag 1895 – Totales Chaos.

Eigentlich war alles entspannt. Ich räumte grad sämtliche Bücher aus den Regalen im „Loftwohnzimmer“ (demnächst Arbeitszimmer) auf den Fußboden, als es an der Tür klingelte. Da stand die Nachbarin, Michel habe sich weh getan. Ich hatte das sogar gehört, aber mal ehrlich, die Kinder schreien und grölen und johlen immer so auf dem Trampolin, ich kann da nicht am Klang zwischen Spaß und Ernst unterscheiden. Jedenfalls war irgendwas nicht mehr 100%ig rekonstruierbares passiert und dann konnte Michel sein Bein nicht mehr strecken.

„Schmerzmittel“ sagte die Legevakt, und „rufen Sie in 2 Stunden noch mal an, geröntgt wird da heute sowieso nicht mehr“.

Nun haben wir ja grade so eine Odyssee hinter uns, ich weiß also, dass ein Tag drauf geht, erst auf einen Arzttermin zu warten, dann nach Oslo zu fahren, dort zu warten, usw.

Deshalb fuhren Michel und Herr Rabe heute Abend noch nach Oslo, in die Privatklinik, die hat nämlich eine Unfall-Legevakt, die bis 22 Uhr geöffnet ist.

Ja, bis 22 Uhr. Sie sind noch unterwegs. Es war ein Unfall auf der E6, da standen sie im Stau und auch wegen „rufen Sie in 2 Stunden noch mal an“ fiel die Entscheidung, noch zu fahren, grenzwertig spät.

Und ich liege jetzt hier neben der schnorchelnden Pippi und hoffe, dass sie Mann und Kind nicht wieder weg schicken. (Und natürlich, dass es nichts schlimmes ist.)

Hier übrigens der Bücherhaufen. Wir müssen auf etwa 1/4 davon runter.

Tag 1892 – Laune.

Schlechte Laune. Wir waren heute wieder back im zwei-Kinder-zu-Hause-zwei-Jobs-Game, weil beide Kinder leicht verkühlt sind. Michel geht aber morgen wieder zur Schule, der hat quasi nichts. Pippi klingt eindeutig verschnoddert, ist (und war) aber fieberfrei und fit und könnte laut der offiziellen Regelung eigentlich auch wieder in den Kindergarten, aber um anderen Eltern und vor allem den Kindergartenangestellten den Scheiß zu ersparen, selbst mildeste Symptome erst mal zu Hause beobachten zu müssen, bleibt die morgen noch hier.

Daran liegt meine Laune aber nicht. Ich kann es gar nicht mal an was konkretem festmachen, es ist einfach so. Ich gehe jetzt wohl besser einfach (endlich) schlafen.

Tag 1828 – Wer kann da widerstehen?

Heute war Michel, aus Gründen, nicht im Sporthort. Pippis Kindergarten hat heute und Montag zu, Aber Pippi spielte den ganzen Tag mit und bei den Nachbarsmädchen, deren Kindergärten auch alle geschlossen waren. Michel nicht. Michel wollte unterhalten werden. Möglichst mit wenig bewegen. Ich hatte aber auch Pläne und so kam es, dass ich mit Michel zum Bauernhof fuhr, wo ich Gemüse erntete und Eier holte, während Michel im Auto ein Stück namens „Pro kil“ komponierte. Ich war nach dem Ernten gar gekocht – erst auf dem Feld bei 30 Grad und dann noch im Gewächshaus aka Riesensauna mit Kräuter-Tomaten-Gurkengrünaufguss – Michel hatte die Klimaanlage laufen und sehr viel Spaß. Ich hatte auch Spaß, so ist das ja nicht, ich krieche da gerne durchs Feld.

Diese wunderbare Insektenweide ist nicht rechtzeitig geernteter Brokkoli. Ja, aus den grünen Köpfen entwickeln sich die Blüten.
Roter Grünkohl, hübsch und lecker. Nein, man muss wohl heutzutage nicht mehr bis zum Frost warten, um Grünkohl zu ernten.

Ich werde noch Grünkohl-Missionarin. Das ist so lecker! Mjaaaamm!

Das war wie immer schön und mit ein paar rhythmischen Anpassungen ist auch „Pro kil“ ein cooles Lied.

Tag 1826 – Muss leider draußen warten.

Long story very short: ich war mit Michel erst bei der Hausärztin, dann im Krankenhaus, da durfte ich teilweise nicht mit rein und wir wurden behandelt wie Aussätzige, weil wir vor neun Tagen aus dem Ausland(TM) zurückgekehrt sind. Michels Sprunggelenk außen ist gebrochen. Es geht ihm gut und er hat auch, im Gegensatz zu seiner Mama, nicht geweint.

