Tag 1438 – Ferientag 15.

Wie ich mal die Nerven verlor.

Wie ich mal Gegenstand des „was stimmt mit Leuten nicht???“-Memes wurde.

Wie ich jetzt fürchte, dass mich eine Blumenverkäuferin beim norwegischen Jugendamt anzeigt.

Wie ich mal eine Zugfahrt von Lillehammer nach Eidsvoll niemanden ansah, damit niemand auf die Idee käme, mich auf mein Dauerweinen anzusprechen.

Wie ich mal einen echt beschissenen Tag hatte.

Hrmpf.

___

Liebe Blumenverkäuferin.

Du hast mich heute mein Kind anschreien hören. Du hast gehört, wie ich sie angebrüllt habe, laut, wirklich laut, wie sie schrie, wie ich unartikuliert Aaarrgghhhhlllllllaaaaaaaaa oder so brüllte, noch viel lauter, wie ich die Tür meines Autos zuballerte, dass es schepperte. Du hast nichts davon gesehen, denn dein Blumenladen ist hinter einer Hecke. Vermutlich hast du gedacht, ich würde mein Kind verprügeln, anders kann ich mir nicht erklären, dass du dich bemüßigt fühltest, deinen Laden zu verlassen und meinen Mann zur Rede zu stellen. Das was folgte, war ein Musterstück übergriffigen Verhaltens. Das sei doch ein Kind, sagtest du zu ihm. Das dürfe man so nicht behandeln. Während dieses Kind sich im strömenden Regen schreiend auf dem Parkplatz wälzte. Ohne Schuhe. Ikke lov! Sagten sie. Da platzte mir der eh schon nicht mehr vorhandene Kragen und ich stieg wutschnaubend wieder aus dem Auto aus. Ohne Schuhe stand ich vor Ihnen und hörte mir an, was Sie zu sagen hatten. Das ist ein Kind. Das darf man nicht anschreien. Das geht Sie nichts an, Sie kennen die Situation hier nicht, sagte ich. Sie wussten vermutlich auch nicht, dass zuvor schon zwei so Superpädagoginnen wie Sie interveniert hatten. Eine hatte ganz mutig über die Straße gerufen. Eine gefragt, ob ich mein Kind grad angebrüllt hätte. Nein! Nie! Das Kind schreit ja auch nicht! Hört man ja. Sie sagten, Sie hätten ihr halbes Leben als Krankenpflegerin gearbeitet. Und als Sozialarbeiterin. Ich müsse mich beruhigen. Ich sei sehr emotional. Ja! Schrie ich. Ja. Ich bin emotional, ich bin wütend und traurig, Mütter werden das. Das müssen Sie besser kontrollieren, sagten Sie. Sie seien Krankenpflegerin gewesen, sie wüssten das. Sie wollten mich nur warnen. Vor Kindern darf man nicht so emotional sein. Ich habe Gefühle, schrie ich und mir liefen die Wuttränen runter, ich habe Gefühle und das dürfen die Kinder sehen! Da müssen Sie dran arbeiten sagten Sie. Ich bin ein Mensch, nicht perfekt! Schrie ich. Ich brauche nicht perfekt sein, sagten Sie, nur eben nicht so emotional, vor den Kindern. Sehen Sie, sagten Sie, Sie sind sehr wütend! Eine Blumenverkäuferin auf einem Parkplatz erklärt mir, wie ich meine Gefühle äußern darf und wie vor allem nicht. Liebe Blumenverkäuferin: Sie wissen nichts. Sie haben keine Ahnung von meinem Leben, wissen nichts über mich, meine Kinder, die Beziehung zu meinen Kindern. Sie wissen nicht, dass sowas etwa alle zwei Jahre vorkommt weil ich meistens recht beherrscht bin und mein Nervenkostüm nicht eh schon zerschlissen. Sie haben keine Ahnung, dass meine Nacht scheiße war, weil dieses liebreizende Kind, dass das Memo „Gefühle darf man nicht zeigen!“ irgendwie auch nicht gekriegt hat und immer noch kreischend auf dem Parkplatz liegt, am Anfang meiner Nacht einen Albtraum hatte und fortan auf mir lag. Ja, auf mir. Auf meinem Kopf. Ja. Das Kind ist fast vier. Das wissen Sie nicht. Sie wissen nicht, dass es grad neue Schuhe bekommen hat, in rosa, obwohl ich das blöd finde, und einen Regenanzug, in rosa, und es nun, direkt vorm Laden und im strömenden Regen, beides nicht mehr anziehen will. Weil es halt nicht will. Wie es mit seiner Totalverweigerung, sich ins Auto zu setzen, den Bruder zum Heulen gebracht hat, der gerne in den Freizeitpark möchte, wo sein Freund schon ist, aber wir mussten ja erst Regenkleidung in rosa kaufen, das wissen Sie nicht. Sie wissen nicht, wie ich vor den Kindern mal eine Verhaltenstherapie machen wollte, um meine Wutausbrüche unter Kontrolle zu kriegen, und mir wegen Nicht-Dringlichkeit im Endeffekt eine Absage erteilt wurde. Mehr als ein Jahr hätte ich auf einen Platz warten müssen – weil einfach viel mehr Leute mit größeren Problemen als alle 10 Jahre eine kaputte Schranktür auch so eine Therapie machen möchten. Sie wissen nicht, dass Aaarrrghl schreien und eine Tür knallen immer noch eine Million mal besser ist als der Impuls, den ich hatte, als das liebreizende Kind, das nicht merken darf, dass hier grad Mamas Geduldsfaden sowas von zu Ende ist, seinen Vater ins Gesicht schlug und kniff. Der Impuls, der da war, den ich damit umgelenkt habe, dass ich gebrüllt (noch nicht mal das Kind an!) und dem Dichtungsgummi meiner Autotür Gewalt angetan habe. Sie wissen auch nicht, dass ich anschließend zwei Stunden lang geweint habe, weil Sie mich als vollständig unzulängliche Mutter hingestellt haben mit ihrer bescheuerten Forderung, Eltern müssten ihre Gefühle unterdrücken. Sie wissen nicht, dass ich mich mit meiner Tochter wieder vertragen habe, wie jedes Mal, wenn ihr dicker Kopf und meine kurze Zündschnur aneinander geraten. Weil man sich streiten kann, auch doll, aber auch wieder vertragen und dass Streit nichts damit zu tun hat, dass man sich lieb hat. Vielleicht haben Sie das ja nie gelernt und deshalb macht Ihnen lauter Streit Angst, wer weiß. Wenn es so ist, tut es mir aufrichtig leid für Sie. Sie wissen nicht, dass meine Tochter und ich nach Hause fuhren, sie erst auf meinem Schoß einschlief und wir uns dann auf dem Weg darüber unterhielten, dass ihre neuen Schuhe ja doch ganz schön seien und mir meiner Tochter eine Blume pflückte. Sie wissen all das nicht. Und deshalb bleibe ich auch dabei, was ich Ihnen ganz und gar emotional als letztes an den Kopf warf: lernen Sie, als Erwachsene, sich nicht in die Angelegenheiten anderer Erwachsener einzumischen. Verdammt noch mal.

