Tag 2927 – Dänemark Tag 12.

Wenn man die Kinder nicht quasi an den Ohren zu Aktivitäten schleifen müsste, die sie dann im Endeffekt doch meistens toll bis super und „will nicht mehr nach Hause“ finden, wäre es perfekt hier.

Abends machte ich heute einen Spaziergang mit Michel. Der durfte dabei Drei Fragezeichen hören (über Kopfhörer, weil ich das überhaupt nicht ausstehen kann), ich hörte Musik und zusammen gingen wir eine Runde zum Strand, am Strand lang und wieder zurück zum Haus. Das klingt jetzt furchtbar, wie wir so gar nicht miteinander redeten, aber wir waren beide damit sehr zufrieden. Da Michel kalte Hände hatte (oder vortäuschte), ging er außerdem die ganze Zeit an meiner Hand. Das fand ich sehr schön und er wohl auch, loslassen durfte ich jedenfalls nicht. Wer weiß, wie lange er das noch macht.

Tag 2916 – Angekommen im Ferienhaus!

Die Fahrt verlief unspektakulär. Wie so eine Bilderbuchfamilie spielten wir UNO und Vier Gewinnt, da wir ja auf der Überfahrt gezwungenermaßen Digital Detox machen. Ich konnte die Herzchen in den Augen der anderen (älteren) Reisenden beim Essen förmlich sehen, was für wohlerzogene Kinder wir doch haben, die beim Essen gegenmiteinander Vier Gewinnt spielen, mit einem offenkundig aus den 90ern stammenden Set. So geht es doch auch, so gute Eltern!

Stimmt natürlich total. Beste Kinder, die streiten auch nie, gucken keinen Quatsch, üben auf ihren Instrumenten, räumen freiwillig auf, lieben Hausaufgaben und essen alles.

Zum Beispiel essen sie, wenn man sie lässt, und wir ließen sie, erst einen Anstandshappen Pommes und (aus Neugierde) Meeresfrüchte und danach drei Softeis.

Das diesjährige Ferienhaus, wieder mit Familie Wunnibar, ist an der anderen Küste, wo hoffentlich weniger Quallen sind, es hat ein Reetdach und ist etwas moderner eingerichtet. Wir haben dieses Jahr auch Bettwäsche dazu gebucht und das schon ein wenig bereut. So ganz angekommen bin zumindest ich aber noch nicht, ich bin auch echt müde und mache jetzt glaube ich einfach die Augen zu.

Tag 2913 – Blitz und Blink.

Ich hatte heute jede Menge Pläne – und habe kaum was davon umgesetzt, weil ich vier Stunden lang in Pippis Chaoshöhle, ähhhh, Zimmer, aufgeräumt habe. Ja, ich mache das ohne sie, weil ich auf gar keinen Fall will, dass sie es selbst lernt. Nein, ich mache das ohne sie, weil

  • Ich früher immer selbst/alleine aufräumen musste und es trotzdem erst so richtig gelernt habe, als ich ausgezogen bin
  • Ich keine Lust habe, über jede nur noch zu 1/3 vorhandene drei Jahre alte Ü-Ei-Figur zu verhandeln, die ich wegwerfen möchte
  • Sie meistens erst mal eine halbe Stunde heult, bevor sie sehr kurz was aufräumt, was mich wahnsinnig macht, weil ich ohnehin schon aufräumen maximal scheiße finde, auch ohne heulende Kinder
  • Ich alleine wenigstens nebenher Podcasts oder Videos hören kann

Jetzt ist da aber wieder Grund drin. Hallelujah. Was für ein Akt. Dieses Kind legt gerne Haufen an und Aufräumen besteht offenbar meistens nur aus alles in irgendwelche Kisten schmeißen. Ich habe also diverse Haufen und Kramkisten aufgelöst und unter einem besonders großen Haufen sogar ihren Schreibtisch wieder gefunden. Man kann da jetzt noch nicht wieder vom Boden essen, aber man kann viel mehr Fußboden sehen als vorher und morgen kann die Putzhilfe da rein, ohne dass ich in Grund und Boden versinken möchte. Und danach, also wenn die Putzhilfe fertig ist, kann man vom Boden essen. Wenn man das will.

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Abends waren Herr Rabe und ich recht spontan indisch essen und haben ein kleines Paneer-Fest gefeiert. Das war super gut. Hach!

