Ab morgen drei Tage Inspektion, heute schon angereist, auch sehr ok so. Aus irgendeinem Grund habe ich ein rollstuhlgerechtes Zimmer bekommen, mit für mich natürlich viel zu großer Dusche, das ist mal was Neues. Das Hotel scheint bisher aber ganz ok zu sein, hier waren wir vorher noch nicht. Ich muss nur irgendwie hinbekommen, die Lüftung im Bad auszustellen. Den Kühlschrank habe ich bereits ausgestöpselt, weil der so einen Lärm gemacht hat, aber die Lüftung im Bad nervt noch.
Inspektør Rabe ermittelt
Tag 3120 und 3121 – Lebe noch!
Piep und so.
Ich bin immer noch auf Inspektion, das Wetter und die Straßenverhältnisse sind grauenvoll, ich werde wohl knapp eine fette Erkältung überleben (die nicht COVID ist, und mit der ich auch nicht alleine bin, und was soll man machen, wenn man mitten drin in einer Inspektion und am Arsch der Welt ist, von dem man auch nicht weg kommt, und ja, ich schäme mich doll, aber ich war krank arbeiten) aber immerhin fliegen hier und auch zu Hause nicht die Dächer weg und die Krankenversorgung ist auch sicher gestellt. Das ist im Norden von Norwegen grad anders.
Tag 3119 – Blümchen und Plüsch.
Mein Hotelzimmer diese Woche ist der Knaller. Nicht nur sind die Kollegin und ich die einzigen Gäste im ganzen Hotel (das ist hier aber auch ansonsten ein im Winter sehr sehr toter Ort) und müssen aus Ermangelung an Alternativen zwei mal diese Woche ein 3-Gänge-Menü im Hotel essen, sondern wir haben auch die besten Zimmer bekommen. Das hier ist meins:


Und hier gab es das heutige 3-Gänge-Menü:

Es war im Übrigen überaus lecker, vor allem, zu meiner großen Überraschung, das Brunosteis zum Nachtisch. Zu meiner Überraschung, weil ich eigentlich keinen Brunost mag.
So, jetzt werde ich in meinem Blümchenbett wie eine Prinzessin meinen Schönheitsschlaf halten. Ich bin jetzt zwei Tage hintereinander um halb sechs aufgestanden und wäre gestern darüber hinaus fast nasal verblutet, ich bin platt wie eine Flunder.
Tag 3101 und 3102 – Arbeitstunnel.
Gestern war eine kleine Inspektion, eine ganz kleine, sie war dann nämlich gestern auch schon fast fertig. Heute haben wir nur noch das Abschlussmeeting gemacht, in Teams. Sehr entspannt alles eigentlich, ich war nur gestern Abend dann sehr müde.
Heute habe ich den Report für eben diese Inspektion fast ganz fertig geschrieben und nachmittags habe ich meinen neuen Alltagsrucksack abgeholt. Das war nahezu Ereignislos, bis auf zwei Dinge:
erstens gibt es scheinbar den Augenbrauenstift, den ich zu benutzen wünsche, nicht mehr, und das auch erst so kurz, dass er bei manchen Läden noch (falsch) als auf Lager angezeigt wird. Die Marke möchte, dass ich jetzt lieber ein Plastikdings zum Drehen benutze statt eines Stiftes aus Holz zum Anspitzen. Dafür soll ich dann bitte auch 50% mehr bezahlen. Obendrein habe ich zu Hause festgestellt, dass das Plastikdings zu lang für meinen Make-up-Aufbewarungsschrank ist. Warum ist es so unmöglich, Kosmetika einfach im Programm zu lassen? Mit schöner Regelmäßigkeit muss ich mir irgendeinen Standardkram neu suchen, zuletzt Concealer, Parfum (zählt nicht als Kosmetik, aber definitiv zu Kram) und jetzt den Augenbrauenstift. Manchmal habe ich Schwierigkeiten, den von mir bevorzugten Mascara zu bekommen und jedes Mal kriege ich einen halben Herzinfarkt weil ich Angst habe, dass der aus dem Programm genommen wird. Mascara und Tagescreme wären so Dinge, wo ich aus Protest im Schlafsack auf den Stufen der Firmen kampieren würde. Augenbrauenstift ist erst mal nur nervig und frustig und am Ende habe ich wahrscheinlich wie gewöhnlich 3 Fehlkäufe, die ich dann in x Jahren erst wegwerfe, und einen Treffer, den ich aber, wenn er leer ist, nie wieder nachbekomme.
