Tag 2261 – Kleine Anekdoten.

„Ist das gut?“ fragte Herr Rabe heute in Carona und zeigt auf die Recents bei Spotify (was bei uns eine extrem wilde Mischung ist von Bummelkasten, über Queen, über Sofie Tucker, über The Fat Rat, über Die Ärzte bis zu Schubert). Natürlich ist das gut, das ist das Tschaikowski Violinkonzert. Weiß nicht ob er es dann wirklich gut fand, aber ich find das gut, so.

Selbst übe ich weiter an Seitz Schülerkonzert Nr. 4 herum und habe heute bei der Arbeit Sibelius Symphonie Nr. 7 gehört – bis ich gemerkt habe, dass ich nicht arbeitete sondern ganz verzückt zuhörte, hoppla.

Aus Gründen musste ich heute dran denken, dass ich, lange vor Herrn Rabe, mal sehr neugierig auf einen jungen Mann war, mit dem ich sehr gut reden konnte. Wir saßen sehr lange in seinem Auto (einem denkbar unsexy Opel Corsa) auf dem Mc Donalds Parkplatz, weil er mich nach Hause fahren sollte, aber niemand von uns wollte das so richtig. Am Ende knutschten wir, das war sehr verboten, weil wir eigentlich beide in anderen, eigentlich monogamen, Beziehungen steckten. Später wurde noch mehr draus, was natürlich noch viel verbotener war und natürlich ist das dann auch alles genau so gelaufen, wie man sich das so vorstellt, mit Drama und Gedön, aber wundersamer Weise hab ich nur gute (und ein paar sehr lustige) Erinnerungen an die Zeit und kein gebrochenes Herz und seither muss ich auf dunklen Mc Donalds-Parkplätzen immer an lange Gespräche und heimliches Knutschen denken.

Es war ja auch nicht alles schlimm mit 19/20.

In Norwegen hamstert man jetzt Feuerholz. Wir haben noch relativ viel, deshalb haben wir noch nichts neues bestellt, aber die Strompreise sind zur Zeit so astronomisch, dass man an Alternativen um das Haus warm zu kriegen denken muss. Feuerholz ist schlecht für die Umwelt, keine Frage, aber mit den Strompreisen von jetzt (die bis zum Winter noch weiter steigen werden) und unserem Verbrauch im Januar kommen wir hier zu Hause auf eine Stromrechnung von gut 1000€. Pro Monat. Die schlimmsten Stromrechnungen sind Dezember, Januar und Februar, danach geht es wieder aufwärts, aber mir graut es jetzt schon und da bin ich wohl lange nicht die einzige. Ich könnte auch das ganze Haus in Wolle einwickeln, oder uns allen (inklusive Meerschweinchen) lustige Astronautenanzüge aus Daunendecken nähen. Oder wir fahren nicht mehr Auto, oder fahren nur noch Auto, weil’s viel günstiger ist, das Auto aufzuheizen, als ein ganzes Haus? Stay tuned.

Pippi kann fast Skabat, wie sie sagt. Mit rechts besser als mit links (ganz die Mama) und Rechts-Links-Schwäche hat sie auch eher nicht (doch nicht ganz die Mama). Sie übt jedenfalls kräftig, und da sie unaufgewärmt schon sehr weit runter kommt, denke ich, in wenigen Wochen kann sie aufgewärmt wirklich Spagat. Hach ja, das ist bei mir auch fast so lange her wie verbotenes Knutschen.

Tag 2260 – Noch platter.

Sport, also, warum macht man das überhaupt. Au Füße. Au alles.

Ich hoffe wenigstens auf guten Schlaf zur Belohnung.

Ansonsten ist Homeoffice ja auch ganz schön, Homeoffice alleine hat auch was für sich. Das muss alles in die Planung der teilweisen Rückkehr ins Büro mit einfließen.

Michel hatte heute wie jeden Dienstag Korps und fand das zwar nach dem Hort erst eine totale Zumutung, nachdem er was gegessen hatte gar nicht mehr so schlimm und dann war es wie immer gut. Was haben sie gemacht? „Na Musik.“ Ja, ach so. Hinterher meinte er zu mir, ich könne mich doch auch beim Korps anmelden, einem für Erwachsene und mit Geigen. Das gäbe es nämlich. „Meinst du ein Orchester?“ Ja, das meinte er. Aber Korps für Erwachsene mit Geigen find ich auch gut.

