Bin sehr im Inspektionstunnel. Gestern ging es eigentlich, aber heute war übel. Rieche außerdem nach Fischfutter. Auch das ist übel. Müde müde, gute Nacht!
Monat: März 2024
Tag 3153 – An der Küste.
Ab morgen drei Tage Inspektion, heute schon angereist, auch sehr ok so. Aus irgendeinem Grund habe ich ein rollstuhlgerechtes Zimmer bekommen, mit für mich natürlich viel zu großer Dusche, das ist mal was Neues. Das Hotel scheint bisher aber ganz ok zu sein, hier waren wir vorher noch nicht. Ich muss nur irgendwie hinbekommen, die Lüftung im Bad auszustellen. Den Kühlschrank habe ich bereits ausgestöpselt, weil der so einen Lärm gemacht hat, aber die Lüftung im Bad nervt noch.
Tag 3152 – Nope.
No nope rope.
Herr Rabe hat das mit dem Gebastel nicht hinbekommen und irgendwann hingeschmissen und ich habe dann den Züchter informiert, dass wir auch heute nicht kommen. Das klingt jetzt, als wäre das easy peasy gewesen, war es nicht. Es werden jetzt also noch mal Dinge geliefert, umgebaut und dann irgendwann…
Dieses Projekt hat mich bereits sehr viel mehr Nerven gekostet als mir lieb ist. Und, sein wir ehrlich, auch mehr als ich mir leisten kann.
Wenigstens eine gute Geigenstunde gehabt. Ich hab da die letzten zwei Wochen viel rein gesteckt und es hat sich gelohnt. Wenigstens an einer Stelle lohnt es sich also. Manchmal. In Teilen. Ich wünschte echt, ich könnte in der Stunde zeigen, was ich kann, und wäre nicht nach wie vor ein nervöses Wrack.
Apropos Geige: ich ackere mich stoisch durch die Flesch Tonleitern, nicht alle Übungen, aber wenigstens die Tonleitern und die Arpeggios plus ein bisschen was. Ich mache das nicht ganz so wie Flesch das wollte, nämlich jeden Tag eine andere Tonart, sondern eher so 4-5 Tage und dann wechsele ich, wenn ich so halbwegs komfortabel mit der aktuellen Tonart bin. Es sind viele Tonarten und auf viele habe ich eigentlich keine Lust, weil sie unbequem sind, also habe ich mir ein System überlegt und steigere die Anzahl Vorzeichen immer um 1 und alterniere zwischen Kreuzen und bs und Moll und Dur. Jetzt bin ich bei b Moll (5 bs), als Nächstes wäre also Fis Dur (6 Kreuze) und dann… muss ich eigentlich wechseln, damit ich alle Tonarten mitbekomme, also… H Dur (5 Kreuze) und dann f Moll… ja, und wenn ich dann bei C Dur/a Moll wieder wechsele, passt es. Schön. Abwechslung mit System.
Tag 3150 und 3151 – Heiß.
Wir haben Donnerstag ein gebrauchtes Terrarium gekauft. Ha! Nimm das, nicht warm werdende Plastikkiste! Das gute am gebrauchten Terrarium: es hatte schon alles mögliche drin, unter anderem eine fest eingegossene, mehrere Zentimeter dicke Schicht Sand auf dem Boden (ist sauschwer, aber dafür speichert es Wärme super gut, wie halt in der Wüste) und Isolation an den Wänden – von innen, und darauf noch mal Bauschaum. Es waren auch schon Leuchten verbaut, aber nur auf einer Seite und da wir ja zwei Schlangen bekommen, die aber nicht zusammen wohnen können, und die ja auch noch Babies sind und gar nicht so viel Platz haben wollen, hat Herr Rabe heute eine Trennwand in der Mitte eingebaut und dann muss natürlich auch auf beiden Seiten eine Wärmelampe sein. Ich habe also eine weitere Wärmelampe gekauft und erst hinterher drüber nachgedacht, dass die Birne allein wenig bringt und dann also noch eine Fassung mit Schirm gekauft. Keramikfassungen sind sehr teuer, weiß ich jetzt. Dann war ich voll froh, weil wir endlich ein Terrarium haben, wo zwei Schlangen jeweils einen Temperaturgradienten von 32 auf ca. 27 Grad haben, mit Lufttemperatur >26 Grad, so wie es sein soll, habs dem Züchter geschickt und… Möp. Herr Rabe wird wohl morgen noch extra Schutzkörbe für die Lampen aus dem Rest vom Meerschweindraht basteln (der hat 1×1 cm Öffnungen, da passen die Schlangen, trotz Babystatus, nicht durch), damit sich die Schlangen nicht *auf den Lampenschirm legen und verbrennen*. Schlangen sind sehr doof und machen sowas. Und ja, ich habe nachgefragt: die kommen da hoch. Falls Sie Angst vor Schlangen haben, können Sie jetzt also gleichzeitig beruhigt und beunruhigt sein, dass die zwar erstaunlich gut fliegen klettern können, aber strunzdoof sind und sich an einer heißen Lampe verbrennen, weil sie sich da gemütlich dran kuscheln.
Nicht so wie Menschen. Die sind auch nicht schlau und verbrennen sich zum Beispiel übel die Finger, weil ihnen Kleber direkt aus der Heißklebepistole auf die Finger tropft und sie dann auch noch alles verschmieren, damit die anderen Finger auch was davon haben. Aber die merken das wenigstens sofort.
