Tag 1178 – Schniefhust (und eine Erleichterung).

Uns hat alle die Spontanerkältung erwischt. Von „bis auf ein bisschen Halskratzen ganz ok“ auf „Nase fühlt sich an wie mit Watte ausgestopft und läuft unaufhaltsam, Husten und Gliederschmerzen“ in ca. 2 Stunden. Nämlich genau so lange, wie Michel in der Kinderdisco war.

Er hatte da viel Spaß mit (dank?) seiner „coolen Frisur“.

Ich war heute mal wieder in geheimer Mission unterwegs und bin jetzt die letzte Verbindung zur Chipsfabrik los. Also, abgesehen davon, dass da noch zwei (eigentlich aus Gründen drei, aber das ist… kompliziert) Gehälter ausstehen natürlich. Aber für die muss ich mit keinem da mehr reden, da muss ich letztlich nur noch die Füße hochlegen und auf den Konkurs der Firma warten.

Ach, eigentlich war es ein guter Tag. Ein sehr guter. Und ich freue mich jetzt einfach auf die nächste Woche, ich werde meine Nähmaschine und mein Sportprogramm wiederbeleben und hier im Haus rödeln und es uns endlich fertig hübsch machen. Also, solange alle bis dahin wieder fit sind, natürlich.

Tag 1174 – Letzte Male.

Heute zum letzten Mal die Pille genommen, außerdem zum letzten Mal den Arbeitscomputer geleert. Jetzt muss ich das Ding nur noch elegant loswerden und zwar ohne, dass gewisse Leute denken, sie hätten mit gewissen Praktiken Erfolg, und aber bitte auch ohne dass ich für die nächsten fünf bis zwölf Monate Arbeitssuche das Damoklesschwert „wir haben Ihren letzten Arbeitgeber kontaktiert“ über mir schweben habe.

Das ist nicht zu schaffen und ich habe darüber heute schon sehr viel mehr Tränen vergossen als gut ist oder ich auch nur zugeben möchte.

Leider war auch die Polizei keine Hilfe. Ich bräuchte wohl ne Anwältin, aber die einzige, damit der ich Kontakt hatte, riet auch dazu, ihn halt gewinnen zu lassen.

Und da sind wir wieder an dem Punkt, an dem ich gern wer anders wäre. Jemand, den Unrecht nicht so auf die Palme bringt. Der Niederlagen nachdem die Gegenseite gefoult und geschummelt hat einfach einsteckt. Der den Verrückten einfach gewinnen lassen kann um (vielleicht? hoffentlich?) fortan seine Ruhe zu haben.

Aber ich bin nicht so und es ist scheiße. Ich hab mal (übers Fahrrad fahren) gewitzelt, dass man mir auf meinem Grabstein „Aber sie hatte Vorfahrt!“ meißeln könnte, aber man könnte das auch größer fassen und „Aber sie war im Recht!“ nehmen, ich kann’s halt nicht gut, das Nachgeben. Nicht mal wenn die Gegenseite vermutlich einfach wirklich nicht richtig tickt und dementsprechend diese ganzen Logik- und Rechtsschlussfolgerungen gar nicht gelten.

Gnah. Wo ist der spontane sechswöchige Karibikurlaub mit der Familie wenn man ihn mal braucht?

Tag 1169 – Wut, Angst, mehr Wut.

Es gibt vieles, das verstehe ich einfach nicht. Mein Horizont ist zum Beispiel zu eingeschränkt um zu verstehen, dass Leute sich nicht an Deadlines halten oder meinen es sei ok 2 Stunden eher oder später als verabredet zu Besuchen aufzulaufen.

