Erstens: wir haben den Vorfall wie Erwachsene aufgedröselt, uns gegenseitig beieinander entschuldigt, über unsere Gefühle und Verletzung eben dieser gesprochen und dann war auch alles gegessen. Es ist alles sehr ungewohnt. Also alles davon. Meine Gefühle so nach außen zu tragen, darüber zu reflektieren und zu reden und das mit quasi fremden Leuten, Männern obendrein? In jedem anderen Setting undenkbar. Normalerweise muss ich ja erst mal mindestens nen halben Tag drüber nachdenken, was das tatsächliche Gefühl hinter der Wut (mein default-Gefühl, wenn irgendwas „off“ ist) wohl sein könnte.
Ich bin auch inzwischen wieder zu Hause. Aber ich kann kaum noch die Augen offen halten, es war einfach viel zu wenig Schlaf letzte Nacht und generell ein anstrengendes Wochenende, so mit allen Schilden unten, allen Nervenenden nach außen gekehrt und allen Filtern außer Betrieb.
Grad ist es nicht gut. Ich hab, unvorsichtiger Weise, gedacht, ich könnte ein Spiel ausprobieren, das mir lustig erschien, und es war nicht gut. Alle anderen hatten das schon drülfzig Millionen mal gespielt und ich hatte Alkohol getrunken. In dem Spiel geht es um Lügen und Intrigen, ein bisschen wie Werwolf oder Among Us, das sind nicht meine stärksten Seiten, aber es macht mir trotzdem Spaß. Das alles hätte gut ausgehen können – in einer anderen Runde. Da waren ein paar Typen dabei, hauptsächlich 2, die mich sehr haben spüren lassen und auch mehrfach gesagt haben, dass ich in dem Spiel nicht gut bin. In der dritten Runde machte der eine dann auch noch was, das mich total aus jedem Fitzelchen von Konzept brachte, ich reagierte… naja, wie soll ich sagen, wie ne angetrunkene Autistin??? Jedenfalls falsch, und dann prokelte er da immer weiter drin rum und drängte mich in die Ecke, und meine Reaktionen wurden dadurch gar nicht richtiger irgendwie (potzblitz!). Nach dem Ende der Runde sagte ich, dass ich das sehr dreckig fand und überhaupt nicht verstehe, was das sollte, woraufhin er sagte, ich würde ihm ja auch das Spiel kaputt machen, wenn ich dann so unsicher reagiere. Dann dampfte er schnaubend ab und ich brach in Tränen aus. Was mir jetzt natürlich ultra peinlich ist. Inzwischen ist es mir sogar meta-peinlich, weil ich ja weiß, wieso ich so reagiere (die haben, vermutlich komplett unbeabsichtigt, ganz wunde Punkte getroffen, die mit Mobbing, Ausschluss, falsch laufender Kommunikation und immer wieder missglückten Versuchen, eine Community zu finden, zu tun haben*) und weil Gefühle haben ja ok ist und das doch eigentlich ne gute Eigenschaft ist und so weiter und so fort.
Bleibt hängen: ich kann nicht gut Schauspielern, nahezu gar nicht lügen, strategisch ohne Rücksicht auf Verluste denken, Intrigen spinnen und Schmutzkampagnen fahren kann ich auch nicht und nicht mal meine Gefühle im Zaum halten kann ich. Die Drittklässlerin, die bei jeder Ungerechtigkeit geheult hat, bis die halbe Klasse „heul doch, heul doch!“-johlend hinter ihr her lief, und die gemobbte 13-Jährige stehen sofort parat.
Immerhin eine Freundin habe ich hier, die dabei war und sich mein Geheul hinterher angehört hat und die wirklich lieb war. Yeah, I guess.
Der Rest vom Tag war im übrigen super. Nur ganz am Schluss war es richtig kacke.
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*ANDERERSEITS. Das hier ist Mensa. 90% von uns wurden gemobbt. Mindestens die Hälfte hat noch irgendwelche anderen Buchstabendiagnosen (also ASD und/oder ADHS). Inklusion wird sehr groß geschrieben. Es wird überall dazu aufgefordert, sich zum Beispiel an einen Spieletisch zu setzen und Leute anzuquatschen. Da kann man erwarten, dass das Gegenüber nicht einfach ohne Rücksicht seinen Stiefel fährt und sich benimmt wie die emotionale Axt im Wald.
