Tag 2633 – Go.

Against all odds haben wir heute den IT-Projekt das Go gegeben. Wir haben es getestet und es ist so halb ok, brauchbar und in zwei Wochen wird es dann in Betrieb genommen. (Da bin ich nicht da, deshalb nehmen die Inspekteur*Innen es später in Betrieb.)

Es war holprig und heute waren überall sehr viele Arme und Beine, wie man auf Norwegisch sagt. Meine eine Kollegin hätte im Meeting glaube ich fast geheult, weil insbesondere für sie der Endspurt extrem stressig war, aber jetzt ist es erstmal vorbei. „Vorbei“, haha, es wird ja „kontinuierlich daran weiter entwickelt“. Jajablabla, aber wenigstens muss ich nicht mehr täglich in drei Stand-Ups meine Lebensentscheidungen infrage stellen meine Nase in die Kamera halten. Des Weiteren muss ich nicht mehr mit echt unangenehmen Personen zusammenarbeiten. Hurra.

Außerdem heute: den Schlussreport der Inspektion in den USA unterschrieben, das ist also jetzt sozusagen abgeschlossen. Wow. So geschmeidig sollte das mal immer laufen.

Michel „muss“ jetzt Japanisch lernen. Er hat innerhalb von zwei Tagen fünf Kirby-Mangas (in Buchform) eingeatmet und die weiteren sind nicht übersetzt, es ist eine Katastrophe, sage ich Ihnen, und es gibt keine andere Lösung, als Japanisch zu lernen. Soll er machen, schadet sicher nicht. Persönlich bin ich grad eher auf Koreanisch gepolt, aber jede*r hier im Haus darf ja seine eigenen Seltsamkeiten haben.

Tag 2631 – Platt.

Heute gutes Sushi und einen Haufen Edamame gegessen, ansonsten nicht wirklich viel positives zu berichten.

Anekdote: mitten in der Inspektion, während ich grad im Labor stand und meine Kollegin sich was zeigen ließ, klingelte mein Handy. Das stand auf nicht stören und das heißt, man muss mindestens zwei mal direkt nacheinander anrufen um überhaupt durchzukommen. Und es war Michel, also ging ich ran, vermutend, dass mindestens das Haus brennt oder Herr Rabe mit gebrochenem Genick am Fuß der Treppe liegt. „MAMA?“ brüllte er ins Telefon. „Ich kann grad wirklich nicht, du musst bitte Papa anrufen!“ „Aber Papa kann auch nicht und ich muss was ganz wichtiges sagen!“ [also brennt das Haus, dachte ich] „Hm ok, was ist denn?“ „Ich sehe den Kronprinzen!“ „Was?“ „Den Kronprinzen! Ich sehe den Kronprinzen!“ „Äh, ok?“ sagte ich, aber da hatte Michel schon aufgelegt.

Tag 2630 – Hotelzimmereinsicht.

Interieurtraum vs. Kundenwunsch.

Frage mich ernsthaft, wer auf solchen Thronen schlafen kann. Jetzt grade liege/sitze ich auf dem Thron und schreibe, und nicht mal dazu ist es bequem. Ich nehme jetzt also immer mein Reisekissen mit. So.

Außerdem heute in diesem Kino: ich bekomme die Levaxindose schon wieder nicht auf. Das ist eine neue Dose, die alte, die mir eine Narbe am Zeigefinger eingebracht hat, ist endlich leer. Aber das ist offenbar der selbe besch*ssene Dosenbatch, denn auch diese geht nicht auf. Gestern Abend hab ich mit nem Messer geprökelt, heute nach der Ankunft im Hotel hab ich es probiert und es ging (sonst hätte ich die Dose mit zum Essen genommen und meine Kollegin gebeten, sich die Finger aufzuschlitzen es mal zu probieren), jetzt liege ich im Bett und es geht wieder nicht. Beziehungsweise ging, dieses Mal habe ich mit der Nagelfeile geprökelt. Aber Prökeln kann doch keine Dauerlösung für die nächsten 96 Tage sein! (Und was machen alte Menschen mit Arthrose in den Händen, hypo werden wegen wehrhaften Dosen? Oder kommt da der Pflegedienst und flext die Dose auf?)