Ich verstehe auch nicht, dass es Leute gibt, die fern jeder Realität sich die Welt machen wiedewiedewie sie ihnen gefällt. Die gegenüber der einen Person sagen, sie seien ja für nichts verantwortlich, leider leider, nur Berater hier, krieg nicht mal was bezahlt, so arme Wurst, dann aber wiederum meinen, sie könnten Dinge einfordern. Die zwar gaaaaar kein Geld haben, deshalb weder die Angestellten noch sonst irgendwelche noch so kleinen Rechnungen bezahlen können, aber die Firma, die gehört ihnen, zu 50%, und damit auch die Entscheidungsgewalt über die Arbeitskräfte, nämlich. Aber Konkurs melden, das können sie die Firma nicht, noch nicht mal die Firmenpost abholen. Die kündigen, aber dann weiter Projektleiter sein wollen.

Oder doch, ich verstehe das schon, ich verstehe das wie ich Leute verstehe, die Konflikte lösen, indem sie dem Gegenüber eins auf die Mappe hauen. Es ist halt eine kindische Art, sich die Rosinen aus dem Verantwortungskuchen herauszupicken. Macht ja, Verpflichtungen nein. Immer Bestimmertag haben, ohne den Abwasch nach dem Kindergeburtstag machen zu müssen. Geiles Leben. Hätte ich auch gern.

Ich bin aber nicht mehr 7 und weiß dass das nicht geht. Mit 72 sollte man das erst recht wissen.

Was man mit 72 auch wissen sollte, auch mit 7 oder mit 17: wenn dir wer sagt, du sollst nicht vorbei kommen, dann steh nicht einfach plötzlich vor der Tür.

Das nächste Mal rufe ich nämlich die Polizei. Da hilft dir dann auch keine Drohung, wem du alles erzählen willst, was für ein schrecklicher Arbeitnehmer ich bin.

Tag 1154 – Back in the game (for now).

Heute habe ich gearbeitet. Haha. Ja, doch, echt. In der Chipsfabrik, mit dem Chipsmann. Ich weiß jetzt, wie der italienische Kollege es da ausgehalten hat, ohne verrückt zu werden: er wusste, dass er da bald weg ist. Mir ist jetzt, mit der Kündigung in der Tasche, alles einigermaßen egal. Der Chipsmann kann seine Ideen ventilieren, er kann leugnen, Sachen gesagt zu haben, er kann von mir aus sogar versuchen, Verantwortung auf mich abzuwälzen, er kann versuchen mir Angst zu machen, damit ich einknicke und gewisse Dinge rückgängig mache, kann er alles machen: ist mir egal. Bald bin ich da weg. Mit Glück noch diese Woche und dann ist es gegessen, falls Pippi sich morgen früh wirklich als zu warm erweist* vielleicht noch bis Ende des Monats, aber das halte ich dann auch noch durch und wenn nicht, gehe ich halt wieder zur Ärztin. Er kann mir nichts und ich lasse nicht zu, dass er mich kaputt macht. Das ist jetzt mein Mantra.

Morgen sowieso erstmal wieder kein normaler Arbeitstag, denn ich habe… was vor, ich möchte noch nicht so viel drüber reden. Donnerstag auch nicht normal, denn es kommt hoher Besuch in die Firma (möchte ich auch noch nicht so viel drüber reden), Freitag normal, ab Montag will der Chipsmann in Tromsø sein. Oder in Finnsnes. Oder sonstwo, jedenfalls nicht in der Chipsfabrik.

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*Montag soll ja die Mandel-OP sein, dafür muss sie aber gesund sein. Ein fiebriger Infekt, der jetzt ganz schnell wieder abklingt wäre da vielleicht noch im Rahmen, eine fette Erkältung eher nicht. So ein Mist, dabei dachte ich im Urlaub, als sie fröhlich vor sich hin schnodderte noch „besser jetzt als nächste Woche“. Hrmpf.

Tag 1142 – Ende mit Schrecken.

Heute kann ich es erzählen, denn es hat geklappt.

