Ich bin hundemüde. Zu nichts in der Lage, auch wieder Kopfschmerzen gehabt, auf dem Sofa eingeschlafen. Vielleicht sind das Nebenwirkungen eines neuen Medikaments, das ich nehme. Nicht aufregendes, ich möchte es eigentlich auch gar nicht nehmen, weil ich eben vor solchen Nebenwirkungen Angst habe. Ich werde das beobachten, jetzt aber erst mal schlafen. Vielleicht sind es auch ganz einfach Nebenwirkungen von einem Tag im Büro, mit Team-Tag (viel Zeitverschwendung), gemeinsamem Mittagessen (schon wieder Salat, ich hab keine Lust auf täglich Salat, doofe Kantine mit ihrem Fleisch-Fetisch) und einem geschlossenen Café unten im Gebäude, bei dem man normalerweise sehr teuren aber wenigstens guten Kaffe bekommt. Alles viel. Könnte halt auch das sein.
Monat: November 2023
Tag 3047 – Hach.
Sie sind alle sehr lieb. Wirklich. Ich antworte auch, sobald meine rasenden Kopfschmerzen besser sind. Versprochen. Aber nach einem Tag im Büro mit der Schulsituation im Hinterkopf und auf dem Rückweg meine Gedanken und Wünsche zu dem Thema auf Norwegisch semi-geordnet aufschreibend bin ich furchtbar platt. Ich ging mich sogar zu Hause direkt hinlegen, was aber nicht half, im Gegenteil, die Kopfschmerzen wurden immer schlimmer. Michel ist auch alle und hat sich vorhin mit Herrn Rabe angeschrien, obwohl Herr Rabe eine Engelsgeduld hat und nur bei schlimmer Provokation laut wird. Vielleicht ist auch Herr Rabe alle, auf jeden Fall ist der erkältet. Bzw. hat seine Erkältung von neulich die Etage gewechselt und sitzt jetzt nicht mehr so sehr tief und schleimig in den Bronchien sondern in den Nebenhöhlen. Wir sind alle ein müder, geschaffter Haufen. Gut dass morgen keine Schule ist, es ist ein beweglicher Ferientag.
Tag 3046 – Leider scheiße.
Das Gespräch mit Michels Lehrerin war ganz und gar nicht gut. Es ist wirklich wirklich schwierig und ich weiß, ich klinge wie so ne „aber MEIN Kind macht sowas nicht“-Mutter und kann mir vorstellen, wie Michels Verhalten in den unangenehmeren Ecken von Lehrer*innen-Twitter durchgehechelt würde und unseres gleich mit und all das macht es noch schlimmer. Ich fühle mich seit dem Gespräch, als hätte man mir den Stecker gezogen. Ich möchte mich schützend vor mein Kind werfen und ich möchte die Lehrerin anschreien, dass er SO NICHT IST, auch wenn ich sehe, wie er ist, wenn er da in der Schule ist, ABER DAS IST NICHT ER! Ich hab keine Ahnung, wie das passiert ist, aber da treten Seiten von ihm zu Tage, die sind sehr unsympathisch. Allerdings hat die Lehrerin ihrer Ansicht nach keinerlei Anteil daran. Ich finde nicht ok, dass sie sehr… herablassend und abwertend über ihn spricht, während er im Raum ist, und nehme an, seine unsympathische Maske ist 1. ein Spiegeln ihres Verhaltens und 2. ein Schutzmechanismus, um das nicht an sich heranzulassen. Ich finde von mir nicht ok, dass ich nicht sofort angesprochen habe, dass ich nicht möchte, dass sie so über und mit meinem Kind (mit egal welchem Kind) spricht. Zu meiner Verteidigung werde ich immer noch beim Gedanken daran so emotional, dass ich große Schwierigkeiten hätte, das sachlich und klar zu kommunizieren. Aber am meisten habe ich Lust, die Lehrerin nachträglich zu schütteln und ich hoffe, sie kriegt in Zukunft jedes Mal explosiven Durchfall, wenn sie sagt, ein Kind sei negativ und solle deshalb lernen, den Mund zu halten.
Das werde ich natürlich nicht sagen. Ich werde das sagen, dass ich nicht möchte, dass sie ihn so abwertet, werde sie bitten, zu versuchen, Persönlichkeit und Verhalten getrennt zu betrachten, werde sie bitten, zu sagen, welche positiven Seiten sie an ihm sieht, werde sie bitten, ihn in Momenten, wo sie sich wünscht, er würde den Mund halten, stattdessen aufzufordern, genauer zu sagen, was ihn stört und ihn dann ausreden zu lassen und ihm zuzuhören, und zu guter Letzt werde ich sie auffordern, Vorschläge zu machen was sie machen könnte, damit Situationen nicht eskalieren. Vorher. Nicht nachher.
