Tag 1377 – Nicht aufregen.

Im letzten Jahr hab ich eins* gelernt: Schreiend im Kreis rennen hilft nur ganz bedingt. Eigentlich bin ich auch nicht der Typ dafür, unter Stress kann ich sehr gut fokussieren und Dinge erledigen, aber während der Doktorarbeit und besonders der Arbeitslosigkeit und der Perspektivlosigkeit und Ungewissheit und all dem, da gab es ja nix zu erledigen, da gab es nur schreiend im Kreis rennen. Nunja. Das ist auch Vergangenheit, Deckel drauf, danke für deinen Beitrag, wir melden uns, Tschüss. Jedenfalls: es hilft ja auch nichts. Ich könnte zum Beispiel heute im Kreis gerannt sein, weil Herr Rabe nun eine Woche auf einer Konferenz in Barcelona ist und ich hier allein mit den Kindern (und dem Babysitter) den Alltag wuppen muss. Ich möchte das gern, also im Kreis rennen und Haare raufen und verzweifeln und schreien „OH HIMMEL HILF DAS WIRD NIEMALS KLAPPEN ICH BIN DOCH SO EINE FURCHTBARE MUTTER UND KANN DAS NICHT!!!“ aber davon kommen die Kinder morgens auch nicht zur Schule und zum Kindergarten, kriegen nichts zu essen und kommen abends nicht ins Bett. Also fokussieren. Essensplan, Einkaufsbestellung, Erinnerungen für abendliches Vorbereiten des Essens für den nächsten Tag, Brotdosen fertig machen, Klamotten rauslegen. Wäsche waschen, mehr Wäsche waschen, verschiedene Eskalationsstufen der Sonnencremerandbekämpfung an weißen Herrenoberhemden**, Aufräumen, Kochen, Kinder ins Bett stecken.

Das hat heute so gut geklappt, dass ich sogar zwei Stunden im Garten werkeln konnte vor lauter Erledigungsflow. Mit Michel, Pippi streunerte in der Nachbarschaft herum. Wie Michel sagte: „Pippi kommt so schnell mit Leuten*** in Kontakt. Ich hab nicht so viele Freunde, das ist oft so bei Wissenschaftlern.“ Ach, ach. Dann säten wir, ganz wissenschaftlich, Salat im Gewächshaus und im offenen Beet aus, um zu gucken ob überhaupt wo es schneller wächst.

Nun liege ich geduscht im Bett und hoffe einfach auf das Beste. Wenn’s scheitert, dann jedenfalls nicht an der Vorbereitung.

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*ok ich hab noch sehr viel mehr gelernt, aber das wäre ein oder fünf eigene Posts

**in Größe 122 und, äh, Herr Rabes Hemdgröße halt, der wäscht ja bekanntlich solche Sachen meist selbst, aber ich war bei Michels Hemd dabei und dann mache ich Herr Rabes halt mit, dafür bügelt er dann mal wieder meine Blusen wenn’s anfällt

***anderen Dreijährigen

Tag 1363 – Rödelrödel und ein wenig Aufregung.

Hahahahaha. Ein wenig. Morgen geht es los auf eine komplette Woche Inspektion mit Reise und allem und ich hoffe, ich kann dann gleich mal schlafen, noch sieht es nicht so aus. Der Koffer ist gepackt, da muss nur noch der Kulturbeutel rein (und mein Teddybär, wenn Platz ist, denn auf nichts schlafe ich bequemer, im Zweifel lieber kein Kopfkissen aber den Teddybären als ein blödes Kopfkissen), es gibt keinen Grund weshalb ich so nervös sein sollte. Ok, die Schnecken könnten verhungern, die Blumen vertrocknen, die Kinder traurig sein, aber das hab ich ja eh nicht in der Hand. Herr Rabe könnte auch traurig sein, denn morgen ist sein 63. 36.* Geburtstag, den verpasse ich nun auch nicht unbedingt gern aber auch das stand ja seit Anfang Januar fest. Huffhuffhuff.