Die ganze Geschichte ist natürlich ungleich länger. Aber es war alles so scheiße, dass ich mich dabei nur in Rage und eine Migräne rede. Ich habe auch das Gefühl, ich kann das kaum zusammenhängend erzählen, weil mich das emotional so geschlaucht hat. Als wir endlich zu Hause waren, musste ich mich erst mal hinlegen, so fertig war ich.

Die Ärztin hatte uns nur gesagt, wir sollen nach Ahus fahren. Das ist ein großes Krankenhaus mit mehreren Gebäuden. Sie hatte nicht gesagt, in welches Gebäude wir müssen und ich habe Michel erst in das falsche getragen. (Natürlich getragen, er konnte ja nicht laufen, deshalb waren wir ja da.) Danach habe ich Michel also in das richtige Gebäude getragen. Da wurden wir erst ins falsche Wartezimmer gesetzt und wenn nicht ein Patient (!) gesagt hätte, dass wir zum Röntgen sicher nicht ins HNO-Wartezimmer müssen, würden wir da vielleicht jetzt noch sitzen. Aber schon geil, wenn man ein Kind mit einem dicken Fuß reinträgt, sagt, man komme zum Röntgen des Fußes, dass einen dann Planlose Person A ins falsche Wartezimmer setzt. Whatever, jedenfalls mussten wir in den Keller.

Da fragte uns eine Westenperson, eine Infektionsschutzaufpasserin, ebenfalls ohne wirklichen Plan, ob wir in den letzten 10 Tagen im Ausland gewesen seien. Ich sagte „äh.“ und rechnete nach und sagte dann, wir seien vor 9 Tagen aus Deutschland zurückgekommen. Ich muss jetzt dazu sagen, dass Deutschland ein okayes Reiseland war und nach wie vor ist, das heißt, wir mussten und müssen nicht in Quarantäne nachdem wir da waren. Die Westenfrau war aber von dieser Information trotzdem überfordert und musste erst wen anrufen. Die kamen dann nach 10 Minuten, in denen wir wie Falschgeld auf dem Gang standen, mit 1 Mundschutz und 1 Paar Handschuhe – fürs Kind. „Oder waren Sie auch im Ausland?“ Ja zur Hölle natürlich war ich auch im Ausland. Vor neun Tagen. In einem „grünen“ Land. What the fuck? Ok, nach weiteren 5 Minuten kam also noch ein Mundschutz und ein paar Handschuhe und alles wurde uns mit sehr spitzen Fingern am sehr langen Arm gereicht.

Danach durften wir uns endlich anmelden. Also in einem Wartezimmer eine Nummer ziehen, warten, und uns dann anmelden. Als einzige mit dem Mundschutz und den Handschuhen der Schande. An der Anmeldung wurde uns dann mitgeteilt, dass wir im Auto warten müssten. Wegen der Auslandsreise. Vor neun Tagen. In einem grünen Land. Wir würden dann angerufen.

Ich schleppte also Michel wieder zum Auto. Es war weit und warm. Nach etwa 45 Minuten warten, in denen ich vorsorglich schon mal organisiert habe, dass Pippi mit einem anderen Kind nach dem Kindergarten nach Hause fahren kann (wir haben ja nur ein Auto), klingelte das Telefon. Michel sei in 5 Minuten dran. Wir sollen zum Ambulanzeingang kommen. An der kurzen Seite des Gebäudes. Ich dürfe nicht mit rein. Wegen der Auslandsreise. In einem grünen Land. Vor neun Tagen. Einem Land, das geringere Infektionszahlen hat als Oslo. Vor neun Tagen. Vermutlich haben wir sogar vor Mitternacht die Grenze passiert.

Vor dem Gebäude stehend, nachdem ich Michel da wieder hin getragen hatte, ging mir auf, dass ein Rechteck zwei kurze Seiten hat. Ich ging also rein, zu Planloser Person A (s.o.) und fragte, wo der Ambulanzeingang sei. „Sind Sie die aus Deutschland???“ „Ja.“ „Wo ist ihr Mundschutz???“ „Im Mülleimer. Wo ist der Ambulanzeingang?“ (was zur Hölle einfach? Soll ich Mundschutz und Handschuhe stundenlang anlassen, damit in mein eigenes Auto und alles mögliche anfassen und dann einfach wieder damit ins Krankenhaus? Was. Zur. Hölle.). Planlose Person A zeigte es mir auf einer Karte: auf der entgegengesetzten Seite des kompletten Krankenhausgeländes. Geschätzte 10 Minuten Fußweg für mich allein, ohne humpelndes Kind, das ich tragen muss. Da brach ich in Tränen aus. „Ist das ihr Ernst?“ „Das ist der Ambulanzeingang.“ „Ich muss ihn da hin tragen, er ist sieben, und da kriege ich ganze fünf Minuten vorher Bescheid???“ Achselzucken.