Und ich werde nicht heulen und ich werde das Thema Klasse bestrafen weil 1 Kind Mist baut oder frech ist nicht ansprechen, weil Herr Rabe sagt, dass ich das zu wörtlich genommen habe.
Vielleicht werde ich aber, das muss ich auch mit Herrn Rabe noch mal besprechen, darum bitten, dass die Stufenkoordinatorin (die wenigstens ein bisschen Empathie für und Kenntnis über neurodiverse Kinder hat) und die Schulsozialpädagogin beim nächsten Gespräch dabei sind. Schon allein damit die viele sind, falls ich der Lehrerin doch ins Gesicht springe.
Ja, war leider wirklich richtig scheiße. Und ich muss mir das nur alle paar Wochen so direkt geben. Michel hat das jeden Tag. Ich verstehe jetzt, weshalb er sagt, Schule sei die Hölle.
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Von „Schule ist super, ich liebe alle Lehrer*innen, nur Hausaufgaben sind Scheiße“ zu „Schule an sich ist die Hölle“ in grade mal 3 Monaten. Aber hat alles nichts mit dem Verhalten der Lehrerin zu tun, sondern ist in seiner Persönlichkeit begründet. Ist klar.
Jetzt bin ich doch wieder emotional und sarkastisch geworden. Man stelle mich an den Twitter-Pranger für die überbeschützenden Eltern, die ihren kleinen Schneeflöckchen den Arsch pudern.
Hups, immer noch emotional.
Gute Nacht.
Tag 3045 – Viel los.
Theoretisch hätte ich heute was zu erzählen, der Tag war voll und bestand zu einem Teil aus Detektivarbeit, aber praktisch ist es total spät. Dann muss ich Ihnen ein anderes mal erzählen, wie Pippi meinen (!) einen (!!) rosa Ballettschuh verklüngelte. Alles gut, die Ballettschule fand ihn und wir sind wieder vereint, sie dachten sogar „das könnte Renanas sein…“ bevor ich schrieb „habt ihr zufällig einen einzelnen Bloch Schuh in Größe 6C gefunden, weil wenn nicht, ist Pippi schlagartig ca. 400 Kronen ärmer…“. Aber… Rübennase! Orrr.
Tag 3044 – Sticheln.
Michel ärgert seine Lehrerin weiterhin. Die geht damit nicht sooo toll um und reagiert nicht soooo super erwachsen, und dann eskaliert es halt wieder. Michel erzählt mir das wenigstens relativ entspannt, was ich schamlos als Beleg unserer herausragenden Elternfähigkeiten deute. Ich sage ihm dann schon auch, dass ich nicht gut finde, dass er die Lehrerin bewusst auf die Palme bringt, und dass das dann eben bei ihr Reaktionen hervorruft, die er ja so langsam auch abschätzen können müsste, die Muster sind ja immer gleich. Zur Sicherheit gehe ich die vorhersehbaren möglichen Reaktionen dann noch mal für ihn durch. Aber wir bestrafen ihn da nicht, das finden ich und Herr Rabe nicht zielführend. Konsequenzen sind noch mal was anderes, aber wir können ja keine logischen Konsequenzen für Dinge, die in der Schule passieren, durchsetzen. Aber Mittwoch in das Elterngespräch mit der Lehrerin möchte ich schon gerne einen Boxsack oder so mitnehmen, für alle Beteiligten. Ich glaube nämlich auch, dass die Lehrerin das mit Konsequenzen und Strafen komplett anders sieht.
Tag 3043 – Ich wünsche mir einen Gürtel.
Eigentlich nicht. Ich besitze drei Gürtel, die ich regelmäßig trage, alle seit Jahren: einen schwarzen, einen braunen und einen schmalen braunen. Mehr Gürtel braucht doch kein Mensch, das sind genau genommen sogar zwei mehr als ich dringend brauche. Ich beneide Menschen ein bisschen, die ohne Gürtel zurecht kommen, meine Körperform möchte dann aber keine von der Stange gekaufte Hose oben behalten.