18 Gedanken zu “Tag 1438 – Ferientag 15.

  1. FrauC schreibt:

    Liebe Frau Rabe, fühlen Sie such ganz doll gedrückt! Und bitte fühlen Sie sich nicht mehr schlecht. Erwachsene sind keine Superhelden und Kinder dürfen merken, dass ihre Eltern Gefühle haben. Streiten ist OK und sogar wichtig, vor allem, wenn man sich hinterher wieder verträgt!
    Und wenn Sie es wirklich geschafft haben, zu der Blumenverkäuferin mehr als „Lass mich in Ruhe!“ und ein paar fiese Schimpfwörter zu sagen, bewundere ich Sie sehr!
    Waren Sie denn dann noch im Freizeitpark?

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  2. Sandra schreibt:

    Immerhin scheint es in Norwegen Zivilcourage zu geben. In Deutschland hätte vermutlich keiner reagiert und so getan, als hätte er nichts gehört oder gesehen. Lieber einmal zu oft eine Situation falsch eingeschätzt, als im Ernstfall weggeguckt.

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      • Sandra schreibt:

        Nein, aber Zivilcourage ist, wenn man reagiert, wenn man das Gefühl hat, jemand ist in Not. Wie ausgedehnt das dann stattfindet, steht auf einem anderen Blatt.
        Aber es geschieht, damit meine ich nicht Sie, weil ich Sie nicht live kenne, viel Unrecht auf der Welt, weil sich zu viele denken, dass alles schon seine Ordnung haben wird.

