Tag 1017 – Kleine Brötchen.

Wenn ich irgendwas nicht brauche, dann ist es „kleine Brötchen backen“. Ich red mir doch eh schon alles immer schlecht und klein, herrje. Ich gehe mir selbst auf den Zeiger mit meiner Negativität. Kaputt klopft schon wieder an, aber ich bin noch in der Verweigerungsphase. Noch rede ich mir selbst nach Kräften ein, dass grad einfach alles auch Mist *ist* und man da schon mal überdurchschnittlich häufig sehr gefrustet und lustlos und weinerlich sein kann. Oder halt auch einfach mal die Welt untergehen sieht und sich ausmalt, wie viel besser die Leute im Umfeld ohne eine dranwären. Das kann schon mal passieren. Jaja, sicher.

Aber dann sind so Tage wie heute und ich mache eigentlich gar nicht mal wenig, ich habe Brötchen gebacken, eine wirklich WIRKLICH zähe Bewerbung geschrieben (fast hätte ich’s gelassen, aber dann machte ich andere Anzeigen aus Norwegen auf und die wollten alle „richtige“ Bioingenieure, was hier eine geschützte Berufsbezeichnung ist, und das bin ich dann eben nicht und, ach, wenigstens eine Bewerbung, das kann ja wohl so schwer nicht… doch.), war Kleinigkeiten einkaufen, Habe Unmengen Altglas und anderen Müll entsorgt und das Auto umgeparkt, war ausgiebig duschen mit fast allem Pipapo, kurz: eigentlich echt okayer Tag. Und trotzdem spult mein Kopf lauter Kritik ab. Kein Sport gemacht, nur eine Bewerbung, die Kinderklamotten stehen immernoch im Schlafzimmer statt im Internet zum Verkauf, und überhaupt, wieso schläfst du denn noch nicht?

Mein Kopf soll seine Klappe halten. Echt mal.

Tag 1007 – Klarstellung.

Also, weil das wohl vor lauter Kryptik hier nicht klar wurde:

Ich habe hier keine Trollkommentare. Die allerallermeisten sind nicht mal direkt übergriffig. Ich schreibe aber zum Beispiel nicht, dass wir mit dem Taxi von A nach B gefahren sind, denn Oh mein Gott, Uber, da hat man ja schon so viel von gehört und das hatte auch keine Kindersitze. Ich schreibe nicht mehr, wie ultra beschissen es mir geht, weil mein Wunsch nach einem (wirklich: ir.gend.ei.nem) Job ja nun echt einfach auch ein bisschen unverschämt ist, so kurz nach dem Abschluss. Weil ich doch die Zeit mit den Kindern genießen könnte und dass ich Herrn Rabe jetzt entlasten könnte und überhaupt: es ist ja nur ein Problem, wenn man es dazu macht, nicht wahr? Ich schreibe schon mal gar nicht, dass ich mich selbst definitiv nicht als Ent- sondern im Gegenteil als Belastung für Herrn Rabe empfinde. Emotional (der muss ja permanent das Häuflein Elend zusammenkehren, die geknallten Türen aushalten, die Kinder betreuen, wenn ich im Bett liege…) und auch finanziell. Ich schreibe auch nicht, dass ich mich als absolut schlimmste Mutter der Welt empfinde und der Ansicht bin, dass die Kinder in jeder KiTa und jeder Schule besser aufgehoben wären als 24/7 bei mir. Ich meine, ich lasse die Kinder in einem Uber ohne Kindersitze mitfahren. Ich schreibe auch nicht, dass dieses Mutterding mich nicht erfüllt, dass ich zum Teufel noch mal nie gelernt habe, dass man einfach nur Mutter sein und damit zufrieden sein kann, dass Mütter, die zu Hause waren in meinem Zuhause naserümpfend betrachtet und mit dem Satz „Wird schon sehen, was sie davon hat, wenn der Alte erstmal weg ist“ bedacht wurden, wie oft ich gehört habe, dass meine Mutter mir aus der Tageszeitung vorgelesen hat und abends die Mathematikstudienbücher meines Vaters las, weil sie „Angst hatte, zu verblöden“, das schreibe ich nicht, weil Alter Verwalter, was ist das für ein schreckliches Weltbild, was mir da mit der Muttermilch schon eingeflößt wurde. Ein unfreies, geldgeiles, Kapitalistisches, Karriere-Feministisches. Eines, in dem selbst-erhaltende Erwerbsarbeit die einzige valide Option ist. Alles andere der schiere Wahnsinn, der unbedingt abgewendet werden muss. Um jeden! Preis! Und geklappt hat die Erziehung bei mir, weiß Gott, ich bin jedenfalls vor meinem eigenen Auge der Dreck unter dem Schuh der anonymen HR-Person, die meine Bewerbung direkt bei „Oha, frische Absolventin“ auf den Nein-Stapel legt. Und das schreibe ich auch nicht, weil ich das „alles wird gut“ nicht mehr hören kann, kein „Kopf hoch“ mehr, kein „also jetzt muss aber doch mal was Gutes passieren!“ mehr glauben kann.

