Tag 2134 – Fairness, Geduld, Neid, usw.

Seit ein paar Wochen beobachte ich unter meinen deutschen Freund*Innen seltsames Verhalten. Die allermeisten reißen sich nämlich ein Bein aus, um möglichst schnell gegen Corona geimpft zu werden. Da betreut man plötzlich den Opa, bekniet die schwangere Freundin, hilft in der Elterninitiative, hat einen super systemrelevanten Job, eine schwere Krankheit, einen hohen BMI, und wenn das alles nicht hilft, meldet man sich als Wahlhelfer*in. Auf der einen Seite kann ich das verstehen. Wenn ich nach Deutschland schaue, sehe ich ein maximal intransparentes und chaotisches Impfprogramm voller Ausnahmen und Lobbyarbeit (Steuerberater*Innen? Ernsthaft???), in dem der Zeitpunkt, zu dem man geimpft wird, maßgeblich davon abzuhängen scheint, wie sehr man sich reinhängt, nen Termin zu kriegen. Viele packt da offenbar und verständlicher Weise die Angst, vergessen zu werden, wenn sie die Ellenbogen nicht ebenfalls ausfahren. Dazu gesellt sich der Druck, sei es durch Aussagen wie „wer sich nicht impfen lässt, wird Corona bekommen“ (kommt halt nach über einem Jahr Pandemie bei vielen an wie „wer sich nicht JETZT impfen lässt, wird morgen Corona bekommen“), sei es durch Freiheiten für Geimpfte, sei es, weil man einsam ist und/oder wenigstens keine Angst mehr vor einer potentiell tödlichen Krankheit haben will, wenn man irgendwen umarmt. Ich verstehe gut, dass jede einzelne den Druck spürt und Angst hat und alles tut, was sie kann, um nicht vergessen zu werden.

Auf der anderen Seite lässt mich das hart mit dem Kopf schütteln. dazu muss ich kurz ausholen, aber wirklich nur sehr kurz, es ist nämlich schnell erzählt, wie die norwegische Impfpriorisierung ist:

Es gibt neun Prio-Gruppen. Das klingt viel, ist aber eigentlich einfach.

  1. Bewohnende von Pflegeeinrichtungen
  2. (Fest) Angestellte im (öffentlichen) Gesundheitswesen (mit Patientenkontakt)
  3. Ü85
  4. 75-84
  5. 65-74 und 18-64 mit sehr hohem Risiko (der Sorte Blutkrebs, Down Syndrom, Organtransplantation…)
  6. 55-64 mit hohem Risiko (z.B. Diabetes, BMI über 35, Autoimmunerkrankungen, die mit Immunsuppressiva behandelt werden, chronische Lungenerkrankungen…)
  7. 45-54 mit hohem Risiko
  8. 55-64
  9. 45-54

Mit Ausnahme von Gruppe 2, die kontinuierlich nebenher läuft, wird ganz streng von oben nach unten geimpft. Die Hausarztpraxen haben ihre Patient*Innen mit hohem oder sehr hohem Risiko zum allergrößten Teil Anfang Januar an die Impfzentren gemeldet. Bis auf wenige Fehler, bei denen Leute, die gar keiner Priogruppe angehören, jetzt schon geimpft wurden, klappt das wohl recht gut (solange die Medien noch über jeden Fall von „Johanne, 18 und gesund, wurde geimpft!“ berichten, scheint das kein gewöhnliches Phänomen zu sein). Jede*r einzelne wird kontaktiert, wenn sie*r an der Reihe ist. Wir stehen also alle in der Schlange und warten auf den Anruf/die SMS. Punkt. Mehr Einsatz braucht es nicht. Ich und Herr Rabe und 1,2 Millionen weitere Menschen sind in keiner Prio-Gruppe, und das ist ja auch schön, heißt es doch, dass wir kein großes Risiko haben, an COVID schwer zu erkranken. Wir sind am Schluss dran, wenn Leute mit höherem Risiko durch sind.

Und hier, wen wunderts, gibt es diese Ellenbogenmentalität einfach mal nicht. Ab und zu melden sich Berufsgruppen zu Wort (denn außerhalb des Gesundheitswesens ist ja *niemand* beruflich priorisiert) und „bitten“ darum, in der Schlange nach vorne zu rücken, dann sagt das FHI „nope, Steuerberater*Innen haben kein erhöhtes Risiko, schwer zu erkranken“ und dann wird sich murrend wieder hinten angestellt. Das größte Drama, was hier passiert, ist, dass nun sehr laut überlegt wird, Oslo und Umgebung für einen überschaubaren Zeitraum wesentlich mehr Dosen zu liefern, auf Kosten von weniger dicht besiedelten Kommunen mit wesentlich geringerer Inzidenz und wesentlich weniger langen und harten Einschränkungen. Das Ziel dabei ist, alle Regionen Norwegens ungefähr gleichzeitig öffnen zu können. Finden die Kommunen, die dadurch im Schnitt 3,5 Tage (!!!) Verzögerung bei den Impfungen der letzten Gruppe (die nicht mehr priorisiert ist) bekommen würden, medienwirksam nicht so gut.