Tag 2912 – Wie früher.

Wir haben kinderfrei! Pippi ist jetzt auch beim Korps-Sommerkurs untergebracht, für ganze zwei Tage, aber immerhin! Yeaaaahhhh!

Nachdem ich Pippi abgeliefert hatte war ich beim Friseur, das war echt nötig. Leider muss ich wohl morgen noch mal hin, an der rechten Schläfe was korrigieren lassen.

Danach hatte ich jede Menge Pläne, die allesamt daran starben, dass mein Körper beschloss, dass ich auf dem Sofa am besten aufgehoben sei. Ich döste und guckte Blödsinn auf YouTube.

Als Herr Rabe kam, kochte er und dann aßen wir auf dem Sofa, was ja sonst strengstens verboten ist, aber es sind ja keine Kinder da, yeaaaahhhh!

Zum Tagesabschluss machten wir zusammen einen Spaziergang zur Tankstelle und kauften uns Eis. So romantisch!

Tag 2911 – Normal.

Ich glaube, ich bin wieder in dieser Zeitzone angekommen. Denn ich bin noch wach und das auch recht problemlos. Hurra!

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Heute Morgen lieferte ich Michel beim Korps-Sommerkurs ab. Ich glaube, das wird gut. Ich hab ihm noch mal gesagt, dass ich stolz auf ihn bin, dass er das durchzieht. Er meinte daraufhin, ob er ne andere Möglichkeit gehabt hätte, worauf ich sagte, naja, heulen und schreien wie letztes Jahr? Da musste er ein bisschen grinsen.

Die Wartezeit bei der Anmeldung überbrückte Michel, indem er mir Löcher zu Energiegewinnung in den Bauch fragte. Warum man nicht einfach mit Strom Strom erzeugen könne und dann immer mehr Strom hätte. Ich war kurz davor, die Hauptsätze der Thermodynamik zu erläutern, beschränkte mich dann aber darauf, die Unmöglichkeit von Perpetuum Mobiles zu nennen, aber die Möglichkeit von Energiespeichern zum Beispiel durch Befüllen von Wasserreservoirs in Zeiten von Energieüberschuss zu erklären. Und Zack, waren wir auch schon dran.

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Nachdem ich wieder zu Hause war, habe ich einen Arzttermin gehabt und meine Abhandlung über meine Seltsamkeiten abgeliefert. Ich bin wohl definitiv nicht so ganz normal, allein dass ich diese Erklärung verfasst habe, spricht, wenn nicht Bände, dann doch mindestens sechs Seiten. Immerhin sind seit nach dem Termin meine nervigen Kopfschmerzen wie weggeblasen. So ein Zufall!

Tag 2910 – Nicht einfaches Wochenende.

Gestern hatte ich übrigens Besuch, bevor ich abends sehr müde wurde. Das wird jetzt ein bisschen kryptisch, sorry, aber raus muss es trotzdem. Das war nämlich jemand von „früher“, also wirklich ganz früher, wir haben uns seit, wenn ich richtig gerechnet habe, 24 Jahren nicht gesehen. Das hatte auch Gründe, vor 24 Jahren waren Dinge nicht so einfach und danach auch nicht und überhaupt. Das machte dann auch, dass ich vor dem Besuch ein bisschen aufgeregt war, die ganze Situation war anfangs sehr seltsam und hölzern, aber dann war es ausgesprochen nett. Es war überraschend gut, mal mit jemandem zu reden, der dieses „früher“ aus einer anderen Perspektive mit erlebt hat. Jetzt habe ich hier außerdem einen USB-Stick mit alten Fotos, in den ich noch nicht rein geguckt habe, weil ich so ganz unbegleitet dann doch nicht unmittelbar in dieses „früher“ zurückgeworfen werden will. Herr Rabe kam aber eben erst von seinem Wochenendtrip zurück, deshalb war die Gelegenheit noch nicht da.

Wie gewohnt nach sozial nicht easy peasy Situationen war ich danach ziemlich alle und wohl auch deshalb gestern Abend extrem müde.

Ich bin trotzdem froh, dass wir das gemacht haben.

