Tag 411 – Jagdflugzeuge. 

Unweit von Trondheim, ich glaube in der Nähe des Flughafens, ist ein Truppenübungsplatz der norwegischen Luftwaffe. Deshalb düsen hin und wieder Kampfflugzeuge über Trondheim. Vor kurzem fing Michel damit an, jedesmal begeistert „Jagerfly! Jagerfly!“ (Jagdflugzeug) zu rufen, wenn er eins hörte. Nun ist es so, dass ich seit dem Balkankrieg (Danke, Papa, für den Satz „Milosevic zettelt noch den dritten Weltkrieg an.“, der ist nie wieder aus meinem Gehirn weggegangen) eine tief verwurzelte Angst vor Krieg habe, ich war ja selbst noch echt klein und da kamen all diese Familien mit Kindern in meinem Alter und wir wussten: die fliehen vor dem Krieg. Dem, der so weit gar nicht weg ist. Dem, den wir im Fernsehen manchmal sehen. Aus dieser Angst heraus bin ich Pazifist, wohl auch weil ich immer gerne alles rational verstehen können will und Krieg nun mal nicht logisch ist. Jedenfalls erklärte ich Michel, dass Jagdflugzeuge Kriegsmaschinen sind und ich die deshalb nicht gut finde und mir wünsche, es gäbe die nicht. Auf Nachfragen erklärte ich ihm dann auch wozu man Kampfflugzeuge benutzt: um andere Flugzeuge abzuschießen und um Bomben abzuwerfen. Um Leute zu töten. Diese Informationen waren offensichtlich zu viel für Michel (es tut mir so leid, ehrlich! Da sind die Pferde mit mir durchgegangen!) und sie brauchten zwei Tage um in seinem kleinen Kopf viel Mist anzurichten. Heute beim Essen war er dann erst scheinbar grundlos wütend und dann traurig. Irgendwann kam er auf meinen Schoß gekrochen und schluchzte heraus:

M: „Ich will nicht, dass Jagerfly kommen und unser Haus kaputt machen!“

Ich: „Aber das tun sie ja auch nicht!“

M: „Aber wenn Krieg kommt dann kommen Jagerfly und [unverständliches Schluchzen]“

Ich: „Aber es kommt ja hier kein Krieg hin…“

M: „Doch! Ich merke das!“

Ich: „Nein mein Schatz, hier kommt kein Krieg hin. Und selbst wenn würden wir dann woanders hingehen. Wo kein Krieg ist.“

M: „Aber dann müssen wir ja Flugzeug fliegen und dann schießen uns die Jagerfly ab!“

Ich: „Neineinein mein Schatz, die schießen nicht auf solche Flugzeuge. Außerdem können wir ja auch Auto fahren. Und wir würden früh genug gehen. Meistens merkt man das vorher, wenn Krieg kommt, da hat man noch etwas Zeit, woanders hinzugehen.“

Herr Rabe: „Du kennst doch Tiba, von der Maus. Die sind doch auch nach Deutschland gekommen, weil in ihrem Land Krieg ist. Die sind ja auch weggegangen. So würden wir das auch machen.“

M (rollt sich immer kleiner auf meinem Schoß ein): „Ich will nicht dass einer kommt und unser Haus kaputt macht. Dann können wir kein Essen mehr kaufen. Und dann müssen wir verhungern [weint furchbar].“

Ich: (mit wachsendem Kloß im Hals) „Aber es kommt ja keiner und macht unser Haus kaputt. Ich verspreche dir, dass hier kein Krieg hinkommt. Und wenn gehen wir weg. Ich passe doch auf dich auf!“
M: „Aber vielleicht bist du dann auch tot!“

Ich (wirft alle Pläne, nie die Kinder anzulügen über Bord): „Nein mein Schatz, ich bin bestimmt dann nicht tot.“

M: „Warum?“

Ich (Kloß erreicht Tränendrüsen): „Weil ich ja auf euch aufpassen muss! Deshalb bin ich nicht tot. Ich passe immer auf dich und Pippi auf.“

M: „Hmm… Ich hab noch Hunger, kannst du mich füttern?“

Damit war das Gespräch für ihn beendet, aber mir hing es noch lange nach. Mein Baby (wollte ja auch gerne mein Baby sein, siehe Füttern) macht sich so viele Gedanken und diese ganze schlimme, unlogische, nicht erklärbare Sache belastet ihn viel mehr, als ich geahnt habe. Ich würd ihm die Angst ja gerne nehmen, aber kann nicht (jedenfalls nicht aus voller Überzeugung), weil ich ja selbst Angst habe. Ich kann halt wirklich nur versprechen, dass, solange ich lebe, ich alles tun würde, um ihn und Pippi zu beschützen. Alles. Ich würd ihn am liebsten schon vor solchen Gedanken beschützen. Oder sie löschen können. Draufpusten und weg sind sie und ich hab meine große kleine Quatschnase zurück. 

Und dass meine allerallerallergrößte Angst die durchaus reale ist, dass ich sie eben nicht vor allem beschützen kann (Liebeskummer, Viren, Mobbing, Krebs, Unfälle, …) verrate ich ihm einfach am besten erst, wenn er groß ist. Größer als knapp vier. Eher so vierzig. Vielleicht. 