Gestern war meine geheime Mission, vor dem Büro des Finanzmannes der Chipsfabrik herumzulungern und ihn dazu zu zwingen, mit mir zu reden. BEVOR der Chipsmann ihn auch aus der Firma kickt und ich gar keinen Verbündeten mehr da habe. Dann war aber der Finanzmann gestern gar nicht da, oder jedenfalls nicht als ich da war, aber die Anrufe der Rezeptionistin des Gebäudes ignoriert er im Gegensatz zu meinen nicht und so hatte ich ihn immerhin an der Strippe und konnte ihm ein Versprechen abringen, mich anzurufen. Was er dann auch tat*, aber erst nachmittags. Da sagte er schon, dass er mir gerne kündigen kann, wenn ich das will, Geld ist ja für mich eh nicht da und dementsprechend kann er das über den Chipsmannkopf weg entscheiden. Noch. Denn noch ist er da, auf dem Finanzmann-Stuhl. Heute sollten wir nochmal telefonieren.

Überraschend taten wir das auch. Aber nur ganz kurz, er hat mir erstmal ein Zugticket erstattet. Dann sollten wir nochmal telefonieren.

Als er endlich wieder anrief, hatte ich schon resigniert. Und saß auf dem Klo. Aber was soll’s, Kackgespräche kann man ja auch beim… lassen wir das. Jedenfalls tippte er am Telefon meine Kündigung. Ich wurde noch schnell los, was ich sagen wollte, nämlich: Der Chipsmann versucht dich rauszudrängen, ich dachte das solltest du wissen. Und: Jemand muss doch diesen Menschen stoppen. Der Finanzmann sagte daraufhin ein paar kryptische Dinge, die ich noch nicht fertig gedeutet habe, aber, hey, der Finanzmann und ich sind noch auf der gleichen Seite und „Also wenn er [der Chipsmann] die Firma übernehmen will, kann er gerne alle Posten haben!“ klang in Verbindung mit der Kryptik so, als würde der Finanzmann das Schiff jedenfalls nicht verlassen, ohne vorher nochmal ordentlich draufzukacken, aber das kann ich mir in meinem müden, überreizten und wunden Gehirn natürlich auch eingebildet haben.

Und dann sagte ich noch „Danke.“

Es war dann wirklich höchste Eisenbahn Pippi abzuholen, deshalb fuhr ich los, die mail** mit meiner Kündigung kam dann aber tatsächlich nach fünf Minuten und ich musste an einer Bushaltestelle erstmal rausfahren und einen großen Schwall Erleichterungstränen loswerden.

Es ist vorbei. Bis Ende Oktober muss ich offiziell noch, aber da Pippi ja operiert wird und ich heute auch nochmal bei meiner Ärztin*** war und wegen meiner galoppierenden Kaputtheit wieder krank geschrieben bin, beträgt meine Restzeit in der Firma allerhöchstens anderthalb Wochen.

Es ist vorbei.

Dobby is a free elf.

Was für eine irre Geschichte.

P.S. Der Chipsmann antwortete auf „Der Finanzmann hat mir gekündigt.“ übrigens „Sorry. Danke für die Info.“

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*Wenn er das nicht getan hätte, wäre ich halt heute wieder da gewesen. Und wenn er da wieder nicht da gewesen wäre, wäre ich heute Abend bei ihm zu Hause aufgelaufen. Aber diese ordentlich grenzüberschreitende Eskalation war ja Gottseidank nicht nötig.

**Nein, das ist natürlich nicht wasserdicht so, aber wo kein Kläger, da kein Richter, nicht wahr? Die Kündigung, die ich im Namen der Firma schon verfasst in der Tasche hatte und die nur noch seiner Unterschrift bedurft hätte, wäre allerdings rechtssicher gewesen. Nur mal so.

***“Das ist erlaubt! Es ist erlaubt, schwach zu sein und nicht mehr zu können!“ ist so ein Satz, da bin ich für die Taschentücherbox dann doch mehr als dankbar.