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  3. Sunni schreibt:

    Keine ist eine schlechte Mutter, weil ihr bei der 1000. Anglegenheit dieser Art mal die Nerven durchbrennen. KEINE. Und verdammt noch mal : Lasst das Einmischen, das Besserwissen, das Übergriffige! Es tut keinem gut, es hilft auch überhaupt nicht, es macht alles in solch einer Situation nur noch schlimmer. Wohlgmerkt für Mutter und Kind und alle anderen. Wenn man meint, dass nur Kinder ihre Emotionen zeigen können, den Vater ins Gesicht schlagen, um sich treten, dann hat man nichts verstanden, gar nichts.Schon gar nicht, was hinter wirklicher Pädagogik steckt. Wir sind, ja, auch Mütter, man mag es nicht glauben, keine Maschinen ohne Gefühl, ohne Anrecht auf ein eigenes emotionales Leben! Schön, dass es noch die Blume gab. Und bitter, bitte beruhigen. An die Augen denken….Heute wird ein besserer Tag! Bestimmt. Herzlich, Sunni

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  4. Dani schreibt:

    Liebe Frau Rabe!
    So ein vermaledeiter Kacktag! Ich wollte nicht ohne Kommentar gehen, es wirkte so spannermäßig, als ich wegging.
    Und ja, Zivilcourage und was sagen ist richtig, aber übergriffig die Emotionen und Situationen bewerten nicht. Ich würde mir so sehr wünschen, dass man, wenn man schon was sagt, auch mal fragt, ob man irgendwie helfen kann. Und nicht so dumm rumurteilt. Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie bald Ihren Frieden mit dem Tag gestern machen. Und stehe Ihnen gedanklich bei, ich finde auch, Eltern haben das Recht, aufrichtig zu sein. Auch wenn’s weh tut. Wichtig ist, dass man wieder zueinander findet.
    Alles Liebe,
    Dani

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  5. Anette schreibt:

    Aus dem Empfinden der Blumenverkäuferin gab es ein Kind, das angebrüllt wurde. Die Blumenverkäuferin weiß nichts über die Hintergründe, aber sie fürchtet, dass das Kind immer angebrüllt wird und vielleicht auch deswegen weint. Mal ganz objektiv betrachtet, ist es doch gut, dass eine Außenstehende hinsieht und versucht, einem Kind zu helfen. In anderen Fällen geht es Kindern in ihrem Leben manchmal sehr schlecht und niemand sieht hin und greift ein. Der Grat zwischen Wegsehen und Übergriffigsein ist eben sehr schmal. War insgesamt für alle Seiten wohl eine blöde Situation.
    Im Übrigen finde ich, dass Mütter nicht perfekt sein müssen und vor allem Gefühle zeigen müssen. Nur wenn man erklärt warum was wie passiert ist, lernen Kinder damit umzugehen und sich selber einzuschätzen. Dazu gehört eben auch mal brüllen, weinen, Nerven verlieren. Und danach erklären, umarmen, lieb haben.

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  6. Sabine schreibt:

    Ich, inzwischen >60 bin bei meinen Kindern leider auch manchmal (selten) brüllend ausgerastet. Ich erkenne mich in Ihrem Bericht total wieder und habe auch heute noch dafür ein schlechtes Gewissen. Aaaaber…meine Kinder sagen, dass sie nicht finden, dass ich damit eine schlechte Mutter bin/war und grinsen bei dem Gedanken was für Nervensägen sie manchmal waren.
    Vielleicht hätte die Blumenfrau die wütende Frau Rabe einfach mal trösten sollen. Mir hätte das geholfen.

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  7. M.M. schreibt:

    Solidarität für kurze Zündschnur, Scheißtag mit Brüllen auf der Straße und Zeigen von Gefühlen, auch vor Kindern! Genau mein Thema gestern. Und der Tag war wirklich Scheiße.

