Tag 2399 – 11,5%.

Gehaltserhöhung? Strompreissteigerung? Leitzins?

Mitnichten.

11,5% aller Einwohner*Innen unseres Kaffes hatten innerhalb der letzten zwei Wochen einen positiven Covid-Test.

Für die Deutschen runtergebrochen ist unsere 7-Tages-Inzidenz im Kaff bei

*Trommelwirbel*

6.000/100.000

*Badumm-Tssss*

Liebe Leute, das passiert, wenn man es einfach loslässt.

(Man muss der Fairness halber dazu sagen, dass noch kein massiver Anstieg der Krankenhausbelegungen zu sehen ist, der Anstieg ist eher seeeeehr moderat, wenn überhaupt erkennbar. Auch sind noch nicht massenweise Kinder im Krankenhaus. Aber was nicht ist, kann ja noch werden und die Pflegeheime, Krankenhäuser und überhaupt sämtliche Arbeitgeber ächzen bereits unter dem absurd hohen Krankenstand, der über die nächsten zwei bis drei Wochen wohl nur noch weiter steigen wird.)

May the odds usw. usf.

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Bei mir ist zyklusbedingte Neigung zu Nasenbluten (auch ohne irgendeinen Anlass) und Stäbchen-in-Nase-stecken (nachdem ich im Hals rumgeprökelt habe) übrigens eine spitzenmäßige Kombi, kann ich nur empfehlen, wenn eine gleich einen Tampon hinterherschieben will. Aber was tut eine nicht alles, um halbwegs guten Gewissens ins Büro fahren zu können, wo nun mal auch Risikogruppen anzutreffen sind.

Tag 2398 – Kopf frei.

Wir schleiften heute ein protestierendes Kind aus dem Haus um frische Luft zu bekommen. Das Kind protestierte auch auf dem Ausflug weiter und widersetzte sich absolut allem. Meine Lunte war dafür heute wirklich nicht lang genug, also ging ich einfach weiter und ließ Herrn Rabe den Kampf ausfechten.

Mir fällt grad auf, dass Herr Rabe vermutlich oft genug mit gleich zwei mehr oder weniger explosiven Grummelköppen zu tun hat. ich bin da vermutlich auch kein gutes Vorbild.

Oh.

Naja, jedenfalls hier ein paar frische Teams-Hintergründe, Thema Winter. (Vom Hurdalsjøen.)

Michel entschuldigte sich danach für sein Verhalten und ich hatte den Eindruck, den Kopf lüften war trotzdem auch für ihn gut. Vielleicht versteht er ja irgendwann den Reiz einer weißen, leeren Landschaft.

Tag 2397 – Nichts zu erzählen.

Ich schlief wie ein Stein in Michels Bett, allerdings merkte ich morgens dann doch, dass seine Matratze nach dem Faktor „das Kind wiegt quasi nichts“ gekauft ist. Vielleicht bin ich auch einfach total verwöhnt von unserer Matratze, die immerhin, als wir sie kauften (vor 8,5 Jahren), die beste Matratze war, die man beim Möbelschweden kaufen konnte. Man könnte auch die mal langsam ersetzen, aber, ach. Keine Motivation, eine auszusuchen, zu viel Angst, eine zu bestellen und dann ist die blöd…

50 Minuten später habe ich noch mal nach der Matratze geschaut die ich gerne hätte und es gibt sie immer noch nicht in Norwegen und sie wird auch nicht hier hin geliefert. Besucherritze kommt eigentlich nicht in Frage, im Moment ist auch eigentlich kein Geld für „mal eben“ da und unsere geht ja noch.

Sehen Sie, so ist das bei mir. (Bitte keine Matratzentipps, es sei denn, Sie leben ebenfalls in Norwegen und haben hier kürzlich eine erworben.)

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Heute war Pippis Freundin hier und das war zwar lustig und Pippi war beschäftigt, aber ich hab ein bisschen unterschätzt, wie anstrengend das ist, mit zwei Sechsjährigen den Wocheneinkauf zu erledigen. Sonst mache ich das ja gerne, da kann ich allein sein und Podcast hören. So war das das Gegenteil von erholsam. Nächstes Mal wieder allein, auch wenn zwei Mädels mit Hundeblick vor mir stehen.

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Hier ist gleichzeitig Pandemie vorbei und „alle“ haben’s jetzt. Sehr seltsam. In Norwegen wollen auch wirklich kluge Leute „einfach fertig werden damit“ und hoffen, sich anzustecken bzw. legen es regelrecht drauf an. Alle bekloppt geworden, aber man kann es ihnen auch nicht so richtig verdenken, nach fast 2 Jahren Pandemie ist bei allen die Luft komplett raus. May the odds be ever in our favor.

Tag 2396 – Im falschen Bett.

Als Herr Rabe und ich ins Bett gehen wollten, kam mir Michel entgegen. Jetzt liegt er mit seinem Kissen im großen Bett und ich liege mit meinem Kissen in seinem. So hoffen wir alle, dass wir genug Schlaf kriegen.

An Michels Gewichtsdecke könnte ich mich aber tatsächlich gewöhnen.

Tag 2395 – 2,8/4.

Ich ackere mich durch meine großen Aufgaben und nebenher mache ich noch die ganzen kleinen und zünde nichts an, ich wäre jetzt bereit für die „Mitarbeiterin des Monats“-Plakette am Band. (Haha, als würden wir sowas vergeben. Norwegische Behörden doch nicht, hier gibts Lob nur für alle oder keine.)

Der Preis dafür ist ein bisschen hoch, das muss ich ganz ehrlich zugeben.