Es regnet im Urlaub. Den wir uns eigentlich nicht leisten können. Schreibe ich nicht, könnte undankbar und arrogant wirken.

Ich bin sehr sehr müde. Von allem. Mein Leben ist eigentlich gut, ich weiß das, ich habe es gut, die Kinder haben es gut. Und von innen fühlt es sich an wie die Hölle. Und ich möchte dazu einfach gar nichts mehr von außen hören.

Tag 1006 – Smile and wave.

Erste Male: fertigen Blog-Text gelöscht, weil kein Nerv mehr übrig für Kommentare. Mir ging’s heute nicht besonders, ich habe große Schwierigkeiten, meine/unsere grundlegend unentspannte Gesamtsituation auszublenden und Seize the Day! jubelnd herumzuspringen, das wäre auch so dermaßen nicht Ich, dass mich Herr Rabe wohl einweisen lassen würde. Es dauerte bis zum späten Vormittag, einen fiesen Albtraum soweit abzuschütteln, dass wir zum Strand und später in die Stadt gehen konnten. Split ist wirklich sehr schön und gefühlt gibt es hier mehr Restaurants als Einwohner, verhungern werden wir also eher nicht in den nächsten Tagen. Die Kinder waren bis auf einige Laune-Schwächeleien am Ende des Tages auch schon deutlich besser drauf als gestern und das Essen, was ich mir über Trip-Advisor ausgesucht hatte, war auch wirklich sehr lecker und kostete uns vier so viel wie einmal Eis essen gehen in Trondheim. Als Bonus war das Wetter lange nicht so schlecht wie erwartet, es gewitterte einmal kurz am Vormittag, aber dann war es heiter bis wolkig aber bei recht konstanten um die 20 Grad, also wirklich nichts, worüber wir uns direkt beschweren würden. Und jetzt gehe ich mal in mich, wie ich hier in Zukunft bloggen möchte. So ist nämlich auch irgendwie blöd. Fühlt sich an wie mit angezogener Handbremse Auto fahren.

Tag 928 – Auf, auf.

Ende der Woche möchte ich den Vortrag für meine Defense fertig haben. Also den, in dem ich meine Ergebnisse präsentiere. Denn Mitte übernächster Woche bekomme ich das Thema für die Probevorlesung*. Ich möchte außerdem noch ca. 3 Bewerbungen schreiben, bevor ich das Thema bis Ende März auf Eis lege. Die eilen aber alle nicht doll. Zu Nähen für die Defense wäre noch eine Bluse (die ich heute zugeschnitten habe) und ein Kleid. Der Rest wäre dann Kür – das Alternativkleid, eine Alternativbluse, vielleicht doch noch ein Feincord-Rock? Oberstes Gebot ist aber Nerven schonen, im Zweifel habe ich Dinge zum Anziehen im Schrank, das beruhigt ungemein. Die Bluse ist einfach zu nähen, für das Etuikleid für die Feier habe ich mich für die einfache Version entschieden, denn, hui, das blaue Kleid war wirklich viel Arbeit, das schaffe ich in der Intensität nicht in den nächsten drei Wochen noch einmal.

