„Mama, gibt es Leute, die Kinder klauen?“
Mein erster Reflex war „Nein, nicht hier, nicht euch, ich passe einfach immer auf euch auf und lasse euch nicht aus den Augen, nienienieniemals!“, aber das stimmt ja nun leider nicht. Michel fährt schon manchmal allein zum Kindergarten und im Zweifel reicht ja einmal kurz nicht hingeschaut. Also führten Michel und ich ein Gespräch, das mir sehr schwer fiel, weil das mein Herz herausreißt, schockgefriert, in Tausend Stücke schlägt und die Brösel zu Stein werden lässt, wenn ich daran denke, was manchen Kindern angetan wird. Michel nahm das ganze auch in seiner ganzen Fünfjährigenart nicht so wirklich ernst und ich kann ihm ja auch nicht „Vergewaltigt, erwürgt, im Wald verscharrt“ erklären, da müsste ich weinen und er hätte vermutlich Albträume, deshalb ließ ich es bei „böse Menschen“* und dass er nie, nie, NIE!!! bei irgendwem mitgehen darf, den (oder die) er nicht kennt, auch nicht wenn der (oder die) seinen Namen kennt oder unsere Namen, oder Babykatzen/echte Dinoeier/Eis/Lollis im Auto hat. Einfach nie. Für den Fall, dass wer sagt, „Deine Eltern haben gesagt/sind im Krankenhaus/können grad nicht…“ soll er nach dem Passwort fragen und wenn das nicht sofort kommt, rennen, so schnell er kann, dahin wo Leute sind.
Bleibt zu hoffen, dass er jetzt keine große Angst bekommt, er das nienienie anwenden muss und wenn, dass er nicht wirklich versucht, die Bösen mit seinem Fahrradschloss zu fesseln oder unter dem Tisch** heimlich die Polizei anzurufen.
Und irgendwann ist mir bestimmt auch nicht mehr übel.
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*Er kam auf die Idee, dass die ihn auf dem Lagerfeuer grillen wollen und das ist zwar weniger realistisch, aber doch ausreichend makaber um es einfach so stehen zu lassen.
**Woher der Tisch nun plötzlich kam, oder auch das Telefon, man weiß es nicht.
Hier hatten wir dieses Gespräch das erste Mal als mein Ältester 6 war. Im Bus hing ein altes Suchplakat vom vorigen Jahr. Ein blonder Junge war darauf zu sehen und mein Erstklässler konnte das Wort „VERMISST“ schon lesen.
Er wollte dann das wir helfen den Jungen zu suchen, denn das war ja ganz bei uns in der Nähe und der Junge doch so alt wie er und er würde auch große Angst haben wenn er irgendwo allein wäre … Ihm dann erklären zu müssen das dieser Junge auf dem Bild tot ist, getötet von „einem Bösen Menschen“, das war so ziemlich das Härteste was ich je tun musste. Aber eben auch, weil er nicht verstand das er keine Chance hätte, das ein Handy nicht helfen würde, das er den bösen Menschen nicht besiegen könnte … Vielleicht ist das ein Schutzmechanismus der Kinder um eben nicht ständig Angst und Hilflosigkeit zu fühlen. Eigentlich ein Segen für sie, das sie eben nicht diese furchtbaren Ängste haben müssen, die wir Eltern haben. Hoffen wir einfach zusammen das sie nie solch schlimme Erfahrungen machen müssen.
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:‘(
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Er macht sich Gedanken. Das ist doch gut. Und vielleicht gibt es ja auch Anleitungen, wie Kinder reagieren sollen, wenn sie von Fremden angesprochen werden, irgendwas, das man üben kann, so wie sie es mit der Feuerwehr im Kindergarten üben, was ein Kind tun soll, wenn es brennt…
Es ist jedenfalls für Eltern ein harter Stoff, Kinder an eine Realität heranzuführen, die man selbst kaum aushält.
Ich fühle mit Ihnen.
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Das Codewort ist eine gute Sache. Immer mal wieder erinnern. Kinder nehmen das wirklich glücklicherweise nicht sofort so schwer wie wir Erwachsene. Und ja, diese Gespräche sind ganz, ganz schwer und man hat lange daran zu würgen in sich drin. Wie schlimm, dass man sie führen muss!
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Oh ja – diese Gespräche und diesen Schmerz kenne ich auch. Ersteres ist wichtig, auch wenn es weh tut, und ich das Gefühl habe, mein Kind seelisch einzuengen. Das Zweite ist unvermeidbar :(
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Es wurde bei uns weder im Kindergarten, noch in der Schule thematisiert, weil wir ja ländlich und somit auf der Insel der Glückseeligen wohnen. Der Klassenkamerad meiner Großen wurde von einem Mann angesprochen, der ihn in Auto mitnehmen wollte. Der Junge hat nicht nur abgelehnt und ist zu den anderen Kindern gerannt, sondern hat sich auch das Kennzeichen gemerkt und seine Mutter konnte dann bei der Polizei anrufen, damals hatten die Kinder noch nicht alle Handies und auf dem Schulweg gab es keine Telefonzellen. An dem Tag war mir auch ein bißchen mehr als übel.
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Puh.
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Die Buecher von Dagmar Geisler (Ich geh doch nicht mit jedem mit und noch eins zum Verlorengehen) finde ich ganz gut dazu. In den allermeisten Faellen sind es ja auch nicht die voellig Unbekannten.Trotzdem, ich so richtig fuerchten habe ich auch erst als Mutter gelernt. In Frankreich gehen Kinder einfach nie alleine irgendwohin….
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Ja, solche Gespräche hatten wir damals auch….Im Kindergarten wurde das auch thematisiert und die Leute von der Polizei haben damals gesagt, man soll nicht „Hilfe“ rufen, sondern „Feuer“ oder „es brennt“. Da wären die Leute aufmerksamer und gucken eher, was da los ist. Ansonsten so das Übliche – keine T-Shirts mit Namen drauf und so….
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Bin auch strikt gegen Tshirts mit Namen aber dann gibt es da so pfiffige Leute (auch Eltern…) im Fußball-/Tennis-/…verein die finden, Trikots mit Namen seien doch eine tolle Erinnerung…
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Tja. Und hier steht in jedem Kleidungsstück der Name und die Telefonnummer.
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IM Tshirt ist ja noch etwas anderes als auf dem Tshirt, wodurch jeder das Kind ansprechen kann und somit eine erste Verbindung herstellt…
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