Tag 739 – Mühsal. 

Das moderne Eichhörnchen hakt To-To-Listen ab. Ich bin jetzt fertig mit Zellgedöns, soll heißen, ich habe ein hübsches Panel an Zellen und knock-outs, behandelt mit TODBRINGENDEM, MUTAGENEM ZEUG und nicht, fixiert auf Objektträgern. Jetzt muss ich das „nur noch“ färben. Heute sah ich allerdings mal nach der Fluoreszenz in der einen knock-out Zelle, die also das Protein nicht hat und verdammt noch mal nicht leuchten sollte und: möööp. Genauso grün wie der Wildtyp. So eine kacke, also morgen neuen Antikörper bestellen, wenigstens kommt der aus Schweden und müsste dementsprechend schnell da sein. Und warum hat der Konfokaltyp da nicht nach geguckt, frage ich mich? Vermutlich hat der überhaupt nicht verstanden, was wir wissen wollen und warum wir ihm welche Zellen dafür geben. Es ist zum Kotzen, echt mal. Der neue Antikörper wird sich dann auch leider nicht mit dem Antikörper gegen das andere Protein vertragen, wie ich das löse, weiß ich noch gar nicht, jedenfalls ist das grade alles ein ordentlicher Mist. Und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, fragte mich dann Mr. I-Trust-You, ob ich denn „trained“ am Konfokalmikroskop sei, weil sonst dürfe ich da leider gar nicht alleine ran. Und so schrieb ich als letzte Aufgabe des Arbeitstages eine Mail an den Konfokalobermotz, ob ich bitte bald ein Training haben könnte, es eile leider sehr. Den Konfokalobermotz kenne ich vom sehen und fand ihn bisher immer diffus unangenehm, der flirtet gern auf so eine joviale Art mit sehr viel jüngeren Frauen (also… mir und meinen Mitdoktorandinnen) und naja, ich kann mich kaum halten vor Freude, dass ich dann hoffentlich ganz bald mit ihm einige Stunden alleine in einem dunklen Raum verbringen darf. Aber vermutlich ist das alles halb so wild und vermutlich ist es außerdem auch total schlau, zu wissen, was man an dem Ding da tut und nicht nur wahllos irgendwelche Knöpfe zu drücken bis die Bilder halbwegs so aussehen, wie sie sollen. 

Ach ja, und weil das ja noch nicht reichte, sprangen mir beim Nachhausekommen die Schneckeneier wieder ins Auge. Die Schnecken feiern ihren Terrarienumbau mit Kalk in der Erde und Farn in der Ecke offensichtlich hart, denn vorgestern erwischte ich eine beim Eierlegen. 

Ich kann aber keine ~100 Babyschnecken gebrauchen und es war ja auch klar, dass der Tag irgendwann kommen würde, heute war es dann soweit, ich grub die Eier aus (die eine erstaunlich feste Schale haben, wie Perlen fühlen die sich an) und fror sie ein. Alle bis auf zwei, die wollte Michel unbedingt (hier zitternde Unterlippe und Dackelblick vorstellen) „behalten“, also im Terrarium lassen. Weil die Schnecken sonst ja traurig sind und die Babys in den Eiern ja „tot werden“ (danke, mein Sohn, dass du mich dran erinnerst). Mal sehen. Vielleicht haben wir dann demnächst zwei Babyschnecken. Ganz unten im Terrarium. Jedenfalls fühlte sich das Einfrieren um die Embryos abzutöten echt viel bescheidener an, als ich gedacht hätte. Vielleicht bin ich aber heute auch einfach sehr empfindlich und emotional. 

Seufz, ab mit euch in den Gefrierschrank.

Was aber gut ist (denke ich): ich gehe jetzt schlafen. Vor 10. Hurra!

Tag 736 – Never ending story. 

Wissen Sie noch, wie ich mal sagte, ich würde jetzt das letzte Experiment machen? Ich und meine vier Experimente lange To-Do-Liste lachen immer noch. 