Hrmpf.

Von der Inspektion darf ich wie immer nichts erzählen, daher nur noch die Hotelzimmeraussicht:

Tag 2626 – Allein zuständig.

Herr Rabe ist mit seiner Firma nach Rom gefahren. Also für Spaß, nicht zum arbeiten. Das wird bestimmt gut und sei ihm gegönnt. Ich habe dafür am Montag ein Meeting mit dem Titel „Namaste“, bei dem wir so sexy Dinge machen wie die indische Covid-Kontakttracing-App runterladen. Ha.

Übrigens kosten mobile Daten in Indien 4€/MB und der Mobilfunkanbieter der Jobtelefone hat kein Datenpaket für Indien im Angebot. Äh, ja. Könnte teuer werden.

[Hier stand ein langer Rant über das IT-Projekt. Eine Woche noch. Eine Woche noch niemanden erwürgen.]

Apropos IT und Mobilfunk: seit Tagen versuchte ich, Karten für die Philharmonie zu bekommen, nämlich ein Mal ein Filmmusikkonzert und ein Mal ein Konzert der „Jungen Philharmonie“ mit unter anderem Prokofievs 2. Violinkonzert. Das eine mit der ganzen Familie, das andere nur Herr Rabe und ich. Aber bezahlen mit Mastercard ging nicht. Seit Tagen stand da der selbe Bescheid auf der Homepage: Mastercard geht grad nicht, bitte warten oder andere Karte nehmen. Heute wurde es mir zu doof und ich fragte meinen Kollegen sehr lieb, ob ich ihm den Betrag Vippsen (also, äh, schnell transferieren nur mit Handynummer) könne und er kauft die Karten. Das war dann aus Gründen doch ein bisschen schwieriger, aber am Ende hat er mit seiner Visa-Card bezahlen können und jetzt haben wir Karten. Hurra. Was für ein Aufriss.

Ansonsten war ich kurz mit Pippi einkaufen, denn sie will unbedingt morgen Muffins backen und zu ihrem Freund (ja, das haben Sie richtig gelesen), den sie morgen besucht, mitnehmen. Einkaufen war kein Problem, aber als ich die Gurke (nicht für die Muffins, sondern für die Meerschweinchen) in den Kühlschrank räumen und gleich drei Eier zum Aufwärmen rausholen wollte, zerschmetterte ich erst mal zwei der Eier auf dem Boden. Rohes Ei lässt sich ja mal gar nicht so gut aufwischen.

Tag 2624 – 3/3 abgeschlossen.

Es ist vollbracht. Auf allen Seiten waren alle am Ende zufrieden, das ist ja auch immer schön. (Auch immer wieder verwunderlich für mich, dass sich Leute bedanken, dass wir tagelang deren Schlechtigkeiten ausgebuddelt haben und denen am Ende diese vor den Kopf knallen. Andererseits würde eine Consultant für die selbe Arbeit echt viel Geld nehmen, und da hätte man außer nem Knacks in der Krone noch nicht mal irgendwelche Konsequenzen zu befürchten.)

Danach fuhr ich ins Büro, wo im IT-Projekt alles brennt, wie ich erfuhr. Auch… schön. So unerwartet! Mir egal, wir sind durch, wir warten nur noch auf die gefixten Defects zum Re-Test.

Da ich Pippi zum Tanzen fahren wollte, ging ich früh und stand dann sehr lange am Bahnhof rum, weil schon wieder irgendwas war. Irgendwie ist da grad sehr der Wurm drin, in diesen Zügen. Pippi war trotzdem pünktlich beim Tanzen, allerdings ohne Schläppchen (weil sie die nicht dabei hatte), mit nur einer Socke (weil die andere „in der Schule einfach so abgefallen“ ist) und mit einem sehr dreckigen Fuß (war halt keine Socke mehr dran). Naja. Gut, dass die mich in dem Ballettsenter gar nicht kennen oder wissen, dass ich Pippis Mutter bin. Ach so, oh.

