Tag 3058 – Ganz normaler Montag.

Die Kinder motzen sich schon morgens an, in der Kantine gibt es nur Salat, auf dem Rückweg vom Büro muss ich im Zug stehen. Bonus: Blutabnahme mit anschließendem dickem blauem Fleck und eine von innen vereiste Frontscheibe am Bahnhof, weil morgens wegen der Blutabnahme keine Zeit mehr war, die Alufolie aufs Auto zu prömmeln (Cardos ist WIRKLICH kein Winterauto).

Lichtblick: Ikea-Blumenbällchen am Abend, danach satt und zufrieden.

Tag 3056 und 3057 – Viel.

Vielleicht sind es auch nur diese neuen Medikamente und ihre Nebenwirkungen, das vorweg.

Aber… ich bin fix und alle. Gestern haben wir bis spät in die Nacht das Wohnzimmer umgeräumt und den neuen Fernseher aufgehängt und uns drüber geärgert, dass die „Birkenfarbene“ Schubladenblende irgendwie sehr rosa ist (die Türfronten der selben Reihe werden morgen umgetauscht, weil uns das wirklich so gar nicht gefällt). Und überlegt, wo all dieses riesige Lego eigentlich hin soll (und keine gute Lösung gefunden).

Heute war wegen Umräumen und Fernseherverpackung ein solches Chaos, dass ich sehr gestresst war und am liebsten weggerannt wäre. Außerdem hatten wir gestern Abend vor lauter Räumerei vergessen, dass wir noch hätten einkaufen müssen. Heute gab es deshalb die letzten 2 Brötchen, die letzten 3 Croissants und als Abendessen die norwegische Version von Dosenravioli aus dem Krisenvorrat (die wären aber eh bald abgelaufen und müssen deshalb weg). All das + die lange To-Do-Liste = Stress.

Vielleicht war auch eigentlich keine so gute Idee, gestern noch was soziales zu machen, aber ich war von einer Handvoll neurodiverser (hauptsächlich autistischer) Frauen zu einem informellen Treffen eingeladen worden, und fand das so lieb, dass ich ja sagte. Und es war auch wirklich schön, die anderen 4 waren alle sehr sehr nett und interessant und augenscheinlich erst mal „normal“, was ich sehr beruhigend fand, ich bin schließlich auch total normal, ähäm. Ich musste auch keine Diagnose vorlegen, um akzeptiert zu werden, auch das war sehr beruhigend. Die eine hatte in ihrem aktuellen Hyperfokus für alle kleine Bändchen gebastelt, auf denen „Neurospicy“ steht, jetzt bin ich also Mitglied in sowas wie einem Club. Und es tut auch mal gut, ein paar ähnliche Erfahrungen teilen zu können. Ich mag die gern, aber natürlich war das ziemlich anstrengend, ich kannte die ja vorher nicht und das war alles aufregend und so weiter.

In Kombination war das Wochenende vielleicht etwas zu ambitioniert. Und schon ist es vorbei, so ein Rotz.

Tag 3055 – Zu Hause, Müde, Spät, diesdas.

Wir haben jetzt einen neuen Fernseher, der keinen grünen Fleck in der Mitte hat. Das ist sehr schön. Eine Folge Simpsons verifizierte die Fleckfreiheit. Ansonsten war die Inspektion heute sehr seltsam, sehr schnell vorbei und wir trotzdem nicht eher zu Hause. Abends habe ich eine Dreiviertel Stunde schlecht Geige gespielt, also tatsächlich schlecht, mein Hirn war nicht ganz da und dann machen die Finger auch was sie wollen.

Tag 3051 – Aufgeregt.

Michel fühlt sich eigentlich wieder ganz gut, hatte aber abends wieder erhöhte Temperatur und bleibt deshalb auch morgen zu Hause. Ich habe keinerlei Krankheitssymptome und einen negativen Test. Solange ich nicht morgen früh (um halb sechs, und dann muss ich auch ohne snoozen aufstehen, urgs) krank aufwache, breche ich auf die letzte Inspektion des Jahres auf. Ich bin total aufgeregt, als wäre ich noch nie verreist, bin unnötig viele Schritte beim Packen gelaufen weil ständig irgendwas vergessen und überlege die ganze Zeit, ob ein Paar Schuhe wirklich reicht (ja) und ob nicht doch das Kissen hier bleiben und extra Schuhe mit sollen (nein). Schlafen erscheint mir utopisch. Aber muss ja alles, ne?

Ahhh.