(Tatsächlich hab ich da schon öfter drüber nachgedacht, aber ich hab so unregelmäßig Zeit, das macht mich als Ensemblespielerin nun nicht sonderlich attraktiv. Naja, mal gucken.)

Mehr war heute nicht. Doch – ich hab eine Erinnerung bekommen, doch bitte mal wieder zur Gebärmutterhalskrebsvorsorge zu gehen. Sind schon wieder drei Jahre rum, na sowas. Mache ich natürlich, man muss hier in Norwegen jede Vorsorge mitnehmen, die man kriegen kann.

Tag 2259 – Platt aber happy.

Der Ausflug in die Großstadt war schön, sehr schön, ich hab sehr produktiv gearbeitet, fühlte mich sehr professionell und all das, danach wie so ne Supermutti Pippi pünktlich abgeholt, alle Kinder zu Freizeitaktivitäten gefahren und wieder abgeholt und mit Michel Post abgeschickt, und danach noch mit selbstgebackenem (!) Kuchen zum politischen Treffen. Das klingt jetzt wirklich alles sogar in meinen Ohren, als wär ich irgendsoein Übermensch, aber ich liege jetzt im Bett und bin so müde wie seit langem nicht mehr.

Ab und zu so ein Tag ist bestimmt trotzdem gut fürs Selbstwertgefühl. Vielleicht ist es doch ne gute Idee, sich auf 2 Tage Büro die Woche einzustellen und an den Tagen dann zwischen den Meetings all den Kleinscheiß wegzuschaffen, der mit seinen 5 Minuten hier, 15 Minuten da die To-Do-Liste verstopft.

Tag 2258 – Keine Kapazitäten für kreative Titel.

Morgen ist Montag, da müssen alle früh aufstehen, ich besonders, denn ich werde in diesem Büro in der großen Stadt arbeiten. Uiuiui. Fast so wie 2019 jeden Tag. Neu ist, dass ich dann zum Mittagessen woanders hinfahre, denn wir machen Sprint planning in Präsenz im Büro der IT-Firma. Vorher gibt’s Lunch mit dem Entwicklungsteam und das ist schon alles ein bisschen aufregend, immerhin haben wir zwar echt viel Zeit in Meetings miteinander verbracht, aber uns noch nie in 3D gesehen. UIUIUI! Es ist auch der erste Sprint, an dessen Planung ich wirklich aktiv beteiligt sein werde, weil wir jetzt tatsächlich ans Implementieren gehen, Design ist fertig.

Insofern alles sehr spannend. Wie ging denn das nochmal mit den Bahntickets, welches Parkticket kann ich kaufen, ups, der Bus korrespondiert* nicht mehr mit dem Zug, oh je und Ruter hat ne neue App und die ist ja mal, äh, scheiße.

Nun. Jetzt schnell schlafen, sonst wird das morgen auch noch alles das plus müde.

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* ich habe ein dumpfes Gefühl, dass man das auf Deutsch so nicht sagt. Jedenfalls: der Zug fährt jetzt 4 Minuten früher und von einem anderen Gleis, der Bus fährt aber wie immer. Das heißt, dass man mit dem Bus, der früher 4 Minuten vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof ankam, jetzt dem Zug noch hinterherwinken und dann 15 Minuten warten darf. Wer sich das ausgedacht hat,will ich mal wissen. Möge die Person ständig 15 Minuten im strömenden Regen auf zugigen Bahnhöfen warten.

Tag 2257 – Echtes Leben.

Ein Abend mit den Nachbarinnen. Das ist immer sehr nett, und wird auch oft sehr spät, jedenfalls für so Mutti-Verhältnisse wie unsere. Wir sind ja eine sehr zusammengewürfelte Gang, die nicht viel gemeinsam hat, außer Häuser in der gleichen Straße zu besitzen/besessen zu haben und Kinder im etwa gleichen Alter zu haben, insofern ist es auch immer eine gute Gelegenheit um die eigene Bubble ein bisschen zu verlassen. Ich mag das sehr, wir sollten das wirklich öfter machen, hoffentlich lässt Corona uns.

Wo das gesagt ist, schiebe ich jetzt die post-Event-Anxiety, zu viel erzählt zu haben, weit weg und mache die Augen zu.

Tag 2254 und 2255 – Lasst uns doch einfach in Frieden.