  • Ohrringe
    Reisepass
    Handcreme
    Kreditkarte (die echte)
  • müssen noch mit.
  • Wenn ich wenigstens wüsste, dass das mit dem Schlafen noch für mindestens zwei Stunden nichts wird, dann würd ich mir jetzt noch die Fingernägel lackieren. So macht das leider keinen Sinn.
  • Ich wünsche mir, dass ich in, sagen wir, einem Jahr entspannter auf Jobreise gehen kann. (Das heißt nicht Jobreise auf deutsch, oder? Verflixt, ich habe echt immer öfter Probleme, korrektes Deutsch zu formulieren.) Ha! Dienstreise. Also auf Dienstreise möchte ich gern entspannter gehen.
  • Jetzt ein bisschen Meditieren, vielleicht hilft es beim Einschlafen.
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  • *Michel fragte heute, wie alt Herr Rabe sei. „Fünfunddreißig“ sagte Herr Rabe. „Dann wirst du sekstitre?“ fragte Michel. „Nicht ganz.“ sagte Herr Rabe. „Sekstifire? Nein, Femtifire?“. Noch ist diese Verwirrung rund um größere zweistellige Zahlen für uns Eltern hauptsächlich lustig.
  • Tag 1253 – Heute aber!

    Heute gehe ich früher ins Bett.

    Das denke ich jeden Morgen wenn der Wecker mich aus dem Tiefschlaf reißt, den ich nun mal um 5 Uhr habe. Ich quäle mich dann mit Mühe aus dem Bett und heute war ich auch zu knapp dran zum Duschen, das ist nicht schön (und die Zeitersparnis auch eher eine gefühlte, weil ich trotzdem Haare waschen muss).

    Heute könnte es aber echt was werden, denn es ist nichts mehr zu tun. Die Brotdosen für morgen sind gepackt und im Kühlschrank, alle möglichen Anträge liegen auf dem Schreibtisch, der Arbeitsrechner ist im Büro. Das ist eine doofe Geschichte, mein Rechner sponn von Anfang an vor sich hin und hängte sich zum Beispiel in den Meetingräumen wegen wasweißich ständig auf. Gestern wollte er dann plötzlich einen Recovery Key haben, den ich heute früh im Beisein der IT-Frau anforderte und der, ich habe nachgezählt, 55 Zeichen lang ist. Danach ging er wieder, aber wie ich so bei der IT-Frau stand, erzählte ich das mit dem Aufhängen und sie meinte, sie mache mal über Mittag eine Runde Updates, vielleicht helfe das. Dann bekam ich aber in meine Mittagspause (die ich mit Herrn Rabe außerhäusig mit Thai-Essen verbrachte, das war ganz großartig und das machen wir jetzt so ein Mal im Monat) eine Mail von der IT-Frau, dass es bei den Updates ein paar Probleme gegeben habe, sie da noch mal genauer nachgucken würde und für die Zwischenzeit bekäme ich einen Leihrechner. Und der Leihrechner ist kein handliches Inspektørinnen-Notebook sondern ein riesiges Teil, das passt natürlich nicht in meine Tasche. Deshalb habe ich also meinen Arbeitsrechner nicht hier und kann gar nicht weiter total nervös werden über den Vorbereitungen für meine allererste Inspektion nächste Woche. Meine Patin lachte heute schon ein bisschen, weil ich, nachdem ich die vom Hersteller geschickten Unterlagen durchgegangen war, die Abschnitte aus der European Pharmakopoeia zu den beim Hersteller durchgeführten Analysen las. In der Print-Version. Die in der „Bibliothek“ steht (also sogar auf unserer Etage). Was meine Patin noch nicht mal wusste, weil jeder Band (von 4) davon so… 3000 Seiten hat, auf so super dünnem Bibelpapier, aber in A4, es ist dröge und sperrig und wirklich sehr dröge, erwähnte ich dröge? Es ist dröge. Und das gibt es viel übersichtlicher halt auch alles im Internet, wieso also das Buch? Weil ich am Bildschirm nicht gut lange lesen kann, deshalb. Und warum lesen? Zum Beispiel, weil ich jetzt sagen kann, dass der Hersteller unter „Endotoxine“ nur „Ph. Eur.“ geschrieben hat, in der Pharmakopoeia aber drei unterschiedliche Methoden zur Endotoxintestung stehen. Also ein bisschen genauer wär halt schon fein.

    Insgesamt also: ich bin nervös und übertreibe es möglicherweise mit der Vorbereitung, ich hoffe ich krieg meinen kleinen Computer bis Dienstag Nachmittag zurück und weil ich nix besseres zu tun hab, gehe ich jetzt tatsächlich mal früher ins Bett und kriege so hoffentlich mal etwas mehr als 6 Stunden Schlaf.