Es ist eine Krux. Es hört nie auf. Teilweise bin ich auch selbst schuld, ein Experiment habe ich nämlich komplett vergessen. Das ist, zu allem Überfluss, für eine andere Gruppe, mit der wir zusammenarbeiten und die Zellen haben wir auch schon seit Ende Mai. Peinlich. Weiterhin muss ich ein Experiment (das „letzte“, muhahaha) wiederholen, um mehr Replikate zu bekommen, weil label free proteomics halt tausend mindestens fünf, besser mehr replikate braucht, um irgendwelche statistisch relevanten Aussagen treffen zu können (hätte mir ja auch mal vorher wer sagen können, dann hätte ich SILAC gemacht). Da hab ich heute die Puffer für vorbereitet, hatte ich nämlich alle für die letzten drei Replikate (hier Augenrollen vorstellen) aufgebraucht. Dann steht ja auch noch das ewig lang verschleppte Paper an, da haben wir jetzt die „Ergebnisse“* bekommen und ich sag mal so: ich mache das jetzt alleine nochmal.  Komplett alles. Heute habe ich Zellen ausgesäht**, die hatte ich Freitag aufgetaut . Morgen werde ich transfektieren, Donnerstag fixieren und färben und Freitag oder nächste Woche irgendwann mikroskopieren. Das alles habe ich das letzte Mal vor 10 Jahren gemacht, aber damals war das schon auch cool. Ist halt nur kacke, dass wir das auch schon vor, ach, 8 Monaten oder so hätten haben können, dann käme jetzt auch nicht alles auf einmal, aber, achja, hätte hätte Fahrradkette. Das beste draus machen. Kann ich mir „Konfokalmikroskopie“ auch wieder guten Gewissens in den Methoden-CV schreiben. Und zuguterletzt kamen letzte Woche noch mal knock-outs, die muss ich hochziehen und für einen collaborator DNA und RNA und mRNA isolieren, in Triplikaten, versteht sich, wir schauen dann nach bestimmten Methylbasen. Wenn die Ergebnisse schön werden, komme ich da so vielleicht auch noch in letzter Sekunde auf ein Manuskript, das sich organisch in meine Thesis einfügen würde. Naja, naja. Mal sehen. Erstmal machen, ne?

Jedenfalls überraschend viel Labor für jemanden, der am Computer sitzen und seine Thesis (lies: das Manuscript über das drölfzig-Replikate-Experiment) fertig schreiben sollte. 

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*Sowohl der Chef als auch Mr. I-Trust-You waren, gelinde gesagt, not amused, genauso wie ich: der Mikroskopmensch hat einfach mal von 5 abgegebenen Zelllinien nur 2 angeguckt und dabei auch nur nach 2 von 3 Dingen geschaut. Ich brüllte deswegen die Tage schon auf Twitter rum. 

**Wenn Sie wen echt nicht mögen, lassen Sie ihn oder sie mal 100 12 mm-Durchmesser-Deckgläschen in 24-well-Platten sortieren. Die sind quasi unsichtbar. Und kleben aneinander. Und sind mit der Pinzette echt schwer zu packen. Aseptisch, versteht sich, also unter der Clean-Bench, mit Handschuhen und dem blöden Papiermantel, der überall hängen bleibt. Eine wahre Freude. 

Tag 729 – Nachdenklich. 

Ich muss aufhören, so viel über alles nachzudenken. Das macht mich ganz rappelig. Und helfen tut es auch nicht. Aber es steht so viel an, oder ist im Gange, das schon alles einzeln dafür sorgen könnte, dass ich schreiend im Kreis laufe, in der Summe ist es… so viel, dass ich es nicht mal über mich bringe, es hier aufzulisten, das macht es ja nur noch realer. 

