Tag 913 – Nähere Ausführungen zum Sport.

Nun, ich hatte das ja angekündigt, dass ich wieder mehr Sport machen wolle, schon allein um an diesen eintönigen und zum Teil furchtbar frustrierenden Tagen gerade auch mal auf andere Gedanken zu kommen (und nicht meinen Frust an Menschen aus dem Internet auszulassen). Ich wusste nicht, was genau ich machen wollen würde, irgendwas auf YouTube, weil Fitnessstudio grad finanziell schwierig und wegen Vertragslaufzeiten und Tralala auch einfach ungünstig wäre. Tanzen geht nicht mehr und der Angestellten-Sport auch nicht, weil ich ja offiziell nicht mehr Angestellte der Uni bin. (Mir fällt grad ein: eine Einschränkung vorweg. YouTube ist natürlich nix, wenn man echt gar keine Motivation aufbringen kann, oder sich nicht pushen kann, wenn kein Trainer einen beaufsichtigt. Denn ob ich mitturne oder Chips essend auf dem Sofa sitze, während das Video läuft, kontrolliert natürlich nur das Kind, das die Chipskrümel findet keiner.) Ich fragte ein bisschen auf Twitter rum, ob jemand was empfehlen könne und die Reaktionen waren insofern interessant, als dass ich einige Tipps nur über Direktnachrichten bekam, offenbar ist es für mache unpassend, im Internet öffentlich sichtbar Sportvideos zu empfehlen. Also, äh, für mich nicht, und deshalb kann ich hier jetzt auch ganz offen schreiben: Ich habe Fitnessblender gewählt. Die wurden von mehreren Leuten empfohlen und waren außerdem auf Platz eins eines „the 5 best free fitness channels on YouTube“ (oder so) Artikels auf Buzzfeed (oder so, keine Ahnung, ist auch nicht so wichtig). Ich probierte also zwei, nein, drei Videos aus, während ich hier mit den kranken Kindern hockte und mir gefiel das Unaufgeregte auf Anhieb. Aber dazu später, denn…

Ich habe das Gefühl, die Wahl von „Fitness“ erklären zu müssen. Denn es ist ja so: „For free“ könnte ich jede Menge anderen Sport machen. Sogar draußen. Ich könnte Langlauf machen! Grade jetzt im Winter und während ganz Norwegen wegen Olympia vorm Fernseher klebt haben wir dafür hier ja die besten Bedingungen. Aber ich kann ja echt nicht gut Skifahren und alleine traue ich mir das einfach noch nicht zu – da habe ich zu große Angst, mich zu verlaufen und vor allem mir den Hals zu brechen und erst gefunden zu werden, wenn Tiere meine gefrorenen Körperteile zufällig zum nächsten Parkplatz geschleppt haben. Ich könnte auch Laufen gehen! Äh nein. Einfach nein. Ich hasse Laufen. Ich gehe gern zu Fuß, aber in schnell und mit Schwitzen und so… Nee, echt nicht. Dieses Läufer-High kommt bei mir nie, ich habs echt oft genug probiert, was kommt ist das Gefühl, meine Lunge auszuhusten und dass mein Herz mir aus dem Hals hopst. Da kann das hundertmal „mehr als ein Sport“ sein, wie Laufende gern nur ganz dezent missionarisch behaupten, ich finds einfach scheiße. Und überhaupt: Tanzen ist auch „mehr als ein Sport“ (nämlich eine Kunstform), Yoga ist „mehr als ein Sport“ (nämlich Meditation), Boxen ist „mehr als ein Sport“ (Strategie-Dings, ich gebe zu, da begebe ich mich auf dünnes Eis), vermutlich ist auch Curling oder Hockey oder Handball „mehr als ein Sport“, weil LEIDENSCHAFT!!!1elf!. Lebensgefühl. Self-Care (grade als Mutter muss man ja auch obendrein noch für sich selbst sorgen… hoppla, da musste ich ein bisschen brechen).