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Heute habe ich den Tag dann erst mal damit zugebracht, eine Bestandsaufnahme meiner Awkwardness zu betreiben, schriftlich, für meinen Hausarzt. Es wurde viel Text und war nicht einfach und teilweise schmerzhaft, das so geballt aufzulisten. Irgendwann war es dann auch körperlich schmerzhaft, weil ich Migräne bekam. Oh the joys. Während einer Pause packte ich Michels Tasche für den Korps Sommerkurs, woran teilnehmen zu müssen Michel als Zumutung betrachtet. Noch mehr joys. Ich war da aber dieses Jahr einfach sehr klar und habe mich gar nicht erst auf irgendwelche Diskussionen und Verhandlungen eingelassen und Michel scheint tatsächlich auch den Protest aufgegeben zu haben. Ich hoffe, er lässt sich dann auch darauf ein und hat Spaß – das Argument „ich hab letztes Jahr nur GESAGT, ich hätte Spaß gehabt, damit ihr zufrieden seid!“ kaufe ich ihm nämlich einfach nicht ab. Und zusätzlich weiß ich, dass er, wenn wir ihm das komplett frei überlassen, niemals an sowas teilnehmen würde, also gar keine Chance auf positive soziale Erlebnisse hätte. Ich verstehe ihn da voll – und zwinge ihn trotzdem, gerade weil ich ihn verstehe. Ich Monster.

Tag 2896 – Besser, Tröt und uiuiui.

Es sind nur noch knapp über 20 Grad und es hat sogar geregnet, in einer angenehmen Form, nämlich leichtes, aber stetiges Getröpfel über Stunden. Es ist, als würde die Natur einmal richtig aufatmen. Außer die Fluginsekten, die vielleicht nicht.

Die 3. Kompanie der Königlichen Garde

Die Kinder und ich fuhren heute nach Oslo, zum Tag der offenen Tür der Königlichen Garde (also der Soldaten mit den lustigen Hüten, die besonders gut im Paradieren sind). Die 3. Kompanie ist deren Drill- und Musiktruppe, die haben wir ja letzten Sommer schon mal gesehen, und mit zwei etwas nerdigen Korpskindern fand ich das eine gute Idee. Musik begeistert mich ja generell und auch wenn Marschmusik im Allgemeinen nicht soooo mein Favorit ist (generell dieses ganze militärische daran nicht) ist das, was die Garde spielt, auf einem Niveau, das es wert macht, dafür nach Oslo zu fahren. Außerdem sind das ja Wehrdienstleistende, das heißt, die diesjährige Garde ist eine komplett andere, als die letztjährige. Der Ausflug war auch echt gut, die Musik und der Drill einfach faszinierend, aber sowohl auf dem Hin- als auch auf dem Rückweg passierten Dinge mit den Zügen, auf die ich flexibel reagieren musste, dazu kam, dass Pippi ein stetiger Quell von Geräusch und Bewegung ist, was mich auch stresst, und schon im Zug auf dem Weg zurück war mein Akku dann bedrohlich leer*. Wie Stöpsel gezogen. Das ist blöd, weil es im Nachhinein irgendwie das Erlebnis runterzieht. Anyway, auf dem Rückweg trafen wir dann noch Herrn Rabe, der in unseren Zug zustieg. Da war nicht mehr ganz so schlimm, dass ich mich zu Hause erst mal kurz etwas abschotten musste.

… denn die Verpflichtungen des Tages waren ja noch nicht vorbei, ich musste ja noch packen. Am liebsten hätte ich mich auch einfach heulend geweigert, überhaupt anzufangen, weil ich ja was vergessen könnte, aber ich bin ja nicht mehr 10 und habe mir das mit viel Mühe und ein paar Umarmungen von Herr Rabe verkniffen. Es ist jetzt fertig gepackt, zumindest soweit möglich, morgen kann ich mich noch bis ca. 16 Uhr verrückt machen und Last Minute Dinge in den Koffer werfen und dann geht’s auf nach Korea. Ohgottogott.

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*immerhin merke ich das inzwischen manchmal und mache dann auch, obwohl mit Kindern unterwegs, Kopfhörer rein und Musik an, weil mich das beruhigt und von weiteren Eindrücken (wie redenden Menschen überall) abschottet. Die Kinder haben ja von ner Mutter, die buchstäblich zu nichts mehr in der Lage ist, auch nichts.

Tag 2886 – Kleingroß.

