Tag 2541 – Auf dem Heimweg.

Ich wusste bis letzte Woche nicht, dass es im Flugzeug Dreipunktgurte gibt, und ich wüsste auch nicht so richtig, wozu das gut sein soll, aber egal. Nach einer Woche freue ich mich auf zu Hause, freue mich auf die Horizontale und freue mich auf Temperaturen unter 30 Grad. Mein Plan ist, zwischen den Mahlzeiten im Flugzeug durchzuschlafen. Mal sehen, ob das klappt. Cheers jedenfalls!

Ich sehe etwas mitgenommen aus, so schlimm ist es eigentlich gar nicht.

Übrigens haben wir aus Gründen etwas vom Hersteller geschenkt bekommen. Jeder und jede von uns eins:

Bestes Fidget-Toy.

Insgesamt war das alles sehr spannend und sehr gut. Hach. Den besten Job, den ich mir wünschen könnte, habe ich!

Tag 2532 – Nicht cool.

Ich würde gerne behaupten können, dass ich diese Reise routiniert und tiefenentspannt angehe, weil ich ja dauernd reise, aber dieses Mal ist halt alleine (ohne meine Kollegin und meinen Kollegen, mit einem Inspektor aus einem anderen Land, den ich bisher nur auf Bildschirmen gesehen habe) und über mehrere Zeitzonen hinweg. Ein Drittland. Irgendwann musste das ja passieren, aber jetzt ist es sehr real und uff. Wahhh.

Einzig beruhigend, dass ich erfahrungsgemäß souverän rüber komme, egal wie sehr ich mir vorkomme wie ein verkleidetes Kind.

Tag 2527 – Kaltstart.

Heute Morgen habe ich verschlafen. Das ist auch schon was her, dass mir das passiert ist. Aber um zwanzig nach sieben wachte ich auf, versuchte, auf meine Handy-Uhr zu fokussieren, und dachte SCHEISSE. Ich hätte nämlich um halb neun bei der Arbeit sein sollen, und dann muss ich um halb acht im Zug sitzen. Naja, ich saß stattdessen um fünf vor acht im Zug, was ich beachtlich finde, besonders wenn man einbezieht, dass ich da angezogen und mit geputzten Zähnen, geschminkt und mit gemachten Haaren saß (ein Hoch auf die Kurzhaarfrisur und ein 5-Minuten-Basismakeup, das ich wahrscheinlich auch im Schlaf machen könnte).

Allerdings war ich, bis ich dann bei der Arbeit war, auch echt verstrahlt und neben der Spur.

Dafür habe ich aber heute meine Testcases durchgeorgelt und bin jetzt fertig. Morgen noch meine Chefin durch ihre drei Cases begleiten und dann ist die erste Runde durch. Wird auch Zeit, ich hab nach morgen eigentlich nur noch einen Arbeitstag an dem ich was testen könnte, dann ist Inspektion, dann ist Jetlag, dann sind Ferien.

20 Fehler im Akzeptanztest in meinem kleinen Bereich.

Die Kinder haben ab morgen um 12 Uhr Sommerferien. Ich bin ein bisschen neidisch. Michel tut schon so, als lese er ganz viel, weil es da einen Sommer-Lesewettbewerb gibt. Pippi ist erkältet, was zur Zeit heißt, dass sie zu Hause immer wenn sie da ist nur nölt, aber fast nie da ist, weil Sommer ist und alle Kinder der Reihenhaussiedlung, außer Michel, beieinander ein- und ausgehen.

Kaum zu glauben, dass schon wieder ein Schuljahr rum ist.

Tag 2526 – Die Geister die ich rief.