Ich hingegen wollte einfach Sport. Gern mit Schwitzen, gern keine 2 Stunden pro Einheit, gern so, dass man auch mal Muskelkater bekommt, zusammenfassend: den Körper spüren und dass der was getan hat. Yoga ist mir zu wenig Schwitzen, für alles mit Kraft fehlt mir das Equipment (was nur bedingt stimmt, aber dazu gleich), eigentlich will ich auch nicht abnehmen (im Sinne von Gewicht verlieren, ich mag schon lieber, wenn meine Muskeln auch sichtbar sind) und fände deshalb jetzt täglich Cardio irgendwie nicht so zielführend. Die drei Tests bei Fitnessblender waren ein HIIT (High Intensity Interval Training, also in kurzen Intervallen irgendwas sauanstrengendes machen, dann ganz kurze Pause mit weiter bewegen, nächste Übung…), ein Pilates-Workout und ein Butt/Thigh/Lower Back Blabla toning irgendwas. Leider verbrachte ich zum Teil deutlich mehr Zeit mit der Suche nach einem geeigneten Workout, als mit dem Workout selbst, weil YouTube so eine bescheidene Suche hat. (Ich glaube bei Fitnessblender auf der Homepage geht es viel besser, aber das habe ich noch nicht ausprobiert.) Aber erstmal zu den Videos: erster wichtiger Punkt für zwanghafte Tänzerinnenseelen wie mich: es gibt keine Musik. Wenn Musik läuft, muss ich mich im Takt bewegen und dabei powere ich mich oft wirklich übermäßig aus, das geht einfach nicht für mich, dass dann „meinem Tempo anzupassen“. Nix da, Takt it is! Dann zu den Trainern: Kelly und Daniel sind ein Personal-Trainer-Ehepaar, die (Hurra!) aussehen, wie normale Menschen. Und reden wie normale Menschen. Und (weil sie alles meistens ungeschnitten so mitmachen, wie man es eben auch durchturnt) mal schnaufen, oder kurz Pause machen müssen, rot werden, eben: normale Menschen. Nebenher sind sie natürlich super trainiert, fast immer super gut drauf und trinken am Tag jeder vermutlich sechs Liter Wasser, aber wer würde ihnen das übel nehmen, es ist ja ihr Job. Die Videos sind prinzipiell alle kostenfrei verfügbar, aber man kann sich komplette Trainingsprogramme kaufen, die dann 2 bis 8 Wochen lang jeden Tag (mit Erholungstagen) ein Video präsentieren. Damit, und mit ihrem Ernährungs-Tralafitti (dazu auch gleich) verdienen die beiden ihr Geld und vermutlich gar nicht mal wenig. Nun, und weil ich ein (im Grunde) fauler Mensch bin, der außerdem keine Ahnung von Trainingsplänen hat und gern bereit ist, für gute Arbeit auch Geld zu bezahlen, habe ich mir nach den ersten Testläufen so ein vier-Wochen-Programm gekauft, und zwar eines, das ohne Gerätschaften (also: Gewichte) auskommt und das einen guten Mix aus all den vielfältigen Trainingsvideos versprach.

Jetzt bin ich halb durch mit dem Programm und liebe es. Es ist wirklich ausgewogen und durchdacht. Es ist immer Warm-Up und Cool-down dabei und zwar fokussiert auf die Körperteile, die man grad trainiert hat. Die Videos innerhalb eines Programms wiederholen sich nicht, natürlich wiederholen sich aber einzelne Übungen. Die Extra-Credit-Challenges machen aus einem gut machbaren 35-Minuten-Workout schnell mal ein total auspowerndes 45-Minuten-Workout, aber das ist ja auch so gedacht und diese Extra-Credit-Dinger muss man ja auch nicht machen. Wenn man die weglässt kommt man auf eine durchschnittliche Workout-Dauer von ca. einer halben Stunde, aber eben: jeden Tag. In den Videos ist (für mich überflüssiger) Schnickschnack wie die geschätzten verbrannten Kilokalorien angezeigt, und das sind, grob geschätzt, am Tag etwa 180 (untere Grenze), mal mehr, selten weniger. Zu jedem Workout-Tag gibt es eine kleine Einführung, eine wirklich sehr ausführliche gibt es einmal am Anfang. Man kann in dem Programm Tage überspringen, wenn man anderen Sport gemacht hat, wenn man aber nur keine Zeit oder Lust hatte, soll man da wieder anfangen, wo man aufgehört hat. Es gibt einen übersichtlichen Kalender und allerlei Schnickschnack wie Rezepttipps. Das reine Trainingsprogramm ist für mich nahezu perfekt: Ich brauche kein Zeug, trainiere meinen ganzen Körper, arbeite an Kraft und Kondition (und habe gelernt, was für zornige Kraftübungen man nur mit dem Körpergewicht und Anarbeiten gegen die eigenen Muskeln machen kann) und mich jeden Tag motivieren fällt mir leichter, als mich zwei Mal die Woche aufzuraffen (wenn es keine festen Termine sind). Am besten wäre es wohl tatsächlich, ich würde direkt am Morgen sporteln, weil ich mich dann den Rest des Tages ganz aufgeräumt und viel ausgeglichener fühle, aber das wiederum scheitert am gemütlichen Bett. Die ersten Tage des Programms waren hart, ich hatte üblen Muskelkater und noch keine Routine, aber jetzt macht es mir richtig Spaß. Nachdem ich gestern von meinen definierteren Muskeln schrieb erklärte mir übrigens eine Freundin, das sei auf den Wasserverlust zurückzuführen, die beanspruchten Muskeln ziehen Wasser aus dem umgebenden Gewebe (?) und treten dadurch deutlicher hervor. Das kann sehr gut sein, denn seit ein paar Tagen habe ich ständig Durst und möchte am liebsten einen kleineren See pro Tag aussaufen. Und weil ich eben eh schon schlank bin und an Armen und Schultern kein sichtbares Fett habe, reichen schon knappe zwei Wochen um sichtbarere Muskeln zu zaubern.

