Tag 679 – Tiefschlag. 

Es war so klar. Ich habe es tatsächlich schon sehr lange kommen gesehen, aber einfach beschlossen, es zu ignorieren. Heute war es dann aber soweit. Mein Chef „gestand“ mir in einem ziemlich zufällig stattfindenden Gespräch, dass meine Finanzierung über das Vertragsende hinaus mehr als schwierig wird. Er hat keine Mittel. Ich glaube ihm das auch. Er hatte sehr große Hoffnungen in einen großen Forschungsgelderantrag gesetzt, das Geld bekam er dann aber nicht. Das Projekt auf dem ich eigentlich angestellt bin, ist ja schon zeitmäßig überzogen (ich wasche meine Hände da in, ähh, also das ist ein blödes Bild. Ich war halt in Elternzeit.) und das Geld wird auch sehr sehr eng. Er kann nicht alle seine Haushaltsgelder für mich ausgeben, dann können wir keine Labormaterialien etc. mehr kaufen. Das Geld reicht für eine 40%-Stelle. Er kann es aus anderen Mitteln aufstocken auf 50%, aber das ist das Maximum. 50%. Von September bis Dezember. Im November können wir vermutlich Abschlussgeld beantragen, das dann ab Januar ausbezahlt würde. Nicht rückwirkend. 

50%. 

Ich habe das ausgerechnet. Es reicht nicht. Da ich übers Jahr gesehen ja bisher normal verdient habe, müsste ich vermutlich fast den gleichen Steuersatz weiterzahlen. Also bliebe mir auch nur ca. die Hälfte von meinem bisherigen Netto. Das mit Herrn Rabes Netto zusammen reicht für Miete, Kindergarten, Essen, Auto. Dann wird’s eng. Wir müssten für die Monate mindestens meine Altersvorsorge zurückschrauben oder wen anpumpen, damit die normal weiter laufen kann. 

„Frau Rabe, wieso kauft ihr nicht endlich ein Haus?“ Dem nächsten, der sowas sagt, haue ich eine rein. 

„Aber Marie, die hat anderthalb Jahre kein Gehalt bekommen und die hat trotzdem weitergemacht.“ Ja. Danke Marie, dass du so ein grandioses Vorbild bist. Wirklich, vielen, vielen Dank. So erzieht man sich seine Vorgesetzten. (Maries Mann ist übrigens Herzchirurg. Das Haus in dem die leben ist abbezahlt. AB-BE-ZAHLT.)

Was mich am meisten daran ärgert, ist dass ich meinem Chef sein „det ordner seg“ wirklich geglaubt hab. Ich habe mich drauf verlassen, dass er das hinkriegen würde. Ich habe keinen robusten Plan B, habe nicht genügend Bewerbungen geschrieben und jetzt habe ich keine Zeit mehr. Tadaa. Weil ich mich auf ihn verlassen habe, stehe ich jetzt da wie der letzte Depp und plötzlich ist es meine eigene Verantwortung und alleinige Entscheidung, ob, wann und wie ich die Dissertation fertig bekomme und vor allem: was mir das finanziell wert ist. Darüber bin ich so wütend und traurig und enttäuscht, dass ich Magenschmerzen und Kopfschmerzen habe. Das heißt, ich kann noch nicht mal Schnaps trinken, meine arme Leber!

Habe ich erwähnt, dass mein Chef jetzt bis zum 8. auf Konferenzen und im Urlaub ist? Ich bin dann ab 7. für zwei Wochen weg. Tolles Timing auch das alles. 

Wenigstens kann mir niemand Untätigkeit vorwerfen. Seit dem Gespräch mit meinem Chef habe ich 