Außerdem heute ein Meeting gehabt, das eine akustische Geduldprobe war, und das ich mehrmals stumm schalten musste, obwohl ich gleich zu Anfang geschrieben hatte, dass für uns zu Hause alle gleich laut und aus der gleichen Richtung aus dem Lautsprecher kommen und dass sie deshalb BITTE nicht alle gleichzeitig reden sollen. Das wurde einfach mal komplett ignoriert. Manche lachen auch echt laut. Auch dass manche nach drei Jahren Homeoffice noch nicht geschnallt haben, dass die Meetingraum-Mikrofone das, was man dem Nachbarn zuraunt, genauso auffangen, als sei man (und alle anderen zu Hause, die das Meeting noch nicht gemutet haben) der Nachbar, oder dass manche den Sinn von Mikrofonen generell nicht so ganz verstanden haben und meinen, da rein rufen zu müssen: ORRRR! Vielleicht bin ich auch extra empfindlich, weil aufgeregt, aber ORRRR!

Tag 3050 – Zwei kleine Updates.

Michel geht es besser, aber noch nicht gut. Er bleibt morgen zu Hause und ich auch – hoffend, dass ich mich nicht angesteckt habe, weil ich eigentlich Dienstag auf eine Inspektionsreise aufbreche. Ähäm.

Das andere Update hängt damit zusammen. Ich rantete neulich über Bügeln und die Sicherheitsrisiken von Bügeleisen. Dienstag und die Tage darauf brauche ich gebügelte Kleidung, insbesondere Blusen und heute habe ich mir einen hübschen, aber schmerzhaften rosa Streifen auf die Oberseite des linken kleinen Fingers gebrannt. Ich hasse Bügeln dadurch jetzt nicht unbedingt weniger. Vielleicht steige ich echt komplett auf Jersey um, einfach nur um nicht mehr bügeln zu müssen.

Tag 3048 – Müde.

Ich bin hundemüde. Zu nichts in der Lage, auch wieder Kopfschmerzen gehabt, auf dem Sofa eingeschlafen. Vielleicht sind das Nebenwirkungen eines neuen Medikaments, das ich nehme. Nicht aufregendes, ich möchte es eigentlich auch gar nicht nehmen, weil ich eben vor solchen Nebenwirkungen Angst habe. Ich werde das beobachten, jetzt aber erst mal schlafen. Vielleicht sind es auch ganz einfach Nebenwirkungen von einem Tag im Büro, mit Team-Tag (viel Zeitverschwendung), gemeinsamem Mittagessen (schon wieder Salat, ich hab keine Lust auf täglich Salat, doofe Kantine mit ihrem Fleisch-Fetisch) und einem geschlossenen Café unten im Gebäude, bei dem man normalerweise sehr teuren aber wenigstens guten Kaffe bekommt. Alles viel. Könnte halt auch das sein.

Tag 3047 – Hach.

Sie sind alle sehr lieb. Wirklich. Ich antworte auch, sobald meine rasenden Kopfschmerzen besser sind. Versprochen. Aber nach einem Tag im Büro mit der Schulsituation im Hinterkopf und auf dem Rückweg meine Gedanken und Wünsche zu dem Thema auf Norwegisch semi-geordnet aufschreibend bin ich furchtbar platt. Ich ging mich sogar zu Hause direkt hinlegen, was aber nicht half, im Gegenteil, die Kopfschmerzen wurden immer schlimmer. Michel ist auch alle und hat sich vorhin mit Herrn Rabe angeschrien, obwohl Herr Rabe eine Engelsgeduld hat und nur bei schlimmer Provokation laut wird. Vielleicht ist auch Herr Rabe alle, auf jeden Fall ist der erkältet. Bzw. hat seine Erkältung von neulich die Etage gewechselt und sitzt jetzt nicht mehr so sehr tief und schleimig in den Bronchien sondern in den Nebenhöhlen. Wir sind alle ein müder, geschaffter Haufen. Gut dass morgen keine Schule ist, es ist ein beweglicher Ferientag.

Tag 3045 – Viel los.

Theoretisch hätte ich heute was zu erzählen, der Tag war voll und bestand zu einem Teil aus Detektivarbeit, aber praktisch ist es total spät. Dann muss ich Ihnen ein anderes mal erzählen, wie Pippi meinen (!) einen (!!) rosa Ballettschuh verklüngelte. Alles gut, die Ballettschule fand ihn und wir sind wieder vereint, sie dachten sogar „das könnte Renanas sein…“ bevor ich schrieb „habt ihr zufällig einen einzelnen Bloch Schuh in Größe 6C gefunden, weil wenn nicht, ist Pippi schlagartig ca. 400 Kronen ärmer…“. Aber… Rübennase! Orrr.

Tag 3043 – Ich wünsche mir einen Gürtel.