Was sie aber erst später merken, ist, dass sie das Thermostatkabel versehentlich vorm Ankleben durch die Lampenhalterung getüddelt haben und deshalb eine Versetzung der Lampe an einen mit einem Schutzkorb kompatibleren Ort nicht so ohne Weiteres möglich ist. Dann muss das gründlich unter Einsatz der Haut auf mehreren Fingern angeklebte Kabel doch wieder losgefriemelt werden.
Zwischenstand vom Zeitpunkt als ich noch total stolz war:


P.S. man sollte ja meinen, ein Produkt für Reptilien sei geeignet für Reptilien. Aber nein.
Tag 3149 – Michel goes Politik.
Nun. Michel vs. Schule hat ein neues Kapitel erreicht. Heute kam er nach Hause und hierlt mir 45 Minuten lang eine flammende Rede darüber, dass die Schule generell und die Lehrpersonen im Besonderen keine Ahnung davon haben, was sie für Kinder mit ADHS, Autismus, Dyslexie oder anderen extra Baustellen machen können. Und das dass geändert werden muss, das muss „die Schule wo man Lehrer*in sein lernt“ denen beibringen. Nämlich. Und dafür wird er kämpfen, und wenn er irgendwann nicht mehr da ist dann sollen seine Kinder und Enkelkinder dafür weiter kämpfen! (Das hat er so gesagt.) Und weil er befürchtet, dass die Erwachsenen nicht auf ihn hören, weil er 11 Jahre alt ist, will er das der Person sagen, die „das bestimmt was die Lehrer*innen wissen müssen“. Am liebsten persönlich, aber ich bekam ihn auf eine Mail runtergehandelt. Ich dachte, dass wir diese Mail vielleicht zusammen schreiben würden und ich würde die Adresse vom entsprechenden Departement raussuchen, aber als ich das nächste mal guckte, warum es in Michels Zimmer so leise ist, hatte er seine Mail an Post ät Stortinget Punkt no schon abgeschickt. Michel backt also keine kleinen Brötchen.
Der Anlass war übrigens mitnichten, dass er irgendwas haben will, aber nicht bekommt. Nein, das Problem ist, dass er das bekommt, was in Deutschland den blöden Namen Nachteilsausgleich hat. In Norwegen läuft das ganz anders, jedenfalls auf dem Papier, denn jedes Kind hat das Recht auf einen individuell angepassten Lernplan und entsprechende Anpassungen des Schulalltags. Quasi ein Recht auf Nachteilsausgleich für alle. In der Praxis ist es allerdings so, dass man selbst mit ner Diagnose sich Fransen an den Mund labern muss, bis minimale Anpassungen (und bitte keine, die die Schule irgendwas an Anstrengung kosten, wo kommen wir da hin!) passieren. Wir hatten gestern mal wieder so eine Fransensession und heute bekam Michel deshalb von der Lehrerin mitgeteilt, dass er öfter seinen Computer benutzen kann, auch wenn der Rest von Hand schreibt. Weil er, wegen ADHS und Problemen mit der Feinmotorik, unverhältnismäßig viel Energie auf das Schreiben mit der Hand an sich verwendet, und dann der Inhalt leidet oder die Handschrift so schlecht wird, dass ich sie kaum entziffern kann. Das brachte Michel auf die Palme, denn er hat ganz richtig erkannt, dass andere in seiner Klasse auch Probleme mit dem Schreiben mit der Hand haben. Warum darf er, aber andere nicht, die davon auch profitieren würden? Weil die Schule das mit dem „Anpassung ist nicht von Diagnosen abhängig“ zwar sagt, aber nicht lebt. Alle sollen Michels Meinung nach so einen Fragenbogen ausfüllen, wie er es gemacht hat, wo es um genau solche Anpassungen geht. Michel hat Sorge, dass andere vielleicht gar nicht sagen, dass ihnen was schwer fällt. Michel hat auch Sorge, dass andere Kinder undiagnostiziertes ADHS etc. haben und genauso Probleme haben wie er – aber nicht die Anpassungen bekommen. Vielleicht weil deren Eltern nicht so ressourcenstark sind wie wir. Nicht alle können ständig ihre Kinder zu Terminen fahren, 30 Minuten pro Weg. Und in der Schule müssen die das doch eigentlich wissen und können aber tun sie offenbar nicht.
Ergo schrieb Michel an den Stortinget, damit die Lehrpersonen besser ausgebildet werden, damit sie dann besser mit Kindern und all ihren bunten Eigenheiten umgehen können und nicht er allein irgendwelche Dinge darf, nur weil er zufällig ne Buchstaben-Diagnose hat.
Er ist ja schon sehr toll. Ich vergesse das manchmal, weil er auch so ganz anders kann. Aber er hat ein großes Herz, ein sehr feines Gerechtigkeitsempfinden, wenig Respekt vor Hierarchien und einen großen Drive, wenn ihn was bewegt. Da sollte man ihm nicht in die Quere bei kommen, sonst wird man einfach nieder gemäht. Ich finde, das sind im Grunde alles gute Eigenschaften. Er ist 11 und tritt mehr für seine Werte ein, als die meisten Erwachsenen.