Ich kam, mit Michel auf dem Arm, ziemlich sehr fertig, etwa den halben Weg weit, bevor mein Telefon wieder klingelte. Wo wir denn seien? „Auf dem Weg. Ich muss ihn tragen und ja um das ganze Gelände rum, ich darf ja auch nicht durch das Gebäude…“ „Warum um das Gelände rum, das ist auf der kurzen Seite des Gebäudes.“ „Ja aber welchen Gebäudes denn?“ „Dem, in dem Sie eben waren.“ „Planlose Person A in dem Gebäude hat mich grad zum anderen Gebäude geschickt!“ „Ja, das ist falsch.“ Ich brach schon wieder in Tränen aus. Wollten die mich alle verarschen? „Sie können mit dem Auto fahren und direkt vor der Tür parken.“ na immerhin etwas.

20 statt fünf Minuten nach dem Anruf, dass Michel bald dran sei, waren wir dann also am Ambulanzeingang DER ORTHOPÄDISCHEN AMBULANZ. NICHT DES GESAMTEN KRANKENHAUSES. Und ich war mit den Nerven runter. Und Michel wurde an der Tür von der Krankenpflegerin abgeholt, mit Handschuhen und Mundschutz versorgt, in einen mit Plastik ausgekleideten Rollstuhl gesetzt und davon gefahren. Ich durfte nicht mit rein. Nicht nur nicht in den Röntgenraum. In das Gebäude. Wegen der Auslandsreise. Die vor neun Tagen war. Die kein Problem gewesen wäre, wäre sie einen Tag früher beendet gewesen. Oder wenn wir in Oslo Urlaub gemacht hätten, das, ich sage es nochmal, wesentlich höhere Ansteckungszahlen hat als Deutschland, NRW und Bielefeld. Das sagte ich der Krankenpflegerin auch, als sie Michel wieder rausrollte. Dass ich das unverhältnismäßig finde, einen Siebenjährigen deshalb nicht in ein Krankenhaus begleiten zu dürfen. Sie verstand das, ich verstand, dass das nicht auf ihrem Mist gewachsen war, ich bat trotzdem um die Weitergabe meines Feedbacks.

Vielleicht deshalb durfte ich dann immerhin zur Behandlung mit rein (mit Mundschutz und Handschuhen). Wir wurden in einen leer geräumten Raum gesetzt, in dem alles, was noch drin war – ein Stuhl für mich, ein Hocker für den Arzt, ein Tischchen und diverse Türklinken – mit blauem Plastik abgedeckt war. Ich kam mir vor als hätten wir MRSA, Krätze, Syphilis und Covid19 zusammen und würden aus offenen Geschwüren heftig eitern oder so.

Nach sehr langer Warterei kam dann ein Orthopäde, der sich von einem sehr aufgeregten Michel nochmal die ganze Geschichte erzählen ließ, hielt erst übertrieben viel Abstand und musste dann doch eine körperliche Untersuchung vornehmen, Überraschung, Michel hat nicht einen meter fünfzig lange Beine. Immerhin wurde er dann zutraulicher. Zur Besprechung des Röntgenbildes holte er dann noch einen Kollegen dazu, der aber auch der Meinung war, es sei eben das Sprunggelenk etwas untypisch gebrochen, nur ein bisschen, nicht verschoben und ohne Spaltbildung, und ohne Bänderriss, also kommt da so eine abnehmbare Schiene drum, Schmerzmittel und schonen und in ein paar Wochen springt Michel wieder rum und spielt Fußball, kein großes Ding.

Auch der Rest – das Anpassen der Schiene und Herauskomplimentieren aus dem Krankenhaus – lief einigermaßen ok ab, aber ich glaube es dauert noch ne Weile, bis ich mich von der Aktion heute erholt habe.

(Und die Moral von der Geschicht: 1. bitte immer Leuten wirklich genau sagen, wo sie hinmüssen, 2. bitte nicht Ehrlichkeit mit unverhältnismäßigen Maßnahmen bestrafen, 3. Maßnahmen wenigstens erklären, damit sie Leuten nicht ganz so unverhältnismäßig vorkommen, 4. selbst Menschen mit Covid19 sind doch Menschen, die man nicht behandeln sollte wie Aussätzige.

