Tag 3737 – Landestreffen Tag 3.

Grad ist es nicht gut. Ich hab, unvorsichtiger Weise, gedacht, ich könnte ein Spiel ausprobieren, das mir lustig erschien, und es war nicht gut. Alle anderen hatten das schon drülfzig Millionen mal gespielt und ich hatte Alkohol getrunken. In dem Spiel geht es um Lügen und Intrigen, ein bisschen wie Werwolf oder Among Us, das sind nicht meine stärksten Seiten, aber es macht mir trotzdem Spaß. Das alles hätte gut ausgehen können – in einer anderen Runde. Da waren ein paar Typen dabei, hauptsächlich 2, die mich sehr haben spüren lassen und auch mehrfach gesagt haben, dass ich in dem Spiel nicht gut bin. In der dritten Runde machte der eine dann auch noch was, das mich total aus jedem Fitzelchen von Konzept brachte, ich reagierte… naja, wie soll ich sagen, wie ne angetrunkene Autistin??? Jedenfalls falsch, und dann prokelte er da immer weiter drin rum und drängte mich in die Ecke, und meine Reaktionen wurden dadurch gar nicht richtiger irgendwie (potzblitz!). Nach dem Ende der Runde sagte ich, dass ich das sehr dreckig fand und überhaupt nicht verstehe, was das sollte, woraufhin er sagte, ich würde ihm ja auch das Spiel kaputt machen, wenn ich dann so unsicher reagiere. Dann dampfte er schnaubend ab und ich brach in Tränen aus. Was mir jetzt natürlich ultra peinlich ist. Inzwischen ist es mir sogar meta-peinlich, weil ich ja weiß, wieso ich so reagiere (die haben, vermutlich komplett unbeabsichtigt, ganz wunde Punkte getroffen, die mit Mobbing, Ausschluss, falsch laufender Kommunikation und immer wieder missglückten Versuchen, eine Community zu finden, zu tun haben*) und weil Gefühle haben ja ok ist und das doch eigentlich ne gute Eigenschaft ist und so weiter und so fort.

Bleibt hängen: ich kann nicht gut Schauspielern, nahezu gar nicht lügen, strategisch ohne Rücksicht auf Verluste denken, Intrigen spinnen und Schmutzkampagnen fahren kann ich auch nicht und nicht mal meine Gefühle im Zaum halten kann ich. Die Drittklässlerin, die bei jeder Ungerechtigkeit geheult hat, bis die halbe Klasse „heul doch, heul doch!“-johlend hinter ihr her lief, und die gemobbte 13-Jährige stehen sofort parat.

Immerhin eine Freundin habe ich hier, die dabei war und sich mein Geheul hinterher angehört hat und die wirklich lieb war. Yeah, I guess.

Der Rest vom Tag war im übrigen super. Nur ganz am Schluss war es richtig kacke.

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*ANDERERSEITS. Das hier ist Mensa. 90% von uns wurden gemobbt. Mindestens die Hälfte hat noch irgendwelche anderen Buchstabendiagnosen (also ASD und/oder ADHS). Inklusion wird sehr groß geschrieben. Es wird überall dazu aufgefordert, sich zum Beispiel an einen Spieletisch zu setzen und Leute anzuquatschen. Da kann man erwarten, dass das Gegenüber nicht einfach ohne Rücksicht seinen Stiefel fährt und sich benimmt wie die emotionale Axt im Wald.

Tag 2858 – Overpeopled.

