Tag 116 -300 mL Milch auf ein Babyvollbad

Heute nur sehr kurz, weil das Baby ins Bett möchte. Beziehungsweise wissen wir das nicht so genau, das Baby ist seit ein paar Tagen total angepisst dauernd und von allem, ob das jetzt von der Erkältung kommt weiß der Himmel, aber die macht es sicher nicht besser. Super nervig ist allerdings, dass es 1. keinen Bock auf Stillen hat und oft erst nach Jahrmarktartigem Unterhaltungsprogramm trinken mag (und dann aber auch fix wieder brüllt und sich wegbiegt und so) oder eben im Halbschlaf, was aber auch schwierig ist wegen 2. nicht einschlafen kann. Einschlafstillen ist ja eh so ein Mythos an den das Baby nicht glaubt und im Moment (also seit ein paar Tagen eben) müssen wir für jedes Einschlafen das Baby herumschleppen oder auf dem Pezziball hüpfen bis wirs am Kopf kriegen. Das mag nachmittags um drei noch ganz ok sein, nachts um eins ist es das dann nicht mehr. Zumal das Baby auch bis es endlich schläft meckert, sich die Finger zu weit in den Hals schiebt, würgt, hustet, röchelt, kneift und kratzt. Deswegen probieren wir heute mal ein alternatives Einschlafprogramm: Früh mit Baby ins Bett und dann da bleiben, damit es nicht durchs „Wir Großen gehen dann jetzt auch mal ins Bett“ nochmal so aufdreht.

Ach so, ja, Baden in Muttermilch hat ganz gut geklappt, wenigstens gab’s nicht die ganze Zeit Gebrüll. Danach wollte das Kind auch mit Milch baden, ich hab es ein bisschen verarscht um Konflikte zu vermeiden habe ich Kuhmilch in den Muttermilchbeutel gefüllt und die durfte es dann in sein Badewasser kippen. Merke: Wenn man mit Milch im Wasser badet, wird die Haut nicht so schrumpelig wie sonst. Das heißt, das Kind kommt überhaupt gar nicht mehr aus der Wanne raus. Nienieniemals.

Tag 115 – Behindernd. 

Heute ist internationaler Tag der Menschen mit Behinderungen und da passt es ja, dass ich gestern schon über was schreiben wollte wo ich dann aber drüber weggekommen bin. Ich bin nämlich gestern bei Facebook über eine Werbung gestolpert. Die Kinder-Outdoormarke Vossatassar veranstaltet einen Adventskalender und man sollte da so nen Beitrag kommentieren und konnte dann Regenzeug oder so gewinnen. Jedenfalls hatte eins von den Kindern auf dem Bild offensichtlich Trisomie 21. Völlig unkommentiert, einfach zwischen den anderen Kindern. Und ich so: YEAHHHHH! EIN BEHINDERTES* KIND, HIER, INKLUSION UND SO!!! Und dann ganz schnell der Gedanke, wie scheiße das doch eigentlich ist, dass mir sowas so auffällt. Dass es eben immer noch heraussticht aus der Masse der heile-Welt-alle-gleich-süß Kinderwerbung. Geht man mal davon aus, dass übern ganz großen Daumen jede elfte in Deutschland lebende Person als schwerbehindert gilt, ist es doch mehr als verwunderlich, dass ein Kind mit Trisomie 21 in einer Werbeanzeige ins Auge fällt wie ein Osterhase unter Weihnachtsmännern. Ich finde es schlimm, wenn ich lese oder höre, wie wenig Inklusion tatsächlich passiert, wie viele Steine Menschen mit Beeinträchtigungen ständig in den Weg gelegt werden. Ich schäme mich sehr dafür, als Teenager oft das Wort „behindert“ als Synonym für „doof“ benutzt zu haben („schwul“ übrigens auch und haben Sie schon mal versucht, sich eine schlechte (Sprach-)Gewohnheit abzutrainieren? Das ist sehr schwer. Aber der Mühe Wert.). Ich finde schade, dass man nicht mehr Vielfalt sieht im Alltag. Dass den einen beeinträchtigten Dozenten an der Uni, der seinen Rollstuhl mit einem Pusteball (?) steuert, wirklich jeder kennt, statt dass man sagen muss: welchen meinst du denn? Denn rein statistisch gesehen müsste es überall verschieden beeinträchtigte Menschen geben. Jede/r elfte eben. 

