Tag 663 – Karriereleiter.

Mir mangelte es heute an Ideen, also fragte ich auf Twitter nach, wozu ich denn heute schreiben solle. Es wurde vorgeschlagen, das hier mal näher zu erläutern:

Nun. Es ist ja so, dass meine Familie als ich Teenager war nicht grade im Geld schwamm. Ich bekam, wenn ich mich recht erinnere, mit 15 Jahren 35 DM Taschengeld im Monat. Ein Paar Adidas Superstar kostete 120 DM. Meine Mutter kaufte mir zwar Schuhe, aber keinen Markenquatsch, sondern robuste Dinger von Reno, die durfte ich mir zwar aussuchen, aber naja, es waren halt keine Adidas Superstar. Ich brauchte also einen Job. Einen richtigen, nicht nur Katzen füttern von Leuten, die im Urlaub sind, weil Leute eben nur so zwei Wochen im Urlaub sind und auch maximal drei Mal im Jahr. So gefühlt einen Tag nach meinem 16. Geburtstag heuerte ich deshalb beim Obi an. Als Kassenkraft. Das war der Anfang einer langen Reihe Nebenjobs.

  1. Obi also, Kassenkraft. 10 DM/Stunde, 10 Stunden die Woche, nach der Schule bis acht Uhr, dann Kasse zählen und mit der Bahn durch die komplette Stadt nach Hause. Da war ich dann um 22 Uhr. Es war der helle Wahnsinn und der Job war, offen gestanden, echt scheiße. Aber immerhin lernte ich, Petunien von Geranien zu unterscheiden. Das absolute Grauen war ein Tag, an dem es sehr warm war und an dem ich an der „Gartenkasse“ arbeiten musste. Quasi im Gewächshaus. Alleine. Es waren da sicher über 40 Grad und nach zwei Stunden (von 5) war meine Wasserflasche leer und mein (weißes) Obihemd klebte klitschnass und durchsichtig an mir dran. Abends kamen mir beim Kasse zählen vor Erschöpfung die Tränen und danach habe ich gekündigt.
  2. Jibi, Einräumkraft. Beworben hatte ich mich eigentlich für Kasse, stattdessen wurde ich von so einem Einräumdienstleister angestellt, der mich dann auch nicht nur in der Filiale bei meinem damaligen Freund ums Eck einsetzte, sondern in der halben Stadt rumschickte. Das machte ich nicht sehr lange.
  3. Schuhe verkaufen, Sommerjob. Das war super. Irgendwo hatte ich einen Aushang gesehen, Urlaubsvertretung, Vollzeit für 4 Wochen, genau in den Sommerferien. Bei einem der teuersten Schuhläden Bielefelds. In den vier Wochen verdiente ich (also, für meine Verhältnisse) einen Haufen Geld und lernte alles, was ich über Schuhe weiß. Ich war bei einer Schulung über Schuhspanner dabei, putze die Spiegel und die Glas-Auslagen, stellte Schuhe hübsch ins Regal (Frauen: immer Größe 36, Männer: immer Größe 42), versuchte, mir die internationalen Größen-Umrechnungstabellen zu merken und scheiterte, probierte Schuhe an (seitdem weiß ich, dass Prada so unheimlich klein ausfällt, dass mir oft selbst die größte damals von denen produzierte Größe (40) noch zu klein ist) und verkaufte Schuhe. Das hat mir echt Spaß gemacht. Auch wenn ich keine allzu gute Verkäuferin bin, weil einfach zu ehrlich. Ich hab mal ner Kundin gesagt, dass ich die 200 DM-Stiefeletten besser finde als die 400 DM-Stiefel und naja, so schnell hat man sich die Provision versaut, ne? Aber die Kundin war sehr dankbar für die offene Meinung. Manchmal rauchte ich mit der Chefin. Und einmal kam der Firmeninhaber, da musste ich mich fast zwei Stunden lang im Lager verstecken, damit der mir keine fiesen Fragen stellen konnte. Seit dem Job liebe ich Schuhe.
  4. Edeka, Kasse. Bei mir ums Eck. Verdienst war mäßig, aber ich hatte viel Spaß und nette Kollegen. Mit einem hatte ich danach noch ziemlich lange ääähhhhh privat zu tun, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Die Chefin war ne ziemliche Hexe. Ich lernte drölfzig neue Obst- und Gemüsesorten kennen (Lollo Rosso, PUL 7014), gefühlte tausend PULs auswendig und wie man geschmeidig Geldrollen öffnet ohne dass die Kunden in der Schlange das Seufzen anfangen. Highlights: ich (17) fragte eine 28-Jährige nach ihrem Ausweis wegen Schnaps, jemandem fiel ne Flasche Rotwein und ne Packung Eier vor der Kasse hin und es gab ne unglaubliche Sauerei und (!) ich hab damals am ersten Arbeitstag nach der Euro-Einführung gearbeitet. Wir schmissen die Mark in einen Eimer unter der Kasse und an dem Tag hatte jeder von uns an die 100 € Abweichung in der Kasse. Die Chefin tanzte im Dreieck.