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  8. Frau mit geheimem Namen :-) schreibt:

    Liebe Frau Rabe, das klingt nach einem grässlichen Tag. Zivilcourage ist ja gut und schön, aber man kriegt doch schnell mit, ob da ein Wutzwerg zugange ist oder Misshandlung passiert. Ganz so brillant kann die gute Dame als Sozialarbeiterin nicht gewesen sein, denn einen (fremden) Menschen in einer Ausnahmesituation zu belehren, wird niemals erfolgreich sein. Ich hätte Ihnen einen Kaffee gebracht und dann gefragt, was los ist. ;-) Ich wünsche mir mal wieder mehr Solidarität unter Frauen, besonders Müttern, dann wäre vielleicht vieles anders.

    Die skandinavische Erziehungsmethode, die ich in Schweden oft erlebt habe, nämlich Kind ignorieren, wenn es nervt, finde ich übrigens viel schlimmer, aber ich gehöre auch eher zu den impulsiven Menschen, hüstel. Ich hoffe nicht, dass die Damen jetzt weiter aktiv werden, denn die skandinavischen Jugendämter (egal ob Schweden oder Norwegen) verfügen über eine immense Macht.

    Passen Sie gut auf sich auf.

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  9. Wer kennt das nicht… Vor allem als Mutter. Aber… Ich finde es gut, dass man sich eingemischt hat. Für dich super scheisse, aber generell… Lieber mal übergriffig, als gar nicht hinsehen. Und wenn mir eine schreiende Mutter erklärt, sich solle „verschwinden“ während die Situation selbst noch in „rage“ ist, würde ich auch nicht gehen, weil ich bedenken hätte, dass eventuell doch noch was passiert. Ich kenne ja die Person nicht und weiss nichts über sie. Allerdings finde ich die „Sprüche“ in deine Richtung schon seeehr grenzwertig. Sowas kann man seinen Klienten erzählen, wo man weiss, wie sie ticken, aber nicht einer wildfremden Frau, von der man noch kein wirkliches Bild hat. LG von einer doofen Sozualpödagogin, die sich auch manchmal einmischt und zuweilen bei ihrem Wurzelgnom auch die Nerven verliert 😁😋

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    • Ich sagte nicht verschwinden. Ohne Scheiß, ich bat sie darum zu gehen. Es scheint schwer vorstellbar zu sein, aber ich habe die Frau weder beleidigt noch verbal angegriffen oder sonst was. Mein Mann hat erklärt, ich habe erklärt und sie kam nur mit „Sie dürfen nicht so wütend sein!“

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      • Was heisst schwer vorstellbar? 😅Ich unterstelle dir kein aggressionsproblem! Hört sich für mich so an, als hätte die Situation die Frau selber was angetriggert. Wobei es ja im Grunde müßig ist drüber zu sinnieren. War eine ziemlich bescheidene Situation und für dich als Mama einfach scheisse. Ich wurde mal von einer Frau angeschrien, weil sie dachte ich hätte wurzelgnom gehauen, als ich ihn im kindersitz festmachen wollte. Er war sauer und wollte mit einem Spielzeugauto nach meinem Gesicht schlagen. Ich hob reflexartig die Hand und haute ihm das Auto aus den Fingern. Nach der Abfuhr von besagter Frau x sagte ich ihr, sie könne sich gern von einem Spielzeug die Brille von der Nase schlagen lassen, ich möchte das jedenfalls nicht. Ich bin dann gefahren, hab im Auto geheult, weil diese Frau mich wahrscheinlich für eine gewalttätige Mutter hält und hab noch den Rest der Woche dran geknabbert. Aber letztlich… Blieb das Gefühl, das hinsehen besser ist als wegsehen, auch wenn die Interpretationen manchmal nicht stimmen.

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  10. Christine schreibt:

    Wie wir mal einen Ehekrach hatten und die Schwiegermutter gebeten haben zu vermitteln…wie sie überhaupt keine Meinung gesagt hatte aber mantra-mäßig wiederholte: „Nicht vor den Kindern streiten.“ Wie uns das rein gar nicht geholfen hat.

    Wie sehr Streit grundsätzlich ein Problem für den Mann am Anfang einer Beziehung war. Wie sehr verletzt er sich fühlte, wenn er kritisiert wurde. Wie sein Reaktion auf Wut sich aufs Rationalisieren / bzw ignorieren der Gefühle beschränkt.

    Tja…Entschuldigung, ich ziehe da meine Schlüsse.

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