Seit ein paar Wochen beobachte ich unter meinen deutschen Freund*Innen seltsames Verhalten. Die allermeisten reißen sich nämlich ein Bein aus, um möglichst schnell gegen Corona geimpft zu werden. Da betreut man plötzlich den Opa, bekniet die schwangere Freundin, hilft in der Elterninitiative, hat einen super systemrelevanten Job, eine schwere Krankheit, einen hohen BMI, und wenn das alles nicht hilft, meldet man sich als Wahlhelfer*in. Auf der einen Seite kann ich das verstehen. Wenn ich nach Deutschland schaue, sehe ich ein maximal intransparentes und chaotisches Impfprogramm voller Ausnahmen und Lobbyarbeit (Steuerberater*Innen? Ernsthaft???), in dem der Zeitpunkt, zu dem man geimpft wird, maßgeblich davon abzuhängen scheint, wie sehr man sich reinhängt, nen Termin zu kriegen. Viele packt da offenbar und verständlicher Weise die Angst, vergessen zu werden, wenn sie die Ellenbogen nicht ebenfalls ausfahren. Dazu gesellt sich der Druck, sei es durch Aussagen wie „wer sich nicht impfen lässt, wird Corona bekommen“ (kommt halt nach über einem Jahr Pandemie bei vielen an wie „wer sich nicht JETZT impfen lässt, wird morgen Corona bekommen“), sei es durch Freiheiten für Geimpfte, sei es, weil man einsam ist und/oder wenigstens keine Angst mehr vor einer potentiell tödlichen Krankheit haben will, wenn man irgendwen umarmt. Ich verstehe gut, dass jede einzelne den Druck spürt und Angst hat und alles tut, was sie kann, um nicht vergessen zu werden.
Auf der anderen Seite lässt mich das hart mit dem Kopf schütteln. dazu muss ich kurz ausholen, aber wirklich nur sehr kurz, es ist nämlich schnell erzählt, wie die norwegische Impfpriorisierung ist:
Es gibt neun Prio-Gruppen. Das klingt viel, ist aber eigentlich einfach.
- Bewohnende von Pflegeeinrichtungen
- (Fest) Angestellte im (öffentlichen) Gesundheitswesen (mit Patientenkontakt)
- Ü85
- 75-84
- 65-74 und 18-64 mit sehr hohem Risiko (der Sorte Blutkrebs, Down Syndrom, Organtransplantation…)
- 55-64 mit hohem Risiko (z.B. Diabetes, BMI über 35, Autoimmunerkrankungen, die mit Immunsuppressiva behandelt werden, chronische Lungenerkrankungen…)
- 45-54 mit hohem Risiko
- 55-64
- 45-54
Mit Ausnahme von Gruppe 2, die kontinuierlich nebenher läuft, wird ganz streng von oben nach unten geimpft. Die Hausarztpraxen haben ihre Patient*Innen mit hohem oder sehr hohem Risiko zum allergrößten Teil Anfang Januar an die Impfzentren gemeldet. Bis auf wenige Fehler, bei denen Leute, die gar keiner Priogruppe angehören, jetzt schon geimpft wurden, klappt das wohl recht gut (solange die Medien noch über jeden Fall von „Johanne, 18 und gesund, wurde geimpft!“ berichten, scheint das kein gewöhnliches Phänomen zu sein). Jede*r einzelne wird kontaktiert, wenn sie*r an der Reihe ist. Wir stehen also alle in der Schlange und warten auf den Anruf/die SMS. Punkt. Mehr Einsatz braucht es nicht. Ich und Herr Rabe und 1,2 Millionen weitere Menschen sind in keiner Prio-Gruppe, und das ist ja auch schön, heißt es doch, dass wir kein großes Risiko haben, an COVID schwer zu erkranken. Wir sind am Schluss dran, wenn Leute mit höherem Risiko durch sind.