Die Kinder fahren morgen auf Korpsfahrt. Beide. Pippi freut sich. Michel freut sich auch, aber… anders. Was sich in erster Linie darin zeigt, dass er schon mal vorher total aufgeregt ist und nicht weiß, wohin mit sich und achthundertdreiundneunzig Katastrophenszenarien entwirft und dann nichts gebacken bekommt, Packen zum Beispiel. Und heute haben wir obendrein als Eltern ein bisschen verkackt und das Packen viel zu spät eingeläutet und dann… naja. Am Ende packte ich für Michel, der das einfach aufgrund seines emotionalen Zustandes nicht mehr konnte. Er versuchte mehrmals halbherzig, mich aus seinem Zimmer zu werfen, ging aber selbst auch nirgendwo anders hin und irgendwann brachen wir alles andere ab und ich brachte ihn ins Bett, ebenfalls viel zu spät. Bei der normalen Abendroutine kam er immerhin halbwegs runter, beim Vorlesen hörte irgendwann das Schniefen auf, dann kamen die üblichen Fragen zu allem und Tralala und als er trotz allem nicht schlafen konnte, nahm er sogar mein Kuschelangebot an. Dann konnte er auch schlafen, mit seinem riesigen Kuschelhund im Arm und halb auf mir liegend. Wie immer. Eigentlich noch ganz klein. Ein ganz kleiner Mensch mit 1,50 m Körpergröße, im Wesentlichen aus Armen und Beinen bestehend.

Der arme Zwerg. Es gehen viele große Gedanken und Sorgen in seinem Kopf rum. Unter Stress fitschen die aber rum wie Flipperkugeln und machen erst recht nichts sinnvolles mehr, sondern nur noch mehr Stress, wie eine Kettenreaktion. Dass er in Stress gerät, stresst ihn dann noch mehr, dazu kommt Selbstkritik ohne Ende, weil er ja eigentlich Dinge tun müsste, aber die nicht schafft, weil er so unter Strom steht. Aber helfen kann da auch keiner so richtig, beziehungsweise kann ich nicht helfen, weil alle Strategien, die mir helfen würden, an ihm abprallen und für alles andere fehlt mir die erzieherische Phantasie irgendwie. Was am Ende einigermaßen gut half waren klare Ansagen ohne Spielraum, wie „du gehst jetzt duschen, ich packe für dich“, da konnte er sich ein bisschen reiben aber hatte eine Richtschnur (und die Verantwortung für den Inhalt seiner Tasche abgegeben). Geduscht hat er nicht, aber immerhin aufgehört, im Zimmer auf und ab zu laufen. Kurz. Duschen kann er dann morgen früh, in hoffentlich besserer Stimmung. Weiß nicht ob das so toll ratgebergemäß war, aber ich befürchte, die Ratgeberschreibenden waren halt auch noch nie bei uns zu Hause.

Mein Baby… Kann ich bitte die Zeiten noch mal sehen, als unser größtes Problem war, dass wir nach jedem Essen den Essplatz großräumig Kärchern mussten?

Tag 2873 – Endlich wieder Fragebögen!

Herr Rabe und ich haben jetzt zwei Tage ADHS-Kurs für Eltern hinter uns. Uff, ey. Es ist nicht so, als wäre das in irgendeiner Form verpflichtend, also gezwungen hat uns niemand dazu. Es ist aber gleichzeitig eins der ganz wenigen Angebote, die es für Eltern in dieser Situation überhaupt gibt, also haben wir es wahrgenommen, als es uns angeboten wurde. Und wenn man sich angemeldet hat, ist es tatsächlich verpflichtend, auch aufzulaufen (ich nehme an, Kopp unterm Arm wäre eine gültige Ausrede). Also liefen wir auf.

Jetzt ist es aber ja so, dass Herr Rabe und ich schon im Vorfeld vielleicht überdurchschnittlich gut informiert waren, ganz sicher aber eine schnelle Auffassungsgabe haben und bei Redundanz oder Irrelevanz schnell geistig abdriften und/oder (ich kann da nur für mich sprechen) innerlich sehr laut orrrrren. Das hätte ich sicher ahnen können, das ist ja nicht das erste mal, dass wir in einer Gruppe zusammengewürfelter Menschen sitzen und uns irgendwas anhören sollen. Habe ich aber nicht. Die Psychologin hatte den Kurs auch sehr angepriesen.