Es ist ein wilder Ritt hier. Ich bin hier extra weird (hier ist die Weirdo-Dichte aber auch hoch und alle werden einfach so akzeptiert, wie sie sind, es ist so toll! Kein Wunder, dass ich da sofort alle Schilde runterfahre, wenn auch unbewusst), ich habe alle möglichen Gefühle gleichzeitig und die ganze Zeit, ich unterhalte mich super, habe Spaß, mache Quatsch und muss(te) mich mittags noch mal für ne Stunde hinlegen, weil alle Batterien komplett leer waren.
Zwei Tage Homeoffice. Meine Produktivität war… sehr durchwachsen. Ich versuche, zu akzeptieren, dass das nun mal so ist, und mich dafür nicht fertig zu machen. Das ist manchmal nicht einfach. Aber am Ende kommt ja immer noch eine überdurchschnittliche Arbeitnehmerin (mit unterdurchschnittlichem Gehalt) dabei raus.
Heute hatte ich aber frei. Morgen habe ich auch frei. Ich bin nämlich wieder auf dem Landestreffen des 2%-Clubs. Das stresst mich offenbar, denn ich habe direkt erst mal meine Kosmetik- und sonstige Badezimmersachen fein säuberlich aufgereiht und symmetrisch ausgerichtet. Aber es ist wie auch beim letzten Mal: alle hier sind so nett und interessant, es macht mich sehr glücklich. Selbst Sauna mit mir völlig unbekannten Leuten war gut. (Anmerkung: man geht hier in Badekleidung in die Sauna. Immer.) Es ist echt lange her, dass ich in einer Sauna Bier getrunken habe. Zwischen den Saunagängen habe ich mich sogar im Kanal abgekühlt, also fast Eisbaden, das Wasser kommt aus dem Fjord. Beim letzten Mal war ich sogar bis zum Bauchnabel drin!
Danach noch viele schöne Gespräche gehabt, aber um elf war die Luft bei aller Liebe raus und ich begab mich auf mein Zimmer. Platt wie ein Brötchen.
Nach einem Tag im Büro mit allen Aufs und Abs, die das so mit sich bringt, bin ich hundemüde und habe Kopfschmerzen. Ich gehe jetzt ins Bett und hoffe, dass das dann auch das Ende des Jetlags ist.
Die letzte session des Sportprogramms muss auch bis morgen warten, ich bin echt erschossen.
Derweil hat sich Herr Rabe heute eine Winterjacke gekauft, von so einer sehr bekannten nordischen Outdoormarke, weil eine Kollegin da Rabattcoupons hatte. Er liegt mir schon seit 1,5 Wintern damit in den Ohren, dass er mal eine neue Winterjacke braucht, weil seine einfach ziemlich fertig ist, aber irgendwas in nicht schwarz, dunkelblau, braun oder dunkelgrau zu kriegen, ist echt schwierig. Seine neue wird jetzt feuerrot und der Stoff ist so Special, dass er auf der Webseite mit einem Hans Zimmer-artigen Soundtrack untermalt wird. Man könnte von der Marke auch Jacken für Expeditionen in die Arktis kaufen, aber da hab ich dann doch ein Veto eingelegt, das fand ich dann fürs Pendeln zwischen Eidsvoll und Oslo sowohl optisch als auch preislich etwas überkandidelt.
Ja, da ist ein H zu viel, aber ich bin jetzt erstens zu faul zum googeln und zweitens wird jede Version mit nur einem H rot unterkringelt. Vielleicht ist das auch so ein Fehler, den ich mir nur einbilde. Vielleicht doch morgen mal googeln.
Morgen ist wieder Arbeit, ich möchte das nicht, aber ne Wahl hab ich jetzt auch nicht gerade. Vor allem möchte ich nicht super früh aufstehen müssen. Gestern und heute habe ich unvernünftig lange geschlafen, das war nicht schlau (aber schön). Jetzt hoffe ich, dass das Sportprogramm und die Melatonintablette gemeinsam für baldigen Schlaf sorgen.
Mein sonstiges Tagwerk war folgendes:
Tadaaaa! Nähtisch nach nur 3,5 Monaten endlich aufgebaut.
Herr Rabe liest ja hier auch mit, also… ja, das wäre schon schön, da Strom zu haben und nicht mit nem Verlängerungskabel rumhampeln zu müssen, aber das hat zur Zeit nicht Priorität. Vorher sind 1843 andere Sachen dran.