Ich sagte, ich wolle mal wieder was anderes machen als testen. Und heute kam ich einfach nicht mehr ins System. Fehlermeldung mit kryptischen Zahlenreihen und wenn ich die wegklickte ging einfach der ganze Browser zu. So hatte ich mir das allerdings nicht vorgestellt. Nachdem auch Neustart und Fluchen nichts brachte, gab ich auf, sagte dem Testteam Bescheid und verbrachte den Vormittag damit, den Screenshot der Fehlermeldung diversen Menschen zu schicken, die alle „hmm.“ dazu sagten. Ab der Sekunde, in der ich eigentlich Essen gehen wollte, ging es wieder, nach dem Essen musste ich meiner Chefin erklären, warum die Inspektionstypen in der Testumgebung so Namen haben wie „AT Inspektion Auftrag EMA“ und nicht „GMP-Inspektion“ (weil ich so auf einen Blick weiß, was das für ein Inspektionstyp ist, welche Parameter der hat [hier: Auftrag EMA] und dass ich den eigens fürs Testen eingerichtet habe). Dann hab ich erklärt, wie man komplexe Suchanfragen an das System stellt und warum uns das bei $Problem nicht weiter hilft. Das hatte ich auch schon versucht, diversen Entwicklern zu erklären, erfolglos leider. Chefin explodierte daraufhin aber ein bisschen und ich konnte nur immer wieder sagen „ich WEISS das das scheiße ist, das sage ich seit Januar, aber mir hört niemand so richtig zu!“. Spitze gelaufen der Tag.

Erfolg: am Ende des Tages hörte mir jemand zu und aus „out of scope, schade Schokolade“ wurde „ja, die Ansicht, dass das kritisch ist, teile ich voll und ganz und das muss auf jeden Fall in den Scope!“. Erst nachdem ich gesagt hatte, dass wir dafür sogar schon ein Szenario haben, mit Akzeptanzkriterien und so weiter, aber immerhin.

Die Arbeit, das zu implementieren, ist übrigens auf 6 Stunden geschätzt. Da haben wir bereits wesentlich mehr Zeit damit verbracht, zu diskutieren, ob das jetzt out of scope oder total kritisch ist.

Egal. Ebenfalls Erfolg: abends zum Sport gegangen und jetzt kann ich mich wahrscheinlich wieder drei Tage lang nur eingeschränkt bewegen und muss beim Lachen vor Schmerzen stöhnen, aber gut war das. Jetzt ist leider bis Ende August nichts mehr.

Tag 2525 – Testeditest…

Die kleine R. möchte bitte aus Testhöllenhausen abgeholt werden. Die kleine R. würde wirklich gern mal langsam wieder was anderes machen. Mit eisernem Willen wird die kleine R. morgen fertig und muss dann auch echt dringend mal ein paar testfreie Tage haben.

Vielleicht besorge ich zur Schulungswoche nach den Ferien einfach ganz viel Schnaps, dann können wir uns das System kollektiv schön saufen.

Nie mehr mache ich sowas, ich schwöre. Productownership ist NICHT vereinbar mit meinem Job, nicht in dieser Organisation, in der erwartet wird, dass man das irgendwie so nebenher wuppt.

Genauso wie man halt nebenher noch nen Vortrag vorbereitet und vor Fachpublikum hält. Und eine Inspektion in einem dieser Drittstaaten vorbereitet, mit allem was dazu gehört, zum ersten Mal. Mein Kollege kriegt hinterher nen sehr großes Lakritzeis spendiert, weil der echt viel hilft, mit so Dingen wie „hast du den MAH angeschrieben, dass sie dir ne Bestellnummer für die Rechnung schicken? Du kannst da Artikel blabla aus Regulation dingsbums referenzieren wegen der Kostenübernahme.“ äh, ok, ja.

Wenn ich da aber nicht bald mal die Tonnen von Dokumentation gelesen kriege, wird das eine Lächeln-und-Winken-Aktion, ein bisschen wie dieser Vortrag. Der aber überraschend gut lief, so insgesamt, ich bin ja gut im kompetent auftreten und locker flockig improvisieren. Frisst nur vorher, währenddessen und nachher alle meine Nerven.

Tag 2519 – Stillarbeit.

Ich kann eigentlich leider gar nicht mehr sprechen, sondern nur noch flüstern. Ach wäre doch nur ein Tag gewesen, an dem ich nicht hätte reden müssen. Haha.

