Tag 2337 – Nix zu erzählen.

Nix, was ich erzählen darf, jedenfalls.

Ehrlich gesagt bin ich ganz schön Brei. Man gewöhnt sich sicher wieder dran, aber hui, ist inspizieren mental anstrengend. Ich versuche es deshalb jetzt mal mit einem frühen Licht aus. Morgen geht’s nach Hause, mit etwas Glück schon am frühen Nachmittag. Das minimiert dann auch die Gefahr, im Auto einzuschlafen.

Bloß jetzt die Schnappatmung unterdrücken, dass ich eine Steuermeldung bekommen habe, in der ganz viel fehlt, das sonst immer automatisch gemeldet wurde, wie Kinderbetreuungskosten. Was ist da los, was ist da schief gelaufen? Am liebsten würde ich natürlich SOFORT alles klären, aber das wird hier eh nicht passieren, nachts in einem Hotelzimmer, und ist ja auch gar nicht nötig, die Frist ist, glaube ich, Ende Mai? Literally ewig hin, und selbst wenn man es verdrabbelt, kann man ja noch beantragen, im Nachhinein die Steuer geändert zu bekommen, das dauert dann nur eben länger.

Was gucke ich sowas auch um zehn Uhr abends an?

Tag 2336 – Mittwoch.

Schon die halbe Woche rum, erst die halbe Woche rum. Faszinierend.

Nach einem eigentlich doch normalen Arbeitstag (einem Inspektions-Arbeitstag on Site, also 8 Stunden) bin ich ziemlich Pudding und, was mich mehr erstaunt, meine Kollegin auch. Sie sagte sogar, das sei ja doch nach der ganzen Homeofficezeit sehr ungewohnt und anstrengend, plötzlich den ganzen Tag mit Menschen in 3D zusammen zu sein. Vielleicht ist das doch gar nicht so selten. Blöd ist, dass wir nach dem on Site Teil ja noch weiterarbeiten. Gut ist, dass es diesmal alles recht smooth läuft und wir nicht mehr so viel weiterarbeiten müssen.

Ich schlafe im Hotel so gut, dass es mir fast peinlich ist. Ich mag Mann und Kinder ja schon sehr, aber…

Tag 2335 – Back in the game.

Wheee, endlich wieder in echt inspizieren, ohne Bildschirm und Internet dazwischen. Morgen gucke ich einen Prozess und ganz viele bestimmt shiny neue Maschinen an. Mit Sicherheitsschuhen und Helm statt im Reinraumsanzug, was ja auch mal eine nette Abwechslung ist.

Hotelzimmeraussicht ist allerdings extrem langweilig, auf der einen Seite ist in 30 cm Entfernung die nächste Hauswand, auf der anderen in 1 m ein Fenster mit einer Gardine und Wand drumrum.

Allerdings ist es auch eeeeetwas anstrengend, plötzlich wieder 14 Stunden am Stück (minus Klopausen) mit Menschen zusammen zu sein. Deshalb ist jetzt auch Bettzeit. Letzte Nacht habe ich geschlafen wie ein Stein, mal sehen, ob ich das noch mal schaffe.

Tag 2333 – Alte Routinen ausgraben.

Eigentlich hatten die Jobreise-Routinen ja kaum Zeit, welche zu werden, bevor Pandemie losging. Und naja, das Packen hätte schneller gehen können, aber es war auch schon mal schlimmer. Da ich zum ersten Mal mit dem eigenen (!) Auto fahre, muss ich auch keinen Platz sparen und nichts umfüllen außer Shampoo, weil das hier im Haus alle benutzen. Ich habe sogar kurz überlegt, meine Geige mitzunehmen, das dann aber wegen dünner Hotelwände und eh abends meistens wenig Zeit verworfen. Stattdessen habe ich Nagellack mitgenommen, das müsste bei der Firma nächste Woche kein Problem darstellen und ich werde ja bis Freitag auch nicht Geige spielen. Heute habe ich noch mal ausgiebig geübt und das sehr genossen. Anders als Freitag nach der Arbeit, als irgendwie nichts funktionieren wollte, ging heute vieles wieder recht gut bis „ ich mache die Augen beim spielen unwillkürlich zu“.

Worauf ich mich freue: vier Nächte allein in einem Doppelbett, mit Fenster auf. Letzte Nacht schlief ich so und es war königinnenlich, ich hab so gut geschlafen wie seit langem nicht mehr. (Natürlich ist es trotzdem schön, dass Herr Rabe wieder da ist.)

Tag 2402 – Ein mal inconclusive, bitte.