    Tag 1237 – Vorbereitung ist alles!

    Oh je, ich bin so schrecklich aufgeregt. Morgen geht es los, um neun beginne ich mein Leben als Inspektør. Anziehsachen und Make-up liegen bereit, die neue (zu Weihnachten bekommene) Arbeitstasche ist gepackt, ein Beutel mit schickeren Schuhen auch*. Fingernägel sind in neutralem Altrosa lackiert. Bahnticket ist gekauft. Kopfhörer fürs neue fancy Telefon, das vor lauter Fancyness nicht mal mehr nen Stöpsel für handelsübliche Kopfhörer besitzt, sind bestellt, ebenso wie eine Bankkarte, damit ich an das viele Geld, das ich scheffeln werde, auch überhaupt drankomme**. Wenn sich jetzt noch mein Kopf davon überzeugen ließe, das Kino abzustellen, wäre das ganz prima, dann könnte ich vielleicht auch schlafen und müsste nicht Angst haben, morgen wie ein Zombie auszusehen. Grad am 1. Tag ist das ja etwas ungünstig, weil ja bestimmt Fotos von mir gemacht werden für Zugangskarte und wasweißichnoch. Wahhh!

    Auch nicht der Entspannung zuträglich: es stürmt recht stark, es heult ums Haus, Michel kann nicht schlafen, draußen fallen die Mülltonnen um und um die Raketenbatterienreste muss man sich nun auch nicht mehr sorgen, die sind sicher sehr gut verteilt oder bis in den Fluss geflogen. Eben war ganz kurz der Strom weg. Gut, dass ich mich eh vom Handy wecken lasse. Ach ja. Wecker sollte ich wohl stellen.

    Ich freu mich so. Und bin so aufgeregt.

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    *Ich stöckle nicht über die jetzt auch noch vom Sturm glattpolierte Eisfläche, die wir nach Schnee und dann Tauwetter und Regen und dann wieder Minusgraden hier überall haben, zum Bus. Damit bin ich, da möchte ich drauf wetten, in bester Gesellschaft mit den allermeisten anderen Menschen hier, die zur Arbeit schickeres Schuhwerk tragen. Für Herrenschuhe gibt’s hier auch so Gamaschen aus Gummi und mit Spikes im Profil, das ist die Alternative um sich mit den schicken Lederschuhen nicht wegen mangelnden Profils auf die Fresse zu legen oder sich im Regen das Leder zu versauen.

    **also ich habe natürlich Bankkarten. Aber eben bisher nicht für dieses Konto. Das aber nun das Konto ist, das ich als Gehaltskonto angegeben habe.

    Tag 1159 – Platt und bereit.

    Dieses Wochenende waren insgesamt 10 verschiedene, andere Kinder als unsere eigenen hier. Das war zwar wirklich sehr schön aber auch etwas viel, dementsprechend liegt die U7 hier auch schon eine Weile und schläft. Ich habe Pippis und meine Sachen für die Operation und eine anschließende Übernachtung im Krankenhaus gepackt, den Anmeldekram ausgefüllt und bei den Nachbarn konnten wir Emla-Pflaster schnorren, ich hab nämlich vergessen, dass wir ja welche brauchen, also vielleicht jedenfalls, vielleicht auch nicht, weil die das da sicher selbst haben. Wir werden sehen. Jedenfalls habe ich TipToi-Bücher und iPad und „Bebi“, die Puppe, wobei Pippi alle ihre Kuscheltiere Bebi nennt, eingepackt. Und meinen Computer, falls ich ne Bewerbung schreiben will, ein Buch, Nagellack, eine Gesichtsmaske und ein paar Beutel Tee. Morgen um sechs Uhr fahren wir hier los, Pippi nüchtern und ich mit einem Kaffee auf die Faust und dann hoffen wir mal, dass sie auch morgen operiert wird und sie uns nicht wegen der Schnodderei von vor zwei Wochen oder der PFAPA-Episode letzte Woche wieder nach Hause schicken.

    Es ist alles sehr aufregend (für mich, Pippi scheint nur den Teil mit „… und hinterher darfst du ganz viel Eis essen!“ zu verstehen) und ich hoffe ich kann gleich schlafen.

    Tag 1091 – Bloß nicht zu viel Routine.