Zweitens habe ich wohl erlebt, wie die Führerin einer Trikk eine Weiche manuell umstellen musste. Die Trikk fuhr nämlich in ihrem gemütlichen Trikk-Tempo durch Oslo und hielt an einer Kreuzung an. Soweit nicht ungewöhnlich. Dann kam aber die Trikkführerin mit deutlich schlechter Laune aus der Kabine vorne und bahnte sich ihren Weg nach ganz hinten. Dann fuhr die Trikk plötzlich 2 Meter rückwärts. Die Trikkführerin kam zurück und holte was aus der vorderen Kabine, was ich erst für eine kleine Axt hielt. Damit stieg sie aus und ich dachte schon meine Güte, was ist da vorne denn passiert, dass man die Axt rausholen muss. Dann kam aber die Trikkführerin wieder in den Wagen und war gar nicht blutbesprenkelt. Ok, dachte ich, vielleicht musste doch nicht ein halbtotes (halbiertes?) Tier mit einer Axt vom Leiden befreit werden, was sich mein Kopf so zusammengesponnen hatte, aufgrund der vermeintlichen Axt. Die Trikk fuhr, sobald sich die Führerin wieder auf ihren Platz gesetzt hatte, auch direkt weiter. Geradeaus, nicht um die Kurve, wo auch Schienen lang liefen. Deshalb kam ich auf das manuelle Umstellen der Weiche. Ist das immer noch ein Ding? Ich bereue, keine aureichende Schaulust an den Tag gelegt zu haben.
Tag 3053 und 3054 – Weiter im Inspektionstunnel.
Es ist anstrengend, aber ein paar Nächte in so einem Hotelbett sind schon auch erholsam. Dafür schmeckt das Wasser aus der Leitung, vor allem der erste Schluck (wenn man nicht, sehr typisch für Norweger und mich regelmäßig wahnsinnig machend, die ersten paar Liter einfach laufen lässt, als wären die Leitungen noch von 1850) nach Meerwasser, genaugenommen nach Tang, und das ist gar nicht mal so schön.
Aber gestern haben wir ausnehmend leckere Burger (von lokalen, glücklichen Kühen, mit selbst gebackenem Sauerteig-Brötchen) gegessen, heute sehr leckeres Sushi (ich hab nämlich gar nicht generell was gegen den Geschmack von Tang). TripAdvisor ftw., ein sehr nützliches Programm.
Außerdem bin ich das erste Mal mit einer Kollegin unterwegs, die schon die ganze Zeit meine Kollegin ist, mit der ich aber noch nie inspiziert habe, das hat sich einfach nie ergeben. Und das funktioniert ausgesprochen gut, wenn es auch für mich extra anstrengend ist (neue Leute, huiiii, so aufregend und spannend, welche Maske ich wohl brauchen werde???).
Morgen geht es nach Hause, ich freue mich wirklich schon.
Tag 3052 – Müdchhhchhh…
Ja hmm, halt wenig geschlafen von gestern auf heute. Muss das nachholen.
Ansonsten ganz ok auf der Inspektion bisher. Trauriges Mittagessen. Meetingraum ohne Fenster. Und wie konnte mir in den letzten 5 Jahren entgehen, dass die Pharmakopoeia eine Grenze von 10^2 CFU*/g als „maximal 200“ definiert? Saufen die Lack da in Strasbourg? Ich glaube, mein Gehirn WOLLTE das einfach nicht wahrnehmen.
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*Colony forming units, aka Bakterien und Pilze, mit der Einschränkung, dass sie eben auch unter den ihnen angebotenen Bedingungen Kolonien bilden, das ist manchmal gar nicht so ohne.
Tag 3026 und 3027 – Fertig!