Ich bin sehr stolz auf mich, ich hab das alles ganz alleine gemacht, sogar diese Kästen aufgehängt. Das gehört sonst zu den Sachen, die ich Herrn Rabe überlasse, aber der war beschäftigt, also habe ich den Akkuschrauber selbst in die Hand genommen. Und es ist trotzdem grade geworden! Es waren auch noch keine Spinnen irgendwo eingezogen, und ich habe die Gelegenheit genutzt, noch mal durch die Stoffe zu sortieren und einiges auszusortieren. Ich bin sehr zufrieden mit dem heutigen Ordnungs-Fortschritt in exakt dieser Ecke.
Die letzten zwei Tage in den USA waren relativ unspektakulär, aber da war dann auch die Luft irgendwie ein bisschen raus und alle wollten gerne einfach nach Hause. Montag früh machte ich mein letztes Training in den USA, dafür zum ersten Mal mit Publikum. Zwei sehr sporty Gymbro-Amerikaner beäugten mich, wie ich Übungen machte, die vermutlich von außen sehr seltsam aussahen. Von innen waren sie sehr anstrengend, obwohl es nichts war gegen den einen Tag, als mich hinterher der Hotelchef fragte, ob alles ok sei, er hätte „Aktivität“ gehört und sich etwas Sorgen gemacht. Ja, nee, äh, alles gut, war halt anstrengend. Hust. Das Programm hat Tage mit „Gewichtheben“ und Tage mit Balance und Core und das auch wieder mit und ohne Gewichte. Heute war zum Beispiel ohne Gewichte. Was gut war, weil mir von den letzten zwei Gewichte-Tagen immer noch die Hände weh tun. Trotzdem werde ich morgen über Muskelkater jammern, wenn ich das brutale einstündige Total Body Workout (mit Gewichten) absolviere. Letzte Woche machte ich das am Samstag, bevor ich nach New York fuhr. Wach war ich ja eh und Frühstück gab es auch erst ab halb acht. Und letzten Montag mit Publikum war eben Balance mit Gewichten, also so Zeug wie in der Schulterbrücke stehend mit einem Bein ausgestreckt einen Bogen von links nach rechts und zurück machen, während man auf der gleichen Seite mit dem Arm eine Hantel über dem Kopf balanciert. Versuchen Sie ruhig einfach mal diese Stellung zu machen, ohne Hantel, und ohne den Halbkreis mit dem Bein, dann wissen Sie, warum sich den Gymbros ein unterhaltsamer Anblick bot. Da war ich auch schon recht fertig, also knallrot im Gesicht und an wenig attraktiven Stellen nassgeschwitzt. Ok, sind Schweißflecken irgendwo bei irgendwem attraktiv?
Anyway. Montag Abend gingen wir noch mal zu dem super Burgerrestaurant und danach noch in eine Sportsbar, wo ich in den zweifelhaften Genuss kam, mein erstes Dreiviertel American Football-Match zu sehen. Der Verlobte von Taylor Swift gegen irgendwen, man möge mir vergeben, das ist wirklich einfach so gar nicht mein Sport und deshalb habe ich auch nicht aufgepasst. Generell finde ich ja Sport gucken total lahm. In der Sportsbar liefen außerdem auf mindestens 10 Bildschirmen mindestens 5 verschiedene Sportarten (Golf, Baseball, Football, Basketball und Soccer, meine ich) und es hatte so eine Schwimmbadakustik, die ich so gar nicht gut abkann. Zwei Bier halfen, aber gut ist das ja auch nicht. Aber mei, letzter Abend.
Dienstag wurden wir etwas früher als erwartet fertig, es war quasi kein Verkehr und Mietwagen abgeben war auch problemlos, sodass ich schon fast Angst hatte, dass ich meinen Koffer noch gar nicht würde abgeben können. Ging dann aber doch (grade so). Newark hat an Terminal B jetzt auch diese Hightech-Scanner fürs Handgepäck, wo man einfach alles im Rucksack lassen kann und auch Flüssigkeiten nicht mehr in einen 1L-Beutel quetschen muss. Man muss nicht mal mehr die Schuhe ausziehen! Ich war sehr angetan.