Eigentlich nicht. Ich besitze drei Gürtel, die ich regelmäßig trage, alle seit Jahren: einen schwarzen, einen braunen und einen schmalen braunen. Mehr Gürtel braucht doch kein Mensch, das sind genau genommen sogar zwei mehr als ich dringend brauche. Ich beneide Menschen ein bisschen, die ohne Gürtel zurecht kommen, meine Körperform möchte dann aber keine von der Stange gekaufte Hose oben behalten.

Aber ein Gürtel zum Draufbeißen wäre nett, jeden Monat wieder kommt dieser Tag, an dem es sich anfühlt, als würde sich mein Uterus innerlich auf links krempeln. Auch das wird mit den Jahren irgendwie schlimmer. Es ist meistens nur ein Tag, höchstens eineinhalb, Tage, aber schön ist anders. Schlimmer war eigentlich nur als mein Uterus auch noch meinen kompletten Bauchraum ausfüllte, von den Rippen bis zur Symphyse, und das ganze 1. von innerlichen Tritten begleitet wurde und 2. nur der Anfang war. Aber der Anfang war, bei Pippi jedenfalls, so. Weshalb ich ja auch dachte, das könne nicht der Anfang sein, weil Zyklustag 1 gemeinhin nicht als „das schmerzhafteste Erlebnis deines Lebens!!!“ bezeichnet wird, und das so etwa mein Maßstab war. Das, und am anderen Ende der Skala, das Gefühl, was ich bei Michel hatte: als würde er von innen versuchen, durch die Bauchdecke zu entkommen, wie bei Alien.

Leider hilft auch Ibuprofen dieses Mal nur mäßig dagegen, für spazieren gehen fehlte heute die Zeit und deshalb halt der Gürtel.

Tag 3041 und 3042 – Shopping.

Gestern war Nix. Ich habe Hogwarts fertig gebaut (gut, aber auch ein bisschen doof, weil was baue ich denn jetzt? Puzzeln geht nicht, der Tisch ist voller Lego). Der Lieblingskollege hat Covid (doof) redet aber wieder mit mir (gut). Michel hat nicht die Lehrerin angeschrien (gut). Ich habe abends eine Master Class zu Vivaldi angeschaut und bemerkt, dass ich leider eine komische Version runtergeladen hatte. Habe jetzt eine, die richtig(er) ist. Zumindest entspricht sie dem, was in der Master Class besprochen wurde. Vivaldi selbst kann man ja schlecht fragen.

Heute waren wir mit den Kindern Wintersachen kaufen. Das war eigentlich ok, aber anstrengend wie Sau, weil Shoppingcenter halt Shoppingcenter sind und ich wahrscheinlich nie einsehe, dass ich da kaum eine Hilfe bin, sondern eher so ein überforderter Klotz an Herrn Rabes Bein. Am besten geht es noch, wenn ich einen konkreten Auftrag habe, wie „diese Hose in 146 finden“. Aber „wir brauchen eine Jacke“, uff. Heute war viel „Wir brauchen Jacken, Wollsocken und Handschuhe“. Irgendwann musste Pippi aufs Klo, Herr Rabe machte einen zielstrebigen Eindruck, wir rannten alle hinter ihm her, Michel mir einen Knopf an die Backe labernd, ein Kleinkind bekam irgendwo nicht was es wollte und eskalierte lautstark, und Herr Rabe sehr plötzlich sichtlich gestresst so „RENANA hast du ein Klo gesehen?“. Da ging mein Gehirn einfach aus und aus meinem Mund kam nur Näää. Zu viel Input, kein Output möglich. Die Antwort wäre „Nein“ gewesen, möglicherweise mit dem Nachsatz „Ich dachte, du weißt, wo du hinläufst“. Pfft, Klo, ich hab nach dem Einkaufen nicht mal unser eigenes Auto gefunden! Orientierungssinn, eh schon nicht toll, geht auch immer als erstes kaputt. Tja. (Vielleicht ist das wie wenn einem Zehen abfrieren. Unwichtige kognitive Prozesse werden bei Stress als erstes abgeschaltet.)

Wir fanden dann doch recht schnell ein Klo, aßen ungesunden, aber nicht überraschenden Kram beim Restaurant Zur Goldenen Möwe und fuhren zurück. Philip Glass‘ ewige Arpeggios holten mich im Auto so weit wieder runter, dass ich kurz eindöste, während Herr Rabe durch das klebrig-nasse Schneetreiben fahren musste. Das Auto hat nämlich auch sofort keinen Orientierungssinn mehr, sobald es schneit, denn dann sind die Sensoren vereist. Den Rest der Anspannung erledigte Vivaldi (die neu runtergeladene Version) und ein Spaziergang.

Das nächste mal nehme ich Herrn Rabes Angebot, zu Hause zu bleiben, lieber an.