  • Kurz heimlich im Büro geheult
  • Ausgerechnet, ob wir mit dem Geld hinkämen (nicht wirklich)
  • Nach dem Abschlussstipendium der Fakultät gegoogelt und leider nix anderes gefunden als was oben steht
  • Offene halbe Stellen an der Uni gesucht (null)
  • Offene halbe Stellen außerhalb der Uni in Trondheim gesucht, die entfernt in Frage kämen (null)
  • Nochmal kurz geheult
  • Die restlichen Zwischenüberschriften in meine Diss eingefügt (Übersprungshandlung, aber so wurden die angepeilten Seiten voll)
  • Im Auto nach norwegischem Arbeitslosengeld gegoogelt
  • Herausgefunden, dass man unter Umständen mit Arbeitslosengeld aufstocken kann, wenn man auf maximal 50% heruntergestuft wurde (die Umstände sind… uncool, zum Beispiel muss man, genau wie wenn man komplett arbeitssuchend ist, Jobs in ganz Norwegen annehmen und zugunsten einer Vollzeitstelle jederzeit die Halbtagsstelle kündigen können/wollen, das wäre jetzt eher schlecht)
  • Herrn Rabe die Ohren vollgeheult
  • Herausgefunden, dass man absolut gar nicht (mehr) an der Uni angestellt sein muss, um seine Doktorarbeit einreichen oder verteidigen zu können 
  • Andere mögliche Stipendien (für Absolventen kurz vor knapp, für Mütter, für Frauen, für was weiß ich wen) gesucht (null)
  • Deutsche Stipendiengeber überprüft, ob sie vielleicht in Norwegen promovierende naive Idiotinnen finanzieren würden (eher nein, so eine Überraschung aber auch)
  • Nochmal Herrn Rabe vollgeheult
  • Wütend die Treppe geputzt, weil unsere Nachbarin wieder Dugnad anberaumt hat
  • Einen Plan gemacht. 

Ja genau. Einen Plan. Einen kack-Plan, den ich richtig bescheiden finde, weil er meinen Chef aus der Verantwortung nimmt und wieder alle „Orga-Arbeit“ an mir hängen bleibt. Aber das wäre dann vermutlich eine gute Diss, die dabei rumkäme. Ist halt die Frage, was mir das wert ist (s.o.). Jedenfalls ist der Plan:

  • Mich morgen krank schreiben zu lassen, damit sich mein Vertrag nochmal um ein paar Wochen dehnt. Trotzdem weiter schreiben wie gehabt. Ja, das ist genau genommen Betrug. 
  • Einen Termin beim NAV ausmachen und die Möglichkeit des Aufstockens abklären, dann 
  • aufstocken, mit dem Plan, bis Ende des Jahres fertig zu sein, also fertig = abgegeben, also noch ein drittes Manuskript zu haben
  • Falls (!) es dann in 2018 Abschlussgeld geben sollte, das nur bis Juli nehmen. Bis dahin verteidigt haben. Einen Schlussstrich ziehen. Im August 2018 kommt Michel in die Schule. Da will ich irgendwo seßhaft sein.

(Das ist Plan B. Plan A ist: krankschreiben lassen, fertig schreiben, irgendwie ein Manuskript zu einem dritten Artikel zusammenkloppen, alle Daumen und großen Zehen drücken, dass der eine Artikel schnell rauskommt, der zweite Artikel jetzt endlich mal bald eingereicht wird und die letzten, schon gemachten Experimente vielleicht noch für ein mickriges Manuskript reichen, sonst schreib ich halt ein Review, egal, jedenfalls irgendwie einreichen bis Ende August. Dann Jobsuche*, Arbeitslosengeld*, Umzug* und Warten auf die Verteidigung.)

Ich hab weder Zeit noch Nerven für so eine  Scheiße jetzt grade. 

* auch nur so mittel, wenn man das so übers Knie brechen muss. 

15 Gedanken zu “Tag 679 – Tiefschlag. 

  1. Ich drück alle Daumen und Sie auch, so eine verwi**ste Sch***e aber auch! Da haben Sie sich einmal wegen etwas nicht im Vorfeld bekloppt gemacht und dann kommt so etwas dabei raus…
    Hab ich schon erwähnt, dass ich Sie drücke?

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  2. Ich schreibe jetzt nicht, dass das eine verf*ckt* Supersch**ße ist, weil das wissen wir ja. Aber es ist echt eine verfi*ck*e Drec*smis*supersche*ße. Du könntest Penny heißen. Mir passieren solche Katastrophen auch und dann denkt man sich wirklich, dass man der einzige Ars*h auf der Welt ist, dem so ein Pis*kac* passiert. Ist aber nicht so. Andere twittern halt nicht. Oder verbloggen ihre Skandale nicht. Und auch wenn das deine Katastrophe gerade nicht schmälert: Du bist nicht alleine.
    Das ist jetzt alles gar nicht lustig, aber ich verspreche dir: In einem Jahr mit deinem Doktortitel in der Tasche deines schönsten Taschenkleids, da kannst du zurückblickend sagen: „Hey, Frau Rabe, weißte noch letztes Jahr Mitte Juni? Als der Weltuntergang drohte und alles irgendwie bescheiden beschissen war? Haaaah, haste geschafft. Trotz allem: Du hast es geschafft!“ ❤

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    • Nee, ich bin nicht alleine, irgendwie geht es total vielen so und das ist doch auch irgendwie das allerschlimmste: da werden echt Talente verheizt, wer hat denn da noch Bock, an der Uni zu bleiben und den gleichen Mist alle ein bis drei Jahre durchzumachen?!?