Danke.)

(5. Zeit, in der man ansteckend wäre, Zeit bis zur Entwicklung von Symptomen, dies, das, egal.)

(6. Wenn es sich vermeiden lässt, nicht mehr nach Ahus.)

Tag 1790 – Inneres und Äußeres Regenwetter.

Innen war mehr so Blitz und Donner, außen Regen mit Hagel und noch mehr Regen bei feindseligen 9 Grad.

Herr Rabe ist erkältet. Pippi hat am Freitag Nachmittag eine Kindergartenerkältung mit nach Hause gebracht, gestern hatte Herr Rabe Halskratzen und heute fuhr Herr Rabe deshalb brav nicht mit dem ÖPNV ins Büro, um von dort aus ungestört zu arbeiten, sondern blieb zu Hause. Leider legte sich Herr Rabe direkt den ganzen Tag ins Bett, da kann ich ja immer nicht so super gut mit umgehen.

Ich hakte weiter Sachen ab. Kinderrucksäcke waschen, Winter- und Regenkleidung waschen, check check check. Sogar den Wäschehaufen auf dem Gästematratzensofa bin ich zähneknirschend angegangen, allerdings hab ich nur die Kindersachen und meine eine Hose verräumt (bzw. in die Waschmaschine gestopft, weil es mir extrem widerstrebt, dreckige Winterkleidung für mehrere Monate in Kisten zu stecken und ich frag mich auch, warum die überhaupt auf dem Sofa lagen und nicht in der Wäsche waren und überhaupt, Blitz, Donner). Es hatte sich für drei die befreundete Innenarchitektin angekündigt, da sollte es wenigstens halbwegs ordentlich (wenn auch trostlos, das ist ja Teil des Problems) aussehen. Die befreundete Innenarchitektin kam dann aus Gründen doch erst um halb fünf, aber wir haben jetzt einen groben Plan und werden den Themenkomplex „Kinderzimmer trennen“, der, wie gewohnt, gleich eine ganze Ratte an weiteren Aktionen nach sich zieht, mit professioneller Hilfe angehen. Ungewohnt für mich, mich nur um wenig kümmern zu müssen, zum Beispiel prüft die Innenarchitektin, ob wir den Einbau eines Dachfensters wohl bei der Kommune beantragen müssen. Sehr seltsam, offen gestanden, da die Kontrolle abzugeben, aber auch sehr angenehm, den damit einhergehenden Mental Load bei einer abzuladen, die damit ihren Lebensunterhalt verdient. Eigentlich win-win, ich muss nur loslassen lernen und das ist für eine Kontrolletti nicht so leicht aber auch das schaffe ich. Stichwort eiserne Disziplin, jetzt also bei „Ich mische mich nicht ein“.

Am Ende des Tages fing dann leider auch Michel an zu nölen, ihm sei so kalt und die Nase sei zu und der hat jetzt also auch Pippis Seuche. Nachdem er eigentlich gut eingeschlafen war, stand er dann alsbald auch wieder im Wohnzimmer, weil Pippi ihn störe. Er hat dann also nach langer Zeit mal wieder RuPauls Drag Race mit uns geguckt und WHOA WIE GUT DER INZWISCHEN ENGLISCH KANN. Der ist sieben und versteht… fast alles. Er kann übersetzen („I’m gonna jump out of the car right now!”) und sagt auch selbst komplette Sätze („I want to buy her as a Christmas tree.“). Was manchmal lustig ist, ist dass er den (in diesem Fall auch noch… speziellen) Erwachsenenhumor oft nicht versteht, zum Beispiel, warum der sagt, dass er aus dem Auto springen will (weil er traurig ist, rausgeflogen zu sein). Dass da eine bei einer Mini-Challenge 5.000 $ gewonnen hat, hat ihn schwer beeindruckt und er wollte dann wissen, ob man damit wohl reich wird. Offen gestanden weiß ich das nicht, ich glaube, man muss ein ziemliches Ausnahmetalent sein und vermutlich sehr sehr hart arbeiten und dann kann man mit Glück phasenweise davon leben, wäre meine Vermutung. Und ein paar ganz wenige werden reich. RuPaul zum Beispiel. Aber den gibt’s ja schon.

Aus Zwanghaftigkeit habe ich dann beim Drag Race gucken erst den Käfig der Meerschweinladies gereinigt und dann noch mein heutiges Workout erledigt und jetzt werde ich vielleicht einfach nie wieder irgendwas hochheben.

Hoffentlich wird das Wetter morgen ein bisschen besser, außen wenigstens, das dürfte innen dann auch wirken.