  5. IKEA, Kasse. Dafür musste man 18 sein. Dafür war der Verdienst ziemlich gut und die Kollegen unheimlich nett. Die Kantine bei IKEA ist übrigens für die Angestellten auch sehr gut und dabei sehr günstig! Und der Marktleiter setzt sich da auch total Skandinavisch mit an den Tisch und sagt „Hej, ich bin der Björn*, was machst du hier?“ (*Name von der Redaktion mit extrem schlechtem Namensgedächtnis geändert). Nachteil: die IKEA-Montur. Wäh. Kratzige und unförmige Dinger, nur Bluse (die ging noch halbwegs) war nicht so gerne gesehen, aber mit Pulli drüber wars oft sehr warm und das Halstuch war… halt ein Halstuch. Ich arbeitete immer Samstags für sechs Stunden, von 14 bis 20 Uhr und kann Ihnen sagen: Samstags bei IKEA ist für keinen so richtig schön. Aber kurz vor Feierabend, da gehts eigentlich immer. Highlight: Irgendwann in der Vorweihnachtszeit ging irgendwie das EC-Bezahlsystem kaputt. Es gab ein wirklich unvorstellbares Chaos an den Kassen, inklusive wütenden Kunden, die die hilflosen Kassenmenschen beschimpften. Und hinterher gabs  Schnaps im Kassenbüro. Ich weiß nicht mehr so ganz, wie es da endete, vom Gefühl her war es irgendwie für mich doof. Vielleicht hatte ich um andere Arbeitszeiten gebeten und das nicht bewilligt bekommen, ich weiß es nicht mehr.
  6. Barista. Hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht. Wirklich ganz doll viel. Umso niederschmetternder, dass ich nach vier Wochen per E-mail gekündigt wurde, die mail aber erst im Büro des Cafés las, als ich zu meiner Schicht morgens um sieben antreten wollte und mich meine Kollegin etwas sparsam ansah. Rolf, wenn Du das hier lesen solltest: das war echt unter aller Sau, menschlich gesehen. Aber ich lernte sehr viel über Kaffee in den vier Wochen.
  7. Irish Pub, Kellnern. War irgendwie lustig und verrückt und mies bezahlt und dreckig und stinkig und sexistisch und ich liebte es. Leider war es auch einfach gar nicht vereinbar mit dem Studium, das ja, in meinem Fall, meistens um acht Uhr morgens losging. Trotzdem zog ich das recht lange durch. Highlight: Disco-Night, bis morgens um sieben gearbeitet, dann noch nen Cocktail mit den Kollegen getrunken und halbtot nach Hause gewankt. Und Karaoke. Ach, Karaoke. Lowlight: Diverse eklige Weihnachtsfeiertische, dass ich mir irgendwann ein Pfefferspray kaufen musste, weil ich wirklich Angst hatte, nachts alleine zu meinem Roller zu gehen und dass wir immer schwarz tragen mussten. Ich kann immer noch instantan den Geruch von kaltem Zigarettenrauch und Bier abrufen. Ich lernte viel über Whiskey, Whisky und alle möglichen Guinness-Mischgetränke. Ich liebte es, erwähnte ich das? Irgendwann gings aber echt nicht mehr mit dem Studium und ich kündigte schweren Herzens.
  8. HiWi, Organisation eines Berufsfindungsseminars für Informatiker, das war blöd für alle Beteiligten und wurde nach einem Semester eingestellt.
  9. Biergarten, Kellnern. Das war noch viel besser als im Irish Pub. Weil: kein Stinken hinterher (außer die diversen Male, an denen ich mir Weizen über die Füße kippte). Und weil die Chefin, der Chef und all die anderen Angestellten wie eine Familie für mich wurden (und das meine ich ausnahmslos positiv). Ich lernte Zapfen, Weizen einschenken (ich kann zwei auf einmal!), wie man einen Laib Ciabatta in akkurat gleich breite, hübsch schräge Scheiben schneidet, ich überwand meine Wespenphobie, lernte extrem schnelles Kopfrechnen und wie man die Bitte um Rotwein-Mischgetränke charmant abwimmelt (ungefähr so: „Nä! Machen wa nich sowas! Wo komm wa denn da hin? Nä. Rotwein wird hier nich gepanscht. Das is barbarisch!“ Wichtig, dass man das im breitesten Ost-Westfälisch sacht, zu dem man fähig ist.). Ich kannte die Stammkunden und ihre Problemchen und machte mir Sorgen, wenn einer von denen unabgemeldet nicht kam. Ich fand den Job so toll, dass ich den sogar noch einen Sommer weiter machte, nachdem ich im sicheren Hafen der Ehe angekommen war einen richtigen, festen Vollzeitjob hatte. Und ich gehe da immer noch sehr gerne hin und schnacke mit den Leuten. Und vielleicht kommen mir grad ein bisschen die Tränen. Vielleicht mache ich einfach wirklich irgendwann ne Kneipe auf. (Brauchts noch Highlights? Arminia Bielefeld ist irgendwann da mal aufgestiegen. Das Stadion – Die Alm – ist da in Sichtweite und der Biergarten die erste „Tankstelle“ auf die man so trifft. Es war auch da der helle Wahnsinn, total stressig, gefühlte 200 Leute standen am Wagen und wollten jeder ein Bier (warum auch für die Kumpels mitbringen…), aber unheimlich toll. An dem Abend saßen wir hinterher noch lange auf dem Platz, die Chefin, die „Haupt-Angestellte“ und ich und tranken Prosecco (die anderen zwei) bzw. Bier (ich). Mit den geschwollenen Füßen auf den Bierkisten. Ach, war das schön.)