Aber ein Gürtel zum Draufbeißen wäre nett, jeden Monat wieder kommt dieser Tag, an dem es sich anfühlt, als würde sich mein Uterus innerlich auf links krempeln. Auch das wird mit den Jahren irgendwie schlimmer. Es ist meistens nur ein Tag, höchstens eineinhalb, Tage, aber schön ist anders. Schlimmer war eigentlich nur als mein Uterus auch noch meinen kompletten Bauchraum ausfüllte, von den Rippen bis zur Symphyse, und das ganze 1. von innerlichen Tritten begleitet wurde und 2. nur der Anfang war. Aber der Anfang war, bei Pippi jedenfalls, so. Weshalb ich ja auch dachte, das könne nicht der Anfang sein, weil Zyklustag 1 gemeinhin nicht als „das schmerzhafteste Erlebnis deines Lebens!!!“ bezeichnet wird, und das so etwa mein Maßstab war. Das, und am anderen Ende der Skala, das Gefühl, was ich bei Michel hatte: als würde er von innen versuchen, durch die Bauchdecke zu entkommen, wie bei Alien.
Leider hilft auch Ibuprofen dieses Mal nur mäßig dagegen, für spazieren gehen fehlte heute die Zeit und deshalb halt der Gürtel.
Tag 3041 und 3042 – Shopping.
Gestern war Nix. Ich habe Hogwarts fertig gebaut (gut, aber auch ein bisschen doof, weil was baue ich denn jetzt? Puzzeln geht nicht, der Tisch ist voller Lego). Der Lieblingskollege hat Covid (doof) redet aber wieder mit mir (gut). Michel hat nicht die Lehrerin angeschrien (gut). Ich habe abends eine Master Class zu Vivaldi angeschaut und bemerkt, dass ich leider eine komische Version runtergeladen hatte. Habe jetzt eine, die richtig(er) ist. Zumindest entspricht sie dem, was in der Master Class besprochen wurde. Vivaldi selbst kann man ja schlecht fragen.
Heute waren wir mit den Kindern Wintersachen kaufen. Das war eigentlich ok, aber anstrengend wie Sau, weil Shoppingcenter halt Shoppingcenter sind und ich wahrscheinlich nie einsehe, dass ich da kaum eine Hilfe bin, sondern eher so ein überforderter Klotz an Herrn Rabes Bein. Am besten geht es noch, wenn ich einen konkreten Auftrag habe, wie „diese Hose in 146 finden“. Aber „wir brauchen eine Jacke“, uff. Heute war viel „Wir brauchen Jacken, Wollsocken und Handschuhe“. Irgendwann musste Pippi aufs Klo, Herr Rabe machte einen zielstrebigen Eindruck, wir rannten alle hinter ihm her, Michel mir einen Knopf an die Backe labernd, ein Kleinkind bekam irgendwo nicht was es wollte und eskalierte lautstark, und Herr Rabe sehr plötzlich sichtlich gestresst so „RENANA hast du ein Klo gesehen?“. Da ging mein Gehirn einfach aus und aus meinem Mund kam nur Näää. Zu viel Input, kein Output möglich. Die Antwort wäre „Nein“ gewesen, möglicherweise mit dem Nachsatz „Ich dachte, du weißt, wo du hinläufst“. Pfft, Klo, ich hab nach dem Einkaufen nicht mal unser eigenes Auto gefunden! Orientierungssinn, eh schon nicht toll, geht auch immer als erstes kaputt. Tja. (Vielleicht ist das wie wenn einem Zehen abfrieren. Unwichtige kognitive Prozesse werden bei Stress als erstes abgeschaltet.)
Wir fanden dann doch recht schnell ein Klo, aßen ungesunden, aber nicht überraschenden Kram beim Restaurant Zur Goldenen Möwe und fuhren zurück. Philip Glass‘ ewige Arpeggios holten mich im Auto so weit wieder runter, dass ich kurz eindöste, während Herr Rabe durch das klebrig-nasse Schneetreiben fahren musste. Das Auto hat nämlich auch sofort keinen Orientierungssinn mehr, sobald es schneit, denn dann sind die Sensoren vereist. Den Rest der Anspannung erledigte Vivaldi (die neu runtergeladene Version) und ein Spaziergang.
Das nächste mal nehme ich Herrn Rabes Angebot, zu Hause zu bleiben, lieber an.
Tag 3040 – Sorgen, große und kleine.
Oder bei Großen und Kleinen. Michel rasselt immer wieder mit seiner neuen Lehrerin aneinander. Ich bin heute mit einer Ärztin aneinander gerasselt. Es führt bei uns beiden zu ähnlichen Reaktionen: erst Wut, dann Tränen und zum Schluss einem Hyperfokus darauf, der Gegenseite zu beweisen, dass man Recht hat.