Nerven schonen heißt auch, dass ich alle Daumen bräuchte, dass die Kinder nächste Woche, wenn Herr Rabe auf Dienstreise ist, nicht krank werden.

Was war noch so? Ich habe gestern ein und heute zwei Brote gebacken, auf Vorrat (Nerven schonen!). Mein Roggensauerteig ist wieder gewohnt hyperaktiv, der Weizensauerteig geht wie gewohnt schnell und gut, die haben sich beide echt gut von der Pause im Kühlschrank (und der Vernachlässigung, denn ich hatte die nicht mal „verkrümelt“) erholt. Schön, schön.

Meine Fingernägel haben unter dem häufigen Lackieren im Dezember ziemlich gelitten und jetzt sind die ganz argen Stellen vorne angekommen. (In der Zeit der Hyperthyreose sind die Fingernägel auch sehr schnell gewachsen, aber offenbar nicht in die Dicke. Schade.) Nachdem mit heute der dritte wegen simplem „irgendwo angestoßen“ aufgesplittert ist, habe ich sie allesamt bis zum Anschlag abgeschnitten, rund gefeilt und dann Pflegelack draufgepinselt, damit die Oberfläche beschützt ist. So kriege ich sie hoffentlich bis in drei Wochen wieder aufgepäppelt und danach dann von mir aus die Sintflut.

Mein Sportprogramm ist fast vorbei und ich muss sagen: ich wünschte, ich könnte in einen normalen Tagesablauf täglich ca. 45 Minuten Sport einbauen. Rein körperlich fühle ich mich super gut, gelegentlichen Muskelkater abgezogen tut mir nichts weh, nichts ist verspannt, blockiert, verkrampft. Sonst war es das und trug immens dazu bei, dass ich mich oft sehr alt fühle. Jetzt ist das schon mal weg und ich fühle mich nur noch alt, dann aber so richtig, wenn ich Tena Lady kaufen muss, weil, naja, zwei vaginale Geburten ihre Spuren hinterlassen haben, die sich auch hartnäckig nicht wegtrainieren lassen und das Gehopse bei den Fitnessvideos fällt wohl unter „Beckenbodenstress“.

Nun denn. Auf in die nächste Woche. Keine Krisen mehr, bittedanke.

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Auto-Lobhudelei: war ein okayer Mensch heute, so insgesamt. Hab sogar meine Oma angerufen. Sie hat sich eine Wohnung gekauft, die nächstes Jahr fertiggestellt wird. Man muss ja Pläne haben, mit 87! Zur Defense kann sie leider nicht kommen, weil sie da zur Kur ist. Aber sie trinkt dann ein Glas Sekt auf mich. Omi ist schon cool.

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*Zu einem vom Prüfungskommitee zugeteilten Thema, das meist grob, aber doch entfernt mit dem zu tun hat, was man gemacht hat. Mein educated guess lautet auf entweder Sequenzierung oder generell Detection von Nukleinsäuremodifikationen oder (und dann weine ich kurz) Basenmodifikationen in non-coding RNAs.

Tag 927 – Krisen schaffen Nähe.

