Tag 1815 – Aufzuhausefreude.

Michel schläft neben mir. So etwa drei Minuten, nachdem wir das Licht ausgemacht haben. Endlich. Endlich ist dieser schreckliche Tag vorbei, an dem er eine Laune hatte, die man nicht mal mehr als herausfordernd bezeichnen kann sondern eher als reine Provokation.

Morgen geht es nach Hause und ich hätte echt ganz gerne mal nen Heimat“urlaub“, an dessen Ende ich mich nicht unbändig auf zu Hause freue. Natürlich waren die Umstände dieses Mal auch sehr speziell, aber es wurde halt auch rundum nicht so wirklich wesentlich besser.

Michel und ich haben auch das gemeinsam: wir wollen einfach nur nach Hause.

Um mit einer lustigen Anekdote abzuschließen: Michel und ich fuhren heute mit dem Auto des Opas Abendessen holen (Döner – das muss sein, wenn wir in der alten Heimat sind), da Carona wirklich gerade so in die Einfahrt des Opas passt und da zum Laden mit geradezu chirurgischer Präzision geparkt war. Erst fragte Michel ganz interessiert, was ich da denn mache. „Schalten.“ sagte ich. „Das kenn ich, das muss man bei Rennwagen auch machen, dann fahren die ganz schnell!“ Michel denkt jetzt also, Opas A-Klasse ist ein Rennwagen und ich bin dann wohl Rennfahrerin. Ich bin nur froh, dass ich das Auto nicht abgewürgt habe und auch nicht im 1. Gang zur Dönerbude gekrochen bin. Schaltwagen fahren ist halt doch wie Fahrrad fahren. Um das zu verlernen, muss man sich schon viel Mühe geben.

Tag 1813 – Konnte nur besser werden.

Unser Tag startete so lala, die Kinder waren zu früh wach und hatten deshalb etwas herausfordernde Laune und Herr Rabe fuhr schon früh mit seiner Schwester zu seiner Mutter ins Pflegeheim – da gibt es Coronabedingt strenge Besuchsslots und nur zwei Besuchende dürfen gleichzeitig hin, deshalb eben nur die beiden. Ich war offen gestanden nach dem späten Abend gestern etwas träge und dazu die Laune der Kinder, leichtes PMS und Herr Rabe, der nach der Rückkehr aus dem Pflegeheim sagte, er wolle A tun, aber dann sehr ausführlich B tat… puh. Schwierig. Sehr schwierig.

Meine eigene Laune besserte sich, als wir dann doch noch (auf den letzten Drücker) A taten, nämlich sehr viel Zeug entsorgen, das hier noch im Opa-Haus von Herrn Rabe herumdiffundierte. Entsorgen finde ich immer gut.

Noch besser war dann aber das Minigolfspielen danach, das hat sehr viel Spaß gemacht, auch wenn (oder grade weil) sich die Kinder nur schwer an die Regeln halten können. Ich brachte ganz zu Anfang ein Mal aus Versehen Pippi zum Weinen, weil sie mich fast mit dem Schläger erschlagen hätte, mehrmals, und ich daraufhin eine Ansage machte und etwas schreckhaft auf ihre wilden Schlägerschwünge reagierte. Nachdem das aber geklärt war, hatten wir alle Spaß, dann schiebt Pippi halt den Ball mit dem Schläger den Hügel hoch, so what. Sie ist fünf. Michel sprang quer über den Platz und jubelte „I‘m a pro gamer!“ und es war sehr niedlich, äh, cool, total cool. Auf dem Rückweg machten wir ein albernes Familienselfie und dann wollte Michel schnell nach Hause. Wir übten auf dem Weg ein bisschen englisch, dann bekam ich einen Vortrag über Pokémon und dann übte Michel schnell duschen – wir hoffen ja immer noch alle, dass er dann im nächsten Jahr schwimmen in der Schule bekommt, das ist dieses Jahr ja ausgefallen wegen Corona. Aber da steht der kleine Zwerg unter der Dusche und philosophiert darüber, wie er dann ganz schnell immer duschen wird, und dass das komisch wird, weil er nie mit anderen schwimmen war als uns und seinem Kindergartenfreund H.. Hachz.