Michel macht das schon echt gut und kann, wenn Wut und Tränen einigermaßen unter Kontrolle gebracht sind, sehr gut ausdrücken, was ihn stört und warum. Und was er mir heute erzählt hat – ja gut. Das würde mich auch sehr irritieren. Das habe ich in der Deutlichkeit nicht zu Michel gesagt, sondern erst mal nur seine Wahrnehmung und seine Gefühle validiert und ihm erklärt, dass auch Erwachsene, selbst wenn sie „auf eine Schule gegangen sind, wo man lernt, Lehrer zu sein“, wie er es ausdrückte, manche Dinge noch lernen müssen und man ihr die Chance schon auch geben muss. Das beinhaltet natürlich aber auch, dass man auf einer sachlichen Ebene kommuniziert, was zu Konflikten geführt hat. Ich hoffe, Michel kriegt das auch hin (und zündet nicht einfach alles an). Und dann hoffe ich noch mehr, dass die Lehrerin vernünftig und wie eine erwachsene Person reagiert.
Von der Ärztin erwarte ich beim nächsten mal einfach Quellenkritik, aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich noch mal zu der hingehe, ist aus meiner Sicht grad eher gering. Es ist sehr schön, erwachsen zu sein. Da kann man sich zumindest bei bestimmten Personen aussuchen, ob man mit ihnen Kontakt haben will oder nicht. Recht habe ich trotzdem, im Gegensatz zu ihr verlasse ich mich nämlich nicht auf bunte Broschüren sondern lese Beipackzettel SPCs (die ausführliche Version des Beipackzettels für Gesundheitspersonal und speziell Interessierte).
Als Erwachsene kann man sich außerdem nach dem Tanzen selbst und ohne fragen müssen ein Eis kaufen, dem Geigenlehrer sagen, dass man Bach grad sehr scheiße findet und der Ballettlehrerin, dass Kostüme, die den Po nur unzureichend bedecken, nicht in die Tüte kommen. Es ist ja wirklich auch nicht alles schlecht.
Tag 3039 – Vorsingen.
Langsam habe ich das Gefühl, einzelnen Menschen, manchmal auch Gruppen von Menschen, kann man ein ganzes Musical aufführen, um zu erklären was man will und/oder was sie falsch machen, und sie raffen es trotzdem einfach nicht. Es ist frustrierend. Und ich habe da keine Lust mehr drauf. Heute ist so ein Tag, wo ich einfach die Kommunikation komplett einstellen will, um meine und die Nerven der anderen zu schonen. Lasst mich einfach alle in Frieden hier meinen Legohaufen sortieren, morgen geht’s bestimmt besser. Bis dahin f*** off.
Tag 3037 und 3038 – In fremden Betten.
Morgens, viertel nach sieben in Norwegen, ein dunkles Zimmer, ein Wecker klingelt und wird ausgestellt. Kinderstimme: „Warum liegst du da, Mama?“ „Weil Papa so hustet, da kann ich nicht schlafen. Und hier war Platz und dein Gästebett bezogen*.“ „Das ist schon ok, du darfst da liegen.“ „Danke.“ „… Ist Papa traurig, dass du bei mir geschlafen hast?“ „Das weiß ich nicht, das musst du Papa fragen.“ „Ich finde schön, dass du hier liegst. Du kannst das öfter machen. Ich bin ja schon ein bisschen zu groß, um in euer Bett zu kommen, wenn ich schlecht träume. Aber so bin ich nicht alleine!“
Gut, ich habe also eventuell meinem mindestens todkranken Ehemann das Herz gebrochen, aber dafür meine Tochter sehr glücklich gemacht. Man kann nicht alles haben, ne? (Ich wollte echt nur schlafen, das war in der Nacht davor viel zu kurz gekommen.)
Ansonsten tut mir alles weh. Der Rücken weil ich alt bin oder so, ich hab’s seit Tagen im Kreuz. Es ist aber die Sorte Schmerz, die durch Bewegung besser wird, deshalb tun mir auch noch die Arme weh, weil ich die Arme, Schultern (die rechte Schulter tat letzte Woche wieder mal weh) und den oberen Rücken gestern trainiert habe. Der linke Arm tut extra weh, der ist nämlich obendrein ein Impfarm (seit gestern). Dieses Mal war ich schlauer und habe davor trainiert und nicht danach. Heute das Ballett half gegen die Rückenschmerzen enorm gut, bis die großen Sprünge kamen und alles mit dem Arsch wieder runter rissen. Tja, dann schlafe ich halt auch mit meinem wollenen Rückenwärmer an. Der verwächst wahrscheinlich bald einfach mit mir.
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*mit Peppa Pig-Bettwäsche, aber trotzdem besser als das Sofa. Mit Rückenschmerzen. Hurz.