Grüße von der schlechtesten Mutter der Welt, die ihr Kind so überfordert hat.

6 Gedanken zu “Tag 411 – Jagdflugzeuge. 

  1. Ich finde, das ist aber auch ein extrem schwerer Thema, was man eigentlich nur falsch machen kann. Mir geht es ähnlich wie dir und muss da irgendwie einen halbwegs vernünftigen Dreh meiner Kleinen gegenüber hingekommen.
    Kopf hoch, Becky

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  2. Bettina schreibt:

    Hey, rede dir NIEMALS ein, dass du eine schlechte Mutter bist!!!!!! Manche Dinge passieren einfach. Und du hast es ihm wunderbar erklärt und ihn getröstet! Lieber ein offenes Wort, als Sachen die zwar da sind, aber nicht ausgesprochen werden. Kinder spüren das…😘

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  3. E. schreibt:

    Ach Frau Rabe, Sie sprechen mir aus der Seele. Wir hatten kürzlich eine ähnliche Szene, nachdem ich Pazifisten-Mutter versucht habe, der Tochter zu erklären, warum ich es sch*** finde, wenn sie spielt, sie hätte eine Pistole. Und warum sie keine Wasserspritzpistole bekommt, die mir zu sehr nach echter Waffe aussieht.

    Meine Mutter hat mir Anfang der 90er gesagt, in Deutschland sei Krieg verboten. Da klammere ich mich mit 34 immer noch dran.

    E.

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  4. ohmskine schreibt:

    Liebe Frau Rabe, Sie haben alles richtig gemacht.
    Leider müssen unsere glücklichen und behüteten Kinder irgendwann feststellen, daß die Welt und das Leben nicht immer sicher und sorglos sind. Das geht wohl nie ohne Alpträume und Angst (auch bei Erwachsenen nicht).
    Ich drücke uns allen die Daumen, daß wir niemals vor einem Krieg fliehen und alles zurücklassen müssen.
    Gruß,
    ohmskine

    PS: Im Sommer war ich mit meiner 7-jährigen Tochter im Technik-Museum in Speyer und musste ihr erklären, warum die Mehrzahl der Flugzeuge/Schiffe/Schienenfahrzeuge als Kriegsgeräte gebaut wurden. (Offenbar, weil der Krieg den Menschen zu technischen Höchstleistungen inspiriert.) Bisher kamen noch keine Nachfragen, aber mein empatisches Kind läßt sich damit gerne Zeit.

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  5. Inke schreibt:

    Hallo Frau Rabe,

    ich teile Ihre Düsenjägerunbehaglichkeit, mir ist letzt beim Wäschehängen einer über den Kopf geflogen, und ich (32) hatte sofort diese Kinderangst vom Anfang der 90er. Dann hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich schwanger bin und mir deshalb einbilde, keine Angst haben zu sollen und habe dran gedacht, was ich mache, wenn das Kind dann da ist. Albernes Endschwangerschaftkopfkino, das wohl bald erstmal durch kleinere Probleme verdrängt wird.

    Ich hoffe, dass Michel sich beruhigt, genauso wie Ihr schlechtes Gewissen, und finde Ihren Reparaturversuch gut.

    Herzliche Grüße
    Inke

    PS: Ich bin ein großer Trondheim-, Wissenschaftlerinnen und gelassene Erziehungsfan und lese hier deshalb sehr gern und bisher still mit. Rabensalat styrer, würde man auf Dänisch sagen, Norwegisch kann ich leider nicht.

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  6. Mamamaj schreibt:

    Liebe Frau Rabe, ich finde auch Sie haben gar nichts falsch gemacht. Es gibt ganz furchtbare Dinge auf der Welt und die kann man einfach nicht alle von Kindern fernhalten. Schlimm wäre es, wenn man das Kind mit seiner Angst davor alleine lässt. Aber wenn man darüber spricht, manchmal auch diverse Male, dann ist das finde ich der richtige Weg, damit umzugehen. Ich habe neulich mit meinen Kindern (6 und 8) über den Erpressungsversuch in Kiel mit vergiften Lebensmitteln gesprochen. Die Kleine war davon auch sehr beeindruckt und entsetzt. Aber wir haben darüber gesprochen und ausgemacht, dass sie nichts scheinbar essbares vom Boden aufsammeln und essen darf. Dann kann ihr auch nichts passieren. Sie hat die nächsten Tage noch ein paar Mal gefragt, ob sie die eben fallen gelassene Weintraube o.ä. noch essen darf. Ja durfte sie, denn sie wusste ja woher sie kommt. Sie hat sich damit auseinander gesetzt und schließlich war das Thema für sie erledigt.
    Und für manche Themen wie Krankheit oder Tod gibt es nun mal keine gute Erklärung oder Lösung. Ich finde, da darf man auch mal selbst ratlos oder traurig sein, auch vor den Kindern. Und ich würde dann zu meinen Kindern auch immer sagen, dass ich noch ganz lange lebe und sie auch.
    Aber ich kann durchaus deinen Zwiespalt verstehen…

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