Tag 408 – Menschen, Tiere, Symposionen. 

Also erstmal das Positive vorweg: ich war pünktlich. Tadaaaa! Ich hatte zwar keine Zeit, meine Fahrradbatterie, Helm, Jacke, Rucksack und Regenhose ins Büro zu bringen, und weil da dann natürlich das Schreibzeug noch lag, musste ich die ersten Sessions auf dem Handy mittippen, aber: ich war pünktlich. Und ich bekam viele Komplimente für mein Kleid. (Norwegerinnen, die am Tag drei Hosen für die Kinder stricken, behaupten, sie könnten nicht nähen. Und das würde bei ihnen ja ein halbes Jahr dauern, so ein Kleid. Haha. Hahaha. Hahahahaha…)

Das wars dann aber auch schon. Gut, manche Vorträge waren sehr interessant (Leona D. Samson war da, <3), aber erstmal ging alles wegen Taxi-Issues total verspätet los, dann erzählten manche sehr langatmig recht belangloses Zeug, manche hatten echt schlecht vorbereitete Folien, manche echt schlechten (also zu monotonen oder zu leisen oder zu hektischen) Vortragsstil. Das ganze in einem Raum, der zu klein für die Anzahl Anwesender war (warum nochmal mussten wir uns vorher registrieren?), in dem die Vorhänge zugezogen waren, damit das bisschen Tageslicht bloß draußen blieb (bedeckter Himmel und überhaupt ja auch Herbst, keine blendende Sonne in irgend einer Form), dann aber die fiesen Neonlampen an, man will ja was sehen. Seufz. 

Was mich aber echt am meisten störte, und da sind wir wieder bei einer der Sachen, die mich am Uni-Betrieb so stören, ist die Einstellung einiger Redner*Innen (Geschlechterverhältnis 6:6, dafür Daumen hoch) zu Menschen und Tieren. Ich schreibe das jetzt hier in dieses Internet, wenn Sie mich mal dabei erwischen, dürfen Sie mich gerne daran erinnern: ich lehne das Zeigen von Bildern Kranker oder Behinderter (Kinder, insbesondere) ohne daraus folgenden Erkenntnisgewinn ab. Was bringt es denn, fünf, sechs, sieben Bilder von Xeroderma Pigmentosum-Betroffenen (Yeeeaaahhh, Hautkrebstumore all over!!!) zu zeigen, wenn ich hinterher doch nur auf der molekularen Grundlage davon herumreite. Oder Erbkrankheit Tralala: „Lebenserwartung 5-7 Jahre, schwerste Fehlbildungen unter anderem im Gesicht.“ Reicht da nicht die Beschreibung? Müssen da wirklich mehrere (!) Bilder von betroffenen Kleinkindern und Babys mit auf die Folie? Solche Bilder sind sinnvoll für Diagnostiker oder Kinderärzte, Menschen, die wirklich Leute treffen, die sowas haben. Denen sollte vielleicht beim Anblick eines Erbgutgeschädigten Säuglings nicht das Mittagessen wieder hoch kommen. Aber wir Labormenschen treffen ungefähr nie auf Patienten. NIE. Als Motivation, an Protein X oder Mutation Y oder Modifikation Z zu arbeiten, sollte eine Beschreibung des Krankheitsbildes reichen, wir sind zwar Naturwissenschaftler, aber so viel Phantasie kann man uns ruhig zutrauen. Sensationsgeile Schockbilder, dann auch noch in der Mehrzahl, braucht kein Mensch. Lenkt nur ab: es ist eben wie ein Unfall, man kann nicht weggucken. Und gegenüber den dargestellten Menschen ist es zutiefst respektlos. Oder wollen Sie, dass, sagen wir mal, ihre Nichte, für immer „Das Kind, das Google-Treffer Nummer 1 für diese krasse Erbkrankheit ist!“ ist? Die Menschen werden auf die Krankheit eingedampft. Auf das Bild der Krankheit. Fallbeispiele. Mehr nicht. 

Was ich auch ablehne: total verklausulierte Sprache in Bezug auf Tierversuche. Man hätte heute teilweise meinen können, wir wären auf nem Werbevortrag irgendeines Pharmariesen vor lauter Tierschützern gewesen. Mein Kopf übersetzt das immer automatisch in Normalsprech. Das klingt in meinem Kopf dann so:

  • „Wir terminierten die Tiere an Tag 115 post treatment.“ –> Wir töteten die Tiere. 
  • „Wir induzierten Hypoxia-Ischemia, indem wir die Blutzufuhr im Gehirn im Bereich blablabla unterbrachen.“ –> Wir schnitten den Mäusen die Köpfe auf und quetschten ein Blutgefäß im Gehirn ab. 
  • „Nach einer Stunde Erholung isolierten wir das Material und untersuchten die Tiefenpenetration der nekrotischen Areale.“ –> Nach einer Stunde, die die Gehirnabgequetschten Mäuse noch so vor sich hinvegetierten, töteten wir sie, nahmen das Gehirn raus und schnitten es in Scheibchen, um zu sehen, was alles kaputt gegangen ist.“

So könnte ich weitermachen. Ich finde ja, was wahr ist darf wahr bleiben. Töten ist töten. 10 Tage alte Mäuse sind noch Babies, da tötet man Babymäuse („Termination an P10“). Vielleicht hilft es ja auch dem ein oder anderen dabei, den nächsten Versuch etwas besser zu planen, sodass vielleicht weniger Tiere gebraucht werden, wenn die Sprache da klar und ehrlich ist. 

Und dann war da noch die Sache mit dem  „disappointing Phenotype“, was heißt, dass die Mäuse nachdem man ihnen Gen A oder B oder A und B kaputt gemacht hat, eigentlich ganz normal sind, keine Tumore entwickeln, keine abnorme Körpergröße haben, sich normal bewegen, Nachkommen zeugen und so. „Oh, dem Tier hier geht’s scheinbar gut. Schade.“ Das kann man vielleicht denken, denn klar wäre es einfacher, würde die Maus einfach was ganz eindeutiges wie „wird quasi schon mit Krebs geboren“ (oder wenigstens „embryonic lethality“) zeigen, aus einer wissenschaftlichen Perspektive. Aber es ist eben nicht alles immer einfach. Und sagen, dass man enttäuscht ist, weil es einem Lebewesen gut geht? Find ich einfach kacke. Man kann das ja auch anders formulieren. Mein Vorschlag: „Die Mäuse zeigten zu unserer Überraschung keinen auffälligen Phänotyp. Also mussten wir zurück ins Labor…“. Da hat man gleich der Maus ein Minibisschen Respekt entgegengebracht. Nein, wir können nicht auf Tierversuche verzichten*, aber wir können Tierversuche mit Respekt machen. 

*die pharmakologische Forschung kann nicht, bei der Grundlagenforschung wäre der Umfang vielleicht manchmal diskutabel. Aber sowas muss ja auch durch Ethikräte, zumindest hier.

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