Nicht von der Lounge, die SAS-Lounge in Newark ist total abgeranzt und eigentlich einer Lounge nicht würdig. Also, besser als am Gate rumsitzen (Newark ist jetzt generell ein bisschen in die Jahre gekommen und nicht sehr schön), aber nur knapp. Drei Stunden saß ich da und arbeitete ein bisschen halbherzig herum. Internet ging auch nicht und ich wollte einfach nach Hause. Mich nervten alle Leute immer mehr, die Leute, die viel zu viel Parfüm auftragen, die Leute, die viel zu laut reden, die Leute, die in ner übervollen Lounge ihrem Rucksack einen Sitzplatz gönnen… meine Batterien waren komplett leer und die seit einer Woche unterdrückte Laune brach quasi wie ein Vulkan aus. Ich hatte Lust auf Gewalt, beschränkte mich aber auf eisige Blicke an Rucksack-Mann und Parfüm-Frau und Laber-Paar.
Im Flugzeug angekommen ging es dann, der Computer war dann auch fast leer und ich las in meinem Buch bis zum Essen. Danach legte ich mich hin. Nach drei Stunden (ungelogen) wurden wir alle geweckt, weil sie sich mit der Frühstückszeit vertan hatten. Immerhin konnte ich nach dem Frühstück noch etwas dösen. Trotzdem war ich den Rest des Tages komplett erschossen, das war eine viel zu kurze Nacht.
Nach dem Zwischenstopp in Arlanda ging es mit einer Salamischeibe weiter.
Die gehörte vermutlich ebenfalls zu einem Frühstück. Ich habe keine Ahnung, was theoretisch auf dem Flug serviert wurde, ich habe ans Fenster gelehnt geschlafen. Kalt war es auf dem Flug und die Sitze sehr durchgesessen, und die Laune, und die Überreizung… Ich war wirklich nicht die beste Version meiner selbst.
Aber, worauf ich an dieser Stelle mal Lobeshymnen singen muss: formgegossene Ohrenstöpsel zum Schlafen. Oder auch nur zum im Flugzeug sitzen. Beste Anschaffung. Damit kann ich ÜBERALL schlafen. Die Klimaanlage im Hotel in New York hörte sich an, wie ein startendes Flugzeug. Der Kühlschrank im New Jersey-Kaff ebenso. Flugzeuge sind laut, Menschen sind laut. Mit den Dingern drin ist das alles egal. Die waren wirklich jeden Cent wert. Also sie haben auch wirklich einige Cents gekostet, das will ich gar nicht klein reden, aber wenn man das Geld hat und wegen Geräuschen Probleme mit dem Schlafen hat, ist das eine gute Anschaffung. Meine sind auch ganz weich und stören überhaupt nicht. Auf der Reise wollte ich sie irgendwann gar nicht mehr raus nehmen, aber man hört dann halt auch die Umgebung nicht. Das ist eher ungünstig, zum Beispiel an Flughäfen.
Tja, und dann war ich ja wieder hier. Langsam und mit fiesem Jetlag (immer noch, die Uhrzeit verrät es). Ich habe sowohl Donnerstag als auch Freitag ein Nickerchen nach dem Mittagessen gemacht, weil einfach nichts mehr ging. Mein Sportprogramm habe ich Donnerstag fortgesetzt, vor der Arbeit, wenn auch nicht so früh. Aber um morgens in die Gänge zu kommen, ist Sport echt ganz gut. Donnerstag habe ich auch meine Geige wieder ausgepackt und das war schön. Mit dem getapten Ringfinger geht das sogar ganz ok, ist ja die rechte Hand, das ist vielleicht der eine Finger, den man zum Geige spielen am wenigsten braucht. Glück im Unglück. Heute ist, wenn ich richtig gerechnet habe, Tag 3730. so schnell sind fast zwei Wochen rum.
Eine Nacht in New York, nur eine, weil das wirklich absurd teuer ist. Dabei war ja nun gar nicht Saison, nichts, es war einfach ein normaler Samstag im Oktober. Das Hotel war auch nicht luxuriös oder so, ich hatte nicht mal ein Fenster zum rausgucken, weil das Zimmer im sage und schreibe zweiten Stock war. Aber egal. Ich beschwere mich nicht, es war ein tolles Wochenende insgesamt. Den exzessiven Gebrauch von Männerparfum-Raumspray in der Lobby hätten sie sich vielleicht noch sparen können.