    Heute den ganzen Tag Projektplanung betrieben. Naja, da hatte ich ja drum gebeten, mehr am Rechner und weniger im Labor zu sitzen, nicht wahr? Und immerhin habe ich einen eigenen Arbeitslaptop, zum ersten Mal überhaupt. Sonst haben wir nix da in der Chipsfabrik, aber einen Rechner und der ist jetzt meiner. Ha! Um das zu feiern und weil ich vorhin damit nicht fertig geworden bin, bis die Familie mich abholen kam, hab ich den Laptop gleich mal mitgenommen und halt das schlafunwillige kleine Kind in den Schlaf gearbeitet. Jetzt muss ich nur noch den Drucker suchen, auspacken, installieren, mein schickes Chart, für das ich den ganzen Tag gebraucht habe (erstes Mal und so, jetzt kann ich’s aber und Hurra für Chrome, sag ich mal), fünfmal ausdrucken und es morgen dann in einem ganztägigen Meeting an alle verteilen. Das Meeting ist in Oslo, das kleine Kind muss aber trotzdem nach Årnes in den Kindergarten, es ist alles ein neues Level an logistischem Aufwand aber da kann ich mich gleich mal dran gewöhnen, denn wenn ich den Projektplan mit dem Budget für Bemannung der Chipsfabrik abgleiche, werde ich da entweder sehr sehr viel sein oder frühzeitig (lies: morgen) anmerken müssen, dass das nie im Leben hinhauen kann. Voll schön so am dritten Tag. Aber ich wollte ja gern mehr zu sagen haben, nicht wahr?

    Da wandern wieder Punkte aufs Erwachsenenkonto, das läuft wirklich bald über.

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    Auto-Lobhudelei: nur einmal laut „Jesus!“ gesagt, als ich eine Schublade öffnete. Meine Kollegen haben’s nicht so mit Ordnung. Liebe Kollegen: so geht das nicht. Kussi – die neue Lab-Managerin slash Prozessingenieurin slash Einkäuferin slash Leitfähigkeitselektrodenbeauftragte.

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    Tag 1067 – Aufregend.

    Der Umzug und der neue Job sind für mich furchtbar aufregend. Positiv meist, aber auch ein bisschen angespannt. Für den Umzug ist einfach noch viel zu tun, ich muss ja auch noch den tatsächlichen Kredit mit Banken aushandeln und dafür muss das Geld aus Deutschland endlich hier ankommen*. Dann habe ich keine Ahnung**, wie wir die ersten sechs Wochen über die Bühne bringen sollen, in denen ich noch kein Gehalt aber logischerweise auch kein Geld vom NAV mehr kriege. Ob Michel einen Hortplatz kriegt, wissen wir ja auch noch nicht, die Schule hat offenbar Ferien und da erreicht man niemanden***. Aber es werden so viele Dinge gut, dass es das einfach wert sein muss. Keine Wäsche mehr im Wohnzimmer trocknen zum Beispiel, das wird super. Einen Garten haben. Endlich den grünen Schrank und all die Bücher, die noch bei meiner Oma auf dem Dachboden liegen, aus Deutschland holen. Ein Gästezimmer haben und viel besseren Gewissens Leute einladen können. All das wird einfach toll. Aber dann ist da halt auch der neue Job und so spannend das alles ist, fühle ich mich, als hätte ich einfach gar keine Ahnung. Vermutlich, weil ich gar keine Ahnung habe. Ähäm. Naja, ich kann das ja lernen, ne? (Uiuiui.)

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    Auto-Lobhudelei: Mir eine lange Weile im Bad genommen und fast ohne schlechtes Gewissen ausführliches Körperpflegeprogramm gemacht. Meine Haare sind jetzt wieder silbrig-blau. Und abends endlich den Antrag geschrieben, den ich das ganze Wochenende schon wegen „Ich habe aber doch gar keine Ahnung!“ vor mir hergeschoben habe.

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    *Ich frage mich ja, was mit dem Geld zwischen „Bank in Deutschland schickt es ab“ und „Bank in Norwegen nimmt es in Empfang“ passiert, das rechtfertigt, dass das gerne mal ne Woche dauert.

    **Naja, doch, die Lösung heißt „Zahlungsaufschub“ und könnte man zum Beispiel beim Möbelschweden machen, aber schön fühlt sich das nicht an.

    ***also Sonntags eh nicht, aber auch die ganze letzte Woche war niemand zu erreichen.