Ich habe heute auch versucht, Michel zu erklären, wie die Beerdigung wohl morgen sein wird, was eine Urnenbeisetzung ist und dass wir das Loch auf dem Friedhof nicht selbst ausheben müssen. Besonders das mit der Urne und das ganze Thema Kremieren fand ich schwierig, kindgerecht zu erklären. Da ich in Michels Alter war, als ich eine fulminante Angst vor Friedhöfen und Sterben entwickelte, die dazu führte, dass ich z.B. Angst vorm Einschlafen hatte, geht mir das extra nahe. Es war mir ein Anliegen, sehr klar zu sagen, dass nur der Körper der gestorbenen Person verbrannt wird, dass der Körper angezogen wird und der Körper in einem Sarg liegt und dass die Person da schon lange nicht mehr da ist und davon gar nichts mehr merken kann. Ich hoffe wirklich, es ist mir gelungen. Wir werden es morgen vermutlich sehen. Michels Kommentar dazu war übrigens „Ich hab das bei YouTube gesehen. Wir weinen alle zusammen und dann ist es vorbei.“ und wer weiß. Vielleicht wird es so. Oder anders.

Michel tickt sehr wie ich, im Guten wie im Schlechten.

Abends habe ich wieder Harry Potter auf Norwegisch vorgelesen und sehr mit den Augen gerollt, aber als ich aufstehen wollte, war ich versöhnt durch zwei Kuschelkinder.

Es ist immer noch manchmal ganz absurd, dass wir die Eltern von zwei richtigen kleinen Menschen sind.

Tag 1811 – Kann. Augen. Nicht. Offen. Halten.

In diesen Minuten bin ich 20 Stunden wach und mein Akku ist leer. Ich liege zwischen den schnurchelnden Kindern, habe ein ganzes Kapitel Harry Potter vorgelesen (auf Norwegisch! Es ist schlimm, die meisten Namen sind übersetzt, wer macht denn sowas???) Das ist alles sehr schön (bis auf das mit Humlesnurr) und mir wird ganz warm und die Augen ganz ganz schwer.

Tag 1800 – Nachgereicht.

Da bin ich gestern Abend einfach nach einem halben Glas Wein sang- und klanglos auf dem Sofa eingeschlafen und habe insgesamt fast 12 Stunden geschlafen. War wohl nötig.

Gestern ist auch nicht wirklich viel passiert, außer eines, und das ist sehr traurig, berührt uns aber nur peripher. Um die Ecke, also wirklich keine 100 Meter von uns entfernt, ist eine Scheune komplett abgebrannt. Es ging, da Scheunen (und ja auch viele Wohnhäuser hier) nun mal aus Holz gebaut sind, rasend schnell. Als die Innenarchitektin um 14 Uhr zu uns kam, sah sie nichts, keine Flammen, keinen Rauch, keine Feuerwehr. Als sie um kurz vor halb drei wieder gehen wollte, loderte das Dach der Scheune lichterloh und zwei Feuerwehrfahrzeuge plus Polizei waren vor Ort, die Feuerwehr löschte bereits. Fünf Minuten später stürzte das Dach ein, mit einem sehr deutlichen Rumms. Etwa um fünf war es so weit gelöscht, dass es nicht mehr qualmte. Es stehen jetzt noch der Schornstein und ein sehr kleiner Teil der Außenwände. Gottseidank hat da (es gibt auf dem Grundstück auch ein Wohnhaus) schon länger niemand mehr gewohnt und die Scheune dürfte mehr oder weniger leer gewesen sein. Glücklicherweise hat es auch die letzten Wochen viel geregnet, sodass die Bäume rundum und auch die anderen, nah gelegenen Wohnhäuser (viel Holz!) nicht Feuer gefangen haben. Für uns auch Glück: der Wind stand in die andere Richtung, so viel Glück hatten aber logischerweise viele nicht und die haben jetzt die Terrasse voller Asche und Rauchgeruch im Haus.

In unserem friedlichen Kaff…

Das traurigste an der Sache ist aber, dass sie die Brandstifter inzwischen gefunden haben. Die hatten kurz vorher auch schon zwei Container an der Tankstelle (!!!) angezündet, was da alles hätte passieren können, eieiei. Es waren zwei Kinder. Uff, ey.

(Plötzlich kommt es mir gar nicht mehr so schlimm vor, dass Michel so viel zu Hause rumhängt und Minecraft spielt. Es gäbe echt schlimmeres.)

Tag 1795 – 12 Bilder.

Ich überlege, meinen Instagram-Account wegen Inaktivität gleich ganz platt zu machen. Aber hier heute 12 Bilder vom Tag, mit variierend detaillierten Bildunterschriften, weil der Tag auch ganz schön anstrengend war.