Nun ja, ich dachte, es wäre inzwischen besser, aber ein ganzer Tag unter vielen Leuten, zu denen ich kollegiale Beziehungen habe, ist zu viel, auch wenn es nett ist. Am Ende möchte ich nur noch heulen. Könnte es jetzt wieder auf das Restaurant schieben, auf die Menschen, die Sitzplatzanordnung, dass alle durcheinander reden und die Musik zu laut war (war sie vermutlich nur in meinen Ohren), aber machen wir uns nichts vor: die meisten Menschen kommen damit klar. Die meisten Menschen zucken nicht zusammen, wenn eine Kollegin lacht. Die meisten, zumindest am Tisch, wollten sich gerne mit mehreren anderen gleichzeitig unterhalten. Ich möchte das nicht. Ich möchte mich eigentlich gar nicht so gerne zu mehr als einer Person gleichzeitig verhalten müssen, jedenfalls nicht, wenn von mir erwartet wird (was ich ja von mir selbst auch erwarte), dass ich genau passend viel rede, genau passend lebendig und unterhaltsam bin und die richtigen Dinge sage, mit denen ich nicht overshare und nicht zu abweisend und unpersönlich bin. Manchmal gelingt mir das besser als heute. Heute war ich darin echt mies, was sich darin äußert, dass ich all das nur wenige Minuten am Stück kann und dann minutenlang Löcher in die Luft starre, bis der Akku wieder minimale Ladung hat. Heute konnte ich eigentlich nur Vier-Augen-Unterhaltungen führen, alles andere war zu viel.

Ich möchte so nicht sein, eigentlich. Ich mag die ja alle. Nur halt am liebsten einzeln.

(Mir ist übrigens sehr klar, dass das höchstwahrscheinlich niemandem aufgefallen ist. Aber mir ist es sehr stark an mir aufgefallen.)

Eine mögliche Lösung, die ich bei Gelegenheit ausprobieren muss, ist, eine Pause zwischen Arbeit und Sozialtralala zu haben, 30 Minuten allein irgendwo rumliegen oder Spazieren gehen oder so.

Was ganz anderes: Das Werk wird umbenannt. Es ist tragisch. Es gibt eine von der Regierung beschlossene Umorganisation der „Zentralen Gesundheitsverwaltung“, was 5 Etats umfasst und jetzt wird da ein wenig umsortiert. Wir kriegen Funktionen dazu, damit hat niemand so richtig gerechnet, und wir kriegen einen neuen Namen, der nach staubiger Bürokratie in grauen Anzügen klingt. Wir werden ein Direktorat (wir waren immer schon einem Direktorat gleichgestellt, hießen nur nicht so) und der Rest des Namens erinnert mich an Stützstrümpfe und Kompressen. Mach’s gut, Werk, es war schön mit dir, ab 2024 dann Direktorat. Seufz.

Tag 2831 – Decke übern Kopf.

Ach, doofer Tag. Erst mal wieder bestätigt bekommen, dass ich selbst unter merkwürdigen Leuten (Inspekteur*Innen sind schon alle ein paar Zentimeter vom Durchschnitt entfernt, auf viele Arten) noch merkwürdig bin. Und dass ich echt eine ordentliche Abneigung gegen MiNdFuLLnEsS habe. Und nicht verstehen kann, warum jemand Eisbadet, wenn man sogar selbst sagt, dass man die ersten 5 Sekunden überzeugt ist, zu sterben. Das macht überhaupt keinen Sinn.

Bitte keine flammenden Reden (höhö) über Eisbaden. Oder Mindfulness.

Den Rest des Arbeitstages mit dem IT-Projekt herumgeärgert, statt meiner eigentlichen Arbeit nachzugehen. Es schlaucht. Die eigentliche Arbeit staut sich. Das IT-Projekt ist nicht mindful. Und nicht agil. Und hat keine Kohle mehr. Hupsi.

Dabei hängt mir diese vormittägliche Sache noch nach, ich hätte diese Bestätigung jetzt nicht direkt gebraucht, um ehrlich zu sein. Wir sollen außerdem unser authentisches Ich finden, dann seien wir charismatisch. Mein authentisches Ich möchte leider gar nicht mit Menschen reden, aber mein professionelles Inspekteurinnen-Ich kann das eigentlich ganz gut. Ich glaube, ich bleibe lieber dabei, im professionellen Zusammenhang eine Rolle zu spielen und bin vielleicht etwas weniger charismatisch, dafür aber auch weniger grumpy misanthropische crazy cat lady ohne Katzen. Dieses, ich nenne es mal Seminar, hat jedenfalls nicht dazu geführt, dass ich mir „meiner Stärken mehr bewusst“ bin, sondern das Gegenteil bewirkt. Ich möchte meinen seltsamen Kopf jetzt nur noch unter die Decke stecken und ganz authentisch die Welt hassen.