Herr Rabe fühlt sich nicht so gut und hatte jetzt einen „uneindeutigen“ PCR-Test. Was es nicht alles gibt. Der Rest von uns testet weiterhin eindeutig negativ, was ja irgendwie beruhigend ist. Wahrscheinlich sind unsere Immunsysteme inzwischen aus Stahl und unsere Schleimhäute verhornt und da kann sich kein Virus mehr ansiedeln. Oder so.

Die gegenwärtige Inspektion ist auch wieder auf einem anderen Level interessant. Ich habe schon ganz viel gelernt, hauptsächlich über Zeitpläne und Projektmanagement und wie das alles mit Produktionsqualität Zusammenhängen kann. Mehr kann ich nicht sagen.

Im Büro ist weiterhin tote Hose. Auch das beruhigend, mit einem uneindeutigen Mann zu Hause. Ich frage mich allerdings schon ein wenig, ob es daran liegt, dass die alle gut im Homeoffice klar kommen und gar keine Notwendigkeit sehen, ins Büro zu kommen, oder ob alle mit Covid flach liegen. Wahrscheinlich stimmt ein bisschen von beidem.

So, ab ins Bett, morgen ist der letzte Tag.

Tag 2381 – Viel Liebe.

Könnte stundenlang von meinem Job erzählen, aber das darf ich ja nicht. Mag Job, mag Kollegen und Kolleginnen, mag sinnvolle Dinge tun. Hachz.

Leider wurden wir nicht fertig heute. Hupsi. Morgen geht es also weiter.

Etwas lustig: wir sprachen zwischendurch mit jemandem, der drei Worte auf Englisch sagte (wir machen die Inspektion auf Englisch, weil da einige nicht Norwegisch sprechende Menschen bei sind) und dann erst mal Dokumente suchen musste, und ich sagte zu meinem Kollegen (auf mute), dass ich wette, dass der deutsch ist. Als er wiederkam, sagte er „My name is [name], I am working at the German $department of $company, and we also serve the Norwegian site.“ Nicht falsch verstehen, sein Englisch inklusive Aussprache war gut, aber man hört es halt doch, am Tonfall und manchmal an seltsamen Ausdrücken. Das passiert auch mir und Herrn Rabe ständig, und zwar in jeder Sprache: dass wir Ausdrücke direkt von einer Sprache in die andere übersetzen und dadurch kreative Wortschöpfungen bilden. Es lebe die Mundbinde.

Jetzt muss ich aber schlafen. Morgen geht’s ja wieder früh raus, damit ich vor der Abfahrt (und vor dem ersten Kaffee) noch einen Schnelltest machen kann. Ich will ja nicht meinen Kollegen umbringen, der, das muss ich mal festhalten, wahrscheinlich der einzige Mensch ist, den ich kenne, der noch nie einen Coronatest gemacht hat. Keinen einzigen. Er ist kein Coronaleugner, im Gegenteil, er hat halt einfach wegen Wegfall von Office, Reisen und Gruppenhobby extrem wenige Kontakte gehabt, nie eine Warnung bekommen und nie Symptome gehabt. Faszinierend.

Tag 2380 – Wunderwerk.

Wie gut meine Laune auch sein kann, wurde mir heute klar. Ich hätte den ganzen Tag singen* können, selbst als zwischendurch mal was echt jeden Grund gab, in tiefe, schwarze Löcher zu fallen, mit dem triumphierenden Impostor auf der Schulter. Insgesamt gute Laune trägt auf jeden Fall dazu bei, den Impostor auf Abstand zu halten und das Loch als Stolperfalle, die es umsichtig zu umgehen gilt.

Es ist schon spannend, was es macht, mal rauszukommen aus dem eingepupsten Homeoffice, und Menschen, die man mag, in 3D zu treffen und auch mal von hinten oder brustabwärts zu sehen. Die Euphorie nutzt sich sicher schnell ab, aber jetzt grad ist sie sehr hoch und das genieße ich einfach.

Fast noch besser als alles andere: ich habe ENDLICH ein Maishäutchen von Popcorn zwischen zwei Backenzähnen entfernen können. Ich habe seit geraumer Zeit kein Popcorn gegessen, das Häutchen aber auch „erst“ vor einer knappen Woche entdeckt. Es guckte gerade so viel hervor, dass ich mit der Zunge MANCHMAL ein Fitzelchen erfühlen konnte. Ich kam aber einfach nicht genug ran und musste heute mit Geduld und den extra spitzen Zahnpiekern mit viel Gefüüüüüühl prokeln, bis ich das Fitzelchen endlich in der Hand hatte.

Sie können sich vorstellen, dass ich sehr erleichtert und insgesamt beschwingt bin.

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*geht im Schneckentempo immer besser, aber die volle Range ist noch lange nicht wieder da. Ich übe auch nicht konsequent, und für Behandlung (die ich ja erst anleiern muss und so weiter) fällt das Löffel-Leidensdruck-Verhältnis grad nicht ausreichend aus.