Nun, das wurde jetzt doch lang. Langer Rede kurzer Sinn: wir impfen bis auf wenige transparent kommunizierte Ausnahmen, die alle in einem erhöhten Risiko, schwer zu erkranken, begründet sind, stumpf nach Alter und die allermeisten sind damit ok und warten brav auf den Tag des Anrufs.

Und deshalb mein Kopfschütteln. Mein Geburtsland veranstaltet da ein Chaos sondergleichen und stresst alle meine Freund*Innen total unnötig. Das führt dann dazu, dass die mit einem erhöhten Risiko noch nicht so konsequent durchgeimpft sind wie hier, Glückwunsch dazu, Slow clap. Leute, die nicht so viel Kraft haben, sämtliche Fach- und Hausärzte, bei denen sie mal waren, durchzutelefonieren, fallen zwischen die Stühle. Und so weiter und so fort.

Das norwegische System ist da einfach einfacher, fairer, strukturierter. Und wir sind keine Insel und keine Diktatur. Ok, wir sind nicht viele. Aber wo bleibt die deutsche Effizienz und Organisiertheit???

By the way kann ich das alles so sehen und völlig richtig finden, dass diejenigen mit einem höheren Risiko als ich, schwer zu erkranken, vor mir vor der Krankheit geschützt werden und gleichzeitig ungerecht finden, dass man dann für diese geimpften Leute Bereiche des öffentlichen Lebens wieder öffnen will, die im Wesentlichen von noch nicht geimpften Personen betrieben werden. Das ist einfach himmelschreiend ungerecht und das hat wenig mit Neid zu tun oder „nicht gönnen wollen“ sondern mit ethischem und pandemiegerechtem Verhalten. Wir werden mit der Pandemie nicht fertig, bevor die meisten von uns geimpft sind, und es ist kontraproduktiv, Cafés und Restaurants zu betreiben, bevor auch die Bedienungen dort und die Busfahrerin, die die Bedienung zur Arbeit fährt, geimpft ist. Wir werden sonst mit großer Wahrscheinlichkeit Ausbrüche unter eben diesen Gruppen haben, und was hat‘s dann gebracht? Die Wirtschaft ein paar Wochen eher angekurbelt, als wenn man einfach die paar Wochen noch gewartet hätte. Jojo-auf-zu-Spiel wegen lokalen Ausbrüchen. Klingt doch irgendwie für alle blöd, oder nicht? Und da hab ich vom Verteilen von Mutanten wegen erhöhtem internationalen Reiseverkehr (ungeimpfte Stewardessen, Piloten, Bodenpersonal, die gesamte Tourismusbranche, usw.) noch nicht mal angefangen. Ich finde unethisch, wenn Menschen, die, sobald ihr eigenes erhöhtes Risiko, schwer zu erkranken, per Spritze eingedämmt ist, andere, die die Spritze noch nicht bekommen können, einem höheren Risiko aussetzen. Wenn genug Leute mit geringem Risiko erkranken, werden da auch wieder schwere Fälle bei sein, Gesetz der großen Zahlen und so. Ich frage mich, wie Staaten sowas fördern können, statt dafür zu sorgen, dass möglichst wenig Menschen überhaupt erkranken.

Ich frage mich, warum in Deutschland das Hauen und Stechen und Gerempel und Schlupfloch suchen politisch offenbar gewollt ist. Ich frage mich, warum die Panik noch angestachelt wird.

Noch ein paar Wochen.

12 Gedanken zu “Tag 2134 – Fairness, Geduld, Neid, usw.

  1. Hier in D haben gefühlt alle Berufs- / Interessengruppen durchgesetzt, dass sie systemrelevant sind – sprich: also mindestens Priorisierungsgruppe 3. Runterfallen jetzt die Menschen ohne Lobby – also die ALG II (Neudeutsch Hartz-4)- Empfänger und insbesondere die prekär Selbständigen (Paketausfahrer, Uber, Lieferanten, Obdachlosen…). Gerade diese Menschen haben finanziell bzw. privat und beruflich keine Möglichkeit, AHA-Regeln strikt einzuhalten. In ein paar Kommunen wurde dies erkannt und es gibt spezielle Impftprogramme.

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  2. ohmskine schreibt:

    Danke.
    Ich kann den Spruch „Hast Du Dich denn nicht beim Arzt gemeldet, um geimpft zu werden? Ich hab jetzt schon die 2.!“ nicht mehr hören.
    Meine Ärztin impft auch nach Aufhebung der Priorisierung nach Reihenfolge der medizinischen Notwendigkeit, das finde ich richtig. Und in meinem Bundesland konnte ich mich beim Impfzentrum bisher nicht mal registrieren (Ich bin jung und gesund!).
    Wäre natürlich schön, sich nicht mehr vor einer Coronainfektion fürchten zu müssen, ansonsten würde eine Impfung keine Verbesserung in meinem Alltag bedeuten.
    Die Angst übervorteilt zu werden sitzt bei den Deutschen wohl sehr tief…

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  3. virtuellesgluecksbuero schreibt:

    Ich stimme ihnen allen in allen Bereichen zu. Deutschland ist ein hartes Pflaster für alle, die keine Ellenbogen einsetzen (wollen). Am bequemsten ist es für die mit Beziehungen.
    Das gilt für viele Bereiche des Lebens, nicht nur für die medizinische Versorgung. Wohnungsmarkt, Ausbildungsplatz, suchen sie sich was aus.