New York war wie immer total überwältigend groß, voll und laut. Mehr als zwei Tage würde ich da vermutlich nicht ertragen. Leider hat es auch dieses Mal überhaupt nicht gut funktioniert, eine Hop on Hop Off Bustour zu machen, da kam einfach nie ein Bus. Rausgeschmissenes Geld. Aber ansonsten…
Der Kontrast zwischen alt und neu fasziniert mich immer wieder. Leute stehen an, um dem Bullen die Eier zu kraulen. Suchbild mit Eichhörnchen im Central Park. Wir sind einmal durchs nördliche Viertel und das war schon echt ne Weile.
Abends sind wir in „The Book of Mormon“ gegangen, meine erste Broadway-Show. Das ist ein sehr sehr unterhaltsames, quatschiges Stück. Man sollte aber den Humor von South Park mögen. Aber sehr kunstvoll, wie man da als weißer Mensch die ganze Zeit denkt „oha, darf man das sagen? Darf man darüber lachen? Ist das nicht rassistisch? Ist es ok, wenn es ein schwarzer Schauspieler gesagt hat?“, während es natürlich total ok ist, aufs übelste über die Mormonen (nun mal alle weiß, und jetzt hab ich auch gelernt, wieso) herzuziehen. Ich wusste vorher sehr wenig über Mormonen, jetzt weiß ich die sehr verkürzte Darstellung eines satirischen Musicals und naja, mehr muss ich auch gar nicht wissen, glaube ich. Über Uganda weiß ich allerdings tatsächlich zu wenig und habe Lust bekommen, mehr über Uganda und Afrika generell zu lernen. Bildungsauftrag erfüllt.
Am nächsten Tag gingen wir erst durch Little Italy, Chinatown und Soho spazieren und dann, mit einem Umweg über diverse Läden, aufs Rockefeller Center. Von da hat man wirklich eine tolle Aussicht, völlig surreal eigentlich. Ich hatte Schwierigkeiten, zu realisieren, dass das das ganz echte New York ist.
Eine Schrillion Kalorien zum Frühstück. Die U-Bahn-Schilder-Mosaike sind so hübsch. Nintendo-Shop. Aussicht über den Central Park. Aussicht Richtung Empire State Building.
Rockefeller Center ist zum Fotos machen besser als One World Trade Center, weil man draußen ist. Ansonsten war das ein alle Vorurteile gegenüber Amerikanern bestätigendes Erlebnis. Vor der Aufzugfahrt läuft ein Film zur Entstehung des Rockefeller Centers und naja, das ist eine schamlose Verherrlichung der Ausnutzung der Finanzkrise in den 20ern und zahlloser Arbeiter, die überhaupt keine Rechte hatten und wo Arbeitsschutz ein Fremdwort war. Aber ist er nicht ein Held, der Herr Rockefeller???
Danach waren wir platt wie Brötchen und zwar alle drei. Nie war ich so froh, wieder in einem halb verschlafenen Kaff in New Jersey zu sein, wie an diesem Abend. Man bezahlt da auch keine halbe Niere für ein Abendessen, deshalb haben wir da gegessen.
Tacos mit angegrilltem Thunfisch, scharf und Mega lecker.
Unvorsichtigerweise dazu ein Lime-Margharita. Der war gut, aber hat auch gut funktioniert. Ich habe danach geschlafen wie ein Stein und bin Montag das erste Mal erst vom Wecker wach geworden – um fünf, damit ich noch Sport machen kann. Finde mich selbst ziemlich bekloppt.
Dienstag morgen ging es sehr früh los zum Bahnhof und dann zum Flughafen. Wie immer habe ich vergessen, dass der Zug um 07:01 von Gleis drei fährt, aber weil wir echt früh dran sind, kriege ich ihn trotzdem. Morgens habe ich noch ein Fleece, meinen Regenmantel, Mütze, Schal und Handschuhe eingepackt. Kann an der Ostküste ja kalt und nass werden.
Am Flughafen geht alles total smooth. Wir haben da jetzt so „Brotkästen“, wo man den Koffer abgeben kann. Ich konnte sogar online einchecken. Niemand will mein ESTA sehen. Oder sonst irgendwas.
