Tag 2314 – Das Großraumbüro-Paradox.

Unser Direktor hat bestimmt: wir sollen drei Tage die Woche ins Büro. Weil Büro ist wichtig, wir haben ja schließlich alle unsere Kollegen vermisst, Homeoffice ist nicht ergonomisch* und wir müssen schließlich wieder eine Arbeitsplatzkultur und eine Gemeinschaft aufbauen. Sagt er. Beziehungsweise sagte er das am Freitag und es kostete mich da schon einiges an Energie, nicht laut zu protestieren. Durch gründliches In-mich-Gehen habe ich beschlossen, dass ich einfach nur bockig bin, weil ich es absolut hasse, wenn mir irgendwas mit derart fadenscheinigen Argumenten befohlen wird. Ich hab ja gar nichts gegen das Büro an sich. Davon überzeugte ich mich über das Wochenende.

Heute fuhr ich also ins Büro. Gemeinschaft, Kultur usw. Ich hatte den heutigen Tag mit dem Lieblingskollegen entschieden, weil es wirklich ein immenser Anreiz ist, zu wissen, dass man im Büro nette Menschen treffen wird. Außerdem macht die Lieblingskollegin grad Inspektion vom Büro aus, Mittagessen zu mindestens viert war also gesichert.

Im Büro ist es nach wie vor leer. Die 3-Tage-die-Woche-Regel tritt erst übernächste Woche in Kraft. Diese Woche sind außerdem Winterferien und einige haben frei. Auf unserer Etage waren (außer dem Labor, die können naturgemäß nicht so gut Homeoffice machen wie andere) vielleicht so 10 Leute da. Plus Labor also vielleicht so 20, auf einer Etage mit 80 Arbeitsplätzen, gut verteilt. Ich sprach ein paar mal mit dem Lieblingskollegen, über dies und das, Reisebuchung zum Beispiel, oder ob er ISO-Standards auf Papier, von denen es inzwischen neue Revisionen gibt, behalten oder wegwerfen soll. Clean Desk, alles muss raus.

Wir waren wirklich nicht laut. Wir haben eine Bürokultur, die auch schon vor der Pandemie Unterhaltungen maximal in sehr gedämpfter Lautstärke, am besten Flüstern, noch besser in einem Meetingraum vorsah. Weil in diesem Großraumbüro halt alle alles mithören und, surprise, gar nicht mal alle sich optimal konzentrieren können in so einer Schreibtischfabrik. Wir haben alle Bose-Kopfhörer, aber die sind einigen unangenehm auf den Ohren. Wir haben auch noch anderthalb Wochen die Möglichkeit, einfach nach Gutdünken zu Hause zu bleiben, wenn einen die potentiell im Büro anwesenden 10 Menschen stören. Wir haben ebenfalls drei weitere Etagen und es ist bereits ok, sich einfach irgendwo einen freien Platz zu suchen.

Trotzdem kam zwei mal jemand und psch-te uns an. Es war offenbar schon zu viel, dass wir uns flüsternd kurz unterhielten. Das sei sehr störend, wurde gesagt, mit Verweis auf die superwichtige Konzentrationsarbeit die man zu leisten habe. Wir rollten ein bisschen mit den Augen, ich ging an meinen Schreibtisch zurück und wir machten superwichtige Konzentrationsarbeit, bis der Kollege kam und Hilfe bei Computerdingen brauchte, wo sich unglückliche Umstände verketteten und am Ende gar nichts mehr ging, worauf ich ein bisschen lachen musste. Wir lösten das Problem trotzdem, keine Computer kamen zu Schaden. Plötzlich stand aber unser Chef neben uns. Er habe eine Mail bekommen, er solle uns sagen, wir seien zu laut.

Tja, und jetzt weiß ich auch irgendwie nicht. Wir sollen also ins Büro kommen, um uns da anzuschweigen. Bürokultur aufbauen ohne hörbare Kommunikation. Ich schrieb mit dem Lieblingskollegen Chat-Nachrichten über eine Distanz von 5 Metern statt, wie sonst, 70 km, auf einem Stuhl sitzend, der nicht so gut ist, wie der zu Hause, auf einer Tastatur tippend, die nicht so gut ist, wie die zu Hause. Machte identische Arbeit zu dem, was ich sonst zu Hause gemacht hätte. Einziger Unterschied: ich hatte keine Jogginghose an und habe 274 Kronen** ausgegeben, um ins Büro zu kommen. Plus 46 für die Salatbar, die immerhin langsam wieder voll bestückt ist nach Monaten des Covid-Sparangebots.