Hier nicht aufgezählt sind: Babysitten, Katzensitten, Nachhilfe (Biologie und… Philosophie, of all things) und Schwangerschaftsvertretung in den Kindergruppen meiner Tanztrainerin.

Doch, ich hab echt schon so einiges gemacht.

3 Gedanken zu “Tag 663 – Karriereleiter.

  1. mihani schreibt:

    Bei Ikea hab ich auch mal gejobbt, samstags von 12 bis 16 Uhr. Nach, da gab’s noch frühe Ladenschlusszeiten… Mit Fertigkassieren und Abrechnung machen waren wir trotzdem mindestens bis 17 Uhr beschäftigt und dafür gab’s dann immer noch einen Nachtarbeitszuschlag.
    Die ersten Male hatten wir noch so furchtbare rote Kittel, dann wurde die gelbblaue Kleidung eingeführt. Ich hab nie verstanden, warum ich für 4 Stunden die Woche 7 verschiedene Oberteile in meinen heimischen Schrank stopfen sollte (plus die Hose mit Ikea-Stickerei auf dem Po). Die Bluse war eigentlich wirklich noch am besten, aber die musste man bügeln, deshalb war ich meist im Poloshirt da.
    Die Bezahlung war ordentlich, aber toll fand ich den Mitarbeiterrabatt!

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