Testen läuft so lala, gestern ok, heute scheiße, weil die Umgebung erst nicht fertig war, dann hatte ich Meetings, dann musste ich erst mal Gedön ins System legen, damit meine Kolleginnen eine Grundlage zum Testen haben, und dann war 14 Uhr und die Umgebung wieder nicht fertig (weil dann deployed wird. Fragen Sie mich nicht, was dabei genau passiert oder warum wir in der Zeit nicht testen können, aber es klingt doch, als hätte ich voll Ahnung, oder? „Wir können nicht testen, die Entwickler deployen in die Testumgebung.“).

Alles andere bleibt grad liegen und ist so viel und so dringend, dass ich gar nicht drüber nachdenken darf, sonst lähmt mich die schiere Masse.

Wegen keiner Stimme ließ ich den Sport heute ausfallen. Ansonsten bin ich zwar recht fit, aber das kann nicht gut sein, denke ich mir.

Seit heute Nachmittag hab ich auch einen sehr nervigen Ohrwurm, von „Und es regnet“ von Die Ärzte. „Vertrocknet ist die rote Rose, ich huste rote Brocken aus. Ich glaub ich hab Tuberkulose, doch ich will nicht ins Krankenhaus. Ich will bei dir sein, ich bin so allein, ich will bei dir sein, immer bei dir sein.“

Tag 2514 – Das IT-Projekt…

… droht vollends zu eskalieren, es ist schon wieder verspätet und Teile davon werden halt auch einfach nicht so richtig gut. Ich arbeite dran, mich selbst nicht dafür verantwortlich zu fühlen, aber das ist gar nicht mal so leicht.

Das einzige gute ist, dass sich tatsächlich mal was „von selbst“ gelöst hat. Dadurch, dass das Projekt verspätet ist, muss ich keine Vertretung organisieren, die für mich in wichtigen Meetings sitzt, während ich in einem Interkontinentalflug sitze. Weil die Meetings ebenfalls verschoben wurden. Tadaa.

Tag 2511 – Mehr Arbeit.

Heute 1,5 Überstunden gemacht, für eine (1) Dokumentvorlage. Also die war nicht innerhalb von 1,5 Stunden gemacht, nicht dass Sie das falsch verstehen. Die hat den kompletten Arbeitstag gefressen und 1,5 Stunden mehr. Ich hasse das IT-Projekt gar sehr.

Dafür war zur Belustigung, was norwegischer nicht sein könnte: ein Freizeitpark hat gestern lanciert, dass man für x Geld demnächst einen „Expresspass“ kaufen können soll, mit dem man dann nicht so lange anstehen muss. Das ist Kapitalismus, möchte ich sagen, Geld regiert die Welt, wer seine Kinder wirklich liebt (oder das „WIE LAAAAANGE NOCH???“-Genöl nicht dauerhaft erträgt), greift doch gerne noch ein bisschen tiefer in die Tasche als eh schon. Der Kapitalismus will das so. Sehr viele Norweger*Innen haben bei der letzten Stortingswahl kapitalistische Parteien gewählt, die ganz überwiegende Mehrheit sogar. Das Konzept ist jetzt auch nicht neu, nicht mal in Norwegen, ich sage nur Fast Track am Flughafen, und auch der Tierpark in Kristiansand hatte sowas letztes Jahr, meine ich mich zu erinnern. Aber DER SHITSTORM! Wie es hier abging! Vordrängeln geht gar nicht, da sind sich die Norweger*Innen einig, das verletzt alle grundnorwegischen (eingebildeten) Gleichheitsprinzipien, und entsprechend war das Medienbild ein ganz kleines bisschen aggressiv (DER SHITSTORM!) und heute ist der Freitzeitpark eingeknickt und hat die Pläne auf Eis gelegt. Tadaaaa. Sozialismus rules. Nur dass wir keinen haben, sondern wachsende soziale Ungleichheit, vor der wir aber da, wo es wirklich drauf ankommt (also eher so Gesundheit und Bildung und nicht eh schon sauteure Freizeitparks), fleißig die Augen verschließen, weil nicht sein kann was nicht sein darf. Lieber wegen Expresspässen im Freizeitpark alles anzünden und mit der Moralkeule um sich schlagen. Die finanziell schlecht gestellten Kinder können ja einfach ein bisschen näher an der Tafel sitzen, wenn sie nicht gut sehen.