Ich frage mich da wirklich, was ich da soll. Mich anranzen lassen, dass ich dort bin? Spitzenmäßige Gemeinschaft! Zusammenarbeit ja, aber bitte nur in absoluter Stille oder hinter fest geschlossenen Türen. Und bloß nicht lachen, dann wird beim Chef gepetzt***.

Wahrscheinlich bin ich eigentlich nur beleidigt oder fühle mich ertappt oder so. Wir hätten wirklich nicht miteinander reden sollen. Hätten uns woanders hinsetzen sollen, wo wir niemanden stören (bisschen schlecht dass der Kollege seinen Arbeitsplatz noch Clean Desk-fertig machen muss). Oder nen Meetingraum suchen, jedes Mal, für „haben wir jetzt eigentlich gar kein Adobe Pro mehr?“ „Nee, glaub nicht, ist schon ne Weile weg.“ Aber die ganze Bockigkeit kommt mit geballter Kraft zurück, ich möchte mich nur noch beleidigt hinsetzen und sagen „So! Dann mache ich jetzt gar nichts mehr! Macht euren Gemeinschaftsscheiß doch alleine, ich bleib zu Hause!!!“

Mache ich natürlich nicht, aber vielleicht schreibe ich morgen zumindest an meinen Chef (an den gepetzt wurde), dass ich aufgrund dieses Erlebnisses bis die 3-Tage-Regelung offiziell in Kraft tritt nicht mehr ins Büro komme.

Und dann gebe ich dem ganzen zwei, drei Wochen, und wenn dann immer noch Gemecker kommt, obwohl zwischen uns und der superwichtigen Konzentrationsarbeit mehrere Etagen liegen werden, schreibe ich ne Mail an weiter oben.

(Irgendwas mit besserer Zusammenarbeit und Kommunikation im Großraumbüro.)

___

*witzig, ich erinnere mich, präpandemisch unterschrieben zu haben, dass mein Arbeitsplatz zu Hause, den ich natürlich nur gelegentlich nutze, ergonomisch eingerichtet ist. Da bisher auch nichts neues zum Unterschreiben gekommen ist, gilt das wohl noch. Genau genommen haben wir ja auch 2020 gar nicht mal wenig Geld investiert, um hier zu Hause vernünftige Arbeitsplätze zu haben. Wenn irgendwer knausrig war mit Ausrüstung, dann der werte Arbeitgeber, der z.B. maximal 1 „großen“ Bildschirm stellt. Also, nicht wirklich groß, wäre meiner so groß wie der von Herrn Rabe, würde ich überhaupt nicht meckern und ich komme ja zurecht, aber…!

**2 x Ruterticket alle Zonen, 1 x Parken am Bahnhof. Wenn man 1 oder 2 mal die Woche fährt, ist das die günstigere Variante. Danach lohnt sich das Monatsticket, weil man dann auch ein Pendlerparkticket kaufen kann. Aber mir wird schon ein bisschen schwindelig, wenn ich dran denke, dass wir zugunsten von Arbeitsklima und Gemeinschaft und weil Direktoren das so bestimmt haben demnächst wieder knapp 5000 Kronen im Monat fürs Pendeln hinblättern sollen. Für die wir dann nicht mal Pendlerpauschale kriegen, weil wir mit drei Tagen die Woche nicht oft genug pendeln, auch wenn es das Gleiche kostet, wie 5 mal die Woche zu fahren. Es ist alles so… Arrrgh!

***wo sind wir eigentlich, im Kindergarten?

3 Gedanken zu “Tag 2314 – Das Großraumbüro-Paradox.

  1. Ach je. So ein Quatsch fehlte mir ja gerade.
    Ich bin ja (da Serviceabteilung) regelmäßig im Büro (immer eine Woche, dann eine Woche Homeoffice) und hab ansonsten ein Zweierbüro. Jetzt soll hier „Shared Desk“ eingeführt werden – mit nur noch 80%, später nur noch 60% Arbeitsplätzen. Und wo baue ich die Sachen auf, die getestet werden sollen o.ä.? Es gibt sicher Bereiche, wo das problemlos geht, in meiner Abteilung sehe ich das so gar nicht (außer den oberen Chefs). Und da ab Ende März ja Corona offiziell beendet ist (hat das dem Virus eigentlich schon jemand mitgeteilt?), sollen wir dann auch wieder alle täglich antanzen. Wie schön.

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