Am Flughafen kaufe ich mir noch ein Buch, hänge ein bisschen in der Lounge ab, trinke Kaffee und schlendere dann zum Flugzeug. Ich habe wirklich reichlich Zeit. In Kopenhagen habe ich dann noch mehr Zeit. Dann ruft aber erst der IT-Däne mich an (das ist so eine lange Geschichte, die ich noch erzählen muss) und dann mein Kollege. Schwupps, ist es Zeit, in das große Flugzeug zu steigen.
Dort funktioniert das Internet eher so meh, ich arbeite trotzdem, weil ich mich ja irgendwie auf die Inspektion auch vorbereiten muss. Außerdem mache ich den Fehler, ein winziges Glas Champagner zu trinken. Quasi sofort bekomme ich Migräne. Ich habe nur leider nur noch wenig Migränetabletten. Ich versuche es wegzuschlafen, was nicht funktioniert (tut es nie, wann lerne ich das?).
Ebenfalls noch im Flugzeug, weil ich feststelle, dass meine Hände kalt sind, rupfe ich mit sanfter Gewalt und viel Seife den Ehering von meinem vom Bowling beschädigten Finger. Es tut weh und wird das auch weiter tun. Stand heute habe ich den Ring nicht wieder getragen und stattdessen das Gelenk getaped.
In Newark angekommen geht alles total schnell. Die einzige Frage, die mir am Immigrations-Schalter gestellt wird, ist, ob ich Obst dabei habe. Naja, die haben ja auch seit Wochen kein Geld bekommen. Aber mein lupenreines Reisehandy wird nicht eines Blickes gewürdigt. Auch nicht mein ESTA, meine Rückflugbestätigung oder meine Hotelbuchung. Nichts.
Am Gepäckband kommt mein Koffer quasi sofort. Innerhalb von dreißig Minuten nach Aufsetzen des Flugzeugs bin ich aus dem Flughafen raus und fange sofort an zu schwitzen, es sind 21 Grad. Ich frage mich, warum alle Jacken tragen und angele meine Sonnenbrille aus dem Rucksack. Mein Uber kommt auch quasi direkt. Es läuft wirklich alles nahezu gruselig glatt. Jesus fährt mich ins Hotel, auch das ist ereignislos. Ich checke ein und bin kurz empört: ich habe nicht das gleiche Zimmer wie bei den letzten beiden Malen! Ist aber nicht so schlimm, das Zimmer ist eigentlich schöner, nicht so dunkel und es hat auch keinen Teppich, und die Klimaanlage ist neuer und nicht ganz so laut. Es ist inzwischen viertel nach vier.
Sehr amerikanisch.
Ich packe aus und versuche weiterhin alles, meine Kopfschmerzen loszuwerden. Eine Migränetablette ist schon drin, jetzt habe ich noch von jeder Sorte eine, das finde ich für eine voraussichtlich ereignisreiche Woche ein bisschen wenig. Auf dem Weg, etwas zum Essen zu finden, gehe ich deshalb erstmal den Supermarkt inspizieren.
Es ist Halloween! Ein Teil der Pharmacy-Abteilung.
Es gibt keine rezeptfreien Triptane, also kaufe ich irgendwas mit „Migräne“ im Titel, in dem alles mögliche mit Koffein kombiniert ist (bevor Sie jetzt Angst um meine Leber bekommen: in Deutschland gibt es das selbe Zeug, nur in doppelter Dosierung, rezeptfrei in der Apotheke). Und eine Dose Melatonin. Und eine Bodylotion, weil im Hotel nur ein winziges Fläschchen ist. Die Bodylotion (Walgreens Eigenmarke) entpuppt sich als Glücksgriff, die ist wirklich gut. Gut, dass die, typisch USA, ein riesiger Pott ist, da hab ich noch ne Weile was von.
Inzwischen ist es sechs und ich habe echt Hunger. Ich finde einen Laden namens Let‘s Noodle mit guten Bewertungen. Dort angekommen bin ich leicht irritiert, weil alle Bedienungen und generell alle sichtbaren Angestellten aussehen, als seien sie maximal 14 Jahre alt. Also ungelogen und nicht übertrieben. Ich überlege immer noch, ob das so eine Art Schulprojekt gewesen sein könnte. Aber die Nudeln sind gut.