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  3. Antje schreibt:

    Liebe Frau Rabe,

    eine Weile lese ich schon still bei Ihnen mit.

    Ohne großes Drumrum, diese Situation ist farbig genug: ich bin fest davon überzeugt, die Rotzdrecksmistkacke wird Sie nicht davon abhalten können, den Kopf zu heben, sich am Kragen aus eben solcher selbst zu hieven und mit Entschlossenheit Ihren Weg zu gehen.

    Ich drücke alle Daumen und Sie aus der Ferne gleich mit.

    Viele Grüße, Antje

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  4. E schreibt:

    Frau Rabe, das tut mir echt leid! Ich hasse inzwischen das „UNIversum“, weil es so viele Existenzen gefährdet. Ich würde sagen: hauen Sie in die Tasten, schreiben Sie die Diss so schnell es geht, schrauben Sie den Ehrgeiz runter und versuchen Sie sich im Wissenschaftsjournalismus. Schreiben können Sie, das blendet bestimmt über den einen oder anderen inhaltlichen Schluder, den die Eile bringt, hinweg. Alles Gute! Vor allem gute Nerven!

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  5. drachenmaedchen schreibt:

    Oh Mensch, das ist ja fast wie bei mir vor etwas mehr als zwei Jahren! Also der Teil mit ‚Chef gesteht mangelnde Finanzierung’… Ich war damals allerdings noch nicht so weit mit meiner Diss und hab’s dann geschmissen, nachdem ich ein paar Monate das Spielchen der monatsweisen Vertragsverlängerungen mitgespielt hatte. Im Nachhinein betrachtet war der ‚Ausstieg‘ aus dem Unibetrieb das Beste was ich machen konnte und im Falle meines Fachbereichs vermutlich im weiteren Arbeitsleben auch nicht nachteilig. Aber ich erinnere mich noch sehr, sehr gut daran, dass es in der akuten Situation ähnlich tränenreich war, wie hier von Ihnen geschildert und vor allen Dingen für das gesamte Familienleben belastend. Das hat dann letztlich für mich den Ausschlag gegeben, in eine ungewisse Zukunft (= Elternzeit/Arbeitslosigkeit) zu gehen.
    Ich hoffe sehr, dass von irgendwoher noch ein unverhoffter, hilfreicher Beitrag zu Plan B kommt, wie bei mir damals von der Arbeitsamtsmitarbeiterin, und drücke feste die Daumen für alle akuten und weiteren Manuskripte und zukünftige Schritte!

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    • Ja, vor der „monatsweisen Vertragsverlängerung“ habe ich auch am meisten Angst. Das kann ich nicht, da drehe ich wirklich durch.
      Ich hoffe einfach mal auf irgendeine Geldquelle und setze ansonsten darauf, dass ich mich durchbeiße, weil ich muss… :/

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  6. johanna_brln schreibt:

    Liebe Frau Rabe, bislang stille Leserin möchte ich gerne heute mein Mitgefühl aussprechen. So ein Dreck!! Ich kann es aktuell wundebar nachfühlen, auch ich habe mich auf „Chef wird es schon richten“ verlassen und stehe nun dumm da. Das fühlt sich so mies an. (Trotzdem Dankbarkeit für Mann, Kind, Gesundheit, klar…)
    Das muss man aushalten. Weiteratmen. Wir können es aushalten und überstehen. (Sprach sie, nachdem sie vorm Supermarkt auf der Bank eine Runde geflennt hatte.)
    Ich drücke alle Daumen für Diss, Plan A und B, notfalls C und wünsche gute Nerven! Ich sag es nochmal, weil wichtig: Atmen, tief atmen. 🙂
    Und dann möchte ich noch loswerden, dass mich Ihre Näherei maximal inspiriert! Toll! Sie haben so viele Talente, das ist doch grandios.

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  7. Alex schreibt:

    Ich könnte jetzt schreiben wie beschissen meine Situation gerade ist. Mir wurde mündlich gekündigt und aber doch irgendwie aquch nicht, zumindest nicht gleich…. Ach egal, wir schaffen das. Irgendwie, und wenn wir beide wieder einen sicheren Job haben dann saufen wir einen Schnaps auf alle doofen Chefs der Welt

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