Ich will mich gar nicht so mega beschweren. Ich versuche es. Ich wollte auch offen da ran gehen, aaaaaaber dann mussten wir an einem Tisch in der Mitte sitzen, wo man nur die Möglichkeit hatte, mit dem Rücken zu anderen Menschen zu sitzen, das Licht war grauenvoll grell (Leuchtstoffröhren verbieten JETZT!) bei gleichzeitig heruntergelassenen Rollos, die Lüftung war laut. In einem Raum voller Menschen mit Kindern, die ADHS haben, was eine starke erbliche Komponente hat, fand ich das… mutig. Oder… interessant (auf die Biolek-Art). Aber bestimmt sind all unsere Kinder nur spontan auftretende Mutationen und wir Erwachsenen sind einfach nicht in dem Club dabei, ganz bestimmt.

Die Kursinhalte waren in größere Themengebiete unterteilt und klar gegliedert, es gab eine übersichtliche Agenda mit genauen Uhrzeitangaben. Scheinbar kennen sie ihre Klientel also doch. Zuerst kam Info darüber, was ADHS überhaupt ist, wie es festgestellt wird, wie oft und bei wem es vorkommt, welche Typen es gibt, und, und da kam mein erster „hä?“-Moment, was die Ursachen sind. Oder, besser gesagt, was manche für die Ursachen halten, ohne Quellenangabe. Und da fanden sich so Dinge wie „Komplikationen in der Schwangerschaft“ und „Komplikationen unter der Geburt“. Welche „Komplikationen“ denn darunter fielen, wussten die Psychologinnen nicht. Ob es einen klar nachgewiesenen kausalen Zusammenhang zwischen Komplikation x und ADHS gibt, auch nicht. Auch nicht, ob nicht vielleicht der Zusammenhang andersrum sein könnte, oder ob es einen dritten Faktor gibt, der mit beidem zusammenhängt. Es wäre ja denkbar, dass Babies, deren Gehirn anders ist, in der Schwangerschaft schon mehr Probleme haben, oder unter der Geburt schneller gestresst werden, was dann oft Interventionen nach sich ziehen kann. Oder dass Mütter mit ADHS aus Gründen (sensorische Probleme, Schwierigkeiten, regelmäßig irgendwas einzuwerfen oder rechtzeitig dran zu denken, sich für nen Geburtsvorbereitungskurs anzumelden, etc.) statistisch mehr Schwierigkeiten in der Schwangerschaft und bei der Geburt haben UND das ADHS auch an das Baby vererben. All das wussten die zwei Psychologinnen nicht. VERPFLICHTENDE STATISTIKKURSE UND KURSE IN QUELLENKRITIK IN DER PSYCHOLOGIEAUSBILDUNG JETZT! Und Quellenangaben auf Folien. Das auch. Mich würden diese Studien nämlich echt mal interessieren, so als ständig an allem herummeckernde Inspekteurin mit Hang zu überbordendem Detailfokus und einem Herz für Statistik.

Nun ja. Danach war erst mal Mittagspause, das war dann auch wohlverdient. Von den 25 Eltern/Elternpaaren hatten so 5 geschafft, sich von zu Hause Lunch mitzunehmen. Der Rest, darunter wir, traf sich im nahe gelegenen Supermarkt. Der hat aber leckeres Börek und Butterbrot ist eh nicht so meins.

Nach der Mittagspause gab es einen langen und langatmigen Vortrag über Medikation. Selbst mir als Hilfspharmazeutin war das zu viel und dabei gleichzeitig zu wenig. Man muss echt nicht für jedes mögliche Präparat die Dosierung, Nebenwirkungsspektrum, Wirkdauer und Markennamen aufzählen, oder, wenn man das schon tut, kann man das übersichtlicher und weniger trocken machen. Persönlich glitzerte ich nach der Erklärung, wie Neurostimulanzien den Dopaminspiegel beeinflussen mit meiner Flasche herum und ärgerte mich innerlich übermäßig über so unnötige Ungenauigkeiten wie „die Startdosis ist 1/2 Körpergewicht“ (Nein, es ist ein Millionstel davon, denn die Startdosis [mg] ist 1/2 des Körpergewichtes [kg]) und dass auf einer Folie der Font anders war als auf dem Rest der Folien. Andere Eltern haben ihre Blöcke vollgekritzelt, Stifte auseinander- und wieder zusammengebaut, mit den Füßen gewippt, Haare gedreht, aufs Handy geschaut und aus dem Fenster geguckt. Die Ärztinnen überzogen in die Pausenzeit rein, machten dann viel später Pause als vorgesehen (und erst, nachdem Herr Rabe gefragt hatte) und rasten durch die letzten Folien aufgrund des selbst verursachten Zeitmangels sehr schnell durch. Das war alles eher suboptimal.