I feel the Handschuh.
Frühstückszeit. Kaffeezeit.
Gartenliebe 1.
Gartenliebe 2.
Gartenliebe 3 (mit sehr vielen Bienen und Hummeln).
Ehemannliebe. (Mit Besuch von lieben Freunden.)
Kampf der Ringelblumenflut 1 (Ringelblumen sind die Pest!)
Kampf der Ringelblumenflut 2. Mit verstecktem Hornveilchen.
Meerschwein-TÜV. Hier sehen Sie Marshmallow, die den TÜV mit Bravour überstanden hat, aber sich ungern die Krallen schneiden lässt und mir aus Protest in die Finger zwackte. Bild von vor dem Krallen schneiden, danach war es nämlich ein zappeliges Wutschwein.
Trost-Salat für die frisch pedikürte Meerschweintruppe.
Meerschweinchen sind ja auch echt effektive Unkrautvernichter.
Feierabend oder so. Mit anderem Besuch.

So, das war viel Besuch an einem Tag nach einer sehr langen Zeit mit nur sehr wenigen u d sehr seltenen direkten Sozialkontakten. Dementsprechend bin ich, offen gestanden, völlig im Eimer und gehe jetzt ins Bett. Gute Nacht!

Tag 1793 – Endlich die 2.

Herr Rabe hat endlich Death Stranding durchgespielt. Ein sehr sehr seltsames Spiel, wenn Sie mich fragen.

Es ist auch endlich eine Entscheidung gefallen, wer wann wie lange Urlaub in Deutschland macht. Es ist aber nur kurz (ich werde für grad mal vier Tage da sein und davon ist einer Beerdigung), es ist immer noch Pandemie, im Stundentakt neue Leute treffen ist also nicht drin, also bitte einfach nicht fragen.

Natürlich erste Frage meiner Personalchefin, auf die Mail „ich verlängere meinen Urlaub um einen Tag, weil ich an der Beerdigung meiner Oma teilnehme“: „Musst du danach in Quarantäne und ist das mit deinen Arbeitsaufgaben vereinbar?“. Meine Güte. Google hilft für die erste Frage und danke für die Anteilnahme und den überwältigenden Support. Hab gleich das Gefühl, dass ich nicht nur eine Arbeitsmaschine fürs Werk bin. Nicht.

Damit Sie nicht googeln müssen: nein. Ich muss danach nicht in Quarantäne, da heute, ebenfalls endlich, bekanntgegeben wurde, welche Länder im EWR+Schengen wir bereisen dürfen ohne danach in Quarantäne zu müssen und tadaaa: Deutschland ist dabei. Das war aber abzusehen, da die Kriterien vorher schon feststanden. Deshalb haben wir unsere Reise auch eine halbe Stunde vor der Bekanntgabe gebucht.

[Hier sollte ein triumphierender Satz stehen dass nach der Bekanntgabe direkt alles viel teurer geworden ist aber jetzt bekommt man die selbe Reise plötzlich für über 100€ weniger, was ist da los?]

[Toll, jetzt fühl ich mich übers Ohr gehauen.]

Nun gut. Ich gehe jetzt endlich ins Bett und nehme diverse Fernbedienungen, Konsolen und Tablets mit ins Schlafzimmer. Michel schlief heute Nachmittag im Auto ein, was darauf hindeutet, dass er die letzten Tage sehr früh wach war und sich vor den Fernseher gehängt hat, weil er da jetzt weiß, wie YouTube angeht. (Ganz wunderbar, so ein Smart-TV! So viele Möglichkeiten! Und nein, bitte, bitte, nicht vorschlagen, dass man doch am Router irgendwas oder mit Apps irgendwas anderes, nein, kann man nicht. Unser Internetprovider ist aus der Steinzeit, am Router kann man absolut gar nichts einstellen und einen anderen Router können wir nicht nehmen weil der Internetanbieter keine andere Hardware akzeptiert und nein, wir können auch nicht den Internetanbieter wechseln. Willkommen in Norwegen. Wir haben Glasfaser, aber unser Router ist entweder an oder aus. Ist er zu lange aus, müssen wir hinterher alle Lampen neu anlernen, über Nacht ausstellen ist also auch keine Lösung.) Jedenfalls müssen wir das unterbinden, dass er um sechs aufs Klo geht und danach irgendwelchen Schrott auf YouTube guckt, weil er ja wach ist und es hell ist. Genau wie ich braucht er viel Schlaf. Und hell wird es ab ca. halb vier.