Danach Kopfschmerzen und null, was sage ich, minus 200 Lust, noch weiter zu arbeiten. Das deshalb auch gelassen.

Tag 2623 – Fast durch und ziemlich durch.

3/3 ist nahezu fertig. Morgen noch unsere Findings präsentieren, ein bisschen diskutieren und dann habe ich einen halben Bonus-Arbeitstag gewonnen, weil wir nicht damit gerechnet haben, so schnell fertig zu sein.

Haben wir also auch das überstanden. Um eine Erfahrung reicher, würde ich sagen. Aber im Großen und Ganzen eine positive Erfahrung, ich hab wieder ein paar Dinge über mich gelernt, das ist ja immer spannend.

Was ich allerdings vorher schon wusste: unerwartete Planänderungen werfen mich aus der Bahn. Auch wenn ich von außen betrachtet die Situation souverän manage, läuft mein Hirn und mein Nervenkostüm heiß und das frisst sehr viel Energie. Ich hätte also den Test heute Morgen gar nicht gebraucht, der entstand, als ich um 07:28 Uhr am Bahnhof ankam, dort kein Zug war und alle Züge, inklusive dem, der um 07:30 gehen sollte, gecancelt waren. Signalfehler. Ich hatte das kleine Auto, mit dem kommt man kaum bis zum Flughafen, also schwang ich mich in das erstbeste am Bahnhof stehende Taxi. Mein Plan war, zum Flughafen zu fahren um dort dann in den Zug zu steigen. Ich fragte noch die ratlos herumstehenden Pendler*Innen ob jemand mitfahren und das Geld teilen möchte, aber wurde nur angeguckt wie ein Auto. Tjanun. War für uns alle die erste Stunde und ich war ein wenig in Panik, also fuhr ich allein. Auf dem Weg fand ich heraus, dass der Signalfehler am Flughafen war und deshalb dort die Züge nicht hielten. Also bat ich den Taxifahrer, mich bis nach Lillestrøm zu fahren. Ka-Tsching, dachte der vermutlich. Eine Stunde später (es war Stau, natürlich, denn auf der Strecke ist morgens immer Stau) war ich 1366 Kronen auf der Kreditkarte im Minus, und noch mal 30 Minuten später hatte ich Rückerstattung von 1366 Kronen bei der Zugbetreibergesellschaft beantragt*. Noch mal 20 Minuten später war ich 20 Minuten zu spät statt 25 Minuten zu früh bei der Inspektion. Meine Kollegin hatte schon mal angefangen, Teams sei Dank konnte ich sie darauf vorbereiten, dass ich wohl zu spät kommen würde und mit ihr besprechen, womit sie schon mal anfangen kann. Aber puh, ey, so viel Aufregung am frühen Morgen macht mich echt gar im Kopf.

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*ich bleibe nicht auf den Kosten sitzen, aber habe auch keinen Nerv, dann im Zweifel was an meinen Arbeitgeber zurückzuzahlen. Ich mag geregelte und eingleisige Geldflüsse.

Tag 2619 – 3/3 Tag 3.

Die Woche ist um. Hurra! Das war eine heftige Woche, aber, halten Sie sich fest: es war auch schon schlimmer.

Krass ist allerdings der Unterschied zwischen „Lead sein mit erfahrenen Inspekteuren“ und „Lead sein mit frisch zugelassenem Inspekteur“. Das KANN echt viel Verantwortung und Zeitmanagement für zwei Personen mit sich bringen. Das habe ich mit meinen anderen KollegInnen so nicht, die kommen alleine gut klar. Es hat also Gründe, dass ich so geschlaucht bin. Ächz. Und vorbei ist es noch nicht, aber diese Woche ist immerhin rum, ja.