Heute war dann Tag 2, auf dem Programm standen Präsentationen von (Spezial-)Pädagoginnen, Sozionominnen und einer Vertreterin vom norwegischen ADHS-Verband.

Die Pädagoginnen hatten ganz tolle Tips für Kinder, die langsamer sind als der Rest. Kinder, die schneller sind, kamen nicht vor. Das ist so ein Klassiker, der mich seit meiner eigenen Kindheit nervt, es wird immer erwartet, dass Kinder, die schnell lernen, entspannt Däumchen drehen, während ihre langsameren Peers noch an den Aufgaben knabbern. Einem Kind mit ADHS wird das Däumchendrehen sehr sehr schwer fallen. Es wird sich mit irgendwas anderem beschäftigen und das kann ALLES sein, was dem Kind in seinen bunten Kopf kommt. Aber die Kinder kamen nicht vor.

Die Sozionominnen hatten einen starken Fokus auf das Familiengefüge, das von der Diagnose 1 Hausstandsmitgliedes durcheinander gebracht werden kann. Was, wenn mehrere Familienmitglieder neurodivers sind? Kam nicht vor. Es ist also immer nur 1, was ja auch Sinn macht, es sind ja alles Punktmutationen, wie oben erläutert. Es war auch viel über „Bewältigung“, „Entlastung“ und „Trauer“, als wären alle unsere Kinder schwer behindert. Ich glaube ich lehne mich nicht weit aus dem Fenster, wenn ich sagt, dass 90% der Anwesenden Eltern die ADHS-Diagnose nicht „bewältigen“ müssen. Verdauen, ja, aber Trauerarbeit? Äh. Positiver Punkt an dem Vortrag waren die vielen Links und praktischen Tipps, wo man welche Hilfen und Unterstützung beantragen kann, von Kommune bis NAV.

Danach erzählte eine Vertreterin von ADHS Norwegen, was sie da so machen, für wen sie da sind, wie man Mitglied wird und so weiter. Was aber viel spannender war, war dass sie von ihrem eigenen Leben mit einem, inzwischen 30-Jährigen, stark hyperaktiven ADHS-Kind mit aggressiver Verhaltensstörung erzählt hat. Dagegen sind unsere Probleme peanuts. Aber die Präsentation der Geschichte war ansprechend, kurzweilig und mit wenig bis keinem Text – da kennt jemand ihr Publikum.

Ganz am Schluss sollten wir noch einen Evaluierungsbogen ausfüllen. Und weil ich eine leidenschaftliche Kommentiererin von Fragebögen bin, kommentierte ich auch in diesem herum und erläuterte diverse Antworten genauer. Außerdem merkte ich das mit dem Font und dass ich Quellenangaben will an. Ha! Nehmt das.

Tag 2872 – Kurz Piep.

Hundemüde. Aber morgen kann ich Ihnen dann von beiden Tagen des ADHS-Elternkurses erzählen. Spoiler: in einem Raum voller Eltern von Kindern mit ADHS, das eine starke erbliche Komponente/familiäre Häufung* hat, kommen langatmige, unstrukturierte Vorträge jetzt nicht sooooo gut an.

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* ebenfalls Spoiler: solange ich die paper nicht selbst gelesen und ggf. zerpflückt habe, ist es in meinem Kopf nur Koinzidenz, nicht Kausalität. Gilt nicht so sehr für Erblichkeit von Neurodiversität, da ich genug von Genetik verstehe, um zu wissen, dass wir da noch ganz viel nicht wissen. Aber, noch ein Spoiler, heute wurden uns haarsträubende „Ursachen“ für ADHS genannt, deren Plausibilität sich ca. auf dem Niveau von „der krähende Hahn macht, dass die Sonne aufgeht“ bewegt. Mehr dazu morgen. Bleiben Sie dran.