So las ich es heute als Erklärung weshalb bei Instagram-Bildern, wunderhübschen Selfies mit sauber arrangiertem, stylischen #hygge-Hintergrund, ab und zu mal drunter steht, welch schlimme #Lebenskrise und #Schicksalsschläge die Person gerade durchmacht. Wort-Bild-Schere vom Feinsten. Nun. Lassen Sie es mich so formulieren: sollen die machen. Meine Krisen sind ein klitzekleines bisschen schlimmer als #ChiaPuddingIstAlle, und ich empfinde das gar nicht mal als Lebenskrise. Halt ein lokales Stimmungs-Minimum. Ich käme nicht auf die Idee, in so einem Loch ein Selfie von mir zu machen, darauf wäre wenn überhaupt auch keine schicke weiße Couch mit grau-lavendelfarbenen Kissen und farblich passenden Kerzen zu sehen, ich mittendrin, die bewollsockten Füße grazil unter den Longpulli gezogen, melancholisch aus dem Fenster sehend, während ich mir die Finger an einem warmen Kakao in einer übergroßen Tasse mit Kalenderspruch drauf wärme. Bei mir sieht das eher so aus: ich liege im Bett und, falls ich geschminkt bin (wenn es mir nicht gut geht, schminke ich mich oft nicht), ist die Schminke verlaufen (nicht die Wimperntusche, die hält auch ein paar astreine Heulkrämpfe aus). Mein Gesicht ist komplett verquollen und wird das auch zwei Tage so bleiben, vor allem um die Augen rum. Meine Nase ist knallrot. Ich habe die Decke bis zur Nase hochgezogen und starre ins Leere, die Haare stehen in alle Richtungen ab und ab und zu läuft mir eine neue Träne die Wange runter. Spricht man mich an, sage ich nichts oder es bricht alles aus mir raus, unter hässlichem, schnoddrigen Geschluchze.

Insofern: Glückwunsch. Sie sind mir alle voll nah. Oder zählt das nicht, wenn es kein Foto gibt? Verwirrend.

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Auto-Lobhudelei: Ich bin auch heute irgendwann wieder aus dem Bett aufgestanden. Das war eine fast übermenschliche Leistung.

Tag 905 – Engagiert euch!

Gestern noch war ich total sicher, dass heute so ein Doktorand*Innen-Seminar unseres Institutes sein würde. Ich suchte etwa 10 Minuten lang nach der entsprechenden mail, fand aber keine und beschloss dann, das wohl mit einem anderen Seminar verwechselt zu haben, das in zwei Wochen ist. Was merkwürdig ist, hatte ich doch schon einen detaillierten Plan geschmiedet, der Institutsleitung all meinen geballten Frust um die Ohren zu hauen.

Nunja, das Ganze klärte sich dann heute Mittag auf, als mein Kalender mir eine Erinnerung schickte, in drei Stunden finge das Seminar an. Es gab keine mail, weil iPhones und iPads diese Nachrichten mit Eintragung in den Kalender irgendwie umdutzeln – dann sind sie aber Kalendereinträge. Wie auch immer, ich machte also schnell mein heutiges Sportprogramm, aß was, duschte und fuhr zur Arbeit. Bei dem Meeting sollte es um das Life-circle Management eines PhD-Studenten gehen, also vorher – mittendrin – nachher. Und ein bisschen metooacademia. Ich hatte mit meiner Panikattacken-geplagten Kollegin schon mal grob besprochen, was wir mitteilen wollen und das uns das Problem mit der Mentalen Gesundheit unter PhD-Studierenden am Herzen liegt, aber auch die Finanzierungsproblematik und Alternativen zur Akademischen Karriere (die quasi nie erwähnt werden. Nie. Und das ist doch in Anbetracht der Tatsache, dass ungefähr alle PhDs und Post-docs, die ich kenne, aus der Uni raus wollen und ein Leben haben, recht vermessen.).

Was dann geschah, sollte uns vom Hocker hauen!