Und hier, wen wunderts, gibt es diese Ellenbogenmentalität einfach mal nicht. Ab und zu melden sich Berufsgruppen zu Wort (denn außerhalb des Gesundheitswesens ist ja *niemand* beruflich priorisiert) und „bitten“ darum, in der Schlange nach vorne zu rücken, dann sagt das FHI „nope, Steuerberater*Innen haben kein erhöhtes Risiko, schwer zu erkranken“ und dann wird sich murrend wieder hinten angestellt. Das größte Drama, was hier passiert, ist, dass nun sehr laut überlegt wird, Oslo und Umgebung für einen überschaubaren Zeitraum wesentlich mehr Dosen zu liefern, auf Kosten von weniger dicht besiedelten Kommunen mit wesentlich geringerer Inzidenz und wesentlich weniger langen und harten Einschränkungen. Das Ziel dabei ist, alle Regionen Norwegens ungefähr gleichzeitig öffnen zu können. Finden die Kommunen, die dadurch im Schnitt 3,5 Tage (!!!) Verzögerung bei den Impfungen der letzten Gruppe (die nicht mehr priorisiert ist) bekommen würden, medienwirksam nicht so gut.
Nun, das wurde jetzt doch lang. Langer Rede kurzer Sinn: wir impfen bis auf wenige transparent kommunizierte Ausnahmen, die alle in einem erhöhten Risiko, schwer zu erkranken, begründet sind, stumpf nach Alter und die allermeisten sind damit ok und warten brav auf den Tag des Anrufs.
Und deshalb mein Kopfschütteln. Mein Geburtsland veranstaltet da ein Chaos sondergleichen und stresst alle meine Freund*Innen total unnötig. Das führt dann dazu, dass die mit einem erhöhten Risiko noch nicht so konsequent durchgeimpft sind wie hier, Glückwunsch dazu, Slow clap. Leute, die nicht so viel Kraft haben, sämtliche Fach- und Hausärzte, bei denen sie mal waren, durchzutelefonieren, fallen zwischen die Stühle. Und so weiter und so fort.
Das norwegische System ist da einfach einfacher, fairer, strukturierter. Und wir sind keine Insel und keine Diktatur. Ok, wir sind nicht viele. Aber wo bleibt die deutsche Effizienz und Organisiertheit???
By the way kann ich das alles so sehen und völlig richtig finden, dass diejenigen mit einem höheren Risiko als ich, schwer zu erkranken, vor mir vor der Krankheit geschützt werden und gleichzeitig ungerecht finden, dass man dann für diese geimpften Leute Bereiche des öffentlichen Lebens wieder öffnen will, die im Wesentlichen von noch nicht geimpften Personen betrieben werden. Das ist einfach himmelschreiend ungerecht und das hat wenig mit Neid zu tun oder „nicht gönnen wollen“ sondern mit ethischem und pandemiegerechtem Verhalten. Wir werden mit der Pandemie nicht fertig, bevor die meisten von uns geimpft sind, und es ist kontraproduktiv, Cafés und Restaurants zu betreiben, bevor auch die Bedienungen dort und die Busfahrerin, die die Bedienung zur Arbeit fährt, geimpft ist. Wir werden sonst mit großer Wahrscheinlichkeit Ausbrüche unter eben diesen Gruppen haben, und was hat‘s dann gebracht? Die Wirtschaft ein paar Wochen eher angekurbelt, als wenn man einfach die paar Wochen noch gewartet hätte. Jojo-auf-zu-Spiel wegen lokalen Ausbrüchen. Klingt doch irgendwie für alle blöd, oder nicht? Und da hab ich vom Verteilen von Mutanten wegen erhöhtem internationalen Reiseverkehr (ungeimpfte Stewardessen, Piloten, Bodenpersonal, die gesamte Tourismusbranche, usw.) noch nicht mal angefangen. Ich finde unethisch, wenn Menschen, die, sobald ihr eigenes erhöhtes Risiko, schwer zu erkranken, per Spritze eingedämmt ist, andere, die die Spritze noch nicht bekommen können, einem höheren Risiko aussetzen. Wenn genug Leute mit geringem Risiko erkranken, werden da auch wieder schwere Fälle bei sein, Gesetz der großen Zahlen und so. Ich frage mich, wie Staaten sowas fördern können, statt dafür zu sorgen, dass möglichst wenig Menschen überhaupt erkranken.
Ich frage mich, warum in Deutschland das Hauen und Stechen und Gerempel und Schlupfloch suchen politisch offenbar gewollt ist. Ich frage mich, warum die Panik noch angestachelt wird.
Noch ein paar Wochen.