Also versuche ich mich abzulenken, vertrödele Zeit mit Quatsch Twitter, bis es Zeit ist, das Licht auszumachen, lese dann noch so lange, bis mir wirklich die Augen zufallen und dann schlafe ich wie ein Stein. Würde ich jedenfalls gerne, in echt kriecht mir natürlich die bekymring schon wieder besonders nachts den Nacken hoch. Aber immerhin kriege ich es tagsüber hin, meine Blase der Realitätsverweigerung halbwegs stabil zu halten. Das klingt vielleicht komisch, aber das brauche ich tatsächlich, sonst sitze ich wieder wie ein Kaninchen vor der Schlange und kriege gar nix mehr hin. Hoffentlich schaffe ich es, bis zur Dissabgabe und JobsucheUmzugKitaplatzsucheOhGottWieSollIchDieDisputatiosfeierBezahlen in *mieeeeeeeep*, die To-Dos nur in handlichen Häppchen zu mir durchdringen zu lassen. Den tiden, den sorgen. („Die Zeit, die Sorge.“)

Tag 725 – Gedanken zum Tag. 

Den Schock vom Dienstag habe ich einigermaßen verdaut. Ich bin immernoch sauer, aber nicht mehr unproduktiv-blockiert. Vorherrschendes Gefühl da: fuck it. War jetzt kacke, ham‘ wa draus gelernt (Zeug muss raus, nen dreiviertel Jahr auf eine einzige Analyse warten ist absurd.), jetzt weiter rumheulen bringt aber auch niemanden weiter. 

Trotzdem mache ich morgen Homeoffice. Oder „Homeoffice“. Mal sehen. Aber ich muss nichts vor Ort im Büro oder Labor machen, meine Lieblingskollegin ist nicht da, alles dauert schon wieder ewig, ich mag nicht mehr. Und der Chef ist ja auch nicht da, denn…

… er versteckt sich vor mir. Nennen Sie das vermessen, aber ich glaube, er geht mir aktiv aus dem Weg. Konflikte sind offenbar nicht so seins, mit Ansage („Wir müssen reden.“-Mail vom Montag) schon mal gar nicht und dann noch mit einer potentiell (ok, ganz sicher) emotionalen Frau, da macht der gemeine Norweger gern mal den Vogel Strauß. Und reagiert nicht auf SMS oder mail. 

Man sollte öfter einfach Besuch einladen. Vor allem, wenn nette Menschen, die kluge Bücher schreiben, auf der Durchreise von den Lofoten wieder gen Süden sind. Es war ein total netter (früher) Abend, mit vielen interessanten Gesprächen und leckerem Essen. Niemand hat gebissen, und ich bin nur ganz kurz fast unterm Tisch versunken, als Herr Rabe unser Buch zum Signieren holte. Trotzdem sollte man wirklich einfach öfter mal Leute auch zu sich nach Hause einladen, die man eh nett findet. Was soll passieren? Also außer das mit dem Signieren. Ich wünsche jedenfalls Almut, Sascha und den Kindern noch eine gute Weiterreise und gutes Wetter zum Fjorde  anschauen!

Viel über Netflix und ein wenig über Birgit Kelle nachgedacht. Vielleicht sollte Birgit Kelle öfter mal netflixen, dann hätte sie weniger Zeit und würde nicht so schwurbeliges, in sich widersprüchliches Zeugs verzapfen. (Ich verlinke das nicht. Keine Gratis-Klicks für Mist!)

Die Schnecken brauchen, glaube ich, mehr Kalk (also zugesetzten Kalk in der Erde) und bei der Gelegenhei werde ich auch einen Farn ins Terrarium pflanzen. Auf das selbiges die Feuchtigkeit besser halte und etwas hübscher aussehe. 

Tag 723 – The day I got scooped. 

Tag kann weg. Komplett. 