PhDs machen an unserem Institut die größte Gruppe der Angestellten aus. Insgesamt sind wir etwa 120, davon werden 85 auch bezahlt (finde den Fehler). Wir haben einen (!!!) Repräsentanten in der Leitungsgruppe, also quasi der Institutsleitung, der darf bei manchen Entscheidungen in der Nähe vom am Tisch sitzen. Erstmal ging es um Neuaufnahmen. Menschen brachten an, dass es schwierig sei, sich zu Anfang zurechtzufinden, in Norwegen generell, an der Uni ebenfalls, der Medizinischen Fakultät noch mal mehr und an unserem Institut ganz besonders. Ein wiki für frische PhDs wäre doch schon. Worauf der Institutsleiter meinte, das gäbe es doch schon und dann drei aus der Leitungsgruppe geschlagene fünf Minuten brauchten, um die richtigen Schlagwörter für die Suche in unserem Intranet zu erraten. Da konnte ich mir ein „See? That is what we are trying to say.“ nicht verkneifen. Dann ging es noch kurz um die regelmäßigen Evaluierungen und ich erfuhr endlich, weshalb ich eigentlich keine Halbzeit-Evaluierung gehabt habe: Weil das Institut unterbesetzt ist. Tadaa. Ich sagte, das sei zwar nachzuvollziehen, aber für mich eben blöd, eventuell hätte man da ja mal draufgucken und früher erkennen können, dass das ursprüngliche Projekt nicht gut genug voran kommt. Ja, man wird daran arbeiten, dass wieder jede Studierende nach etwa einem Jahr so eine Bestandsaufnahme des Projekts bekommt. Und dann sprachen wir das Thema Druck an. Meine Kollegin fing an. Dann ich. Dann noch drei weitere Studierende. In diesem Raum mit vielleicht 40 Personen fanden 5 sehr deutliche und sehr offene Worte für ihre psychischen Probleme.

„I have Zoloft at home.“ „My anxiety has come back.“ „I have been on sick leave for almost eight weeks until I could get back to work.“ „I am in therapy.“

Und das waren nur die von uns, die das eben offen ansprechen und sich nicht dafür schämen.

Wir sprachen auch die (unserer Meinung nach) Gründe dafür an, dass so viele von uns die selbe Geschichte in unterschiedlichen Farben erzählen. Zu. Viel. Druck. Zu viele Artikel*, in zu kurzer Zeit, keine Unterstützung, niemand nimmt dich ernst (es wurde vom Institutsleiter wieder diese schreckliche Artikel** zitiert, der auch auf dieser „hahahaha, jaja, crazy times und am Ende arbeitet man eben ohne Geld, heult die ganze Zeit und schläft nicht mehr, voll lustig“-Welle reitet), das Geld und die Zeit rinnt dir aus den Fingern, Supervisor finden kein Ende und wollen, dass du noch mehr Experimente machst, noch mehr Artikel schreibst und das bitte alles im letzten halben Jahr, die zweieinhalb davor haste ja auf Kurse verwendet und darauf, die dämlichen Fehler anderer PhDs zu reproduzieren, weil es keine vernünftige Methodendokumentation auch über missglückte Experimente gibt***. Mehr Geld kannste dir abschminken. Es ist ja jetzt sogar das Abschlussstipendium abgeschafft worden, warum eigentlich, lieber Institutsleiter?

„Die Fakultät möchte keine Anreize schaffen, dass Projekte verzögert werden.“ (Dschiezes, und das ist den PhD-Studierenden ihre Schuld oder wie? Aaaarrrrrgh!) Und wieviele Studenten haben das mitentschieden? „Das kam von der Fakultätsleitung direkt, äh, da sind, äh, keine Studenten vertreten.“

Gut. Also nicht gut, es wird sich finanzierungsmäßig für die nachfolgenden Studierenden überhaupt nichts ändern, aber wenigstens sind mal ein paar deutliche Worte gefallen, nämlich „Ihr seid so wichtig, ihr macht die ganze Forschung und publiziert die Artikel!“ – „Ja, und es scheint euch ganz egal zu sein, wie wir das schaffen.“ Da herrschte dann betretenes Schweigen.