Was jedenfalls ein Schritt in die richtige Richtung ist, ist der ungezwungene Umgang mit Beeinträchtigungen. Und da finde ich eben die Werbung oben ganz toll. Ein Kind unter vielen. Die Firma hat übrigens dazu gesagt, dass sie Daniel als Model ausgewählt hat, weil ihnen der Blog der Mama so gefallen hätte. Ich freue mich auch immer über die Geschichten von Noah bei der Sendung mit dem Elefanten. Denn Beeinträchtigungen werden erst durch die Umwelt und deren Barrieren zu Behinderungen. 

Für mehr Vielfalt!

Wer weiterlesen möchte, sehr umfangreiche Informationen gibt es bei leidmedien.de. Über das Leben mit einem schwerstbehinderten Kind in Deutschland schreibt sehr berührend Mareice Kaiser vom Kaiserinnenreich, da habe ich mich schon viele Male festgelesen. Besonders die Rubrik „behinderte Momente“ Ihres Blogs geht mir immer sehr zu Herzen. 

*Behindert ist eigentlich ein doofes Wort, siehe oben. Ich versuche noch, es mir abzugewöhnen, hier lasse ich es stehen um die Impulshaftigkeit meiner Reaktion zu unterstreichen. 

Tag 114 – Geschafft

Heute war die Statistikkursklausur. Die war aus mehreren Gründen tricky. Zuerst mal war die am ungefähr unwahrscheinlichsten Ort der Welt: Einer großen Sportwettkampfhalle, die sich einfach mal auf keinem der drei Campi (Campusse?) befindet. Dort wurden heute ca. drölfzig Klausuren zeitgleich geschrieben, das heißt, nachdem ich mir die Hacken abgerannt hatte (habe ich erwähnt, dass es sehr vereist ist zur Zeit?) und um 08:53 Uhr die Halle erreichte, lief ich erst mal zielsicher in den falschen Raum, da stand dann natürlich nicht mein Name auf der Liste, also rannte ich herum und checkte verzweifelt das Internet auf meinem Telefon. Den richtigen Raum fand ich dann um 08:59 Uhr und ich schwitzte auch nur ein bisschen. Ich wäre gerne früher da gewesen, aber zu diesem unwahrscheinlichen Ort brauche ich länger und das war nicht eingeplant gewesen. Nun ja, ich habe es ja geschafft, bekam den letzten Platz und sofort die Aufgaben.

Hrmhrm. Kann ich… Blaue Bälle, rote Bälle, jo… Hmm… Ok, das hier ist doof, das hab ich doch irgendwo aufgeschrieben? Blätterblätter… Nee doch nich, aber ich glaub das ging so… Wurzel oder nicht Wurzel, das ist hier die Frage… Och menno, wieso ist denn jetzt hier 13 und Wurzel aus 13 als Antwortmöglichkeit gegeben, das ist doch doof… Egal, erst Quadrat und dann wieder Wurzel, zack, passt schon… Oh das ist wieder einfach… Schreibschreib… mal 0. Oh. Mal 0. Dann ist ja das ganze Ding 0. Hääää? Das macht keinen Sinn. Schwitz. Schwitzschwitzschwitz. Nee, Formel ist richtig. Blätterblätter. Schwitz. AHHHH! 1- übersehen. OK. 1-0=1. Macht zwar nicht viel mehr Sinn, aber so isses halt. Weiter zu den langen Aufgaben. Rechnerechne. Jo, das geht so. Hupsi, Ergebnis sieht komisch aus. AHHHH! Standardfehler ist nicht Standardabweichung, genau, dann is das hier ja so und das durch das ist… Hrmhrm, accept H null, no difference blablabla, ok confidence interval, WTF wieso steht der kack Wert denn nicht in der Tabelle??? Hab ich doch die falsche Formel genommen? Nee, die andere Formel ist auch nicht sinniger… Ach verdammt, ich laber jetzt hier rum und mach das kleinere Intervall, dann isses noch sicherer, geht ja nur drum, dass das auch über 0 geht, so zack. Oh hier, schön Männer gegen Frauen, wer überlebt am längsten? Testtest, rechnerechne, hmm ok hier auch accept H null, no difference, blablabla. Was will er denn hier? Da steht ja die Lösung schon in der Frage? Will der mich verarschen? Nä, hier, zack, in other words the intervall is given by the probability blabla, muss man nix rechnen, is ja auch mal schön. Oh, erst halb elf und fertig. Alles fein abschreiben auf das hochoffizielle Durchschlagpapier und weg damit. Viertel nach elf. Etwas mehr als die Hälfte der Zeit.