Bin ich also restlos begeistert? Fast. Denn die Fitnessblender-Menschen kommen halt gleich mit der Lifestyle-Keule. Du sollst nicht nur täglich sporteln, wegen health und so (von da ist es nur ein ganz kurzer Weg zu „Leute die wegen Übergewicht krank sind, sind undiszipliniert und selber Schuld an ihrer Krankheit“ und das finde ich einfach sehr gefährlich), „lean“, also schlank zu sein, ist auch das erklärte Ziel (ahhhh, kurz vor Bodyshaming) und generell ist das ja auch alles „mehr als ein Sport“, nämlich Lifestyle und du sollst auf jeden Fall jetzt auch clean eaten. Da kriege ich ja schon Zuviel, weil ich da an Avocados und Ziegen-Hüttenkäse denken muss, aber ich erkläre mal kurz, worum es dabei geht. Ich habe nämlich trotz meiner Abneigung den Clean-Eating-Part der Sportprogramm-Einleitung auch gelesen, context is for kings und so. Also, ganz vereinfacht ist clean eating das Bestreben, möglichst wenig prozessierte Lebensmittel zu essen. Möglichst alles soll so gegessen werden, wie es vom Baum/Strauch/Busch fällt, an/in/auf der Erde wächst, vom Tier kommt, etc. Garen ist schon erlaubt, das wäre dann raw food, kann man bei dem meisten Obst und Gemüse sicher machen, bei Kalbsleber würde ich das aber lassen. Käse ist ok, Brot ist ok, aber dann bitte aus Vollkorn, Nudeln auch, Reis (Vollkorn!), Kartoffeln: alles gut. Was nicht ok ist: Schmierkäse, Tütensaucen, Chips, Frühstücks-„Cerealien“ und generell alles, was irgendwie chemisch anmutet oder absurd viele Inhaltsstoffe hat. Mein Fazit nach dem Lesen der Einleitung war übrigens: Hey, wir essen schon voll clean. Wir machen das meiste selbst, Nutella ist hier absurd teuer: Yeah, clean eating! Heute war sogar ne Avocado im Salat! Wo ich halt anfange, schlimmes Augenzucken zu kriegen, ist, wenn da steht „Honig ist besser als Zucker“, weil, nein. Und nochmals nein. Und generell, wenn jeder Ausflug in Richtung „normales Essen“ als Cheating oder Treat dargestellt wird. Das macht mir so ein ganz ungutes Gefühl im Magen und das kommt nicht vom Avocadosalat. Essen ist so toll und Essgewohnheiten so vielfältig. Niemand hört gern über sein Abendessen, das sei ja jetzt „eine Belohnung“ oder gar „ein Ausrutscher“. Man muss aber sagen, dass dieser Teil des Fitnessblender-Konzepts in den Videos nur am Rande vorkommt, wenn sie am Ende sagen, man solle so schnell wie möglich was essen und zwar „real food“. Nicht so unreal wie Schokokekse, obwohl, vielleicht enthalten die dann ja auch unreal Kalorien?

Abschließendes Fazit: Minus den Ernährungskram und Minus das unausgesprochene „alle haben schlank zu sein zu wollen“: Find ich richtig gut. Ich freue mich auf jeden Fall schon mal auf die nächsten zwei Wochen. Und mein Bett, um meinen heute doch mal wieder arg geschundenen Körper auszuruhen.

___

Auto-Lobhudelei: Ohne zu verrecken 40 Minuten sehr anstrengendes und anspruchsvolles Training durchgezogen

Ein Gedanke zu “Tag 913 – Nähere Ausführungen zum Sport.

Ich freue mich über jeden Kommentar, außer er ist blöd, dann nicht. Außerdem ist jetzt wohl der richtige Zeitpunkt, um Ihnen mitzuteilen, dass WordPress bei jedem Kommentar eine mail an mich schickt, in der die Mailadresse, die Sie angegeben haben und auch ihre IP-Adresse stehen. Müssen Sie halt selbst wissen, ob Sie mir vertrauen, dass ich diese mails von meinen Devices alle sofort lösche, und ob Sie damit leben können, dass WordPress diese Daten auch speichert (damit Sie nämlich beim nächsten Mal hier einfacher kommentieren können).

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s