Heute morgen las ich den Anhang einer Mail, die wir (mein Chef, meine Kollegin und ich) gestern schon von einem Collaborator mit den Worten „I guess you have noticed this article, if not, here it is“ bekommen hatten. Im Anhang ein Artikel einer Gruppe, vom 29.6., in dem unsere bahnbrechenden Ergebnisse stehen. Also, die haben das natürlich nicht geklaut, die sind da schon selbst drauf gekommen, aber jetzt sind unsere Ergebnisse eben nicht mehr bahnbrechend, sondern… ein müder Pups. Blockflöte statt Fanfare. Das wäre ja alles schon scheiße genug, wenn nicht auch noch zwei ärgerliche Randbedingungen dazu kämen:

  1. Unser Artikel dazu sollte schon Ende letzten Jahres eingereicht werden, es fehlten nur noch zwei Bilder. Die fehlen bis heute und das ist nicht meine Schuld, sondern ne Mischung aus „der einzige Typ DER WELT, der das kann, hat wenig Zeit“ und „der priorisiert uns aber auch nicht, weil, ach, es eilt ja nicht“. 
  2. Einer der Co-Autoren war auf der Konferenz in den USA an meinem Poster und tat ganz interessiert. Der jetzt publizierte Artikel wirkt sehr wie „Oha, das muss schnell raus, sonst sind die Norweger schneller“. 

Wenn es irgendwas gebraucht hat, um meine Entscheidung gegen Academia zu zementieren, war’s das. Ich hab so die Schnauze voll. 

(Bevor sie fragen: natürlich geht’s weiter. Krönchen richten und so. Aber es ist so SO SO!!! ärgerlich, ich finde eine Runde heulen und eine Runde Schnaps da durchaus legitim.)

Tag 718 – Allein Daheim Tag 4. 

Es geht mir sehr gut. Ich arbeite viel, aber in meinem Tempo, hier ist es sauber und ordentlich, ich muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich erst spät nach Hause komme. Die Sonne scheint, ich kann jeden Tag zu Fuß gehen, die Blasen an meinen Füßen heilen auch langsam. Ich gucke Fernsehen, alles nötige (und ein bisschen mehr) ist fertig geölt, das Öl ist jetzt auch fast leer. Ich esse einen Haufen getrocknete Tomaten zu allem und wenn das nicht reicht*, kippe ich noch selbstgemachten Ketchup drüber. Außerdem esse ich einen Haufen Erdbeeren. Heute habe ich drei Kilo gekauft, um nochmal Marmelade zu kochen. Außerdem habe ich heute die Anmerkungen vom Chef in die Diss fertig eingearbeitet und die Abschnitte, bei denen noch Referenzen fehlten, mit diesen gefüllt. Damit bin ich jetzt – soweit – fertig, es fehlen noch Tabellen, Abbildungen und ein wenig Prosa. Ich habe auch bei jemandem nochmal angerufen, dessen Firma ich gestern eine Bewerbung geschickt habe, nur um zu sagen, dass die Bewerbung da sein müsste und hoffentlich bald auf seinem Tisch landen wird. „It’s good that you follow up!“. 

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich freue mich sehr darauf, dass Herr Rabe und die Kinder bald wieder da sind. Ich vermisse sie auch wirklich doll. Als wir heute telefoniert haben, hatte ich das Gefühl, Pippi spricht plötzlich viel mehr und ich verpasse alles. Und als sich Michel dann wehtat, wollte ich so gerne was tun können. Aber nichtsdestotrotz genieße ich gerade die Zeit alleine auch in vollen Zügen. Ich überlege sogar, ob ich morgen Abend einfach so alleine ein Bier trinken gehe. Weil ich’s kann.

 Dochdoch. Es ist schon alles in Ordnung so. 

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*Heißhunger auf Tomaten, ist doch bestimmt irgendein Mangel. Vitamin K? Ist aber eigentlich auch egal. 

Tag 697 – Und… abgeschickt!

Ich habe meinen Chef soeben zu meinem Dokument eingeladen, ihm das pdf mit der Einleitung geschickt und ganz fix eine Präsentation zurechtgebastelt und jetzt bin ich erstmal reichlich fertig. ABER ICH BIN FERTIG! (Ich bin da vielleicht übermäßig euphorisch, aber egaaaaaal, ich bin fertig, ich habe eine fast fertige Einleitung zu meiner Dissertation in nicht mal drei Wochen geschrieben, Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!)

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