Gestern war sozial anstrengend für mich, heute war sozial anstrengend für Michel. Für mich auch ein bisschen, aber für ihn war’s schlimmer. Jetzt habe ich noch ein bisschen nachgearbeitet (ganz schön wenig kompatibel mit Erwerbsarbeit zu normalen Zeiten, eine spitzenmäßige Mutti zu sein, die Kindern und Besuchskindern zu 16:30 Uhr Pfannkuchen brät) und ich werde jetzt einfach ins Bett fallen. Gestern bin ich bei Michel im Bett eingeschlafen, wahrscheinlich hätte ich heute sonst auch gar keinen Akku mehr für irgendwas gehabt, geschweige denn Pfannkuchen.

Ich hoffe, bei Michel geht es morgen auch wieder.

Tag 2253 – Vom übern Tisch ziehen.

Für die Grünen in Norwegen (und die homophoben Christen) hat es nicht ganz gereicht, sie haben jetzt (jeweils) drei Sitze im neuen Storting. Hätten sie es über die Hürde geschafft, hätten sie (je) vier Ausgleichsmandate bekommen. Tjanun. Nächstes Mal dann, wenn auch alle gemerkt haben, dass sich manch eine Partei nur für den Wahlkampf schnell noch grün angemalt hat, aber Klimaschutz dann doch nicht sooooo wichtig findet, wenn es anfangen würde, auch nur ein minibisschen weh zu tun. [Wir erinnern uns kurz daran, dass nichts tun und das Klima havarieren lassen teurer werden wird und mehr wehtun wird.] Looking at you, SV, die schon sagt, man werde sich mit der Sp schon einig, was das Klima angeht, Hauptsache sie lassen sie mit regieren. Bin ich gespannt, wie man „mehr Öl!!!“ mit „weniger Öl!!!“ übereinander bekommen will. [Alles bleibt wie‘s ist reicht nicht.]

Well, well. Hilft ja nix, sich aufzuregen. Muss man anpacken.

Weiterhin habe ich mich heute über das Werk aufgeregt, und zwar sehr. Da saufen einige die wirklich billigen Lösemittel, direkt aus der Distille, ohne Qualitätskontrolle. Aber auch da hilft aufregen nichts, in diesem Fall hilft Standhaftigkeit, da ist jetzt endgültig mal Schluss mit nettem Mädchen. Später (also in ein paar Wochen) dazu vielleicht mehr.

Tag 2252 – Rettet die Wahlen, pröt.

Norwegen hat gewählt und an der 5%-Hürde, die hier nur eine 4%-Hürde ist, spielen sich Dramen ab, während noch ausgezählt wird. Zur Zeit sieht es aus, als kämen die Grünen knapp nicht über die Hürde (3,82 % genau jetzt), „Rot“ schon (der linke Teil meines linksgrünversifften Herzens lacht), „Links“, die dem bürgerlich-konservativen Block zugerechnet werden*, und die „Christliche Volkspartei“** pendeln exakt um die Grenze herum. Das ist alles sehr spannend, ich muss aber trotzdem ins Bett, ich bin hardcore erkältet und Arbeit war heute Meetingmarathon mit Bombe am Schluss, nach der erstmal alle sehr still waren.

Ich bin erstmal froh, dass es einen Regierungswechsel weg von blau-braun-blau („Rechts“, die nicht so rechts sind, wie es klingt, und die „Fortschrittspartei“, die sehr viel rechter sind, als es klingt***) gibt.

Für Sie: die norwegische Version von Links(grün)versifft ist „Linksradikale Sozialisten“, und die jagen der Führerin der FrP großen Schrecken ein. Wart‘s ab, Sylvi, lange dauert es sicher nicht mehr, bis du „Linksradikale Ökosozialisten“ daraus machen kannst.

So, und jetzt gehe ich ins Bett und drücke da weiter Daumen für die 4%-Hürde.

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* wir haben ja noch die „Sozialistische Linkspartei“, also an Parteien mit Links im Namen oder auf der Fahne mangelt es nicht. Siehe auch „Rot“.

** die finden Ehe für alle doof und wollten sich im Wahlkampf nicht dazu äußern, was sie über Abtreibungen denken, da können Sie sich sicher denken, was ich über die denke

*** wenn Politikerinnen und Politiker, die kein Binnen-I und erst recht kein Gendersternchen verdienen, publikumswirksam rumheulen, man möge doch bitte aufhören, sie rechts zu nennen, ist das ein sicheres Zeichen, dass man mit der Bezeichnung genau ins Braune getroffen hat.