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  4. Es macht einfach mürbe. Zu hören, dass die eine Freundin geimpft wurde obwohl gesund und munter und als Hausfrau zuhause während die Frau meines Vaters als schwere Asthmatikerin und über 60 keinen Termin bekommt…
    Die Angst „vergessen zu werden“ hat wohl jeder bzw möchte jeder für sich so schnell wie möglich die Vorteile die man durch eine Impfung hat (Lockerung… Urlaub, Restaurant, Treffen mit Freunden) . Ja es ist unfair!

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  5. Irene schreibt:

    Richtig, Öffnung ist dann okay, wenn auch das Personal geimpft werden durfte.
    Am schwierigsten fand ich die deutsche Organisation für Menschen, deren nächste Angehörige im Ausland wohnen. Ich konnte gar nicht aufs niedersächsische Anmeldetool zugreifen, weil es sofort gemerkt hat, dass ich in der Schweiz bin. Meinem Bruder in England ist es dann irgendwie gelungen, so dass er unsere betagte Mutter anmelden konnte.
    Hat Norwegen ein zentralisiertes Gesundheitswesen mit entsprechenden Datenbanken? In Deutschland ist durch den Datenschutz ja vieles schwierig.

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  6. Und die Kleinstaaterei in D… In manchem Bundesland kann man sich registrieren und kommt dran, wenn man dran ist (traumhafte Vorstellung), in manchem bedeutet „Impfangebot“, dass man sich, sooft man will, durch Terminvergabewebseite klickt, nur um zu sehen, dass es seit fast 14 Tagen (Brandenburg) keinen Impfstoff für Erstimpfungen gibt. Ich könnte 95 % meiner Arbeit von zu Hause machen, erlaubt wird mir das zähneknirschend an 1 bis 2 Tagen pro Woche, an den anderen Tagen pendle ich 2,5 Stunden/Tag mit den Öffis ins Büro. Das Jahresergebnis meines Arbeitgebers 2020 war bombig, obwohl wir „alle faul im Homeoffice herumgefloddert haben“. Seit 2 Wochen sind wir priorisiert und bald wird es heißen, ihr konntet euch impfen lassen, nun kommt gefälligst wieder ins Büro. Der Druck kommt von vielen Seiten…

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  7. simonsfossy schreibt:

    Tja…Politik halt….
    Wir sind ja nun quasi (fast) im offiziellen Wahlkampf und da die Altparteien eh ihre Stimmen verlieren, kann man doch getrost den Grünen das gesamte Schlachtfeld überlassen…..Und in vier Jahren mit viel Mimimi wieder auferstehen (vielleicht).
    Fühlt sich für mich zumindest so an.
    Geimpft werden hier übrigens auch die „kleinen “ Politiker. Weiß ich aus zuverlässiger Quelle….

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  8. Sandrine schreibt:

    In einem Land mit über 80 Millionen von „den Deutschen“ zu sprechen, finde ich schwierig. In meinem Bundesland läuft es ziemlich gut mit der Impfung, finde ich. Überhaupt, dass es nach so kurzer Zeit so viele Impfstoffe gibt, ist doch absolut großartig. Ich bin über jede Person froh, die geimpft ist, weil es mein Risiko reduziert. Die „Impfvordrängler“ oder „Impfneid“ Problematik verstehe ich daher gar nicht. Familienmitglieder pflegende Menschen brauchten hier einen Impfcode und es gab 2 pro gepflegte Person. Durch meine berufliche Tätigkeit kenne ich diverse Risikopersonen, die durchweg schon geimpft sind. Von der hausärztlichen Praxis übrigens angerufen und Termin gemacht. Es läuft sehr unterschiedlich von Bundesland zu Bundesland.
    Die „Kleinstaaterei“ also der Föderalismus ist ein Ergebnis unserer unrühmlichen Vergangenheit und wenn ich mir bestimmte politische Radikalisierungen in Deutschland und Europa ansehe, bin ich doch froh darüber. Besonders „kleine Politiker*innen“ haben Kontakt zu sehr vielen Menschen und es gab gerade da schon Superspreader. Daher begrüße ich die Impfungen sehr.

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      • Sandrine schreibt:

        und ich frage mich, wo Sie lesen, dass ich das geschrieben habe. Das häufigste Wort in meinem Beitrag ist doch „ich“ und zeigt damit meine Meinung. Vielleicht hätte ich deutlicher machen sollen, dass ich mich auf die Antworten der Lesenden beziehe, die allerdings geliked wurden…

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