Auf dem Rückweg gehe ich noch mal in den Supermarkt und kaufe Müsliriegel und Wasser. Wieder im Hotel angekommen schreiben die deutschen Inspektoren, dass sie in einer Stunde ca. da sind. Trotz Koffein-Kombipräparat merkt mein Körper aber, dass es eigentlich zwei Uhr nachts ist. Nach einer kleinen Bügelrunde (selbst die am besten eingepackten Blusen haben nach dem Auspacken Kofferfalten) falle ich ins Bett und schlafe…
… bis viertel vor vier. Juhu. Ab fünf kann man in den Fitnessraum, ab halb sieben gibt es Frühstück. Jetzt kommen die Müsliriegel und das Wasser zum Einsatz. So mache ich mir in der Mikrowelle Wasser heiß und habe, dank mitgebrachten Instant-Capuccinotütchen, immerhin Kaffee. Und viel Zeit, ein Sportprogramm auszusuchen. Die Wahl fällt auf Heavy Lifting. Spoiler: ich werde das bereuen.
Außerdem probiere ich aus, ob man in den USA mit nem norwegischen Pass und dreieinhalb Klicks sich Triptane verschreiben lassen und ans Hotel liefern lassen kann. Antwort: ja. Es ist wild.
Um zehn vor sechs ist das Sportprogramm durch, ich gehe duschen und ziehe mich an. Schminke mich und bin um kurz vor sieben beim Frühstück. Da treffe ich auch die deutschen Inspektoren. Den einen kannte ich ja schon, den anderen nur vom Bildschirm. Beide sind nett. Der „neue“ ist eher still. Gar nicht wie der andere.
Wir fahren zur Site und davon darf ich ja nichts erzählen. Es ist alles sehr viel besser als beim letzten Mal. Sie haben offenbar auch ein bisschen Angst vor uns (naja, letztes Mal lief auch echt nicht so gut für die). Das schadet ja nicht. Zeitmanagement klappt dieses Mal besser und wir sind eigentlich an allen Tagen zwischen fünf und halb sechs wieder draußen. Dann gehen wir essen und dann falle ich auch direkt wieder ins Koma. Am nächsten Morgen dann das gleiche Spiel, ich bin total früh wach, mache Sport, trinke Tütencappucino und esse Müsliriegel. So vergehen die Tage bis Freitag Nachmittag.
Am Donnerstag bekomme ich zum Abendessen eine Pizza, die so enorm ist, dass ich nach einem Drittel bereits kapituliere. Totale Verschwendung, ich kann die ja nicht mal mitnehmen.
Freitag Abend fahren die deutschen Inspektoren schon mal nach New York, das war mir aber zu teuer. Ich gehe stattdessen mit mir allein sehr lecker indisch essen – nur um festzustellen, dass deren Applepay-Terminal nicht geht und ich natürlich keine physische Karte dabei habe UND keine meiner Kreditkartennummern aus dem Kopf weiß. Handy hilft auch nicht. Was hilft: der sehr nette Restaurantbesitzer, der mich einfach ziehen lässt, unter dem Versprechen, ihn vom Hotel aus anzurufen und meine Kreditkartennummer durchzugeben. Telefonisch. Auch das: Wild. Ich habe seither bestimmt 26 mal geguckt, ob auch wirklich keine komischen Abbuchungen auf meiner Karte sind. Aber nein. Hat alles geklappt.
Hier mache ich erst mal Schluss, aufgrund der Uhrzeit und der Wirkung der amerikanischenMelatonintablette.
Alles hat gut geklappt, war aber wie ich gedacht hatte: ich kam in den Blog nicht rein. Morgen werde ich mich dann mal hinsetzen und alles aufschreiben. Ereignisreich war es jedenfalls. Jetzt freue ich mich aber erst mal aufs eigene Bett mit nur einem Kissen pro Person drin. Ich habe auch schon sehr genossen, normales Klopapier mit mehr als 0,7 Lagen zur Verfügung zu haben, dass ich Wasser aus der Leitung einfach trinken kann ohne an Schwimmbad denken zu müssen und eine selbst gekochte Mahlzeit. Mac and Cheese, damit der Übergang nicht allzu hart wird.
Letzte Nacht im Flugzeug habe ich, wenn es hoch kommt, drei Stunden geschlafen. Entsprechend zerschossen war ich heute den Tag über. Ausserdem overpeopled bis über beide Ohren. Eigentlich habe ich nur rumgehangen und gedöst. Ich hoffe, dass mich die importierte Melatonindosis dann gleich mal schlafen lässt, obwohl es ja grad mal 19 Uhr ist.