Tag 3755 und 3756 – November.

Es ist einfach der schlimmste Monat. Es ist kalt, aber noch nicht richtig kalt. Es ist dunkel, richtig dunkel. Es ist Eis auf der Straße. Es ist auch manchmal Schneematsch auf der Straße. Es ist noch nicht Weihnachten. Alles ist tot. Alle arbeiten rund um die Uhr, was soll man auch sonst machen. Alle haben schlechte Laune, aus allen den oben genannten Gründen.

So viel Vitamin D kann man echt gar nicht nehmen, damit das erträglich wird. Wenn ich Winterschlaf halten könnte, wäre ich sofort dabei. Im Herbst eine Speckschicht anfuttern und dann bis Mitte April in irgendeiner Höhle schlafen. Ich finde, das könnte man mal entwickeln.

Aber stattdessen schlafe ich, wenn’s hoch kommt, sechs Stunden und recherchiere spät abends noch Backöfen im Black Friday Angebot. Unser Backofen ist zwar so ganz ok, aber da er ein Kombigerät mit einer wirklich grottigen Induktionsplatte oben drauf ist, muss er trotzdem gehen. Und dann ist halt die Frage, ob man viel oder richtig viel Geld ausgeben will. Da kann eine schon mal nachts drüber nachdenken, ob es wirklich eine Dampf- und eine Airfryer- und eine Pyrolysefunktion und drölfundsechzig Programme für alles und Tralala sein muss. Andererseits kauft man vielleicht alle 20 Jahre mal nen Backofen.

Nen Backofen, der nen Essensplan macht, mit ausgewogenen Mahlzeiten, die nicht zu viel bearbeitetes Zeug beinhalten, die sich in maximal 30 Minuten zubereiten lassen, und die beide Kinder essen, den würde ich nehmen. Die Zutaten entsprechend direkt nach Hause ordern auch bitte. Und von Ende Oktober bis Mitte April bitte auch selbsttätig zubereiten, da kann ich ja nicht, da halte ich Winterschlaf.

Tag 1149 – Luxus.

Meine EC-Karte streikte heut beim Versuch, ein Straßenbahnticket zu kaufen. Ich schließe daraus folgendes: das Geld, das ich Montag vom norwegischen aufs deutsche Konto überwiesen habe, ist noch nicht da. Und der vermaledeite Überschuss-Sparen-Auftrag, der am Monatsende das Girokonto leerräumt und aufs Tagesgeldkonto überweist, ist immernoch aktiv, sodass mein Girokonto bei vollem Tagesgeldkonto ins Minus gelaufen ist. Das ist ungünstig, weil ich das Tan-Dings fürs Überweisen nicht dabei hab. Aber auch nicht tragisch, das Geld aus Norwegen ist ja unterwegs. Vom norwegischen Konto ist es jedenfalls runter. Ein Luxusproblem also.

Genauso wie: der Wetterbericht. Es soll jetzt doch viel wärmer werden als gedacht. Das ist nicht so cool (muhahaha), weil ich nicht für 24 Grad gepackt habe. Weder ich noch Pippi sind dafür ausgerüstet. Ich nahm also beide Kinder mit zu Puddingtown (ehrliche Empfehlung, für die HÄSCHTÄCK Werbung bekomme ich nichts) und hatte schon auf der Straße Herzchen in den Augen, weil ich ein wunderschönes, bodenlanges, weinrotes Kleid im Schaufenster sah. Hätte ich eine Gelegenheit, sowas anzuziehen… aber egal, ich war für ein halbwegs luftiges Kleid mit nicht ganz langen Ärmeln da, ein 24-Grad-Kleid eben. Es ist für mich wirklich totaler Luxus, in diesen Laden zu gehen und etwas zu kaufen, selbst wenn es dann von der Stange und nicht maßgeschneidert ist, die Sachen sind teuer, richtig teuer. Aber sie sind auch nicht in Bangladesh oder sonstwo gefertigt (sondern in Bielefeld, von der Designerin und ihren sicher nicht Bangladesh-billigen Arbeitskräften), die Stoffe sind hochwertig und die Verarbeitung astrein. Der Preis relativiert sich also schon etwas, es ist, wenn man einen Stundenlohn im oberen Mittelfeld fürs Nähen anlegt, nur noch teuer. Ich hatte mal ausgerechnet, dass ein ganz simples Jerseykleid ohne Einbeziehen von Ladenmiete und Abschreibungen und sowas schon um die 1000 Kronen kosten müsste, damit sich das für mich rentieren würde, würde ich mich mit sowas selbständig machen (soll ja niemand sagen, ich würde nicht outside the box thinken). Wie dem auch sei: Luxus. Ich habe mir mit dem Kauf dieses Kleides ein Luxus-Ding gekauft. Alle fünf Jahre kann man das schon mal machen.

Alle zwei Jahre kann man auch bei der Friseurin einen Haufen Geld für „einmal alles mit scharf!“ lassen. Man kommt mit zwei wohlfrisierten Kindern* und einem sehr wohlfrisierten selbst mitsamt gefärbten Augenbrauen und Wimpern und Strähnen im Haupthaar heraus. So sehr ich „Spar dich reich!“-Werbung verabscheue, weil man durch Konsum einfach nie reich werden wird, so sehr genieße ich es, für dieses Rundumprogramm genauso viel gezahlt zu haben, wie in Trondheim ein einziger Friseurbesuch mit nur Schneiden für mich kostete. Strähnchen färben lassen statt selbst färben ist für mich Luxus geworden. Gefärbte Wimpern, professionell gezupfte Augenbrauen… Hach! Hachja!

___

*Michel hat, auf eigenen Wunsch hin, eine „coole Frisur“, Pippi hat einen Hinterkopfhaarschonenden Bob.