Ansonsten gibt es nicht viel zu erzählen. Morgen ist der Strompreis zwei Stunden lang unter 100 Øre/kWh, da war er glaube ich seit Mai oder so nicht mehr. Ich weiß noch gar nicht, was ich alles gleichzeitig mache. Vielleicht erlaube ich den Kindern sogar, die Heizung anzuschalten*.

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*Das war: Sarkasmus.

Tag 2619 – 3/3 Tag 2.

Die Inspektion ist weiterhin nicht so schlimm wie befürchtet. Allerdings ist sie sehr, sehr anstrengend, schon allein, weil wir nicht wie furchteinflößende Monster rüberkommen sollten, sondern freundlich, kompetent, und mit offenen Karten spielend.

Damit zusammenhängend habe ich heute Morgen eine dummy-Batchdokumentation runtergekippt, die in groben Zügen umreißt, wie wir uns sowas vorstellen. Man kommt nämlich irgendwann an den Punkt, an dem einer klar wird, dass sie nur mit „das ist nicht gut genug“ nicht weiter kommt und sagen muss, was gut genug ist.

Beste Entscheidung war, kürzere Tage anzukündigen. Dadurch war ich gestern und heute noch vor der Kinder-Bettzeit zu Hause.

Jetzt bin ich platt. Gute Nacht.

Tag 2617 – 2/3.

Ganztagsseminar mit der Arbeit überstanden. War zum Teil sogar recht interessant, es gab einen unterhaltsamen und interessanten Vortrag über Digitalisierung und „künstliche Intelligenz“. Die Anführungszeichen sind da, weil das eigentlich ein nichtssagender Sammelbegriff für alles mögliche von Regressionsanalyse bis VR ist. Der Vortragende konzentrierte sich im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz auf machine learning und deep learning und was man da seiner Meinung nach (die Meinung ist schon recht fundiert, der ist Professor für Soziologie und forscht seit vielen Jahren an Digitalisierung) innerhalb von Medizin und Pharmazie schon recht bald sehen wird – unter anderem, weil es andernorts schon gemacht wird. Sehr interessant und ein bisschen gruselig.

Abends war ich in der ersten Ausschusssitzung meines Lebens. Ich bin aus Gründen jetzt im kommunalen Ausschuss für Gesundheit, Pflege und Prävention. War ja noch nicht genug zu tun, ne? Jedenfalls wundert mich jetzt gar nicht mehr, warum die heutige Politik für alte Leute gemacht zu sein scheint, denn sie ist VON alten Leuten gemacht. Ich war die jüngste, zumindest nehme ich das an, eine andere, die aber nur Stellvertreterin ist, hatte auch grad vorher ihr Kind zum Korps gebracht, dürfte also grob in meinem Alter sein. Zwei weitere Mitglieder in dem Ausschuss sind so Anfang bis Mitte 50 und der Rest (so 10 Menschen) sind Rentner*Innen. Ich war wirklich geschockt. Dabei ist es ja klar, denn wann im Leben hat man schon Zeit für sowas? Sitzung mitten in der Woche von 18:00 bis 21:30, also nach einem kompletten Arbeitstag und zu der Zeit, in der Menschen in meinem Alter Kinder herumfahren, abfüttern, Hausaufgaben machen und ins Bett bringen. Natürlich sollte man vorher noch die Dokumente gelesen haben, haha. Immerhin kann ich dank meines Jobs sehr schnell lesen und on the fly Inhalte erfassen und mitdiskutieren, sowie kompetent auftreten ohne dafür eine Basis zu haben. Jedenfalls haben normale Leute in meinem Alter unter diesen Bedingungen keine Möglichkeit, sich in derlei Aktivitäten einzubringen. Eigentlich hab ich die ja auch nicht. Also erst das System ändern – Sitzungen zu normalen Tageszeiten und man wird von der Arbeit dafür freigestellt und von der Kommune für den Verdienstausfall entschädigt wäre ein Vorschlag von mir – dann eine U40-Quote einführen. Wir haben eine Frauenquote, warum also nicht begrenzen, wieviele Rentner*Innen man problemlos in Ausschüssen und Räten platzieren kann.