Dann bin ich durch den Nieselschneeregen und die Kälte und über das Eis zur Bibliothek gelaufen, hab da dann (im Stehen, weil irgend so eine doofe Veranstaltung war und nix zum sitzen frei) die ganzen bunten Klebis aus dem Statistikbuch wieder rausgefummelt und das Buch abgegeben. Juhu, anderthalb Kilo weniger nach Hause schleppen. Kurz in der Krankenhausapotheke nach Nasentropfen für das verrotze Baby geguckt: Äh Mist, mit Wirkstoff gibts hier nicht für Babys und Salzwasserlösung ist ausverkauft. Wäre auch überteuert, so schwer ist das ja nun nicht: 9 g Salz auf 1 L kochendes Wasser. Abkühlen lassen. Tadaa, Isotone Kochsalzlösung, kann man die Nase mit beträufeln oder Inhalieren oder als Kontaktlinsennotfallspüllösung verwenden. Aber eigentlich hätte ich lieber was mit Wirkstoff gehabt, das arme Baby kann nämlich kaum noch aus der Brust trinken vor lauter Schleim im Rachen und in der Nase. Morgens hatte es sich komplett verweigert, da musste ich also auch noch unter Zeitdruck (der Bus! der Bus!!!) die übervolle Brust leerpumpen. Hurra. Als ich wieder zu Hause ankam, hatte es immer noch nichts getrunken, konnte aber auch wieder nicht stillen und brüllte mich frustriert und hungrig an.

Netterweise bekam ich sehr schnell sehr viele Tips und nach Absaugen des Schleims aus der Nase konnte das Baby immerhin ein bisschen von der morgens abgepumpten Milch aus einer Spritze nuckeln. Damit spülte es den Rachen auch noch halbwegs frei und konnte danach stillen. Und seitdem steht hier ein Topf mit Thymianaufguss auf dem warmen Ofen und wir inhalieren einfach alle mit dem Baby mit. Riecht ja auch gut. Trotzdem war das Abendessen irgendwie etwas geschmacksarm. Ich hab kaum die Tomaten aus dem Risotto geschmeckt, was schade ist, weil ich dieses Tomaten-Mozzarella-Risotto wirklich sehr gerne mag. Nun ja. Außerdem haben wir dank der morgens abgepumpten Milch und der gestern aus dem Gefrierschrank in den Kühlschrank transferierten 2 Portionen jetzt sehr viel Muttermilch übrig. Endlich können wir mal Quatsch damit machen, wie zum Beispiel sie dem Baby in die Nase tröpfeln (gegen den Rotz) oder dem Baby auf den nach wie vor manchmal wunden Po schmieren oder vielleicht baden wir morgen das Baby mal drin, in der Hoffnung dass es das besser findet, wenn wenigstens das Badewasser lecker schmeckt.

Tag 113 – .

Sagen wir mal so: ich hoffe sehr, dass heute der Zenit meiner Erkältung war und es morgen besser wird. Sonst wird das schwierig mit der Klausur (zumal ich mangels Stimme höchstens pantomimisch Fragen zu den Aufgaben stellen könnte). Ich liege auch tatsächlich schon im Bett um meine Chancen auf Besserung zu maximieren. Muss aber noch mal aufstehen und meinen Schal holen, glaube ich.