Und was ist die Lösung für die Misere mit dem Geld und den drei Artikeln in drei Jahren (Post-docs haben übrigens für einen Artikel zwei Jahre und haben normalerweise auch noch eigene Studenten, die, wenns gut läuft, den Großteil der Laborarbeit erledigen) und des Supervisors, die erwarten, dass man 30 Stunden am Tag an 8 Tagen die Woche bis zum Tag der Abgabe im Labor steht? „Engagiert euch in der Hochschulpolitik.“

Ähhja. Wann genau? Definitiv nicht im letzten Jahr, im ersten auch nicht (die Kurse!). Und dann? Ich erinnerte an die abgeschafften Stipendien, zu denen man auch keine Studierenden befragt hatte, auch keine in Organisationen. Ja, äh, hmm, ja, das stimme natürlich, aber wenn man Einfluss nehmen könnte, dann durch so Gremien.

Meine Kollegin brachte auch nochmal das Thema „Unterstützung bei psychischen Problemen“ auf, ich erzählte die total unlustige Geschichte, wie ich versuchte, über die Uni Hilfe zu bekommen und die einzige Anlaufstelle die ich fand, die „Karriereberatung“ (bei Cecilie <3) war, die dann keine war sondern eine Therapiesession im Schnelldurchlauf, mit Taschentuchverbrauch wie bei ner Fernsehhochzeit. Meine Kollegin beharrte darauf, dass es niederschwellige Angebote geben müsse, vor allem auch vorbeugend, dass man den neuen Studierenden gleich sagt: pass auf, im Winter musst du Vitamin D nehmen, du kannst über den Studenten- oder den Angestelltensport zum Beispiel Yoga machen (oder Kickboxen oder was auch immer dich entspannt) und wenn es dir dreckig geht und du das Gefühl hast, du stehst vor der Wand, diese Person hört dir zu und der kann man auch einfach mal ne mail schreiben. Und mach am Anfang deines PhDs ein Projektmanagement-Seminar und schreib ein Review-Paper. Bei den praktischen, konstruktiven Vorschlägen schrieben die Fakultätsmenschen alle ganz eifrig mit, ich gebe also die Hoffnung noch nicht auf, dass da vielleicht was zum Guten hin geändert wird. Wenn schon weder die drei Artikel-Regel fallen wird (aber der Institutsleiter hat gesagt, er schaut nochmal, ob der Punkt „Teile der Arbeit dürfen nicht schon in anderen Arbeiten verwendet worden sein.“, bei kumulativen Dissertationen so viel Sinn macht) noch die Geldproblematik sich ändern wird.

Dann war es fünf vor drei, der Institutsleiter sagte noch schnell, zu wem wir gehen müssen, falls wir mal das Gefühl haben, irgendwer verhalte sich in irgendeiner Form übergriffig und dass das selbstverständlich dann ernst genommen würde und dann war die Zeit leider um, bevor wir den Punkt „nach dem PhD“ überhaupt angerissen hatten. Beim nächsten Mal dann.

Und dann bekam ich Migräne, aber das ist ein anderes Thema. Oder auch nicht.

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*Für viele von uns das zentrale Problem. Niemand von uns erwartet, die drei Jahre auf einer Arschbacke abzusitzen und mit Management-Posten belohnt zu werden. Aber ein publizierter und zwei Erstautor-Artikel in drei Jahren, auf echten Experimenten**** fußend, das ist der helle Wahnsinn und nur mit tierisch viel Glück und support zusätzlich zur vielen Arbeit zu schaffen.

**den ich hier nicht verlinken kann, warum auch immer, aber wenn Sie norwegisch können und das hier in ihren Browser kopieren, müsste es trotzdem gehen: http://www.universitetsavisa.no/ytring/2017/09/27/Å-fullføre-en-doktorgrad-69177.ece

***Bei mir schon und das ist auch ein Grund, weshalb ich, wenn ich Studenten was erkläre, immer lang und breit ausführe, welche dummen und nicht so dummen Fehler ich schon gemacht hab.

****Kein Affront, aber ich habe gesehen, mit was für Artikeln MDs promovieren und unsere Artikel sind eben ein bisschen anders als „Ich teste Medikament X (Standardtherapie) gegen Medikament A plus Massage an 50 Leuten, mach ne Statistik dazu und fertig“.