Tag 1789 – Aufräumhölle.

Ich habe das Kinderzimmer aufgeräumt und ausgemistet und das hat acht Stunden gedauert und ich möchte jetzt dringend auf den Arm aber allein sein und was zerkloppen Hauptsache in einem leeren Raum eigentlich. Das war ein bisschen viel für einen Tag.

Vorher-Bilder gibt es kaum, nur vom drawer of doom. Stellen Sie sich so einfach 5 Schubladen, 6 Regalfächer, 1 Schreibtisch, 1 Spielküche und 2 randvolle Klappkörbe vor. Alle voller… Zeug. Wild durcheinander fliegendem Kleinkram.

Nachher:

Man beachte, dass auf dem Schreibtisch schon wieder was liegt. Pippi hat wirklich noch während ich aufräumte am anderen Ende schon wieder neues Chaos gemacht.

Und das ist der Haufen, der *nicht* wieder ins Kinderzimmer einzieht:

Nicht im Bild: 1 Kiste Papier- und 1/2 Sack sonstiger Müll.

Ich mag nicht mehr. Sowas machen wir ja alle 6-12 Monate und jedes Mal sortieren wir aus und es ist vielleicht nicht jedes Mal so viel aber schon viel. Dieser Überfluss. Ich wär echt sofort für Minimalismus zu haben. Allein. Auf einer Insel.

Tag 1783 – Corontäne Tag 9 v2.

Bald habe ich es geschafft! Morgen noch und dann ist es rum. Habe zur Feier der Tage in der Freiheit einen Friseurinnentermin für Donnerstag und einen Tierärztinnentermin für Freitag ausgemacht. Muffin hat Gnubbel, 1 am Rücken, 1 an der OP-Stelle *hüstel* und da muss jemand vom Fach draufgucken. Seufz. Sorgenschwein.

Wir haben heute in der Küche getanzt. Michel wünschte sich nämlich „Utz- ahma ahma“. Man muss dazu vielleicht sagen, dass Michel nicht sonderlich Melodiesicher singt, aber ich kam trotzdem drauf. „No roots“ von Alice Murton. Merton? Egal. Und dann tanzten wir in der Küche. Pippi mag „den Sprengmeister“ als Tanzmove, es ist herrlich. Michel möchte jetzt das Lied auf „seiner“ Playlist auf 1 haben, weil er das so mag und seinem Kumpel zeigen will. Pippi mag nach wie vor „Dance Monkey“ von Tones and I. Insgesamt könnten die Kinder einen schlechteren Musikgeschmack haben.

Apropos. Pippi ist ja jetzt fast schon ein Vorschulkind (wo ist die Zeit hin???) und präsentierte heute ihre Englisch-skills:

  • „Uon, tuo, thuie, fou, feiv, säven, även, gribtchi, patchi, gou!“
  • „Uon, tuo, thuie, fou, feiv, sexti, plexti, uing, ching, noin, hongchi!“

Manchmal ist die so süß, ich könnte sie fressen.

Michel hat heute beim Kochen geholfen. Aus Langeweile zwar, aber doch sehr gut. Er hat sich auch getraut, die Eier ganz aufzuschlagen, nicht nur anzuknacksen und dann mir zu geben. Langsam wird’s was mit den Kindern und mir in der Küche (das war bisher eine so explosive Mischung, dass wir das lieber gelassen haben). Was tut man nicht alles, damit die Kinder nicht nur vor Bildschirmen hängen.

Die Müll- und Unkrautschweinchen sind sehr nützlich. Und riechen gut, da sie gegen die alljährliche Korianderflut mit ankämpfen dürfen müssen.

Ansonsten war heute direkt mal ein Tag, wie ich ihn gestern vorausgesagt hatte: antriebsschwach. Ich hab aber auch bescheiden geschlafen und Schlaf ist mein Benzin, insofern bin ich nicht wirklich verwundert. Wäsche gewaschen habe ich trotzdem, natürlich. Ich hab auch brav Sport gemacht, werde aber jetzt vermutlich nie wieder irgendwas hochheben können. Meine zweite 2kg-Hantel ist noch nicht wieder aufgetaucht. Ich hoffe, ich kann heute besser einschlafen und mit besser meine ich „in unter 2 Stunden und ohne Umzug aufs Sofa“.