Also, Mittwoch war schlimm. Donnerstag und Freitag war wesentlich besser, aber Mittwoch war einfach furchtbar. Es hängt mir noch ein bisschen nach, weil ich noch nie bei einer Inspektion so… überladen war, dass keine Konzentration mehr möglich war. Dabei war ich in genau dieser Fabrik sogar schon mal. Und da roch es genauso und war sicher auch genauso laut. Hell sicherlich auch. Ich schiebe einen Teil der Empfindlichkeit tatsächlich auf meinen Geruchssinn, der ist manchmal halt so on Fire, dass ich beim Hereintragen des Obsttellers denke, jemand hat Schnaps mitgebracht, dabei ist es nur die Ananas. Oder heute, dass jemand Zitronenbonbons lutscht, dabei war es Mandarine auf dem Teller. Jedenfalls war es kein so gutes Erlebnis dieses Mal. Es riecht nicht schlecht in der Fabrik, im Gegenteil, es riecht halt nach beliebten Aromen für Medikamente, aber es ist sehr intensiv. Keine Ahnung, wie ich das vor vier Jahren ausgehalten hab, dieses Mal war irgendwann mein Gehirn nur noch gefüllt mit einer Mischung aus Zitronen- und Pfefferminzgeruch und dem rhythmischen Lärm der Verpackungslinie. Ich bekam Gesprächsfetzen mit, aber mehr auch nicht. So kann eine nicht so gut inspizieren, um ehrlich zu sein.
Danach platzte mir nahezu der Schädel, der gestern auch noch irgendwie wattig war. Im Labor war ich einigermaßen froh, dass die unter anderem einen Raum haben, in dem lichtempfindliche Stoffe hantiert werden. Da hätte ich mich gut länger aufhalten können. Der Rest seither war Durchgang von Dokumenten und ich habe wieder total viel gelernt und würde jetzt gerne spontan noch viel mehr über galenische Pharmazie lernen, aber haha, wann.
Apropos wann: gute Nacht!
Tag 3025 – oder einfach gute Nacht.
Overload auf mehreren Kanälen, seither Kopfschmerzen. Gehe jetzt einfach schlafen und hoffe, das fixt magisch alles.
Tag 2999 und 3000 – Verschnaufen.
Fertig inspiziert. Hurra! Wir waren sogar früher fertig als geplant. So konnte ich den Rest des Arbeitstages (etwa 30 Minuten) nutzen, um meinen Antrag auf mehr Gehalt bei den jährlichen Gehaltsverhandlungen einzureichen. Ich hasse das sehr, weil es so ein ekliger Mischmasch aus selbst verhandeln und die Verhandlung anderen (der Gewerkschaft z.B.) überlassen ist. Wir reichen was ein, mit Begründung warum wir „besser“ als 80% der anderen Angestellten sind, dann geht das durch drei oder vier (weiß ich grad nicht mehr, das System ist so unübersichtlich) Priorisierungsrunden und am Ende kommt irgendwas dabei raus. Involviert ist man selbst nur zu Anfang, danach muss man dem System vertrauen. Letztes Jahr habe ich ein trauriges Prozent durch diesen Prozess bekommen, mein Vertrauen in das System ist gelinde gesagt etwas angeschlagen.
Wie dem auch sei, ich holte dann Pippi ab und fuhr quasi direkt weiter zu meiner Geigenstunde. Die war tatsächlich überraschend gut, ich habe Lob bekommen für meinen Bach (!!!) aber auch Tchaikovsky und er sagte was von Durchbruch und enormer Verbesserung. Wir diskutierten ein paar fortgeschrittene Konzepte, ich erfuhr (durch Schmerz), dass er nicht gut Klavier vom Blatt ablesen kann und um zu vermeiden, dass ich wieder erst in 6 Wochen eine Stunde abgemacht bekomme, haben wir direkt in zwei Wochen den nächsten Termin ausgemacht. Bis dahin werde ich mich im Übertreiben üben, damit ich ein paar extra Sicherheitslayers habe, die ich bei Nervosität einfach abziehen kann und darunter ist es trotzdem noch hübsch, sauber und interessant.
Montag und Dienstag habe ich mir spontan frei genommen und ich werde auch konsequent keinen Finger fürs Werk rühren. Dafür bin ich auch viel zu platt. Und habe zu viel zu tun damit, Bach und Tchaikovsky innerhalb von zwei Wochen fertig zu polieren.
Tag 2998 – Es ist alles kompliziert.
Die Inspektion grad ist noch mal auf anderen Ebenen eine Herausforderung als eh schon. Meine nicht vorhandenen pädagogischen Fähigkeiten werden auf die Probe gestellt und gleichzeitig versuche ich irgendwie im Alleingang das leckende Inspektions-Boot an Land zu rudern, ohne dass selbiges allzu offensichtlich ist.
Und jetzt mache ich die Augen zu, morgen muss ich wieder für mindestens 1,5 Leute arbeiten. Hmm.