Pippi liest alle ihre Lesehausaufgaben ihrer Lehrerin per Sprachnachricht vor und findet das großartig. Ich finde großartig, dass ihr das so viel Spaß macht. Sie übt fleißig und langsam fruchten die Strategien, die ich versucht habe, ihr nahezubringen, wie zum Beispiel lange Wörter erst mal in kürzere Happen zu unterteilen. Ich finde die Kombination aus Papierbüchern und iPad-Teams-Sprachnachricht schon allein aus dem Grund super, dass man es damit keinem hundertprozentig recht macht, aber auch keinem hundertprozentig auf die Füße tritt.

Ebenfalls Pippi kam heute mit einem riesigen Horn an der Stirn nach Hause – beim Sport-Hort an einem Schrank den Kopf gestoßen – und fiel zu Hause dann auch noch vom Stuhl. Arme Maus, überall verbeult und zerschrammt. (Trotzdem niedlich.)

Auch Pippi fragte mich heute morgen, ob ich dann jetzt nicht mehr mit Oma und Opa reden könne. Sie war dann sehr beruhigt, als ich sagte, ich könne schon noch deutsch sprechen. Michel war am meisten damit beschäftigt, zu betonen, dass ich jetzt WÄHLEN kann. Könnte ich – nur war Stortingswahl ja grad erst. Aber wer weiß, vielleicht gibt es ja bald neue Wahlen, weil der Staatsminister seinen Buddy zum Zentralbankchef ernannt hat oder in der Bar keinen Abstand gehalten hat. Alternativ gäbs da noch den Finanzminister, der hat großes Potential, was richtig dämliches im Fernsehen rauszuhauen und damit die ganze Regierung reinzureiten. Wir werden sehen, reguläre Wahlen zum Storting wären erst 2025 wieder. Kommunalwahlen sind nächstes Jahr, aber da wählen durfte ich ja auch vorher schon.

Tag 2394 – Hurra!

Was sagt es über mich aus, dass ich weiß, dass ein vedtak (Beschluss) nicht varslet (angekündigt) werden muss, wenn er auf ein søknad (Antrag) hin erfolgt? Dass ich norwegisches Verwaltungsrecht zumindest ein bisschen kann. Berufsschaden. Jedenfalls bekam ich heute ein uvarslet vedtak in meiner Digipost, norwegischer geht es halt auch einfach nicht.

Wie ich mal meine Aufenthaltserlaubnis verlor, weil ich sie nicht mehr brauchte.

Ich bin also seit heute, dem 2.2.22, Norwegerin. Zack! Jetzt muss ich noch rausfinden, wo das Passkontor ist und dann kann ich bald einen norwegischen Pass haben.

Einer meiner ersten Wege daraufhin führte mich zur norwegischen Institution Nummer 1: „Polet“. Da sind ja immer nette Leute, die sich an einem Mittwoch Nachmittag sehr langweilen und eine deshalb sehr gerne beraten, und so kaufte ich eine kleine Flasche Cremant. Die teilten Herr Rabe und ich uns heute Abend.

Nur echt mit Fähnchen.

Davor musste ich mir das aber noch auf eine zweite Art verdienen, und ich kann jetzt vermelden, dass sämtliche IT-Projekt-Defects ins System eingetöckelt sind, 25 Stück insgesamt. Weil ich am Ende ein wenig müde, ziemlich aufgeräumt und deshalb etwas albern war, nannte ich den letzten Defect sinngemäß „Lead Inspector – Es kann nur einen geben!“. Nachdem ich noch eine lange Mail mit allen unseren Fragen und Anmerkungen, die keine Defects sind, geschrieben hatte, schmiss ich feierlich meine 3 Seiten Stichpunkte-To-Do dazu weg.

Die Befriedigung, die Seiten aus dem Block reißen zu können, ersetzt kein „Löschen“-Knopf.

Was für ein Tag!

Tag 2393 – Rosa.

14 Jahre bin ich drum rum gekommen, mir rosa Ballettschläppchen zu kaufen. Ich hatte immer schwarze, einfach, weil ich rosa hässlich finde. Zumindest dieses Ballett-Schweinchen-Pseudohautfarben-Rosa. Ich bin ja schon sehr Hauttyp Ferkel, und trotzdem ist das nicht mal in der Nähe meiner Hautfarbe.

Jetzt lösten sich aber meine schwarzen Schläppchen leider auf. Frechheit, die hatte ich noch nicht mal 10 Jahre! Es passierte auch nicht das Übliche, nämlich ein durchgeschubberter großer Zeh, sondern die Naht, mit der die Ledersohle am Segeltuch befestigt ist, ging auf. Ich habe noch versucht, es selbst zu fixen, bin aber kläglich gescheitert. Also mussten neue her und ich wollte gerne mal welche mit Stretch ausprobieren. Tja. Die gibt es in Norwegen nur in rosa und weiß. Weiß! Pfft.

Leider, wirklich leider, sind die so gut, dass ich mit der Farbe einfach leben muss. Sie fühlen sich an, als hätte man nur eine Socke an, bei der sich aber auf magische Weise die Lederpatches an der Sohle exakt an Ort und Stelle halten. An der Ferse ist es ein bisschen gepolstert, am Ballen etwas weniger. Es verrutscht absolut gar nichts, ich war erst etwas skeptisch, weil die Ferse nicht sehr hochgezogen ist, dass sie mir hinten vom Fuß rutschen könnten, aber nein. Nix. Keinen Millimeter.

Wegen ungewohntem Fußgefühl hab ich die erste Pirouette mit normalem Schwung angefangen und schaffte es dann nicht, zu bremsen, bevor ich versehentlich 1,5 Drehungen hingelegt hatte.

Approved, würde ich sagen.

(Wenn Sie es unbedingt wissen wollen, googeln Sie nach Hanami mit passenden Suchwörtern dazu. Nicht dass ich hier noch in Teufels Küche komme wegen Markennennung.)